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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Die Ballnacht

Anôra fand es etwas seltsam, die Gemächer leer vorzufinden. Es kam nicht oft vor, dass ihr Herr nicht dort war, und vor allem jetzt hätte sie seine Anwesenheit erwartet, schließlich hatte sie ihm schon vor etlichen Tagen einen Boten mit der Nachricht geschickt, dass sie nach Armenelos zurückkehren wolle.
Aber sie hatte ihm nichts besonders Dringliches mitzuteilen an diesem windigen und ungewöhnlich kalten Aprilabend. Sie wies die Wache an, ihn von ihrer Ankunft zu unterrichten und begab sich in ihre Räume.
Dort angelangt fand sie ein Feuer im Kamin und das runde Marmorbecken im angrenzenden Badezimmer voll mit heißem Wasser, auf deren Oberfläche unzählige Blütenblätter schwammen. Wahrscheinlich hatte Mâreth ihre Ankunft durch die Fenster beobachtet und das Bad vorbereitet. Anôra lächelte, sie hatte wirklich Glück gehabt mit ihrem Dienstmädchen, das sämtliche Gewohnheiten ihrer Herrin kannte und ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Erleichtert zog sie die schlammverkrusteten Stiefel und die dreckigen, zerrissenen Kleider aus, und ließ sich in das duftende Wasser sinken. Sie schloss die Augen und genoss die Wärme, die langsam ihre durchgefrorenen Gliedmaßen füllte.
Als Zimalkhâd nach einer halben Stunde hereinkam fand er sie genau so vor. Anôra schien zu schlafen, doch sobald er sich an den Rand des Beckens stellte schlug sie plötzlich die Augen auf.
"Ich hoffe es stört Euch nicht, dass ich gerade bade, Zimalkhâd," sagte sie verärgert.
"Nur ein Narr würde sich daran stören, Euch beim Baden zu sehen, Anôra," verneigte er sich lächelnd.
Anôra warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. "Das will ich Euch glauben." Sie sah ihn belustigt an.
"Aber was ist denn nun so dringend, dass Ihr nicht einmal warten konntet, bis ich fertig bin?"
"Heute Abend findet ein großer Ball statt, zur Eröffnung des Frühlings, und unser Herr muss dort anwesend sein, daher konnte er auch nicht auf Eure Ankunft warten. Doch er lässt Euch ausrichten, dass er Euch dort gerne sehen oder besser gesagt sprechen würde. Ihr sollt Euch also anziehen und in den Großen Saal kommen."
Anôra stöhnte auf. "Ein Ball. Das hat mir gerade noch gefehlt. Mir schmerzt doch jetzt schon jeder Knochen im Leibe."
"Nun, Sauron konnte sich Eure Reaktion auf dieses verlockende Angebot anscheinend gut vorstellen," lachte Zimalkhâd. "Deshalb soll ich Euch das hier geben, als kleine Wiedergutmachung."
Mit diesen Worten legte er ein kleines schwarzes Päckchen auf die die Wände des Zimmers säumende Rundbank. Anôra sah es neugierig an. "Was ist denn da drin?"
"Um das herauszufinden müsst Ihr schon aus dem Wasser steigen, Mylady."
Zimâlkhad lächelte und ging hinaus. Anôra hörte die Tür des äußeren Zimmers aufgehen und wieder zuschlagen und seine Schritte auf den Fluren verhallen. Sie lag noch einige Minuten lang da, doch schließlich siegte die Neugier. Mit einer leichten Bewegung stieg sie aus dem Becken und nahm sich des Päckchens an.
Es fühlte sich weich, doch ziemlich schwer an. Sie löste das schwarze Tuch und holte ein Kleid hervor. Verzückt strich sie mit den Händen über den glatten schweren Stoff von einem tiefen Rot. An den weiten Ärmeln und am Saum waren kunstvolle goldgestickte Verzierungen angebracht und ein goldgesäumter Gürtel mit einem wiederum in Gold gefasstem Rubin als Schnalle gab dem Kleid besonderen Reiz. Anôra musste grinsen. Sauron wusste nur zu genau wie sehr sie schöne Dinge mochte, und er schien nicht gerade das Bestreben zu haben, es ihr abzugewöhnen. Schnell schlüpfte sie in das Kleid und rief Mâreth, die ihr bei der Frisur helfen sollte.


