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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel


Diese Geschichte entstand während der Durchführung des Postspiels Quest (ein Rollenspiel mit computergesteuerter Auswertung). Sie war als Vorgeschichte und Einführung der Charaktere gedacht, hat also nur indirekt etwas mit Mittelerde zu tun. Der zweite Teil, der bereits in Kharne spielt, wurde nicht veröffentlicht, da er hier nicht relevant ist.



Das Geheimnis der Pilger nach Valandor

„Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir.“
Hatte mein Kamerad Felagunds Freund nicht eben etwas im Schlaf vor sich hingemurmelt? Ich war noch nicht ganz wach, doch seine Worte gingen mir noch durch den Kopf. Ich richtete mich auf und blinzelte ein wenig. Alles war still, das Feuer war heruntergebrannt, drei weitere Gestalten lagen zusammengerollt in der Nähe.
„Alles in Ordnung, keine Gefahr!“ dachte ich bei mir. Doch der Elb neben mir atmete immer noch schwer, vielleicht hatte er einen bösen Traum. Da ich jetzt keinen Schlaf mehr fand, stieß ich ihn an: „Hey, psst, wach auf!“
Felagunds Freund kam langsam zu sich, er war noch erregt.
„Hey, was ist los, gehts dir gut?“ wollte ich wissen.
„Ja, ich bin in Ordnung, was war denn?“ erwiderte er.
„Du hast eben etwas eigenartiges im Schlaf gesagt, mit dem ich nichts anfangen kann, erinnerst du dich?“
„Nein, was habe ich gesagt?“ fragte er.
Ich erzählte ihm, was ich gerade von ihm gehört hatte. Doch meinem Kameraden waren die Worte unbekannt. Er meinte bloß: „Ich muss eine Eingebung gehabt haben. Ich weiß aber nicht, woher sie stammt. Bestimmt nicht aus dieser Zeit, und vielleicht nicht einmal aus Mittelerde. Aber drückt dieser Satz nicht genau das aus, was uns Gefährten bewegt und zusammen geführt hat? Die Sehnsucht nach Heimat und absolutem Frieden. Nach dem Ringkrieg gibt es für uns hier nichts mehr zu tun. Wir können nur noch Valinor, das Segensreich, suchen, von dem Jünger von Elbereth immerzu spricht.“
Am nächsten Morgen erzählte Felagunds Freund von unserer nächtlichen Unterhaltung. Jünger von Elbereth, ein weiterer Elb, stimmte ihm darin zu, dass es sich bei der Eingebung einzig um einen Fingerzeig Manwes handeln könne, endlich zu kommen. Je länger sie ihre theologischen Dispute weiterführten, um so größer wurde auch die Sehnsucht von Mablung Orcrist, schließlich ist auch er ein Elb. Ich, Aragorn der Dunadan, ein Mensch, der eher geschickt mit Hand und Dolch als mit Arm und Schwert unzugehen vermag, war mit allem einverstanden und wollte mich der Entscheidung der anderen anschließen. Nach der Niederschlagung des Heeres von Mordor und der Krönung des neuen Königs Elessar wurden Söldner wohl nicht mehr gebraucht. Und Land hatten wir auch keines, das wir bewirtschaften könnten. Jeder hielt es für das beste, diesen Teil der Welt zu verlassen und uns in Richtung Westen zu halten, bis wir an die Grauen Anfurten kommen würden. Wenn die Gerüchte stimmten, die man sich erzählte, so gingen noch jetzt Elbenschiffe über das Große Meer. Bestimmt könnten wir auf einem von ihnen anheuern.
So führte uns unser Weg durch Dunland bis zu den Ruinen von Tharbad. Weiter marschierten wir den Grünweg entlang bis hin zur Sarnfurt. Hier verließen wir die Straße und hielten uns genau nach Westen. Schon bald erblickten wir am Horizont einen hell schimmernden Streifen. Das mussten die Blauen Berge sein.
Eines Tages, wir waren schon insgesamt über zwei Monate unterwegs, sahen wir im Nordwesen eine Staubwolke. Es war ein Elb auf seinem Pferd, der uns entgegenkam. Wir schickten unsere Elben Mablung Orcrist und Jünger von Elbereth voraus, um nicht sein Misstrauen zu erregen. Ich konnte sehen, dass sie sich lange unterhielten und wild gestikulierten. Schließlich verneigten sie sich voreinander und der Fremde schwang sich wieder auf das Pferd und setzte seinen Weg fort.
