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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Gil-galad

Drei Wochen war es nun her, dass das Schiff in Mithlond, den Grauen Anfurten, eingetroffen war.
Das spärlich bewaldete Gebiet südlich des Golfes von Lhûn wurde Harlindon genannt. In der Hauptstadt Harlond lebte Cirdan, der Schiffbauer, ein mächtiger Herr unter den Elben und ein guter Freund Gil-galads, des Hohen Königs der Noldor in Mittelerde. Gil-galad hatte seinen Sitz im Norden in Forlindon, von wo aus er über sein Reich herrschte.
Anariel war beeindruckt von der Schönheit des Elbenlandes, besonders jetzt im Sommer.
Ihr Vater Narmacil hatte nicht zuviel versprochen, als er ihr vom Reiche Gil-galads erzählt hatte und nun war sie selbst hier und konnte alle Schönheit mit eigenen Augen bewundern. Sie hatte das Gefühl, als herrsche hier ein Geist, der älter war, als alles, was es in ihrer Heimat, der Insel Númenor, gab. Das lag nicht zuletzt an dem Land selbst, denn immerhin gehörte Lindon zu dem Teil Mittelerdes, der nach dem Krieg des Zorns nicht untergegangen war, also schon seit dem ersten Zeitalter Bestand hatte.
Anariel bewunderte gerade den schönen Garten, der sich an Cirdans Haus anschloss, als Isildur ihr aus dem Haus entgegenkam. Elendils Sohn war schlank und groß gewachsen. Er sah seinem Vater sehr ähnlich, auch wenn er bei weitem nicht an dessen Größe herankam. Außerdem hatte Isildur dunkles Haar, nicht wie sein Vater blondes. Während ihrer Musterung hatte Isildur sie erreicht. Fröhlich lächelnd reichte sie ihm die Hand und fragte: „Nun, mein Herr? Was führt Euch zu mir?“
Isildur ging auf ihren neckenden Tonfall ein und erwiderte höflich: „Ich komme als Botschafter zu Euch, edle Dame. Cirdan, der Herr über die Grauen Anfurten, hat eine sehr gute Nachricht für uns und er hielt mich an, Euch zu holen.“
Anariel gab lachend durch ein Kopfnicken ihr Einverständnis ihm zu folgen und gemeinsam kehrten sie ins Haus zurück.
Elendil, Anariels Vater Narmacil und Isildurs Bruder Anárion warteten bereits in Cirdans großer Ratshalle. Cirdan selbst saß in seinem hohen Armstuhl am Ende des Raumes. Er war ein sehr großer und Ehrfurcht gebietender Elb. Das Sonderbarste aber war, dass er im Gegensatz zu den meisten seines Volkes einen Bart trug. Anariel, die in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt hatte, ihn näher kennen zulernen, beeindruckten vor allem seine Augen, in denen ständig das Licht der Sterne zu sehen war. Cirdan hatte ihr erzählt, dass er zu jenen Elben gehörte, die im ersten Zeitalter am Wasser von Cuiviénen erwacht waren, denn er hatte keine Eltern. Anariel hatte ihm gebannt gelauscht, als er von den Geschehnissen des ersten und zweiten Zeitalters erzählt hatte. Obwohl er sich selber aus den Streitigkeiten der Noldor mit den Sindar herausgehalten hatte, wusste er genauestens Bescheid. Anariel erfuhr, dass Cirdan es gewesen war, der Gil-galad vor den Heeren Morgoths gerettet und ihn auf die Insel Balar gebracht hatte. Selbst Elros, den ersten König von Númenor, hatte er gekannt.
Mit freundlichen Worten begrüßte er Isildur und Anariel, als sie die Halle betraten, dann wandte er sich an Elendil: „Elendil Elbenfreund, ich habe eine gute Nachricht für dich und deine Gefährten. Dein Wunsch, so schnell wie möglich mit Gil-galad zu sprechen, hat sich erfüllt. Heute noch werden wir gemeinsam nach Forlond aufbrechen. Gil-galad wird Euch morgen Abend in der Hauptstadt empfangen.“
Elendil, dessen Augen glänzten, verbeugte sich tief und sagte einfach: „Ich danke Euch für eure Großzügigkeit.“
Anariel sah zu ihrem Vater hinüber und gewahrte einen so glücklichen Ausdruck in seinem gütigen Gesicht, den sie seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr gesehen hatte. Selbst er, den sonst nichts aus der Ruhe brachte, war aufgeregt und gespannt auf den großen Elbenkönig.
