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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Herbst 3303


Die graue Decke drehte sich monoton über Anôra. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie hinauf. Kalter Wind wehte ungehindert durch das Zimmer, das Fenster mit den an morsche Zähne erinnernden Glasresten an seinen Rändern konnte ihm keinen Widerstand bieten. Zahllose Scherben bedeckten ihren Körper. Etwas Warmes floß an ihrem regungslosen Gesicht und den von sich gestreckten Armen hinunter und tropfte lautlos auf die rauen Steine des Bodens. Sie spürte den Schmerz nicht. Graue Leere füllte nach und nach ihre Augen, ihre Gedanken, alles andere verdrängend, wie eine siegreiche Armee, der man, des Kämpfens müde, die Stadttore geöffnet hatte. Draußen erklangen schnelle Schritte und Stimmen, jemand hämmerte gegen die Tür. Anôra hörte es nicht. Es war egal.




I


"Würdest du mir freundlicherweise einen Teil deiner Aufmerksamkeit schenken, anstatt so desinteressiert aus dem Fenster zu starren?!"
Anôra schreckte hoch und blickte ihren Herrn beschämt an, während er ärgerlich vor den kleinen noch sichtbaren Teil des Fensters einen dunklen Vorhang schob.
"Dass ich dir die Reise genehmigt habe bedeutet nicht, dass du schon vor deren Beginn mit dem Unterricht abschließen kannst."
"Ja, Herr." Die junge Frau ließ schuldbewusst den Kopf hängen. Sauron fixierte sie noch einen Augenblick lang, dann zuckte er kaum merklich mit den Schultern.
"Nun, fahren wir endlich fort. Ich möchte bevor du abreist noch kurz auf die Ereignisse des letzten Winters eingehen. Vor allem auf die Frage, was du aus der Sache überhaupt gelernt hast."
"Ich...." Anôra stockte. Was hatte sie nun eigentlich aus ihrem Abenteuer im Winter gelernt? Nachdem ihr auch einige Sekunden später keine Antwort einfiel schüttelte sie den Kopf.
"Das habe ich mir gedacht. Du solltest langsam anfangen, eigentständig zu denken. Ist dir überhaupt klar, was dein Hauptfehler war?"
"Dass ich davon überzeugt war, Mírna wäre tot?"
"So ist es. Du hast keinen Anstoß daran genommen, dass sie damals in ihr Haus gelangt war, ohne den Vordereingang zu benutzen oder überhaupt auf der Straße gewesen zu sein – und vielleicht den gleichen geheimen Weg hinaus genommen hatte, anstatt im Feuer zu sterben. Und du hast dich nicht von ihrem Tod vergewissert." Sauron beugte sich vor und fuhr nach einer kurzen Pause fort, das Gesagte mit knappen Gesten unterstreichend. "Ich möchte dass du dir diesen Vorfall und seine Folgen ein für alle Mal einprägst. Erstens, du darfst niemals, auf gar keinen Fall, einen lebenden Feind in deinem Rücken lassen, egal wie geschwächt er sein mag oder zu sein scheint. Genauso wenig darfst du einen Feind für tot halten, wenn du nicht mit deinen eigenen Augen seine Leiche gesehen hast. Hättest du das beherzigt, wäre es nie zu dem Kampf mit Mírna gekommen. Und zweitens. Denke an die Rolle, die Áncabeth in diesem Stück zu spielen hatte."
"Áncabeth... Ihr hätte ich so etwas nie zugetraut. Mein zweiter großer Fehler, oder?" Anôra blickte fragend ihren Lehrer an.
"Ja. Du hast sie unterschätzt. Nur weil jemand nicht kämpfen kann heißt es nicht, er könnte dir nicht jederzeit ein Bein stellen. Áncabeth hasst dich, und du hast das außer acht gelassen. Durch Hass lässt sich erstaunlich viel vollbringen, mehr als du denkst. Und solange Áncabeth lebt... solange wird sie eine Gefahr für dich sein. Eine kleine, doch eine durchaus reale Gefahr. Behalte das immer im Hinterkopf."
"Das werde ich, Herr," nickte Anôra.
"Gut. Dann bleibt nur noch Drittens und Letztens. Ich habe es dir schon oft genug eingetrichtert, und doch vergisst du es immer wieder. Du darfst nicht ohne Waffe aus deinem Zimmer gehen. Egal wohin du gehst, ob zu einem geheimen Treffen, einem Fest oder nur um frische Luft zu schnappen, du sollst nicht unbewaffnet sein. Niemals." Sauron lehnte sich zurück und blickte sie eine Weile wortlos an, bis die junge Frau anfing, unter dem ausdruckslosen Blick der hellen Augen unruhig zu werden.
"Hast du jetzt einen Dolch dabei?" fragte er plötzlich.
"Nein, aber ich ging doch zu euch, und..."
"Kein aber," unterbrach Sauron sie scharf. "Ich sagte egal wohin du gehst. Stell dir vor, du wärst hier hereingekommen und hättest an meiner statt einen Meuchelmörder vorgefunden, und was dann?"
"Ja, Herr," nickte sie erneut, sich fragend, wer so verrückt sein mochte, sich in Sauron´s Arbeitszimmer zu verstecken. Doch anscheinend hatte ihr Herr es sich heute zum Vorsatz gemacht, sie in jeden noch so kleinen Fehler mit der Nase hineinzustoßen...
"Ich erzähle dir das alles nicht um dir ein schlechtes Gewissen zu machen," fuhr dieser indessen fort, als hätte er ihre Gedanken gelesen. "Und auch nicht als große Offenbarungen oder Weisheiten. Es sind simple Überlebensregeln, und ohne das Wissen, dass du sie endlich beherzigst, kann ich dich nicht aus dem Palast gehen lassen, von einer Reise nach Emirié ganz zu schweigen. Du musst dich voll und ganz auf dich selbst verlassen können, und nicht darauf hoffen, dass dir nichts passiert, nur weil Xâdres dabei ist. Er ist nicht dein Kindermädchen."
"Nein, Herr." Anôra spürte, wie ihr leichte Schamesröte ins Gesicht stieg und kam sich langsam tatsächlich wie ein kleines dümmliches Kind vor, dass nicht eigenständig handeln kann.
"Nun gut. Das war alles, was ich dir noch zu sagen hatte. Ich erwarte, dass du dir keine Fehler mehr erlaubst, nicht auf der Reise und auch nicht danach, ansonsten war das deine Letzte. Dir sollte klar sein, dass deine Zukunft jetzt mehr und mehr nur noch in deinen Händen liegt. Viel mehr beibringen als schon geschehen können dir weder ich, noch Tirazôn, noch Xâdres, von Nardûn ganz zu schweigen. Wie du das Gelernte anwendest, und was du zusätzlich lernst, hängt bald nur noch von dir ab – und von der Zeit. Du solltest dir dessen bewusst werden, und damit aufhören, dich als Schülerin zu sehen, die es sich leisten kann, Fehler zu machen in der Hoffnung, jemand würde sie darauf hinweisen. Das bist du nicht mehr. Genau genommen bist du bereits ein vollständig ausgebildeter Spion, dem es nur an Erfahrung mangelt. Stellle dich darauf ein, solange du noch einige Wochen Zeit hast, bis ich deine Ausbildung auch formal abschließen werde."


II


Gedankenverloren kehrte Anôra zu ihrem Zimmer zurück. Vollständig ausgebildet.... Sie hätte nicht gedacht dass es so schnell gehen würde. Doch Sauron hatte sich klar genug ausgedrückt; in näherer Zukunft sollte sich ihr Leben anscheinend verändern. Sie konnte es sich gar nicht vorstellen. Was würde wohl auf sie zukommen? Würde sie von Sauron Aufträge bekommen? Musste sie selbst etwas herausfinden? Wie würden ihre Tage aussehen? Wollte sie eigentlich so schnell fertig sein? Wollte sie überhaupt... Nein, das reicht, unterbrach Anôra sich selbst. Es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für solche Gedanken. Schließlich war der morgige Tag der, auf den sie sich seit langer Zeit freute: noch in den frühesten Morgenstunden würde sie mit Xâdres für zwei Wochen nach Emirié reisen und ihr Spurenlesen sowie das Zurechtkommen in der Wildnis ohne fremde Hilfe verbessern. Die Erlaubnis dazu war vor einem Monat überraschend seitens Sauron gekommen – nun verstand die junge Frau auch, warum. Es sollte wohl der Abschluss ihrer Ausbildung werden.
Immer noch tief in Gedanken versunken betrat sie ihr Gemach und machte sich ans Packen. Viel brauchen würde sie nicht, sie bezweifelte, dass es kalt werden würde. Der Herbst hatte gerade erst angefangen und es schien sich bestes Wetter für die nächste Zeit anzukündigen – strahlender Sonnenschein und ein wolkenloser Himmel verwöhnten seit Tagen die Bewohner von Armenelos. Die Unruhen des letzten Jahres hatten nach ihrem Höhepunkt im vergangenen Winter bereits im Frühsommer ihr Ende gefunden und seitdem lag eine selten friedliche Stimmung über der Hauptstadt. Die selben Handwerker, welche die früheren Aufstände angeführt hatten, halfen nun fleißig mit, die Folgen ihres Tuns zu beseitigen, Menschen, die noch vor einigen Monaten verbitterte Gegner gewesen waren, grüßten sich nun lächelnd in der warmen Herbstsonne, es schien, als hätten sich diesen Sommer sogar Diebe und Gauner von der allgemeinen Friedfertigkeit anstecken lassen und würden nun alles darauf anlegen, die Welt von ihrer Existenz vergessen zu lassen. Fröhliche Stimmen und Lachen drangen aus den Gärten hinauf, vermischt mit Vogelgesang und Bruchstücken von Liedern. Anôra vergaß das Packen, hängte sich mit geschlossenen Augen aus dem Fenster und ließ ihr Gesicht von den wärmenden Strahlen umspielen, sich ganz diesen Geräuschen überlassend. Leichter Wind spielte mit einigen losen Haarsträhnen der jungen Frau, strich mit ihnen an ihrem Gesicht entlang, bis sie lachend niesen musste. In diesem Moment quietschte hinter ihr die Tür und eine Sekunde später schlossen sich zwei Arme um ihre Taille.
"Schon fertig mit dem Unterricht, Mylady?" fragte Xâdres´ leise Stimme an ihrem Ohr.
"Fertig und bereit für das nächste große Abenteuer," lächelte Anôra, ihm das Gesicht zuwendend.
"Und packen willst du nicht?" Der Soldat hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen.
"Ich würde lieber hier stehen bleiben und die Sonne genießen, wenn du schon so fragst." Anôra lachte auf und sog tief die würzige herbstliche Luft ein.
"Dazu wirst du in den nächsten Wochen noch genug Gelegenheit haben. Also los, an die Arbeit, wenn ich wiederkomme will ich einen fertigen Reisesack sehen."
"Du gehst schon?" Die junge Frau blickte ihn enttäuscht an.
"Ich muss, ich wollte dich nur kurz sehen. Erstens sollte ich auch packen, und zweitens habe ich noch so etwas wie dienstliche Pflichten. Es ist nicht jeder so faul wie du, meine liebe Hofdame," grinste Xâdres, küsste sie erneut und verließ leise pfeiffend das Zimmer.
Anôra löste sich mit Bedauern von dem Fensterbrett und trat zum großen Schrank in der Ecke, der außer ihrer Kleider fast ihren gesamten Besitz beherbergte. Schnell legte sie einen leichten und einen mit Fell besetzten Umhang heraus und machte sich daran, den Rest der für die Reise gebrauchten Kleider herauszuholen, musste aber nach kurzer Zeit feststellen, dass ihr fast sämtliche Hosen und Hemden fehlten. Die junge Frau runzelte verärgert die Stirn. Mâreth hätte die Sachen doch schon heute früh gewaschen und, wo nötig, geflickt, vorbeibringen sollen.
Eigentlich hatte man ja längst einen Ersatz für die im Winter verstorbene Ireth gefunden, eine verschwiegene Palastdienerin in den mittleren Jahren die nun die Pflichten der alten Kammermagd übernahm. Doch Anôra brachte es aber nicht übers Herz, Mâreth ihre einzige Arbeit zu nehmen, und so ließ sie das Mädchen ab und zu kommen und den Zustand ihrer Kleider aufbessern. Für gewöhnlich war das Kind auch sehr ordentlich und pünktlich, und es war Anôra ein Rätsel, warum ausgerechnet heute eine Ausnahme war. Nun, dann würde sie eben solange den Rest einpacken und sich später um die Kleider kümmern. Nachdem sie eine Weile damit beschäftigt war, hörte man eilige Schritte auf dem Flur und schließlich ein zaghaftes Klopfen.
"Komm herein," meinte sie, ohne aufzuhören, in den Tiefen des Schrankes nach der verschwundenen Scheide für ihren Dolch zu suchen. "Du hast dich verspätet."
"Verzeiht," antwortete eine leise Stimme hinter ihr, in welcher der Ausdruck solcher Schuld lag, dass Anôra nicht anders konnte als sich herumzudrehen und dem verkrampft in der Tür stehenden Mädchen ein aufmunterndes Lächeln zu schenken.
"Es ist ja nicht so schlimm. Bring die Sachen einfach gleich her."
Mâreth nickte und ging schnell mit dem kleinen Stapel in ihren Händen auf die junge Frau zu.
"Aber pass auf die..." fing Anôra an, doch es war zu spät. In ihrer Eile hatte Mâreth die halb gepackte Ledertasche auf dem Boden übersehen, stolperte darüber und fiel mit einem leisen Aufschrei hin. Anôra machte kopfschüttelnd einen Schritt auf sie zu und streckten den Arm aus.
"Komm, ich helfe dir auf." Die junge Frau umfasste den Oberarm der im Aufstehen begriffenen Mâreth und zog sie hoch, aber im selben Moment verzerrte sich deren Gesicht vor anscheinend derart starkem Schmerz, dass Anôra erschrocken losließ.
"Was hast du? Ich habe doch gar nicht so fest zugepackt..." Sie blickte das Mädchen verwirrt an.
"Es ist nichts Mylady, es tut mir leid euch Umstände gemacht zu haben." Mâreth richtete sich vollends auf, eilig einen der für die dünnen Arme viel zu weiten Kleiderärmel nach unten schiebend, die bei ihrem Fall hochgerutscht waren.
"Warte mal." Anôra hielt ihren Arm auf, als Mâreth auch den zweiten hinunterziehen wollte, und schob den Stoff vorsichtig wieder hoch. "Großer Himmel," flüsterte sie mit geweiteten Augen – ein riesiger, blau-grün umrandeter Bluterguß nahm fast die Hälfte des rechten Oberarms des Mädchens ein. "Wo hast du dir den geholt?!"
"Ich bin... ich bin hingefallen," stotterte Mâreth, nervös den Ärmel darüberziehend. "Ich falle oft hin, Mylady, wisst ihr."
Anôra´s Blick meidend, fing sie hektisch an, die auf dem Boden gelandeten Kleidungsstücke wieder aufzusammeln.
"Es ist schon gut Mâreth." Anôra bemühte sich, ihre Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen, während sie das Mädchen vorsichtig an der Schulter zurückzog. "Ich mache das selbst, du kannst ruhig gehen."
"Ja Mylady, habt Dank." Mâreth verneigte sich und huschte aus dem Zimmer hinaus. Die junge Frau sah ihr nachdenklich hinterher. Hingefallen... Sie schüttelte ungläubig den Kopf und machte sich daran, die Kleider vom Boden aufzuheben. Einen solchen Bluterguss vom bloßen Hinfallen? Obwohl, wer weiß... Anôra zuckte mit den Schultern. Letztendlich hatte sie jetzt genug eigene Probleme, über die sie nachdenken musste.


