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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Abenddämmerung



9. Kapitel

Die Schergen der Dunkelheit


Sie hörten die Orks lange, bevor sie sie sahen. Zuerst war es nur ein kaum hörbares, dumpfes Pochen, das ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkte, dann entwickelte es sich langsam aber sicher zu schnellen, schweren Schritten, die genau auf die kleine Gruppe zuhielten. Aduial, Sinda und Laurelim trieben ihre Pferde schneller an. Keiner von ihnen hatte Lust, mit dem Feind konfrontiert zu werden. Nach einer Weile brach Laurelim das Schweigen: „Auf diese Weise schaffen wir es nicht. Sie werden uns so lange vor sich her treiben, bis unsere Pferde vor Erschöpfung unter uns zusammenbrechen.“
Sie wurden langsamer, bis sie schließlich fast anhielten. Inzwischen hatten sie wieder ein ganzes Stück Weg zwischen sich und die Orks gebracht, doch noch immer war das murmelnde Stampfen ihrer Schritte zur hören. „Wir könnten uns verstecken und warten, bis sie vorüber sind,“ schlug Sinda vor.
„Nein.“ Aduial schüttelte den Kopf. „Wir sind zwar schnell geritten, haben aber keine Rücksicht auf Spuren genommen. Unsere Hufabdrücke sind deutlich zu erkennen.“ Schaudernd erinnerte er sich an seine Begegnung mit den Orks in den Bergen. Sofort spürte er ein Ziehen in der Schulter.
„Davon werden sie sich nicht täuschen lassen,“ pflichtete Laurelim ihm bei. Er seufzte. Alle hatten gehofft, dass die Zeit nach der Vernichtung des Ringes besser werden würde, doch momentan sah es sehr düster für die drei Gefährten aus. „Los, wir reiten weiter. Mehr können wir augenblicklich nicht tun.“
Sie trieben ihre Pferde zu einem noch schnelleren Galopp an. Der Wind pfiff ihnen scharf um die Ohren, bauschte ihr Haar und ihre Umhänge auf und ließ die Umgebung verschwimmen. Grau dämmerte der Morgen herauf. Wie drei dunkle Schatten bewegten sie sich durch die Landschaft.
Leider traf das, was Laurelim vorhergesagt hatte, viel zu schnell ein. Als erste viel Alfiriel ein wenig zurück. Gwairon und Talagos jagten beharrlich weiter, doch Aduial konnte fast spüren, dass der Hengst am Ende seiner Kräfte war. Sie waren lange geritten und hatten keine Pause gemacht. Obwohl Gwairon zäh war, überstieg auch das seine noch verbleibenden Kraftreserven. Talagos’ Fell glänzte vor Schweiß, seine Augen blickte ein wenig trüb. Immer öfter geriet er aus dem Tritt und wäre ein paar Mal um ein Haar gestolpert. Schließlich verlangsamten sie das Tempo, ohne anzuhalten. Alfiriel blieb trotzdem nach wenigen Metern stehen. Die Stute sah erschöpft aus. Ihr Fell war stumpf, ihre Flanke zitterten und von ihren Nüstern tropfte Schaum. Ihr Atem flog geradezu. Nein, so würden sie nicht weiterkommen. „Wir müssen eine Möglichkeit finden, die Orks auszutricksen. Sie haben uns sicherlich schon bemerkt. Außerdem können wir auf diesen Pferden nicht fliehen,“ stellte Laurelim fest.
Ehe sie sich zu etwas durchringen konnten, fühlte Aduial plötzlich einen Stich im Herzen. Schmerzhaft krümmte er sich zusammen. Seine Hand krampfte sich an seiner Kehle zusammen. Ihm war, als würde er keine Luft mehr bekommen. Die Umgebung drehte sich vor seinen Augen. „Aduial! Was ist los? Aduial!”
Sinda hatte ihn an den Schultern gepackt und geschüttelt. Aduial atmete schwer. Er hatte das Gefühl, sein Herz würde zerspringen. Doch mit einem Mal war der Anfall vorbei, ebenso schnell, wie er gekommen war. „Schon gut... es geht schon...“
Er drückte Sinda leicht von sich weg. Dann richtete er sich auf und atmete ein paar Mal tief durch. Gleichzeitig wanderte sein Blick gen Himmel, als ob er von etwas dort oben angezogen werden würde. Und da sah er ihn, den Schatten! Er war nur eine Wenigkeit dunkler als die Wolken und wäre kaum zu bemerken gewesen, wäre da nicht diese unheimliche Aura, die alles zu vernichten schien. Er hatte keine direkte Gestalt; trotzdem meine Aduial, Flügel und etwas, das wie ein flatternder Umhang aussah, zu erkennen. Doch ehe er ihn wirklich erfassen konnte, war er auch schon wieder verschwunden.