Der Große Saal hatte ohne Zweifel das Anrecht darauf, als der schönste Teil des Palastes zu gelten. In gewaltigen Leuchtern aus Kristall und Gold brannten Tausende von schlanken weißen Kerzen, die von den vom marmornen Boden bis zur geschwungenen Decke reichenden Spiegeln zu einem wahren Meer von Licht und Glanz vervielfältigt wurden. Am Ende des Saals, gegenüber den weißgoldenen Türen, war eine Anhöhe, auf die neun breite Stufen führten und auf der die Throne des Königs und der Königin standen, so leicht und doch prunkvoll gearbeitet, dass jede andere Sitzgelegenheit im gleichen Raum einem Frevel gleichzukommen schien.
Anôra kämpfte sich strahlend lächelnd und Höflichkeiten austauschend an der Wand entlang durch die riesige Menschenmenge vor zur Mitte des Saals. Dort blieb sie stehen und beobachtete mit einem schiefen Lächeln eine Gruppe aus neun oder zehn jungen Höflingen. Die Lords waren in eine etwas lächerlich wirkende Mischung aus angedeuteter Kriegerkleidung und Palastgewändern gekleidet, während die Ladys in ihren tief ausgeschnittenen Kleidern jeden Moment unter dem schweren Goldschmuck zusammenzubrechen schienen. Sie erinnerten Anôra plötzlich an Glasmurmeln mit denen sie als Kind gespielt hatte, genauso bunt, durchsichtig und laut.
Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit der Thronanhöhe zu.
Die Königin hatte natürlich wie immer den Gesichtsausdruck einer Märtyrerin aufgesetzt, die Haare straff zurückgekämmt, doch diese Armut auf dem Kopf wurde durch den Reichtum ihres Kleides wettgemacht. Die Krone hatte sie nicht an. Seit Ar-Pharazôn an die Macht gekommen war weigerte sie sich, diese anzuziehen. Anôra konnte nur den Kopf über so viel unsinnige Sturheit schütteln.
Der König dagegen hatte anscheinend beste Laune, er lauschte mit einem Lächeln auf den Lippen einer Erzählung von Sauron, der sich neben dem Thron stehend zu ihm hinunter gebeugt hatte und in seinen einfachen schwarzen Gewändern ein ruhendes Gegengewicht zu den schillernden Farben des Saals zu sein schien. Ohne zu reden aufzuhören hob er die Augen und lächelte kaum merklich, als er Anôra erblickte. Seine Geschichte war wohl zu Ende, denn der König lachte und winkte den Diener mit dem Wein zu sich.
Sauron hingegen verneigte sich leicht und ging in die Richtung von Anôra. Obwohl sich vor ihm sofort eine Gasse in der Menschenmenge bildete schaute ihm keiner nach. Die Höflinge hatten schnell gelernt, dass man sich am besten nicht um seine Angelegenheiten kümmern sollte.
"Es ist schön dass du doch noch kommen konntest trotz der Strapazen deiner Reise," war seine Begrüßung. "Obwohl ich sagen muss, dass man sie dir nicht ansieht, so wie du strahlst," fügte er lächelnd hinzu.
"Was bleibt mir denn anderes übrig nach so einem Willkommensgeschenk?" Anôra lachte und verneigte sich.
"Aber Ihr wollt sicher wissen, wie meine weitere Reise verlief, nachdem ich aus dem Wald herausgekommen bin? Soweit ich mich erinnern kann habe ich Euch seitdem keine Berichte mehr geschickt."
"Ja, deshalb habe ich dich ja auch hergebeten. Aber reden wir doch dort hinten weiter." Sauron deutete auf eine der Nischen die sich zwischen den die Spiegel säumenden Säulen auftaten.
"Also, ich nehme an, du hast Anariel nicht gefunden?"
"Nicht direkt, aber lasst es mich von Anfang an berichten."
Anôra fing an zu erzählen. Wie sie, nachdem sie aus dem Wald herausgekommen war, auf die Küste zu weiter ritt. Wie sie monatelang in allen möglichen Dörfern und Städtchen jeden nach Anariel ausgefragt hatte und doch nicht die kleinste Spur finden konnte. Wie sie schließlich den Glauben an den Erfolg dieser Suche verlor und schon zurückkehren wollte, als sie in einem der kleineren Dörfer mit einem dorfbekannten Raufbold zusammentraf, der ihr sagte, dass Anariel in Begleitung des Sohnes einer der Dorfbewohner vor nicht allzu langer Zeit nach Norden geritten ist. Wie sie ihrer immer wieder verschwindenden Spur durch ganz Hyarrostar bis kurz vor Armenelos folgte und sie schließlich in den Vorhöfen der Goldenen endgültig verlor.
