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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Eine lange Nacht

Der volle Mond war gerade aufgegangen und tauchte das Wäldchen auf der anderen Seite des Feldes und die flachen Hügel im Hintergrund in silbriges Licht. Es war vollkommen still, und ein leichter Nachtwind brachte den Duft von Nachtblumen und Gräsern ins Zimmer. Anôra seufzte leise und drehte sich vom Fenster weg. Es wurde langsam Zeit. Sie ging in die Tiefe des nur durch eine Kerze beleuchteten Zimmers zu dem Sofa, auf dem ein junger dunkelhaariger Mann lag. Auf dem Tisch vor ihm stand eine halb leere Flasche Wein und zwei Gläser. Anôra kniete sich nieder und nahm vorsichtig sein Handgelenk. Der Puls war nur noch schwach zu fühlen. Sein Gesicht war unnatürlich bleich und die Stirn bereits mit feinen Schweißtröpfchen übersät. Nein, aufwachen würde er nicht mehr. Sie ließ seinen Arm sinken und stand auf. Erstaunlich, wie gut der alte Trick mit dem Gift im Weinglas immer noch funktionierte. Anôra ging zu der großen Kommode in der Ecke des Zimmers hinüber und begann, eine nach der anderen die Schubladen zu öffnen und ihren Inhalt auf den Boden zu leeren. Schmuck, kleine Goldstatuen mit Augen aus Edelsteinen, in feines Leder gebundene Bücher mit Gedichten und Lobliedern auf den König und Númenor, in Silber und Gold gefasste Federn mit passenden Tintenflaschen, kleine kunstvoll gearbeitete Kästchen, noch mehr Schmuck... Sie hielt inne und runzelte die Stirn. Irgendwo hier mussten die Papiere doch sein. Er hatte es ihr selbst gesagt, direkt nach der Beteuerung seiner ewigen Liebe. Anôra lächelte spöttisch und schüttelte den Kopf. Was ein Abend im großen Festsaal des Palastes und einige Spaziergänge im Mondlicht alles bewirken konnten. Dann machte sie weiter. Und wieder prasselten Perlen und goldene Ringe auf den Boden, und der Stapel mit den Büchern wuchs in die Höhe. Schließlich wurde sie in einer der untersten Schubladen fündig. Ein nicht allzu großes flaches Holzkästchen, mit seinen Initialen in Gold auf dem Deckel. Das müsste es sein. Anôra öffnete ihn und blickte zufrieden auf das Bündel Papier runter. Sie nahm ein paar Seiten heraus und überflog sie, es war genau das richtige. Dann stand sie auf und steckte das Bündel in ihr Kleid. Nun musste nur noch dafür gesorgt werden, dass nie jemand erfuhr, dass die Papiere in fremde Hände geraten waren, doch das war der leichteste Teil ihrer Aufgabe. Sie ging zur Tür, schloss sie ab und verriegelte sie mit einiger Mühe mit einem großen Querbalken. Darauf stieß sie die auf dem Tisch stehende Kerze um, und das alte Holz fing sofort Feuer. Ohne sich umzudrehen öffnete Anôra das Fenster und stieg auf den Fenstersims hinaus. Zwar störte der Rock ihres Kleides ein wenig, doch es war ein leichtes, an der mit zahlreichen Säulen und Statuen geschmückten Fassade runter zu klettern. Sie lief über das Feld und drehte sich am Waldrand noch mal um. Das brennende Zimmer war nur noch ein glühender roter Punkt in der dunklen Masse des Hauses, doch noch immer war nichts außer dem Rauschen der Blätter im Wind zu hören. Man hatte es noch nicht bemerkt. Anôra tauchte unter die Bäume und fand bald ihr Pferd, immer noch ruhig dort stehend, wo sie es vor einigen Stunden festgebunden hatte. Sie stieg auf den Rücken des Tieres und ritt durch die Bäume hindurch zu den Hügeln, hinter denen Armenelos lag.


