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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Abenddämmerung



3. Kapitel

Kampf gegen die Orks


„Hörst du das?“ Mit einem sachten Ruck an den Zügeln brachte Aduial Gwairon zum Stehen. Der Hengst hatte ebenfalls die Ohren gespitzt. Nervös tänzelte er ein paar Schritte rückwärts, dann stieß er ein leises, warnendes Wiehern aus. Im selben Moment blickte Aduial zufällig nach unten und entdeckte etwas: Die Klinge des Dolches, den ihm seine Mutter am Sterbebett überreicht hatte, leuchtete bläulich. Das konnte nur eines bedeuten. „Yrch!“, zischte er, unfreiwillig in seine Heimatsprache verfallend.
Mit festem Schenkeldruck zwang er Gwairon jedoch, die eingeschlagene Richtung beizubehalten. Das ansonsten so treue und willige Tier sträubte und bockte, musste letztendlich jedoch nachgeben und trabte langsam und widerstrebend in die gewünschte Richtung. Aduial hatte die Augen geschlossen und verließ sich lieber auf seine Ohren. Bald schon konnte er aus dem sachten Rauschen des Windes und dem leisen Flüstern des Grases ein weiteres Geräusch ausmachen: Schwere Schrittes auf dem steinigen Grund. Nein, das waren weder Elben noch Menschen. Jetzt war sich Aduial ganz sicher. Er bedeutete seinem Pferd mit einem leichten Zug an den Zügeln stehen zu bleiben. Er blickte nach links und rechts. Links neben ihm erhob sich eine steile Felswand. Rechts fiel das Gelände zuerst sanft, dann immer steiler ab. Er konnte nur vorwärts oder rückwärts. „Wir gehen zurück“, flüsterte er schließlich. Als ob der Hengst ihn verstanden hätte kehrte er um und trabte den Weg zurück, immer darauf bedacht, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Aduial drehte sich immer öfter im Sattel um und lauschte angestrengt. Irgendetwas störte ihn, doch er kam nicht drauf. Als sie etwa ein Drittel der Wegstrecke zurückgelegt hatten, fiel es ihm plötzlich auf: Die Schritte wurden immer lauter und schneller. Die Orks näherten sich rascher, als er anfänglich gedacht hatte. Schon bald konnte er ihr lautes Schnauben und Keuchen hören, in das sich immer wieder ein tiefes Knurren und Fauchen mischte. Schon überlegte er, ob er Gwairon die Sporen geben sollte, doch ein Blick nach unten hielt den Elb davon ab. Der Weg war zu schmal und zu steinig, der Hengst konnte hier unmöglich galoppieren. „Verdammt. Was machen wir jetzt?“ flüsterte er. Angespannt starrte er in die Dämmerung. Das Tageslicht schwand bereits wieder. Kurz nach Sonnenaufgang war er losgeritten, weiter nach Norden. Dabei hatte sich die Durchquerung der Schlucht, in der sie sich nun befanden, nicht vermeiden lassen. Und es schien, als würde ihnen diese Schlucht nun zum Verhängnis werden...
„Ho, Gwairon...“ Aduials scharfe Elbenaugen hatten etwas gesehen. Vor ihnen in der Felswand war eine dunkle Stelle im Stein. Ein Felsspalt, der groß genug schien, einen Reiter und sein Pferd aufzunehmen. „Ganz ruhig, mein Junge.“
Schnell stieg er ab und führte den Hengst auf den Felsspalt zu. Beim Näherkommen bemerkte er, das der Spalt einige Meter weit in die Wand hineinführte und dort zu einer kleinen Höhle wurde.