Nachdem sie geendet hatte schwieg Sauron noch eine Weile.
"Du bist dir also sicher, dass sie in Armenelos ist... Dann wird sie wohl ihren Vater aufgesucht haben," sprach er schließlich.
"Ihren Vater?" wiederholte Anôra verwundert. "Man hat ihn noch nicht gefunden?"
"Nein," Sauron schüttelte kurz den Kopf.
"Obwohl Zimalkhâd wirklich alles durchsucht hat was man nur durchsuchen konnte und alle die aus der Stadt wollen strengstens überprüft werden hatten wir keinen Erfolg."
"Vielleicht versteckt er sich irgendwo bei Elendil?" schlug Anôra vor.
"Wenn dem so ist, dann muss er sich in irgendwelchen geheimen Räumen versteckt halten, denn Zimalkhâd hat das Haus mehrmals durchsucht und nichts gefunden. Allerdings hat er beim letzten Mal seine sämtlichen Papiere entwendet, du kannst sie dir morgen ansehen."
"Das werde ich machen, Herr," nickte sie.
"Hat man auch seinen Retter nicht gefunden?"
"In Armenelos nicht, aber Zimalkhâd hat einige seiner Leute nach Rómenna geschickt."


"Warum denkt ihr, dass er in Rómenna zu finden ist?" Anôra sah ihn fragend an.
"Das ist nur eine Vermutung. Wenn er Narmacil geholfen hat, kann es sein dass er von den Getreuen kommt. Daher wird Rómenna nun auch überprüft. Natürlich sind die Chancen gering, aber man kann nie wissen..." Sauron schwieg kurz.
"Vielleicht wirst du auch irgendwelche Hinweise in den Papieren finden. Aber darüber reden wir später. Das wäre dann alles für heute. Du kannst gehen und dich ausruhen... vorausgesetzt du willst nicht noch ein wenig dem Ball beiwohnen."
"Nein, lieber nicht," Anôra schüttelte den Kopf.
"Alles, was ich jetzt will, ist mein Bett."
"Dann bist du für heute entlassen," lächelte Sauron.
"Ach ja, bevor du dich fragst, was hier nachts vor sich geht, dieser Narr hat neuerdings nächtliche Patrouillen für den ganzen Palast angeordnet, aus seiner ewigen Furcht vor Meuchelmördern die nichts besseres zu tun haben sollen, als in sein mittlerweile sowieso schon zur Festung gewordenes Zimmer einzubrechen. Als ob man die Soldaten nicht für etwas besseres verwenden könnte."
Er schaute ärgerlich zum Königsthron.
"Zimalkhâd und seine Leute übernehmen unseren Flügel, also wundere dich nicht, wenn du sie ab und zu vorbeigehen hörst. Der nächste Patrouillengang müsste sowieso schon bald anstehen."
Mit diesen Worten drehte er sich um und kehrte an die Seite des Königs zurück.
Anôra hatte allerdings etwas mehr Mühe, durch den noch voller gewordenen Saal zur Tür zu gelangen, denn man hielt sie ständig mit lästigen Fragen auf, wo sie denn so lange gewesen sei. Sie erzählte jedem irgendetwas von Verwandten auf dem Land und seufzte schließlich erleichtert, als sie nach etlicher Zeit endlich die Türe hinter sich zuschlagen und den Lärm und die grellen Lichter des Festes hinter sich lassen konnte. Langsam ging sie nur vom Hallen der eigenen Schritte begleitet durch den wie ausgestorbenen Palast zu ihren Räumen, die Leere und die Stille der Gänge genießend. Einmal hörte sie aus einem der einmündenden Gänge die Stimmen und lauten Schritte von Soldaten. Das müsste wohl eine der Patrouillen sein. Sie beschleunigte ihre Schritte etwas. Ihre Gliedmaßen waren wie mit Blei gefüllt und ihr Kopf dröhnte. In dieser Verfassung war ein Plausch mit ihnen das letzte, was sie noch brauchen konnte. Schließlich bog sie um die letze Ecke und hielt verwundert inne.