In kurzer Zeit in dem Palast angekommen, setzte sich Anôra in ihrem Gemach mit einer Schüssel Äpfel neben sich in den Sessel vor dem Kamin und fing an zu lesen. Da waren alle Treffen, Pläne und vor allem Namen der "wahren Königstreuen", wie sie sich nannten, aufgeführt. Sie waren erst vor einigen Jahren aufgetaucht und waren mindestens genau so störend wie diese armseligen Elbenfreunde. Nur mit dem Unterschied, dass die Elbenfreunde gegen Sauron und gegen den König arbeiteten, die Königstreuen jedoch gegen Sauron und die Elbenfreunde. Und sie dachten anscheinend, dass sie vollkommen ungestraft und unbeobachtet Pläne gegen ihren Herrn schmieden konnten, in den Papieren waren nämlich nicht nur alle ihre Trefforte und Beschlüsse, sondern sogar noch die echten Namen der führenden Personen aufgelistet. Die Elbenfreunde waren da schon vorsichtiger, bei ihnen fand sie nie was anderes als Pseudonyme, die ihre Besitzer beim Eintritt auf ein Blatt schrieben, falls sie überhaupt etwas fand, denn meistens waren diese Blätter äußerst gut versteckt. Doch die Königstreuen hielten in dem Irrglauben, unentdeckt zu sein, alles penibel fest, ohne dass dazu überhaupt eine Notwendigkeit bestand. Narren! Anôra lehnte mit einem leichten Lächeln zurück und vertiefte sich in die Liste. Anscheinend schrieb bei jedem Treffen ein anderer mit, doch es waren nicht viele, und nach kurzer Zeit konnte Anôra sie an der Schrift erkennen, ohne den darunter stehenden Namen lesen zu müssen. Die Zeit verging und die Nacht neigte sich dem Ende zu. Langsam erwachten die Dienstboten im Palast und fingen mit ihrer täglichen Arbeit an, doch in den abgelegenen Gemächern, in denen Anôra wohnte, war es immer noch ruhig, nur das leise Knistern des Feuers aus wohlriechenden Hölzern war zu hören. Plötzlich erstarrte sie. Der halb gegessene Apfel fiel ihr aus der Hand und rollte über den Boden. Anôra bemerkte es nicht und sah wie hypnotisiert das Blatt an. Ein Eintrag war in einer neuen Schrift gemacht, und kein Name stand darunter, doch sie hatte diese Schrift schon mal gesehen und sie war sich vollkommen sicher, dass es nicht in den Papieren der Königstreuen gewesen war. Anôra sprang auf, lief zu der Truhe, in der sie solche Sachen aufzubewahren pflegte, und begann ihren Inhalt rücksichtslos auf den Boden zu werfen. Schließlich fand sie was sie suchte: ein vergilbtes, an einer Seite versengtes Blatt mit 9 Pseudonymen der Elbenfreunde, jedes von einer anderen Hand geschrieben. Es hatte sie vor einigen Jahren sehr viel Mühe und beinahe auch ihr Leben gekostet, an dieses Stückchen Papier zu kommen, doch sie hatte bis jetzt noch nichts damit anfangen können und hätte es beinahe vergessen. Doch nun hielt Anôra es wie einen Schatz in den Händen, kehrte damit zum Kamin zurück und hielt es ans Licht, die Augen an einen Namen geheftet. Roccondil. Sie hielt das Blatt der Königstreuen daneben. Es bestand kein Zweifel, das war die gleiche seltsam verschnörkelte, leicht unregelmäßige Schrift. Anôra ließ die Blätter sinken und starrte ins Feuer. Was hatte das zu bedeuten? War dieser "Roccondil" nur ein Verräter, der für die Königstreuen oder für die Elbenfreunde spionierte? Oder steckte etwas anderes dahinter, sowas wie... Anôra schnappte nach Luft und sprang auf. Sie musste es melden, sofort. Die beiden Blätter in den Händen stürzte sie aus dem Zimmer, die Treppe hinunter, vorbei an den ihr verdutzt nachschauenden Dienstboten, bis zum Ende des Ganges, zu der Tür, die zu den unterirdischen Gängen führte, durch die ihre Gemächer mit denen ihres Herrn verbunden waren. Dort herrschte undurchdringliche Dunkelheit, doch Anôra rannte ohne anzuhalten weiter, diese Gänge waren ihr zu vertraut, als dass sie Licht dazu brauchen würde, um den richtigen Weg zu finden. Schließlich sah sie vor sich eine von zwei Fackeln erhellte Holztür, vor ihr wie immer ein bewaffneter Soldat. Ohne auf ihn zu achten lief sie auf die Tür zu, doch plötzlich trat der Wachmann ihr in den Weg.
