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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Wolf

Anôra zog, ohne die Augen von Erâzon zu lassen, langsam die Tür hinter sich zu und stieg vorsichtig die drei steinernen Stufen hinab, die rechte Hand auf das Heft ihres Dolches gelegt. Der junge Mann wich genauso langsam einige Schritte zurück, bis der große Tisch aus schwerem Eichenholz sich zwischen ihnen befand. Obgleich ein Mensch, verrieten seine wie zwei Holzkohlen glühenden Augen und seine leicht gebückte Haltung, als wolle er zu einem Sprung ansetzen, seine zweite Natur. Nun, wenn Erâzon zur Hälfte ein Wolf war, würde sie mit ihm wohl auch wie mit einem ungebändigten Tier umgehen müssen. Belzamir auf dem Boden regte sich unsicher. Anôra blieb, ohne weiter auf den Heiler zu achten, stehen, schaute geradewegs in die funkelnden Augen des Mannes vor ihr und sprach so leise und fest wie möglich, während ihre Hand sich um das Dolchheft schloss.
„Ich habe erwartet, dass du früher oder später auftauchst, mein Freund.“
„Ich bin nicht Euer Freund!“ knurrte ihr Gegenüber.
„Das ist kein Grund, unhöflich zu werden,“ zog Anôra die Augenbrauen hoch. „Ob Freund oder nicht, wir können immer noch in Ruhe reden, und davon abgesehen... warum wollt Ihr denn mein Feind sein?“
„Wollen?“ Ein tiefes, heiseres Lachen kam aus seiner Kehle. Anôra schauderte innerlich. Dieser Laut hatte nicht viel Menschliches an sich. „Ihr habt mich nie gefragt, was ich wollte. Und ausgerechnet jetzt soll ich mich entscheiden? Freund oder Feind? Kann ich wirklich Euer Freund sein, nach allem, was Ihr mir angetan habt?“ Erâzons Augen blitzen zornig auf. „Ihr habt mich doch selbst zu Eurem Feind gemacht!“
Anôra sah ihn nachdenklich an. Er war verständlicherweise sehr wütend, und vielleicht gehörte er wirklich unwiderruflich zu Saurons Feinden, doch sie wollte ihn nicht aufgeben, ein solcher Diener würde ihnen viel bringen... Zumindest wollte sie versuchen, das Ruder herumzureißen.
„Ich habe nur meine Befehle befolgt,“ erwiderte sie schließlich. „Es war zwar meine Pflicht, nach dem Entflohenen suchen zu lassen... aber eines müsst Ihr bedenken.“ Ein dünnes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Ich war nicht die, die Euch gefunden und verraten hat.“
Zufrieden beobachtete sie, wie Interesse die Wut auf den Zügen Erâzons ersetzte. Minutenlang konnte sie einen inneren Kampf in seinem Gesicht beobachten, bis schließlich die Neugier siegte.
„Wer... ?“ stieß er hervor.
„Eine junge Diebin namens Gwîndis,“ antwortete Anôra. „Wer außer einer Diebin hätte so wenig Gewissen und Mitgefühl, um einen wehrlosen kranken Mann in die Hände von Belzamir auszuliefern?“
„Wehrlos und krank...?“ Erâzon schloss die Augen und schien sich an etwas zu erinnern versuchen. „Eine Diebin sagt ihr?“ fragte er unvermutet scharf nach einigen Augenblicken.
„Ja,“ nickte Anôra. Es hatte wenig Sinn, ihm in dieser Richtung etwas vorzulügen, vor allem da Gwîndis ihre sämtlichen Erwartungen nicht im mindesten erfüllt hatte und stattdessen verschwunden war. „Eine Diebin hier aus Armenelos.“
Erâzon schwieg noch eine Weile, bis er die Augen hob, aus denen deutlich Verstehen hervorleuchtete.
„Wie sah sie aus?“ flüsterte er.
„Lange dunkle Haare, graue Augen, schlank, hübsch, nichts Außergewöhnliches eben,“ zuckte die Hofdame mit den Schultern.
„Eine Narbe? Hatte sie eine Narbe im Gesicht?“ Die Stimme ihres Gegenübers zitterte vor Aufregung.
„Ja, quer über die Wange...“ Anôra sah ihn verwirrt an. Woher wusste Erâzon von der Narbe? Er schien auf einmal zusammen zu sacken und fuhr sich mit der Hand über das blass gewordene Gesicht.
„Doppelt verraten,“ hörte sie ihn murmeln, bis der junge Mann sie erneut mit einem Ausdruck brennenden Hasses anblickte.
„Wisst Ihr, dass Eure Diebin es war, die mich befreit hat?“ zischte er.
„Was?“ Anôra starrte ihn entgeistert an. „Was sagst du da?“
„Ihr könnt es mir ruhig glauben! Eine junge Frau hatte mich befreit, mit dunklen Haaren und einer Narbe im Gesicht, eine Frau, die sich sehr gut mit dem Aufbrechen von Schlössern auszukennen schien. Sie hat erst mich verraten... dann Euch!“
Erâzon ballte wütend die Fäuste, während Anôra versuchte, diese Nachricht zu verarbeiten. Ihre Gedanken flogen wild durcheinander. Gwîndis war der geheimnisvolle Befreier. Gwîndis hatte sich also in den Tempel gestohlen und Erâzon entkommen lassen und dann... sie schnappte nach Luft und fühlte, wie auch von ihr unbändiger Zorn Besitz ergriff. Dann hatte dieses verlogene Stück Dreck sie also hintergangen, die Ahnungslose gespielt und sich sogar dazu bereit erklärt, den Entflohenen wieder einzufangen. Niemand durfte ungestraft so etwas mit ihr machen. Aber darum musste sie sich später kümmern, jetzt war es das Wichtigste, Erâzon auf die Seite Saurons zu ziehen.