Aduials Blick suchte wie gebannt den Himmel ab, doch nun war nichts mehr zu erkennen. So schnell, wie der Schatten aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden. Er schüttelte noch ein paar Mal den Kopf, um das merkwürdige taube Gefühl zu vertreiben. Er registrierte, dass Sinda und Laurelim ihn immer noch besorgt ansahen. „Es geht mir gut. Wirklich,“ beteuerte er noch einmal.
Mittlerweile waren die Orks wieder näher gekommen. Undeutlich zeichneten sich die ersten Silhouetten am Horizont ab. Laurelim seufzte: „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben – wir müssen unseren bisherigen Kurs aufgeben und wo anders entlangreiten, wenn wir uns dem Trupp nicht stellen.“
„Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben,“ bemerkte Aduial düster.
„Wo sollen wir deiner Meinung nach hin?“
Laurelim sah ihn an und zuckte ein wenig verlegen mit den Schultern: „Diese Gegend ist mir leider weitgehend unbekannt. Richtung Westen liegen die Grauen Anfurten, und wir müssen nach Osten. Trotzdem schlage ich vor, dass wir uns erst einmal Westlich halten. Wenn die Orks vorüber sind, können wir die alte Richtung wieder aufnehmen. Ich kann euch aber nicht sagen, was uns erwarten wird.“
„Trotzdem. Wir müssen es riskieren.“
Langsam ritten sie los, nun nach Westen. Die drei Reittiere hatten sich in den wenigen Minuten, in denen sie beratschlagt hatten, ein wenig erholt und wirkten nun nicht mehr ganz so erschöpft. Laurelim ritt voraus. Alfiriel schritt nun wieder sicherer und gleichmäßiger aus. Auch Gwairon war nun wieder ruhiger. Dennoch würden sie bald eine längere Pause einlegen müssen, um sich und den Pferden die nötige Ruhe zu gönnen. Aduial hatte sich mittlerweilen an das lange, ausdauernde Reiten gewöhnt, aber trotz allem spürte er, wie seine Glieder langsam zu schmerzen begannen. Auch Laurelim saß lange nicht mehr so aufrecht und stolz im Sattel wie am Anfang. Sinda fielen von Zeit zu Zeit die Augen zu. Sie alle waren bis an den Rand ihrer Kräfte gegangen. Nun mussten sie noch einmal alles zusammennehmen, was sie an Willen besaßen.
Sie ritten eine Weile schweigend. Langsam verblassten der Mond und die Sterne, der Himmel färbte sich zusehends heller. Die ersten Anzeichen der Morgendämmerung zeigten sich. Nebel stieg aus dem Boden auf und überwaberte den Boden mit einer grauen Decke, durch die man keine zwei Schritte sehen konnte. Zuerst glaubte Aduial, die Müdigkeit und Erschöpfung würden ihm einen Streich spielen, doch nach und nach spürte er, dass es keine Täuschung war. Er hatte die letzten Minuten auf Gwairons Rücken vor sich hingedämmert, nun erwachte er vollends und blickte sich um. Etwas war seltsam. Es dauerte eine Weile bis er draufkam: Gwairon lief nicht mehr über das harte Gras der Wiesen und Felder. Sein Tritt war weicher, tastender geworden. Der Boden schien nicht mehr aus hartem Erdreich zu bestehen, sondern war irgendwie weicher und schwammiger. Mittlerweilen war die Nacht fast vollends gewichen, doch der Tag wollte nicht recht durchbrechen. Die Sonne stand noch nicht sehr hoch und verbreitete nur fahles, kaum helles Licht. Graue Schliere zogen über den Himmel wie Fetzen von altem Tuch. Alles erschien unwirklich, geisterhaft. Aduial zog leicht an Gwairons Zügeln, worauf der Hengst stehen blieb. Laurelim und Sinda ritten noch ein Stück weiter, ehe sie bemerkten, dass Aduial ihnen nicht mehr folgte.