Als unsere beiden Freunde zurück waren, erzählten sie uns, dass wir fast am Ziel unserer Reise seien. Der Elb kam von den Grauen Anfurten und bestätigte, dass immer noch Schiffe in den Westen fuhren. Diese seien jedoch fur ausgesuchte Helden des Ring-Krieges bestimmt, besonders für Elben.
Das steigerte unsere Laune beträchtlich. Zwar hatten wir Saurons Heer nicht direkt gegenübergestanden, doch wer konnte uns das schon nachweisen. Außerdem hatten wir zwei Elben in unserer Gruppe. Wir waren also guten Mutes.
In dieser Nacht schliefen wir unruhig im Gebüsch am Wegrand. Wir hatten ein ungutes Gefühl, wie Tiere, die ein Grollen spüren und nun das kommende Gewitter erwarten. Gegen Mitternacht hörten wir Geräusche, mäuschenstill saßen wir in unserem Versteck. Da sahen wir auch schon drei Gestalten an uns vorüber stapfen. Sie waren schwer bewaffnet, im Licht ihrer Fackeln erkannten wir hässliche Gesichter: Orks!
Als sie vorüber waren, waren wir sehr erregt und überlegten, wie wir uns verhalten sollten. „Das Beste ist, wir schleichen ihnen nach, um festzustellen, was sie vorhaben“, meinte ich.
„Was sollen die schon wollen?“ wandte Jünger von Elbereth ein und fand sofort eine Antwort: „Die verduften in die Berge, weil hier zu viele Elben und Menschen wohnen.“
Nablung Orcrist fand: „Aber eigenartig ist das schon, vielleicht gehen sie ja auch zur Jagd.“
„Was mag das fur eine nächtliche Jagd sein? Also ich gehe den Schurken jetzt nach. Wer kommt mit?“ forderte ich die anderen auf.
Doch es fand sich kein Freiwilliger, der mich begleiten wollte. „Komm, Aragorn der Dunadan, lass es gut sein, die sind bestimmt schon über alle Berge. Du holst sie nicht mehr ein. Gutmütig legte mir Felagunds Freund den Arm auf meine Schulter.
Und dabei blieb es. Wir rollten uns wieder in unsere Decken. Doch nach kurzer Zeit hörten wir entfernte Schreie und sahen einen roten Feuerschein, gerade in der Richtung, in die die Orks marschiert waren.
Sofort waren wir wieder auf den Beinen. „So ein Mist!“ fluchte Felagunds Freund; ich selbst war unfähig überhaupt etwas zu sagen.
Also schnappten wir unsere Waffen und rannten los in Richtung Feuerschein. Dann blieben wir wie angewurzelt stehen: Im Schein eines brennenden Hauses sahen wir einige Menschen stehen, offensichtlich Bauern. Zwei Frauen starrten fassungslos ins Feuer, die Männer trugen Knüppel und riefen fluchend in die Nacht hinaus und wollten so ihre Verteidigungsbereitschaft zeigen. Eine Person lag leblos auf der Erde. Doch die Orks waren bereits in weiter Ferne. Peinlich berührt zogen wir uns zurück.
Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf, schließlich würden wir heute an die Grauen Anfurten kommen. Auf unserem Weg sprach keiner ein Wort über die nächtlichen Ereignisse. Schon bald hörten wir das Schreien der Möwen über uns, dann bemerkten wir den salzigen Geruch der Seeluft und hinter einem niedrigen Hugel erblickten wir schließlich eine große Bucht.
Gegen Mittag kamen wir an einen befestigten Hafen. Seine großen Gebäude aus Basaltsteinen sahen aus, als würden sie schon seit Jahrhunderten stehen und vielleicht taten sie das wirklich. An den Kais lagen fünf unterschiedlich große Schiffe aus massivem Eichenholz.
Lange konnten wir aber die Anlage nicht bestaunen, schnell kam ein Elb in hellblauer Uniform auf uns zu und wollte unseren Namen und unser Anliegen wissen. Wie vereinbart antworteten die Elben.
