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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Annatar

Regen. Überall war nur Regen. Sie erkannte hinter der grauen raschelnden Wand zwar mit einiger Mühe die schattenhaften Umrisse der Häuser, die vielleicht Schutz vor dem Regen geboten hätten, doch sie hatte keine Zeit, überhaupt keine Zeit. Sie musste sich beeilen, es war wichtig, dass sie bald ankam, dass sie das, was sie suchte, so schnell wie möglich fand. Es war dringend, das wusste sie, doch so viel sie sich auch bemühte, konnte sie den Grund ihrer Suche nicht erkennen, als wäre auch der vom Regen verborgen worden. Sie ging schneller, schließlich lief sie, ohne zu wissen, wohin sie lief, und wo sie war. Der Regen prasselte weiter hernieder, er fiel mit einem klatschenden, harten Geräusch auf das feuchte Pflaster und durchnässte ihre Kleider, doch obwohl sie die Kälte spürte, fror sie nicht, und lief weiter, immer weiter. Wind kam auf und das Wasser peitschte ihr ins Gesicht, die Tropfen formten sich zu grauen Schwaden, die sich wie kleine Wirbelwinde drehten und an ihren Kleidern und Haaren zerrten. Es wurde immer schwieriger, weiter zu kommen, mit jedem Schritt wurden ihre Beine schwerer und die ständige Bewegung raubte ihr den Atem. Trotzdem kämpfte sie gegen den Wind und den Regen an. Nach einer Weile hörte das Straßenpflaster auf und die Häuser verschwanden. Unter ihren Füßen war platschender Dreck, und der Regen ringsherum schien die ganze Welt auszufüllen. Schließlich gaben ihre Beine nach und sie fiel auf die Knie, nach Luft schnappend, mit Schmerzenstränen in den Augen, die sich mit dem kalten Regen vermischten. Mit einer Anstrengung hob sie den Kopf und plötzlich schien sich der Regen vor ihr zu lichten, als bilde sich ein schmaler Tunnel in der Wassermauer, die zu ihren Seiten genauso dicht blieb wie vorher. Sie sah die Straße, auf der sie eben gelaufen war, wie sie in einiger Entfernung auf einen Hügel stieg. Eine Figur erschien dort, wo sich die Straße mit dem Himmel schnitt, und zunächst waren nur ihre Umrisse erkennbar, die sich schwarz gegen den hellgrauen Horizont dahinter abhoben. Dann wurde der Regen vor ihr noch schwächer und sie erkannte Xâdres. Er war in die Uniform eines Schwarzgardisten gekleidet, und die durchnässten schwarzen Haare fielen ihm in Strähnen in die Stirn und auf die Schultern, und als sich ihre Blicke trafen, wusste sie, dass sie es nicht geschafft hatte. Sie hatte zu lange gebraucht, zu lange gezögert, sich zu sehr von dem Tanz der Regenschwaden ablenken lassen. Sie war zu spät. Xâdres zuckte mit den Schultern, drehte sich um und verschwand hinter der Kuppe. Sie versuchte ihm nachzurufen, dass er warten möge, doch der Wind trug den Schrei fort, erstickte ihn in seinem Heulen, das immer mehr anstieg und immer lauter wurde, bis schließlich ein ohrenbetäubender Knall kam.
Anôra riss die Augen auf und fuhr aus dem Schlaf hoch. Ihr Herz raste und kalter Schweiß hatte sich auf ihrer Stirn gebildet. Es war dunkel, die Luft im Zimmer war eiskalt und das Heulen des Windes nicht verschwunden. Sie brauchte einige Augenblicke um zu begreifen, dass es nicht in ihren Ohren war, sondern dass der Sturm draußen das Fenster aufgerissen und sich Zugang zu ihrem Zimmer verschafft hatte. Die Windböen streiften frei durch den Raum, spielten mit den Vorhängen, stießen alles um, was nicht niet- und nagelfest war und besprenkelten ihr Bett und ihr Gesicht mit feinen Regentröpfchen. Anôra atmete tief durch, um sich zu beruhigen, doch die hilflose Panik, die der Traum in ihr zurückgelassen hatte, war immer noch da. Sie lief auf unsicheren Beinen zum Fenster, und es dauerte eine Weile, bis sie den Kampf gegen den Wind endlich gewonnen und den Rahmen zugeknallt hatte. Das empörte Aufheulen des Sturmes war nur noch gedämpft zu hören, wie er vergeblich gegen die Steinwände schlug und am geschlossenen Fenster rüttelte. Anôra verbarrikadierte das Fenster zusätzlich mit einem extra für solche Gelegenheiten bereitliegenden kleinen Holzbalken und begab sich in das halbwegs warme Wohngemach nebenan.
Doch sie fror weiterhin und machte als erstes Feuer im Kamin, was wiederum einige Zeit in Anspruch nahm, denn die steifen und klammen Finger wollten ihr einfach nicht gehorchen. Als das Feuer endlich brannte, setzte Anôra sich auf die Sesselkante und starrte zitternd in die Flammen. Langsam, unendlich langsam ließ die Panik nach. Es war ihr ein Rätsel, warum sie auf einmal einen derart seltsamen Traum hatte, schließlich hatte sie Xâdres seit ihrer Begegnung im Frühjahr weder gesehen noch hatte sie an ihn gedacht.