„Ich bin dir gewissermaßen zu Dank verpflichtet,“ sprach sie schließlich. „Sie hat uns beide verraten. Und ich kann dir versprechen, dass sie ihre Taten bereuen wird.“
„Ich wüsste lieber, wer ich war!“
Sie blickte ihr Gegenüber verblüfft an. Er erinnerte sich also an nichts?
„Erzählt mir wer ich war!“ Erâzon beugte sich vor und seine Augen glühten hell auf. „Erzählt mir von meiner Vergangenheit. Was war bevor ich so erwachte?“ Er streckte ihr seine Arme hin. „Ich will wissen, wer ich war! Warum war ich krank und schwach als man mich gefunden hat, warum ein Flüchtiger? Und wie wurde ich zu dem, was ich jetzt bin? Erzählt es mir, wenn Ihr mir wirklich dankbar seid!“
Anôra schwieg. Was sollte sie ihm denn sagen? Doch nicht die Wahrheit, dass er eigentlich hätte ein willenloser Diener werden sollen, das würde ihn bestimmt nicht dazu bewegen, auf ihre Seite zu wechseln. Genauso wenig konnte sie ihm verraten, dass er zum Gefangenen wurde, weil er früher bei den Getreuen war. Die Gefahr, er würde diese Getreuen aufsuchen und sich ihnen erneut zuwenden war einfach zu groß.
„Es tut mir leid,“ seufzte sie schließlich. „Doch wir haben dich nicht zu dem gemacht, was du bist. Du warst es von Anfang an. Wir haben nur versucht, deine Energie in geordnetere Bahnen zu lenken. Ich kann dir nichts über deine Vergangenheit sagen, ich kenne sie nicht.“
„Du lügst!“ schrie Erâzon mit einem mal zornig auf. „Du weißt alles! Du willst es mir nur nicht sagen!“
„Glaube mir doch...“ versuchte sie es noch einmal, gleichzeitig langsam den Dolch herausziehend. Die Situation begann langsam, außer Kontrolle zu geraten. Und Belzamir schien anscheinend irgendwann während ihre Gespräches verschwunden zu sein.
„NEIN!“
Mit wutverzerrtem Gesicht sprang der Mann vor, und Anôra erstarrte vor Entsetzen als sein Schrei in lautes Knurren überging und seine Figur im Flug zusammenschrumpfte und sich mit Haaren bedeckte. Im letzten Moment überwand sie ihre Starre und warf sich zur Seite. In dem nächsten Augenblick landete dort wo sie eben gestanden hatte ein großer grauer Wolf. Er wandte den Kopf, sah sie aus seinen brennenden Augen an und fletschte die Zähne. Ohne lange zu überlegen warf Anôra den Dolch, doch das Tier wich blitzschnell aus, und nun war der Tisch wieder zwischen ihnen. Sie fluchte leise und legte ihre Hände um die Tischkante. Der Wolf sprang erneut, und in der gleichen Sekunde riss Anôra ihre Tischseite nach oben und stieß sie mit aller Kraft von sich. Ihr Gegner prallte mit der Holzplatte zusammen, der Tisch fiel polternd um und begrub das aufjaulende Tier unter sich.
„Wachen!“ schrie Anôra, lief zur Tür und warf diese auf.
„Wachen!“ rief sie noch einmal in den nächtlichen Garten und drehte sich um. Die Gestalt unter dem Tisch regte sich wieder, während draußen laute Soldatenstimmen zu hören waren und ihre schwarzen Umrisse sich aus der Dunkelheit näherten. Als die ersten jedoch die Tür erreicht hatten, fanden sie nur Anôra vor.
„Erâzon war hier, er ist im Labyrinth verschwunden. Folgt ihm!“ befahl sie scharf und verschwand zwischen den Bäumen in Richtung der Stadt. Sie hatte noch etwas zu erledigen.


Es dauerte einige Zeit, bis sie in der kleinen, schmutzigen Gasse ankam, in deren Mitte sich Xâdres´ Wirtshaus befand. Aber man hörte weder den üblichen Lärm, noch konnte sie Licht auf die Straße dringen sehen. Nur im hintersten Fenster war ein schwacher Lichtschein zu erkennen. Ohne ihre Schritte zu verlangsamen, stieß Anôra mit einem Schlag die nicht verschlossene Tür auf und stürmte hinein. Der große, ungewohnt leere und saubere Raum wurde nur dürftig von einer einzigen Kerze auf der Theke erhellt. Daneben stand Xâdres und schien die Einnahmen des Abends zu zählen. Als die Tür aufflog, hob er ruckartig den Kopf und sah Anôra entgeistert an.
„Was zum Henker...“ begann er.
„Wo ist Gwîndis?“ schnitt ihm Anôra ins Wort.
„Gwîndis? Warum... Weißt du überhaupt, wie spät es ist?“
„Nein, und das ist mir auch egal.“ Anôras Stimme zitterte vor Wut. „Ich will nur wissen wo diese verfluchte kleine Dirne steckt.“
„Sie war schon seit Monaten nicht mehr hier. Und ich weiß auch nicht, wo sie sein könnte.“
Anôra fluchte.
„Lass es mich wissen, falls sie wieder auftauchen sollte.“
„Das werde ich tun,“ nickte Xâdres langsam.