Jünger von Elbereth stellte jeden von uns vor und schloss seine kurze Ansprache: „Und darum brennt in uns kein anderer Wunsch als der, ins Segensreich Valinor, dass von den Altvorderen voller Ehrfurcht Valandor genannt wurde, einzugehen. Vielleicht ist es fur uns möglich, als Diener oder Matrosen auf einem Eurer Schiffe anzuheuern."
Im Gesicht der Wache war keine Gefühlsregung zu erkennen, als er Jünger von Elbereth hörte. Schließlich antwortete er: „Gut, ich will sehen, was ich für Euch tun kann. Seid unsere Gäste in Mithlond, bis ich mit Cirdan, meinem Herrn, gesprochen habe. Schon bald werde ich Euch seine Entscheidung mitteilen. Doch jetzt begleitet mich in Euer Gemach.“
Der Elb führte uns in einen großen schlichten, aber sauberen Raum, der allerdings nur mit dem Nötigsten ausgestattet war. In dieser Gemeinschaftskammer standen sechs Betten an zwei gegenüberliegenden Seitenwänden. Die Betten ähnelten Kojen in Elbenschiffen, sie waren für Menschen zu kurz. Neben jedem stand ein Schemel mit einer Schüssel mit klarem Wasser. An der Wand waren eine Reihe Haken angebracht. Im Raum gab es weder Schränke, noch Stühle oder Tische. Zudem bemerkten wir, dass die Fenster vergittert waren.
„Ich denke, dieser Raum wird Euren Ansprüchen für die nächsten Tage genügen, bis über Eure Anfrage entschieden ist. Fühlt Euch wie zu Hause, doch tut mir bitte den Gefallen und verlasst euer Zimmer nur, wenn man Euch dazu auffordert. Grundsätzlich sind wir Fremden gegenüber sehr misstrauisch, wenn man bedenkt, dass der Krieg noch nicht so lange vorbei ist“, damit verabschiedete sich der Elb.
Meine Gefährten waren froh und sahen in der Gastfreundschaft der Elben Anzeichen für das Gelingen unseres Planes. Doch ich war entsetzt: „Das ist ja wohl das letzte Loch, das ich mir vorstellen kann“, ereiferte ich mich. „Diese Halunken wissen nicht, wen sie vor sich haben.“
„Halt, nicht so eilig. Vielleicht behandeln sie uns gerade so, weil sie es genau wissen“, meinte Nablung Orcrist. „Außerdem finde ich das Zimmer nicht so übel. Eigentlich ist es sogar akzeptabel: Es ist sauber und geräumig, und verhungern werden uns die Elben auch nicht lassen.“
„Wir könnten auch gerade auf eine Probe gestellt werden. Wenn wir Anstand und Dankbarkeit zeigen, so kann unser Verhalten nur für uns sprechen“, meinte Jünger von Elbereth.
„Okay“, gab ich klein bei. „Ich werde es hier schon ein paar Tage aushalten. Es ist ja nur vorübergehend, bis unsere große Fahrt beginnt.“
Nachdem wir uns den Staub der Straße von Gesicht und Händen gewaschen hatten, verbrachten wir den restlichen Tag mit Faulenzen. Zur Abenddämmerung wurden wir in eine große Halle geführt, wo uns ein separater Tisch zugewiesen wurde. Ein edler Elb mit einem langen Bart, gekleidet in ein weißes Gewand, stand von seinem Platz am Kopfende des Tisches auf und begrüßte uns: „Es ist uns eine besondere Ehre heute vier Kämpfer willkommen heißen zu dürfen, die auf der Suche nach ihrer Vollendung sind. Nur die Ainur wissen um die wahre Größe ihres Wunsches und kennen die Schwierigkeiten, die noch auf sie warten.“
War da nicht ein ironischer Unterton in der Begrüßung des Gastgebers? Unsere beiden Elben sahen sich fragend an, auch sie wussten nicht, ob die Rede des Elbenfürsten als Kompliment oder als Demütigung zu verstehen war. Das Essen selbst verlief äußerst ruhig. Es gab einen uns unbekannten gedünsteten blauen Fisch mit frischen Kräutern und Feldsalat. Dazu wurde ein leichter Wein gereicht, der aus südlicheren Gegenden stammen musste. Auch während des Nachtischs blieb es ruhig, wir hörten weder Musik noch Gelächter und schwiegen selbst, weil wir die Atmosphäre nicht stören wollten.