"Ihr könnt nicht rein, der Herr möchte bis zum Mittag ungestört bleiben."
"Verschwinde!" zischte Anôra.
"Es tut mir leid, Lady Anôra, ich weiß dass ihr in seiner Gunst steht, doch ich habe einen klaren Befehl kei...."
Ohne den Satz beendet zu haben schlug der Mann die Hände über dem Bauch zusammen und sank stöhnend und nach Luft ringend auf den Boden. Anôra stieß ihn mit dem Fuß zur Seite und ging hinein.


Er saß am Tisch, über ein großes Buch gebeugt, doch als Anôra herein kam hob er den Kopf und sah sie missbilligend an.
"Hat dir die Wache nicht gesagt, dass ich keinen sehen möchte?" fragte er wie gewohnt leise, doch Anôra hörte die Unzufriedenheit in seiner Stimme.
"Verzeiht Herr, doch es erschien mir wichtig." Ohne weitere Worte reichte sie ihm die beiden Blätter und senkte abwartend den Kopf.
Für einige Minuten herrschte Stille in dem Raum, und schließlich fragte Sauron: "Wie lässt sich das deiner Meinung nach erklären?"
"Entweder ist dieser Roccondil ein Verräter oder...", Anôra stockte.
"Oder? Sprich weiter."
Anôra holte tief Luft: "Oder es gibt ein Bündnis zwischen den Königstreuen und den Elbenfreunden!"
"Und ich nehme an, der Mann der es hätte erklären können, ist bereits tot?" Saurons Stimme blieb ruhig, doch eine Schärfe war in sie getreten.
"Das ist er, Herr." Anôra schaute auf den Boden vor ihren Füßen und wünschte, sie wäre jetzt an irgendeinem weit entfernten Ort.
"Nun, also hat sich womöglich direkt unter meiner Nase ein Bündnis gebildet, und du hast den einzigen, der etwas Klarheit in die Sache bringen könnte, umgebracht?"
"Ja Herr", flüsterte Anôra. Ihr Gesicht brannte.
Einige Augenblicke lang füllte gespannte Stille den Raum, doch plötzlich sprach Sauron wieder, und seine Stimme war eiskalt geworden: "Dir ist klar, dass es ein großer Fehler war. Solche Fehler verzeihe ich niemandem."
Anôra glaubte die Welt um sich herum würde gleich zusammenbrechen. Plötzlich legte sich ein Arm auf ihre Schulter. Anôra fuhr zusammen und sah ängstlich auf.
"Niemandem außer dir", lächelte Sauron. "Doch du musst es herausfinden, Anôra, und zwar so schnell wie möglich. Ich will wissen, ob wirklich die Gefahr eines Bündnisses besteht. Fang gleich an. Du kannst gehen." Mit diesen Worten kehrte er wieder an den Tisch zurück.
Anôra ging erleichtert zur Tür hinaus. Als sie wieder in ihrem Gemach angekommen war, war das Feuer im Kamin schon erloschen. Sie zog die schweren dunkelroten Vorhänge zurück und trat auf den Balkon. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, doch der Himmel im Osten glühte bereits. Sie schaute auf die unter dem Palasthügel liegende Stadt hinunter, und auf die Straße, die sich durch ganz Armenelos wand und hinter den Hügel in Richtung Rómenna verschwand. Rómenna. Dort hatten sich fast alle Elbenfreunde versammelt, und von dort schmiedeten einige von ihnen immer noch Pläne gegen den König und ihren Herrn. Oder besser gesagt sie versuchten es. Denn seit der Auflösung der Verschwörung, deren Anführer ihre Eltern waren, stellten sie keine ernst zu nehmende Gefahr mehr dar. Außer sie verbanden sich mit den Königstreuen. Was dann passieren könnte, daran mochte sie gar nicht denken. Anôra schloss die Augen und lehnte ihren Kopf an die Wand. Der kühle Morgenwind blies ihr ins Gesicht und spielte mit ihren Haaren. Sie achtete nicht darauf.
"Fang an", hat er ihr gesagt. Anôra lachte bitter. Fang an... Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, wo sie anfangen sollte.


(Polina)