Aber obwohl sie sich zu überzeugen versuchte, dass es nur ein Traum und ihre Angst einfach lächerlich war, konnte sie die gewohnte Ruhe nicht mehr wiederfinden. Lange saß sie da, mit leerem Blick in die Flammen starrend, bis schließlich das trübe Licht des anfangenden Tages sie daran erinnerte, dass es Zeit wurde.
Anôra stand auf und schaute zum Fenster hinaus. Der Himmel war wolkenverhangen, doch der Sturm hatte aufgehört, und das bedeutete, Zimalkhâd würde sie gleich abholen. Seit seiner Anordnung, Anôra solle so wenig wie möglich aus dem Palast gehen, bestand Sauron darauf, dass sie ihre morgendlichen Ausritte einstellte, doch sie weigerte sich partout, diese aufzugeben. Es war ungewiss, wie die Sache ausgegangen wäre, hätte sich Zimalkhâd nicht unerwartet auf Anôras Seite gestellt und sich dazu bereit erklärt, sie bei ihren Ausritten zu begleiten. Nach einigem Zögern hatte Sauron eingewilligt und seit dem stand der Soldat jeden Morgen pünktlich bei Sonnenaufgang vor ihrer Tür.
Und tatsächlich, kaum war sie in Hemd, Hose und Stiefel geschlüpft, klopfte es auch schon, falls man das donnerartige Hämmern von Zimalkhâds Faust als Klopfen bezeichnen konnte.
„Ihr seht aus, als hättet ihr in eine Zitrone gebissen“, kommentierte er ihr Erscheinen.
„Ich habe schlecht geträumt“, zuckte Anôra mit den Schultern.
„Wovon?“
„Nichts Wichtiges. Gehen wir?“
„Sicher.“
Zimalkhâd sah sie neugierig an. Er kannte sie recht gut und wusste, dass ein unwichtiger Traum Anôra niemals so beeindruckt hätte, doch er wusste auch, dass sie ihm kein Wort darüber erzählen würde, wenn sie es nicht wollte. So fragte er nicht weiter nach und folgte ihr ohne ein Wort zu sagen zu den Ställen. Ebenfalls in Schweigen gehüllt ritten sie durch die fast leeren, von grauem Morgenlicht erfüllten Straßen. Die Häuser und Pflastersteine glänzten nass, und hier und da sah man Spuren des nächtlichen Sturms; abgerissene Schilder von Läden, Werkstätten oder Wirtshäusern, aus der Erde gerissene Büsche oder Äste von Bäumen, einmal lag auch ein Wetterhahn mit vergoldetem Kamm auf ihrem Weg. Anôra ritt mit gesenktem Kopf langsam neben Zimalkhâd und schien vollständig in sich versunken zu sein.
Erst als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten und die sanften, von silbrig-grünem Gras bedeckten Hügel von Mittalmar sich vor ihnen erstreckten, richtete Anôra sich auf und atmete aus voller Brust die kalte, nach Regen und nassen Wiesen riechende Luft ein. Mit einer ungehaltenen Kopfbewegung warf sie ihre Haare aus dem Gesicht und trieb das Pferd urplötzlich zu einem Galopp an. Der an die Launen seiner Herrin gewohnte Hengst preschte sogleich los und raste davon, so dass der verblüffte Zimalkhâd auf seinem Tier kaum nachkam. Nachdem sie etliche Meilen hinter sich gebracht hatte, hielt Anôra so plötzlich, wie sie angefangen hatte, an und drehte sich zu ihm um. Sie sah aus als wäre eine schwere Last von ihr abgefallen, und erleichtert stellte Zimalkhâd fest, dass ihre Augen wieder leuchteten und ihre Züge sich geklärt hatten. In gemächlichem Trab ritten sie nebeneinander weiter.
„Ist schon etwas von dieser Gwîndis gekommen?“ fragte Zimalkhâd nach einer Weile.
„Nein, noch nicht“, schüttelte Anôra den Kopf.
„Vielleicht ist sie doch nicht so gut wie ihr gedacht habt?“
„Mag sein. Andererseits ist es etwas schwieriger, eine ganze Insel nach einem Wolf abzusuchen als ein Stadtviertel nach einem Menschen.“
„Oder sie hat einfach die Gelegenheit genutzt und macht sich jetzt ein schönes Leben in einer anderen Stadt“, bemerkte Zimalkhâd.
„Das denke ich nicht. Warum sollte sie es tun?“ entgegnete Anôra. „Ein besseres Revier für Diebe als Armenelos gibt es nicht, und warum sollte sie einen Auftrag hinschmeißen, der ihr so viel Geld bringen kann? Wenn sie aus der Stadt hätte verschwinden wollen, hätte sie es längst auch so gemacht, es ist nicht so schwer wie ihr denkt.“
„Oder sie hat es gemacht, um Euch Ärger zu bereiten, solcher Abschaum braucht keine anderen Gründe“, schnaubte Zimalkhâd.
„Jeder hat Gründe. Ich kann sie genau so wenig ausstehen wie Ihr, Zimalkhâd, aber ich schreibe ihr eine gewisse Logik zu, und das solltet Ihr besser auch tun“, hob Anôra die Brauen an.
„Sie hätte Euch beinahe umgebracht und wegen der Wunde seid Ihr auch ein zweites Mal in Gefahr geraten.“
„Was hat das denn mit der Suche nach Erâzon zu tun?“ Anôra sah ihn verwirrt an.
