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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Winter 3303


I


"Ich verstehe nicht ganz, was ihr von mir wollt, Tirazôn." Sauron sah den Hauptmann ausdruckslos an. "Ich kann Anôra nicht dazu zwingen, wieder fröhlich zu werden."
"Darum geht es doch gar nicht," erwiderte Tirazôn hitzig. "Es geht darum, dass sie jetzt mit einem Dutzend Schnittwunden im Bett liegt! Es war ein Glück, dass keine Scherbe sie wirklich ernsthaft verletzt hatte, was durchaus hätte sein können!"
"Ja, und? Was habe ich damit zu tun, dass sie das Glas zum Platzen gebracht hat?"
"Ihr wisst genau dass ihr sehr wohl damit zu tun habt!"
Sauron hob leicht die Augenbrauen an, ein sicheres Zeichen dafür, dass er mit dem Benehmen seines Dieners mehr als unzufrieden war, doch Tirazôn ließ sich davon nicht beeindrucken. Er hatte nicht länger vor, bei diesem Spiel mitzumachen.
"Dass Anôra sich überhaupt in diesem Zustand befindet, ist allein die Schuld eurer Entscheidung! Sie verkraftet diese Trennung nicht, und wird sie auf diese Weise auch nie verkraften, könnt ihr das denn nicht sehen?!"
"Ihr redet wirres Zeug," verzog der königliche Berater das Gesicht. "Sie hat sich selbst dazu entschieden, das wisst ihr genau."
"Das hat sie ganz sicher nicht! Um sich entscheiden zu können, hätte sie wenigstens vor einer Wahl stehen müssen, und diese Wahl habt ihr Anôra nie gelassen!"
"Tirazôn." Der Ton Sauron´s war nun deutlich kalt und warnend geworden. "Ihr wollt mir nicht ernsthaft erzählen, dass ich die Launen eines Mädchens unterstützen soll, nur weil sie nicht dazu in der Lage ist, ihre Gefühle zu kontrollieren?"
"Launen?!" Tirazôn schnappte nach Luft und spürte maßlosen Zorn in sich aufsteigen. Das war genug. Er hatte zu lange geschwiegen, viel zu lange als das es für Anôra gut gewesen wäre. "Es sind keine Launen, ihr habt das ganze Leben des Mädchens zerstört! Xâdres war ihr Ein und Alles, und ihr habt ihr diese Liebe genommen, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was ihr damit anrichtet! Es geht hier nicht mehr darum, ob sie ihre Gefühle im Zaum halten kann oder nicht, ihr habt sie mit euren unnötigen Verboten jeglichen Lebenswillens geraubt, versteht es endlich!"
Sauron sah ihn schweigend an, und die eisige Kälte dieses Blickes sagte mehr als Tausend Worte.
"Hütet eure Zunge, Soldat," zischte er schließlich, und der Hauptmann hatte plötzlich das Gefühl, die Stimme würde seine Haut zerfetzen. "Ihr vergesst, wer ihr seid! Ich habe Anôra ihr jetziges Leben ermöglich, also ist es auch mein Recht, darüber zu entscheiden, was sie tun darf und was nicht, ihre Gefühle können daran genauso wenig ändern wie eure lächerlichen Einwände! Ich treffe meine Entscheidungen, und eure Meinung dazu könnt ihr getrost für euch behalten! Davon abgesehen scheint ihr wohl vergessen zu haben, dass ihr es wart, der all die Zeit meine Befehle befolgt und unterstützt hat, also spart euch euren heiligen Zorn! Hättet ihr sie nicht immer und in allem gewähren lassen und ihr nicht die Möglichkeit gegeben, sich hinter eurem Rücken zu verkriechen, hätte sie sich längst wieder gefasst! Doch warum sollte sie sich überhaupt anstrengen, wenn ihr stets zur Stelle seid, um ihr alles abzunehmen und sie in jeder noch so kleinen Laune zu unterstützen?! Ihr solltet vielleicht endlich damit aufhören, sich wie ihr Vater aufzuführen, der ihr nun mal nicht seid!"
Stille kehrte in dem Raum ein. Tirazôn ließ den Kopf sinken und stierte regungslos auf die Tischplatte vor sich. Nach einigen Augenblicken atmete er tief durch, als hätte er sich zu einer wichtigen Entscheidung durchgerungen, und stand auf.
"Ihr habt Recht, Herr," sprach er langsam. "Ich bin nicht ihr Vater. Dass ich mich trotzdem so benehme schadet sowohl Anôra, als auch euren Plänen. Doch leider kann ich nicht mehr anders. Aus diesem Grund bitte ich euch," er hob den Kopf und blickte ruhig in die hellen Augen seines Herrn, "mich aus eurem Dienst zu entlassen. Ich kann euch kein guter Diener mehr sein."
Erneut wurde es still. Sauron sah seinen Hauptmann mit einer Mischung aus Zorn und Entgeisterung an, als könnte er nicht glauben, was er eben gehört hatte. Dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück und schloss die Augen. Als er sie einige Momente später öffnete, war sein Blick so distanziert und undurchdringlich wie immer.
"Wie ihr wollt," sagte er kühl. "Nehmt eure Sachen und geht."
"Darf ich mich von Anôra verabschieden?"
"Nein. Geht, bevor ich es mir anders überlege. Sofort. Und sorgt dafür, dass ich nie wieder etwas von euch höre, geschweige denn euch in der Hauptstadt sehe, wenn euch euer Leben lieb ist. Veschwindet."
"Wie ihr wünscht, Herr." Tirazôn verneigte sich und verließ mit seltsam mechanisch anmutenden Bewegungen das Zimmer. Er konnte das eben Geschehene selbst kaum fassen.


Die Tage vergingen, sie glitten unendlich träge an dem neu verglasten Fenster vorbei, ohne in das Zimmer hineinzuschauen. Wieviele waren wohl bereits vorüber? Anôra interessierte sich nicht sonderlich dafür. Sie saß Stunde um Stunde bewegungslos auf ihrem Bett und starrte ins Nichts. Nichts, das war genau das,was ihren Kopf und ihre Gedanken vereinnahmte und ihre Gefühle auslöschte. Es war auf seine Weise ein angenehmer Zustand, als wäre sie aus einem wirren Strudel gehoben worden und würde sich das wilde Wasser unbeteiligt aus großer Höhe ansehen.
Vor einiger Zeit war Tirazôn bei ihr gewesen, er hatte erzählt, er wäre nur heimlich da und müsse sofort gehen, den Palast und die Hauptstadt verlassen.
"Hör mir gut zu, mein Mädchen," hatte er danach gesagt. "Lass dich nicht hängen. Weiterhin nichts tun wäre der größte Fehler, den du machen könntest, und sicherlich auch der letzte. Du musst jetzt kämpfen, verstehst du? Es geht in dieser Welt nicht anders, entweder du schlägst als erste zu oder du wirst zertreten. Vergiss das nicht. Und kämpfe, Anôra, kämpfe um deinen Platz so gut du kannst. Noch ist nichts verloren."
Sie hatte nur mit den Schultern gezuckt, und bald darauf war er auch schon gegangen und sie wieder ihrer Ruhe überlassen. Kämpfen? Warum sollte sie bitte kämpfen? Nein, sie wollte nicht mehr in den Strudel hinunter, das konnten andere machen. Sie mochte das Spiel nicht mehr. Seine Regeln waren wirr und unnütz, und sie hatte keine Muße, sie zu durchschauen. Ständig ging jemand, das war das einzig Klare daran. Sie würde wahrscheinlich auch bald gehen. Nun, das sollte ihr recht sein. Vielleicht würde man sie dann endlich ganz in Ruhe lassen.
Weitere Tage glitten in der kühlen, feuchten Luft draußen vorbei, es wurde ein wenig kälter, und eine täglich kommende Dienerin machte Abends Feuer im Kamin. Anôra´s Wunden waren gänzlich verheilt, nur hie und da hatten sie feine weiße Narben zurückgelassen. Zum Glück nicht im Gesicht, hatte der Heiler gesagt. Sie sah den Unterschied zu ihrem restlichen Körper nicht.
Dann waren die Gerüchte gekommen. Sauron solle einen neuen Günstling haben, hatte ihr die Dienerin erzählt. Sie war beeindruckend gut informiert. Es wäre ein besonders begabter junger Soldat der Schwarzen Garde, noch unbekannt genug, um auch als Spion eingesetzt werden zu können. Er hätte bereits ein eigenes Zimmer unweit von dem von Anôra und seine Ausbildung wäre in vollem Gange. Doch auch diese Geschichte konnte ihr kaum mehr als ein leichtes Schulterzucken entlocken. So war sie wenigstens sicher davor, wieder zum Training oder Ähnlichen gerufen zu werden. Nicht das sie hingegangen wäre, aber Lust auf eine Auseinandersetzung deswegen hatte sie nicht. Am liebsten wäre es ihr, sie würde gar keine Menschen mehr sehen. Doch die Dienerin war ständig da, und sie erzählte ihr auch ständig etwas.
Der Winter sollte kalt werden, es gäbe Probleme mit den Bauern, die nicht mehr die übliche Menge an Ernte liefern wollten, vor allem das Feuerholz wäre knapp.
Von Lady Áncabeth hatte man neulich gehört, sie hätte sich gut auf dem Landgut ihrer Eltern in der Nähe von Andunié eingelebt nachdem man sie vom Hofe gejagt hatte, und solle sogar bald irgendeinen Adligen aus der Gegend heiraten. Es gab noch immer keine würdige Nachfolgerin für sie, die den Titel Erste Hofdame des Königs verdient hätte. Es waren zwar einige neue Hofdamen eingetroffen, jedoch alle viel zu jung und nicht annähernd hübsch oder geistreich genug. Ach ja, und von Mâreth wisse niemand etwas, sie schien sich einfach aus dem Staub gemacht zu haben. Sie war aber sowieso keine gute Dienerin gewesen, ein wenig unterbelichtet.
Für die Schwarze Garde hatte man ebenfalls noch keinen neuen Hauptmann gefunden. Lord Tirazôn hatte die letzten Jahrzehnte diesen Posten belegt, bis man ihn aufgrund seines Alters entlassen hatte. Und so wurde jetzt jemand gesucht, der die Garde im Sinne Saurons fortführen, aber gleichzeitig ein wenig frischen Wind hineinbringen würde. Bis jetzt hatte man allerdings noch niemanden, der auch nur annähernd den hohen Anforderungen des königlichen Beraters entsproche hätte. In der Zeit bis man jemanden gefunden hatte haben einige der höheren Offiziere die Führung übernommen, jedoch litt sowohl die Macht, als auch das Ansehen der Schwarzen Garde darunter, keinen echten Anführer zu haben. Vor allem die Palastgarde, seit jeher in Konkurrenz mit den Männern Sauron´s, würde sich diese Situation zunutze machen. Es würden einige miese kleine Intrigen unter dem hohen Adel gegen Sauron laufen, die seinen Machteinfluss schmälern wollen, jetzt, da seine größte Stütze, die Schwarze Garde, eine schwere Zeit hatte.
Im Nordflügel des Palastes waren viele jahrelang unbenutze Zimmer wieder wohnlich gemacht worden, da es kaum noch Räume für die Höflinge gab, es schienen jedes Jahr mehr zu werden. Indessen waren auch die Arbeiten in den Tunneln endlich vollendet worden. Und so weiter, und so fort.
Manchmal wunderte sich Anôra, wieviel diese Frau wusste, deren Namen ihr nicht einmal bekannt war. Andererseits gingen so viele Gerüchte in der Dienerschaft um, dass die meisten Palastbediensteten wohl besser informiert sein mussten als der gesamte höfische Adel.


Die Dienerin war endlich mit dem Feuermachen und Aufräumen fertig, und hatte ihre Tagesportion an Neuigkeiten an Anôra weitergegeben. Sie schaute sich noch einmal in dem Zimmer um und nickte zufrieden.
"Ihr solltet vielleicht ein wenig öfter lüften," schlug sie vor. "Das wäre gut für eure Gesundheit, es ist etwas stickig hier."
"Ah," meinte Anôra, die Ritze in der Wand studierend. Sie konnten manchmal erstaunliche Muster bilden. Und ließen sich immer neu zusammensetzen.
"Nun, ich wäre für heute fertig," fuhr die Frau ungerührt fort. "Nur, Mylady, ich habe hinter eurem Schrank ein Schwert gefunden, wo soll ich damit hin?"
"Irgendwohin. Ihr findet sicher was."
"Oh, wenn das so ist..." Sie sah sich nachdenklich um. "Wisst ihr, ich kann morgen einige Schrauben mitbringen, dann machen wir euch eine schöne Halterung an der Wand, damit es gut stehen kann. Bis dahin lege ich es am besten hierhin, damit ich es nicht vergesse, sobald es erneut aus der Sicht gerät." Sie lächelte und legte das Schwert auf den Tisch. "Gute Nacht, Mylady."
"Gute Nacht," murmelte Anôra. Wann würde diese endlos redende Person endlich gehen? Zu ihrer Erleichterung bedachte die Dienerin das Zimmer nur noch mit einem schnellen Blick und eilte dann hinaus.
Es wurde schnell dunkel, doch Anôra machte sich nicht die Mühe, Kerzen zu entzünden, so war das niedrige Feuer im Kamin bald die einzige Lichtquelle im Raum. Der Schein der leise knisternden Flammen warf scharfe Schatten an die Wand, und die junge Frau sah dem Spiel mit halb geschlossenen Augen zu.
Sie war beinahe schon eingedöst, als es plötzlich an der Tür klopfte, erst fest, dann leise und verhalten, als hätte jemand Angst bekommen, zu laut gewesen zu sein. Anôra schlug die Augen auf. Wer wollte denn schon wieder etwas von ihr?
"Kommt rein," sagte sie unwillig.
Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür. Eine schmale Figur glitt durch die Öffnung, schloss die Tür hinter sich und machte einige unsichere Schritte nach vorne. Zum ersten Mal seit längerer Zeit verspürte Anôra so etwas wie Verwunderung. Vor ihr stand Mâreth, blass, durchnässt und zitternd. Ihre Kleider waren zerrissen, und ein riesiger Bluterguss zierte ihre linke Wange. Tränen glänzten in ihren Augen.