Im Inneren herrschte stockdunkle Finsternis. Die letzten Sonnenstrahlen waren gerade dabei hinter dem weiten Horizont zu verschwinden. Er führte Gwairon in den hintersten Winkel der Höhle und band die Zügel locker um eine hervorstehende Felsnadel. Dann kauerte er sich selbst hinter einen Felsvorsprung. Obwohl die Orks noch ein ganzes Stück entfernt waren atmete Aduial so flach wie möglich um nicht gehört zu werden. Das Blut rauschte in seinen Ohren und sein Herzschlag schien doppelt so laut zu sein wie normal. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Was ist, wenn die Orks nicht vorbeiziehen, sondern den Felsspalt entdecken und nachsehen? Über diese Vorstellung erschrak er so sehr, dass er die Luft anhielt. Vielleicht würde er unentdeckt bleiben, aber Gwairon war, sobald man die Höhle betreten hatte, unübersehbar. Trotz ihrer Hässlichkeit, ihrer Hinterlistigkeit und ihrer Blutrünstigkeit konnte man nicht sagen, dass Orks dumm sind. Sie würden Lunte riechen, garantiert. Aduial hoffte inständig, das sie weiterziehen würden. Doch leider wurde er enttäuscht.
„Seht mal, hier!“, ertönte eine knarrende tiefe Stimme.
Kurz darauf steckte einer der Orks seinen hässlichen Schädel in das Innere der Höhle. Seine riesigen Glubschaugen drehten sich in den Höhlen andauernd hin und her, seine Blicke irrten durch die Spalte. Dann zog er den Kopf zurück. Aduial, der sich noch mehr zusammengekauert hatte, wollte schon aufatmen, als ein schabendes Schleifgeräusch ihm verriet dass der Ork dabei war, hereinzukommen. Nun konnte es sich nur noch um Sekunden handeln. „Seht mal, was wir hier haben...“, sagte eine zweite, schrille Stimme.
Aduial hörte Gwairons ängstliches Schnauben, dann wieherte der Hengst voller Panik. Er warf den Kopf hoch und ruckte an den Zügeln, doch statt sie abzustreifen zog er sie nur noch fester. Verzweifelt zog der Hengst immer stärker, in dem Wunsch, sich loszureißen. „Hier ist jemand. Ich rieche es. Es ist ein widerlicher Geruch.“
Der erste Ork schnüffelte wie ein Hund, der eine Witterung aufgenommen hatte. Dann befahl er: „Holt mir eine Fackel, und dann treiben wir die Ratte aus ihrem Loch.“
Aduial schloss kurz die Augen. Er konzentrierte sich. Sein Bogen und der Köcher mit den Pfeilen hingen sorgfältig verstaut am Sattel. Doch diese Waffen würden ihm sowieso nichts nützen, da die Feinde zu nah waren. Ihm blieb nur noch der Dolch. Denn warten bis sie ihn gefunden hatte wollte er nicht. Nein, er setzte auf den Überraschungseffekt. Er wartete noch kurz, bis die Schritte sich ein wenig entfernt hatten, dann sprang er mit einer fließenden Bewegung auf. Gleichzeitig zog er den Dolch und ließ die Hand mit der Klinge nach vorne schnellen. Der erste Ork starb lautlos; Aduial hatte seine Kehle getroffen und das silberne Metall hatte sich bis zum Heft hineingebohrt. Ein überraschter Ausdruck malte sich noch auf dem Gesicht der Kreatur ab, dann sackte sie zu Boden. Auch den zweiten schaffte er schnell zu überwältigen. Nun stand er neben dem Eingang. Die Klinge leuchtete in der Dunkelheit. Gerade kam der dritte mit der Fackel zurück. Er warf einen Blick in die Höhle, sah seine beiden Kameraden, die tot auf dem Boden lagen und wurde sogleich von Aduials Dolch getroffen. Doch ehe er starb kam noch ein lauter Ruf über seine Lippen: „Ein Elb!“
Dies hatte ausgereicht, um die anderen Orks zu warnen. Fünf von ihnen stürmten in den Felsspalt. Mit hocherhobenen Schwertern und lautem Gebrüll stürzten sie sich auf den Dunkelelb. Aduial sprang zurück, wehrte mit einer weit ausholenden Bewegung einen Schwertstreich von rechts ab und ließ gleichzeitig seine linke Hand vorschnellen. Er traf einen Ork mitten im Gesicht. Die Wucht des Schlages ließ diesen ein wenig zurückweichen. Für einen kurzen Augenblick war er irritiert. Das kostete auch ihm das Leben.