„Ach, was weiß ich“, zuckte Zimalkhâd mürrisch mit den Schultern. „Ich wollte nur sagen, dass ich ihr nicht über den Weg trauen würde. Doch lassen wir das. Habt Ihr zumindest etwas neues von Eurem Fischerjungen gehört?“
„Gehört ist gut! Ich könnte mein ganzes Zimmer mit seinen Briefen tapezieren... zu etwas besserem taugen sie auch nicht.“
„Was schreibt er denn?“
„Tja, ich bin bestens über die Bauweise eines Kriegsschiffes, und noch besser über Kilnors Privatleben informiert, unter anderem dass er zum Holzfällen irgendwo in Andustar abkommandiert worden ist, und auch über die Tatsache, dass er mich nie vergessen wird und ich mir seiner Treue für immer sicher sein kann“, rollte Anôra mit den Augen, worauf Zimalkhâd in lautes Gelächter ausbrach.
„Das sind in der Tat höchst wichtige Informationen. Habt Ihr ihm derart die Augen verblendet, dass er nichts anderes mehr sieht, worüber er berichten könnte?“
„Ich bin eher geneigt zu glauben, dass er von Natur aus blind ist. Dort muss einfach etwas passieren. Da wird eine Flotte gebaut, die das Heiligste angreifen soll, was die Getreuen haben, und zwar von Sauron, der den geliebten Monarchen der Königsmänner manipuliert, und keiner von beiden unternimmt etwas dagegen? Das kann doch nicht sein, oder?“
„Hm, wohl kaum...“ Zimalkhâd kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. „Aber mir scheint, Ihr habt einen kleinen Fehler in Euren Überlegungen.“
„Was meint Ihr?“
„Ganz einfach. Kilnor ist ein einfacher Seemann, der sich tagein, tagaus damit beschäftigt, Schiffe zu bauen, wenn er nicht gerade für den Kriegsdienst ausgebildet wird. Er ist also auf der untersten Stufe der Flottenhierarchie. Und er hat nicht viel Zeit, sich woanders umzusehen als auf den Ausbildungshöfen oder beim Schiffbau. Ihr wisst, dass die Ausbildung unserer Soldaten sehr hart ist und keine Freizeit lässt, auch wenn man nicht für die Schwarze Garde ausgebildet wird. Und jetzt nehmen wir an, Ihr würdet zu den Getreuen gehören und wolltet diesen Schiffsbau sabotieren, würdet Ihr Euch da unter die machtlosen Neuankömmlinge mischen, die ständig unter der Beobachtung der Ausbilder oder Aufseher stehen?“
„Ihr habt Recht... Ihr habt wirklich Recht, so habe ich das noch gar nicht gesehen“, murmelte Anôra nachdenklich.
„Gut, das ist Euch also klar. Aber nehmen wir weiterhin an, Ihr würdet diese Sabotage durchzuführen haben. Was würdet Ihr machen, damit der Schiffsbau gestoppt oder zumindest verzögert wird? Wo würdet Ihr ansetzen?“
Anôra hielt ihr Pferd an und sah Zimalkhâd wie vom Donner gerührt an.
„An den Wurzeln!“ flüsterte sie.
Zimalkhâd nickte.
„Genau, an den Wurzeln muss man ansetzen und nicht an den Blättern, wenn man das Unkraut vernichten will, das erste was ein Soldat der Schwarzen Garde lernt. Ihr habt diese einfache Weisheit außer acht gelassen, das ist Euer Fehler.“
„Verflucht soll alles sein!“ schrie Anôra auf. „Ich habe die ganze Zeit an der falschen Stelle gesucht! Ich habe erwartet, dass der Junge in Rómenna etwas findet, was sich in Armenelos befindet!“
„Anscheinend. Und...“
„Nein, nein, wartet“, unterbrach ihn Anôra. Ihre Stimme zitterte vor Aufregung. „Ich denke... ich denke das ist es! Das ist der Grund dafür, dass eine Verbindung zwischen den Getreuen und den Königsmännern besteht, dafür dass es Roccondil gibt! Das ist auch der Grund dafür, warum er auf keinen Fall wollte, dass ich diese Verbindung entdecke! Er ist es, den wir suchen müssen, dann hätten wir alle möglichen Sabotagepläne in der Hand, ob von der Seite der Königsmänner oder von der Seite der Getreuen! Verdammt, Zimalkhâd, das hier ist keine Verschwörung zwischen den Getreuen und den Königsmännern gegen Sauron! Und Roccondil spioniert auch nicht für eine der beiden Seiten, zumindest macht er von dem, was er über die Königsmänner oder die Getreuen erfahren hat, noch keinen Gebrauch. Er spielt überhaupt kein doppeltes Spiel, im Gegenteil, er speist beide Seiten mit Informationen über den Schiffsbau, er koordiniert ihre Zusammenarbeit, von der sie selbst nichts wissen! Sie arbeiten nach seinem Plan gegen die Flotte, ist Euch das klar?!“
Zimalkhâd sah sie entgeistert an: „Ihr... Ihr meint, dass sowohl die Königsmänner, als auch die Getreuen einen geheimnisvollen Informanten haben, der ihnen von Zeit zu Zeit Vorschläge liefert, was man gegen den Schiffsbau tun konnte und ihnen bei der Entwicklung der Pläne hilft?“