Nachdem Cirdan sie entlassen hatte, traf jeder seine Vorbereitungen für die kurze Reise.
Am Abend trafen sie sich mit Cirdan im Hafen von Harlond, um das Schiff zu besteigen, das sie nach Forlond bringen sollte. Das Schiff war wunderschön. Nicht einmal in Númenor hatte Anariel jemals ein so schönes gesehen. Vom Bug bis zum Heck war es von grauer Farbe, selbst die Segel.
Über eine zierliche Treppe gelangte man an Deck, wo sie alle von einigen Elben empfangen wurden, die sie in ihre Kajüten führten. Der kleine Raum, der Anariel zugewiesen worden war, gefiel ihr sofort. Durch ein kleines Fenster in der Bordwand fiel das letzte Licht des Tages ein und malte goldene Kringel auf die Einrichtung. Außer einem sauberen und bequem aussehenden Bett standen noch ein Tisch und ein Stuhl da, die die gleiche graue Farbe hatten wie das Schiff. Nachdem Anariel sich eingerichtet hatte, ging sie wieder an Deck. Sie kam gerade rechtzeitig, um mit anzusehen, wie Cirdan persönlich seine Anweisungen zum Ablegen gab. Als er sie sah, lächelte er und winkte sie zu sich: „Nun Tochter Narmacils, wie gefällt dir mein Schiff?“
„Es ist wunderschön Herr. Ich habe noch kein schöneres gesehen.“
Cirdan verbeugte sich und sagte freundlich: „Ich danke für dein äußerst schmeichelndes Kompliment. Vielleicht haben wir Gelegenheit, einmal eine längere Reise zu machen.“
Nach und nach gesellten sich auch Elendil, seine beiden Söhne und Narmacil zu Cirdan und Anariel. Gemeinsam sahen sie zu, wie das schlanke Schiff ohne Schwierigkeiten aus dem Hafen glitt und einen nördlichen Kurs einschlug. Noch lange stand Anariel an der Reling und beobachtete, wie die Sonne in einem prächtigen Farbenspiel hinter dem östlichen Horizont versank.
Wenn doch Alatarion auch dabei sein könnte, dachte Anariel mit Bedauern. Ihr Bruder, der die Ideale der Getreuen besonders heftig verteidigte, hatte auf die Fahrt nach Lindon verzichtet. Er wollte jetzt, da die Zeiten immer unsicherer für sie waren, seiner Heimat keinen Tag fern bleiben. Anariel hatte über die Starrköpfigkeit ihres jüngeren Bruders nur den Kopf geschüttelt, ihn aber nicht weiter bedrängt. Er musste sich eben mit Erzählungen zufrieden geben.
Sie schlief gut diese Nacht und wachte erst spät am nächsten Tag wieder auf.
Nach einem kleinen Frühstück, das ihr gebracht wurde, ging sie an Deck, um den anderen einen guten Morgen zu wünschen. Isildur und Anárion waren schon seit mehreren Stunden wach und unterhielten sich lebhaft mit der Mannschaft. Selbst sie konnten von den Elben noch viel lernen. Anariel gesellte sich eine Weile zu ihnen, verlor aber angesichts der vielen Fachausdrücke schnell das Interesse. Den restlichen Tag verbrachte sie hauptsächlich damit, an der Reling zu stehen und auf das Meer hinaus zu schauen. Das Schiff machte gute Fahrt und als es dämmerte konnte man im Norden einen dünnen Landstrich ausmachen.