II


"Also?" fragte Anôra nach einigen Augenblicken der Stille, in denen Mâreth nur da stand und sie zitternd anblickte.
"Ich... es... es tut mir so leid, euch belästigt zu haben!" brachte das Mädchen endlich mit heiserer Stimme hervor. "Aber ich wusste nicht mehr wohin ich noch gehen sollte Mylady, ich wusste es einfach nicht!"
Sie brach in Tränen aus. Anôra sah sie ruhig an, eine leise Verärgerung verspürend, dass die Dienerin sie ausgerechnet jetzt stören musste und dann nicht einmal in der Lage war, den Grund dafür zu nennen. Nach einigen Minuten hatte Mâreth sich einigermaßen wieder gefasst und wischte die Tränen mit einem ihrer nicht mehr ganz sauberen, ebenfalls nassen Ärmel ab, was bloß den Effekt zur Folge hatte, dass außer der Feuchtigkeit nun auch einige graue Streifen auf ihrem Gesicht zu sehen waren.
"Wisst ihr, ich wollte meine Sachen holen," fing sie wieder mit dem Sprechen an. "Aber dann waren sie wieder da und haben es nicht zugelassen, und ich konnte mich kaum losreißen, und sie lassen mich einfach nicht in Ruhe, sie...." Erneut brach Mâreth ab und wieder rollten Tränen über ihr Gesicht. Seufzend erhob Anôra sich, so würde das Mädchen ja nie zum Ende kommen.
"Setz dich in den Sessel hinten," befahl sie, holte eine Flasche Wein aus dem Schrank, schenkte ein volles Glas ein und drückte es Mâreth in die zitternden Finger.
"Trink."
Einige Zeitlang herrschte Stille in dem Raum. Mit verschränkten Armen an den Tisch gelehnt sah Anôra der jungen Dienerin dabei zu, wie sie mit kleinen, hektischen Schlucken den Wein trank, und schließlich das nur noch halb volle Glas auf dem Boden neben dem Sessel abstellte.
"Nun, jetzt kannst du erzählen," schlug Anôra vor. "Aber langsam und von Anfang an."
Mâreth nickte und rieb sich kurz die Hände, als würde sie Kräfte sammeln. Als sie zu sprechen anhob, klang ihre Stimme um einiges sicherer und ruhiger.
"Ihr wisst sicher, dass Tante Ireth im Winter gestorben ist, Mylady?" Anôra nickte stumm. "Nachdem sie weg war, hatte ich niemanden mehr, der mit mir verwandt war, oder sich für mich einsetzte, nur noch Pârghal, meinen Mann. Und er... er war sehr unzufrieden, weil meine Tante mir nur bloß Habseligkeiten von geringem Wert hinterlassen hatte. Ich kam also weiterhin in den Palast und arbeitete, und er nahm mir das Geld direkt weg, er sagte, er würde es brauchen, um mich durchzufüttern." Sie schniefte. "Das stimmte aber nicht, er hat sich nur davon betrunken, jeden Abend... davon und von dem Geld, das er mit seiner Schmiede verdiente, das auch immer weniger wurde, weil er ja immer trank und keine gute Arbeit machte. Er gab mir dafür die Schuld, auch dafür, dass es nicht einmal mehr genug Geld gab, um genügend Nahrung im Haus zu haben, und er schlug mich immer wenn er getrunken hatte, manchmal sogar wenn er nüchtern war, was nicht mehr oft vorkam...."
Mâreth stockte, griff sich ihr Glas und trank unter dem Blick der grünen Augen noch einige Schlucke daraus. Der Ärger, den Anôra vorhin verspürt hatte, war indessen völlig verflogen, und hatte zu ihrer eigenen Überraschung leisem Interesse Platz gemacht.
"Er wurde auch eifersüchtig, sehr sehr eifersüchtig, und darauf folgten noch mehr Schläge," fuhr Mâreth fort. "Schließlich verbot er es mir hierher zu kommen, dabei machte es mir solche Freude." Ihre Augen glänzten feucht auf. "Und dann, nach einiger Zeit, habe ich eines Nachts meine und die übrigen Sachen meiner Tante geholt und floh aus seinem Haus."
Anôra spürte einen weiteren Stich von Verwunderung, bereits den zweiten an diesem Abend. So viel Willen und Mut hätte sie dem Mädchen nicht zugetraut.
"Ich fand eine Bleibe in einem Wirtshaus im südlichen Viertel der Stadt, ein kleines Zimmer im Dachstuhl, wo ich kostenlos wohnen durfte, dafür musste ich nur immer Abends die Gaststube säubern, nachdem alle Gäste gegangen waren, und der Koch gab mir Reste aus der Küche zu Essen. Ich wäre so gerne wieder in den Palast zurückgekehrt, aber ich hatte Angst, Pârghal würde mir vielleicht dort auflauern.... außerdem habe ich nicht mehr gehofft, man würde mich nach so langer Zeit wieder hier arbeiten lassen. Und vor einigen Nächten hat Pârghal mich doch gefunden. Ich bin wieder geflohen und versteckte mich und meine Sachen in einem verlassenen Haus unweit von dort. Zwei Abende später jedoch hörte ich ihn mit einigen Saufkumpanen durch die Straße ziehen. Sie haben nach mir gerufen und mir gedroht." Erneut schluchzte Mâreth auf und trank den Rest des Weines aus.
"Sie wussten dass ich mich in dieser Gegend versteckt hielt, wohin hätte ich auch sonst gehen sollen? Heute Mittag habe ich mich dann herausgetraut, ich habe nach einer neuen Wohnung gesucht. Ich war den ganzen Tag in der Stadt und habe in den Herrenhäusern nachgefragt, ob nicht jemand eine Dienstmagd brauchte... Als ich vor einigen Stunden zurückkehrte, waren sie plötzlich da, Pârghal und seine Freunde, sie hatten mein Haus gefunden und davor auf mich gewartet, und sie waren bereits betrunken. Irgendwie habe ich mich losreissen können und bin davongelaufen, und der einzige Ort, an dem ich Schutz zu finden hoffte, war der Palast. Die Dienstboten schliefen allerdings schon alle, und die Soldaten haben mich gar nicht erst anhören wollen... " Sie schüttelte den Kopf und blickte Anôra flehend an.
"Nun seid ihr meine einzige Hoffnung, Mylady. Ich weiß nicht mehr was ich tun soll, gehe ich hinaus, finden sie mich, sie warten sicher noch bei dem Haus, und da sind doch all meine Sachen drin, und die meiner Tante, alles was sie mir hinterlassen hatte... "
Wieder fing sie zu weinen an, diesmal fast lautlos, nur ab und zu die Tränen mit dem nassen Ärmel wegwischend. Anôra blickte sie ausdruckslos an. Eigentlich hatte sie keine Lust mehr, etwas zu tun. Was sollte sie auch schon machen, den Soldaten befehlen, irgendein mittelloses Mädchen aus der Stadt zu beschützen? Lächerlich. Außerdem hatte sie bereits gesehen, was einige Soldaten mit hilflosen Mädchen machen konnten, anstatt ihnen zu helfen. Und hier verstecken konnte sie Mâreth auch nicht, außerdem wollte sie nicht noch mehr Menschen um sich herum haben. Blieb nur eine Möglichkeit, wenn sie die Dienerin nicht einfach wegschicken wollte. Oder sollte sie vielleicht gerade das tun? Ihr Problem war es schließlich nicht. Kurz wog Anôra das für und wider einer solchen Lösung ab. Dagegen sprach vor allem, dass ein "Nein" sicherlich neue Tränen und Betteleien nach sich ziehen würde... Und was hatte sie schließlich schon zu verlieren? Ob Sieg oder Untergang, es war ja doch alles das Gleiche. Sie zuckte mit den Schultern und stieß sich vom Tisch ab. Warum eigentlich nicht? Wortlos trat sie zum Schrank, warf ihr Kleid ab und schlüpfte rasch in Hemd, Hose und Stiefel. Die Kleidungsstücke fühlten sich seltsam ungewohnt an. Unter Mâreth´s verwirrtem Blick schnallte sie sich einen breiten Gürtel um, trat zum Tisch, nahm das darauf liegende Schwert aus der Scheide und befestigte diese am Gurt.
"Aber was... was tut ihr denn da, Mylady?" stammelte das Mädchen.
"Dein Problem lösen. Darum hast du doch gebeten, oder?" Anôra ließ das Schwert in die Scheide gleiten und wandte sich zu Mâreth um. "Also, gehen wir nun deine kostbaren Besitztümer retten oder nicht?"


Sie schritten schnell durch die dunklen Straßen der schlafenden Stadt. Hinter einigen Fenstern, vor allem denen der Herrenhäuser, brannte zwar noch Licht, doch immer mehr Häuser hüllten sich mit der fortschreitenden Zeit in Dunkelheit. Der kalte Wind zerrte an ihren Kleidern und brachte einige Regentropfen mit sich. Anôra machte es nichts aus, ihr gefiel sogar die Berührung der kleinen kalten Tropfen auf ihrem Gesicht, die sich wie Eiskristalle auf ihrer Haut anfühlten. Es war seltsam, wie sich ihre Empfindungen an diesem Abend plötzlich nach und nach zu ändern begannen. Sie wusste, es lag daran, dass sie nun längst nicht mehr auf den Strudel hinabschaute, sondern ihm gefährlich nahe gekommen war, doch sie hatte keine Lust, sich jetzt wieder zurückzuziehen – sie wollte erst wissen, was und überhaupt ob etwas auf die zukam, sollte sie das Wasser wieder berühren, aus dem sie vor einer halben Ewigkeit entflohen war. Irgend etwas war in ihr erwacht und wurde mit jedem Schritt stärker, etwas, wofür sie noch keinen Namen hatte, und Anôra hatte nicht vor, zurückzukehren, ohne herausgefunden zu haben, was das war. So ging sie rasch durch die Stadt, Mâreth förmlich hinter sich herzerrend, die es kaum schaffte, ihr rechtzeitig bescheid zu geben, wenn sie abbiegen mussten.
Nach etwa einer Stunde hatten sie das Südviertel der Stadt erreicht, das, teilweise ärmlich und heruntergekommen, der beliebte Aufenthaltsort von Dieben, Landstreichern, und ähnlichem Volk war, sowie die einzige Zuflucht mittelloser Schlucker wie Mâreth. Bald hatten sie einige besonders dreckige und kleine, fast völlig unbeleuchtete Strässchen erreicht, in denen ein Großteil der Häuser leer zu stehen schien, und das Mädchen wurde mit jeder Sekunde nervöser, während Anôra eine immer weiter ansteigende Unruhe in sich spürte, eine Aufregung die sie noch nie empfunden hatte, und sie wäre am liebsten gerannt anstatt gegangen. Schließlich bogen sie in eine Gasse ein, die sich kaum von den Übrigen unterschied – derselbe Matsch auf dem Boden, die selben halb zerfallenen Häuser, dieselbe Dunkelheit, die eine einzige Laterne an der Ecke, an der die beiden Frauen standen, nicht zerstreuen konnte.
"Ich... ich will nicht weiter," flüsterte Mâreth mit zittriger Stimme und blieb stehen. "Sie stehen sicher dort und warten auf mich."
"Schwachsinn," entgegnete Anôra, einen schnellen Blick in die Dunkelheit werfend. "Die Straße ist leer. Los, vorwärts."
Ohne Mâreth die Gelegenheit für irgendeinen Widerspruch zu geben, ging sie rasch vor, und das Mädchen hatte keine andere Wahl, als ihr zu folgen – die dunkle Einsamkeit der Gasse machte ihr noch mehr Angst, als die Aussicht, auf ihren Mann zu treffen.
"Hier," sagte sie kaum hörbar, als sie an einem zweistöckigen Haus mit zerbrochenen Fenstern vorbeikamen. Anôra blieb stehen und nahm das Haus kurz in Augenschein. Es schien alles still zu sein.
"Gut, gehen wir hinein." Sie stieß die wacklige Tür auf und trat ein. Ein dunkler Flur erstreckte sich vor ihr, der in einer morschen, nach oben führenden Treppe endete.
"Wir müssen nach oben," erklärte Mâreth leise. Die junge Frau nickte, durchquerte den Flur und stieg die Treppe hinauf, vorsichtig einen Fuß hinter den anderen setzend – die Stufen machten keinen sonderlich stabilen Eindruck und quietschten unerträglich bei jedem Schritt. Sie achtete nicht darauf. Am Ende der Treppe war ein kleiner Vorraum, durch den ein türloser Rahmen in ein dunkles Zimmer führte.
Anôra trat in die Mitte des Raums und schaute sich um: in der rechten Wand befand sich eine Tür, die anscheinend zu dem auf die Straße hinausgehenden Raum führte, links war ein kleines Fenster, unter dem sich ein improvisiertes Bett aus alten Kissen befand, daneben einige Kleider und kleine Kästchen.
"Oh was für ein Glück, sie haben meine Sachen nicht angerührt," stieß Mâreth begeistert aus. Anôra schüttelte nur den Kopf und zeigte seufzend auf etwas in der Nähe der Tür. Die Dienerin folgte ihrem Blick, und sogar in der Dunkelheit war zu erkennen, wie blass ihr Gesicht wurde; an der Wand standen mehrere leere Weinflaschen, und eine halb volle.
Ihr Mann hätte nie eine halb volle Flasche stehen gelassen.
"Guten Abend, die Herren," sagte Anôra laut in den Raum hinein, was Mâreth vor Schreck einen kleinen Schrei ausstoßen ließ. Im Nebenraum kicherte jemand betrunken. Die Tür flog auf und drei einfach und recht dreckig gekleidete Männer bauten sich vor den zwei Frauen auf, alle leicht schwankend, mit Gesichtern, die lange nicht rasiert worden waren und auf denen deutlich Aggression und Schadensfreude abzulesen waren.
"Tatsächlich, sie hat eine Frau mitgebracht," stieß einer von ihnen aus, den schweren Blick auf Anôra gelegt.
"Sogar mit einem Schwert," lachte ein zweiter auf, ein untersetzter, dicklicher Bursche mit krausen braunen Haaren und zwei schnellen, kleinen Augen. "Was willst du denn mit dem Zahnstocher, Mädchen?"
"Es war ja klar, dass du hier wieder auftauchst, Mâreth." Das kam von einem großen, dunkelhaarigem Kerl mit einem Vollbart. Mâreth wich zurück, ihn wortlos mit zitternden Lippen anstarrend. "Dir werde ich das Wegrennen noch abgewöhnen! Und wer ist die da überhaupt?" Er deutete mit schwieliger Hand auf Anôra.
"Ihr müsst Pârghal sein, nicht wahr?" Der Ton der jungen Frau war so ruhig und höflich, als würde sie sich im Palast bei einer gesitteten Teerunde befinden.
"Der bin ich, verflucht!" Pârghal ließ es kurz in seiner Kehle gurgeln und spuckte aus. "Und wer auch immer du bist, du hättest lieber nicht hierher kommen sollen."
"Da mögt ihr Recht haben." Anôra zog leicht die Augenbrauen hoch. "Um Schweine zu sehen, hätte ich nicht so weit zu gehen brauchen."
Das Gesicht des Mannes wurde augenblicklich rot vor Zorn. Er gab einen knurrenden Laut von sich, holte aus und gab Anôra eine Ohrfeige, die sie schwanken ließ.
"Verfluchte Dirne," stieß er aus und machte einen Schritt auf sie zu. Auch seine zwei Begleiter kamen mit wütenden Gesichtern näher. Mâreth sog scharf die Luft an, machte jedoch keine Anstalten, noch weiter zurückzuweichen.
Anôra war die einzige, die im ersten Moment keine Reaktion zeigte. Dann wandte sie, unendlich langsam, ihren Kopf und sah Pârghal in die Augen. Ein dünnes, kaltes Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie wusste nun, was sie in dieser Nacht vorwärts getrieben hatte. Sie wollte Blut sehen.