III


Zarter Morgennebel lag über dem Palast, als ein verschlafener Stallbursche zwei fertig gesattelte Pferde aus den Stallungen holte und sie zu dem kleinen Grüppchen auf dem Hof führte.
"Da sind sie ja schon," meinte Tirazôn, die Tiere erblickend, und wandte sich zu dem vor ihm stehenden Paar. "Seid ihr zwei bereit für die Reise?"
Xâdres nickte und rückte seinen Umhang zurecht.
"Ich denke, wir dürften in einem oder zwei Tagen bereits an Ort und Stelle sein, vielleicht auch später. Eile haben wir ja nicht."
"Nun, einige Tage für den Hin- und Rückweg habt ihr ja auch zusätzlich bekommen," nickte der Hauptmann. "Dann kann ich euch nur noch viel Glück wünschen. Wenn die Lady hier aufwacht um es zu hören, natürlich." Er gab lächelnd der verschlafen blinzelnden Anôra einen leichten Stups. "Was ist denn mit dir Frühaufsteherin passiert?"
"Sie hat die ganze Nacht kein Auge vor lauter Aufregung zugetan," erklärte Xâdres.
"Ja, und kaum habe ich es geschafft wurde ich auch schon geweckt." Anôra blickte mürrisch den sich aufhellenden Himmel an.
"Wenn es erst mal losgeht wirst du schon noch munter." Tirazôn seufzte, trat vor und drückte das Mädchen an sich.
"Sei vorsichtig, Kleines," murmelte er.
"Das werde ich." Die junge Frau lächelte und stieg auf ihr Pferd, während der Hauptmann sich Xâdres zuwandte und ihn mit unerwartetem Ernst anblickte.
"Pass gut auf sie auf, Soldat," sagte er so leise, dass sein Gegenüber es kaum hören konnte. "In drei Wochen will ich das selbe fröhliche Lächeln wie heute auf ihrem Gesicht sehen, und du bist dafür verantwortlich."
"Ich weiß. Ihr braucht mich nicht extra darauf hinzuweisen, ihr wisst doch dass ich sowieso alles für sie tun würde."
Tirazôn nickte knapp während auch Xâdres aufsetzte und die Zügel in die Hand nahm.
"Bis bald!" Anôra winkte dem Mann zu und die zwei Reiter verließen in gemächlichem Trab den Hof. Am Torbogen sah sich die junge Frau um und verschwand mit einem zweiten Winken aus Tirazôn´s Sicht, dem Pferd von Xâdres folgend. Der Hauptmann blieb noch eine Weile stehen, besorgt und wehmütig über den leeren Hof blickend.


Sie hatten die Stadt schnell hinter sich gelassen und ritten unter den Strahlen der aufgehenden Sonne weiter in süd-westlicher Richtung über das ein wenig steinige Hügelland an den Ausläufern des Meneltarmas, der sich wie ein einsamer Turm am Horizont erhob. Neugierig betrachtete Anôra das für sie ungewohnte Land – außer der rauhen Küstenlandschaft ihrer Heimat und den lauten Straßen Rómennas und Armenelos´ hatte sie nie etwas anderes gesehen. Ab und zu sah man zwischen den gleichmäßigen Hügelwellen das eine oder andere Wäldchen.
"Dort liegt Emirié," meinte Xâdres als die Straße sie erneut auf einen Hügelkamm geführt hatte, mit der Hand nach vorne deutend. Vor ihnen erstreckten sich soweit das Auge reichte die selben Hügel durch die sie schon seit einer geraumen Weile ritten, doch weit hinten schien sich das Landschaftsbild zu verändern; ein leicht dunklerer grünlicher Schimmer lag dort über dem Boden, einem weichen grasigen See gleich. "An dessen südlichen Ende sind mehrere bewaldete Gebiete zu finden, nicht zu klein aber auch nicht zu groß, genau das Richtige für unser Vorhaben."
"Was genau wollen wir eigentlich machen? Den ganzen Tag Tierspuren entziffern?"
"Unter anderem," lachte Xâdres auf. "Aber außerdem auch jagen, sich an Tiere heranschleichen ohne dass sie es merken, eben alles, was du bereits zum großen Teil kannst aber perfekt können müsstest, für den Fall, dass du mal längere Zeit jemanden durch einen Wald verfolgen oder nach jemandem suchen sollst."
"Klingt nicht schlecht... Was hälst du eigentlich davon, auf dem Rückweg Meneltarma einen Besuch abzustatten?"
"Meneltarma?!" Der Soldat riss entgeistert die Augen auf. "Wie kommst du überhaupt darauf, wenn.... nein, wir statten Meneltarma ganz sicher keinen Besuch ab!"
"Warum nicht?" Anôra blickte ihn trotzig an. "Nur weil dort vor Jahrhunderten irgendwelche Dankfeste abgehalten wurden?"
"Deswegen unter anderem. Außerdem, weißt du etwa nicht, dass die Spitze bewacht wird?"
"Ja, ja, von irgendwelchen Adlern die nichts Besseres zu tun haben sollen als dort herumzusitzen und auf uns Frevler zu warten." Die junge Frau grinste. "Das glaubst du doch selbst nicht."
"Du solltest das nicht so auf die leichte Schulter nehmen," erwiderte Xâdres. "Ob glauben oder nicht, Tatsache ist, dass es immer wieder Menschen gibt, die wie du denken und versuchen, dort hinaufzukommen, und nie wiederkehren. Was immer dort oben sein mag, es ist uns nicht sehr freundlich gesinnt."
"Weil sie sich an den Klippen den Hals brechen, wahrscheinlich."
"Nein! Anôra, hör mir bitte gut zu." Der Soldat brachte sein Pferd neben dem ihren zu stehen und sah sie ernst an. "Meneltarma ist der einzige Ort in Númenor, auf dem noch die alten Mächte Einfluss haben. Uneingeschränkten Einfluss. Das, was auf der Spitze des Meneltarma ist, gehört weder in unsere Welt, noch in unsere Zeit. Und wir können es nicht verstehen, und auch nichts dagegen ausrichten, nicht einmal Sauron kann das, und du am allerwenigsten. Meneltarma ist nicht der Schwarze Tempel. Dort bist du dieser fremden Gewalt ausgeliefert, verstehst du? Vergiss die Sache. Vergiss, dass es den Berg überhaupt gibt. Es ist nichts womit du herumspielen kannst." Xâdres schwieg eine Weile und seufzte schließlich. "Komm, lass uns weiter reiten."
Er ließ sein Tier vorwärts traben, in Gedanken versunken, während Anôra noch einmal kurz zum hinter ihnen aufragenden Berg schielte. Irgendwann würde sie auf seine Spitze kommen – und auch wieder zurück. Irgendwann...