„Danke.“
Ohne ein weiteres Wort verschwand Anôra wieder so schnell, wie sie gekommen war. Xâdres sah ihr beunruhigt nach. Er hatte sie noch nie so zornig und aufgebracht erlebt. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Anôra ging in Gedanken versunken durch die leere Gasse. Es wäre wohl zwecklos, Soldaten auf die Suche nach Gwîndis zu schicken, das würde sie nur aufschrecken und vorsichtig werden lassen. Dann könnte man die ganze Sache vergessen. Nein, da musste eine andere Lösung her. Doch was hatte die Diebin überhaupt im Tempel zu suchen gehabt? Wie hatte sie Erâzon in diesem Labyrinth gefunden? Und wie war sie hinein- und hinausgekommen ohne dass sie jemand bemerkt hatte? Fragen, auf die schnell eine Antwort gefunden werden musste...
Anôra verlangsamte ihre Schritte und blieb schließlich ganz stehen. Sie hatte beinahe eine Ecke erreicht, an der die Gasse in eine andere abbog. Alles war in tiefe Dunkelheit getaucht, so dass sogar ihre Augen nicht viel mehr als die wagen Umrisse der Häuser erkennen konnten. Stille lag über den schiefen Dächern, nur gefiel ihr diese Stille nicht. Etwas in der kühlen Nachtluft war nicht so, wie es sein sollte. Sie ließ ihre Hand in einer gewohnten Bewegung an ihre Hüfte gleiten und erstarrte. Ihr Dolch war nicht da.
Stimmt, sie hatte ihn in Belzamirs Labor fallen gelassen, als sie den Tisch auf Erâzon umwarf, und nachher nicht mehr daran gedacht, als sie blind vor Wut in die nächtliche Stadt rannte. Vorsichtig machte sie einen Schritt nach vorne und stürzte, von einem fast unsichtbaren dunklen Schatten umgeworfen, auf den Boden. Anôra rollte sich zur Seite und sprang auf, doch ein zweiter, noch härterer Stoß ließ sie erneut fallen und mit dem Kopf gegen die steinerne Wand eines Hauses prallen. Für einen Augenblick wurde es schwarz vor ihren Augen.
Als sie wieder zu sich kam spürte sie einen schweren Druck auf der Brust, und durch das Klingeln in ihren Ohren hörte sie deutlich ein Knurren. Erâzon... nein, der Wolf, der aus ihm geworden war, drückte sie auf den Boden. Heißer Atem streifte ihr Gesicht, als sich seine Schnauze mit den gefletschten Zähnen zu ihr herabsenkte. Anôra schrie auf, stieß den Kopf mit aller Kraft von sich und versuchte, ihn von sich zu werfen. Das Tier knurrte wütend auf, doch es blieb stehen. Die großen Zähne schnappten mit einem ekelhaften Geräusch direkt vor ihrem Hals, als Anôra sich in einem erneuten verzweifelten Versuch aufbäumte und die Knöchel beider Hände in die Brust des Tieres rammte. Der Druck auf ihr verschwand. Sie setzte sich auf und versuchte aufzustehen, aber als sie den Kopf wandte wusste sie, dass es aus war.
Der Wolf stand fast direkt vor ihr. Er würde ihr keine zweite Gelegenheit geben, sich irgendwie gegen einen neuen Angriff zu wehren, und ohne ihre Waffen konnte sie so oder so nichts mehr gegen ihn ausrichten. Der Wolf senkte den Kopf und sprang.
Anôra biss die Zähne zusammen, doch der erwartete Schmerz kam nicht. Stattdessen hörte sie ein lautes Aufjaulen. Das Tier wurde mehrere Schritte weit zurückgeschleudert und schlug schwer auf der harten Erde auf. Xâdres stand über ihr, mit einer alten Holzlatte in der Hand. Er packte Anôra am Arm und riss sie in die Höhe.
„Lauf!!!“ stieß er aus.
Er brauchte es nicht zu wiederholen, denn der Wolf rappelte sich schon wieder auf. So schnell sie konnte lief Anôra los, doch in der Hälfte des Weges sah sie zurück. Xâdres war weit zurückgefallen, und sogar in dem Dunkel der Gasse konnte sie sehen, dass sein Gesicht schmerzverzerrt war und sein Hinken sich verschlimmert hatte. Und hinter ihm tauchte ein dunkler Schatten auf, der sich mit großen Sprüngen näherte. Ohne lange zu überlegen, drehte sie sich um und lief zurück.
„Bist du verrückt?“ schrie Xâdres, als er sah, was sie tat. „Er wird gleich hier sein!“
„Das sehe ich auch!“
Anôra wartete eine Antwort nicht ab, sondern legte Xâdres´ Arm um ihre Schultern und rannte mit ihm zum Gasthaus. Es ging schneller als sie dachte, aber es erwies sich auch als schwerer wie erwartet. Nur noch wenige Schritte vom Gasthaus entfernt spürte sie, wie bittere Galle in ihrem Hals hochstieg und bunte Kreise vor ihren Augen zu tanzen anfingen. Als hätte Xâdres es gespürt nahm er seinen Arm herunter.
„Den Rest schaffe ich auch allein,“ keuchte er. Tatsächlich hatten sie das Ziel, den Eingang zum Wirtshaus, erreicht, aber als Anôra einen zweiten Blick zurück warf spürte sie, wie kalte Angst sie wieder packte. Der Wolf hatte sie ebenfalls fast eingeholt. Mit letzter Kraft stürzten sie in das Haus und schlugen die rettende Tür hinter sich zu, die im gleichen Moment von einigen heftigen Schlägen erschüttert wurde. Danach war alles ruhig.
Anôra schloss die Augen und glitt stöhnend an der Wand hinunter. Langsam beruhigte sich ihr Atem und mit ihm die Angst.
