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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Nacht und Nebel

Anôra schob sich die Kapuze des Umhangs etwas tiefer ins Gesicht, eine Vorsichtsmaßnahme, die in dem rauchgefüllten Dämmerlicht des Raums eher überflüssig war. Trotz der stickigen und heißen Luft in der Schänke zitterte sie sogar unter ihrem Umhang vor Kälte. Es war wohl nicht sehr klug gewesen, so wenige Tage nach ihrer Verletzung allein hierher zu reiten, und der Hofheiler würde davon auch kaum begeistert sein, hatte er ihr doch strenge Bettruhe verordnet. Gewiss, die Angelegenheit war wichtig, aber nicht sonderlich dringend, jetzt, da keiner mehr ohne strengste Kontrolle aus der Stadt gelangen konnte, und insofern war es eigentlich unnötig, sich so anzustrengen anstatt einfach in einer oder zwei Wochen herzukommen.
Trotzdem, sie hielt es nicht mehr aus, jemanden der sie so hereingelegt hatte unter ihrer Nase ungestraft herumlaufen zu lassen, und sie war sich sicher dass er es tat und nicht aus der Stadt verschwunden war. Diese Möglichkeit hat sie ihm als erstes genommen sobald einer ihrer Spione ihn in der Nähe von Elendils Haus gesehen hatte. Er ist zwar sofort wieder abgehängt worden und seit dem konnte ihn keiner mehr finden, aber das war nun gleich, die bloße Gewissheit dass Erâzon in der Stadt gefangen war reichte Anôra aus. Er würde für alles büßen, und zwar so bald wie möglich. Der Zorn den sie auf diesen Verräter hatte war groß genug, dass sie nicht nur die körperliche Schwäche überwand um hierher zu kommen, sondern auch den Unwillen, ja fast Angst die sie empfand, wenn sie an dieses heruntergekommene Wirtshaus dachte, oder eher an den, den sie hier bald sehen würde. So ignorierte Anôra das kalte Ziehen in ihrem Bauch, drückte sich noch ein wenig tiefer in ihre Ecke und wartete.


Sie erkannte ihn sofort, auch wenn sie ihn nur von hinten sehen konnte. Humpelnd ging er von einem Tisch zum anderen und verteilte Bier und billigen Wein an seine Gäste, doch irgend etwas von der früheren Behändigkeit war in seinen Bewegungen noch erhalten. Sie schlug den vorderen Teil ihrer Kapuze zurück und berührte ihn leicht am Arm, als er an ihrem Tisch vorbei humpelte.
"Was...", fing er verärgert an, doch hielt inne, sobald er sah wer ihn angehalten hatte.
"Hallo Xâdres", sagte Anôra leise.
Er starrte sie noch einen Moment lang ungläubig an, dann schrie er einem der Bediensteten zu, seine Bestellungen zu übernehmen und setzte sich ihr gegenüber. Anôra spürte einen kleinen schmerzhaften Stich als sie nun aus der Nähe sehen konnte, wie sehr er sich verändert hatte. Sein noch junges Gesicht mit den feinen Zügen und der etwas dunkleren Haut, als die meisten sie hatten, das früher immer zu lachen schien, war nun von tiefen Furchen durchzogen. Seine ehemals blitzenden grauen Augen waren erloschen und müde, die schwarzen Haare von einigen grauen Strähnen durchzogen, obwohl er erst vor kurzem 50 geworden sein musste. Die für einen Mann etwas schmalen, langgliedrigen Hände, die vor Jahren so ruhig waren, zitterten nun als er sie auf den Tisch legte und sie wortlos ansah.
"Anôra", flüsterte er schließlich. Anôra nickte nur.
"Was... was willst du hier? Was willst du hier, nach all den Jahren?"
Seine Stimme war auch nur ein Schatten der früheren, kraftvollen Stimme, die jetzt ausdruckslos und leer war.
"Ich brauche eine Auskunft." Anôra kam sich plötzlich seltsam schäbig vor, doch Xâdres war nun mal der einzige der ihr helfen konnte.
"Eine Auskunft? Für einen Auftrag von Sauron, nicht war?" Ein Hauch von Sehnsucht huschte über sein Gesicht. "Schmiedet ihr alle immer noch Pläne und erlebt die unmöglichsten Sachen?"
"Xâdres, du weißt doch..."
"Ja, ja, ich weiß", Xâdres senkte den Kopf. "Keiner von euch darf etwas davon mit jemand anderem als mit Soldaten der Schwarzen Garde besprechen, vor allem du nicht. Wie konnte ich das auch vergessen."
Sein Mund zuckte kurz und Anôra kam es vor, als würde er sich gleich zu dem ihr so bekannten spöttischen Lächeln verziehen, doch die Bewegung erstarb ohne überhaupt richtig angefangen zu haben. Als Xâdres weitersprach war seine Stimme kaum noch ein Flüstern.
"Bist du deswegen hier? Wegen einer Auskunft? Du kommst also nach all der langen Zeit einfach hier hereinspaziert, in meine Welt und willst eine Auskunft, als wäre nichts passiert, als würden wir immer noch dieselbe Welt, dieselbe Zukunft und dieselben Träume teilen?"
"Xâdres, bitte", Anôra verzog ihr Gesicht. "Lass die Vergangenheit ruhen. Vergiss sie."
"Ja?" Xâdres schaute hoch und es funkelte kurz in seinen Augen. "Und wie soll ich es machen wenn die Vergangenheit zu mir zurückkehrt, wenn ich dich vor mir sitzen habe, deine Stimme höre und deine Augen sehe?" Er stockte als er bemerkte dass er lauter als beabsichtigt geworden ist.
"Du bist noch schöner geworden Anôra, tausend mal schöner als ich dich in Erinnerung hatte", flüsterte er. "Wie soll ich dich denn je vergessen?"