Am nächsten Tag klopfte jemand an unsere Zimmertür. Wir sprangen auf, weil wir erwarteten, der Elbenfürst wünsche uns zu sprechen, um die Abfahrt des nächsten Schiffes bekannt zugeben. Doch es war eine Elbenwache in Begleitung zweier Wanderer.
„Hallo, Reisende, ihr bekommt Gesellschaft!“ begrüßte uns die Wache. „Darf ich zwei neue Gefährten vorstellen: Dies ist Radagast vom Wald und der Zwerg nennt sich Thorin vom Berg. Ich hoffe doch, ihr werdet Euch gut vertragen.“ Und damit schloss er wieder die Tür.
Wir waren sehr erstaunt, sahen uns die beiden genau an und befragten sie nach ihren Absichten.
Der neue Elb sprach zuerst: „Seid gegrüßt! Wir sind hierher gekommen, um mit den Elben der Grauen Anfurten zu einer Überfahrt ins Segensreich aufzubrechen. Mein Freund und ich sind schon seit Wochen unterwegs. Er kommt aus Moria, ich aus Wilderland. Zufällig sind wir beide von Orks gefangen genommen worden. Dort haben wir uns kennen gelernt. Ich weiß nicht, warum wir nicht getötet wurden. Aber beide hätten wir die Gefangenschaft nicht überlebt, wenn wir uns nicht gegenseitig geholfen hätten. Schließlich konnten wir jedoch fliehen. Aus gegenseitiger Dankbarkeit haben wir uns ewige Treue geschworen.“
Wir anderen waren beeindruckt, obwohl wir nicht wussten, ob seine Erzählung tatsächlich der Wahrheit entsprach. Für mich war es das erste Mal, dass ich einen Elb und einen Zwerg befreundet nebeneinander stehen sah. „Es geht also doch“, dachte ich bei mir. Aber gemeinsam bestandene Gefahren schweißen Abenteurer ja bekanntlich zusammen.
Dann erzählten wir anderen unsere Geschichten. Wir sprachen von unserer Herkunft und unseren Erlebnissen während des Ringkrieges. Doch jeder bauschte seinen Teil der Erzählung soweit auf, dass er in einem möglichst guten Licht stand. Die beiden Neuen sollten nur nicht glauben, dass wir nur Glücksritter wären. Von unserer nächtlichen Begegnung mit den Orks sagte niemand etwas.
Am nächsten Tag wurde unsere Tür abermals geöffnet. Ein Elb der Wache trat ein und forderte uns sechs auf, mit ihm zu kommen. Wir waren gespannt, ob wir nun zum Fürsten vorgelassen wurden. Und tatsächlich führte man uns in einen großen Saal mit hellem Marmorboden und blau bemalten Wänden. Cirdan saß auf einem schweren Eichenstuhl, der mit Elbenschrift verziert war, die ich nicht verstand, Er trug einen blaugrünen Umhang und einen silbernen Stimreif.
Nachdem wir uns vor ihm aufgestellt hatten, begann er zu sprechen: „Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Zeit bei den Grauen Abfuhrten. Ich habe euch holen lassen, um euch zu sagen, dass ihr nicht an einer Überfahrt teilnehmen könnt. Ich muss euch jetzt verabschieden.“
„Aber das kann doch nicht wahr sein“, warf Nablung Orcrist ein. „Erst werden wir tagelang in einem Kerker gefangen gehalten, und dann einfach abserviert.“
„Deine Worte sagen mir, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Allein wegen ihnen seid ihr nicht würdig ins Segensreich zu gelangen. Stärker fällt aber noch ins Gewicht, dass man euch nicht trauen kann. Ihr seid Feiglinge, Lügner und Diebe. Als Orks vor zwei Nächten ein Bauernhaus geplündert haben, hätten vier von euch, die in der Nacht in der Nähe gewesen sind, die Tat gut verhindern können.“
Was für eine Blamage: Man hat uns die ganze Zeit durchschaut und abgewartet.
„Was hat das mit uns zu tun?“, entfuhr es Radagast vom Wald, als er das hörte.