Die Sterne funkelten schon auf die Reisenden herunter, als sie den Hafen von Forlindon erreichten. Ihre Ankunft war angekündigt und schon nach einem kurzen Ritt saßen sie in einem der Empfangsräume des Palastes. Cirdan hatte sich schon vor einer ganzen Weile verabschiedet, er wollte am nächsten Tag wieder zurück nach Harlond. Anariel war müde und so sehr sie sich auch auf die Begegnung mit Gil-galad gefreut hatte, wäre ihr ein warmes weiches Bett lieber gewesen, als hier auf das Erscheinen des Elbenkönigs zu warten. Mit schweren Lidern lehnte sie sich an ihren Vater und genoss die Wärme des im Kamin lodernden Feuers. Narmacil nahm seine Tochter sanft in den Arm und machte sie auf die feinen Arbeiten im Raum aufmerksam. Schläfrig blinzelte Anariel und versuchte, ihrem Vater zu folgen. Gerade schwärmte er von der wunderschönen Deckenbemalung, als eine Tür in der hölzernen Wandvertäfelung aufging und ein Elb das Zimmer betrat. Anariel setzte sich auf und betrachtete den Ankömmling. Er trug weiße Beinkleider und ein Seidenhemd in der selben Farbe, darüber ein blaues Wams auf das das Wappen Gil-galads gestickt war. Sein blondes Haar rahmte ein schmales scharf geschnittenes Gesicht ein, aus dem zwei tiefblaue Augen blitzten. Elendil ging mit leuchtenden Augen auf den Elben zu und umarmte ihn herzlich. Dessen Augen strahlten nicht weniger, als er sagte: „Willkommen, mein Freund! Endlich sehen wir uns wieder.“
Elendil verneigte sich und sagte, indem er auf seine Gefährten deutete und sie heranwinkte: „Das sind meine Begleiter, Gil-galad.“
Freundlich lächelnd kam er näher und begrüßte jeden einzeln. Anariel machte einen Knicks und wagte nicht, aufzusehen, als Gil-galad sie ansprach: „Willkommen, Tochter Narmacils!“
An Elendil gewandt meinte er: „Es ist lange her, dass eine Tochter deines Volkes hier war. Es müssen wichtige Dinge vorgefallen sein.“
Elendil nickte: „In der Tat. Der Schatten wächst, die Zahl der Getreuen verringert sich von Tag zu Tag und die Opfertempel leisten dabei die größte Arbeit.“
Gil-galads Miene verdüsterte sich: „Du wirst mir alles erzählen, aber nicht mehr heute Nacht.“
Er warf einen Blick auf Anariel und klatschte dann leise in die Hände. Sofort erschienen zwei weitere Elben. Sie verneigten sich und blieben dann erwartungsvoll stehen.
„Wilinor und Rúmil bringen euch auf eure Zimmer. Schlaft euch aus, morgen stehe ich euch ganz zur Verfügung.“
Er wünschte allen eine gute Nacht und entfernte sich genauso leise, wie er gekommen war. Auf ihrem Zimmer konnte Anariel an nichts anderes, als an den Elbenkönig denken. Sie war sich sicher, dass es den anderen auch nicht anders erging. Gil-galad strahlte eine Würde und Majestät aus, der sich niemand entziehen konnte. Fast beneidete sie Elendil um seine enge Freundschaft mit dem König. Seufzend begab sie sich ins Bett. Im Geist verglich sie Gil-galad mit dem Herrscher von Númenor. So mächtig und prunkvoll Ar-Pharazôn auch war, gegen den König der Elben war er nur ein kleiner mickriger Emporkömmling, der versuchte ein König zu sein. Warum lebte sie bloß in dieser traurigen Zeit? Warum konnte es nicht so sein wie früher, als graue Elbenschiffe gern gesehene Gäste waren an den Gestaden von Númenor?
Fragen auf die es keine Antworten gab stellte sie schläfrig fest, drehte sich um und war auch schon eingeschlafen.