Sie spürte einen weiteren Stich, diesmal stärker als der vorige. Es war wohl doch ein Fehler, herzukommen.
"Bitte, können wir jetzt darüber reden, weswegen ich hier bin?" bat sie noch einmal.
"Ja, natürlich, natürlich." Das Gefühl in seiner Stimme erstarb wieder. "Was immer du willst. Es passierte doch immer nur das was du wolltest."
Anôra versuchte, so gut es ging, diese neue Bemerkung zu überhören.
"Es geht um eine junge Frau namens Gwîndis. Eine Diebin, schlank, gut aussehend, graue Augen und dunkle Haare. Kennst du sie?"
Xâdres antwortete nicht und starrte stumm auf seine Hände. Schließlich nickte er langsam.
"Kannst du mir sagen, wie ich sie erreichen kann?"
"Und was ist wenn ich es dir nicht sage?" Er hob plötzlich den Kopf und schaute Anôra herausfordernd an.
"Du wirst es mir sagen, Xâdres. Lass es nicht soweit kommen dass ich dich dazu zwingen muss."
"Ja, das kannst du, nicht wahr? Doch es ist gleich. Du hast recht, ich werde es dir auch so sagen. Sie war zwar vor einigen Tagen verschwunden, doch vorgestern ist sie wieder aufgetaucht. Mit einem Verband im Gesicht. Aber ich nehme an, das weißt du besser als ich?"
Xâdres sah Anôra scharf an, und fast glaubte sie, wieder den alten Xâdres vor sich sitzen zu haben, der immer alle ihre Gedanken zu kennen schien, doch nur fast. "Sie wird auch heute hierher kommen, und es kann spät werden, in ihrem Beruf gibt es keine festgelegten Arbeitszeiten, wie du weißt. Am besten wartest du draußen auf sie, wenn du keine Auseinandersetzungen mit meinen Gästen haben willst, sobald sie nur genügend betrunken sind um dich für eine Dirne zu halten."
"Ja, das werde ich tun. Ich danke dir."
"Du kannst deinen Dank behalten, Anôra. Ich weiß besser als jeder andere wie viel er wert ist." Erneut trat ein schmerzvoller Ausdruck in seine Augen.
"Lass es doch endlich sein, Xâdres." Anôra schüttelte den Kopf. "Du weißt doch genau, dass es weder meine noch deine Schuld war, was passiert ist. Du tust dir nur selbst weh."
"Nein." Xâdres erhob sich. "Seit du mir gezeigt hast, was wahrer Schmerz ist, kann mir niemand mehr weh tun."
Ohne sie noch einmal anzusehen drehte er sich um und humpelte zur Küche.
Anôra presste die Lippen zusammen als sie ihm nachsah. Diese Begegnung hatte ihr mehr zugesetzt als sie erwartet hatte.
Die Luft in der Schänke schien auf einmal dicker und schwerer geworden zu sein. Wie eine Bleiplatte drückte sie auf ihren Brustkorb und ließ sie nicht mehr atmen. Ruckartig stand Anôra auf und rannte fast zur Tür.
Draußen lehnte sie sich an die nasse Wand des Wirtshauses, mit tiefen Zügen die kalte Nachtluft einatmend. Anstatt sich ihre heruntergeglittene Kapuze wieder über den Kopf zu ziehen schloss sie die Augen und genoss den feinen Nieselregen, dessen unzählige eisige Tröpfchen sich auf ihr Gesicht senkten und ihre Haare bedeckten, die sich aus dem Seidenband gelöst hatten und nun vom Wind erfasst wurden. Nach einigen Minuten ging es ihr besser, und das beklemmende Gefühl des Erstickens, das sie aus der Schänke getrieben hatte, glich einer verblassten Erinnerung aus lange zurückliegenden Tagen.
Wie aus einem wirren Traum erwachend schaute sich um. Hier neben dem Eingang würde sie zweifellos zu viel Aufsehen erregen, vor allem so wie sie dastand. Was war denn nur in sie gefahren, zu glauben, die Luft des Raumes würde sie ersticken lassen? Sie war schwer, aber gewiss nicht so schwer, dass sie einen Menschen erdrücken konnte, und sich deswegen auch noch mit aufgelösten Haaren und offenem Umhang vor die Tür zu stellen war eine seltene Dummheit. Aber was vorbei war, war vorbei, hatte sie das nicht selbst vor kurzem gesagt? Es brachte nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Ärgerlich wischte sie sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht, zog die Kapuze wieder an und hielt, soviel wie es die Dunkelheit erlaubte, Ausschau nach einem geeigneteren Platz. Eine kleine Lücke zwischen zwei etwas baufällig aussehenden Häusern auf der anderen Straßenseite erwies sich bald als eine gute Stelle, von der man zwar alle ein- und ausgehenden beobachten konnte, jedoch selbst fast unsichtbar war. Die Zeit schien stillzustehen, nur der Lärm aus dem Wirtshaus war gedämpft zu hören.
Langsam schweiften ihre Gedanken ab, zu dem Gespräch in der Schänke. Sie hatte schon halb erwartet, ihn in keinem sonderlich guten Zustand vorzufinden, aber Anôra hätte sich nicht einmal träumen lassen, dass es so schlecht um ihn stand. Doch sie konnte daran auch nichts ändern, genauso wenig wie an der Vergangenheit. Unsanft unterbrach sie sich selbst, es gab auch andere, weitaus wichtigere Probleme als Xâdres´ Schicksal. Trotzdem kehrten ihre Gedanken immer wieder zu ihm zurück.