„Was ist denn los?“ fragte Laurelim leise. In seiner Stimme schwang Unmut mit.
„Etwas hier ist... merkwürdig,“ antwortete Aduial, während er gebannt in die Dunkelheit starrte. Er zögerte noch kurz, dann gab er sich einen Ruck und stieg von Gwairons Rücken. Sofort spürte er, wie die Erde unter seinen Füßen ein wenig nachgab. Aduial bückte sich und berührte mit den Fingerspitzen den Boden. Kalter, klebriger, grünlich schimmernder Schleim blieb an seinen Fingerspitzen kleben. Jetzt erst nahm er den stechenden Torfgeruch und den leichten Schwefelgeruch war, der sie umgab. „Das hier ist ein Sumpf..,“ murmelte er.
Laurelim stieg ebenfalls ab. „Ja, du hast recht,“ sagte er düster. Er blickte sich um, versuchte, im Nebel etwas zu erkennen, aber die, graue, wattige Masse nahm ihm komplett die Sicht. „Zurück können wir nicht, dazu ist es zu dunkel und zu nebelig. Weiter können wir aber auch nicht, weil sonst die Gefahr besteht, in Treibsand oder schlimmeres zu geraten. Also müssen wir eine zwangsläufige Rast einlegen.“
Sie sattelten die Pferde ab und banden sie vorsorglich an ein paar niedrige, verkrüppelte Bäume an, damit sie nicht wegliefen und dem Sumpf zum Opfer fielen. Im Endeffekt wäre dies jedoch nicht nötig gewesen, da Gwairon, Alfiriel und Talagos zu erschöpft waren, um noch einen Schritt zu machen. Die drei Elben saßen dicht gedrängt ein paar Schritte weiter auf einer einigermaßen sicheren Grasnarbe. Sie hatten sich in die schweren Pferdedecken eingewickelt, aber nicht einmal diese konnten die klamme, feuchte Kälte abhalten. Es war, als wäre diese Kälte direkt unter ihre Kleidung gekrochen und hatte sich auf der Haut festgesetzt. Zuerst hatten sie erwogen, ein Feuer zu entzünden, den Gedanken aber im gleichen Atemzug wieder verworfen. Es wäre nicht möglich, da das umliegende Holz von Wasser und Feuchtigkeit so voll gesogen und aufgequollen war, dass man es unmöglich zum Brennen brachte. Außerdem war es wegen der Schwefel- und Methangase sowieso zu gefährlich. Also mussten sie so auskommen. Aduial versuchte, die Minuten zu zählen, gab es aber nach wenigen Sekunden auf. Nach kurzer Zeit hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Der Nebel verdeckte den Himmel, so dass sie sich auch nicht an den Sternen orientieren konnten. So saßen sie hier, mitten im Nirgendwo, ohne zu wissen, wo sie hinsollten.
Aduial blinzelte immer öfter. Die Müdigkeit lag wie Blei auf seinen Gliedern. Doch etwas hielt ihn wach. Es war ein Gefühl, eine Vorahnung, die ihm sagte, dass er nicht einschlafen durfte. So hielt er sich tapfer wach. Sindas Kopf sank gegen seine Schulter und ruhte dort. Doch auch die Elbe fand keinen Schlaf. Sie hatte die Augen geschlossen, aber ihre Augäpfel bewegten sich dahinter unruhig in den Höhlen. Laurelim hielt den Kopf gesenkt und starrte schweigend den schwammigen Boden an. Sein Blick war trüb und düster. Er versuchte, an eine Lösung und einen Weg zu finden, hier wieder heraus zu kommen, aber es war wie verhext. Die Umgebung lähmte seine Gedanken. Er versuchte, an etwas bestimmtes zu denken, doch es gelang ihm nicht. Die Luft wurde mit jedem Atemzug schwerer und erstickender. Sie hatte einen unangenehmen, süßlichen Beigeschmack. Ein stählerner Ring schien sich um seine Brust zu legen und langsam zusammen zu ziehen. Aduial blickte auf, als er Laurelims Keuchen vernahm. „Alles in Ordnung?“ flüsterte er leise.