Am nächsten Tag trafen sie sich alle, um gemeinsam zu frühstücken, dann kam Rúmil und brachte sie zu Gil-galad. Der Elbenkönig wartete bereits in der Ratshalle, umgeben von einigen Hofleuten. Mit einem Wink schickte er sie fort und stand dann lächelnd auf, um ihnen entgegenzugehen und sie zu begrüßen: „Ich hoffe, es war alles zu eurer Zufriedenheit?“
Elendil nickte: „Natürlich, hab Dank für deine Gastfreundschaft.“
Gil-galad machte eine auffordernde Geste und sie nahmen Platz. Das Gesicht des Königs war ernst, als er an Elendil gewandt sagte: „Du hast schlechte Nachrichten für mich, mein Freund. Erzähle!“
Anariel hörte erstaunt zu, als Elendil anfing, zu berichten. Nicht einmal sie hatte von all den Greueltaten gehört, die sich in Númenor abspielten. Entsetzt hörte sie zu, wie Elendil aufzählte, wer aus den Reihen der Getreuen schon den Altären Melkors zum Opfer gefallen war. Schmerzhaft zog sich ihr Magen zusammen, als sie an Alatarion dachte. Wenn er während ihrer Abwesenheit auch gefangen wurde? Sie verspürte plötzlich das Bedürfnis hinaus zu gehen und frische Luft zu schnappen. Sie entschuldigte sich und verließ die Halle, den besorgten Blick ihres Vaters im Rücken. Die Gänge des Palastes waren offen und hell und bald verlor sie etwas von der Enge, die sie während Elendils Bericht bedrückt hatte. Auch der Zorn auf ihren Vater verschwand. Sie wusste, dass er es nur gut gemeint hatte. An einem Fenster, durch das man auf die Stadt Harlond hinunter sehen konnte, machte sie Halt. Es stand offen, wie fast alle anderen. Ein angenehmer Lufthauch wehte ihr ins Gesicht, als sie sich hinauslehnte. Es duftet nach Herbst, dachte sie, während ihr die Sonne aufs Gesicht schien und sie die kleinen Straßen und Häuser unter sich musterte.


Elendil hatte seinen Bericht beendet. Gil-galad schwieg eine Weile und dachte nach, dann sagte er endlich: „Es sind schlimme Nachrichten, die du bringst, Elendil. Ich wusste, dass Sauron immer stärker wird, aber dass er nun sogar versucht, den König dazu zu bringen, das Land der Valar anzugreifen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Wenn nicht jemand dem Einhalt gebietet, wird es für euer Volk schlimm ausgehen. Ich kenne die Macht der Valar gut genug, um das zu wissen.“
Eine Weile war es still in der Halle, jeder hing seinen eigenen, meist düsteren Gedanken nach, dann brach Isildur das Schweigen und fragte: „Gibt es einen Weg, den König aufzuhalten?“
Gil-galad sah ihn mit seinen durchdringenden blauen Augen traurig an und schüttelte nur leicht den Kopf: „Ich fürchte nein, junger Freund, trotzdem will ich alles, was in meiner Macht steht, tun, um Euch zu helfen. Solltet Ihr fliehen wollen, ehe alles zu spät ist, steht Euch mein Reich offen, Euch und allen, die mit Euch kommen.“
Noch ahnten die Númenorer nicht, wie schnell sich die Ahnungen des Elbenkönigs bewahrheiten sollten. Insgeheim hoffte jeder, Ar-Pharazôn werde noch rechtzeitig zur Vernunft kommen.
Gil-galad, der die Unterredung als beendet betrachtete, stand auf und sagte: „Macht Euch jetzt nicht so viele Sorgen und denkt heute nur noch an angenehme Dinge. Ihr könnt so lange bleiben, wie es Euch gefällt.“
Sie dankten dem König und gingen jeder seiner Wege. Narmacil suchte nach seiner Tochter, um die er sich Sorgen machte. Er wusste, wie sehr sie an ihrem Bruder hing und dass sie sich wegen seines hitzigen Gemüts schon genug Sorgen machte. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, Anariel mitzunehmen.