Dieser Gang war einer der ältesten im Palast und die Wände hatten weder Fenster noch waren sie mit Spiegeln, Gold oder weißen Säulen verziert. Hier gab es keine Kerzen, nur einige Fackeln erleuchteten den langen Flur in dem einzig die Tür zu ihren Gemächern zu finden war. Und unter den Türen hindurch sah man in dem Halbdunkel deutlich etwas Licht dringen, obwohl Anôra sich ganz sicher war, dass sie die Kerzen ausgeblasen hatte bevor sie sich zum Ball begeben hat. Doch dann entspannte sie sich sofort wieder und lachte leise. Natürlich, Mâreth musste zurückgekehrt sein und den Kamin angemacht haben, schließlich war der Frühlingsanfang in diesem Jahr genauso kalt wie der Winter. Durch diese lästige Müdigkeit konnte sie wohl nicht mehr klar denken.
Immer noch lächelnd setzte sie ihren Weg geschwind fort. An der Tür angelangt holte sie einen kleinen Silberschlüssel heraus. Mit einem leisen Klicken gab das Schloss nach und Anôra trat durch die halb geöffnete Tür, doch sie blieb wie versteinert an der Schwelle stehen.
Im Zimmer war es eisig kalt. Der Kamin zeigte nicht mal die Anzeichen von einem Feuer, dafür stand auf dem Tisch eine Kerze, deren Flamme unablässig im aus der halb geöffneten Balkontür kommendem Wind tanzte. Doch das alles merkte sie nur halb, das einzige worauf ihre weit aufgerissenen Augen gerichtet waren war die große Truhe an der Wand, die Truhe in der ihre Papiere waren.
Nun lagen diese Papiere alle auf dem Boden vor der Truhe und raschelten wie trockene Herbstblätter im Wind. Aber derjenige, der dafür verantwortlich war, schien nicht mehr in dem Zimmer zu sein.
Sie sah die Bewegung viel zu spät.
Anôra sprang zurück, aber es reichte nicht mehr. Sofort spürte sie einen brennenden Schmerz in ihrer Seite und fühlte wie etwas Warmes an ihrer Hüfte hinunter zu sickern begann. Doch sie wich schnell genug zur Seite aus, um einem zweiten Angriff zu entgehen und sah ihren Gegner an.
Es war eine Frau. Sie war sehr jung und in dunkle Kleidung gehüllt, die schwarzen Haare von einem Band zusammengehalten. Sie hielt einen einfachen Dolch in der Hand und schaute Anôra mit einem Ausdruck grenzenlosen Erstaunens in dem wohlgeformten Gesicht an. Anscheinend hätte die Angreiferin nicht erwartet dass sie so schnell reagierte.
Ohne abzuwarten bis sich die Frau wieder gefasst hatte zog Anôra den langen schmalen Dolch den sie immer zwischen den Falten ihrer Kleider zu tragen pflegte und griff ihrerseits an.
Sofort löste sich die Starre ihrer Gegnerin. Blitzschnell wich sie nach links aus und versuchte sofort, Anôra erneut zu attackieren. Aber sie hatte entweder die Kraft der eigenen Bewegung oder Anôra´s Reaktion unterschätzt, denn Anôra duckte sich und schnellte sofort wieder in die Höhe. Die Fremde warf sich, als sie ihren Fehler gemerkt hatte, mit aller Kraft zurück, doch konnte sie dem Ausfall nicht ganz entgehen und Anôra´s Klinge fuhr über ihre Wange. Mit einem kurzen Schmerzensschrei taumelte sie einige Schritte zurück, unter der an die Wange gepressten Hand sickerte Blut hervor.
Langsam bewegten sich die beiden Gegnerinnen in einem Kreis, keine Bewegung der anderen aus den Augen lassend, aber auch ohne anzugreifen.
Anôra´s Gedanken überschlugen sich. Wer war diese Frau, und wo hatte sie so gut kämpfen gelernt? Anôra wusste genau, dass es nicht viele Leute in ganz Númenor gab, die ihr das Wasser reichen konnten, doch sie hätte nie gedacht, dass eine junge Diebin (und genau das schien sie zu sein) zu diesen Menschen gehörte.
Schließlich startete ihre Gegnerin eine neue Attacke, aber Anôra hatte es erwartet und keines der beiden Dolche traf sein Ziel. Wiederum standen sich die beiden Frauen gegenüber. Unvermutet machte die Fremde einen riesigen Satz zur Balkontür, doch Anôra sprang ihr fast zeitgleich in den Weg.