Aduial ließ sich fallen und tauchte unter einem Schwertstreich hinweg. Als er den Boden berührte griff er blindlings zu. Tatsächlich erwischte er das kurze Breitschwert, das einer der toten Orks noch krampfhaft umklammert hielt. Mit einer schnellen Drehung kam er auf die Füße. Kaum stand er, sah er erneut ein Schwert auf sich zurasen. Er blockte ab und enthauptete den Ork mit einem schwingenden Schlag. Der dritte rannte auf ihn zu und lief direkt in die Klinge des Dolches hinein. Auch dem vierten wurde der Dolch zum Verhängnis. Nun war noch einer da. Er hatte sich bisher im Hintergrund gehalten und seinen Gegner studiert. Nun ließ er sich nicht mehr so leicht täuschen. Für den Bruchteil eines Herzschlages fixierten sie sich, dann griff der Ork an. Aduial wurde zurückgedrängt, auf den Ausgang zu. Zwar konnte er die Schläge entweder parieren oder abwehren, aber er konnte nicht angreifen. Langsam aber sicher spürte er, wie ihn seine Kräfte verließen. Er war im Kampftraining lang nicht so gut wie sein Bruder, und das machte sich nun bemerkbar. Außerdem drängte ihn der Ork immer mehr zurück. Nach drei Schritten spürte er die felsige Kante unter seinen Füßen. Wenn er noch einen Schritt weiter geht, würde er abstürzen. Dies schien auch der Ork zu merken, denn auf seinem entstellten Gesicht machte sich ein verzerrtes Grinsen breit. Mit einem siegessicheren Gebrüll riss er das Schwert hoch. Auch Aduial zog sein Schwert hoch, um den Streich erneut abzufangen, doch darauf hatte der Ork nur gewartet. Schnell stieß er die Waffe nach vorne. Aduial wollte es ihm gleich tun, reagierte aber zu langsam. Im nächsten Moment jagte ein stechender Schmerz durch seine rechte Schulter abwärts in seinen Arm hinein. Plötzlich fühlte er seine Finger nicht mehr, das Schwert entglitt seiner zitternden Hand und fiel klirrend zu Boden. Der Ork und die Felswand dahinter verschwammen vor seinen Augen. Mühsam kämpfte er mit dem Bewusstsein. Mit der linken hielt er noch immer den Dolch umklammert, mit dem er jetzt zustieß, doch seine Bewegung war nur halbherzig. Es kam ihm vor, als würde sich die Waffe in Zeitlupe auf den Ork zu bewegen. Dieser wehrte ihn ab, in dem er einfach Aduials Hand wegstieß. „Lebe wohl... Elb!“
Mit diesen Worten zog er sein Schwert zurück und verpasste Aduial einen Stoß. Der Dunkelelb konnte sich nicht mehr halten und fiel. Besser gesagt er schlitterte den Hang hinunter. Auf halbem Weg schaffte er es, sich in einigen Rissen im Boden festzukrallen. Dies fing seinen Sturz auf. Mühevoll und unter Schmerzen schaffte er es, den Kopf zu heben und nach oben zu blicken. Deutlich drang das schrille Gelächter zu ihm. Doch mit einem Mal brach es abrupt ab. Der Ork schien selbst zu taumeln, dann verlor auch er das Gleichgewicht und stürzte hinunter. „Ahhhhhhh!“
Er hatte kein so großes Glück wie Aduial. Einen Augenblick später war er in der Tiefe verschwunden. Ehe sich der Elb darüber wundern konnte hörte er schon ein vertrautes Wiehern und Gwairons Kopf tauchte über dem Rand auf. Die zerrissenen Zügelenden baumelten an seinem Hals herunter. Mit letzter Kraft zog sich Aduial nach oben, bis er den Rand erreicht hatte. Dann verließen ihn entgültig die Sinne und es wurde schwarz vor seinen Augen...