„Nein, nicht ganz, ein geheimer Informant wäre für beide Seiten zu unberechenbar und als solcher zu gefährlich als dass sie ihn geheim gelassen hätten. Wahrscheinlich wird er bei beiden als ein normales Mitglied angesehen, der den Anführern ab und zu unauffällig Informationen liefert, und zwar auf eine Weise, dass sie selbst nachher nicht genau wissen, von wem sie das haben, oder sich keine großartigen Gedanken darum machen. Genauso wird es auch bei ihren Versammlungen sein, eine wie zufällig dahingeworfene Bemerkung kann die ganze Planung bestimmen und keiner kann am Schluss sagen, von wem die Anfangsidee kam.“
„Das mit dem Planen ist mir auch klar, aber wie soll er ihnen ständig unauffällig Informationen liefern?“
„Da gibt es doch tausend Wege! Mal macht er es selbst, mal macht er eine Andeutung im Freundeskreis, die dann von jemandem überprüft und umgehend dem Anführer berichtet wird, mal kommt einfach ein Junge zum Beispiel nach Armenelos, händigt jemandem von der Bande einen Brief aus und erzählt, dass er es „von denen in Rómenna“ überbringen soll, oder umgekehrt, und keiner kommt auf die Idee, dass alle Informationen ursprünglich von ein und demselben Mann stammen!“
„Und er selbst sitzt dann irgendwo an der besagten Wurzel, also an einer höheren Dienststelle im Palast, an der er vieles erfahren kann, auch über Euch, und wirft den Getreuen und den Königsmännern Informationen zu, die ihre späteren Handlungen bestimmen. Dann ist mehr als verständlich, warum er es so dringend nötig hatte, Euch umzubringen, dass er die angeheuerten Mörder selbst begleitet hat!“
„Ja, nur hätte ich viel früher darauf kommen sollen... Lasst uns jetzt so schnell wie möglich zurückreiten.“
Sie wendeten ihre Pferde und ließen sie im Galopp zum Palast zurückkehren. In den Straßen der Stadt wimmelte es nun von Menschen, auf die Zimalkhâd und Anôra in ihrer Eile keine Rücksicht nahmen, so dass die Bürger von Armenelos es kaum schafften, sich vor den zwei Reitern, die wie zwei schwarze Wirbelwinde durch die Stadt rasten, in Sicherheit zu bringen. Verwünschungen und Flüche wurden ihnen nachgerufen, doch auch verblüffte Blicke folgten dem Hauptmann der Schwarzen Garde und der rothaarigen, ebenfalls in Schwarz und seltsamerweise wie ein Mann gekleideten Frau, die mit verbissenen Gesichtern auf schäumenden Pferden durch die Straßen donnerten. Ein solches Bild war nicht gerade alltäglich, und es wurde noch Tage danach in vielen Schenken darüber geredet, was allerdings für einige wenige Zuhörer mehr war als der gewöhnliche Klatsch, der in den Einrichtungen dieser Art üblich ist.


„Findet heraus, wer von den einflussreicheren Höflingen in Frage kommen könnte und setzt Eure Männer auf sie an. Sie müssen Tag und Nacht beschattet werden, aber sie dürfen es auf keinen Fall merken“, befahl Anôra, sobald die zusammenbrechenden Pferde den Stallburschen übergeben waren. „Ich werde die Sache Sauron melden.“
Im Palast ließ sie allerdings mehr Vorsicht walten als in den Gassen von Armenelos. Sie kam durch den Dienstboteneingang zu den fensterlosen Kellergängen des Palastes, die zu den Küchen und den Vorratsräumen führten. Dort begegnete sie nur wenigen Dienern, die daran gewohnt waren, die schönste und gleichzeitig seltsamste Hofdame von Ar-Pharazon zu den unmöglichsten Zeiten und in den unpassendsten Kleidern durch ihre Gänge laufen zu sehen. Im Nordteil stieg Anôra in die unterirdischen Geheimgänge hinunter, durch die sie schließlich an den Gemächern ihres Herrn ankam. Der Wachmann, der seit ihrer Auseinandersetzung vor einem Jahr gewöhnlich eilig zur Seite trat, sobald er sie nahen sah, stellte sich ihr dieses Mal in den Weg.
„Habt Ihr es Euch zur Gewohnheit gemacht, mich zu behindern, wenn ich es eilig habe?“ fuhr sie den Gardisten an.
„Es... es tut mir leid, Mylady“, stammelte er und wich unwillkürlich zurück. „Aber der Berater des Königs erwartet Euch bereits in euren Räumen.“
„So? Dann gehe ich eben zurück“, seufzte Anôra. „Ihr dürft leben... ausnahmsweise“, konnte sie sich beim Anblick des zitternden Soldaten nicht verkneifen hinzuzufügen, und unterdrückte ein Grinsen, als sein Gesicht auf diese Bemerkung hin leichenblass wurde.


„Euer Ausritt ist heute recht kurz gewesen“, meinte Sauron, als sie eintrat. Er saß in ihrem Sessel am Kamin. Auf seinen Knien lag ein kleines schwarzes Bündel.
„Die Morgenluft hatte eine erfreuliche Auswirkung auf unsere Denkfähigkeiten gehabt und wir sind auf eine Idee gekommen, die für Euch nicht unwichtig sein könnte“, erklärte Anôra.