Erneut warf sich ihre Gegnerin von der Klinge getrieben zurück und stieß dabei gegen einen mannshohen Kerzenhalter aus Messing, der mit einem Klirren und Scheppern auf den kleinen Marmortisch zu seinen Füßen stürzte, was in den leeren Gängen des Palastes lauter als ein Donnergrollen widerhallte.
Noch in der Zeit in der die Frau unsicheren Fußes versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden, machte Anôra einen Ausfall, doch ihre Gegnerin wich ihm mühelos aus und stand nun wieder in der Nähe der Balkontür.
Anôra schwirrte der Kopf. Der Ausfall war schlecht, sehr schlecht sogar. Nicht einmal der einfachste Soldat der Palastgarde hätte einen taumelnden Gegner entwischen lassen. Wütend auf sich selbst presste sie ihre Finger fester um den Griff des Dolches zusammen und versuchte den Dunstschleier vor ihren Augen und das Klingeln in den Ohren zu ignorieren.
Zum dritten Male standen sich beide wortlos gegenüber, auf den nächsten Angriff der anderen wartend.
Anôra kam es vor als wären seit ihrer misslungenen Attacke Jahre vergangen als sie laute Stimmen und schnelle Schritte im Gang hörte und eine Sekunde später zehn Soldaten der Schwarzen Garde hereinstürzten, angeführt von Zimalkhâd. Im gleichen Augenblick sprang ihre Gegnerin durch die offene Balkontür und stürzte förmlich über die Fassade.
Anôra versuchte ihr nachzulaufen doch ihre Füße gaben schon beim ersten Schritt gefährlich nach und alles fing an, sich um sie herum zu drehen. Dann spürte sie einen stützenden Arm um ihre Hüfte und sah wie durch Nebel Zimalkhâd´s Gesicht neben sich.
"Anôra," rief er. "Anôra, hört Ihr mich? Was ist mit Euch?"
"Nichts, es geht mir gut."
Entschlossen schüttelte Anôra den Kopf, doch es wurde nicht besser sondern noch schlimmer. Das Zimmer schien mittlerweile voll von Soldaten zu sein, einige standen an der Balkonbrüstung und sahen herab, jemand lief aus der Tür, Zimalkhâd gab irgendwelche Befehle...
Plötzlich spürte Anôra eine heiße Welle Zorn in sich aufsteigen, Zorn auf die Fremde, auf die, wie ihr vorkam, sinnlos umherlaufenden Soldaten, und vor allem auf das Dröhnen in ihrem Kopf und ihre eigene Hilflosigkeit.
"Lasst mich endlich los!" schrie sie Zimalkhâd an und schüttelte wütend seinen Arm ab, was die Wände des Zimmers erneut in einem wilden Wirbel um sie herum tanzen ließ.
"Ihr werdet sie so nicht aufhalten, ihr Narren! Sie wird noch heute Nacht einen Heiler brauchen, also macht verdammt noch mal zumindest etwas sinnvolles und schickt Leute zu jedem verfluchten Heiler in dieser Stadt!"
"Aber Mylady, es gibt hunderte Heiler hier, und..." fing einer der Soldaten an.
"Es ist mir egal!" Anôra´s Stimme wurde noch lauter und überschlug sich fast. "Und wenn es Tausende sind! Bringt sie mir, oder es wird jeden von euch den Kopf kosten, habt ihr verstanden?! Ich will sie haben, noch heute Nacht!!!"
Plötzlich sprach Zimalkhâd, und seine Stimme war merkwürdig heiser, als er den Arm vorstreckte, mit dem er eben Anôra gestützt hatte.
"Blut."
Schlagartig herrschte Totenstille in dem Raum. Er starrte fassungslos seine Handfläche an.
"Es ist Blut."
"Ja," Anôra nickte und versuchte nicht einmal mehr den wahnsinnigen Tanz der Wände zu stoppen die sich immer schneller drehten.
"Ja, das wird... das wird es wohl sein."
Sie schwankte. Verzerrt und wie aus weiter Ferne hörte sie Zimalkhâd etwas schreien, der Kreis der Wände verengte sich zu einem immer enger werdendem Wirbel und das Pochen in ihrer Seite glich unzähligen Hammerschlägen. Dann wurde es dunkel.


(Polina)