Nach langer Suche fand er sie schließlich in einem der Gänge am Fenster stehen. Sie drehte sich nicht um, hatte ihn aber bemerkt. „Ich möchte nach Hause.“
Narmacil hatte so etwas befürchtet. Sanft strich er ihr über die dunklen Haare und antwortete: „Du hast Angst um Alatarion, das kann ich verstehen. Aber er ist in guten Händen, er wird keine Dummheiten machen.“
Jetzt wandte sie sich um. Ihre Augen waren voller Angst: „Bist du dir ganz sicher?“
Narmacil nickte: „Er wohnt bei Elendils Vater und Amandil ist immer noch ein sehr geachteter Mann. Niemand wird wagen, sich an deinem Bruder zu vergreifen, solange er unter seinem Schutz steht. Das habe ich dir doch schon bei der Abreise gesagt.“
Anariel meinte gequält: „Ich weiß, aber als Elendil von den vielen Opferungen berichtete bekam ich einfach Angst.“
Narmacil nahm sie zärtlich in die Arme: „Du musst dir keine Sorgen machen. Alatarion ist in Sicherheit.“


Isildur und Anárion spazierten zusammen mit Anariel durch die Straßen Forlonds. Die Hauptstadt war ein einzigartiges Erlebnis. Selbst die Königsstadt Armenelos konnte sich nicht mit dem Reichtum der Elbenstadt messen. Die Türme und Mauern waren schlank und zierlich, aber trotzdem stark und fest. Die meisten Tore waren aus Mithril gefertigt und glänzten im Sonnenlicht, wie riesige Diamanten. Auf den großen Plätzen standen Brunnen aus Adamant, über und über verziert mit elbischen Runen oder Bildern, die von der großen Vergangenheit der Eldar erzählten. Am meisten gefiel Anariel aber, dass die Stadt im Grünen lag. Es gab kaum eine Straße, in der sich nicht einige Bäume oder ein Stück Rasen einen Platz erobert hatten. Überall zierten leuchtend bunte Blumen den Weg und aus jeder Richtung sangen prächtig gefiederte Vögel ein fröhliches Lied. Auf einem der großen Marktplätze hielten sie an, um einem Silber- und Goldschmied bei der Arbeit zuzusehen. Anariel staunte, mit welcher Schnelligkeit er die schönsten Dinge herstellte. Eine fein gearbeitete Kette aus Mithril zog Anariels Blick besonders an. In das Silber waren kleine helle Steine eingearbeitet, die aussahen, wie kleine Blüten in einer großen Blumenranke. Die Arbeit war so zierlich, dass man wirklich das Gefühl hatte, eine echte Pflanze vor sich zu haben. Selbst die Maserung der Blätter war naturgetreu eingearbeitet. Eine ganze Weile betrachtete Anariel dieses kleine Wunderwerk. Isildur hatte ihren Blick bemerkt und ging, nachdem sein Bruder und Anariel schon weiterspaziert waren, noch einmal kurz zurück. Einige Augenblicke später war er schon wieder bei ihnen und lächelte zufrieden.
Seit dem ersten Tag in Gil-galads Halle hatte Anariel den König nicht wiedergesehen. Ihre Sorgen um Alatarion legten sich langsam. Hier in Lindon konnte Anariel einfach nicht über die schrecklichen Dinge, die in ihrer Heimat geschahen, grübeln. Auch Elendil und ihr Vater ließen sich immer weniger blicken und Anariel verbrachte fast ihre gesamte Zeit damit, die Elben und ihr Land so genau wie möglich kennen zu lernen. Abends saß sie meist mit Isildur zusammen in einer der vielen Räume des Palastes und lauschte alten Geschichten und Liedern über die Eldar. Sie liebte es, wenn die Sänger ein Lied anstimmten, das in hochelbischer Sprache verfasst war. Sindarin hatte ihr Vater sie gelehrt, aber für das Quenya hatte er sich nie ganz erwärmen können und es seiner Tochter nicht beigebracht. Die Sänger und Musiker in der „Halle der Geschichten“ freuten sich über Anariels Interesse an ihrer Kunst. Als sie den Wunsch äußerte, die hochelbische Sprache zu lernen, waren gleich mehrere der Elben bereit, ihr dabei zu helfen. Mit einem Eifer, den sie sich selbst nicht zugetraut hatte, lernte und lernte sie und erstaunte sogar ihre Lehrer mit den schnellen Fortschritten. Isildur und Anárion schüttelten über ihre junge Freundin nur den Kopf.
„Wie kannst du nur deinen Kopf immer in alte Bücher und Schriftrollen stecken?“ fragte Anárion. „Wir sind jetzt seit fast drei Wochen hier in Harlond und du hast außer einem kleinen Teil der Stadt noch kaum etwas von Gil-galads Reich gesehen. Willst du heute nicht mitkommen? Wir wollten einen längeren Ausflug in Richtung Eisbucht machen.“
Anariel überlegte kurz, dann nickte sie und sagte: „Ihr habt eigentlich recht. Wann brechen wir auf?“
Isildur lachte und meinte: „Erst muss man sie fast dazu zwingen und dann ist sie nicht mehr aufzuhalten. Sag noch einmal, dein Bruder hätte ein unberechenbares Temperament, du bist mindestens genau so schlimm.“
„Wir haben schon das nötigste zusammengepackt“, unterbrach ihn Anárion. „In einer Stunde wollen wir aufbrechen.“
„Gut, dann sage ich nur noch Angrod und Gwindor, meinen Lehrern, Bescheid. Treffen wir uns bei den Ställen.“
Sie drehte sich um und rannte davon. Zurück blieben zwei etwas verwirrte Männer, die sich die Frage stellten, wann sie Anariel je verstehen würden.