Erinnerungen stiegen in ihr hoch, an eine Zeit die schon lange zurücklag, doch trotzdem so farbig und deutlich, dass sie kaum von der Gegenwart zu unterscheiden waren. Xâdres... Plötzlich sah sie ihn mit aller Deutlichkeit, so wie er damals vor fünfzehn Jahren gewesen ist. Xâdres, wie er sie laut lachend aus dem Matsch zog in den sie bei ihrer ersten Fechtstunde gestürzt war, ihre Wut auf ihn, gemischt mit der Bewunderung für seine Schnelligkeit und Selbstsicherheit. Er war ein aufstrebender Offizier der Schwarzen Garde, trotz seiner jungen Jahre einer der besten Schwertkämpfer und Fährtenleser, die Sauron hatte, begeistert von seinem Herrn und seinen Angelegenheiten mit denen er es zu tun hatte. Und nicht gerade erfreut darüber, dass er statt seinem Dienst nachzugehen nun ein aufmüpfiges Mädchen, fast noch ein Kind, in Kampfkünsten und Spurensuche unterrichten sollte. Er trieb sie regelrecht in den Wahnsinn mit seiner penetranten und spöttischen Art, und sie zahlte es ihm mit gleicher Münze heim. Doch Anôra erwies sich als gelehriger und begabter als Xâdres erwartet hatte, und ihre sarkastische und aufbrausende Art wurde ihm bald lieber als das kokette Lächeln seiner damaligen Geliebten, Lady Áncabeth. Mit der Zeit reagierte er mit Verzückung auf jeden von Anôras kleinen Erfolgen, und auch sie konnte die Übungsstunden nicht mehr abwarten. Im zweiten Frühling nach Anôras Aufnahme im Palast durfte sie bei dem Frühlingsball zum ersten Mal an dem Hofleben teilnehmen.
Anôra lächelte, als sie an diese Nacht zurückdachte. Da hatte sie zum ersten Mal wirklich verstanden, welchen Einfluss sie durch ihre Schönheit haben konnte, als alle Blicke sich auf sie gelegt hatten sobald sie den Saal betrat. Und ihr Herz hatte angefangen, schneller zu schlagen denn sonst, als sie Xâdres´ Augen aufglühen sah. Er wich die ganze Nacht nicht mehr von ihrer Seite, jede ihrer Bewegungen verfolgend, und jedes mal wenn sie seinen leuchtenden Blick traf verloren ihre Sinne die gewohnte Klarsicht und Kühle. Als die Morgenröte den Horizont färbte stürzte die riesige Menschenmenge in die Gärten um den ersten Frühlingstag zu empfangen. Damals, in dem Jubel unter den ersten goldenen Strahlen, hatten sie sich geküsst, und nichts schien sie trennen zu können, sogar Sauron betrachtete mit Wohlwollen das Paar, das ihm viel bringen konnte. Die Zukunft schien ihnen zu gehören, und mit ihr die ganze Welt. Drei Jahre waren vergangen, bis sie eines besseren belehrt wurden.
Anôra biss sich auf die Lippe und der Schmerz holte sie in die Gegenwart zurück. Sie wollte nicht daran denken. Zumindest nicht jetzt. Und eigentlich am liebsten nie mehr. Plötzlich hörte sie leise Schritte. Eine schlanke, in einen schwarzen Umhang gehüllte und in der Dunkelheit fast unsichtbare Gestalt ging schnell auf das Wirtshaus zu. Lautlos verließ Anôra ihr Versteck und schnitt ihr den Weg ab. Die Gestalt wich sofort zurück und unter dem Stoff blitzte kurz etwas Metallisches auf.
"Steck das wieder weg", sagte Anôra ruhig. "Noch einmal wirst du mich nicht verwunden können."
Gwîndis´ Haltung lockerte sich und sie schlug die schwarze Kapuze zurück.
"Was wollt Ihr?" fragte sie trocken.
"Ich habe einen Auftrag für dich. Du müsstest jemanden für mich finden, am besten noch heute Nacht. Kannst du das?"
"Natürlich, wenn die Bezahlung angemessen ist", antwortete Gwîndis in einer betont herausfordernden Stimme.
Anôra ging nicht darauf ein. Sie hatte jetzt weder die Zeit noch die Kraft dazu, einer streitsüchtigen Diebin Anstand und Manieren beizubringen, ganz davon abgesehen dass es auch noch unter ihrer Würde wäre. Statt dessen reichte sie ihr wortlos einen kleinen, mit Gold gefüllten Lederbeutel, der sofort unter Gwîndis Umhang verschwand, was Anôra ein verächtliches Lächeln entlocke, das mit einem wütendem Blick beantwortet wurde.
"Du bekommst noch mal soviel, wenn du den Auftrag ausgeführt hast. Ich suche einen jungen Mann, sein Name ist Erâzon. Er hat dunkle Haare und graue Augen und war bis vor kurzem bei der Palastgarde, außerdem gehörte er auch zu dem beständigen Teil des königlichen Hofs, falls euch das was über seine Manieren und Kampfkünste sagt. Außerdem gehört er den Getreuen an, von denen du sicher schon gehört hast und ist es daher gewohnt, sich zu verbergen, also unterschätze seine Vorsicht nicht. Sein Deckname in diesen Kreisen ist übrigens Tuor. Er wird irgendwo in der Stadt untergetaucht sein, wahrscheinlich in dieser Gegend. Spüre ihn nur auf, aber versuche nicht mit ihm zu kämpfen oder sonst etwas zu tun, was ihn dazu bewegen könnte, noch mehr auf der Hut zu sein."
Gwîndis nickte mit einem Gesichtsausdruck, der Anôra fast ihre mehr oder minder friedlichen Vorsätze vergessen ließ.
"Kommt morgen um Mitternacht noch mal hierher, dann werde ich euch sagen wo dieser Erâzon zu finden ist." Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand in der Schänke.