III


Mâreth sprang mit einem schrillen Schrei zurück, als plötzlich Pârghal´s Kopf gegen eine Wand flog und sein Körper schwer auf dem Boden aufschlug. Auch die beiden anderen Männer stolperten rückwärts, geschockt auf die rothaarige Frau starrend, die mit dem selben eisigen Lächeln im Gesicht und einem blutigen Schwert in der Hand über der Leiche stand. Nach diesem ersten Schreck schienen die beiden sich jedoch schnell gefasst zu haben – entschlossen holte einer von ihnen ein altes Messer hervor, während der andere sich mit einem kleinen Holzbalken bewaffnete.
"Mâreth, geh bitte hinaus." Anôra´s Stimme klang nun sanft und regelrecht honigsüß. "Und wir, meine Lieben, unterhalten uns darüber, wer ich bin. Und warum man mich nicht Dirne nennen sollte."
Mit immer noch erschrocken geweiteten Augen befolgte Mâreth den Befehl und schob sich vorsichtig an den Männern vorbei, die ihr jedoch keine Aufmerksamkeit mehr schenkten. Sobald sie den Türrahmen passiert hatte stürzte sie die Treppe hinunter und blieb erst unten an der Haustür mit wild klopfendem Herz stehen. Oben herrschte zuerst völlige Stille, dann erklangen schnelle, schwere Schritte, und direkt darauf folgte ein lauter und wütender Schrei. Etwas polterte und krachte, erneut schrie jemand auf, diesmal vor Schmerz, und plötzlich wurde es wieder still. Zitternd drückte sich Mâreth in die Wand. Die Sekunden vergingen quälend langsam, bis endlich wieder leise Schritte erklangen. Im nächsten Moment quietschten die Stufen und Anôra kam die Treppe hinunter, in einer Hand einen alten, halb gefüllten Sack, das Schwert bereits wieder in der Scheide.
"Hier, deine Sachen," hielt sie Mâreth den Sack hin und wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Gehen wir jetzt zurück. Die Herren da oben dürften niemanden mehr belästigen."
Etwas langsamer als beim Hinweg kehrten sie zum Palast zurück. Anôra ging etwas vor Mâreth, mit leichtem, federndem Schritt, und einem eigenartigen Glänzen in den Augen.
Sie fühlte sich gut, einfach fantastisch, zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie das behaupten. Das angenehme Gewicht des Schwertes in ihrer Hand, die heißen Blutspritzer, die ihre Haut getroffen hatten, die Klinge, die den Hals des Mannes ohne jegliche Mühe durchtrennt hatte, als hätte sie in Butter geschnitten, der heftige, kurze Kampf danach und schließlich das unglaubliche, euphorische Gefühl von Macht, das jede Pore ihres Körpers durchströmte, die Erinnerung daran ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie spürte sich mit einem Schlag wieder, spürte wie ihr Blut in den Adern pulsierte, spürte jeden Atemzug, spürte die Kleider an ihrer Haut, den kalten Nachtwind auf ihrem Gesicht, die tausend Gerüche, angenehm und unangenehm, die sie plötzlich wieder wahrnahm, all diese Empfindungen hatten ihre Sinne verbrannt und einen Durst nach mehr geweckt, der wie ein riesiges Feuer in ihrem Innern loderte.
Nach einiger Zeit erreichten sie den Palast und kurz darauf Anôra´s Zimmer. Mâreth blieb nach dem Eintreten unschlüssen neben der Tür stehend, den dreckigen Sack mit ihrer Habe an sich pressend, während Anôra zum Fenster trat, es aufriss und tief die kalte Luft einatmete.
"Ich... ich danke euch, Mylady," brachte Mâreth nach einiger Zeit unsicher heraus. "Wenn ich es euch irgendwie vergelten kann, dann...
"Es hat mir mehr gebracht als dir, meine Liebe," unterbrach Anôra sie und wandte sich mit einer fließenden Bewegung um. Dann legte sie den Kopf auf die Seite und sah das Mädchen abschätzend an.
"Diese Nacht bleibst du am besten hier," entschied sie schließlich. "Geh zu den Dienerräumlichkeiten, weck jemanden und sag dass ich dich geschickt habe, sie sollen dir etwas zum Waschen geben. Und zieh dir ein sauberes Kleid an. Komm dann direkt wieder hierher, ich werde kurz deine Dienste brauchen bevor du schlafen gehst."
"Wie ihr wünscht, Mylady." Erneut verneigte sich Mâreth und eilte hinaus.
Anôra wartete, bis ihre Schritte nicht mehr zu hören waren und stellte sich vor den Spiegel. Ein nachdenklicher Ausdruck trat in ihre Augen, als sie mit den Fingerspitzen leicht über ihr Gesicht fuhr. Es war etwas zu blass und ausgemergelt, doch leichte Röte war bereits auf die Wangen zurückgekehrt. Die Haare waren ebenfalls nicht im besten Zustand – glanzlos und hoffnungslos verworren fielen sie in Strähnen auf ihre Schultern herab.
"Nun, das lässt sich beheben," flüsterte sie. Sie hatte sich in den letzten Wochen unverzeihlich hängen gelassen, auch was ihre Stellung anging. Doch jetzt würde sich alles ändern, es war Schluss mit der Untätigkeit. Und dann, dann würde sie wieder mitspielen. Noch war es nicht ihre Zeit, zu gehen. Was hatte ihr Tirazôn damals gesagt? Schlag zu oder du wirst zertreten... Vielleicht war der Zeitpunkt gekommen, seinen Rat zu beherzigen. Sie wusste auch schon, womit sie anfangen würde.


Nargal legte das Buch beiseite und streckte sich. Die Stunden waren anscheinend schneller vergangen als er dachte – die Kerzen auf dem Tisch waren bereits fast völlig heruntergebrannt. Mit einem Gähnen stand er auf und streckte sich erneut. Er sollte jetzt wohl besser schlafen gehen, und diesen Wälzer über Strategie für den morgigen Abend aufheben. Er hatte überhaupt keine Lust, noch weiter darin zu lesen, der Inhalt war so trocken wie die raschelnden, geblichen Seiten, und er wäre lieber mit den anderen jungen Soldaten gekommen, welche mit dem Vorhaben, die ganze Nacht in Schenken zu verbringen, in der Stadt verschwunden waren, aber das war wohl der Preis, den er dafür zahlen musste, neuerdings nicht nur zur Schwarzen Garde zu gehören, sondern auch in Sauron´s Gunst zu stehen.
Das Angebot, neben der gewöhnlichen Soldatenlaufbahn auch noch eine Ausbildung als Spion zu bekommen und so auf eine entsprechend hohe Position zu steigen war vor einigen Wochen völlig unverhofft gekommen, und er hatte nicht vor, diese einmalige Chance zu verschwenden. Zufrieden dachte er an seine mögliche Zukunft. Vielleicht würde er einmal zum Hauptmann der Schwarzen Garde werden, zum wichtigsten Mann Sauron´s... Seine Eltern würden unglaublich stolz auf ihn sein, wenn sie erfahren würden, dass er von nun an zum engeren Kreis um den Berater des Königs gehörte – noch hatte er es ihnen leider nicht erzählen dürfen. Doch bestimmt würde sich das bald ändern, wenn man erst mal mehr Vertrauen in ihn setzen würde. Nargal räumte das Buch vom Tisch und wollte sich entkleiden, als es an klopfte. Er runzelte die Stirn und fragte sich, wer ihn wohl mitten in der Nacht besuchen wollte.
"Herein," rief er schließlich. Die Tür schwang auf, und zu seiner Überraschung erschien darauf hin eine junge Frau an der Schwelle. Sie war in ein dunkelgrünes Samtkleid gehüllt, und ihre roten, in eine einfache, elegante Frisur gelegten Haare umrahmten ein schönes, jedoch merkwürdig blasses Gesicht.
"Seid mir gegrüßt, Mylady," verneigte Nargal sich, darum bemüht, sich seine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. "Was führt euch zu dieser späten Stunde hierher?"
Die Frau antwortete nichts und trat lautlos vor. Ein feines Lächeln erschien auf ihren Lippen.


Arezhôn rannte beinahe eine Dienerin um, stieß die entgeisterte Frau ungeduldig beiseite und lief weiter. Seine Handflächen waren nass und klebrig, und der gleiche nervöse Schweiß bedeckte seine Stirn und ließ die Uniform an seinem Rücken kleben. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was für eine Reaktion die Nachricht bei Sauron auslösen würde... Auf jeden Fall hegte er aber mehr als unangenehme Gefühle gegenüber der Perspektive, es dem königlichen Berater persönlich überbringen zu müssen, doch für Angst blieb nicht mehr viel Zeit – seine Gemächer waren bereits vor ihm. Kurz blieb Arezhôn vor der Tür stehen, holte tief Luft und trat unter dem leicht mitleidigem Blick des Wachmanns ein.
Der große Raum war wie immer in ein kühles Halbdunkel getaucht, obwohl draußen die Morgensonne schien, zum ersten Mal seit Langem. Sauron hob die Augen von einer Pergamentrolle und blickte den Offizier an, der sich hastig verneigte.
"Herr, es ist etwas Schreckliches passiert," stieß er hervor. "Es geht um Nargal."
"Eine erschöpfende Information." Der Berater des Königs blickte Arezhôn spöttisch an. "Und was ist bitte mit Nargal?"
"Er... er wurde heute morgen tot aufgefunden!"
Das Gesicht Sauron´s erstarrte für einen Moment. Der amüsierte Ausdruck war wie weggewischt.
"Was heißt tot?" fragte dieser scharf und lehnte sich vor.
"Nun, er ist umgebracht worden," meinte der Soldat und wich unwillkürlich zurück. "Jemand hat ihm die Kehle durchgeschnitten. Es muss irgendwann spät in der Nacht passiert sein, als man ihn gefunden hatte, war sein Leichnahm bereits kalt."
"Gab es irgendwelche Spuren eines Kampfes?"
"Nein, Herr," schüttelte Arezhôn den Kopf. "Keine Kampfspuren, und niemand hat etwas gehört. Man könnte beinahe den Eindruck haben, es wäre ein Geist gewesen."
"Und niemand hat etwas gesehen? Hat man auch die Diener befragt?"
"Ja, aber... es ist nichts Klares dabei herausgekommen. Jemand wollte des Nachts in den Fluren eine Frau gesehen haben, doch eine der Küchenmägde hat gesagt, das wäre nur eine junge Dienerin gewesen, die von draußen gekommen war. Eine solche hatte nämlich um diese Zeit in der Küche etwas gegessen."
"Eine Frau also..." Sauron schien den Einwand gar nicht gehört zu haben. Kurz starrte er an dem Soldat vorbei, tief in Gedanken versunken, dann hob sich sein Blick wieder. "Geht zu den Wohnungen der Schwarzen Garde. Im vierten Zimmer des obersten Flures findet ihr eine junge, rothaarige Frau. Bringt sie sofort zu mir."
"Wie ihr wünscht, Herr." Arezhôn verneigte sich und eilte hinaus. Es vergingen keine zwei Sekunden, da stürzte er entgeistert erneut in den Raum hinein.
"Hei... heißt die junge Frau vielleicht Anôra?" stammelte er.
"Ja, das ist ihr Name," runzelte der Berater des Königs fragend die Stirn.
"Dann steht sie bereits vor eurer Tür, Herr!" erwiderte Arezhôn völlig aufgelöst. Langsam begann ihm der Kopf zu schwirren.
"Tatsächlich?" Sauron lehnte sich zurück und ein zufriedenes Lächeln legte sich plötzlich auf seine Züge. "Nun, dann könnt ihr jetzt gehen. Schickt sie hinein."
Er hatte sich also nicht verschätzt. Das Mädchen war endlich soweit.