IV


"Anôra? Anôra wo steckst du?" Xâdres´ Stimme hallte durch den schnell dunkler werdenden Wald. Einige aufgeschreckte Vögel flogen in allen Richtungen davon als der Mann sich seinen Weg zwischen den Bäumen erkämpfte und schließlich bei einem kleinen Flüsschen aus dem Dickicht herauskam. Er hielt verärgert nach beiden Seiten Ausschau, doch von der jungen Frau war nichts zu sehen.
"Wo steckt sie bloß wieder?" murmelte er, am Ufer entlanggehend, als plötzlich ein lautes Knacken über ihm zu hören war und Anôra mit einem Jauchzen in seinen Armen landete.
"Hier, für das Abendessen," meinte sie und streckte mehrere Taubeneier vor.
"Gratuliere. Und wo ist das Wasser?"
"Oh... ich glaube das habe ich vergessen." Sie grinste, bückte sich und zog aus dem hohen Ufergras einen kleinen Eisentopf, der gründlich mit Schlamm verschmiert war. Unter Xâdres´ belustigtem Blick tauchte sie ihn mehrmals in den Fluss und holte ihn schließlich sauber und voll mit Wasser hinaus.
"Fertig. Gehen wir?"
Als das Paar ihr auf einer kleinen Lichtung aufgeschlagenes Lager erreicht hatte, war es bereits vollends dunkel geworden. In der Mulde am Baumrand brannte bereits ein Feuer. Links davon, mehr in der Mitte der Lichtung, schliefen aneinandergedrängt ihre Pferde, daneben war ein einfaches Lederzelt aufgespannt in dem ihre Habseligkeiten lagen. Schnell bereiteten sie das Abendessen zu: die Reste des am Morgen getöteten Kaninchens und in heißer Asche gebratene Taubeneier. Der Mond ging über den Baumspitzen auf und schien in die Lichtung hinein, in der Ferne war eine Eule zu hören. Fertig mit ihrem Essen, setzte sich Anôra auf den alten Baumstamm am Rand der Mulde und blickte versonnen in das Feuer hinein, den nächtlichen Geräuschen lauschend. Kurze Zeit später setzte sich auch Xâdres hinzu.
"Was wollen wir morgen machen?" fragte die junge Frau ihn nach einiger Zeit.
"Wahrscheinlich wieder Spurenlesen üben," zuckte Xâdres mit den Schultern. "Viel Zeit haben wir ja nicht mehr."
"Ja... noch drei Tage, oder?"
Der Soldat nickte.
"Freust du dich auf Armenelos?"
Anôra schwieg, doch ihr Gesicht schien sich zu verhärten, als sie endlich langsam den Kopf schüttelte.
"Warum nicht?" Xâdres blickte sie verwundert an. "Was ist los?"
"Das kann ich dir auch nicht so genau sagen. Weißt du, ich habe es dir noch nicht erzählt, aber... Sauron hat mir am Tag vor unserer Abreise erklärt, dass meine Ausbildung sehr bald abgeschlossen sein wird. Eigentlich soll das hier ihr Abschluss sein."
"Wirklich?! Aber... aber das ist doch toll!"
"Ich weiß nicht... " Anôra sah in die Flammen und holte tief Luft, als hätte sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen. "Ich weiß nicht ob ich das alles noch will."
"Was meinst du?"
"Es ist nicht so leicht zu erklären... Es hat glaube ich damals in Rómenna angefangen. Als ich diesen Mann getötet habe, da..." Sie schüttelte den Kopf. "Es wurde mir klar wie leicht es ist, ein Leben auszulöschen. Nicht nur einen Menschen der dir gegenüber steht, nicht etwas... etwas Momentanes, nein, ein ganzes Leben, mit all den dazugehörigen Gefühlen, Gedanken, mit all der Zeit. Und dann komme ich und brauche nur eine einzige Bewegung zu machen... Verstehst du? Habe ich überhaupt das Recht dazu, diese kleine Welt zu vernichten, nur weil deren Besitzer gerade auf der anderen Seite meiner Schwertklinge steht?"
"Ich habe nicht gedacht dass du solche Zweifel bekommen würdest." Xâdres drehte nachdenklich ein kleines Stöckchen in seinen Händen. "Aber ich glaube, du nimmst die Sache viel zu ernst. Es geht bei einem Kampf nicht darum, die Gedanken oder den Lebenslauf eines Menschen auszulöschen, sondern darum, wer von euch überlebt. Um nichts anderes, es hat nichts mit Berechtigung oder ähnlichem zu tun, nur mit Überleben. Entweder du schlägst zu – oder du wirst zertreten. Und das ist nicht nur beim Kämpfen so, das weißt du."
"Du verstehst nicht. Ein fairer Kampf ums eigene Überleben ist etwas anderes als das, was ich tun soll. Nein, lass mich ausreden," hob sie beschwichtigend die Hand, als der Soldat zum Protest ansetzte. "Sauron hat es nie erwähnt, weißt du. Nicht wirklich. Aber mir ist auch so bewusst, was er von mir erwartet. Ich soll einfach... einfach so töten können. Auch wenn es nicht in einem Kampf wäre. Mir keine Gedanken darum machen." Anôra hielt einen Augenblick lang inne und fuhr schließlich mit kaum hörbarer Stimme fort. "Ich weiß nicht ob ich das kann. Die Kälte, die ich dazu brauchen würde... Das wäre nicht mehr ich."
Xâdres schwieg eine Weile, regungslos ins Feuer starrend. Stille hüllte die zwei Menschen ein, in der das plötzliche Brechen des Stöckchens in den angespannten Fingern des Mannes sich wie ein ohrenbetäubender Knall anhörte. Davon aufgeschreckt, fuhr er sich kopfschüttelnd mit der Hand über die Augen und legte dann sanft einen Arm um Anôra´s Schultern.
"Du bildest dir da was ein," sagte er leise. "Niemand, auch Sauron nicht, erwartet von dir, dass du gefühllos wirst oder das zu sein aufhörst, was du jetzt bist. Du wirst in allererster Linie ein Spion sein, keine Mörderin. Du wirst töten können und müssen, ja, doch nur, wenn es nicht anders geht, wenn du dich und dein Wissen verteidigen musst. In keiner anderen Situation. Das scheint es zu sein, was du ein wenig missverstanden hast. Nicht alle deine Aufgaben werden in einem Kampf enden, das in Rómenna war eine Ausnahme. Deine oberste Regel ist schließlich, unbemerkt zu bleiben – nicht eine Spur aus Leichen hinterlassen. Was dich jetzt zu verunsichern scheint, ist einfach die Aussicht auf dieses neue Leben, der bisherige geregelte Alltag als Schülerin war natürlich viel einfacher. Jedoch ist es dein Weg, Anôra."
"Ja," lächelte die junge Frau bitter. "Und nun, da alle Hindernisse fortgeräumt sind, sitzte ich zitternd auf der Türschwelle und habe Angst, ihn zu betreten."
"Du wirst es schon schaffen. Wenn du erst einmal einen Schritt darauf getan hast, wird der nächste dir viel leichter fallen, glaub mir." Xâdres strich ihr zärtlich über das verworrene rote Haar. "Und ich werde aufpassen, dass aus dir kein Monster mit drei Köpfen und zehn Beinen wird."
Anôra lachte leise und lehnte den Kopf an seine Schulter.
"Dann droht mir ja keine Gefahr mehr. Na ja, ich glaube du hast recht. Ich will erst mal sehen was die Zeit mit sich bringt bevor ich unnötig Alarm schlage."


Sie träumte seltsam in dieser Nacht. Sie lief durch einen Wald voll von uralten Bäumen und fremden Geräuschen. Sie kannte seine Grenzen zwar nicht, konnte aber seine gewaltigen Ausmaße spüren. Feuchtes, weiches Gras bog sich leicht unter ihren nackten Füßen als sie eine hellere Stelle zwischen den Baumriesen um sich herum ansteuerte und schließlich auf einer Lichtung hinauskam, über die sich ein tiefschwarzen Himmel mit tausenden leuchtend heller Sterne darin spannte, die sie nicht kannte. Dann flog ein unruhiges Rauschen durch die silbrigen Kronen der Bäume und die übergroße schwarze Figur eines Reiters schob sich zwischen sie und den nächtlichen Himmel, deren Anblick ihr vor Angst die Luft abschnürte.
"Wach auf!" sagte das Pferd.
Anôra fuhr hoch, verschlafen Xâdres anblinzelnd, der sie mit einem ärgerlichen Ausdruck im Gesicht anblickte.
"Was ist?"
"Das würde ich auch gerne wissen. Du murmelst schon die ganze Zeit vor dich her und lässt mich nicht schlafen."
"Ich habe geträumt..." Die junge Frau schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht mehr was. Was habe ich denn gesagt?"
"Ich konnte kein Wort verstehen," zuckte Xâdres mit den Schultern. "Aber das können wir uns ja morgen noch überlegen." Er gähnte und legte sich wieder hin. "Lass uns jetzt wieder schlafen."
Anôra folgte seinem Beispiel, doch es gelang ihr nicht, nochmals einzuschlafen. Nach einer Weile schlug sie vorsichtig, um den Schlafenden neben ihr nicht aufzuwecken, ihren Teil der Decke beiseite, schlüpfte in eines von Xâdres Hemden, die ihr fast bis zu den Knien reichten, und verließ lautlos das Zelt.


Der Morgen graute bereits. In der kühlen Luft fröstelnd ging sie zu den Pferden hinüber, die wie am Vorabend eng aneinander gedrängt in der Mitte der Wiese standen. Anôra strich sanft über die Köpfe und Nüstern der Tiere, ihnen einige freundliche Worte zuflüsternd. Einige frühe Vögel waren zu hören, und hier und da fielen mit einem silbrigen Geräusch große Wassertropfen von den taubedeckten Bäumen, hinter ihren Stämmen rauschte der Waldbach. Langsam ging sie in dessen Richtung, vorsichtig den zahlreichen Ästen ausweichend, was sie trotzdem nicht vor immer wieder auf ihren Kopf niederprasselnden kleinen Wasserfällen rettete. Als sie endlich am Fluss angekommen war, war es gänzlich hell geworden und einige schräge, rötliche Sonnenstrahlen streckten sich bereits über dem Waldboden aus. Der nächtliche Tau verdampfte über dem Gras und den Bäumen und über dem Flüsschen selbst lagen Strähnen grauen Nebels. Anôra warf das bereits feucht gewordene Hemd ab, holte tief Luft und stieg in das eisige Wasser. Im ersten Moment ließ die plötzliche Kälte ihre Gliedmaßen erstarren, doch schon wenige Sekunden später tauchte sie ganz in den Bach hinein, die nun nicht länger lähmende, vielmehr erfrischende Kühle des Wassers genießend. Nach einiger Zeit fühlte sie sich wach genug, zum kleinen Lager auf der Lichtung zurückzukehren. Sie könnte ja bereits Frühstück machen, solange Xâdres aus den Federn kroch. Die aufgehende Sonne hüllte den schlanken Körper in Flammen und ließ ihr Haar flüssigem Kupfer gleich aufleuchten, die junge Frau für einen kurzen Augenblick in eine Lichtgestalt verwandelnd, die kaum mehr etwas mit Menschen gemein hatte. Lautlos stieg sie aus dem über dem Wasser liegenden Nebel heraus, ihre Füße fanden mit fast schon schlafwandlerischer Sicherheit den richtigen Weg über die glatten, moosbewachsenen Steine ans Ufer – und im gleichen Moment als sie auf das mittlerweile trockene Gras trat blickte Anôra in zwei kalte gelbe Augen. Sie erstarrte mitten in der Bewegung, atemlos den großen Wolf anstarrend, der nur wenige Fuß von ihr entfernt aus der Böschung aufgetaucht war. Das Tier regte sich ebenfalls nicht, sein Gegenüber mit einer seltsamen Ruhe, ja fast abschätzend musternd.
Die Gedanken der Frau flogen wild durcheinander. Sie konnte es sich weder erlauben, um Hilfe zu rufen, noch sich überhaupt zu bewegen – der Wolf würde zu schnell für sie sein. Nach einigen Augenblicken schnaubte der Wolf, schnappte sich aus dem Gras vor ihm ein Kaninchen mit aufgerissener Kehle, und verschwand, anscheinend zu dem Entschluss gekommen, dass das zweibeinige Wesen vor ihm nicht gefährlich war, im Wald. Anôra atmete erleichtert auf. Erst jetzt, da sie wieder alleine war, begriff sie, wie unbegründet ihre Angst vorhin gewesen sein müsste: wie oft hatte Xâdres selbst ihr eingebläut, dass Menschen nicht zu der natürlichen Beute der Wölfe zählten und nur in hungrigen Zeiten wie einem besonders kalten Winter von ihnen angegriffen wurden. Und ganz bestimmt nicht mitten im Herbst, wenn es für alle Tiere einen Ueberfluss an Nahrung gab. Sie streifte sich das Hemd wieder über und begab sich langsam zum Lager zurück. Den ganzen Weg über schwirrte ihr das Bild des Wolfes im Kopf herum, das glänzende Fell, die darunter spielenden Muskeln, die leuchtenden gelben Augen... es war das schönste Tier das sie je gesehen hatte.