„Gut,“ hörte sie Xâdres nach einigen Augenblicken sagen. „Jetzt hätte ich gerne eine Erklärung.“
Anôra machte die Augen auf. Er saß neben ihr auf dem Boden, das blasse Gesicht mit feinen Schweißtröpfchen bedeckt.
„Eine Erklärung für was?“
„Für was?“ Xâdres sah sie verwundert an. „Für das was eben passiert ist, zum Beispiel.“
„Was soll ich dir denn erzählen, was du nicht selbst gesehen hast? Ein tollwütiger Hund hat mich angefallen, was gibt es da zu erklären?“
„Bitte Anôra.“ Sein Blick wurde skeptisch. „Ich bin vielleicht nicht mehr in der Schwarzen Garde, aber ein Bauerntölpel, der jeden Unfug glaubt den man ihm erzählt, bin ich genauso wenig. Ich weiß wie Hunde aussehen und wie sie sich benehmen, und das hier war ganz bestimmt keiner. Es war ein Wolf.“
„Na und wenn schon?“ Anôra zuckte mit den Schultern. „Woher soll ich wissen woher er kam?“
„Oh, natürlich, es rennen ja auch so viele Wölfe in Armenelos herum, die Jagd auf Hofdamen machen, die sich rein zufällig mitten in der Nacht ins Gaunerviertel verirrt haben.“ Xâdres lächelte schief.
„Ich sehe keinen Grund warum ich dir etwas darüber erzählen sollte.“ Anôras Stimme blieb ruhig, aber es kostete sie Überwindung, nicht loszuschreien. Genau solche spöttischen Kommentare hatten sie seinerzeit mehr als einmal die Beherrschung verlieren lassen.
„Vielleicht weil ich dir gerade das Leben gerettet habe?“ Xâdres´ Augen blitzen wütend auf.
„Keiner hat dich dazu gezwungen!“ fauchte Anôra.
„Was hätte ich denn sonst tun sollen? Diesem... diesem Vieh dabei zusehen, wie er dich zerfleischt?“
„Du hättest mir gar nicht erst nachspionieren sollen!“ schrie Anôra nun doch. „Es ging dich verdammt noch mal nichts an!“
„Ach, es geht mich nichts an?“ Auch Xâdres´ Stimme wurde ebenfalls laut. „Ich helfe dir und gehe dabei beinahe selbst vor die Hunde und du meinst es geht mich nichts an!“
„Ich habe dich nie darum gebeten, mir zu helfen!“
„Ja, das hätte in dein schönes glattes Weltbild gepasst, was? Die große Anôra allein gegen den Rest der Welt! Kratzen wir ihre Überreste von der Straße!“
Er sprang auf, fluchte und verschwand in der Tür hinter der Theke. Anôra ballte die Fäuste so fest dass sich ihre Nägel in die Handflächen gruben und atmete tief durch. Das half, oder zumindest hatte sie nun nicht mehr das Bedürfnis, Xâdres irgendetwas Schweres an den Kopf zu werfen, falls er wieder auftauchen sollte. Sie seufzte, lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Wenigstens bis zum Morgengrauen würden sie miteinander auskommen müssen, jetzt in der Nacht zurück zum Palast zu gehen wäre Selbstmord. Und irgendwo konnte sie Xâdres ja schon verstehen, wenn man so knapp dem Tod entronnen war, möchte man nachher auch wissen, weswegen man sein Leben riskiert hatte. Nur konnte sie es ihm nun mal nicht sagen, und das würde er akzeptieren müssen.
Nach einer Weile hörte sie Schritte die sich ihr näherten und wie etwas neben ihr abgestellt wurde, doch sie rührte sich nicht. Plötzlich spürte sie, wie eine Hand ihr Gesicht anhob und riss die Augen auf.
„Du hast eine Wunde auf der Schläfe,“ erklärte Xâdres ruhig. Er kniete vor ihr, eine große Schüssel aus Steingut voll mit heißem, nach Kräutern duftenden Wasser und ein weiches weißes Tuch rechts von sich abgelegt. Anôra entspannte sich wieder und fuhr mit den Fingerspitzen über ihre Schläfe. Als sie sich ihre Hand wieder vor die Augen hielt waren sie blutverschmiert.
„Ich bin vorher mit dem Kopf gegen eine Mauer geflogen. Ist es schlimm?“
„Das kann ich jetzt nicht sagen, man kann vor lauter Blut die Wunde nicht sehen. Aber ich denke nicht, dir scheint es ja verhältnismäßig gut zu gehen. Spürst du denn nichts?“
„Doch, es tut etwas weh und pocht, ich habe gedacht, das würde von dem Schlag kommen...“
„Wie dem auch sei, darf ich jetzt?“ fragte Xâdres mit einem Wink auf die Schüssel. Anôra nickte. Er tauchte ein Ende des Tuches neben ihm in das Wasser und seine Finger zitterten leicht, als er ihr mit der anderen Hand vorsichtig die Haare aus dem Gesicht strich. Dann tupfte er sanft mit dem Tuch über die Wunde. Sofort schoss ein brennender Schmerz durch ihre Schläfe und Anôra biss sich auf die Lippe um nicht aufzuschreien. Xâdres ließ das Tuch wieder ins Wasser sinken und strich damit erneut über die verwundete Stelle. Er wiederholte den Vorgang mehrmals, und erst, als sich das Wasser in der Schüssel deutlich rot gefärbt hatte, nickte er zufrieden und legte das Tuch weg.
„Fertig,“ meinte er. „Es sah wesentlich schlimmer aus als es ist. Du hattest wirklich Glück gehabt, du bist nicht direkt mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen, sondern hast dir nur eine leichte Schürfwunde geholt.“
„Oh ja, ich werde heute regelrecht von Glück verfolgt,“ meinte Anôra sarkastisch.