IV


Der Hengst stieg erschöpft den Palasthügel hoch. Seine schwarzen Flanken glänzten vom Schweiß und dem geschmolzenen Schnee, der sich wie feiner weißer Staub auf dem Sattel und den Haaren der Reiterin abgesetzt hatte. Als die Tore in seine Sichtweite kamen beschleunigte das Tier trotz der Müdigkeit seinen Schritt – die Aussicht auf Wasser und Nahrung und einige ruhige Stunden im warmen Stall war zu verlockend. Ein kurzer, scharfer Befehl seiner Reiterin und der sofortige feste Druck in seinen Seiten ließen den Hengst jedoch wieder in sein früheres Tempo zurückfallen und es durchhalten, bis die Tore durchschritten und die Stallungen vor ihm waren. Erst da sprang die Frau ab.
"Guter Junge," tätschelte sie seinen Kopf und gab die Zügel in die Hand des heraneilenden Stallburschen. "Gib ihm erst nach einer halben Stunde etwas zu essen," wies sie diesen knapp an.
"Aber Mylady, das Pferd ist..." fing der Mann an.
"Ich weiß selbst dass es müde ist," unterbrach sie ihn. "Was keine Entschuldigung dafür ist, dass er eben nicht gehorcht hat. Es gibt erst in einer halben Stunde etwas für ihn, ist das klar?"
"Ja, Mylady," senkte der Stallbursche den Kopf vor dem eisigen Blick der grünen Augen und führte den schwer atmenden Hengst zu den Ställen. Er hatte weder vor, weiterhin mit dieser Frau zu streiten, noch ihren Befehl zu unterlaufen. Seit einigen Wochen war sie nun schon jeden Morgen noch vor dem Sonnenaufgang (oder dem grauen Halbdunkel, das öfter an deren statt kam) in den Ställen und ritt aus. Er wusste noch genau, wie an einem der ersten Tage einer der Stallburschen es gewagt hatte, sich ihrem Wunsch zu widersetzen, diesen Hengst zu nehmen, da das Tier noch nicht genügend eingeritten war. Der arme Kerl hatte sich eine Woche lang nicht richtig bewegen können und verzog bei jedem Heben der Arme schmerzlich das Gesicht. Die roten Striemen auf seinem Rücken waren zwar bereits fast völlig verheilt, aber die weißen Narben würde er wohl sein Leben lang behalten... Nein, es war besser für sein Wohlergehen, dem genauen Wortlaut der Befehle zu folgen, ehe man auch ihn auspeitschen würde.


Als Anôra in ihren Gemächern angelangt war, war der Schnee auf ihren Haaren und Kleidern vollends geschmolzen. Schaudernd warf sie die tropfnassen Sachen ab und trocknete ihr Haar so gut es ging mit Hilfe eines Handtuches. Das große Zimmer war bereits warm dank des im Kamin brennenden Feuers, aus dem Schlafzimmer jedoch schlug ihr kalte Luft entgegen, sobald sie die Tür dorthin öffnete – sie hatte schon wieder vergessen, nach dem Aufstehen das Fenster zu schließen. Und Mâreth durfte das Schlafzimmer ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis nicht betreten, das war eine der wenigen, aber unumstößlichen Regeln, die Anôra als Bedingung dafür, das Mädchen als Kammermagd in ihrem Dienst zu behalten, aufgestellt hatte. Mit einem Frösteln schloss sie den hölzernen Rahmen und überlegte, ob es noch Sinn hatte, heute ein Kleid anzuziehen, wenn sie in einer Stunde bei der Patroullie der Schwarzen Garde mitreiten wollte. Es war ein unausgesprochenes Gesetz, dass sie sich bei Möglichkeit nicht in anderer Kleidung im Palast zeigen sollte, doch andererseits lagen ihre neuen Gemächer im Nordflügel so abgelegen von den anderen, dass die Gefahr, gesehen zu werden, gering war. Und sie würde in der nächsten Stunde sowieso nicht hinausgehen. Schließlich entschied Anôra sich gegen das Kleid, schlüpfte in eine schwarze Hose und ein ebenfalls schwarzes Seidenhemd und trat erneut heraus in den Wohnraum, wo auf einem kleinen Marmortisch in der Nähe der nach Osten hinausgehenden großen Balkontür bereits ein Frühstück auf sie wartete.
Nachdem sie fertig gegessen hatte, lehnte sie sich im Sessel zurück und folgte mit leicht zusammengekniffenen Augen dem Spiel der Flammen im Kamin. Das Feuer war es, was sie in letzter Zeit am meisten faszinierte, und sie war dazu in der Lage, stundenlang in die züngelnden roten Flammen zu starren. Das ständige, nervöse und doch auf eine Weise statische Auf und Ab und das Wogen der Schatten banden ihren Blick und befreiten sie von sämtlichen lästigen Gedanken, bis es wieder Zeit wurde, an die Arbeit zu gehen.
Einige Zeit verging, bis ein verhaltenes Klopfen an der Tür sie ruckartig den Kopf heben ließ. Mâreth erschien mit einem Kleiderstapel in den Armen an der Schwelle.
"Es sind neue Kleider für euch gekommen, Mylady," meinte sie überflüssigerweise. "Soll ich sie zu den anderen in den Schrank hängen?"
"Mach das," nickte Anôra. "Und wenn du schon dabei bist, ich glaube irgendwo unten habe ich noch einen Rest meiner alter Sachen übrig. Entferne sie."
"Wie ihr wünscht, Mylady." Das Mädchen verneigte sich und verschwand hinter der Schlafzimmertür. Kurz darauf kam sie mit einem neuen, wenn auch wesentlich kleinerem Stapel heraus.
"Es gibt übrigens ein neues Gerücht unter der Dienerschaft, Mylady."
"Wirklich?" Anôra sah sie mit leicht zur Seite gedrehtem Kopf an. "Das wäre?"
"Nun ja, der neue Hauptmann der Schwarzen Garde soll bereits morgen oder übermorgen hier eintreffen, angeblich ein Offizier aus Ondosto, der sich dort besonders hervorgetan hat... Falls er nicht wie die anderen wieder zurückgeschickt wird," fügte das Mädchen mit einem kleinen Lächeln hinzu.
"Du weißt ein bisschen mehr als dir gut tut, meine Liebe," hob Anôra tadelnd die Augenbrauen. "Von wem hast du das?"
"Von Eglaia, der Küchenmagd," senkte Mâreth den Kopf.
"Weißt du vielleicht auch, wo Eglaia die Küchemagd das gehört hat?"
"Na ja... Sicher weiß ich nichts, aber es wird geredet, dass Eglaia die Nächte manchmal woanders zu verbringen pflegt... Sie ist hübsch, müsst ihr wissen, und..." Die Dienerin errötete und brach ab.
"Ich verstehe," seufzte Anôra. "Aber gut, um sie werde ich mich kümmern. Und du vergisst das, was du gehört hast, am besten ganz schnell. Das ist keine Information, die für Dienstboten bestimmt ist."
"Natürlich, Mylady." Mâreth verneigte sich hastig und verließ den Raum.
Anôra lehnte sich erneut zurück und spielte gedankenverloren mit einer Haarsträhne. Gut, dass ihr Mâreth so etwas immer sofort erzählte. Solche plappernden Dienstboten wie Eglaia waren letztendlich das Sickerloch, durch welches mehr oder minder große Vertraulichkeiten an Getreue gelangten, was manchmal ernsthafte Schäden zur Folge haben konnte. In den letzten Wochen hatte sie bereits mehrere allzu mitteilungsbedürftige Diener verschwinden lassen, doch es war anscheinend noch nicht genug gewesen, um die Gerüchteküche zum Versiegen zu bringen. Dann eben noch Eglaia...
Anôra hatte gewissermaßen Glück gehabt, jemanden wie Mâreth gefunden zu haben; niemand verbarg etwas vor dem schüchternen, unauffälligen Mädchen, das irgendeiner Hofdame diente und außerdem nicht sehr helle war. Erst nachdem sie Mâreth näher kennengelernt hatte, hatte Anôra festgestellt, dass sich hinter dieser scheinbaren Tumbheit ein klarer Verstand und eine schnelle Auffassungsgabe verbargen: nur hatte Mâreth, seit ihrer Kindheit in die Rolle des Dummchens gedrängt, nie den Mut, es zu zeigen. Erst Anôra gegenüber hatte sie sich geöffnet, und die junge Frau wusste es zu schätzen – und vor allem zu nutzen.
Als sie kurze Zeit später, noch im Gehen das Schwert umschnallend, zu den Stallungen herauskam, war der Rest der Patroullie bereits da: vier besonders verlässliche Schwarzgardisten und ein Offizier. Mit einer knappen Begrüßung stieg sie auf das für sie bereitgehaltene Pferd, schob sich wie die Soldaten die Kapuze ihres schwarzen Umhangs ins Gesicht und sie ritten los. Die Gruppe hatte den Auftrag, ein Anwesen in der Nähe von Armenelos zu durchsuchen, auf eine Anordnung von Sauron. Anôra hatte, seinem unausgesprochenen Befehl folgend, sich der Patroullie angeschlossen, für den Fall, dass man tatsächlich etwas Verdächtiges finden sollte.
In schnellem Trab hatten die Reiter die Tore der Stadt verlassen und gelangten über eine schneebedeckte Landstraße bald zu ihrem Ziel: einem großen, alten Herrschaftsaus aus grauem Stein, umgeben von zahlreichen hölzernen Anbauten. Der Herr des Hauses, ein eher unbedeutender Landadeliger, entpuppte sich als ein kleiner, rundlicher Mann mit Halbglatze und hektischen Bewegungen. Er stellte sich als Lord Grâchan vor. Seine Augen schossen nervös hin und her, als er mit kurzen, trippelnden Schritten den Soldaten das Haus zeigte. Nach dieser kurzer Führung wurde er samt Dienerschaft und Familie in die Küche gebeten und dort für die Dauer der eigentlichen Durchsuchung belassen. Es nahm den ganzen Tag in Anspruch, in jede Ecke des alten Anwesens und seiner Anbauten zu schauen, und als sie am Abend ohne etwas Abwegiges gefunden zu haben das Haus verließen, hatte Anôra immer noch das nagende Gefühl im Bauch, nicht gründlich genug gewesen zu sein. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag von Sauron einige Soldaten zu erbitten und zurückzukehren. Dass sie sich auf solche Gefühle verlassen konnte hatte sie mittlerweile gelernt.