V


Die Nachmittagssonne spielte auf den gelben, roten und bräunlichen Blättern der die Strasse säumenden Bäume, die sich raschelnd im leichten Westwind bewegten. Anôra lehnte sich mit einem leisen glücklichen Seufzer ins trockene, warme Gras zurück und sog die würzige Herbstluft ein. Von diesem kleinen Hügel aus konnte man die Strasse meilenweit überblicken, wie sie gemächlich durch die Landschaft kroch, von Hügel zu Hügel, und schliesslich in einiger Entfernung bei den goldglänzenden Türmen der Hauptstadt ihr Ende nahm. Hier und da waren bebaute Felder und einige Bauernhöfe zu sehen, und ein wenig vor ihr graste eine kleine Schafsherde, von einem an einem knorrigen alten Apfelbaum sitzenden Schäfer bewacht.
„Sie waren wirklich sehr durstig,“ meinte Xâdres, ihre zwei Pferde an den Zügeln den Hügel hochführend, von deren Nüstern Wasser tropfte. Bei Anôra angelangt setzte er sich neben die liegende junge Frau und reichte ihr einen Apfel.
„Magst du?“
„Wo hast du den her?“ Anôra stützte sich an den Ellenbogen ab und nahm ihm die Frucht aus der Hand.
„Von dem Schäfer da hinten,“ nickte der Soldat in Richtung des unter dem Baum sitzenden Mannes. „Er ist eigentlich ein Bauer, und ihm gehört das Weideland hier und die zwei Felder da hinten, aber da sie bereits mit dem anstehenden Teil der Ernte fertig sind macht er sich einen schönen Tag in der Sonne anstelle des eigentlichen Schäferjungen.“
„Ich habe gar nicht gesehen dass du mit ihm geredet hast,“ biss Anôra in den etwas schrumpeligen, aber süssen Apfel.
„Ja, weil du gerade in den Himmel gestarrt hast, darum.“ Xâdres lächelte und streckte sich neben ihr aus.
„Was meinst du wann wir da sind?“
„In einer Stunde wahrscheinlich,“ zuckte der Mann mit den Schultern. „So oder so haben wir genug Zeit, wir hätten ja erst morgen ankommen sollen... Hast du noch immer Angst vor der Zukunft?“ fragte er unvermutet.
„Nein...“ Anôra schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich habe in den letzten Tagen viel über unser Gespräch nachgedacht und ich muss sagen, du hast mich da wirklich beruhigt. Egal was jetzt auch kommen mag, es wird wohl längst nicht so schlimm sein wie ich es mir vorgestellt habe.“
„Und am Ende wird es dir noch zu langweilig.“
„Oh ja,“ lachte sie auf. „Dann stellt sich meine ganze geheimnisvolle Spiontätigkeit als eine monatelange Schreibtischbelagerung heraus“
„So weit wird es noch kommen,“ grinste Xâdres, mit den schmalen Fingern seiner Gefährtin spielend.
„Nur hätten wir länger in dem Wald bleiben sollen, wenn es nach mir gegangen wäre,“ fuhr diese nach einigen Minuten Schweigens fort.
„Ja, Baumeklettern hat dir Spass gemacht, das hat man gesehen.“
„Nicht deswegen!“ Anôra blickte ihn mit gespieltem Ärger an. “Ich meine den Wald selbst, es war alles so... ruhig dort, so gelassen, das gibt es in Armenelos nicht. Als ich am Morgen nach unserem Gespräch gebadet habe, da stand mir plötzlich ein Wolf gegenüber, und...“
„Du hast einen Wolf getroffen?!“ Xâdres fuhr erschrocken hoch. „Und es mir nicht mal erzählt?!“
„Ja, aber darum geht es ja gar nicht, hör mir zu! Dieser Wolf, es hat ihn gar nicht interessiert. Also ich habe ihn nicht interessiert. Er blickte mich an, drehte sich um und ging wieder, so ruhig, als wäre das für ihn selbstverständlich, früh morgens am Fluss einen Menschen vorzufinden. Verstehst du was ich sagen will?“
„Ja, dass du ab jetzt nicht mehr alleine im Wald herumläufst!“
„Du bist furchtbar!“ Anôra setzte sich auf und streckte ihm die Zunge raus. „Geh nicht in den Schwarzen Tempel, geh nicht auf den Meneltarma, geh nicht alleine in den Wald, tu dies nicht, tu das nicht!“
„Wie grausam von mir, deine hartnäckigen Versuche zu unterbinden, in Lebensgefahr zu geraten,“ lachte der Soldat. „Erzähle mir bloß nicht, dass all das ungefährlich war!“
„Nein, das nicht, aber... ach Xâdres, der Wolf war so schön!“
„Der Wolf war schön? Das ist alles was du zu einer solchen Begegnung zu sagen hast?“ Er schüttelte den Kopf und stand auf. „Lass uns weiter reiten, du wirst hier zunehmend seltsam.“
„Er war aber wirklich schön!“ Anôra spang auf und folgte ihm zu den Pferden. „Meinst du man könnte einen an Menschen gewöhnen?“
„Na klar, frag Sauron und er schenkt dir sicher einen.“ Xâdres drehte sich grinsend um und erstickte die empörte Reaktion des Mädchens in einem Kuss. „Und jetzt hör auf zu spinnen und setz endlich auf!“


Sie liessen die Pferde langsam auf die Strasse zurückkehren und versetzten sie dann in Trab. Bald hatten sie den kleinen Hügel hinter sich gelassen und stiegen auf einen etwas höheren hinauf. An der Spitze angekommen, hielten sie an und blickten bewundernd auf die in herbstliche Farben getauchte Landschaft hinunter. Rechts von ihnen zog der Bauer von vorhin mit seinen Schafen vorbei, den beiden Reitern zuwinkend. Xâdres erwiderte die Begrüssung und drehte sich zu Anôra.
„Nun, Mylady, wollen wir noch bis zum Abend hier herumstehen oder wollen wir weiter?“
„Das brauchst du mich nicht zu fragen, ich hab nur auf dich gewartet!“
Du auf mich? Seit wann bin ich langsamer als du?“ Xâdres hob die Augenbrauen.
„Vielleicht wirst du ja alt,“ drehte Anôra in gespieltem Mitleid den Kopf zur Seite.
„Na das wollen wir ja sehen,“ kniff der Soldat die Augen zusammen. „Wer schneller am Fuss des Hügels ist?“
„Gut, wie du willst. Dann los!“
„Auf mein Zeichen. Eins, zwei, drei... los!“
Die Pferde preschten gleichzeitig los, eine lange Spur aufgewirbelten Staubs über der trockenen Strasse hinter sich lassend. Immer schneller wurde der Galopp, und Anôra musste den Kopf senken, um dem entgegenkommenden Wind zu trotzen. Er pfiff und rauschte in ihren Ohren, liess ihre Haare wild hinter ihrem Rücken flattern, jede einzelne Zelle ihres Körpers umfassend, bis sie mit einem Mal das Gefühl hatte, zu fliegen. Sie lachte berauscht und genoss die Geschwindigkeit, mit der ihr Pferd dem Hügelfuss entgegenraste, so frei als hätte der Wind all ihre Sorgen mit sich weggetragen.
Plötzlich blitzte etwas vor ihren Augen auf, liess ihre Finger sich reflexartig in die Mähne des Pferdes graben, noch bevor sie verstand warum. Im nächsten Moment hielt das Tier ruckartig an, als wäre es gegen eine Wand geprallt, und richtete sich panisch wiehernd auf die Hinterbeine auf. Die grosse Schlange auf der Strasse vor den Beinen des Pferdes nahm Anôra nur noch am Rande wahr, ihre Aufmerksamkeit galt dem Menschen der eben noch links von ihr gewesen war und sich nun plötzlich in der Luft befand, mit abgerissenen Zügeln in den Händen.
Als hätte jemand die Zeit zehn mal langsamer fliessen gelassen, beobachtete sie mit weit geöffneten Augen, in eine seltsame Starre versunken, wie Xâdres` Gestalt über den Kopf seines ebenfalls durchgegangenen Pferdes flog, sich quälend langsam drehte, mit einem Aufwirbeln von Staub auf dem Boden auftraf und den Hügel hinunterrollte. Erst als sie ihn regungslos am Fusse des Hügels liegen sah, die Gliedmassen unnatürlich verrenkt, fielen die Wirklichkeit und das Verstehen wie ein dumpfer Schlag auf sie herab.
„XÂDRES!!!“
Der Schrei hallte durch die Hügel. Sie sprang vom Pferd und rannte hinunter, kaum die Strasse unter ihren Füssen spürend. Ihr Herz hämmerte wild gegen den Brustkorb, als würde es jede Sekunde herausbrechen, als sie endlich neben dem Mann auf die Knie fiel und ihn mit zitternden Händen auf den Rücken drehte. Sein Gesicht war totenblass und mit Blut bedeckt, die Kleider zerrissen, und das linke Bein in der blutdurchtränkten Hose wie ein abgebrochener Stock zur Seite gedreht. Der mühsam gefundene Puls war so schwach und schwindend dass sie sich nicht sicher war, ob sie sich dieses Zeichen des Lebens nicht einbildete.
„Nein, nein, nein, bitte nicht, geh nicht, du darfst nicht gehen,“ flüsterte sie in Panik, hektisch versuchend, das Blut von seiner Stirn zu wischen, verteilte es jedoch nur auf dem Gesicht des Soldaten und den eigenen Händen. Ihr Inneres verkrampfte sich wie von einer unsichtbaren eisigen Krallenhand zusammengepresst, die Welt drehte sich in einem Hohntanz um die Frau herum, die hilflos aufstöhnte, die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen erkennend. Alles verschwamm in dem Schleier von Tränen und den dumpf in ihrem Kopf widerhallenden Herzschlägen, die sie keinen klaren Gedanken mehr fassen liessen, bis mit einem Mal zwei Männerhände sie hochrissen und solange schüttelten, bis sie in der Lage war, die Augen zu öffnen und in das erschrockene Gesicht des Schäfers zu blicken. Er schien etwas zu schreien, seinen Mundbewegungen nach zu urteilen.


VI


Tirazôn ging schnell durch den Palast, zerstreut den ihm entgegenkommenden Adligen zunickend. Im Nordflügen angekommen, lief er beinahe schon die unscheinbare Treppe zu den Krankenräumen der Schwarzen Garde hoch. Vor ihm erstreckte sich ein langer Gang, in den die Türen der Räume hinausgingen – fast alle standen leer. Rasch näherte er sich der letzten Tür am Ende des Flures und hielt dort kurz inne, als müsste er erst Mut schöpfen, um sie öffnen zu können. Nach einem Augenblick legte er entschlossen die Hand um die abgegriffene Messingklinke und trat ein. Vor ihm lag ein recht kleiner Raum mit einem nach Westen hinausgehenden Fenster, durch welches das Licht der untergehenden Sonne ins Innere drang. Die rauhen Steinwände waren unverputzt, doch peinlich sauber und trocken, wie alles hier. Am Fenster stand ein Bett an dem eine junge, zusammengesunkene Frau saß, die Hand des im Bett liegenden Bewusstlosen haltend, am Tisch in der anderen Ecke rührte ein Heiler in einer kleinen Glasschüssel eine Salbe zusammen. Sobald der Soldat hineinkam sprang dieser auf und eilte auf ihn zu, während die Frau sich nicht die kleinste Reaktion anmerken ließ.
"Gut dass ihr da seid, Mylord," verneigte der Mann sich hastig.
"Wie steht es um ihn?"
"Ich fürchte nicht besser als vor drei Tagen." Der Heiler schüttelte den Kopf. "Wenn auch nicht schlechter. Jedoch..." Er senkte die Stimme zu einem kaum hörbaren Flüstern. "Jedoch ist es das Mädchen, das mir immer mehr Sorgen bereitet. Sie hat all die Zeit weder geschlafen noch gegessen, nur Wasser zu sich genommen wenn es ihr jemand brachte. Sie sitzt immer nur auf dem Stuhl, hält seine Hand und hört auf niemanden von uns. Vielleicht könnt ihr sie endlich dazu bewegen, sich wenigstens für einige Stunden hinzulegen."
"Ich will es versuchen," nickte Tirazôn knapp. "Geht bitte hinaus."
Er wartete bis die Tür hinter dem Heiler ins Schloss fiel und trat dann an das Bett heran. Ja, er konnte sich gut vorstellen dass es niemand geschafft hatte, das Kind hier fortzubringen; wenn er ehrlich zu sich war dann glaubte der Hauptmann auch nicht recht daran, dass er selbst das fertig bringen könnte.
"Anôra," rief er schließlich leise.
Endlich kam Leben in die zusammengekauerte Gestalt am Stuhl. Langsam hob sie den Kopf und blickte ihn mit dunkel umrandeten, fiebrig brennenden Augen an, die das einzig Lebendige in dem weißen Gesicht mit eingesunkenen Wangen zu sein schienen. Tirazôn schauderte unwillkürlich unter diesem entzündeten Blick.
"Was wollt ihr?" Die blutleeren Lippen bewegten sich kaum.
"Du solltest dich hinlegen, mein Mädchen," antwortete er so sanft wie möglich, sich auf einem Stuhl neben ihr niederlassend.
"Nein." Als wäre damit das Gespräch beendet senkte sie wieder den Kopf und starrte den im Bett liegenden Mann an.
"Warum nicht?"
Erneut hob sich der Kopf, dieses Mal mit einer leisen Verwunderung im Gesicht, warum der Soldat denn noch nicht verschwunden war und stattdessen derart dumme Fragen stellte.
"Ich warte bis Xâdres aufwacht."
"Das kann vielleicht noch Tage dauern. Du kannst nicht all die Zeit hier sitzen ohne zu schlafen und zu essen. Damit kannst du ihm nicht helfen, es ist schlichtweg sinnlos und schadet dir nur."
"Ich sagte nein!" Der plötzliche scharfe Ton der eben noch tonlos raschelnden Stimme peitschte wie ein kalter Windzug durch den Raum.
Hilflos blickte Tirazôn die junge Frau an, die sich bereits wieder Xâdres zugewandt hatte. Er konnte sie doch nicht mit Gewalt hier wegbringen, und jede Vernunft schien bei ihr zu versagen. Nach einigen Minuten erhob er sich mit einem Kopfschütteln wieder und trat zur Tür. Der Einzige der hier noch etwas ausrichten könnte war wohl Sauron.
"Sie sagten er wacht vielleicht nicht mehr auf," erklang unerwartet Anôra´s Stimme hinter ihm, als der Hauptmann bereits die Hand auf der Türklinke hatte. Überrascht drehte er sich um.
"Sie sagten auch dass, wenn er es nicht in der allernächsten Zeit tut, er ganz sicher nicht mehr aufwachen wird," fuhr Anôra indessen fort, Tirazôn anzusehen. "Und jeder weitere Tag lässt die Chance darauf, dass Xâdres die Augen aufschlägt, immer kleiner werden. Kleiner und kleiner und kleiner... Und ich?" Mit einem Mal warf sie den Kopf hoch und funkelte den Soldaten an. "Und ich kann nichts weiter tun als hier zu sitzen und seine Hand zu halten, in der Hoffnung, dass sie sich plötzlich doch noch bewegt. Würdet ihr an meiner Stelle schlafen gehen?!"
Schwer ließ sich Tirazôn erneut an ihrer Seite nieder und starrte wortlos auf das blasse, von schwarzen Haaren umrahmte Gesicht eines seiner besten Offiziere. Schließlich schüttelte der langsam den Kopf und legte den Arm um Anôra´s Schultern.
"Er wird aufwachen," sagte er bestimmt, ohne zu wissen, woher diese Gewissheit kam. "Ich verspreche es dir."