Seine Worte schienen in dem wattigen Nebel aufgesaugt zu werden. Er hörte sie kaum. Doch Laurelim musste sie vernommen haben, denn er nickte leicht. „Ja. Es ist nur... diese Umgebung behagt mir nicht...“
Über Laurelims Blick senkte sich langsam eine dämmrige, verlockende Finsternis. Der erlösende Schlaf schien so nah, doch er durfte nicht nachgeben. Er zwang sich, ruhig zu atmen und sich nicht auf diesen Ort zu konzentrieren. Tatsächlich klappte es. Er fühlte, wie er wieder leichter Luft bekam.
Aduial glaubte schon an eine Täuschung, als in den Augenwinkeln etwas bemerkte. Ein flüchtiges Flackern durchbrach die schwarz-grüne Umgebung, kaum bemerkbar, und doch da. Kerzengerade setzte er sich auf und wandte den Kopf. Sinda öffnete die Augen und blickte ihn müde an, sagte jedoch nichts. Er richtete seinen Blick nach links und starrte angestrengt in die Dunkelheit hinein. Fast befürchtete er, den schwarzen Schatten des Bösen wieder zu erblicken. Doch dann flackerte es erneut und diesmal sah Aduial, dass er sich nicht irrte. Eine weißlich-gelbe Flammenzunge huschte durch die Nacht. Mal kam sie näher, mal zog sie sich wieder zurück, mal loderte sie kurz hell auf, um dann fast zu verlöschen. Fasziniert blickte er auf dieses Spiel. Stetig näherte sie sich den drei Gefährten, umschwirrte sie in einem stets enger werdenden Kreis. Aduial schaffte es kaum noch, seinen Blick von dem Funken zu nehmen, so zog ihn dieses Schauspiel in den Bann. Erst Laurelims Stimme brachte ihn wieder halbwegs zurück in die Wirklichkeit. „Das sind Irrlichter.“ Der blonde Elb saß ebenfalls gerade da und starrte gebannt zu dem kleinen Wesen hinüber. „Sie locken Reisende an, die sich in die Sümpfe verirrt haben und führen sie tief hinein in den Schlamm, so tief, dass es kein Entrinnen mehr gibt.“
Aduial spürte, wie Sinda sich bewegte. Sie hatte die Augen aufgerissen und war ebenso gefangen wie er und Laurelim. Doch statt sitzen zu bleiben stand sie mit kleinen, ruckartigen Bewegungen auf und machte die ersten, zaghaften Schritte auf das Irrlicht zu. „Sinda, bleib da!“ zischte Laurelim. Aduial sprang auf und packte die Elbe an den Schultern. Mit einem sanften Ruck hielt er sie zurück. Sinda sträubte sich kurz, dann blieb sie benommen hocken. Das Irrlicht flackerte noch einmal kurz auf, dann verschwand es. „Puh, das war knapp.“ Laurelim sank wieder in sich zusammen.
Ein gutes hatte das Irrlicht doch: Es hatte sie von ihrer Müdigkeit abgelenkt. Diese kam nun jedoch mit voller Wucht zurück. Und diesmal war sie stärker als vorher. Aduial konnte die Augen nur noch einen Spalt breit offen halten. Er hielt noch immer Sinda in seinen Armen. Die Elbe stieß einen leisen Seufzer aus, dann sank ihr Kopf auf die Brust und sie war eingeschlafen. „Sinda.“ Aduial rüttelte sie leicht, um sie wieder wach zu kriegen, doch es half nichts. Verzweifelt schüttelte er sie stärker, aber Sinda rührte sich nicht mehr. Hilfesuchend blickte er zu Laurelim hinüber. Dieser streckte die Hand nach Sinda aus, aber auf halbem Weg kippte er plötzlich vornüber und blieb ebenso reglos liegen. „Laurelim! Sinda!“ Aduial blickte erschrocken auf seine Kameraden. Dann wanderte sein Blick weiter zu den Pferden. Mit Schrecken musste er feststellen, dass auch sie von dem merkwürdigen Zauber dieses Ortes nicht verschont geblieben waren. Talagos war in die Knie gebrochen und lag auf der Seite. Gleichmäßige Atemzüge hoben uns senkten seine breite Brust. Auch Gwairon und Alfiriel standen mit gesenkten Köpfen, geschlossenen Augen und eng angelegten Ohren da und schliefen. Der graue Schleier vor Aduials Augen wurde immer dichter. Er glaubte noch, in der Ferne eine leise, helle Stimme zu hören, die zu ihm flüsterte, bis die wohlige Dunkelheit auch über ihn kam und ihn auf einer Woge von Schwarz davon trug.

(Ramona)