So begab sie sich nach der Rückkehr zum Palast auch nicht in ihre Gemächer, sondern durchquerte schnellen Schrittes die leeren, dunklen Höfe der Schwarzen Garde. Vor etwa einer halben Stunde hatte der Schneefall wieder eingesetzt und den Boden mit einer trübweißen, alle Geräusche dämpfenden Schicht überzogen, auf der Anôra´s Stiefel schwarze Abdrücke zurückließen, als sie sich Tirazôn´s ehemaligem Arbeitszimmer näherte. Vielleicht würde in den dort aufbewahrten Papieren etwas über Lord Grâchan zu finden sein. Zu ihrem Ärger stellte sie jedoch fest, dass die Tür abgeschlossen war.
"Welcher übereifrige Idiot war das schon wieder," stieß sie zwischen den Zähnen hervor, löste missmutig die schmale Brosche von ihrem Umhang und stocherte einige Minuten lang in dem Schloss herum, bis es schließlich irgendwo innen leise klickte und die Tür aufschwang.
Sie trat in den dunklen Raum, hängte ihren Umhang über einen Stuhl, zündete eine der Kerzen auf dem Tisch an und machte sich an die Arbeit. Flink durchstöberte sie im schwachen Lichtschein die zahllosen Papiere, die sich in den Holzregalen zu beiden Seiten des Tisches häuften, nach den Verzeichnislisten suchend, in die alle jemals mit verdächtigen Menschen oder Aktivitäten in Berührung gekommenen Númenórer aufgeführt waren. Nach einiger Zeit fruchtloser Suche stützte sie sich am Tisch ab und blickte die Regale resigniert an.
"Sie müssen hier doch irgendwo sein..." murmelte sie verständnislos. In Gedanken das schon Durchsuchte durchgehend, blieb sie eine Weile so stehen, bis sie irgendetwas aufhorchen ließ. Im nächsten Moment jedoch war alles wieder still. Hatte sie sich etwa geirrt? Leise drehte Anôra sich zur Tür herum – und zuckte vor Überraschung zusammen, als sie den schwarzen Umriss sah, der fast die gesamte Türöffnung einnahm.
"Verdammte Spione," knurrte der Schatten und machte einen Schritt in den Raum hinein. Das flackernde Licht der Kerze fiel auf einen ungewöhnlich hoch gewachsenen Mann mit so breiten Schultern, dass er Anôra im ersten Moment unweigerlich an einen Schrank erinnerte. Er war wie sie selbst in schwarze Kleider gehüllt und hielt in der rechten Hand eine breite, einfach geschmiedete Klinge. Sein Gesicht wurde weiß vor Zorn, als er Anôra´s Hand zu ihrem Schwert gleiten sah.
"Weg mit der Waffe, Abschaum!"
Ohne zu antworten wich die junge Frau zurück und zog das Schwert aus der Scheide, was die stahlblauen Augen ihres Gegners vor Hass aufblitzen ließ. Im Geiste verfluchte sie sämtliche Wachen des Palastes, die solche Leute tatsächlich durchließen: es war mehr als klar, dass der Kerl gefährlich war, ein Getreuer wahrscheinlich. Die Tatsache, dass es nur ein einziger Mann mit einem Schwert war, beruhigte sie dieses Mal nicht – er sah aus, als könnte er buchstäblich durch Wände gehen.
Im nächsten Augenblick bestätigte sich ihre Ahnung: ohne weitere Worte griff der Unbekannte an, mit einem geübten Streich von einer Wucht, die Anôra beinahe die Waffe aus der Hand geschlagen hätte. Er blickte sie leicht verwundert an, anscheinend nicht in der Lage zu verstehen, warum seine Gegnerin nicht nur nicht tot, sondern sogar immer noch bewaffnet war, hatte sich jedoch sofort wieder gefasst und machte den nächsten Ausfall. Dieses Mal begnügte Anôra sich nicht mehr mit dem bloßen Abwehren, sondern stellte ihre Klinge im letzten Moment schräg und nahm dem Angriff so seine ganze Kraft.
Ohne dem Gegner Zeit zu lassen griff sie nun ihrerseits an, mit einem schnellen, auf seine Brust abgezielten Schlag, der ihr auch beinahe geglückt wäre; aber der Mann schaffte es doch noch, ihre Klinge mit der seinen zu stoppen, wenn auch er sich den dazu erforderlichen Bruchteil einer Sekunde durch etwas ungeschicktes Zurücktaumeln verschaffte. Auf seinen Zügen zeichnete sich nun deutliche Verwirrung ab, die kurz darauf in Wut umschlug.
Er stürzte erneut vor, und die nächsten Minuten versanken in einem verbissenen Schlagabtausch. Die Regale schwankten und leerten ihren Inhalt auf den Boden, während die zwei Kämpfenden immer wieder dagegenstoßend sich durch den Raum jagten. Der Eindringling kämpfte erstaunlich gut, was ihn in Verbindung mit der zerstörerischen Kraft seiner Ausfälle zu einem schwierigen Gegner machte, doch war er nicht so schnell wie Anôra, und so wechselte das Glück von einer Seite auf die andere, ohne länger als für die Dauer einiger Angriffe irgendwo zu verharren.
Bald ließ diese Unentschiedenheit die junge Frau ungeduldig werden. Der Kampf sollte so schnell wie möglich beendet werden, und sie überlegte sich, ob sie, allen Gewohnheiten zum Trotz, einfach nach Wachen rufen sollte, als sie plötzlich die harte Kante des Tisches in ihrem Rücken spürte. Sie fluchte innerlich, während die Augen des Mannes triumphierend aufblitzten. Er hob seine Waffe und ließ sie auf Anôra´s Kopf gezielt niedersausen, aber erneut traf die Klinge nur das hochgerissene Schwert seiner Gegnerin. Mühsam hielt sie dem Druck stand und ließ gleichzeitig die Füße ein wenig nach vorne gleiten, so dass sie nun schräg an den Tisch gelehnt stand. Wenn es nur klappen würde...
Doch für Bedenken blieb jetzt keine Zeit mehr. Entschlossen schlug Anôra ihre Klinge zur Seite und warf ihren Gegner zurück. Zwar nur für einen Augenblick, aber mehr brauchte sie nicht. Ehe er Zeit hatte, erneut anzugreifen, stieß sie sich mit den Füßen vom Boden ab, ließ sich rücklings auf die Tischplatte fallen und riss die Beine über ihren Kopf. Kurz drehte sich der Raum, dann hatte sie plötzlich dunkles Holz vor den Augen, sprang auf die Füße – und stand auf dem Tisch, den verdutzten Mann mit einem kühlen Lächeln anschauend. Jetzt waren die Größenverhältnisse wesentlich günstiger. Der Fremde hielt sich allerdings nicht lange mit der Bewertung dieser neuen Situation auf und stürzte vor. Anôra fasste den Schwertgriff etwas fester und führte die Waffe leicht zurück, bereit, den Angriff abzufangen.
"Ich sehe, ihr habt euch bereits kennengelernt," ertönte in diesem Moment eine weiche, unverkennbar ironische Stimme an der Tür. Der Mann fuhr herum, von der Kraft seines nicht mehr ausgeführten Schlages so mitgerissen, dass er erneut gegen eines der Regale stieß, woraufhin dessen ohnehin lädierte Standbeine nachgaben und es mit lautem Gepolter umfiel. Auch Anôra hielt mitten in der Bewegung inne, mit vor Überraschung geöffnetem Mund Sauron anstarrend, der, scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht, auf der Schwelle stand und mit vor der Brust verschränkten Armen die Kämpfenden anblickte.
"Das ist übrigens Zimalkhâd, der neue Hauptmann der Schwarzen Garde," fuhr der königliche Berater mit einem kaum merklichen, amüsierten Lächeln fort.
"Oh..." Mehr fiel ihr dazu nicht ein. Völlig vor den Kopf gestoßen ließ die junge Frau das Schwert sinken und sah ungläubig ihren Gegner an, der genauso entgeistert dreinschaute wie sie selbst.
"Zimalkhâd," wandte Sauron sich an ihn. "Vor euch befindet sich Lady Anôra, ich habe euch bereits von ihr erzählt."
"Das ist...," fing der Mann an, stockte dann und schüttelte fassungslos den Kopf. "Ich... ich dachte es wäre eine Getreue."
"Denken ist nicht gerade eure Stärke, was?" schnaubte Anôra und sprang vom Tisch hinunter.
"Anôra, bitte." Sauron hob beschwichtigend die Hände, ehe Zimalkhâd Zeit zum Antworten hatte. "Einen Streit dulde ich nicht. Das Chaos, das ihr hier angerichtet habt, sollte für heute reichen."
Tatsächlich war Chaos eine treffende Beschreibung für das, was aus dem Zimmer geworden war. Der Boden und auch Teile des Tisches waren fast vollständig von zahllosen, manchmal zerrissenen oder mit Fußspuren versehenen Blättern bedeckt, die Schränke halb leer und schief, mit herausgefallenen Schubladen, der Stuhl befand sich irgendwo in der Ecke und schien nur noch zwei Beine zu haben, und mitten im Raum lag wie ein Schlussakkord das eben umgefallene Regal.
"Nun, meine Idee war dieser Kampf nicht," verzog Anôra gereizt den Mund. "Ich hatte eigentlich nach einigen Listen gesucht... was man jetzt wohl vergessen kann."
Sie schüttelte unwillig den Kopf und wandte sich an Sauron.
"Darf ich mich entfernen, Herr?"
Der königliche Berater nickte kurz und die junge Frau verließ rasch das Zimmer, im Gehen dem Hauptmann einen giftigen Blick zuwerfend.


Müde fiel Anôra kurze Zeit später in ihr Bett, nicht ohne vorher Mâreth gegenüber ihren ganzen Unmut über den Tag zum Ausdruck zu bringen, angefangen bei der ergebnislosen Durchsuchung und geendet in dem Kampf, dessen Folge nun ein Zeitverlust war, denn es würde sicherlich dauern, bis die Listen in dem heillosen Durcheinander wieder gefunden werden würden. Danach hatte sich ihr Ärger zwar etwas gelegt – es verwunderte sie selbst, wie beruhigend Mâreth´s verständnisvolles Lauschen auf sie wirkte – doch sie konnte lange nicht einschlafen, starrte stattdessen den seidenen Baldachin über sich an und überlegte, was den königlichen Berater dazu bewogen haben könnte, nach so vielen abgewiesenen Bewerbern derart schnell einem völlig unbekannten Offizier aus Ondosto Tirazôn´s ehemaligen Posten zu geben.
Tirazôn... in ihrer Erinnerung waren nur noch Bruchstücke von seinem Verschwinden erhalten, die ganze Zeit bis zu dem Punkt, als Mâreth plötzlich mit Tränen in den Augen in ihrem alten Zimmer stand war wie in Nebel getaucht. Sie meinte noch zu wissen, wie Tirazôn in einer Nacht bei ihr aufgetaucht war (oder war es an einem Morgen?) und ihr sagte, er müsse gehen. Hatte er auch gesagt warum? Anôra konzentrierte sich auf die Erinnerungen dieser früheren Tage, versuchte, wieder klare Bilder vor die Augen zu bekommen: und spürte im selben Moment ein unangenehmes, nagendes Gefühl, wie ein leises Kratzen unter der marmorglatten Oberfläche, die wie ein Messerschnitt ihr früheres von ihrem jetzigen Leben trennte. Fast schon erschrocken zog sie sich zurück und lenkte ihre Gedanken wieder auf die Gegenwart. Sie wollte nichts mehr von ihrer Vergangenheit wissen, diese kam ihr vor wie ein schwarzer Tümpel, in deren Tiefen Schmerzen und Angst auf sie warteten, sollte sie seine nur scheinbar tote Oberfläche stören. Bevor sie noch mehr Gedanken daran verschwenden konnte schlug Anôra die unsichtbare Tür zu diesem beunruhigenden Eckchen ihres Bewusstseins wieder zu und spürte fast augenblicklich, wie sie wieder von der gewohnten, kühlen Ruhe überkommen wurde. So war es schon wesentlich besser. Entspannt streckte sie sich unter der Decke aus und schlief bald ein.