Xâdres sah sie scharf an und stand dann auf. „Lege dich lieber auf eine Bank,“ meinte er. „Ich bringe dir eine Decke.“
Anôra schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht müde.“
„Das glaubst du doch selbst nicht,“ hob Xâdres die Augenbrauen. „Jetzt stell dich nicht so an und lege dich bis zum Morgen hin, schaden wird es dir bestimmt nicht.“
Mit diesen Worten begab er sich wieder in den hinteren Teil des Raumes, diesmal allerdings ging er eine unauffällige Treppe in der hintersten Ecke hoch und nach einiger Zeit hörte Anôra seine Schritte über sich.
Kaum hatte sie sich auf eine Bank in einer Wandnische in der Nähe der Theke gesetzt kam Xâdres zurück.
„Hier,“ reichte er ihr eine große Felldecke.
„Danke. Kannst du mich bei Sonnenaufgang wecken, falls ich einschlafe?“
„Ja,“ lächelte Xâdres.
Das erste Mal seit sie ihn wiedergesehen hatte lächelte er richtig.
Anôra vertrieb verärgert den Gedanken, wickelte sich in die Decke und legte sich hin. Die Sorgen und Aufregung der Nacht verließen sie nach und nach, bis ihre Augen schließlich zufielen. Xâdres setzte sich an den Tisch ihr gegenüber, stütze den Kopf an den angewinkelten Armen ab und sah Anôra nachdenklich an. Der sanfte Schein der Kerze ließ ihre Züge etwas weicher wirken, aber er ließ nicht die zwei kleinen harten Fältchen verschwinden, die sich um ihre Mundwinkel gebildet hatten. Er wusste ganz genau, wann sie aufgetaucht waren, sie waren das Erste gewesen was ihm auffiel, als er nach seinem Sturz vor nunmehr zehn Jahren im Palast wieder zu sich gekommen war. Ihr Gesicht schien sich seit dem überhaupt nicht verändert zu haben, nur das Mädchenhafte war vollends verschwunden und hatte einer kalten, schon fast erschreckenden Schönheit Platz gemacht. Er wollte gar nicht erst wissen, wie viel Macht mittlerweile ein Wort aus ihrem Mund hatte. Vielleicht, weil er bereits wusste, welchen Preis sie dafür zahlte.
Ein wütender Blitz flackerte in seinen Augen auf, als er daran dachte.
„Du hast alles an ihn verloren, was dich je wirklich lebendig gemacht hat,“ flüsterte er. „Du erinnerst dich nicht einmal an das Leben das er dir genommen hat, du bist wie eine schlafende Prinzessin in einem Sarg aus Eis. Nur vergisst er, dass du irgendwann genug hast und aufwachen wirst. Wenn es Zeit ist, wirst du die Augen aufschlagen ... und dann möchte ich nicht der sein, den du als ersten siehst.“


Anôra hob den Kopf und blinzelte. Ein paar schiefe Sonnenstrahlen hatten sich durch die matten Fensterscheiben auf den staubigen Boden und die zerkratzen Tische und Bänke gelegt. Ihr Gegenüber schlief, immer noch am Tisch sitzend, Xâdres, den Kopf auf die Arme gebettet. Sie tatstete vorsichtig über ihre Stirn und verzog missmutig das Gesicht. Die Wunde blutete zwar nicht, schmerzte dafür aber mehr als genug, außerdem dröhnte ihr immer noch der Schädel. Doch darum wurde sich bald Belzamir kümmern. Lautlos streifte sie die Decke ab, durchquerte den in weiches Morgenlicht getauchten Raum und drehte sich an der Tür kurz um. Xâdres regte sich noch immer nicht, nur ein Lichtstrahl hatte sich in seinen verworrenen schwarzen Haaren verfangen. Anôra öffnete leise die Tür und glitt hinaus.
Schnellen Schrittes ging sie durch die vom ersten Sonnenlicht erhellten Straßen zum Palast. Die wenigen Menschen, die ihr begegneten, beachteten sie kaum, nur wenige sahen sie im Vorbeieilen missbilligend an. Eine junge, einfach gekleidete Frau mit einem Marktkorb auf dem Arm zog beim Anblick der Hofdame ihren kleinen Sohn an sich, bedachte sie mit einem schiefen Blick und flüsterte dem Jungen etwas von 'diesen verruchten Landstreichern' zu. Anôra grinste schief, sie konnte sich gut vorstellen, was für einen Anblick sie bot, mit ihren verdreckten, zerrissenen Kleidern, dem Straßenstaub in dem wirren roten Haar und der Wunde auf der Schläfe. Andererseits war eine solche Aufmachung wesentlich unauffälliger, als ein Spaziergang durch die Straßen in voller Pracht, obwohl wahrscheinlich nicht einmal das um diese Uhrzeit aufgefallen wäre, da noch kaum jemand draußen anzutreffen war.
Je mehr sie sich jedoch dem Palast näherte, desto mehr Menschen begegneten ihr, in den meisten von denen sie mit Erstaunen Palastdiener erkannte, die mit besorgten Gesichtern die Straßen nach etwas abzusuchen schienen. Der Hügel selbst wimmelte nur so von Soldaten der Schwarzen und der Palastgarde. Vier von den letzteren waren am Beginn der weiß gepflasterten Straße postiert und stellten sich Anôra in den Weg, sobald sie die Steine betreten wollte.
„Verschwinde,“ befahl einer von ihnen abfällig. „Bettler haben hier nichts verloren.“
„Seid ruhig und lasst mich durch,“ antwortete Anôra ärgerlich. Eine Diskussion mit diesen Hohlköpfen, die eine Bettlerin nicht von einer Adligen unterscheiden konnten, hatte ihr gerade noch gefehlt.