Ein weiterer Tag verging, und ein neuer folgte ihm, ohne dass sich etwas änderte. Das Leben im Palast ging wie immer fort, es wurde geredet und gelacht. Nur den Soldaten der Schwarzen Garde viel auf, dass ihr Hauptmann aus welchen Gründen auch immer von Stunde zu Stunde düsterer wurde, kaum mit jemandem sprach und immer öfter in den Krankenräumen verschwand – sogar Sauron hatte man einmal auf dem Weg dorthin gesehen. Einige wage Gerüchte waren unter den Offizieren im Umlauf, während die einfacheren Soldaten sich hüteten, auch nur ein Wort zu diesem Thema zu verlieren: jeder wusste dass der Dienst bei der Garde durch eine unvorsichtige Äußerung beendet sein könnte. Eines Nachts jedoch wachten viele der in der Nähe des Krankenflures schlafenden Gardisten auf, geweckt von nicht mehr zu überhörendem, lauten Geschrei, und bald darauf hatte sich an der Treppe zu den Krankenräumen eine kleine Menge von Soldaten und einigen Dienern versammelt, die unschlüssig von einem Bein aufs andere traten und nicht recht wussten, ob sie nachsehen sollten. Schließlich wurde jemand ausgeschickt, um Tirazôn zu holen, der kurze Zeit später mit einem noch mürrischerem Gesichtsausdruck als er ihn die Tage zuvor gehabt hatte alle barsch auf ihre Räume schickte und eilig im Krankenflur verschwand, aus dem noch immer zornige Stimmen hallten.


"Ich will dieses Zeug nicht noch einmal hier sehen!"
Das mit bräunlicher Salbe gefüllte Döschen schlug mit Wucht vor den Füßen des Obersten Palastheilers auf und zerbrach, während ihr übelriechender Inhalt sich auf den feinen Stoffstiefeln des Mannes verteilte. Zähneknirschend sah er die vor ihm mit zusammengeballten Fäusten stehende Frau an, die ihn wütend anfunkelte.
"Ich habe euch doch gesagt dass andere Salben keinen Sinn mehr haben, warum wollt ihr es nicht endlich einsehen?" zischte er.
"Quacksalber!"
"Hütet eure Zunge! Ihr solltet froh sein, dass wir ihn überhaupt noch behandeln!"
"Behandeln? Ihm mit irgendwelchem Heu vermischten Pferdemist auf die Wunde schmieren wollen nennt ihr behandeln?! Wer hat euch überhaupt zum Heiler erhoben?!"
"Ich habe nicht vor, weiterhin teure und seltene Kräuter dafür zu verschwenden, Salben für diesen... diesen lebenden Leichnahm zu machen!"
Schlagartig war es still in dem kleinen Raum. Die zwei anderen Heiler in der Ecke des Zimmers waren krampfhaft darauf bemüht, sich noch unauffälliger zu machen, während Anôra den Mann vor ihr wortlos anstarrte.
"Was habt ihr gesagt?" fragte sie schließlich langsam.
"Die verfluchte Wahrheit!" Der Oberste Heiler gestikulierte aufgebracht. "Er wird doch sowieso nicht mehr aufwachen, und sogar wenn er das täte würde niemand mehr sein Bein dazu zwingen können, wie früher zu funktionieren, also warum sollte ich meine besten Salben dafür wegwerfen?!"
"Er wird aufwachen!" Anôra´s Augen blitzten auf und plötzlich befand sich wie aus der Luft ein Dolch in ihrer Hand, vor dem der Mann erschrocken zurückwich. Die Heiler in der Ecke versuchten, mit der Wand zu verschmelzen.
"Ende der Diskussionen," sagte sie mit einer unerwartet ruhigen, jedoch keinen Widerspruch duldenden Stimme. "Ihr werdet ihn jetzt wie all die Zeit vorher verarzten. Mit denselben Salben und denselben Mitteln. Andernfalls werdet ihr der erste hier sein, der den Morgen nicht mehr sieht."
Der Heiler schluckte und machte sich hastig daran, die verlangten Arzneien aus seinem großen, über der Schulter hängeden Samtbeutel herauszukramen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne – die Tür flog auf und Tirazôn trat ein.
"Hmm... " meinte er, alle Beteiligten mit einem schweren Blick bedenkend. "Was ist hier los?"
"Ich..." fing der Oberste Heiler an.
"Haltet den Mund, Quacksalber," schnitt ihm Anôra ins Wort. "Er wollte Xâdres anstelle der Heilsalben irgendwelches aus Pferdemist gemachtes Mittelchen auf die Wunde schmieren mit dem Argument, die Heilsalben würden ja sowieso nichts mehr bringen und bräuchten daher auch nicht 'verschwendet' zu werden."
"Aber so ist es doch auch!" Bittend wandte sich der Mann an Tirazôn. "Ich habe schon sehr viele Jahre Erfahrung was Heilen angeht, ich habe genug solcher Fälle erlebt, und eines kann ich euch sagen: der wird nicht mehr aufwachen, das ist alles reinste Verschwendung! Ihr wisst ja gar nicht wie schwer die Kräuter zu beschaffen sind, die in diesen Salben sind!"
Tirazôn hob skeptisch die Augenbrauen.
"Ihr seid vielleicht ein erfahrener Heiler," meinte er trocken. "Doch ich bin ein nicht minder erfahrener Soldat. Ich habe wohl noch etwas mehr Verletzte gesehen als ihr, und das kann ich euch sagen: niemand kann mit Sicherheit behaupten, wem Leben und wem Tod zuteil werden mag, solange es nicht geschehen ist."
Das war die Wahrheit. In den zahlreichen Jahren seines Dienstes hatte der Hauptmann vieles miterlebt, und Menschen gesehen, deren Überleben oft an Wunder grenzte. Jedoch glaubte er dieses Mal nicht mehr, dass noch mit einem Wunder zu rechnen war – schon seit zwei Tagen hatte er sich mit dem unvermeidlichen Tod Xâdres´ abgefunden und überlegte nur noch, wie er Anôra helfen sollte, wenn es soweit sein würde. Nur die tiefe Verzweiflung auf dem Grund der noch immer zornig leuchtenden Augen der jungen Frau brachte ihn dazu, seine Zweifel vorerst für sich zu behalten und ihr ein wenig Hoffnung zu geben... solange es nur möglich war.
Der Oberste Heiler schwieg beleidigt und fuhr mit einem demonstrativ gleichgültigen Gesichtsausdruck fort, in seinem Beutel nach den alten Salben zu kramen, während Anôra auf den strengen Blick Tirazôn´s hin den Dolch wieder einsteckte, sich müde seufzend einige rote Strähnen aus dem Gesicht wischte und sich mit einem Lappen in der Hand zu der auf dem Tisch stehenden Waschschüssel begab, ohne auf die beiden anderen Heiler zu achten, die, nun wieder würdevoll dreinblickend, ebenfalls Salben und Kräuter hervorzusuchen begannen. Tirazôn trat an das Bett heran und betrachtete nachdenklich das Gesicht des dort Liegenden. Die Schürfwunde auf seiner Stirn und die zahlreichen Kratzer waren bereits fast verheilt, doch war das Gesicht so blass und blutleer dass man meinte, es würde einer Statue gehören; ohne das kaum sichtbare Heben und Senken der Brust unter der Decke hätte man kein Leben mehr in Xâdres´ Körper vermutet. Der Soldat schüttelte bestürzt den Kopf. Die Sache nahm ihn mehr mit als er erwartet hätte. Zum wohl tausendsten Mal fragte er sich, warum so etwas ausgerechnet diesem Paar passieren musste. Es war derart sinnlos, ein einzelner dummer Zufall... Es war einfach nicht gerecht.
Indessen kehrte Anôra mit dem feuchten, ausgewrungenen Tuch zurück und begann, damit über Xâdres´ Gesicht zu tupfen. Nachdenklich folgte der Hauptmann mit dem Blick ihren schmalen, leicht zitternden Händen, wie sie langsam und vorsichtig das Tuch führten. Das Gesicht der jungen Frau war angespannt, völlig in diese einfache Tätigkeit versunken, und erneut fiel ihm auf, wie ausgemergelt und müde es nun aussah. Es erinnerte ihn plötzlich an die Zeit vor einer halben Ewigkeit, als er nach den großen Verhaftungen ein ähnlich ausgemergeltes junges Mädchen in den Palast brachte. Nur dass sie jetzt mit einem Male alt aussah... älter als sie sollte. Schweren Herzens wandte er sich ab.
"Tirazôn," flüsterte Anôra plötzlich.
"Ja?" Der Soldat sah fragend zu ihr. Das Mädchen hatte in ihrer Tätigkeit inne gehalten, angespannt nach etwas in Xâdres´ Zügen suchend.
"Er... ich glaube seine Lieder haben sich eben bewegt."
"Du bist müde, meine Kleine," schüttelte Tirazôn traurig den Kopf, einen flüchtigen Blick auf das unbewegliche Gesicht werfend. "Ich glaube nicht dass..."
Er hielt mit offenem Mund inne. Die Lieder zuckten, zu deutlich, als dass er es hätte auf Einbildung zurückschieben können. Der Heiler hinter ihm ächzte ungläubig. Anôra beugte sich aufgeregt vor und legte die Hand an Xâdres´ Schläfe.
"Xâdres," rief sie unsicher. "Xâdres, wach auf."
Noch einmal zuckten die Lieder, und im nächsten Moment entfuhr ein tiefer Seufzer der Brust des Liegenden. Alle Geräusche schienen verstummt als sich die grauen Augen langsam, unendlich langsam öffneten und sich auf Anôra´s Gesicht richteten. Niemand im Raum rührte sich, als sich eine Hand unter der Decke hervorhob und Xâdres´ Finger vorsichtig über ihre Züge fuhren.
"Dein Gesicht..." murmelte er verwundert. "Was ist mit deinem Gesicht passiert?"
Als hätte das den Bann der Stille gebrochen explodierte das Zimmer in einem Ausbruch von Bewegung und Geräuschen. Mehrere Personen stürzten zum Bett, jemand lief etwas rufend in den Gang hinaus, aufgeregte Stimmen, Fragen, Befehle flogen durch den Raum. Anôra hörte nichts davon. Sie saß ganauso wie vor einigen Minuten vorgelehnt am Bett, den nassen Lappen noch in den Fingern, und weinte lautlos in die warme Hand hinein, die über ihre Wange strich.