V


Frischer Schnee knirschte unter den Hufen ihres Hengstes, als Anôra am nächsten Morgen den Palasthügel hinunterritt, durch die noch schlafende Stadt hindurch und schließlich zum Osttor hinaus. In gemächlichem Trab ließ sie das Tier durch das morgendliche Halbdunkel laufen. Gegen das Ende der Nacht hatte sich der Himmel endlich wieder aufgeklärt, und nun war am Horizont vor ihr ein zartrotes Glühen über der schwarzen Linie der teilweise bewaldeten Ebenen zu sehen, darunter der glitzernde, unberührte Neuschnee, und am westlichen, noch dunklen Himmel die Sichel des untergehenden Mondes. Obwohl sich kein einziges Lüftchen regte fröstelte sie selbst unter dem pelzbeschlagenen Wintermantel in der kristallklaren, eisigen Luft, schlug aber trotzdem ihre Kapuze zurück und atmete tief den kühlen Duft nach Schnee und schlafenden Bäumen ein. Sie mochte diese nur dem Winter eigene, reglose Stille, in der bloß ab und zu ein leises "plumps" zu hören war, wenn einem Baumast das auf ihm liegende Schneehäufchen zu schwer geworden war. Diese Jahreszeit war so angenehm anders als die übrigen drei, mit ihrem Lärm, den sich überschlagenden Gerüchen und Farben, ein ständiges Hin und Her, dem die klare Kälte und die geordneten, knappen Linien des Winters fehlten. Anôra hatte nur mit ihren Ausritten angefangen, um diese vollkommene Ruhe genießen zu können, die weder von Vögeln, noch von Tieren, noch von Menschen gestört wurde und...
"Lady Anôra!" schrie in diesem Moment jemand hinter ihr. "Wartet!"
Aus ihren Gedanken gerissen, wandte Anôra gereizt den Kopf, um einen Reiter auf einem großen, dunklenbraunen Pferd schnell auf sich zugaloppieren zu sehen. Einige Minuten später hatte er die junge Frau erreicht.
"Guten Morgen," ließ Zimalkhâd sein Tier in das ruhige Tempo von Anôra´s Hengst übergehen.
"Was wollt ihr?" Anôra machte sich nicht einmal die Mühe, höfiich zu wirken. Warum konnte man ihr wenigstens am frühen Morgen nicht ihre Ruhe lassen?
"Mit euch reden," erwiderte der neue Hauptmann fröhlich, ohne sich von dem schroffen Empfang beeindrucken zu lassen.
"Man kann den ganzen lieben Tag mit mir reden, dafür braucht ihr mir nicht nachzureiten."
"Ihr seid wohl sehr verstimmt wegen dem gestrigen Vorfall, was?" Zimalkhâd zog die Augenbrauen hoch.
"Nun ja, wenn ich bedenke wie lange es dauern wird, bis meine Listen in dem Durcheinander gefunden werden... ja, man könnte sagen, ich bin verstimmt."
"Was mir auch aufrichtig leid tut. Wisst ihr, Sauron hatte zwar erwähnt, einen weiblichen Spion zu haben, aber ich dachte eher an eine Hofdame, und nicht an eine mit Schwert bewaffnete Frau, die mitten in der Nacht in den Papieren der Schwarzen Garde herumstöbert. Ihr habt übrigens überraschend gut gekämpft, wenn man eure Statur bedenkt," fügte er anerkennend hinzu.
"Vielen Dank," verzog Anôra das Gesicht. "Ich hätte gerne auf die Demonstration meiner Fähigkeiten verzichtet. Aber was solls..." Sie zuckte die Schultern. Schließlich begegnete man einer wie ihr wirklich nicht auf der Straße, da war es vielleicht nicht ganz so dumm, sie für eine Getreue zu halten. Nachdem ihre anfängliche Gereizheit abgeflaut war, blickte sie ihr Gegenüber mit leiser Neugier an. Der neue Hauptmann war wirklich so groß wie es ihr in der Nacht vorgekommen war. Er war recht jung, wahrscheinlich 50 oder 60 Jahre alt, hatte äußerst kurz gestutzte, helle Haare und ein so scharf geschnittenes Gesicht, dass es fast rechteckig erschien, aus dem zwei eisblaue, unerwartet harte Augen blickten.
"Wie habt ihr es geschafft, den Posten zu bekommen?" fragte sie.
"Keine Ahnung, wenn ich ehrlich sein soll," lachte der Hauptmann auf. Anôra lächelte flüchtig, die Antwort gefiel ihr.
"Ich war der ranghöchste Offizier in Ondosto, also so ein kleiner Hauptmann der dortigen zwei-drei Soldaten, und habe mich einfach auf gut Glück beworben, als bekannt wurde, dass man einen neuen Hauptmann der Schwarzen Garde sucht," fuhr Zimalkhâd indessen fort. "Irgendwann, als ich bereits nicht mehr mit einer Antwort rechnete, bekam ich doch eine Einladung hierher. Der Berater des Königs hat einige Zeit mit mir geredet, mich über meinen Dienst und mein Leben ausgefragt.. " Er zuckte die Schultern. "Das Übliche eben. Und plötzlich erklärt er mir, ich könne gleich meinen Dienst antreten. Fragt mich nicht was ich ihm Besonderes erzählt habe," schüttelte der Soldat belustigt den Kopf. "Ich bin immer noch verblüfft, wie schnell Sauron es entschieden hat."
"Er entscheidet meistens schnell," meinte Anôra. "Und längst nicht immer so, wie man es erwartet hätte."
"Wie lange seid ihr bereits in seinem Dienst?" Zimalkhâd blickte sie neugierig an.
"Das zählt nicht zur Sache. Lange genug." Weder die Antwort selbst noch ihr Ton ließen Zweifel daran, dass sie nicht weiter auf dieses Thema eingehen würde.
"Ich könnte euch jedoch etwas Kenntnis darüber verschaffen, was mehr in euer Aufgabengebiet gehört," fügte die junge Frau nach kurzem Schweigen hinzu.
"Das wäre?"
"Wir haben gestern ein Anwesen hier in der Nähe durchsucht, Sauron dürfte euch davon in Kenntnis gesetzt haben. Ihr solltet es vielleicht gesehen haben, denn ab jetzt ist es schließlich vielmehr eure Sorge als die meine. Wir sind nicht weit davon entfernt, ich kann es euch gerne zeigen."
"Ist das also eure Art?"
"Was?" Anôra blickte ihn verständnislos an. "Was meint ihr?"
"Erst nach jemandem zu treten und ihm dann ein Stückchen Zucker hinzuwerfen?" Zimalkhâd lächelte schief.
"Ihr braucht mich nicht zu erziehen, Mylord," entgegnete sie mit schlagartig kalt gewordenen Stimme. "Wie ich bin und wie ich mich benehme ist allein meine Sache, merkt euch das."
"Ihr Palastmenschen seid tatsächlich ein so seltsames Volk, wie mir erzählt wurde," grinste Zimalkhâd unerwartet. "Nun, seid wie ihr wollt, Mylady, und zeigt mir dieses Landhaus, wenn es euch genehm ist."
Nach recht kurzer Zeit hatten sie sich dem Haus Grachân´s genähert und ließen ihre Pferde auf einem Hügel unweit des Anwesens halten. Aufmerksam hörte Zimalkhâd der jungen Frau zu, während sie ihm kurz erklärte, wo sich was auf dem Gelände befand und welche Plätze man als mögliche Verstecke nutzen könnte, und seine Augen schienen sich für eine Sekunde in jeden Punkt zu verbeißen, auf den die schmale Hand Anôra´s deutete.
"Und ihr habt es tatsächlich geschafft, das alles in einem Tag zu durchsuchen?" fragte er schließlich ungläubig.
"Eben wie man so etwas an einem Tag durchsuchen kann," verzog Anôra die Lippen. "Deswegen wollte ich ja noch nachschauen, ob Lord Grachân in Tirazôn´s Listen auftaucht und hierher zurückkommen... aber das zweite Durchsuchen könnt nun ihr übernehmen, meine Hilfe dürftet ihr dabei ja nicht benötigen."
"Eure Anwesenheit wäre mir Hilfe genug," neigte der Hauptmann den Kopf mit einem leichten Lächeln. Anôra warf ihm statt einer Antwort einen kurzen Blick zu und wandte sich dann wieder in Richtung des Gebäudes. Gerade rechtzeitig um den Herrn des Hauses in Begleitung zweier in lange Umhänge gehüllten Männer auf den Hof treten und zu den Stallungen trippeln zu sehen.
"Wer sind die?"
"Der Dicke ist Lord Grachân, wer die anderen Beiden sind weiß ich nicht," schüttelte sie den Kopf, die kleine Gruppe angespannt beobachtend. Ein Diener führte zwei gesattelte Pferde mit vollen Satteltaschen aus dem Stall heraus, die Fremden saßen auf, wechselten einige kurze Worte mit dem Hausherrn und ritten in raschem Trab vom Hof. Grachân sah ihnen besorgt hinterher und eilte dann ins Innere des Hauses.
"Folgen wir ihnen?" fragte Zimalkhâd, mit zusammengekniffenen Augen den zwei Figuren auf der Straße vor ihnen nachblickend.
"Sie reiten in Richtung Andúnié. Und Grachân war wohl nicht umsonst von Sauron verdächtigt worden," erwiderte die junge Frau. "Wir sollten sie wirklich lieber fragen, wer sie sind und wohin sie so eilig wollen."
Sie ließen ihre Pferde den Hügel hinuntertraben und den anderen zwei Reitern hinterher. Einer von den Fremden warf den Kopf zurück, um nachzuschauen, wer da hinter ihnen war, und kurz schien sich sein Gesicht zu verdunkeln. Er sagte etwas zu seinem Gefährten und in der nächsten Sekunde galloppierten ihre Pferde in voller Geschwindigkeit über die Straße davon.
"Es sind also doch Getreue," rief Anôra. "Hinterher!"
Ihre eigenen Tiere preschten los. Der Schnee schoß unter den Hufen hervor und hüllte die Reiter in eine weiße Wolke. Nach einiger Zeit erwiesen sich die Hengste aus den königlichen Ställen als die eindeutig Schnelleren: mit Schaum vor dem Maul holten sie die Pferde der Getreuen Schritt für Schritt ein, bis die vier Menschen auf fast gleicher Höhe ritten, Zimalkhâd und Anôra rechts und links von den zwei Getreuen. Die Männer gaben ihren Tieren die Sporen, doch das verschaffte ihnen nur einen kurzen Vorsprung – nach wenigen Momenten wurden sie wieder eingeholt. Zimalkhâd zog sein Schwert aus der Scheide und versuchte, das Pferd des Mannes neben ihm am Hals zu treffen, streifte es jedoch nur: der wilde Galopp ließ kaum Möglichkeiten für präzise Handlungen. Er fluchte, als ihn die Kraft des Streiches beinahe selbst aus dem Sattel geworfen hätte und hatte Mühe damit, sein Schwert in der Hand zu behalten.
Mit einem schnellen Blick auf sein Scheitern verwarf Anôra die Idee, das Gleiche zu versuchen. Zu groß war die Gefahr, das Schwert zu verlieren oder selbst aus dem Sattel zu fallen. Sie müsste vielmehr etwas versuchen, was auf Anhieb klappen würde... Sie ließ ihr Schwert in der Scheide und zog ihre Beine stattdessen hoch, bis sie beinahe in einer Hocke auf dem Rücken ihres Hengstes saß. Der Reiter neben ihr, ahnend was sie vorhatte, versuchte auszuweichen, jedoch machte es sein eigener Gefährte neben ihm unmöglich. Im nächsten Moment war es zu spät – Anôra warf sich schräg zur Seite und umklammerte den Mann mit beiden Armen. Mit einem dumpfen Schlag prallten die beiden auf die Straße. Das Pferd des anderen Getreuen scheute und warf seinen Reiter ab, Zimalkhâd sprang hinterher.
"Gebt auf!" forderte er, sofort wieder auf den Füßen, die zwei Männer auf, die ebenfalls wieder standen und nun zurückgewichen waren. Anstelle einer Antwort zückten diese ihre Schwerter.
"Lasst das Reden," stieß Anôra zwischen den Zähnen hervor, ihre Waffe ziehend. "Wann habt ihr es denn erlebt, dass diese Narren sich ergeben?"
Eisen klirrte, und das harte Geräusch hallte laut in der klaren Morgenluft über den schneebedeckten Hügeln wider. Die zwei Männer erwiesen sich als passable, doch nicht wirklich gute Schwertkämpfer, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie den Kampf verlieren sollten. Derjenige, gegen den Anôra focht, begann wie erwartet bald immer mehr Fehler zu machen, jeden von denen er mit einem neuen Kratzer oder einer leichten Wunde büßte, als wäre es ein bizarres Geschicklichkeitsspiel. Er wich, stolperte vielmehr immer weiter zurück, mit schweißdurchtränkten Haaren im blassen Gesicht, die hellen Augen mit wachsendem Schrecken auf die ausdruckslosen Züge seiner Gegnerin gerichtet. Weder Hass noch Leidenschaft spiegelten sich dort wider, vielmehr blickte sie ihn mit dem kalten Interesse eines Bauers an, der einen seltenen Käfer in seinem Gemüsegarten studiert und von allen Seiten anschaut, bevor er ihn mit einer Bewegung zertritt.
Im nächsten Moment sah Anôra aus den Augenwinkeln, wie Zimalkhâd das Schwert aus den Händen seines Gegners schlug und der entwaffnete Mann rücklings auf den Schnee fiel.
"Wunderbar," meinte sie, an ihren schwer atmenden Feind gewandt. "Einen Gefangenen haben wir nun... und mehr als einen brauchen wir eigentlich auch nicht."
Noch bevor der Mann den vollen Ausmaß dieser knappen Feststellung verstanden hatte, umging die Waffe Anôra´s seine unsicher gewordene Klinge und bohrte sich tief in seinen Brustkorb. Er zog rasselnd die Luft ein, mit vor Schmerz und Entsetzen geweiteten Augen die Frau vor sich anstarrend und ging langsam in die Knie. Gurgelnd sprudelte Blut aus seinem Mund, als er sich mit erstarrtem Blick schließlich zur Seite neigte und schwer auf dem Boden aufschlug. Anôra verzog leicht angewidert die Lippen und zog ihr Schwert aus der Leiche heraus.
"Warum habt ihr ihn umgebracht?" erklang im selben Augenblick Zimalkhâd´s Stimme und der deutlich verärgerte Soldat stellte sich vor sie. "Wir hätten ihn vielleicht gebrauchen können!"
"Weil zwei Gefangene eine größere Chance zu entwischen haben als einer und schwerer zu transportieren sind," zuckte die junge Frau mit den Schultern und wischte ihre Klinge sorgfältig an der Kleidung des Toten ab, bevor sie diese zurück in die Scheide beförderte. "Einer reicht vollkommen aus. Habt ihr ihn gefesselt?"
"Ja." Zimalkhâd nickte in Richtung des anderen Mannes, der mit hinter seinem Rücken verschnürten Händen auf der schneebedeckten Straße lag. Mit wenigen Schritten näherte Anôra sich dem Gefangenen. Mühevoll hob dieser den Kopf und sah die Frau über sich müde an. Sein Atem ging schwer und keuchend, und jedesmall wenn Luft aus seinem Mund entwich war ein leises Pfeiffen zu hören.
"Setzt ihn am besten vor euch auf euer Pferd," befahl Anôra. "Ich kümmere mich um die restlichen Tiere."
"Wasser," brachte der Getreue in diesem Moment heiser hervor und schüttelte sich sofort in einem schweren Hustenanfall.
"Der ist wohl krank," musterte der Hauptmann ihn. "Und an seinem Gürtel ist eine Flasche mit Wasser. Soll ich ihm etwas davon geben?"
"Er wird es schon bis zum Palast schaffen. Durchsucht ihn jetzt lieber." Ohne eine Antwort abzuwarten trat sie wieder zu dem Toten und ließ ihre Hände mit schnellen Bewegungen über seine Kleider gleiten. Nach einigen Minuten kehrte sie bloß mit einem kleinen Anhänger auf einer Silberkette zum Soldat zurück, welcher mehr Glück hatte: in seinen Fingern befand sich eine sorgfältig mit Wachs versiegelte, schmale Pergamentrolle.
"Das ist alles. Reiten wir zurück?"
Anôra nickte, und näherte sich mit ruhigem Schritt den beiden Pferden der Getreuen, die zusammengedrängt etwas abseits standen und die Fremde misstrauisch beäugten. Vorsichtig streckte sie die Arme aus und strich sanft über die Nüstern der leicht zitternden Tiere. Nachdem diese im ersten Moment zurückgeschreckt waren, beruhigten sie sich unter den weichen Berührungen bald und ließen sich zu Anôra´s Hengst führen. Während sie die Zügel der Pferde an dem Sattel ihres Tieres befestigte erklang von hinten erneut heiseres, heftiges Husten, dieses Mal so lang, dass der Gefangene danach mehrmals pfeiffend nach Luft schnappen musste.
"Gebt ihm vielleicht doch einen Schluck," meinte Anôra, immer noch mit den Zügeln beschäftigt. "Sonst kommt der am Ende nicht mehr lebend im Palast an."
Es wäre auch keine schlechte Idee, die Pferde mit etwas Wasser abzukühlen, dachte sie mit einem Blick auf deren von Schaum gesäumten Mäule. Die Wasserflaschen schienen allerdings irgendwo in den Satteltaschen begraben zu sein, und so nahm sie sich statt dessen die kleine Flasche vom Gürtel des Toten. Es wäre zu aufwendig, jetzt die anderen Flaschen hervorzusuchen, einige feuchte Tropfen würden es auch tun. Anôra schraubte den mit Silber versehenen Verschluss auf und goß sich etwas Wasser auf die Handfläche. Zu ihrer Überraschung warf der schwarze Hengst nervös den Kopf zurück, sobald sie ihm damit zu nahe kam, und verschüttete das Nass auf dem Schnee. Ein zweiter Versuch erzielte genau die gleiche Wirkung.
"Was..." fing sie ärgerlich an, stutzte dann aber und hob, von einem plötzlichen Verdacht getrieben, die Flasche an ihre Nase. Leichter, fast unmerklicher, jedoch unverkennbar bittere Geruch entwich daraus.
"Zimalkhâd," schrie sie auf, erschrocken herumwirbelnd. "Gebt ihm nichts aus... "
Es war jedoch zu spät. Der Getreue trank bereits in großen Schlucken aus dem an seinen Mund gehaltenen Gefäß, als Zimalkhâd auf Anôra´s Schrei reagierte.
"Das hilft euch nicht mehr," lachte der Mann heiser auf. Seine Augen blitzten triumphierend. Beinahe im gleichen Moment schien ein Ruck durch seinen Körper zu gehen. Das Lachen verstummte abrupt und sein Gesicht lief blau an, als hätte ihm jemand die Kehle zugeschnürt. In der nächsten Sekunde zuckte und wand sich sein Körper in einer schmerzlichen Agonie auf dem Boden, bis die Bewegungen nach einigen Augenblicken verklangen und er regunglos verharrte, die verrenkten Glieder grotesk von sich gestreckt.
"Verdammt," zischte Anôra, die Flasche in ihren Händen zu Boden schleudernd.
"Da... da war Gift drin!" brachte der Hauptmann entgeistert hervor, bevor er auch seine Flasche mit plötzlichem Abscheu von sich warf, als würde ihr Inhalt seine Hände verbrennen..
"Blauwurz." Wütend gab die junge Frau der Leiche einen Tritt. "Ich hätte daran denken sollen, dass dieser Abschaum sich lieber selbst vergiftet, als sich zu ergeben!"
"Und nun kehren wir mit leeren Händen zu Sauron zurück." Zimalkhâd seufzte enttäuscht.
"Hm.... Wenigstens haben wir noch diese Pergamentrolle. Vielleicht steht ja etwas Aufschlussreiches darin. Kommt, lasst uns zurückreiten."
Sie ließen die zwei Toten, mit etwas Schnee bedeckt, unweit des Weges liegen und holten bloß die Giftflaschen und die Pferde der beiden Getreuen nach Armenelos mit. Man könnte später jemanden nach den Leichen schicken, sie auf den Tieren zu transportieren wäre unmöglich gewesen – die Hengste scheuten bereits in bloßer Nähe der toten Männer.
In Schweigen gehüllt ritten sie langsam die verlassene Straße entlang. Nach einiger Zeit unterließ Zimalkhâd es schließlich, den Horizont zu betrachten und schielte zu seiner Begleiterin hinüber, die weiterhin starr vor sich blickte. Auf dem blassen Gesicht ließ sich nicht ablesen, ob sie ihren Gedanken nachhing oder einfach keine Lust auf Unterhaltung hatte: die feinen Züge waren so ausdruckslos und verschlossen wie der undurchdringliche, seltsam emotionslose Blick der grünen Augen. Diese Frau spukte seit ihrem Kampf am Vortag beständig in seinem Kopf herum: noch nie war ihm ein derart widersprüchlicher und undurchschaubarer Mensch begegnet. Nichts an ihr schien zusammenzupassen. Weder die zarte, fast schon zerbrechliche Gestalt mit den Kampfkräften, die vielmehr einem Mann zu gehören schienen, noch die distanzierte und kühle Art mit den plötzlichen Ausbrüchen von Gereiztheit, sobald er auf ein Thema zu sprechen kam, dass ihr aus irgendwelchen Gründen nicht passte. Doch am meisten erstaunt hatte ihn die an Grausamkeit grenzende Gefühllosigkeit, mit der sie gekämpft hatte – ihre Züge schienen in diesen Augenblicken zu Stein geworden zu sein. Zimalkhâd schüttelte leicht den Kopf. Wenn er Anôra erst einmal länger kannte würde er ihr Wesen wohl wesentlich besser verstehen können. Und daran, dass es sich lohnen würde, sie näher kennenzulernen, hatte er keine Zweifel. Die Hofdame war eindeutig intelligent und schien weder falsches Zögern wenn es zu handeln galt, noch Ängste oder unnütze Bedenken zu kennen: Eigenschaften, die er sehr schätzte und nur selten bei jemandem fand, schon gar nicht bei Frauen. Bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls zog sie ihn trotz ihrer Ungereimheiten an, nicht zuletzt aufgrund ihrer Schönheit, wie er sich mit einem Grinsen eingestehen musste.
"Warum lacht ihr?" durchbrach ihre Stimme seine Gedanken so plötzlich, dass Zimalkhâd zusammenzuckte. Anôra hatte ihren Blick von der Straße abgewandt und sah ihn nun fragend an.
"Es ist nichts Wichtiges, Mylady," schüttelte er den Kopf. "Ich frage mich allerdings, warum ihr nie lacht."
"Versucht ihr noch immer, mich zu erziehen?" zog Anôra die Augenbrauen hoch.
"Nein Mylady, es würde mir im Traum nicht einfallen euren Wünschen entgegenzuhandeln." Der Soldat deutete eine Verbeugung an, soweit es einem Reitenden möglich war.
"Nun, wenn es euch interessiert..." Sie senkte leicht den Kopf und etwas glitzerte in der Tiefe der Augen auf. "Ich sehe bloß keinen Grund dazu."
"Ist euch die Aussicht, die Welt mit einem Lächeln auf euren Lippen zu erhellen, nicht Grund genug?"
"Die Welt achtet nur auf den Glanz eines gezogenen Schwertes, Mylord," schnaubte Anôra. "Ihr solltet es doch besser wissen als ich."
"Vielleicht... ich hätte allerdings nicht erwartet so etwas von euch zu hören." Zimalkhâd blickte sie mit leiser Verwunderung an.
"Es gibt Vieles, was man von mir nicht erwarten würde," zuckte die junge Frau mit den Schultern. "Aber ich glaube, eure Frage bereits ausreichend beantwortet zu haben. Lasst uns jetzt lieber zusehen, dass wir noch vor Mittag in Armenelos ankommen. Es ist nicht sehr klug, zwei Leichen länger als nötig am Straßenrand liegen zu lassen – ob man ihnen nun ansieht, dass sie Getreue waren, oder nicht."