Anôra begab in die andere Richtung, zu der halb zerfallenen Hütte am Ende der Gasse, in der sie ihr Pferd versteckt hatte. Beim Aufsteigen stöhnte sie kurz auf und musste sich am Sattel festhalten um nicht hinunter zu fallen. Sie hatte nicht mehr an die Verletzung gedacht, dafür machte die sich Wunde jetzt umso mehr auf eine äußerst schmerzhafte Weise bemerkbar. Mit Mühe zog sie sich wieder auf den Rücken des Tieres und ritt langsam durch die dunklen Straßen, diesmal peinlich genau darauf bedacht, keine falsche Bewegung zu machen.
Es war weit nach Mitternacht als sie endlich vollkommen durchnässt im Palast ankam. In ihren Gemächern fand sie zu ihrer Überraschung Zimalkhâd in dem Sessel neben dem Kamin vor. Sobald sie eingetreten war sprang er auf.
"Wo seid Ihr gewesen?" fragte er in einem reichlich scharfen Ton.
"Seit wann muss ich Euch darüber Rechenschaft ablegen, wo ich hingehe?" gab Anôra im selben Ton zurück. Sie konnte es nicht leiden, wenn jemand versuchte, sie zu kontrollieren.
"Seit der Palastheiler Euch verboten hat, auch nur das Bett zu verlassen, geschweige denn für Stunden in der nächtlichen Stadt zu verschwinden! Was, wenn Ihr irgendwelchen Gaunern über den Weg gelaufen wärt? Ihr seid doch sogar zu schwach, auch nur den einfachsten Angriff abzuwehren!"
"Zu schwach?" Anôra schnappte nach Luft. So etwas ließ sie sich nun wirklich nicht gefallen. "Das ist ausgemachter Blödsinn! Und eine Frechheit obendrein! Wunde hin oder her, ich werde immer noch mit jedem fertig der glaubt, sich mit mir anlegen zu müssen."
"Ach jaaaaaa?" Zimalkhâd kniff die Augen zusammen, sprang plötzlich vor, und im nächsten Moment fand sich Anôra an die Wand gedrückt vor, mit einem Dolch an der Kehle. Zu ihrem Erschrecken musste sie feststellen, dass sie tatsächlich nicht nur nicht schnell genug ausgewichen war, sondern sich nicht einmal ansatzweise gegen Zimalkhâds Griff wehren konnte.
"Ihr werdet also mit jedem fertig, ja Mylady?" fragte er spöttisch.
"Lasst mich los!" Anôra funkelte ihn zornig an. Zimalkhâd sah sie einen Moment lang mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an, dann lockerte sich sein Griff langsam, bis Anôra ihn mit einer ungehaltenen Bewegung von sich stoßen konnte.
"Was fällt Euch eigentlich ein, Zimalkhâd?"
"Was soll mir schon einfallen? Ich habe Euch nur demonstriert, wie es in Wirklichkeit um Eure Gesundheit steht Anôra, mehr nicht. Ihr überschätzt Eure Fähigkeiten." Der Spott verschwand aus seinem Gesicht.
"Wir haben uns Sorgen um Euch gemacht." sagte er ernst. "Es war sehr leichtsinnig was Ihr gemacht habt, und es ist ein Glück, dass Euch nichts zugestoßen ist. Ihr hättet mich mitnehmen oder zumindest sagen können, wohin Ihr überhaupt geht."
Anôra seufzte. Ihr Zorn war verraucht, zurück blieb nur die Müdigkeit und die Erkenntnis, wie dumm und unvorsichtig ihr Verhalten gewesen war.
"Ihr habt ja recht", sagte sie. "Aber ich konnte hier nicht mehr untätig liegen, während Erâzon frei herumläuft. Ich habe Gwîndis beauftragt ihn aufzuspüren."
"Ihr wart also im Gaunerviertel und habt euch mit dieser Diebin oder Dirne oder was immer sie sein mag getroffen?" Zimalkhâds Blick verriet nur allzu deutlich was er von dieser neuen Nachricht hielt. "Hat es wenigstens etwas gebracht?"
"Ja, sie will mich morgen um Mitternacht noch einmal treffen und hat behauptet, dass sie dann seinen Aufenthaltsort weiß." Anôra zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung ob sie es wirklich wissen wird."
"Das wird sie höchstwahrscheinlich nicht", meinte Zimalkhâd abfällig.
"Vielleicht, aber vielleicht doch, auf jeden Fall werde ich hingehen."
"Natürlich, das solltet Ihr auch", pflichtete er ihr bei. "Aber alleine lasse ich Euch nicht mehr weg, Ihr werdet meine Gesellschaft schon ertragen müssen."
"Es macht wohl keinen Sinn, mich mit Euch darüber zu streiten, wie?" Anôra sah ihn resignierend an.
"So ist es, Mylady." Zimalkhâd lächelte. "Aber keine Sorge, ich werde mich während Eurer Verhandlungen verdeckt halten. Und jetzt entledigt Ihr euch am besten Eurer nassen Kleider und legt Euch hin, bevor der Heiler noch nervöser wird als er es jetzt schon ist."
Anôra grinste. Sie wusste genau, dass sie nicht gerade eine leichte Patientin war, und dass Belzamir seine liebe Mühe mit ihr hatte, aber sie hatte nicht im mindesten vor, das irgendwie zu ändern.
"Nun, dann verabschiede ich mich jetzt und gehe Sauron melden, dass Ihr wohlbehalten in Euren Räumen seid. Gute Nacht, Mylady." Zimalkhâd verneigte sich leicht und ging, natürlich wie immer die Tür mit einer solchen Kraft ins Schloss werfend, dass der Krach den ganzen Palast aufwecken könnte. Anôra schüttelte nur den Kopf, das würde er sich wohl nie abgewöhnen. Doch nun wurde es wirklich Zeit, sich hinzulegen. In nur einem Tag würde sie endlich wissen, wo Erâzon zu finden war. Das hieß, falls Gwîndis ihr nicht zu viel versprochen hatte...