Angrod schlug seine Leier, zu der Gwindor ein Lied über Tuor und Idril sang, als Anariel hereinkam. Die beiden blickten nicht auf, sie wussten auch so wer gekommen war. Anariel war in den letzten Wochen so oft hier gewesen, dass die Elben sie an ihrem Schritt erkannten. Geduldig wartete Anariel bis die Musik verstummte.
„Das Lied ist wunderschön. Ist es von euch?“
Angrod nickte mit dem Kopf und stellte dann sachlich fest: „Du bist heute nicht gekommen, um Unterricht zu nehmen.“
Anariel war wieder einmal erstaunt. Es schien fast so, als könnten die Elben Gedanken lesen: „Ich mache einen längeren Ausflug und wollte mich für die kurze Zeit verabschieden.“
Gwindor lächelte: „Deine jungen Freunde! Sie wollen wohl nicht, dass du deine ganze Zeit hier bei uns verbringst? Aber sie haben recht. Du hast viel gelernt, mehr als die meisten deines Volkes. Genieße jetzt unser Land, solange du noch kannst.“
Anariel nickte und verabschiedete sich in der festen Überzeugung, dass sie bald wieder hier sein würde.
Isildur und Anárion warteten bereits ungeduldig, als sie die Ställe betrat. Sie hatte sich bequeme Reisekleider angezogen und in einem Bündel über ihrer Schulter steckten einige Bücher, die sie mitnehmen wollte.
„Und das hältst du also für unbedingt notwendig?“ sagte Anárion lachend und deutete auf ihr Bündel.
„Wenn du deinen Kopf etwas mehr in „Notwendiges“ stecken würdest, dann könntest du dir solche Fragen sparen“, erwiderte Anariel spitz.
Anárion verbeugte sich spöttisch und antwortete: „Verzeiht meine Ignoranz, Herrin. Es lag nicht in meiner Absicht Euch zu beleidigen. Wenn Ihr nun geruhen wollt, aufzusteigen.“
Isildur hatte die Pferde geholt und half Anariel in den Sattel.
Den Palast und die Stadt hatten die drei Reiter bald hinter sich gelassen und Anárion, der sie anführte, schlug gleich eine nördlich Richtung ein. Sie ritten auf einer Straße, die sich zwischen den aufsteigenden Hügeln und der Küste entlang schlängelte. Bäume gab es kaum und das Gelände war gut überschaubar. Eine zeitlang galoppierten sie schweigend nebeneinander her. Anariel lehnte sich weit über den Hals ihres Pferdes und schloss die Augen. Sie erinnerte sich plötzlich wieder an ihre Kindheit und an den Tag, an dem ihr Vater das erste Mal mit ihr ausgeritten war. Erschrocken öffnete sie die Augen wieder. Ihr Vater! An ihn hatte sie gar nicht mehr gedacht. „Habt ihr meinen Vater verständigt?“ schrie sie Isildur und Anárion zu, die gleich neben ihr ritten.
Anárion und Isildur grinsten, gaben aber keine Antwort. Anariel zügelte ihr Pferd und blieb rasch hinter ihnen zurück. Ungeduldig sah sie mit an, wie die beiden nun ihrerseits die Pferde anhielten und zurückkamen. „Wir hatten uns schon gefragt, wann du es merkst,“ lachte Anárion.
Anariel war jetzt nicht zum Scherzen aufgelegt. Sie ärgerte sich über sich selbst. Wie konnte sie nur so gedankenlos sein und nicht daran denken, ihren Vater zu benachrichtigen. Sogar bei den Elben hatte sie sich noch verabschiedet, nur ihren eigenen Vater hatte sie völlig vergessen. Es schien, als habe das Land, so schön es auch war, einen schlechten Einfluss auf sie. Vielleicht sollte sie langsam daran denken, nach Hause zu fahren. „Was ist nun? Habt ihr, oder habt ihr nicht?“
Isildur sagte ruhig: „Natürlich haben wir deinem Vater Bescheid gesagt, sogar noch bevor wir dich fragten. Wofür hältst du uns denn?“
Anariel brummte etwas von „Das wollt ihr bestimmt nicht wissen“ und gab ihrem Pferd die Fersen.