„Und die wäre?“
Sauron hörte sie regungslos an, nur ab und zu mit dem Kopf nickend.
„Eine interessante Überlegung“, sagte er, als Anôra fertig war. „Es hört sich vernünftig an. Aber verbeiß dich trotz allem nicht zu fest in diese Version, es kann immer etwas anderes geben, wie du es ja selbst gemerkt hast. Ansonsten gibt es im Moment wohl nichts zu tun außer dem, was du schon angeordnet hast... obwohl, du könntest dir in der Bibliothek die Familienarchive durchsehen, ob vielleicht jemand von den in Frage kommenden Höflingen Vorfahren unter den Getreuen hatte, in diese Kreise kommt man nicht einfach so rein. Außerdem solltest du noch mehr auf der Hut sein. Und aus diesem Grund habe ich dir etwas mitgebracht.“ Mit diesen Worten hob er das Bündel an, das sich auf einmal bewegte und vier kleine Pfoten und eine fast noch kleinere Schnauze mit zwei spitzen Öhrchen zum Vorschein brachte.
„Es ist ein Wolfswelpe“, erklärte Sauron mit einem Lächeln über ihren Anôras entgeisterten Gesichtsausdruck. „In weniger als einem Jahr wird er dir ein guter Schutz sein. Wölfe wachsen schnell, und dieser wird es noch schneller tun, Belzamir hat dafür gesorgt.“
„Ein Wolf also... Mit Wölfen habe ich in letzter Zeit keine guten Erfahrungen gemacht, Herr, vor allem nicht mit welchen, die von Belzamir kamen“, runzelte Anôra die Stirn. Der Welpe fiepte und krabbelte auf seinen Knien vorwärts.
„Der hier wird dir nützlich sein“, entgegnete Sauron und hielt das Tierchen davon ab, auf den Boden zu fallen. “Sobald er erwachsen ist, wird er noch einige Fähigkeiten außer dem schnellen Wachstum entwickeln, die für dich von Nutzen sein werden. Belzamir hat letztendlich eine regelrecht erschreckend gute Arbeit geleistet. Diesen Wolf habe ich schon seit 4 Tagen und hatte genug Zeit, ihn eingehend zu untersuchen. Es gibt wirklich nichts, was ich an ihm aussetzen könnte. Er wird dir noch viel bringen.“
„Wenn Ihr Euch in ihm sicher seid nehme ich ihn natürlich“, nickte Anôra.
Sauron hob den Welpen hoch, was ein lautes Protestfiepen auslöste, und reichte ihn Anôra, die ihn vorsichtig mit beiden Händen anhob und genauer anschaute. Er dürfte höchstens zehn Tage alt sein, vielleicht nicht einmal das, denn seine Augen waren noch von dem wässrigen Blau, das Hunde und Wölfe in den ersten Wochen nach dem Öffnen ihrer Augen haben. Sein Fell war pechschwarz, und die zarte rosa Haut seiner Pfoten hob sich leuchtend davon ab. Plötzlich fuhr eine winzige Zunge aus seinem Mund und leckte über Anôras Nase. Anôra lachte und drückte den Welpen an sich, was für ihn wesentlich bequemer war, als, von zwei Händen gehalten, in der Luft herumzubaumeln.
„Gut, das wäre geklärt.“ Sauron war sichtlich zufrieden. „Wie willst du ihn nennen?“
„Ihn nennen...“, sagte Anôra nachdenklich und strich leicht über das weiche Fell. „Wie wäre es mit Farkhor?“
„Hm, ich hätte eher gedacht, dass du ihm den Namen eines bekannten Wolfes gibst... wie Carcharot oder Draugluin...“
„Nein.“ Anôra schüttelte entschlossen den Kopf. „Ihr wisst doch, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn Schiffen die Namen untergegangener Schiffe gegeben werden, und bei Tieren oder Menschen bin ich der selben Meinung.“
„Wie du meinst. Der Name ist im Grunde auch nebensächlich. Die Hauptsache ist, dass du ihn nicht zu sehr verhätschelst und vor allem, dass er dir bedingungslos gehorcht. Später, wenn er größer ist, wirst du ihn auch darauf abrichten müssen, dass er deine Aufträge versteht und alleine ausführt. Er wird es können, wenn du es ihm beibringst. Ich sagte ja schon, dass ihm einige Fähigkeiten eigen sind, die gewöhnliche Tiere nicht haben. Du wirst dich also viel mit ihm beschäftigen müssen, aber achte darauf, dass er auch allein sein kann ohne etwas anzurichten, dass er lauern kann und im Wald nicht irgendwelchen Rehen hinterher jagt, sondern dir auf Schritt und Tritt folgt wenn du es ihm befohlen hast. Er sollte nichts essen oder trinken, wo Gift drin sein könnte. Mit der Zeit wird er es zwar selbst riechen können, aber solange er noch jung ist musst du darauf achten, denn beibringen kannst du es ihm nicht und die Gefahr besteht immer.“
„Ich denke, das wird zu schaffen sein“, lächelte Anôra. „Darf ich mich mit ihm auch im Palast zeigen?“
„Es wäre natürlich besser, wenn er geheim bleiben würde... aber da es ohnehin nicht zu vermeiden ist, dass man ihn sieht, würde falsche Heimlichtuerei nur verdächtig wirken. Du kannst ja erzählen, Jäger hätten ihn dir mitgebracht“, schlug Sauron vor und erhob sich. „Gehst du gleich in die Bibliothek?“
„Ja, ich werde mir nur vorher bei Zimalkhâd die Liste der verdächtigen Höflinge holen.“
„Mach das. Ich möchte heute übrigens nicht gestört werden, außer die Valar kommen zu Besuch oder es passiert etwas ähnlich wichtiges, also vermeide es bitte, meinen Wachmann zusammenzuschlagen, der arme Kerl hat sich immer noch nicht vom letzten Mal erholt.“
Nachdem Sauron gegangen war zog sich Anôra um und legte die Haare in eine für Hofdamen passendere Frisur, als eine lose auf die Schultern fallende Mähne, dann machte sie sich mit Farkhor im Arm auf die Suche nach Zimalkhâd.