VI


Turin, Melbas, Roccondil, Dorlas... Resigniert überflog Anôra erneut die Reihe von Namen, die übereinander auf dem Pergament aufgeschrieben waren. Die meisten elbisch, kein einziger Númenórername. Und jeder in einer anderen Schrift. Das war alles, was auf dem Dokument verzeichnet war, ohne jegliche Erklärung oder zusätzliche Worte. Pseudonyme.... Sie schnaubte verächtlich. Albernes Kinderspielchen. Was sollte den Getreuen eine solche "Anwesenheitsliste" eines ihrer Treffens bringen? Wenn es denn eine war. Solange keine anderen Listen bekannt waren konnte man nicht mit Sicherheit sagen, ob es nicht doch eine in künstlich verschiedenen Schriften niedergeschriebene, verschlüsselte Botschaft war. Doch das glaubte sie nicht. Zum Einen weil sich sowohl sie als auch Sauron seit einigen Tagen mit der Rolle beschäftigt hatten und nichts Verdächtiges an der Namenskette finden konnten, zum anderen weil Anôra den Gebrauch solcher Pseudonyme anstelle der echten Namen bei Getreuentreffen bereits von ihrer Kindheit kannte: so sollte die Arbeit möglicher Spitzel erschwert werden. Doch warum, warum hielt man diese Pseudonyme auf einmal in einer solchen Liste nieder, in die sich anscheinend jeder selbst eintragen musste? Warum schickte man die Liste dann auch noch in eine andere Stadt, wozu nur?
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Vorsichtig steckte Mâreth ihren Kopf in das Zimmer und fragte, ob Mylady sich nicht allmählich für den abendlichen Ball bereitmachen wollte. Anôra fluchte innerlich und legte das Pergament beiseite. Natürlich wollte Mylady nicht. Wieder einer dieser Bälle, wo mehr kleinliche Intrigen als Unterhaltungen am Laufen waren. Mit einem Seufzer schob sie den Ärger beiseite und setzte sich vor den Spiegel, während Mâreth begann, ihr Haar in eine komplizierte Frisur zu legen, die aus einzelnen, von zahlreichen goldenen Haarsteckern zusammengehaltenen Strähnen bestand. Nachdem das fertig war, schlüpfte sie in ein hochgeschlossenes, blaues Seidenkleid mit Stickereien an seinem Saum und dem breiten Gürtel und ließ sich von der Dienerin lange goldene Ohrringe anlegen.
"Fertig, Mylady," sagte das Mädchen schließlich und trat mit einem leisen Lächeln einen Schritt zurück. "Das Kleid steht euch unglaublich gut."
Anôra warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Tatsächlich unterstrichen der Schmuck und das dunkle Blau die ebenmäßige, zarte Blässe ihrer Züge und ließen die Haare wie Feuer leuchten. Dann zuckte sie mit den Schultern und wandte sich von dem Glas ab. Wie sollte es auch anders sein?
"Bleibe bitte solange hier und bereite mir ein Bad wenn ich zurückkomme," wies sie Mâreth an. "Ich werde wohl nicht sehr lange fortbleiben. Du kannst dir wenn du willst etwas von dem Wein einschenken während du wartest."
Sie nickte dem sich verbeugenden Mädchen zu und verließ den Raum.