Doch der nächste Tag verlief schlimmer als sie gedacht hatte. Erst kam Belzamir und untersuchte sie ohne ein Wort zu sagen mit einer, wie es ihr vorkam, trauernd-würdevollen Miene, die aller Welt und vor allem Anôra selbst verkünden sollte wie sehr er unter ihrem undankbaren und ungerechten Verhalten litt, was aber statt Gewissensbissen eine heftige Gereiztheit ihn ihr hervorrief. Langsam fragte sie sich ernsthaft, warum Sauron ihr keinen anderen Heiler zur Verfügung stellen konnte und was an Belzamir so nützlich und unentbehrlich sein sollte. Doch als sie Sauron wenig später zu Gesicht bekam verbiss sie sich jegliche Bemerkung.
Er kam ganz gegen die gewöhnliche Ordnung selbst in ihre Gemächer und ließ sich von den Geschehnissen des vergangenen Abends berichten. Aber obwohl er wie immer ruhig und sachlich blieb und ihr keinen einzigen Vorwurf machte, sagte sein eisiger Blick deutlich genug, was er von ihr hielt. Im Gegenteil zu Belzamirs Besuch war dieses Gespräch wirklich bedrückend gewesen.
Mâreth, die ab und zu auftauchte um ihr irgendwelche unnötigen Kleinigkeiten zu bringen und sie dabei mit geröteten Augen traurig ansah, besserte ihre Laune auch nicht gerade, so dass Anôra sie schließlich entnervt für den Rest des Tages ihrer Räume verwies, was bei dem Mädchen ein heftiges Schluchzen und bei Anôra einen Anflug von Ärger über sich selbst hervorrief.
Anschließend folgten viele eintönige Stunden und Anôra wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es endlich Abend wurde. Sie holte ihre Papiere aus der Truhe und sah sie sich eine Weile lang an, doch bald wurde ihr klar wie sinnlos diese Beschäftigung war. Sie stand auf, warf den Deckel wieder zu und trat vor die große Balkontür.
Graue Wolken hingen tief über der Stadt und bedeckten sie mit ebenso grauen Regenschwaden, und nicht einmal das leicht golden schimmernde Glas der Tür konnte dem Bild etwas von seiner Trostlosigkeit und Monotonie nehmen. Wie anders war das Wetter vor zehn Jahren gewesen, an dem milden Herbsttag, der sich für immer in allen Einzelheiten in ihr Gedächtnis eingeprägt hatte...
Anôra konnte die Sonne und den warmen Abendwind auf ihrer Haut immer noch spüren, und das durch leuchtend gelbe und rote Blätter gedämpfte Geräusch der Hufe von ihren Pferden, wie sie langsam einen Hügel in den umliegenden Ländereien von Armenelos hinunterstiegen. Sie kamen von einer tagelangen Reise aus Emirié zurück, bei der sie wohl mehr Spuren lesen musste als in ihrer ganzen Ausbildung davor, beide müde und froh darüber, bald wieder im Palast zu sein. Sie wusste nicht mehr genau ob es ihre Idee war oder die von Xâdres, die Pferde hinunter galoppieren zu lassen. Der Wind wirbelte ihre Haare auf und sang in ihren Ohren und sie hatte damals gelacht, wie berauscht von der Geschwindigkeit und dem Gefühl, dass ihnen alles zu Füßen lag. Beide waren geübte Reiter, und sie verstand bis heute nicht, warum sie damals schneller reagiert hatte als Xâdres. Noch bevor sie begriffen hatte, was der längliche braune Stock auf den sie zurasten wirklich war, hatte sie sich reflexartig am Pferd festgeklammert. Sie konnte sich halten als ihr Pferd plötzlich bremste und durchging, sobald die Schlange sich zischend aufrichtete. Xâdres hatte einen Augenblick zu spät reagiert. Die Details tauchten wieder klar vor Anôras Augen auf, wie Xâdres´ Pferd abrupt stehen blieb und buckelte, wie Xâdres selbst über den gesenkten Kopf seines Tieres flog, sich in der Luft überschlug, den steilen Weg hinunter rollte und schließlich regungslos am Fuße des Hügels liegen blieb. Sie hatte damals geschrien, zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben, und der eigene Schrei hallte schrill in ihrem Kopf wieder.
Die Palastheiler hatten ihr bestes getan und trotzdem lange gebraucht bis er wieder zu sich kam, doch sein Bein war fast unbrauchbar geworden, und solche Soldaten konnte Sauron nicht mehr gebrauchen. Xâdres war nicht mehr Bestandteil der Schwarzen Garde, er war von nun an ein Bürgerlicher. Anôra hatte sich entscheiden müssen, und sie hatte sich entschieden. Keiner konnte ihr das zum Vorwurf machen.


Als es schließlich nach einer halben Ewigkeit endlich dunkel wurde und nur noch zwei Stunden bis Mitternacht blieben zog sie sich in plötzlicher fieberhafter Erregung an und rannte zu den Ställen, wo sie fast mit Zimalkhâd zusammengestoßen wäre, der zwei fertig gesattelte schwarze Pferde aus dem Tor führte.
"Sachte, sachte, Mylady", rief er. "Ihr verschreckt ja die Pferde wenn Ihr so angestürmt kommt."
"Dann werdet Ihr sie eben wieder beruhigen, schließlich seid Ihr heute mein Aufpasser", schnappte Anôra und musste plötzlich zu ihrer eigenen Überraschung lächeln.
Sie war erstaunt, wie sehr sie sich freute, Zimalkhâd zu sehen und war nun fast dankbar für seine Gesellschaft, denn an diesem mehr als verkorksten Tag war es wohl der einzige Mensch, dessen Gegenwart sie weder reizte noch bedrückte. Zimalkhâd war diese Freude auf ihrem Gesicht nicht entgangen. Nun erschien auch auf seinen Lippen ein für ihn selten warmes Lächeln, das jeden seiner Untergebenen wahrscheinlich in tiefste Verwirrung gestürzt hätte - falls jemand so wahnsinnig gewesen wäre, den Hauptmann der Schwarzen Garde zu beschatten, der ganz bestimmt nicht für seine Umgänglichkeit berühmt war.