Aduial hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als er erwachte. Sein Schädel dröhnte und hämmerte und die Wunde brannte wie flüssiges Feuer. Sein rechter Arm und seine rechte Seite fühlten sich noch immer ganz taub an. Außerdem fror er erbärmlich. Vorsichtig richtete er sich auf und blickte sich kurz um. Er lag noch immer vor der Felsspalte. In der Nähe entdeckte er Gwairon, der ihn aufmerksam beobachtete. Mit einem ächzenden Laut richtete er sich gänzlich auf und versuchte, aufzustehen. Nach einigen missglückten Versuchen gelang es ihm endlich. Gebückt stand er da und stütze sich mit der linken Hand am Felsen ab. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er fühlte sich schwach und müde. Trotzdem stieß er einen leisen Pfiff aus und wenige Augenblicke später stand Gwairon da. Der Hengst schien seinen Herrn mit einem besorgten Blick anzuschauen. „Es hilft nichts, mein Junge, wir müssen weiter.“
Mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihm, sich in den Sattel zu schwingen. „Und los. Wir sollten schauen, dass wir die versäumte Zeit wieder aufholen.“
Diesmal lief Gwairon gehorsam den schmalen Grat entlang. Es war mittlerweilen ganz dunkel geworden. Der nachtschwarze Himmel mit seinen unzähligen Sternen spannte sich wie ein großes Tuch über die Landschaft.
Aduial hatte es vorgesehen, die ganze Nacht durch zu reiten, doch schon nach kurzer Zeit fiel es ihm schwer sich auf das Reiten zu konzentrieren. Als er nach unten blickte bemerkte er, das seine Hände zitterten. Langsam wich das taube Gefühl und machte einem dumpfen, pochenden Schmerz platz. Aber er riss sich zusammen und hielt sich im Sattel. Erst wenige Stunden vor der Morgendämmerung legte er eine Rast ein. Zuerst überprüfte er seinen Vorrat und entdeckte, dass das Feuerholz verbraucht war. Noch immer waren hier nur Felsen und Steine zu sehen. Andererseits hätte er wahrscheinlich aus Sicherheit kein Feuer angefacht. Schließlich wusste Aduial nicht, wie viel Orks sich noch in der Gegend aufhielten.
So nahm er nur die Decke, die er in den vorherigen Nächten schon benutzt hatte, wickelte sie fest um die Schultern und setzte sich. Mit dem Rücken an einem Felsen lehnend, den Kopf in den Nacken gelegt schaute er hinauf zu den Sternen. Wie funkelnde Diamanten standen sie am Himmel. Es schien als würden sie einen Wettstreit untereinander austragen, darüber, welcher wohl am hellsten und schönsten leuchtete. Und doch schien es, als wäre ihr wunderbarer Glanz ein wenig getrübt, ebenso wie das samtige Blauschwarz des Himmels. Unwillkürlich musste Aduial wieder an den Schatten denken, von dem seine Mutter gesprochen hatte. Das Böse hat seinen Platz in der Welt, und es ist nicht ausgelöscht. Hass und Misstrauen sind seine Waffe, Eitelkeit und Habgier sein Schild. Aduial seufzte. Je länger er über diese Worte nachdachte, desto verwirrter war er. Was wollte ihm Athial damit sagen? So sehr er sich auch anstrengte, er verstand es nicht. Und zum ersten Mal machte er sich über seinen Aufbruch Gedanken. Warum war er so überstürzt aus Kheleandrà aufgebrochen. Schließlich konnte er doch eh nichts ändern. Er war allein in einer fremden Gegend voller Feinde. Bei dem Gedanken an die Orks spürte er die Wunde wieder. Als er mit der Hand danach tastete fühlte er, das sein Gewand feucht war. Der Stich war nicht so tief gewesen, das er tödliche Auswirkungen gehabt hätte, doch er hatte die Haut durchdrungen und sich in das Fleisch gebohrt. Nun war er wieder aufgerissen, und rotes Blut rann aus der Wunde und versickerte im Stoff seiner Kleidung.
Schwerfällig erhob er sich. Einen Moment kämpfte er gegen den plötzlichen Schwindel an, dann wankte er zu Gwairon und kramte in einer der Satteltasche nach etwas, mit der er die Wunde wenigstens provisorisch verbinden konnte. Endlich fand er eine weitere dünne Decke, die er kurzerhand in Streifen riss und diese um die Wunde legte. Als er fertig war, ließ er sich wieder auf den Boden sinken. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn und rann seinen Rücken hinunter. Äußerlich schien er zu frieren, innerlich dagegen wütete ein tiefverwurzeltes Feuer in ihm. Erschöpft schloss Aduial die Augen. Wenig später überkam ihn eine schwarze Welle der Dunkelheit, von der er sich davontragen ließ.