Der Große Saal war wie erwartet zum Bersten voll. Anôra ging langsam durch die schillernde Schar festlich gekleideter Höflinge zum gegenüberliegenden Ende des Saales, wo wie immer der König und seine Gemahlin saßen. Da sie nun nicht mehr zu den jüngeren, neu angekommenen Hofdamen zählte – die sich meist zu Mehreren ein Zimmer teilen mussten und zu Bällen wie dieser gewöhnlich nicht einmal zugelassen wurden, sondern nur an bestimmten Feiern wie dem Frühlingsfest teilnehmen durften – gehörte es sich für sie wie für alle Höflinge in den höheren Rängen, dem Königspaar direkt nach dem Eintreffen persönlich ihre Achtung vorzubringen. Was sich als kein einfaches Unterfangen erwies – immer mehr Menschen bei Hofe kannten sie, und wollten einige Worte mit ihr wechseln. Mit einem höflichen Lächeln antwortete Anôra ihnen und stellte selbst die üblichen Fragen nach dem Wohlergehen, bevor sie weiterging. Es war beinahe schon lächerlich einfach, sich in dieser Gesellschaft Sympathien zu verschaffen: sie war freundlich zu Gleichgestellten, respektvoll zu denen in einer höheren Position und ließ auch für die Adligen unter sich ein erkennendes Lächeln übrig. Niemand schien sich auch nur zu fragen, ob sich die junge rothaarige Lady tatsächlich so für jeden in der Hofgesellschaft interessierte. Ein strahlendes Lächeln genügte fast immer, um immer neue Freunde und Bekannte zu gewinnen, die ihr bald regelrecht hinterherrannten. Wie kleine Hündchen. Anôra verzog den Mund, als bei diesem Gedanken das Bild der Lady Ûreth vor ihrem inneren Auge auftauchte, wie die wohlgenährte Hofdame in ihrer festlichen Aufmachung und mit einer Leine um den Hals auf allen Vieren hinter ihr herhechelte.
Schließlich kam sie vor den Thronen an. Die zwei Menschen darauf hätten auf den ersten Blick wie das perfekte Königspaar aus einem Märchen erscheinen können. Ar-Pharazôn in seinem reich mit Gold geschmückten Gewand aus schillernder weißer Seide, mit einer kunstvoll gewundenen Krone auf den pechschwarzen Haaren und den etwas weichgezeichneten Zügen, die nur zu deutlich von seiner edlen Abstammung sprachen, und neben ihm die in das Blau eines blassen Herbsthimmels gekleidete Miriel mit mattem Silber auf ihren Händen, ihrem Hals und in ihrem Haar, die makellose Haut von dem durchscheinenden Weiß einer Marmorstatue mit strahlend blauen Augen. Dieses Paar wirkte wirklich beinahe perfekt.... beinahe.
Wären da nicht der harte, überhebliche Zug um den Mund des Königs, würde nicht die Krone auf dem Haupt Miriel´s fehlen, gäbe es nicht die vielen Fältchen in ihrem noch jungen Gesicht und wäre nicht der verhaltene, ausdauernde Hass in den Augen beider Gemahlen, sobald sie sich zufällig berührten oder sich ansahen.
Anôra warf einen schnellen Blick auf die erhobene Marmorplattform, auf der die Throne standen, während sie sich verbeugte. Sauron war noch nicht da. Dafür stand der neue Hauptmann in der Ecke links hinter dem König und unterhielt sich mit dem Anführer der Königlichen Garde. Als er die Hofdame bemerkte, zwinkerte er ihr mit einem kaum merklichen Lächeln zu, bevor er sich wieder an seinen Gesprächspartner wandte. Ar-Pharazôn beendete sein Gespräch mit dem an seiner Seite stehenden Lord Erchâton und hob mit einem kurzen Nicken leicht die Hand – ein Zeichen, dass Anôra bemerkt worden war und sich nun entfernen durfte.
"Wartet," sprach er plötzlich, als die Hofdame sich zum Gehen wandte. Überrascht blickte sie den König an; zum ersten Mal in all der Zeit hörte sie seine Stimme. Die Gespräche in ihrer Nähe verstummten, und auch aus der Tiefe des Saales richteten sich sofort Augen auf die Throne – es kam nicht oft vor, dass der König jemanden außer einem kleinen Kreis hochrangiger Höflinge ansprach.
"Euer Majestät?" senkte sie respektvoll den Kopf.
"Ihr heißt Anôra, nicht wahr?" Die sonst über alles und jeden nur flüchtig hinweggleitenden Augen des Königs musterten sie mit sichtlichem Interesse.
"Ja, Euer Majestät." Wie die Hofregeln es vorschrieben wollte sie sich nochmals verbeugen, doch eine kurze, ungeduldige Geste Ar-Pharazôn´s hielt sie davon ab.
"Nein, nein, hebt das für später auf, ich möchte euch in die Augen sehen können wenn ich mit euch rede."
"Wie ihr wünscht, Majestät." Anôra hob den Kopf und blickte den König an. Ihr Gesicht zeigte keine Regung während sie ruhig in die grauen Augen schaute, die unter dem seltsam kalten, festen Blick nervös hin und her zu fahren begannen. Es vergingen einige Sekunden, bis die Hofdame schließlich sanft den Kopf senkte.
"Mir wurde bereits von euch berichtet," verkündete Ar-Pharazôn sogleich im Plauderton, der die Erleichterung in seiner Stimme nicht gänzlich zu überdecken vermochte. "Von meinem Berater. Er meinte, ihr hättet gute Ansätze für eine höhere Position. Was sagt ihr dazu?"
"Wenn der Berater Eurer Majestät das befindet, wage ich nicht, ihm zu widersprechen," lächelte Anôra fein.
"Warum nicht?" Der König beugte sich leicht vor.
"Nun, jemand den ihr für würdig befunden habt, euch beraten zu dürfen, muss über eine Weisheit verfügen, die ich weder begreifen, noch in Frage zu stellen vermag."
"Gut geantwortet," lehnte sich Ar-Pharazôn mit einem zufriedenen Lächeln wieder zurück. "Ich glaube, er hat mir tatsächlich nicht zu viel versprochen. Ihr dürft euch entfernen."
"Ja, Euer Majestät," verbeugte Anôra sich erneut.
Dann erhob sie sich mit respektvoll gesenktem Kopf und drehte sich zum Saal. Kurz zuckten ihre Lippen verächtlich, sobald sie den Thronen den Rücken zugewandt hatte, dann nahm ihr Gesicht wieder den freundlichen, offenen Ausdruck an, der von ihr erwartet wurde und ihr stets ein Lächeln oder eine Plauderei einbrachte, und sie verschwand in der bunten Menge.
Der Abend verlief und die Zeit verlor sich zwischen den zahllosen Gesprächen, den Gläsern voller süßem Wein aus den königlichen Kellern, dem Gelächter, den Tänzen und dem ständigen unmerklichen Zuhören und Beobachten, das wie von selbst in Anôra´s Hinterkopf durchlief und sie auf jedes ungewöhnliche Wort, jede seltsam anmutende Bewegung in ihrer Nähe aufmerksam machte. Seit der König ihr vor einigen Stunden so offensichtlich sein Wohlwollen bekundet hatte wollten plötzlich immer mehr Höflinge mit ihr sprechen, von denen viele einen weitaus höheren Rang bekleideten und die junge Hofdame früher nicht einmal begrüßt hatten. Kein Wunder; es war mittlerweile auch den Dümmsten im Saal klar, dass Lady Anôra mit einem Male unter die nicht sehr zahlreichen Kandidatinnen für den Titel der Ersten Hofdame aufgestiegen war – und dem Verhalten Ar-Pharazôn´s nach zu urteilen nicht einmal schlechte Chancen hatte. Sie fragte sich, was ihr Herr dem König erzählt haben mochte um solch plötzliches Interesse an ihrer Person zu wecken. Und gleichzeitig ließ sie diese Liste mit den Pseudonymen nicht mehr los. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu dem Pergament zurück. Warum sollte die Rolle bloß nach Andúnié gebracht werden? Welchen Nutzen konnte man überhaupt daraus ziehen? Diesen Fragen nachhängend, hörte sie mit halben Ohr Lord Minathôr zu, welcher ihr in letzter Zeit erneut den Hof machte und, seit er sie im Saal entdeckt hatte, anscheinend nicht mehr von ihrer Seite weichen wollte. Was Anôra nicht sonderlich gestört hätte, würde er nicht ständig ihren Blick einfangen und auch ansonsten immer wieder durch leichte Berührungen ihre volle Aufmerksamkeit erhalten wollen. Allmählich löste seine Gesellschaft eine steigende Gereiztheit in ihr aus, der sie nicht einmal nachgeben konnte: vor allem jetzt, da der König durch ihr kurzes Gespräch die Augen der gesamten Hofgesellschaft auf sie gelenkt hatte, durfte sie sich keine Fehler erlauben.
"Lady Anôra?" erklang plötzlich eine tiefe Stimme hinter ihr.
"Lord Zimalkhâd," wandte sie erleichtert den Kopf. "Schön euch zu sehen."
"Die Freude ist auf meiner Seite," erwiderte der Hauptmann mit einem Lächeln, leicht ihre Hand mit den Lippen berührend. "Wollt ihr mir den nächsten Tanz schenken, Mylady?"
Anôra verkniff sich eine bissige Bemerkung beim Anblick des entrüsteten Gesichts von Minathôr, als Zimalkhâd sie zur für den Tanz freigehaltenen Fläche führte. Der selbstzufriedene Adlige würde es niemals wagen, dem ihn um einen Kopf überragenden Soldaten etwas entgegenzusetzen.
"Danke für die Rettung," meinte sie, als sie sich zu der Musik zu drehen begannen. "Er hätte mich wohl sonst die ganze Nacht verfolgt."
"Was ich ihm nicht verdenken kann." Zimalkhâd beugte sich leicht zu ihr hinunter."Ihr seht heute wundervoll aus."
Anôra antwortete nichts mehr und sie schwiegen, bis die Musikanten ihre Instrumenten wieder niedergelegt hatten. Als die Töne schließlich verklangen löste sie sich weich aus dem Arm des Hauptmanns und trat einen Schritt zurück.
"Ich möchte etwas frische Luft schnappen," erwiderte sie seinen fragenden Blick. "Begleitet ihr mich?"
"Wie ihr wünscht." Zimalkhâd senkte den Kopf.


Mit etwas Mühe durchquerten sie den vollen Saal und folgten den fast völlig verlassenen Palastfluren zu einem der Ausgänge in den Garten. Die Luft war klirrend kalt. Frischer Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie sich über einen schmalen Weg etwas vom Palast entfernen, der tiefschwarze Himmel war jedoch so klar wie lange nicht mehr. Eine Weile standen die zwei Menschen wortlos da, Anôra die Augen nach oben gerichtet. Schließlich senkte sie den Blick und sah Zimalkhâd an.
"Ich gefalle euch sehr, nicht wahr?" fragte sie plötzlich. Dem Hauptmann, der gerade anscheinend ebenfalls etwas sagen wollte, blieben die Worte im Hals stecken und er starrte die junge Frau mit weit aufgerissenen Augen entgeistert an, ungläubig ob dieses groben Bruchs aller Höflichkeitsgebote die er kannte.
"Mylady?" schluckte er schließlich.
"Entschuldigt dass ich euch so direkt frage," neigte die Hofdame den Kopf zur Seite. "Es wäre natürlich viel romantischer gewesen, wäre ich unter dem Sternenhimmel in euren Armen versunken. Was nicht erfüllbar ist, bedaure."
Nachdem keine Antwort außer dem halb entsetzten, und halb verwirrtem Blick der blauen Augen kam, seufzte sie leise und drückte sich mit den Fingerkuppen kurz auf die Schläfen, als hätte sich ein nagender Schmerz in ihrem Kopf festgesetzt.
"Ich will es euch erklären," sprach sie schließlich erneut. "Es hat mich sehr viel Mühe gekostet, in meine jetzige Position aufzusteigen, in der ich auf jeden Fall auch bleiben will. Um das zu ermöglichen, muss ich die Erwartungen erfüllen, die in mich gesetzt wurden. Der Königliche Berater muss sich immer völlig auf mich und meine Fähigkeiten verlassen können. Und irgendwelche Gefühle sind dabei vollkommen fehl am Platze, mehr noch, sie wären für mich äußerst hinderlich. Deswegen möchte ich euch ein für alle Mal bitten, jegliche Absichten auf mich, falls ihr welche haben solltet, aus eurem Kopf zu verbannen, auf dass wir nicht mehr zu diesem Gespräch zurückkehren müssen. Ich bin hier, um Sauron zu dienen, und das möchte ich gut machen. Tut also mir und euch einen Gefallen und vergesst, dass ich eine Frau bin."
Immer noch wortlos sah der Soldat sie an, dann nickte er schließlich langsam.
"Gut." Anôra blickte zu ihm hoch. "Dann kann ich auf euer Wort zählen?"
"Das könnt ihr," nickte Zimalkhâd erneut. Unvermutet weiteten sich seine Lippen in einem breiten Lächeln. "Ich habe noch nie ein solch eigenartiges Gespräch geführt," meinte er, ungläubig den Kopf schüttelnd. "Ihr seid eine einzigartige Frau, Mylady. Es wird mir eine Ehre sein, mit euch arbeiten zu dürfen."
Er verbeugte sich leicht und kehrte, immer noch in sich hineinlachend, langsam zum Palast zurück. Anôra blieb stehen und sah ihm nach, bis die große schwarze Figur hinter einer Hecke verschwunden war und das Knirschen des Schnees verstummte. Sie fröstelte und zog die Schultern hoch. Es war eine Erleichterung, das geklärt zu haben. Zum Glück sah es so aus, als würde es keine Probleme mehr mit ihm geben. Dafür, sich auch noch der Annäherungsversuche des neuen Hauptmanns erwehren zu müssen, hätte sie jetzt weder die Nerven, noch die Kraft gehabt. Kurz spürte sie einen kleinen Stich in der Brust, als sie daran dachte, was die wahre Ursache dafür war, dass sie schon bei der bloßen Vorstellung, jemandem nahe zu kommen, tumbe Panik in sich aufsteigen fühlte. Nein, nicht mehr daran denken. Anôra holte tief Luft und besann sich wieder auf ihre Arbeit, ihre Aufgaben, die Chancen, die das Gespräch mit dem König ihr ermöglicht haben könnte. Erleichtert spürte sie, wie erneut Ruhe in ihr Inneres einkehrte. Ihre Zukunft, das war es, worauf sie sich konzentrieren musste – etwas Wichtigeres gab es nicht. Sie sah noch eine Weile in den sternenübersähten Himmel und ging dann gemächlich in Richtung des Palastes.
Es war vollkommen still in den Gärten, nur die leisen Geräusche ihrer Schritte zerteilten die samtene Dunkelheit. Mit einem Male blieb sie stehen und schüttelte den Kopf. Als hätte ihr jemand die Lösung ins Ohr geflüstert begriff sie, wofür die Getreuen das Pergament in eine andere Stadt bringen wollten. Und dieser Rolle würden wahrscheinlich viele andere Listen folgen, man bräuchte die Boten dann nur noch wie eine reife Ernte von den Straßen zu sammeln. Fassungslos darüber, das nicht früher begriffen zu haben, setzte die junge Frau ihren Weg fort. Es dürfte viel Arbeit geben in den nächsten Jahren. Doch es würde auch ein Leichtes sein, diese zu erledigen. Es gab nun keine ernstzunehmenden Hindernisse mehr für sie. Der Weg nach oben lag bereits frei und einladend vor ihren Füßen. Nach oben, zum Titel der Ersten Hofdame, zur leeren Stelle an Sauron´s rechter Seite, zu dem Tag an dem sie niemanden mehr würde anlächeln müssen, wenn sie es nicht so wollte.
Sie erreichte den Eingang zum Palast und blieb kurz stehen. Noch hier draußen konnte man leise die Stimmen und die Musik aus dem Großen Saal hören. Sie drehte sich um und warf noch einen letzten Blick auf den schlafenden Garten und die glitzernde Sternendecke darüber. Dann stieß Anôra die Tür auf und trat ein.
(Polina)