VII


Leise trommelten Regentropfen gegen das Glas, vermischten liefen dort zusammen – immer drei oder vier auf einmal – um später als kleine Wasserfälle daran herabzufließen. Xâdres folgte diesem Spiel mit den Augen und versuchte, den Schmerz in seinem Bein zu ignorieren. Wie immer gelang es ihm nicht. Er seufzte und wünschte, er hätte wenigstens ein Buch zur Hand, um sich von dem beständigen Ziehen, das direkt aus den Knochen zu stammen schien, abzulenken. Und von der Langeweile, die, seit er vor zwei Woche aufgewacht war, sein beständiger Begleiter geworden war. Doch das war ihm gleich verboten worden – er bräuchte angeblich viel Ruhe. Nur noch mit einem lockeren Verband am linken Bein anstatt der zahlreichen Schienen der letzten Woche lag er stundenlang da, dem Schmerz und sich selbst überlassen. Die einzigen erwähnenswerten Ereignisse des Tages waren die regulären Besuche der Heiler, die seinen Verband wechselten und ihm bereits seit mehr als einer Woche erlaubten, in ihrer Gegenwart durch das Zimmer zu gehen, was ihm mittlerweile auch problemlos gelang und zumindest das ersehnte Gefühl gab, endlich wieder selbst etwas tun zu können. Man sagte ihm, er würde den Krankenflur bald wieder verlassen dürfen, bis dahin aber war er gezwungen, die Tage hauptsächlich im Bett zu verbringen. Nur der Abend, auf den Xâdres direkt nach dem Aufwachen zu warten begann, brachte wieder Farbe in die schalen Stunden. Dann kam Anôra, oft gefolgt von Tirazôn, und sie redeten bis in die Nacht hinein: genauer gesagt bis der Oberste Palastheiler zu seinem obligatorischen spätabendlichen Besuch kam und die zwei hinausbeförderte. Ein Blick nach draußen verbesserte seine Laune ein wenig; es schien bereits ein wenig dunkler geworden zu sein als vorhin, er würde wohl nicht mehr allzu lange warten müssen. Xâdres lehnte sich in die Kissen zurück und starrte die Decke an. Schon wieder dieses nervötende, dumpfe Ziehen. Regentropfen schlugen gegen das Glas. Er merkte nicht, wie er langsam in den Schlaf hinüberglitt.


"Schlafen kannst du später, mein Lieber."
Die weiche Stimme und ein leichter Kuss auf seinen Lippen ließen ihn die Augen öffnen. Das Zimmer war vollends in Dunkel getaucht, nur einige im Raum verteilte Kerzen spendeten Licht. Anôra saß auf der Bettkante über ihn gebeugt, noch in die abgetragenen, verstaubten Kleider von mittlerweile nicht erkennbarer Farbe gekleidet, die sie bei den Arbeiten im Labyrinth trug. Xâdres lächelte und stemmte sich hoch, ihren Kuss erwidernd.
"Du hast heute lange gearbeitet."
"Wir müssen die Tunnel bis zum Winter endgültig fertig kriegen," seufzte Anôra. "Zudem haben sich heute Kârth und Erlegan derart dumm angestellt, dass gar nichts vorangehen wollte."
"Kârth und Erlegan?" Xâdres runzelte die Stirn, bemüht, sich an diese Namen zu erinnern. "Wer ist das nochmal?"
"Die zwei Lehrlinge, die ich seit neuestem zur Hilfe bekommen habe. Obwohl sie mehr stören denn helfen," verzog sie das Gesicht. "Aber egal. Wie geht es dir heute?"
"Genau wie gestern und vorgestern." Der Mann lächelte schief. "Außer dass ich heute noch länger untersucht worden bin als die Tage zuvor."
"Und es schmerzt immer noch so?"
"Was heißt schmerzt," zuckte er mit den Schultern. "Es zieht einfach, was auf die Dauer nicht sehr schön ist... aber es hätte weitaus schlimmer sein können."
"Ja. Zum Glück ist es das nicht." Anôra schüttelte den Kopf, um unangenehme Gedanken zu vertreiben. Es ist alles wieder gut, rief sie sich ins Gedächtnis. Bald kommt alles in Ordnung.
Etwa eine halbe Stunde später kam wie erwartet Tirazôn herein und zog mit einem verschwörerischen Gesichtsausdruck eine Flasche alten Weins unter dem Umhang hervor.
"Diese Besserwisser von Palastheilern können sagen was sie wollen, ein guter Schluck hat noch niemandem geschadet," erklärte er, etwas von der tiefroten Flüssigkeit in drei kleinen einfachen Gläsern verteilend, die sich im Zimmer finden ließen. "Also ihr zwei." Er hob seines an. "Auf dass bald alle Wunden verheilen."
Sie redeten wie so oft lange diesen Abend. Über den Palast und seine Bewohner, über die Stadt, über Tirazôn´s Aufgaben und das Labyrinth, deren Befestigung sich nun endlich der Vollendung näherte und in dem sich Anôra mittlerweile so gut wie in ihrem eigenen Zimmer auskannte. Die Nacht schwebte nach und nach hinein und ließ die Kerzen heller auflodern, den Wein in den Gläsern süßer werden. Xâdres blickte zu Anôra und Tirazôn hoch, die sich gerade mit ausschweifenden Gesten darin zu überbieten versuchten, eine realitätsnahe Darstellung des lautstarken Streits zwischen einigen höher gestellten Höflingen am Morgen des Tages zu liefern, und musste trotz der Schmerzen unwillkürlich lächeln.
Der Wind draußen heulte auf und schleuderte eine Handvoll neuer Regentropfen gegen das Fensterglas, und mit einem Male vergaß Xâdres den Schmerz in seinem Bein und die Sorgen, die er sich aufgrund der Wunde machte. Er lehnte den Kopf in die weichen Kissen, durch halb geschlossene Augen die zwei durcheinander Redenden betrachtend. Plötzlich kamen ihm Anôra´s Bedenken in den Sinn, von denen sie ihm damals im Wald erzählt hatte. Er hatte all die Zeit gedacht, es wäre nur die übliche Angst eines Frischlings, die schnell vergehen würde – doch wenn er die junge Frau so sitzen und fröhlich reden sah fragte Xâdres sich nach und nach ebenfalls, ob sie für die gefährliche und oft viel Kälte erfordernde Tätigkeit eines Spions geeignet war. Anôra würde es schaffen, daran hatte er keine Zweifel, aber auch nicht daran dass sie dabei härter werden würde, wesentlich härter als sie es jetzt war. Er war sich nicht sicher ob das richtig wäre.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach seinen Gedankengang. Auch Anôra und Tirazôn verstummten und blickten verwundert den Diener an, der zögernd den Kopf durch die Türöffnung steckte.
"Lord Tirazôn?"
"Ja, was ist?"
"Der königliche Berater ruft euch in sein Gemach." Der Diener unterbrach sich, schluckte und beendete die Botschaft. "Sofort."
In der nächsten Sekunde war er bereits verschwunden. Tirazôn erhob sich seufzend und wünschte den zweien gute Nacht. Anôra schaute ihn aufmerksam an: obwohl er dabei lächelte war sein Blick seltsam besorgt, als hätte er bereits erwartet, zu Sauron gerufen zu werden – und es befürchtet. Gab es etwa Anzeichen neuer Unruhen? Doch bevor sie fragen konnte eilte der Hauptmann hinaus.
Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen wurde sie auch schon wieder von dem Obersten Heiler aufgestoßen.
"Seid gegrüßt," meinte er mit der üblichen verdrießlichen Miene, die er seit Xâdres´ Aufwachen immer bekam, sobald er Anôra erblickte. "Es wird nun Zeit für den Lord, zu schlafen."
"Ich weiß, ich weiß." Die Frau seufzte und erhob sich. "Gute Nacht," lächelte sie Xâdres zu und verließ den Raum, ohne den Heiler auch nur eines Blickes zu würdigen.
Der Soldat warf den Kopf zurück und wartete geduldig, solange die kühlen Finger des Heilers den Verband an seinem Bein abnahmen, schnell über die fast gänzlich geheilte Wunde wanderten, hier und da drückten und den Verband schließlich wieder festmachten. Danach wünschte dieser knapp gute Nacht, blies die Kerze auf dem Tisch aus und verschwand ebenfalls.


Xâdres horchte noch einige Zeit lang in die Dunkelheit hinein, bis die Schritte des Heilers draußen im Flur nach und nach verhallt waren und schloß schließlich die Augen – um sie sofort wieder aufzureißen, als plötzlich die Tür leise quietschte. Ohne sich zu rühren versuchte er angestrengt, die Dunkelheit mit dem Blick zu durchbohren, sah aber nichts ausser den schwarzen Umrissen einer menschlichen Figur.
"Nun hör schon auf den toten Mann zu spielen," erklang nach einigen Sekunden Anôra´s spöttische Stimme im Raum und Xâdres lachte auf. Die Spannung wich.
"Was machst du wieder hier?" fragte er belustigt.
"Ich widersetze mich dem Diktat dieses aufgeblasenen Gockels." Zwei leichte Füße schritten kaum hörbar an sein Bett heran.
Kleider raschelten leise. Im nächsten Moment schlüpfte Anôra unter seine Decke und die Berührung der seidigen Haut schien den Soldat in Feuer zu tauchen.
"Außerdem habe ich nicht mehr vor, alleine zu schlafen."


VIII


Im Morgengrauen wurden sie von dem in der Nacht beinahe verschwundenen und nun wieder erstarkten Regen geweckt, der wütend gegen das Fensterglas hämmerte. Wie um darauf zu antworten heulte der ebenfalls schon vor Stunden verstummte Wind auf und riss die zwei Menschen vollends aus dem Schlaf. Anôra rieb sich missmutig die Augen und setzte sich auf.
"Ich gehe wohl besser bevor der Quacksalber kommt und einen Skandal veranstaltet," gähnte sie.
"Gut." Xâdres zog sie herunter und berührte sanft ihre Lippen. "Aber komm bald wieder."
"Sobald ich kann," lächelte die junge Frau und stand auf. Die Schultern hochgezogen lief sie fröstelnd in die Mitte des Zimmers, wo im trüben Halbdunkel des Morgens der Haufen ihrer Kleider auf dem Boden zu sehen war und zog sich rasch an.
"Bis später," drehte sie sich an der Tür um, warf Xâdres eine Kusshand zu und verschwand.
Der Mann lehnte sich zurück und zog die Decke ein wenig höher. Diese Nacht hatte er endlich den Schmerz in seinem Bein vergessen können, doch er wusste dass das Ziehen sich sofort wieder bemerkbar machen würde, sollte er sich vollends den weichen Fängen des Schlafes entziehen, genau wie das flüchtige Gefühl der Wärme von Anôra´s Körper, das noch auf seiner Haut lag. Nein, er fühlte sich jetzt so wohl wie lange nicht mehr, und wollte noch ein wenig in diesem Zustand verweilen. Xâdres schloss die Augen und wartete, bis sich leichter Schlaf erneut auf seine Lider senkte.