„Ihr habt anderes auf dem Kerbholz“, wandte sich Cirdan nun an unsere neuen Kameraden. „Du, Elb, leere deine Tasche und leg den Inhalt auf den kleinen Tisch!“
Irritiert sah er von einem zum anderen. Schließlich beförderte er langsam einen Beutel mit Münzen ans Tageslicht, gefolgt von einem kurzen Dolch. Cirdan blickte immer noch erwartungsvoll. „Weiter!“ befahl er. „Und sollte sich das Stück, das ich suche, nicht bei dir befinden, wird es meine Wache schon in eurer Kammer finden.“
Da zog Radagast vom Wald noch eine Brosche aus seiner Tasche. Sie funkelte silbern in der Luft, als er sie wütend auf den Tisch warf.
„Auch Diebe gehören nicht nach Valinor“, erklärte der Fürst die Angelegenheit. „Selbst wenn du das Stück gestern Abend auf dem Weg zum Essen gefunden hättest, hättest du es abgeben und nicht einstecken sollen.“
Wir waren überrascht und schwankten zwischen Wut und Scham. Unsicher sahen wir von einem zum anderen. Da bemerkten wir, dass Elbenwachen den Saal betraten und sich an den Seitenwänden aufstellten. Was blieb uns übrig, als das Feld zu räumen?
Man geleitete uns zurück in unsere Kammer und forderte uns auf unsere Sachen zu nehmen. Das war schnell geschehen.
Kurze Zeit später waren wir bereits auf der Straße. Die Wachen begleiteten uns, blieben jedoch am Hafen. Hinter der nächsten Wegbiegung stellten wir fest, dass sie kehrt gemacht hatten.
Erst als wir so dahin zogen, wurde uns langsam unsere neue Situation bewusst. Radagast vom Wald musste immer an das kleinste Schiff der Flotte denken, das hinter uns unbeaufsichtigt am Kai lag. Auf einmal sprang er auf und rief: „Kommt Gefährten, man hat uns hier wie Verbrecher und Taugenichtse behandelt. Das lassen wir uns nicht gefallen! Wir nehmen uns das Schiff da vorne.“
Der Elb lief zurück, wir anderen hinterher. Nur Thorin vom Berg stand noch unschlüssig am Kai, als wir anderen längst das Schiff besetzt hatten.
„Freund“, rief Radagast vom Wald ihm zu, „denke an unseren Treueeid!“
Ich schnitt die Taue durch, Felagunds Freund holte den Anker ein und die anderen kletterten schnell auf den Mast und setzten die Segel. Im letzten Moment sprang der Zwerg doch noch an Bord.
Dann kamen auch schon die Soldaten mit Schwertern und Bögen. Hinter Taurollen, Fässern und Masten brachten wir uns vor ihren Pfeilen in Sicherheit. Doch Radagast vom Wald wurde am linken Arm getroffen. Er war noch auf dem Mast, verlor den Halt und fiel aufs Deck, wo er regungslos liegen blieb.
Als wir den Hafen verlassen hatten und vor den Pfeilen der Wache in Sicherheit waren, brachten wir den Verwundeten erst einmal unter Deck und legten ihn in eine Koje. Wir stellten fest, dass Radagast vom Wald neben der Fleischwunde am Arm eine Platzwunde am Kopf hatte. Beide konnten wir leicht verbinden. Thorin vom Berg kam und brachte frisches Wasser, das er in einem Fass entdeckt hatte. Bald darauf kam sein Freund wieder zu sich.
Als uns bewusst wurde, dass unsere Flucht gelungen war, waren wir froh und sahen uns an Deck um. Das Meer schien unendlich groß zu sein, dass es uns den Atem nahm. Um uns her lag die klare See, der Wind war günstig, dass wir schnell an Fahrt gewonnen. Wir segelten in Richtung Westen.
Unsere Stimmung war auf dem Höhepunkt. Nur Mablung Orcrist hatte Bedenken: „Und was ist, wenn wir schon verfolgt werden?“
„Das wird nicht geschehen“, behauptete Radagast vom Wald, der sich inzwischen erholt hatte. „Seht doch: Wir durften uns das Schiff nehmen. Sie konnten es uns nicht von sich aus geben, das verbot ihnen die Ehre. Aber wir sollten zumindest eine Chance bekommen. Und die haben wir genutzt.“
Die Worte des Elben beruhigten uns ein wenig. Jetzt glaubten wir alle, dass das Schiff für uns bestimmt gewesen sei. Warum hätten es Cirdans Leute auch sonst so gut ausgerüstet unbeaufsichtigt im Hafen liegen lassen sollen.