Sie fand ihn auf dem Ausbildungshof der Schwarzen Garde, als er gerade dabei war, einem Neuling zu erklären, warum dieser es in seinem Leben allerhöchstens zu einem Waschweib bringen würde. Sobald er Anôra bemerkt hatte, ließ er sein Opfer stehen, verneigte sich, und gab ihr einen unendlich galanten Handkuss.
„Warum müsst Ihr immer Eure Neuzugänge verwirren?“ schüttelte Anôra den Kopf beim Anblick des die Szene wie versteinert beobachtenden Jungen.
„Verwirren? Ich kann mir nichts schöneres vorstellen als Eure Hand küssen zu dürfen, Mylady“, entgegnete Zimalkhâd.
„Ach ja, und als nächstes singt Ihr nachts Lieder unter meinem Balkon, wie? Doch ich warne Euch, wenn Ihr es tatsächlich probieren solltet werde ich mich bei Sauron beschweren... wegen versuchtem Mordanschlag.“
„So schlecht sind meine Gesangskünste nun auch wieder nicht“, verteidigte sich Zimalkhâd lachend. „Aber was habt Ihr denn da?“
„Das ist Farkhor, mein Wolf. Sauron hat ihn von Belzamir bearbeiten lassen und behauptete fest, dass er diesmal nur nützliche Eigenschaften hat.“
„Dann wollen wir ihm glauben. Hat er Euch auch etwas zu unserer Theorie gesagt?“
„Nichts, außer dass meine Anordnungen richtig waren und dass ich mich trotz allem nicht allzu sehr in diese Theorie verbeißen sollte. Ich wollte die Liste der Höflinge haben, die Ihr doch hoffentlich schon erstellt habt?“
„Sicher, die werden alle längst überwacht. Ich habe sie hinten in meinem Arbeitszimmer. Sagt mal, darf ich ihn halten?“
„Natürlich“, lächelte Anôra und übergab Zimalkhâd den Welpen, der ihn sogleich an sein Gesicht hielt und sich mit zugekniffenen Augen lachend ablecken ließ.
„Lasst uns endlich die Liste holen“, zog sie Zimalkhâd schließlich zu dem angrenzendem Übungshof, in deren hinterer Ecke sich der Eingang zu seinem Arbeitszimmer befand. Der Soldat folgte ihr mit Farkhor im Arm.
„Wozu braucht Ihr die Liste?“ fragte er neugierig.
„Ich möchte in den Familienarchiven nachsehen, ob jemand von diesen Herren Vorfahren hatte, die Getreue waren oder dafür in Frage kämen.“
Doch es war nicht so leicht, die Liste zu bekommen. Zimalkhâds Tisch, das einzige Möbelstück in dem von Dämmerlicht gefüllten Raum, außer dem geräumigen Sessel dahinter, war vollständig von Blättern und Papieren der verschiedensten Natur bedeckt, und Zimalkhâd war zu sehr mit Farkhor beschäftigt, in den er sich anscheinend vollkommen vernarrt hatte, um irgendeine unwichtige Liste zu suchen. Erst als ihm Anôra entnervt das Tier abnahm, suchte er ihr seufzend das erforderliche Blatt aus dem Papierhaufen heraus.
„Aber Ihr kommt doch wieder mit dem Wölfchen?“ fragte er mit einem flehenden Ausdruck in den Augen.
„Wenn Ihr Euch weiterhin wie ein Kind benehmt, sobald Ihr ihn seht, ganz bestimmt nicht“, drohte Anôra und begab sich zur Bibliothek.
Es war ein sehr großer, verwinkelter Saal im Nordflügel des Palastes, besser gesagt viele Säle, zwischen denen man irgendwann die Wände eingerissen hatte, so dass die Bibliothek in eine Vielzahl von verschiedenen Räumen unterteilt war. Der größte Teil reichte tief in das Innere des Palastes hinein und war in immerwährendes Halbdunkel getaucht, denn man hatte aus Angst um die Bücher nur ab und zu kleine Leuchter an den Decken angebracht. Wer etwas lesen wollte, ging in einen der wenigen Räume, die an der Außenwand des Palastes angrenzten und große, vom Boden bis zur Decke reichende, halbrunde Fenster hatten. Vor den Fenstern befanden sich keine Schränke, sondern war etwas freier Raum, auf dem kleine Tische verteilt waren. Nur wenige der Tische waren frei, denn gewöhnlich saßen an ihnen die verschiedensten Menschen; Heiler, Architekten, Künstler, Offiziere, Gelehrte, für jeden von denen sich hier etwas interessantes fand. Nur prächtig gekleidete junge Lords oder schillernde Hofdamen waren nie auf dem zerschlissenen Samt der Bänkchen an den Tischen anzutreffen. Die Liebes- und Abenteuerromane, für die sie sich interessierten, fanden sich nicht in den zahlreichen Sälen der Bibliothek.