"Ihr scheint wohl keine sonderlich angenehme Zeit gehabt zu haben, wie?" fragte er. "Ich wäre ja gerne gekommen um euch ein wenig zu zerstreuen, vor allem da der heutige Tag vollkommen ereignislos verlief, aber ich hatte einen ausdrücklichen Befehl euch nicht zu stören und sozusagen alleine über eure Sünden nachsinnen zu lassen", fügte er grinsend hinzu.
"Wozu ich auch reichlich Gelegenheit hatte", rümpfte Anôra die Nase. "Aber lasst uns endlich aufbrechen, sonst verpassen wir sie noch. Bei diesem Wetter würde es mich nicht einmal wundern."
Aber der Regen ließ entgegen ihren Befürchtungen immer mehr nach und war kaum mehr zu spüren als sie in die Straße einbogen, in der sich die Schänke befand. Anôra ließ Zimalkhâd mit den zwei Pferden zurück und ging vor, streng darauf achtend, für ihn immer sichtbar zu bleiben. Gwîndis wartete schon auf sie vor dem Wirtshaus, die Hände unter dem Umhang verschränkt und sich ständig umschauend. Sobald sie Anôra erblickte trat sie aus dem Schatten des Hauses vor.
"Es ist nicht weit von hier entfernt", fing sie ohne weitere Einleitung an. "Ihr müsst bis zum Ende dieser Straße gehen, und dann zwei mal hintereinander rechts abbiegen. Dann kommt ihr in eine Sackgasse, die mit einer hohen Mauer endet. Doch sie ist alt und die Steine nicht mehr so glatt wie sie es früher gewesen sein mögen, so kann man leicht auf die andere Seite klettern. Ihr kommt dann in einen kleinen Hof, der von vier Häusern gesäumt wird. Geht in das Haus zu eurer Rechten, dort auf dem Dachboden findet ihr ihn. Wenn auch in keinem sonderlich guten Zustand, er schien mir schwer erkältet zu sein."
"Ich hoffe, dass es tatsächlich so sein wird", antwortete Anôra und zog den Beutel mit dem Geld hervor. "Ich hoffe es für dich", fügte sie drohend hinzu.
"Eure Hoffnungen interessieren mich nicht", schnaubte Gwîndis, riss ihr förmlich das Geld aus der Hand und stapfte davon. Anôra unterdrückte den Drang, ihr eine Einheit der Schwarzen Garde auf den Hals zu hetzen, und kehrte zu Zimalkhâd zurück.


"Und ich nehme an, Ihr wollt sofort los reiten und nur mit Erâzon im Schlepptau in den Palast zurückzukehren?" fragte dieser, nachdem sie ihm Gwîndis´ Worte mitgeteilt hatte.
"Natürlich, was denn sonst?" Anôra sah ihn verwundert an. "Wollt Ihr etwa warten, bis er verschwindet?"
"Das nicht, und unter anderen Umständen wäre ich der erste, der eurem Vorschlag zugestimmt hätte", entgegnete Zimalkhâd. "Aber er ist krank und wird in den nächsten Tagen bleiben wo er ist, vor allem da er sich unbedroht fühlt. Es wäre sicherer in den Palast zurückzukehren und einige von meinen Männern hinzuschicken als bei solchem Wetter auf die Suche zu gehen und ihn möglicherweise aufzuschrecken. Und Sauron würde von Eurer neuen Initiative in diesem Zustand auch kaum begeistert sein", fügte er hinzu.
Anôra überlegte kurz. Im Grunde bestand wirklich keine Eile mehr, Erâzon konnte ihnen nicht entwischen. Und bei diesem Wetter hatten sie nun mal alle Chancen, sich in dem unbekannten Stadtteil zu verirren oder Erâzon mit Lärm zu früh auf sich aufmerksam zu machen. So nickte sie zu Zimalkhâds Erstaunen nur und stieg auf.
Tatsächlich war das Wetter nicht für eine solche Aktion geeignet. Der Regen hatte zwar aufgehört, doch an seiner statt zog nun dichter Nebel durch die menschenleeren Straßen, der sich wie ein schwerer nasser Vorhang auf die zwei Reiter senkte. Obwohl sie fast im Schritttempo ritten mussten sie doch ständig aufpassen sich nicht aus den Augen zu verlieren, denn der Nebel verschluckte schon auf einige Schritte Entfernung nicht nur alle Formen sondern auch sämtliche Geräusche, was vielleicht gut für die Tarnung, aber nicht für die Orientierung war. Mehrmals waren sie in die falsche Gasse abgebogen und jedes Mal erstaunlich schnell wieder den richtigen Weg gefunden, bis sie schließlich in einer engen Gasse doch noch von ihrem Glück verlassen wurden. Langsam ließen sie ihre Pferde vorwärts gehen und bogen mehrmals in ähnliche Gassen ein, bis sie sich schließlich eingestehen mussten, dass sie sich hoffnungslos verirrt hatten. Anôra fluchte leise und warf die Kapuze zurück um sich besser umschauen zu können. Viel gebracht hatte es ihr nicht. Alles was sie erkannte waren die schattenhaften Umrisse von Häusern, die sich hinter der schmutzig grauen Nebelwand mehr erahnen als wirklich sehen ließen. Sie mussten in irgendeiner engen Gasse am Rand der Stadt sein, und wenn man das Fehlen der Laternen beachtete, die sogar im Gaunerviertel vorhanden waren, wahrscheinlich in einem der mehr oder weniger verlassenen Teile, dessen Bewohner sich woanders eine Bleibe gesucht hatten. Zimalkhâd hatte seine Kapuze ebenfalls zurückgeworfen und sah sich mit einem verdrießlichen Gesichtsausdruck um. Er sah noch etwas weniger als Anôra, die wie alle in ihrer Linie nachts mehr zu sehen pflegte, als die meisten anderen Menschen.