„Du willst mir Befehle geben?“ lachte der Soldat. „Ich muss sagen, du hast Mut. Für den werde ich dir die wohlverdienten Schläge ersparen. Und du solltest lieber gehen, bevor ich es mir anders überlege.“
Farbe schoss Anôra ins Gesicht.
„Lass mich sofort passieren, du Narr, und dann werde ich dir vielleicht die Entlassung aus dem Dienst des Königs ersparen,“ fauchte sie und machte einen Schritt nach vorne.
Die Gesichter der Soldaten, die eben noch amüsiert lächelten, wurden schlagartig ernst und der, der mit ihr gesprochen hatte, zog sein Schwert.
„Ich sagte, du sollst verschwinden du dreckige Dirne,“ knurrte ihr Anführer.
„Und ich sagte, dass du mich auf der Stelle durchlassen sollst, wenn du nicht in den Palastverliesen verrecken willst,“ gab Anôra wütend zurück. Ohne dem Soldat Zeit für eine Antwort zu lassen schlug sie ihm mit einer plötzlichen Bewegung das Schwert aus der Hand und riss es an sich.
Der Gardist sah einen Augenblick lang verblüfft seine leeren Hände an, dann wurde sein Gesicht rot vor Zorn.
„Verhaftet sie!“ brüllte er.
Drei Schwerter blitzen in der Sonne auf, als die übrigen Männer sich in einem Halbkreis vor Anôra aufstellten. Sie wich einige Schritte zurück und umfasste den Schwertgriff ein wenig fester. Diese vier Tölpel würden für ihre Beleidigungen mit dem Leben bezahlen.
„Halt! Sofort aufhören! Ihr drei da, Schwerter runter!“ erscholl in diesem Moment ein Schrei von oben und Zimalkhâd kam in großen Sprüngen den weißen Weg hinuntergerannt.
„Schwerter weg,“ wiederholte er keuchend, sobald er einen Augenblick später bei der kleinen Gruppe angekommen war.
„Aber Herr, diese Dirne hat mein Schwert ge...“ fing der entwaffnete Soldat verwirrt an.
„Wagt es nicht noch einmal, sie eine Dirne zu nennen!“ fuhr Zimalkhâd ihn an. „Ich sehe selbst, dass sie euer Schwert hat, und ihr könnt von Glück reden, dass sie euch damit noch nicht die Kehle aufgeschlitzt hat! Was ihr im übrigen verdient hättet, wenn ihr die erste Hofdame des Königs für ein Straßenmädchen haltet!“
„Hofdame?“ Die Männer starrten entgeistert Anôra an, die mit einem schiefen Lächeln das Schwert hängen ließ.
„Ja, verdammt! Und jetzt macht endlich Platz! Anôra, gib ihm sein Schwert zurück, bitte!“
Anôra ließ das Schwert in den Staub fallen und ging betont langsam an den Soldaten vorbei, den plötzlichen starken Wunsch unterdrückend, ihrem Anführer die Zunge herauszustrecken.


„Was ist hier los?“ fragte sie Zimalkhâd, währen sie den Hügel hinauf eilten. „Die ganze Palastumgebung sieht ja wie ein aufgewühltes Wespennest aus.“
„Ihr habt noch nicht erlebt, was sich im Palast selbst abspielt,“ schüttelte der Soldat den Kopf. „Wo wart Ihr die ganze Nacht? Wir suchen Euch schon seit Stunden.“
„Aber dieses ganze Theater ist wohl kaum deswegen veranstaltet worden?“ Anôra kniff skeptisch die Augen zusammen.
„Nein, das nicht. Ihr werdet ja gleich alles selbst von Sauron hören.“
„Ihr meint... ich soll gleich zu ihm? In diesem Aufzug?!“
„Ich glaube Euer Aufzug ist unter den jetzigen Umständen eher nebensächlich. Obwohl ich ja schon gerne wissen würde, mit wem ihr da eine Meinungsverschiedenheit hattet,“ grinste Zimalkhâd.
„Das werdet Ihr noch früh genug erfahren... Falls Sauron mich dafür nicht für einen Monat in den Kerker verbannt.“
„Was habt Ihr denn angestellt, dass Ihr mit solch einer drakonischen Strafe rechnet?“ Der Blick des Soldaten wurde nun ehrlich interessiert.
„Nichts wofür ich übermäßigen Lob verdient hätte,“ verzog Anôra den Mund. „Lassen wir dieses Thema vorerst.“
In stummer Übereinstimmung machten sie einen großen Bogen um die große Treppe des Haupteinganges, umrundeten stattdessen die Ställe und verschwanden durch den Dienstboteneingang in dem unterirdischen Teil des Palastes. Doch sogar hier unten war etwas von dem Chaos zu spüren, das nach Zimalkhâds Worten oben herrschte. Diener rannten ohne jeden ersichtlichen Grund wie aufgescheuchte Hühner hin und her, man hörte das ungewohnt laute Gekeife der Hof- und Kammermägde vor dem Hintergrund eines unaufhörlichen Schepperns und Klirrens aus der Richtung der Küchen, und ab und zu wurden sämtliche anderen Geräusche von dem dröhnenden Bass des Ersten Kochs übertönt, der anscheinend alle fünf Minuten jemanden fand, dem er aufgrund seiner Vergehen wüste Beschimpfungen und Flüche zubrüllen konnte. Nach einiger Zeit wurde es allerdings ruhiger, die Gänge leerer und bald hatten die beiden die Türe zu den Gemächern des Beraters des Königs erreicht.