Anôra schnaubte verächtlich als sie an die neuste Lesemode dachte: Die vermögenderen Höflinge bestellten bei bestimmten Schreiberlingen von Armenelos Romane, für die sie selbst das Thema angaben und dessen starke, schöne, kluge und in jeder Hinsicht bewundernswerte Helden sie selbst waren. Wie ideenlos und selbstherrlich muss man sein, um solch eine verkommene Art der Selbstdarstellung zu betreiben, dachte sie, als sie in einem der Kataloge am Eingang nachschaute, wo sich die Familienarchive befanden. Sie waren erfreulicherweise nicht sehr weit vom Eingang entfernt. Anôra winkte von den Diensten des zu ihr eilenden Bibliothekars ab, denn sie kannte sich recht gut in der Bibliothek aus und zog es vor, ihre Bücher selbst zu suchen. Der alte Bibliothekar hatte es gewusst und sie nie belästigt, doch er war im Winter an einer starken Erkältung gestorben und sein Nachfolger kannte ihre Eigenheiten noch nicht. Er würde sich eben daran gewöhnen müssen.
Nach einiger Zeit des Suchens fand sie das richtige Regal, das sehr lang, fast noch älter und von oben bis unten mit den Familienarchiven vollgestellt war. Anôra fischte drei der für sie in Frage kommenden Bücher heraus und schleppte sie in die Ecke des dritten Fensterraumes, wo sie die Bücher erleichtert auf die letzte freie Tischplatte fallen ließ. Es war nicht leicht, die tonnenschweren Bücher zu tragen, wenn man gleichzeitig noch ein unablässig zappelndes Wolfsjunges im Arm hatte. Sie setzte Farkhor auf dem Boden ab, wo er auf seinen noch wackligen Beinchen einige Runden um den Tisch drehte und sich dann zu Anôras Füßen zusammenrollte, und machte sich an die Arbeit. Die Seiten, obgleich alt und verstaubt, waren in einem guten Zustand. Gleich beim Anlegen der Bibliothek vor Hunderten von Jahren hatte man darauf geachtet, dass keine Ratten und Mäuse hineinkamen, und man hielt sie noch immer mittels abschreckend riechender Substanzen und Gift mit Erfolg von den Bücherschränken fern. Sie vertiefte sich ganz in die Archive und hob erst nach langer Zeit den Kopf, um ihrem Nacken und ihren Augen eine kleine Pause zu gönnen.
Anôra streckte sich und hielt mitten in der Bewegung erschrocken inne. Farkhor war nicht mehr da. Sie sprang auf und schaute sich um, doch er war nirgendwo zu sehen. Leise fluchend rannte sie durch die Räume, in jede Ecke schauend, der Welpe schien jedoch wie vom Erdboden verschluckt. Langsam machte sie sich ernsthafte Sorgen um ihn, schließlich waren überall Schälchen mit Rattengift aufgestellt und der kleine Wolf könnte gut und gerne aus Neugierde davon gekostet haben.
Irgendwann hörte sie ein gedämpftes Poltern und lief sofort in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, in den hintersten und ältesten Teil der Bibliothek. Die Säle hier waren lang und schmal und glichen mit ihren niedrigen, runden Decken, und den unverkleideten Steinen der Wände mehr den Tunneln unter dem Palast denn einem Platz, wo Bücher aufbewahrt werden. In einem von ihnen sah sie endlich ein kleines schwarzes Bündel, das, wie sie befürchtet hatte, entschlossen auf eine Giftschale zutapste. So schnell sie konnte stürzte Anôra vor und riss Farkhor kurz vor seinem Ziel hoch. Erleichtert drückte sie ihn an sich, und ihr ganzer Zorn war verraucht, als sie das leise fiepende Tierchen unversehrt wieder bei sich hatte. Zärtlich strich sie über seinen kleinen Kopf.
„Jage mir nie wieder solche Angst ein“, flüsterte sie und wandte sich zum Gehen, doch dann sah sie einige dem Anschein nach sehr alte Pergamentrollen auf dem Boden verstreut liegen. Wahrscheinlich hatte eine davon aus dem untersten Fach des Regals herausgeschaut und Farkhor muss sie angestoßen haben, worauf sie mit einigen anderen Rollen herausgepurzelt war. Das musste wohl das Poltern gewesen sein, das sie gehört hatte. So etwas passierte in der Bibliothek nur zu oft, manchmal fiel sogar etwas aus dem vollgestopften Schränken, wenn man nur vorbeiging.
„Schau dir bloß an, was du angerichtet hast“, sagte Anôra, ging vor dem Haufen in die Hocke und legte die Rollen vorsichtig in den Schrank zurück. Als sie die letzte aufhob stockte sie jedoch. Sie konnte die genauen Worte nicht erkennen, aber etwas war an ihrem Schriftbild seltsam. Sie stand auf und stellte sich damit unter den nächsten Leuchter. Zu ihrer Überraschung erwies es sich tatsächlich als elbisch. Noch dazu eine sehr alte Schrift, vielleicht eine der ersten in der Bibliothek. Doch waren nicht sämtliche Rollen in der Elbensprache schon zu Zeiten Ar-Gimilzôrs mit einigen wenigen Ausnahmen, die nun in Saurons Verwahrung waren, verbrannt worden? Anôra hatte noch nie eine von ihnen zu Gesicht bekommen. Was mochte wohl darin stehen? Das Herz schlug ihr vor Aufregung bis zum Hals. Sie steckte die Rolle unter ihren Umhang und erhob sich. Erst musste sie die Archive durcharbeiten.