"Was meint Ihr, wo wir sein könnten?" fragte er schließlich.
"Ich weiß es nicht." Anôra streifte sich gereizt die nassen Haare aus dem Gesicht. "In einer von diesen verlassenen Gassen, eher im Süden der Stadt wahrscheinlich, aber sicher bin ich mir nicht."
"Das kommt mir aber auch so vor. Und zwei Leute können sich schließlich nicht irren, oder?" Zimalkhâd klang nun wieder sicher wie eh und je."Und so gedacht müssten wir uns jetzt nach Norden wenden."
"Brillanter Plan", bemerkte Anôra spöttisch. "Und wo bitte ist Norden?"
Zimalkhâds Blick irrte durch die Gasse. Schließlich zuckte er entmutigt mit den Schultern.
"Aber irgendwohin müssen wir doch reiten, oder?" fragte er mit einer weniger sicheren Stimme. "Wir können ja nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben."
"Da habt ihr wohl Recht. Versuchen wir doch einfach noch einmal den Weg zurück zu finden, oder zumindest die ungefähre Richtung."
Sie drehte ihr Pferd wieder herum und ritt unerwartet schnell voran. Zimalkhâd holte sie erst nach einiger Zeit ein.
"Wollt Ihr, dass wir uns auch noch aus den Augen verlieren?" knurrte er.
"Ihr hättet mir eben schneller folgen sollen. Wir können nicht die ganze Nacht hier bleiben, wie Ihr selbst so schön bemerkt habt."
"Ihr könntet wenigstens...", fing Zimalkhâd an, aber Anôra hielt abrupt ihr Pferd an und bedeutete ihm zu schweigen. Einige Augenblicke lang saß sie unbeweglich da und horchte in die Dunkelheit hinein.
"Was...", setzte Zimalkhâd erneut an, doch Anôras wütender Blick brachte ihn wieder zum Verstummen. Ratlos sah er sich um. In dieser grauen Suppe war nichts zu hören, außer dem Atem ihrer Pferde und seltenen Wassertröpfchen, die von ihren mit Wasser vollgesogenen Umhängen auf den Boden fielen.
Unvermutet fuhr Anôra herum, ihr Dolch sauste haarscharf an seinem Ohr vorbei und mit einem leisen Keuchen viel ein Mann neben Zimalkhâds Pferd auf die Straße. Der Dolch steckte in seinem Hals.
Der Hengst wieherte und ging unruhig ein paar Schritte zurück, und im gleichen Moment stürzten mehrere dunkle Schatten aus der Dunkelheit auf die zwei Reiter.
Zimalkhâd, der sich von seiner anfänglichen Starre erholt hatte, zog sein Schwert und bohrte ihn sogleich in den Brustkorb des ersten Angreifers, doch an seine Stelle traten zwei andere schwerterbewehrte und maskierte Gestalten. Während er sich verteidigte sah er aus den Augenwinkeln Anôra, die sich mit ebenfalls zwei Männern einen erbitterten Kampf lieferte. Seine Gegner erwiesen sich als stark, aber nicht besonders gut, und bald hatte jeder von ihnen viele kleinere Wunden abbekommen, jedoch keine, die wirklich tief oder gefährlich wäre.
Er riskierte einen zweiten Blick zu Anôra. Ihre Angreifer mussten wohl etwas besser sein als seine Gegner, denn sie hatten sie bereits vom Pferd geworfen und an die Wand gedrängt. Sofort wurde er für diese Unaufmerksamkeit mit einem langen Kratzer an der Wange bestraft. Zimalkhâd fluchte und wehrte den zweiten Angriff ab. Plötzlich stieß einer von Anôras Gegnern einen kurzen Schrei aus und fiel mit durchtrennter Kehle auf das nasse Pflaster. Doch der übrig gebliebene Mann kämpfte mit doppelter Kraft weiter, während Anôras Bewegungen immer fahriger wurden. Zimalkhâd konnte schwören, dass sie es nicht mehr lange durchhalten würde. Er biss die Zähne zusammen und ließ einen wahren Hagel von Schlägen und Stichen über seine Gegner ergehen. Es wurde Zeit, Schluss zu machen. Die Männer waren von dem unerwarteten Ansturm sichtlich verunsichert und Zimalkhâd nutzte diesen Moment, um mit einem blitzschnellen Ausfall die erlahmte Verteidigung von einem der zwei zu durchbrechen, der daraufhin blutüberströmt zu Boden ging. Der zweite wich zurück während Zimalkhâd mit einem grimmigen Lächeln sein Pferd auf ihn zu bewegte, aber da stieß Anôras Gegner einen schrillen Pfiff aus und beide verschwanden in dem Nebel so schnell wie sie gekommen waren.


Zimalkhâd brachte sein aufgebrachtes Pferd mit einiger Mühe dazu, zu Anôra hinüber zu gehen. Ihr Tier stand zitternd neben seiner Herrin, die mindestens genauso stark zitterte und nur deshalb nicht hinzufallen schien, weil hinter ihr die Wand war. Ihr Gesicht war schneeweiß und man sah ihr an, welche Anstrengung es sie kostete, das Schwert wieder in die Scheide zurück zu befördern. Von den Angreifern war nichts mehr zu sehen.
"Seid Ihr verletzt, Mylady?" fragte er besorgt. Anôra nickte kurz.
"Nicht ernsthaft, nur ein Kratzer am Arm, der nicht einmal blutet." Ihre Stimme war sehr leise und das Sprechen schien ihr schwer zu fallen.