Sein Arbeitszimmer war wie immer in ein kühles Halbdunkel getaucht, nur wenige Sonnenstrahlen fanden ihren Weg zwischen den schweren Samtvorhängen. Sauron saß zurückgelehnt in dem Sessel hinter seinem Tisch, auf dem nichts außer einer heruntergebrannten Kerze stand, und in der dunkelsten Ecke hinter ihm kauerte auf einem Stuhl eine zweite Gestalt, doch lagen zu viele Schatten auf deren Gesicht, als das man mehr als die wagen Umrisse erkennen konnte.
„Setz dich,“ meinte Sauron und nickte auf einen der zwei Sessel vor dem Tisch. „Und Ihr Euch auch, Zimalkhâd.“
Eine Weile schwieg er, mit seinen hellen stechenden Augen über Anôras Gesicht und Kleidung gleitend.
„Du scheinst eine aufregende Nacht erlebt zu haben,“ hob er nach einer Weile erneut zum Sprechen an. „Ich hoffe, du hast eine Erklärung für dein plötzliches Verschwinden und dein jetziges Aussehen?“
„Ja, Herr,“ nickte Anôra und rutschte in ihrem Sessel hin und her. Sie wäre jetzt lieber irgendwo weit weg von hier. „Aber was ist mit...“
„Mit ihm?“ fragte Sauron, leicht auf den dunklen Umriss in die Ecke deutend. „Mach dir keine Gedanken darum. Nun, ich höre.“
„Ich bin in Belzamirs Labor reingeplatzt, als er gerade eine kleine Auseinandersetzung mit Erâzon hatte,“ fing Anôra an. „Was ihm die Gelegenheit gab, sich auf die Suche nach Hilfe zu entfernen, was Euch sicher schon bekannt ist, während ich mich mit Erâzon unterhielt. Und der hat mir unter anderem erzählt, dass Gwîndis es war, die ihn befreit hatte. Dann kamen die Soldaten und er floh. Und obwohl ich hätte zu Euch gehen und über unser Gespräch berichten sollen, war ich so wütend, da man mich hintergangen hatte, dass ich es nicht tat.... Ich rannte stattdessen ohne zu überlegen in die Stadt, um diese Diebin zu suchen,“ fügte sie kleinlaut hinzu. „Und in einer Gasse im südlichen Teil fiel Erâzon mich in Wolfsgestalt an, er muss wohl meine Fährte aufgespürt haben... Letztlich konnte ich mich in ein leer stehendes Haus retten, in dem ich die Nacht verbrachte, und begab mich mit den ersten Sonnenstrahlen zurück zum Palast.“
Schweigen kehrte in dem Raum ein. Zimalkhâd sah Anôra mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid an, während Sauron sie wortlos fixierte, bis sie schuldbewusst ihren Kopf sinken ließ.
„Über dein Verhalten unterhalten wir uns später,“ sagte er schließlich. „Ich habe dich aus einem anderen Grund herbestellt. Du hast die Aufregung im Palast sicherlich schon bemerkt.“
Anôra nickte.
„Nun,“ fuhr Sauron fort, „die rührt daher, dass jemand heute Nacht im Palast die Nachricht verbreitet hatte, dass hier ein Werwolf herumläuft, der bereits versucht hätte, zwei Menschen umzubringen. Du kannst dir vorstellen, was für eine Panik da ausbrach. Und inmitten dieses Tumults wurde Ligéia entführt.“
„Ligéia!“ fuhr Anôra verwundert auf. „Belzamirs Schwester?“
„Genau die. Es scheint das Werk von Grizmor zu sein, genau wie die ausgelöste Panik. Er muss sie ganz bewusst herbeigeführt haben... und deshalb glaube ich auch, dass der Angriff von Erâzon kein Zufall war. Anscheinend war das alles auf Dauer geplant gewesen.“
„Aber warum... warum wollte ausgerechnet Grizmor Belzamirs Schwester entführen? Ich verstehe nicht... “
„Weil dieser miese Betrüger meinen Posten haben wollte,“ zischte auf einmal die Gestalt in der Ecke, beugte sich vor und Anôra erkannte mit Staunen Belzamir, der, mit blassem Gesicht und glühenden Augen mehr einem Fieberkranken glich denn dem hochmütigen und stets um kühle Distanz bemühten Heiler, den sie kannte. „Er war zu alt und zu schlecht für diese Aufgabe, und jetzt rächt er sich auf diese Weise an mir!“
„So sieht es aus,“ stimmte ihm Sauron zu. „Und was schlimmer ist, die beiden sind nicht mehr in der Stadt. Das Fehlen Ligéias wurde erst spät entdeckt, noch länger hatte es gedauert, bis klar wurde, dass Grizmor sich ihrer bemächtigt hatte und bis dann endlich Soldaten zu den Toren geschickt wurden, konnten die Torwachen ihnen nur noch erzählen, dass Grizmor vor einigen Stunden in westlicher Richtung aus der Stadt geritten ist, in Begleitung mehrerer bewaffneter Männer und eines sehr schläfrig aussehenden Mädchens. Er erzählte ihnen etwas von einem Auftrag in Andúnié... Ich habe die Soldaten nicht auf die Jagd nach ihm ausgesandt, erstens wäre es zu riskant gewesen, da Grizmor zu allem fähig wäre, sollte er die Verfolger bemerken, und zweitens wird er auch kaum wie angekündigt nach Andúnié oder überhaupt weiterhin in westlicher Richtung reiten. Für eine Verfolgung braucht es also nicht nur jemanden, der kämpfen kann, sondern auch jemanden der sich zu verbergen weiß und des Fährtenlesens kundig ist. Deshalb möchte ich dir diese Aufgabe übertragen.“
„Wie Ihr wünscht, Herr.“ Anôra stand auf und verbeugte sich. „Wann soll ich aufbrechen?“
„Heute abend. Bis dahin kannst du dich ausruhen, außerdem wäre es auch am besten, wenn Ihr erst bei Einbruch der Dunkelheit los reitet, falls jemand von Grizmors Leuten die Stadttore beobachtet.“
„Wir?“
„Du und Belzamir,“ erklärte Sauron.