Als die Dunkelheit hereinbrach wurde die Bibliothek geschlossen, denn man wollte nicht die Gefahr eingehen, dass jemand durch unvorsichtiges Hantieren mit Kerzen eines der Bücher anzündete. Anôra ließ die geöffneten Bücher auf dem Tisch liegen, morgen würde sie den Rest durchsehen. Sie hob den schlafenden Farkhor vom Boden auf und begab sich zu ihren Räumen.
Kaum hatte sie dort Kerzen angezündet und sich gesetzt, wurde der kleine Wolf unruhig und winselte unablässig. Anôra sah ihn verständnislos an. Das Winseln hörte nicht auf. Sie streckte die Hand aus, um ihn zu streicheln, und plötzlich schlossen sich Farkhors Kiefer um ihren Finger und er versuchte, daran zu saugen. Natürlich, der Welpe hatte Hunger, er hatte doch den ganzen Tag nichts gegessen, wie konnte sie es nur vergessen haben? Anôra klingelte nach Mâreth, und zehn Minuten später stand ein Schälchen mit warmer Milch vor Farkhor, auf die er sich gierig stürzte. Sobald er satt war drehte er sich ein wenig auf Anôras Knien, bis er schließlich bequem lag, und schlief wieder ein. Endlich konnte sie mit dem Lesen anfangen.
Es war Sindarin. Vielleicht war die Rolle von den Elben von Mittelerde nach Númenor gebracht worden und im Grunde nur irgendeine uninteressante Chronik? Das Vorwort lehrte sie eines besseren. Ein Númenórer namens Cemendo hatte das Manuskript geschrieben, nachdem er von einem längeren Besuch in Mittelerde zurückgekehrt war. Es handelte sich um eine Begebenheit, von der die Elben nicht erzählen wollten, und so hatte er die Geschichte nur durch Zufall und nur bruchstückhaft gehört. Anôra grinste, sie konnte sich sehr gut vorstellen wie dieser „Zufall“ sich ereignet haben musste, man nannte es auch Nachspionieren. „Die Geschichte der Ringe“ lautete die Überschrift. Sie runzelte die Stirn, was für Ringe? Seit wann hatte Schmuck eine Geschichte? Aber das würde sie ja gleich erfahren.
Die vergilbten Buchstaben ließen sich nur schwer lesen. Sie erzählten von einer Zeit lange vor Anôras Geburt, von riesigen Wäldern und Elbenschmieden, die wie Zauberer aus alten Kindermärchen erschienen und die Farben des Regenbogens, der Sonne und der Sterne in Stein und Metall zu bannen vermochten, und einem Berg, der wie ein Drache Feuer speien konnte. Anôra hatte alles um sich herum vergessen und las atemlos weiter. So etwas hatte sie noch nie gehört. Es war schlicht und einfach unglaublich.
Die Elbenschmiede hatten es eines Tages geschafft, mit der Hilfe von jemandem namens Annatar Ringe herzustellen, die ihren Trägern unendliche Macht verliehen. Drei hatten die Elben bekommen, sieben die Zwerge und neun hatten neun Menschenkönigen ewiges Leben geschenkt. Und dieser Annatar hatte die Elben am Ende hereingelegt, denn er war der Besitzer des stärksten, des Meisterringes, mit dem er alle anderen beherrschen konnte. Zwei Zeilen eines alten Gedichtes standen da, die in seinen Ring eingraviert waren, oder zumindest ihre Übersetzung in Sindarin aus einer anderen Sprache, denn nur die Übersetzung hatte Cemendo gehört, wie er es in seinem Vorwort zugegeben hatte.
Anôra legte das Pergament nieder und lehnte sich zurück. Warum war in Númenor nichts von solchen Ringen bekannt? Zwar war es verständlich, dass die Elben sie geheim halten wollten, aber konnte denn eine so große Macht unbemerkt bleiben? Warum wusste niemand von Annatar? Ihre Gedanken flogen wild durcheinander. Annatar, Annatar... sie hatte den Namen schon mal gehört, bloß wo? Nach einer Weile kam sie darauf, nur einmal hatte sie ihn gehört, als sie noch ein Kind war, in den Erzählungen ihres Vaters... Es war der Elbenname von jemandem, aber von wem? Anôra wusste es nicht mehr, solche Geschichten hatten sie nicht interessiert und sie hatte nie richtig zugehört, wenn ihr Vater welche erzählte, jetzt bereute sie es. Sie hielt sich die Rolle wieder vor die Augen und las die Ringinschrift nochmals, wie um dort eine Antwort zu finden.
„Ein Ring sie zu knechten, ein Ring sie zu finden“, flüsterte sie.
„Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden“, beendete eine andere Stimme für Anôra.
Mit einem leisen Schrei fuhr sie herum. Sauron stand in der offenen Tür und seine Augen glühten. Jetzt erinnerte sie sich.
(Polina)