Gil-galad saß in seiner Halle und hörte dem Boten aufmerksam zu. Er kam direkt von Cirdan und überbrachte eine Botschaft, die eigentlich für Elendil und Narmacil bestimmt war. Beide befanden sich allerdings zur Zeit auf einem längeren Ausritt und wurden erst am späten Nachmittag zurückerwartet und so hatte Gil-galad ihn holen lassen, um die Nachricht gleich anzunehmen, damit der Bote sich ausruhen konnte.
Es waren, wie oft in jenen Zeiten, keine guten Nachrichten. Amandil hatte seinem Sohn einen Brief geschickt, in dem er ihn bat möglichst schnell zurückzukehren. Ar-Pharazôn hatte dem Drängen Saurons, Valinor anzugreifen endlich nachgegeben und eine riesige Flotte in Auftrag gegeben. In Númenor nannte man das Vorhaben nur die Große Rüstung und die Getreuen sahen sie mit Schrecken. Die Nachricht war nun leider fast einen Monate alt und keiner konnte sagen, wie sich die Dinge seither entwickelt hatten.
Gil-galad entließ den Boten mit sorgenvoller Miene. Er war sich jetzt sicher, dass etwas furchtbares mit Númenor und seinen Bewohnern geschehen würde. Umgehend ließ er ein Schiff klarmachen, dass schon am nächsten Tag würde auslaufen können.
Als Elendil und Narmacil guter Dinge von ihrem Ausflug zurückkehrten, empfing Gil-galad sie persönlich im Hof des Palastes. Elendil, der seinen Freund kannte, wusste sofort, dass etwas geschehen war und sie beeilten sich, in die große Halle zu kommen.
„Ich habe sehr schlechte Nachrichten für dich mein Freund“, begann Gil-galad ernst und überreichte Elendil den Brief seines Vaters.
„Ich habe es befürchtet“, sagte Elendil langsam, nachdem er die Zeilen gelesen hatte, und reichte sie an Narmacil weiter.
Gil-galad legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte ruhig: „Ihr müsst zurück nach Númenor. Ein Schiff, mit dem Ihr abreisen könnt, steht schon bereit.“
Narmacil ließ den Brief sinken und sagte: „Das wird nicht möglich sein, Majestät. Isildur, Anárion und meine Tochter sind heute morgen zu einem mehrtägigen Ausritt aufgebrochen. So viel ich weiß, wollten sie in Richtung Eisbucht.“
Elendil fasste sich an den Kopf und stöhnte: „Auch das noch! Warum muss das ausgerechnet jetzt sein?“
Gil-galad sagte beschwichtigend: „Ich schicke gleich einen Boten los. Er wird die drei heute noch zurückbringen.“
Elendil seufzte: „Ich danke dir Gil-galad. Ich werde mich eines Tages für deine Hilfe erkenntlich zeigen, das verspreche ich.
Gil-galad gab Elendil schweigend die Hand und drückte sie fest.


Wie der König versprochen hatte, trafen Anariel, Isildur und Anárion spät in der Nacht wieder in Forlond ein. Sie waren alle leicht verstimmt, weil man ihnen nicht gesagt hatte, warum ihre Rückkehr nicht noch hätte warten können, sagten aber nichts.
Gleich nach ihrer Ankunft wurden sie in die Halle Gil-galads gerufen. Mit ernster Miene erklärte Elendil ihnen die Umstände und bat sie schließlich, sofort alles für die morgige Abreisen zusammenzupacken. Keiner sagte noch etwas, der Schock über das Gehörte saß tief.
In aller Eile packte Anariel ihre Habseligkeiten zusammen, als es an der Tür klopfte.
Es war ein Elb, der ihr ein in blaues Tuch gewickeltes Geschenk überreichte. Noch bevor sie fragen konnte, war er schon wieder verschwunden.
Auf einem kleinen Stück Pergament stand in schnörkeliger Schrift:
„Wir sind traurig, dass du uns verlässt, du warst eine gelehrige Schülerin.
Öffne dieses Geschenk, wenn du zu Hause bist und erinnere dich an uns.
Angrod Gwindor
(Steph)