"Ihr scheint aber auch nicht ganz unversehrt geblieben zu sein", fügte sie mit einem raschen Blick auf sein Gesicht hinzu. Zimalkhâd fuhr mit den Fingern über seine Wange und fluchte noch einmal.
"Einer von diesen Hunden hat es tatsächlich geschafft... Nun, es ist keine größere Verletzung als die Eure. Könnt Ihr reiten?" Anôra nickte wieder.
"Lasst uns schnell von hier verschwinden, bevor sie noch mit Verstärkung zurückkommen."
Zimalkhâd half ihr trotz der augenblicklich eingesetzter Proteste auf ihr Pferd und sie ritten langsam los. Diesmal achteten sie nicht so sehr auf den Weg als darauf, ob ihnen jemand folgte, doch es war nichts zu hören außer den Hufen ihrer Pferde. Und obwohl, oder vielleicht auch gerade weil sie nicht mehr versuchten, den richtigen Weg zu finden, fanden sie sich auf einmal auf der breiten Straße wieder, die zum Palast führte. Der Nebel lichtete sich langsam und trotz der Breite der Straße konnten sie nun deutlich die Umrisse der Herrenhäuser an ihren Seiten erkennen. Die Gefahr schien vorüber.


Am Palast angekommen überließen sie ihre Pferde den Stallburschen und Zimalkhâd stützte Anôra vorsichtig als sie schwankte, sobald ihre Hände den Halt, den ihnen das Pferd bot, verloren hatten. Dieses Mal nahm sie seine Hilfe wortlos an und Zimalkhâd führte sie durch den leeren Palast zu ihren Gemächern, wo sie sich mit einem kleinen erleichterten Seufzer in den Sessel sinken ließ.
"Ich schicke gleich Soldaten aus, die diese Gwîndis verhaften werden", versprach Zimalkhâd. "Die verdammte kleine Dirne wird für diesen Hinterhalt teuer bezahlen."
"Das... das war sie nicht." Anôra schüttelte den Kopf. Ihr Atem ging schwer und es machte ihr immer noch Mühe, flüssig zu sprechen.
"Nicht?" Zimalkhâd sah sie zweifelnd an. "Seid Ihr Euch da sicher? Wer könnte denn sonst Gauner auf uns angesetzt haben?"
"Ja, vollkommen sicher." Anôra hob plötzlich den Kopf und richtete sich mit einer Anstrengung aus der halb liegenden Position auf, in der sie vorher verharrt war. "Oder habt Ihr es je erlebt, dass Diebe und Meuchelmörder Samtumhänge tragen?"
"Samtumhänge?" Er starrte sie an.
"Ja", Anôra nickte. "Ihr Anführer, der Mann der mit mir kämpfte. Er hatte einen Samtumhang an, und ein selten gut geschmiedetes Schwert. Zu gut für einen gewöhnlichen Gauner. Genau wie sein Kampfstil. Ich hatte nicht nur wegen meiner Schwäche Schwierigkeiten, mit ihm fertig zu werden. Es war ein Edelmann, Zimalkhâd. Und somit war der Angriff auch kein Zufall oder Racheakt von dieser Diebin."
"Aber..." Zimalkhâd sah sie verwirrt an. "Ihr wollt damit sagen, dass es geplant war? Woher haben sie denn gewusst, dass wir durch diese Straße kommen werden?"
"Bitte, Zimalkhâd", Anôra verzog ihr Gesicht. "Stellt Euch doch nicht dümmer an als Ihr seid. Sie sind uns vom Gasthof gefolgt."
"In diesem Brei? Und dann noch lautlos und ohne sich zu verirren?"
"Warum nicht? Schließlich war nur einer von ihnen ein Edelmann, wie Ihr wohl bemerkt haben müsst. Er brauchte bloß ein paar Diebe anzuheuern, die sich in dieser Gegend auskennen und uns über die Dächer der Häuser zu folgen, so konnten sie uns sehen, sich aber trotzdem unbemerkt heranschleichen."
"Das heißt... Das heißt, jemand hat gewusst, dass wir heute Abend in dieser Gegend sein werden."
"Genau. Aber Gwîndis kann es ihnen nicht gesagt haben. Keiner außer Euch und drei von Euren Männern hat sie je im Palast gesehen, oder gewusst, dass ich mich mit ihr treffe. Außerdem glaube ich nicht, dass sie vorhin gelogen oder irgendwas vor mir verborgen hat. Das hat sie nicht getan. Und das bedeutet wiederum, dass es jemand aus dem Palast gewesen sein muss. Jemand hat gewusst dass wir heute zu diesem Wirtshaus reiten."
"Und wer?"
"Ich weiß es nicht." Anôra trommelte leicht mit den Fingern auf die Sessellehne, ließ es aber sofort wieder sein. "Es kann jeder gewesen sein. Ein Höfling. Oder jemand aus der Königsgarde. Sogar dieser Hofheiler hat es gewusst, nur glaube ich von ihm weniger, dass er das getan hat, aber man sollte die Leute ja nie unterschätzen. Und danach zu urteilen dass der Auftraggeber anscheinend persönlich dabei war, scheint es jemand für sehr wichtig zu erachten, uns zu beseitigen."
Sie seufzte.
"Wir werden es Sauron am besten erst morgens berichten. Es dürfte ein längeres Gespräch werden, und ich bin jetzt nicht in der Lage dazu. Schickt jetzt bitte Eure Soldaten nach Erâzon aus."
Zimalkhâd nickte und verschwand aus dem Zimmer.
Anôra saß noch eine Weile lang da und sah ins Leere. Plötzlich weiteten sich ihre Augen und sie grub die Fingernägel tief in das Holz der Lehnen.
"Roccondil", flüsterte sie.
(Polina)