Als Aduial wieder erwachte stand die Sonne bereits hoch über ihm. Es ging auf die Mittagszeit zu. Von Gwairon war nichts zu sehen. Aduial rollte sich auf die Seite und hob den Kopf. Gleich darauf ließ er sich wieder auf den Boden sinken. Der lange Schlaf hatte ihn nicht mit neuer Kraft und Energie erfüllt, sondern ihn noch mehr ausgelaugt. Er fühlte sich zu schwach, um aufzustehen, doch er zwang sich schließlich dazu. Als er endlich stand, war er erneut in Schweiß gebadet. Seine Hände tasteten nach vorne und fühlten kurzes, raues Fell unter seinen Fingern. Gwairon stand wie aus dem Nichts vor ihm und stupste ihn mit seinen weichen Nüstern an. „Keine Sorge, alter Junge, mir geht’s gut.“
Mit viel Mühe gelang es ihm, sich in den Sattel zu ziehen. „Los, Gwairon.“
Der Hengst schien zu spüren, dass es Aduial alles andere als gut ging, denn er schritt sehr behutsam dahin, um seinen Reiter nicht irgendwelchen harten Rucken und Stößen auszusetzen.
Die Sonne stieg noch ein wenig höher. Obwohl es nur lau war, empfand Aduial die Temperatur als ungemein heiß. Dort, wo normalerweise sein Herz in der Brust schlug, saß ein schmerzender Klumpen aus Eis. Jeder Atemzug war eine Qual. Immer öfter verschwammen die Berge und das Gestein vor seinen Augen. So ritt er den ganzen Tag durch, und auch die zwei darauf folgenden.
Am vierten Tag war er soweit, dass er sich nicht einmal mehr aufrecht im Sattel halten konnte. Tagsüber verfiel er zusehends in einen Dämmerzustand, nachts wurde er von fiebrigen Albträumen geplagt. Die Wunde hatte schon nach kurzer Zeit zu bluten aufgehört. Doch das Fleisch drumherum war fleckig rot und entzündet. Der Schmerz wechselte von einem dumpfen Pochen zu einem heißen Glühen und wurde mit der Zeit unerträglich.
Mit geschlossenen Augen saß er da, seine heiße Stirn berührte die Mähne des Pferdes. Zuerst nahm er gar nicht wahr, als Gwairon plötzlich stehen blieb. Erst, als er ein Geräusch vernahm, blickte er auf. Es war das Rauschen von Wasser. Als er den Kopf hob sah er den schmalen Fluss, der vor ihnen lag. Wenige Meter rechts befand sich eine schmale Brücke oder ein schmaler Steg, der darüber führte. Grünes Gras säumte den Fluss, bedeckte den ganzen Boden. Aduial schöpfte neuen Mut. Er richtete sich halb auf und flüsterte: „Es ist ein Wunder...“
Mit letzter Kraft schaffte er es, von Gwairons Rücken zu steigen. Für wenige Sekunden stand er aufrecht da, dann brach er in die Knie und fiel nach vorne. Auf allen vieren kroch er an den Rand des Flusses. Er fühlte das weiche Gras unter seinen Fingern, die kleinen Steine und dazwischen das Erdreich. Zitternd streckte er die Hand aus und tauchte sie ins Wasser. Was für ein herrliches Gefühl! Auf Aduials Gesicht breitete sich ein kleines Lächeln aus. Dann verließ ihn jegliche Kraft, die er noch besaß. Mit dem Gesicht voran landete er auf dem harten Boden, Kopf und Oberkörper wurden vom Wasser umspült. Reglos und zusammengekrümmt blieb er liegen.
Ein Schatten fiel auf den Körper des leblosen Dunkelelben. Eine kleine, weiße Hand strich über sein Haar. Er wurde von zwei starken Armen hoch gehoben und weggetragen. Das alles nahm Aduial nicht mehr wahr.

(Ramona)