Die sanfte Brise hielt an und wir waren guten Mutes. Doch am fünften Tag unserer Fahrt begann unser Verhängnis: Felagunds Freund war als Ausguck im Mastkorb und stierte gebannt in Richtung Westen. Auf einmal rief er laut: „Land in Sicht!“
Unter uns erhob sich eine große Aufregung, doch Jünger von Elbereth beruhigte: „Das kann nicht sein! Nach allem, was man sich erzählt, sind wir noch viel zu weit von irgendeiner Küste entfernt. Wir können nicht einmal die Hälfte der Wegstrecke nach Valinor zurückgelegt haben."
Mit ein paar schnellen Bewegungen war auch Mablung Orcrist bald im Mastkorb und berichtete den übrigen: „Ich sehe einen Felsen am Horizont, vermutlich eine weit entfernte Insel!“
Doch kaum hatte er das ausgesprochen, da flaute der Wind ab und die Segel hingen schlaff am Mast.
So sollte es lange Tage bleiben. Wir hatten viel Zeit, in der wir uns nun nicht mehr um den Schiffsdienst kümmern mussten. Wir trainierten regelmäßig unseren Körper bei Kampf- und Fechtspielen. Doch die Übungen geschahen mehr aus Langeweile als aus Ehrgeiz und Stolz. Von Zeit zu Zeit stieg einer der Elben in den Mastkorb hinauf, doch die Position der Insel änderte sich nicht. Der Zwerg und wir beiden Menschen konnten von der namenlosen Felseninsel nichts sehen. Die Augen der Elben müssen den unseren in der Tat sehr überlegen sein.
Doch langsam begann für uns eine Zeit des Müßiggangs. Als wir eine Woche lang unbeweglich im Ozean standen, wurden wir depressiv und wir fingen an uns die Zeit mit Glücksspiel und Weingelagen zu vertreiben. Wir kamen uns vor wie Gefangene unter einer gläsernen Glocke.
Doch bald änderte sich unsere Situation entscheidend: Es fing damit an, dass die Elben die Felseninsel nicht mehr sehen konnten. Wir dachten schon, wir seien doch ein wenig abgetrieben, jedoch stellte sich bald heraus, dass die Luft diesig wurde und den Blick verschleierte. Aus Westen kam eine Wolke, die immer dicker wurde, auf uns zu. Es war eine richtige Gewitterfront, die sich am Horizont auftürmte. Wir erwachten aus unserer Lethargie und bereiteten das Schiff für eine neuerliche Fahrt vor. Es war rechtzeitig wieder flott. Doch die Windboe erwischte uns derart, dass uns das Steuer aus den Händen gerissen wurde und wir vom Kurs abtrieben. Es gelang uns nicht gegen den Wind zu segeln.
So gerieten wir in ein starkes Unwetter. Mit dem Sturm kamen wahre Sturzfluten von Hagel und Regen, die auf unser Schiff niederprasselten. Jeder rechnete nicht nur mit dem Ende unserer Reise, sondern auch mit dem seines Lebens. „Cirdans Leuten sind wir entkommen, doch vor den Naturgewalten gibt es kein Entrinnen“, rief Thorin vom Berg in seiner Verzweiflung.
Das Schiff ächzte im Sturm, und wir mussten damit rechnen, dass es bald auseinander bricht. Um vor dem Ertrinken sicher zu sein band sich jeder an eine Tonne oder Kiste und wartete ab. Der Sturm brauste um uns her, wir meinten eine gewaltige Stimme zu hören. Doch in unserer Angst hielten wir uns die Ohren zu. Dennoch vernahmen wir im Sturmesbrausen die Stimme, oder war es der Wind selbst, der zu uns sprach?
„Hört, ihr Männer aus Mittelerde! Der, den ihr gesucht habe, spricht zu euch. Ich bin Ulmo, ein Abgesandter der Ainur! Ihr habt Namen der Helden und Edlen angenommen, um in das Segensreich einzudringen. Doch für diesen Hochmut werdet ihr nun bestraft. Ihr werdet das Segensreich niemals sehen und auch zurück in eure Welt, nach Mittelerde, gibt es für euch keinen Weg. Statt dessen werdet ihr nun auf immer aus Arda verbannt!“
Unser Schiff schaukelte wie eine Nussschale, die Balken ächzten. Dann brach das Boot auseinander. So schlugen die Wellen endgültig über uns zusammen und die wilde See verschlang uns.
(tomtom)