Anôra schritt schnell durch die wenigen Gänge des Palastes, die den Krankenflur von ihrem eigenen Zimmer trennten, im Gehen mit den Fingern durch ihre wie immer nach einer Nacht mit Xâdres hoffnungslos verworrenen Haare fahrend, in der Hoffnung, auf diese Weise wenigstens einen Anschein von Ordnung in die rote Mähne zu bringen. Kaum jemand begegnete ihr in dieser frühen Stunde, nur zwei in warme Umhänge gehüllte Dienerinnen mit Körben auf dem Arm eilten an ihr vorbei, anscheinend auf dem Weg zum Markt, der – was Anôra nie verstehen konnte – immer in den frühesten Morgenstunden begann. Und was sie noch mehr verblüffte war, dass sich trotz der unmöglichen Zeit tatsächlich bereits zahlreiche Menschen an den Ständen tummelten. Sie hätte gerne gewusst, warum: es war zweifelhaft, dass all die Marktbesucher so viel zu tun hatten, dass sie ihre Tagesaufgaben nicht erledigen würden, sollten sie einige Stunden später ihre Einkäufe machen.
Immer noch mit der Lösung der Frage beschäftigt, was am Markt so verlockend war, um Menschen aus dem Bett zu reissen und in den draußen herrschenden Regen hinauszutreiben, trat die Frau in ihr Gemach und entzündete sogleich einige Kerzen, solange das Licht des beginnenden Tages nur zögerlich das Zimmer füllte. Die verdreckten Arbeitskleider vom Vortag abgeworfen, brachte sie sich mit Hilfe von kaltem Wasser und einem Kamm in Ordnung. Es war noch immer viel zu früh für ihr Training, das für die Zeit bis Xâdres´ Gesunden von Tirazôn übernommen worden war, und so beschloss sie, sich eben vor dem Kämpfen ein Frühstück aus der Vorratskammer zu holen. Als sie jedoch ihr geliebtes rotes Kleid aus einfachem, weichem Stoff in die Hände nahm, musste Anôra zu ihrem Ärger feststellen, dass das Loch, welches sie vor einigen Tagen hineingerissen hatte, noch immer ungeflickt war. Mâreth hätte es doch schon längst tun sollen. Sie stockte und runzelte die Stirn.
Mâreth... Wo war das Mädchen eigentlich? Anôra legte das Kleid nachdenklich beiseite. Jetzt erst fiel ihr ein, dass sie die junge Dienerin schon seit Wochen nicht gesehen hatte. Wo steckte sie bloß? War vielleicht etwas passiert? Oder ließ man sie aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in den Palast hinein? Hatte sie gar eine andere Anstellung gefunden und es nicht für nötig gehalten, sich zu verabschieden? Kopfschüttelnd schlüpfte die junge Frau anstelle ihrer ersten Wahl in ein dunkelgrünes Samtgewand und leichte Halbstiefel. Sie würde nach dem Frühstück bei den anderen Dienerinnen nachfragen.
Gerade als sie den zweiten Stiefel über ihren Fuß zog öffnete sich unvermutet die Tür und Tirazôn erschien an der Schwelle. Verwundert sah Anôra hoch – es war nicht die Art Hauptmannes, ohne Anzuklopfen irgendeinen Raum zu betreten, sei es das Schlafgemach des Königs oder der Verschlag eines Stallburschen.
"Gut, du bist angezogen," sagte er ohne eine jegliche Begrüßung. Seine Stimme war so müde wie seine Augen. "Ich bringe dich jetzt zu Sauron."
"Was ist denn los?" Anôra verstand immer weniger, warum plötzlich dieser harsche Ton, warum sollte sie plötzlich zu Sauron gehen? Tirazôn schüttelte nur den Kopf.
"Er wird es dir schon sagen. Und nun komm."
Ohne sich noch einmal auf die junge Frau umzublicken führte er sie so schnell durch die steinernen Gänge, dass sie Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. Der Soldat an der Tür zu Sauron´s Arbeitszimmer trat mit einem schnellen Blick auf die Herannahenden beiseite und öffente eine Türhälfte – anscheinend wusste er, dass sie erwartet wurden. Doch anstatt hineinzugehen blieb Tirazôn ebenfalls neben dem Eingang stehen und sah sich nun endlich nach Anôra um.
"Geh," meinte er knapp. "Dies wird ein Gespräch nur zwischen dir und dem königlichen Berater."
Sie leistete der Anweisung wortlos Folge, spürte jedoch, wie sich ihr Magen zusammenzog, als sie über die Schwelle in das nur von Kerzenlicht zerstreute Dunkel des Arbeitszimmers trat. Irgendetwas stimmte nicht. Und es schien keine Kleinigkeit zu sein.
Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, schien die ausdruckslose Kühle wie eine Maske von Tirazôn´s Gesicht abzufallen. Entgeistert sah der Wache habende Soldat seinen Hauptmann an, wie seine Züge plötzlich blass und kraftlos wurden: mit einem Male stand an der Stelle des strengen und erfahrenen Soldaten ein zitternder alter Mann, der sich wie in einem Anfall von Schmerzen die Stirn rieb, und, ohne auf den Wachen zu achten, unsicheren Schrittes durch den steinernen Flur zurückging.


"Du hast sicherlich bereits gehört, dass Xâdres´ Bein sehr schwer verletzt war."
"Ja, Herr. Der Heiler hatte es einmal erwähnt."
Er hatte auch noch erzählt dass Xâdres nicht mehr aufwachen würde, dachte Anôra den Satz zu Ende, den stechenden Blick des königlichen Beraters erwidernd – und senkte einen Moment später den Kopf, wie immer konnte sie den kalten gelben Augen nicht standhalten.
"Nun, dann will ich die Angelegenheit auch nicht länger als nötig aufschieben." Sauron lehnte sich in seinem Sessel zurück. "Es sind leider die schlimmsten Befürchtungen eingetreten. Das Bein ist zu stark beschädigt als dass es jemals richtig geheilt werden könnte."
"Was?!" Jegliche Höflichkeitsgebote wichen aus ihrer Erinnerung, als Anôra geschockt den Kopf hochriss.
"Das bedeutet, Xâdres wird es nicht mehr richtig benutzen können," fuhr Sauron ungerührt fort. "Und daher hat man hier auch keine Verwendung mehr für ihn."
"Aber... was... was soll er dann tun?" stotterte die junge Frau. An Panik grenzende Angst, Angst für Xâdres hatte mit einem Schlag ihr ganzes Wesen vereinnahmt, und die nachfolgenden Worte Sauron´s drangen nur noch wie durch eine dicke Watteschicht zu ihr durch.
"Er wird eine ausreichende Summe von Geld bekommen, um sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen – erst einmal fern von Armenelos. Was selbstverständlich jeglichen Abbruch von Kontakt zu ihm für dich bedeuten wird, da er nicht mehr meinem direkten Einfluss untersteht. Wie wir es vor etlichen Jahren vereinbart haben."
Wortlos starrte Anôra ihn an, den Mund in einem stummen Schrei geöffnet. Ihr war, als hätte sich plötzlich eine riesige, eisenbeschlagene Faust in ihren Magen gebohrt und jegliche anderen Empfindungen – die Angst, das Pfeiffen ihres Atems, die eben noch heftigen Schläge ihres Herzens – ausgelöscht, in einer einzigen, paralysierenden Welle von Schmerz. Sie wusste irgendwo in einer Ecke ihres Verstandes, was diese Worte bedeuteten, doch sie weigerte sich, es zu verstehen. Jeglicher Abbruch von Kontakt... keine Verwendung mehr für ihn... wie vor etlichen Jahren vereinbart... Die Fetzen flogen durch ihren Kopf, sich nach und nach zu ihrer unmissverständlichen, grausamen Botschaft formend: sie würde nicht mehr mit Xâdres zusammen sein dürfen.
"Nein," flüsterte sie schließlich, heftig den Kopf schüttelnd. "Nein, nein, nein, NEIN!"
Schwer atmend sah sie ihren Herrn an, dieses Mal störten seine Augen sie nicht mehr, die sich angesichts ihres plötzlichen Schreis in kaum merklicher Verwunderung geweitet hatten. Ihre Finger krampfhaft um die Sessellehnen geschlossen, erwiderte sie zitternd den kalten Blick, als wäre es das Wichtigste auf der Welt.
"Nein?" wiederholte Sauron betont ruhig und drehte leicht den Kopf zur Seite. "Nun, das ist natürlich deine Entscheidung. Nur hast du etwas vergessen..."
Ohne den Satz zu beenden sprang er unerwartet auf, beugte sich blitzartig über den Tisch und bohrte seine Finger in Anôra´s Schultern, deren Kälte und Härte sie glauben ließen, es wären Raubtierklauen. Aus seinem Gesicht war alles Gewohnte verschwunden, und zum ersten Mal begriff die junge Frau, vor Schreck erstarrt in die vor ungezügelter Wut blitzenden gelben Augen blickend, dass Sauron nicht einmal annähernd etwas mit Menschen zu tun hatte, egal wie nobel sein Aussehen und Verhalten gewöhnlich wirken mochten. Vor ihr stand die Bestie, vor der ihre Eltern sie und ihre Brüder immer wieder gewarnt hatten, die sich in die Seelen der Menschen stahl und sie ins Verderben zu reißen vermochte.
"Du hast vergessen, dass du nichts zu entscheiden hast, mein Mädchen!" zischte die hasserfüllte Stimme Sauron´s, traf ihr Gehört wie eine Peitsche. "Du hast vergessen dass du gar nichts tun kannst ohne dass ich es dir befehle! Dass ich der Einzige bin der über dein Leben zu gebieten hat, dass ich es dir gegeben habe! Du hast vergessen, wo ich dich herausgeholt habe – und dass ich dich genau so leicht wieder dorthin befördern kann! Und nicht nur dich, sondern auch dieses wertlose Stück Fleisch das gerade eines meiner Betten einnimmt! Vielleicht solltest du dich schnell wieder daran erinnern, bevor du dich noch einmal anmaßt, gegen meinen Willen zu gehen!"
Er setzte sich wieder, und seine Züge nahmen die gewohnte distanzierte Ruhe an, nur der eisige Blick blieb nach wie vor auf den weit aufgerissenen Augen Anôra´s liegen. Einige Sekunden vergingen, und die Luft im Raum flirrte vor Anspannung. Die Lider flatterten kurz auf. Dann senkten sich die grünen Augen langsam.


IX


Anôra stolperte durch die Palastgänge, immer noch heftig zitternd. Wut, Trauer, Angst und Verzweiflung wechselten sich so schnell ab dass sie nicht einmal sagen konnte, welcher dieser Gefühle sie denn nun wirklich vereinahmte. Sie wusste mit einem Mal eigentlich gar nichts mehr, außer dass sie es Xâdres sagen musste, so schnell es ging, vielleicht ließe sich dann noch etwas tun... Nein, schoß ihr sogleich durch den Kopf, es lässt sich nichts tun, Sauron hatte sich deutlich genug dazu geäußert, was passieren würde, sollte sie versuchen, seinem Befehl zuwiderzuhandeln, sowohl was sie selbst, als auch was Xâdres anging. Und was würden schon ein Mädchen und ein wehrloser Kranker dagegen tun können? Der Schwarze Tempel kam ihr in den Sinn, der Übelkeit erregende Geruch darin und die Bilder, die sie selbst in seinem Innern gesehen hatte. Anôra schluchzte auf und eilte etwas schneller weiter, nein, das durfte nicht sein, sie würden beide gehorchen müssen. Und Xâdres musste so schnell es ging hier raus und weg, weit weg von Armenelos, bevor Sauron es sich doch anders überlegen sollte, bevor es doch noch schlimmer wurde, als es jetzt schon gekommen war. Ohne zu merken wie war sie plötzlich im Krankenflur angekommen und rannte beinahe schon zur Tür an dessen Ende, stieß sie auf, stürmte ins Zimmer – und blieb unbeweglich vor Xâdres´ Bett stehen, unfähig, auch nur eine weitere Bewegung zu tun oder etwas zu sagen.
Der Soldat wandte seinen Kopf vom Fenster und blickte sie verwundert an, in der nächsten Sekunde wurde sein Blick jedoch deutlich besorgt und regelrecht erschrocken.
"Anôra... großer Himmel, was ist passiert?"
Xâdres hatte sie noch nie so blass gesehen, die Augen brennend und voller Schrecken, der ganze Körper zitterte als würde er gleich auseinanderbrechen. Als keine Antwort kam sprang er auf und legte seine Hände auf ihre Schultern.
"Was ist passiert?" wiederholte er etwas lauter, mit steigender Beunruhigung in das bleiche Gesicht blickend.
"Du... ich..." stammelte Anôra unsicher und stockte wieder, ihn wie ein Gespenst anstarrend. Plötzlich schossen ihr Tränen in die Augen, sie riss sich los und rannte aus dem Zimmer, so schnell dass der Mann, des Widerstands unter seinen Händen beraubt, beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.
"Anôra!"
Ohne auf den Schmerz in seiner Hüfte zu achten durchquerte er das Zimmer und wollte ihr folgen – doch im gleichen Augenblick wurde er vom hereinkommenden Tirazôn zurück ins Zimmer gedrängt.
"Setzt euch," meinte dieser ernst.
"Aber Anôra..." unterbrach Xâdres ihn ungeduldig und wollte erneut zur Tür. Die Hand des Hauptmannes schloss sich fest um seinen Arm und Tirazôn schüttelte den Kopf.
"Sie wird jetzt kaum in der Lage sein zu reden. Ich werde werde es euch erklären. Ihr solltet euch wirklich lieber setzen."