„Ich soll mit ihm reiten?“ Anôra sah ihren Herrn entsetzt an.
„Aber Herr... “ Belzamir schnappte nach Luft. Sein Blick war nicht viel anders als der von Anôra, diese Nachricht hatte ihn anscheinend ebenfalls aus heiterem Himmel getroffen.
„Natürlich. Vergiss bitte nicht, dass Grizmor auch Magie beherrscht, gegen die Belzamir mehr gefeit ist als du – während du mit seinen Leuten fertig werden und ihrer Fährte folgen musst,“ schloss Sauron in einem Ton, der keine Widerrede zuließ und warf einen strengen Blick zu Zimalkhâd, aus deren Richtung ein leises Geräusch gekommen war, das sich sehr nach einem unterdrückten Lachen angehört hatte.
„Und jetzt geht und bereitet euch auf eure Reise vor. Bei Sonnenuntergang werden euch bei den Ställen fertig gesattelte Pferde erwarten. Zimalkhâd, du bleibst bitte noch hier.“
Belzamir und Anôra verneigten sich und verließen den Raum. Sobald die schweren Holztüren hinter einer Windung des Ganges verschwunden waren, verlangsamten sie ihre Schritte und sahen einander düster an.
„Ihr habt gehört, was Sauron gesagt hat,“ meinte Belzamir. „Das Leben meiner Schwester ist in größter Gefahr, also macht keine Dummheiten während wir Grizmor verfolgen.“
„Eure Ratschläge könnt Ihr für Euch behalten,“ warf Anôra gereizt den Kopf zurück. „Ich kenne mich etwas besser mit diesen Dingen aus.“
„Das spielt überhaupt keine Rolle! Es geht jetzt nur darum, Ligéias Leben zu retten, und nicht darum, sich schwertschwingend in den ersten Kampf zu stürzen... was ich mir bei Euch leider zu gut vorstellen kann.“
„Na, Ihr müsst es ja wissen,“ schnaubte Anôra verächtlich.
„Ich weiß mehr als genug!“ Der Heiler wurde blass vor Zorn. „Ohne mich werden Euch Eure sämtlichen Kampfkünste nichts nützen, wenn Ihr erst Grizmor gegenübersteht.“
„Das werden wir ja sehen,“ stieß Anôra hinter den Zähnen hervor und verdoppelte ihr Tempo.
Sie wollte die Gesellschaft dieses arroganten Besserwissers nicht länger als nötig ertragen.


Ein glückliches Winseln war das erste was sie hörte, während sie die Tür zu ihren Gemächern aufsperrte, und als sie einen Moment später den Wolfswelpen an sich drückte war sämtlicher Ärger vergessen.
„Na, wie geht´s dir, mein Kleiner?“ fragte sie fröhlich, während Farkhor begeistert ihr Gesicht ableckte. „Hat sich Mâreth gut um dich gekümmert?“
„Das habe ich, Herrin,“ antwortete eine leise Stimme. Anôra drehte sich um und blickte in Mâreths lächelndes Gesicht.
„Verzeiht dass ich ungebeten hereinkomme, aber ich wollte fragen, ob ihr vielleicht ein Bad möchtet?“
„Oh... stimmt ja, ich habe ganz vergessen wie ich aussehe,“ lachte Anôra auf. „Ja, mach mir bitte ein Bad solange ich versuche, meine Haare wieder auseinander zu kriegen.“
Mâreth lief davon, um die Zufuhr von heißen Wasser für Anôras Becken anzuordnen. Anôra stellte sich seufzend vor den Spiegel in ihrem Schlafzimmer und nahm sich mit Hilfe einer Bürste ihrer Haare an, gab dieses Unterfangen aber nach einigen erfolglosen Versuchen auf und ließ sich stattdessen mit Farkhor auf dem Bauch aufs Bett fallen. Sollte Mâreth sich doch später damit befassen, bei ihr klappte das sowieso wesentlich besser, während sie selbst sich immer nur Unmengen von Haaren herausriss, sobald sie es auf eigene Faust versuchte. Müde betrachtete sie den seidenen Baldachin über ihren Kopf und dachte über die Ereignisse der vergangenen Stunden nach. Es war wirklich eine Plage, in der letzten Zeit hatte sie überhaupt keine Ruhe mehr, und jetzt hatte sie auch noch einen entlaufenen Werwolf samt einem übergeschnappten ehemaligen Heiler am Hals. Und wie so oft in diesen Tagen konnte ihr nicht einmal Zimalkhâd bei ihren Aufgaben helfen, da er selbst bis über beide Ohren damit beschäftigt war, Ruhe in der Stadt zu halten. Ach ja, Zimalkhâd... Nachdenklich strich Anôra mit dem Fingern durch Farkhors Fell und runzelte die Stirn. Was hatte Sauron auf einmal mit ihm zu besprechen, wobei sie nicht anwesend sein konnte? Dann zuckte sie die Schultern und verwarf den Gedanken wieder, wahrscheinlich nur irgend etwas, das die Überwachung der Stadt betraf. Sie schloss die Augen und merkte nicht, wie weicher Schlaf sie von einer Minute auf die andere übermannte.
(Polina)