Nachdem der Hauptmann gegangen war blieb Xâdres lange auf dem Bett sitzen und starrte auf seine Hände, als wäre dort die Antwort auf die zahllosen Fragen – Vorwürfe – geschrieben, die durch seinen Kopf flogen. Ein Reitunfall... Er war einfach nur vom Pferd gefallen wie ein dummer Junge, wie ein Anfänger, und nun war seine ganze Existenz mit einem Schlag zerstört. In einem kurzen Aufwallen von Zorn schlug er seine Faust mit einer Wucht in die Matraze, dass der Bettkasten darunter anklagend knackste. Schwer atmend zog er seinen Arm zurück. Er konnte es nicht fassen, dass nun alles vorbei sein sollte. Sein ganzes Leben hatte darin bestanden, im Palast zu dienen, Soldat zu sein, zu kämpfen, und nun sollte er mit einem elenden Häufchen Geld "irgendwo in Númenor" etwas anderes machen?! Und sogar wenn, wie sollte er, wenn Anôra hier blieb?
Er schnappte bei diesem Gedanken nach Luft und stützte seinen Kopf stöhnend auf den Händen ab. Ohne Anôra hatte weder sein früheres, noch sein zukünftiges Leben irgendeinen Sinn. Sie bedeutete ihm mehr als alles andere, und Xâdres konnte sich nicht vorstellen, überhaupt irgendetwas ohne sie machen zu können. Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl, er wäre in einem wirren, absurden Traum gefangen, und gleich würde er aufwachen und alles wäre wieder beim Alten. Doch der beständig an die Fensterscheibe klopfende Regen holte ihn sogleich wieder in die Realität zurück.
Schwer wandte er den Kopf und sah hasserfüllt die Tropfen am Fensterglas an, als wären sie für alles verantwortlich – und erblickte im selben Moment tief unter sich eine in Blau gekleidete, kleine Figur, die blind durch den leeren Garten stolperte, dann vor einem Baum stehen blieb und mit plötzlicher Zielstrebigkeit hinaufkletterte. Er sah, wie sich ein blauer Fetzen in den kahlen Zweigen verfing und auf einem der Äste hängen blieb, wie eine kleine Fahne. Kurz war Xâdres bestrebt, aufzuspringen und zu ihr hinauszueilen, ihr zu helfen, mit ihr zu reden, blieb aber nach wie vor regungslos auf dem Bett sitzen. Tirazôn hatte Recht, Anôra musste jetzt alleine sein, alleine mit dieser Entscheidung. Würde sie denn gewillt sein, ihr Leben hier aufzugeben, nur um mit ihm fortzugehen? Würde Sauron es überhaupt zulassen? Xâdres wusste, wie hart die junge Frau an ihrer jetzigen Stellung gearbeitet hatte, wie sehr sie an dem Erreichten hing – was konnte er dem schon gegenüberstellen, außer sich selbst, einem zu nichts mehr nutzigen Krüppel? War ihre Liebe auch nur annähernd groß genug, um ihm tatsächlich zu folgen? Er stützte den Kopf gegen das kalte Fensterglas und blicke lange hinaus in den Garten, auf die kleine blaue Figur die in den blätterlosen Ästen eines alten Baumes saß, die roten Haare im Wind zerstreut, ohne auch nur die geringste Bewegung zu machen. Sie saß immer noch so da als Dunkelheit sich auf den Palast senkte und nichts mehr außer den Regentropfen auf dem Glas zu sehen war, doch er blieb trotzdem am Fenster und starrte in die Nacht hinaus.


X


Xâdres verließ den Palast über den Dienstboteneingang, passierte die Stallungen und gelangte schließlich in der Nähe der Palasttore an. Der Regen hatte endlich aufgehört, doch der niedrige Himmel war wolkenverhangen und kalter, böiger Herbstwind zerrte an den wenigen Menschen, die sich trotzdem auf dem leeren Hof versammelt hatten. Vier Offiziere der Schwarzen Garde – seine ehemaligen Freunde – wie Xâdres mit plötzlicher Verachtung dachte, gingen zu seinen Seiten, angeblich, um ihn zu verabschieden, obwohl er vielmehr den Verdacht hatte, sie hätten die Aufgabe sicherzugehen, dass er den Palast auch wirklich verlässt. Am Tor blieb er stehen und nahm von einem von ihnen wortlos einen schweren Lederbeutel entgegen, voll mit Goldmünzen: lächerliche Almosen im Vergleich zu dem Leben, das er verloren hatte. Er sagte kein Wort zu den anderen Soldaten und sah über ihre Köpfe hinweg, wenn einer versuchte, ihm in die Augen zu schauen. Er konnte es kaum glauben, dass es erst vorgestern gewesen war, als Anôra plötzlich zitternd vor ihm gestanden und kein Wort mehr herausgebracht hatte, ihm nicht sagen konnte, dass er nicht mehr zur Schwarzen Garde gehörte. Seitdem hatte Xâdres sie nur noch einmal gesehen, am Abend des Vortages.
Er war, ein Lederbeutel mit den wenigen Sachen, die er brauchen würde, in der Hand, unschlüssig im Zimmer gestanden und hatte versucht sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden, als sie genauso wortlos und blass wie am Tag davor plötzlich vor ihm stand. Ehe er etwas hätte sagen können hatte Anôra seine Lippen mit einem derart tiefen, verzweifelten Kuss verschlossen, dass er ohne jegliche Worte verstanden hatte, dass sie sich von ihm verabschiedete. Tränen waren in den grünen Augen aufgeblitzt als sie sich schließlich voneinander gelöst hatten und die junge Frau nach einer letzten Berührung zurückgewichen und aus dem Raum verschwunden war. Dieses Mal hatte Xâdres nicht mehr versucht, ihr zu folgen. Es war ihm schwer gefallen, überhaupt noch zu atmen.
Heute früh, nachdem er aus einem schweren, traumlosen Schlaf aufgewacht war, hatte sich allerdings eine seltsame, starre Gefühllosigkeit seiner bemächtigt, für die er dankbar war. Xâdres blickte sich auf den Palast um – und mit einem Mal waren alle Gefühle wieder da, als er eine kleine, schmale Figur auf sich zukommen sah. Mit ihren offenen Haaren um das blasse Gesicht, die auf den einfachen, grauen Stoff ihres Kleides fielen sah sie derart nah und vertraut aus, dass der Mann am liebsten auf sie zugestürzt und sie umarmt hätte. Er hielt sich mit einer Anstrengung zurück und sah Anôra nur sehnsüchtig an, als sie näher kam und einige Schritte von ihm entfernt stehen blieb, Tirazôn an ihrer Seite.
"Leb wohl," flüsterte sie leise. Xâdres´ Magen drehte sich um beim Klang dieser zwei Worte, die wie das Zuschlagen eines Tors in seinen Ohren nachhallten. Das war zu viel, er konnte nicht ohne diese Frau gehen. Mit einer für seine Verletzung erstaunlichen Geschwindigkeit stürzte er vor – und vier Schwertklingen senkten sich sogleich in seinen Weg.
"Schöne Freunde seid ihr," zischte Xâdres wutentbrannt, vergaß die Wut aber sogleich und wandte sich an Anôra.
"Komm mit mir," bat er, seine Vorsätze verwerfend, sich aus ihrer Entscheidung zurückzuhalten. "Ich flehe dich an Anôra, komm mit mir. Du weißt dass ich ohne dich nicht sein kann, bitte, bitte komm mit mir!"
Anôra biss sich auf die Lippe, rief sich mit letzter Kraft ins Gedächtnis, dass sie keine andere Wahl hatte, als hier zu bleiben und ihn ziehen zu lassen, erinnerte sich an Sauron´s Drohungen, hielt sich so gut es ging zurück – und warf all das im nächsten Moment beiseite, als sie in Xâdres´ Augen blickte.
Sie würde seiner Bitte Folge leisten, egal was es kosten sollte; dieser Gedanke war mit einem Mal so klar und deutlich vor ihr, dass der Rest sie nicht mehr interssierte. Sie würde über diesen eisernen Zaun aus Schwertern springen können, es war nicht zu hoch, und dann würden sie und Xâdres rennen, weglaufen von diesem schrecklichen Ort. Sie ballte die Fäuste und wollte einen Schritt nach vorne machen; im gleichen Augenblick spürte sie, wie sich zwei langgliedrige, kühle Hände auf ihre Schultern senkten. Ihr Körper erstarrte unter dieser Berührung.
"Lass es sein," flüsterte Sauron´s Stimme an ihrem Ohr, warm, verständnisvoll, beruhigend. "Lass es sein, lass ihn ziehen, ihr hättet doch sowieso keine Chance mehr gehabt. Es wäre Irrsinn, ihm zu folgen, es wäre nur dein Untergang. Bleib hier Anôra, hier ist dein Platz und deine Zukunft. Du willst doch in Wirklichkeit gar nicht weg."
Nein, sie wollte tatsächlich nicht weg. Es war vernünftig, zu bleiben, ihr Herr hatte Recht. Warum hatte sie das früher nicht verstanden? So blieb sie bewegungslos stehen, der leisen angenehmen Stimme lauschend, und ließ das übrige Geschehen an sich vorbeiziehen, das ihr mit einem Schlag uninteressant und unwichtig schien.
Xâdres wartete einige Augenblicke, er konnte es einfach nicht fassen. Er verstand nicht, dass die Frau, die er über alles liebte, von der er dachte, dass sie ihn genauso lieben würde, auf seine Worte nicht einmal achtete und regungslos an ihm vorbeistarrte, als würde er gar nicht existieren.
"So ist das also," verzog er in einem schiefen, bitteren Lächeln den Mund. "So weit ist es her mit deiner Liebe."
Er wich einige Schritte zurück und bedachte den Palast, die darauf stehenden vier Soldaten, Tirazôn, und Anôra, die sich ohne ihn zu beachten umgedreht hatte und ruhig zum Eingang zurückkehrte, mit einem hasserfüllten Blick. Oben im Palast hinter einem der stummen Fenster bewegte sich ein Vorhang – anscheinend wurde irgendein Höfling von dem Verlangen zerfressen, einen der bekanntesten jungen Adligen bei Hofe fortgejagt werden zu sehen. Xâdres spuckte voller Verachtung auf den Boden vor den Toren, drehte sich um und eilte so schnell den Hügel hinunter, wie es sein Bein erlaubte. Er blickte sich nicht mehr um.


Tirazôn hatte Anôra eingeholt, kurz bevor sie den Palast erreicht hatte, und trat ohne etwas zu sagen an ihrer Seite in den leeren Flur. Er war verwundert, regelrecht beunruhigt über ihr Verhalten. Er war sich sicher gesehen zu haben, wie sie vorhin ihre Fäuste geballt, ihren ganzen Körper wie eine Sehne angespannt hatte und hatte sich dann darauf vorbereitet, sie bei dem Sprung nach vorne aufzuhalten – und wie sie sich mit einem Male ohne jeden ersichtlichen Grund völlig entspannte und nicht einmal mehr auf Xâdres geachtet hatte. Und dass sie so ruhig zum Palast zurückgekehrt war, ohne ihm überhaupt nachzusehen.... Der Soldat blickte Anôra besorgt an als sie, immer noch starr vor sich blickend, mit einer seltsam schlafwandlerischen Sicherheit die zum Hof führende Tür hinter sich schloss.
Die Tür fiel mit einem lauten Klicken ins Schloss. Anôra nahm ihre Hände vom Holz, drehte sich herum und machte einige Schritte in den Gang hinein. Nun würde alles gut werden, so wie ihr Herr vorher versprochen hatte, jetzt, da Xâdres weg war und... Abrupt blieb sie stehen und riss die Augen auf. Als hätte jemand ein schützendes Dach weggezogen stürzte die Wirklichkeit mit ihrer ganzen Last über ihr herein. Xâdres! Xâdres hatte sie doch gebeten, mit ihm zu kommen, sie hatte doch zu ihm laufen wollen! Warum hatte sie ihn bloß gehen gelassen?! Entsetzt sah sie zu dem verduzten Tirazôn hoch.
"Großer Himmel," stieß sie aus. "Er ist ohne mich gegangen!"
Ohne ein weiteres Wort fuhr sich herum und stürzte zur Tür, doch ehe sie diese erreicht hatte legten sich zwei Arme wie eine eiserne Zange um ihre Tallie und zerrten sie zurück.
"Du darfst ihm nicht folgen, Anôra!"
"Es ist mir egal was ich darf!" Mit aller Kraft versuchte sie, sich aus der eisernen Umklammerung zu befreien und spürte, wie Tränen von Wut und Verzweiflung in ihren Augen hochstiegen. "Lasst mich los, verdammt!"
Erst nach einigen Minuten, die Fruchtlosigkeit der eigenen Versuche begreifend, brach sie tränenüberströmt in Tirazôn´s Armen zusammen.
"Nein, ich kann nicht ohne ihn, ich kann das nicht," stammelte sie atemlos, als der Schmerz in ihrem Inneren immer weiter anstieg und in ihrem ganzen Körper zu brennen begann.
"Ich weiß, ich weiß mein Mädchen," murmelte der Hauptmann und ging langsam in die Knie, die von Krämpfen geschüttelte Frau vorsichtig an sich drückend. Er saß lange mit ihr da, fuhr ihr ungelenk über das wirre Haar und flüsterte ihr irgendwelche beruhigenden Phrasen zu, wohl wissend, dass es nur sinnloses Gerede war. Er war verwirrt und, zur eigenen Überraschung, auch verletzt – es bereitete ihm mehr Schmerzen als er je gedacht hätte, das zitternde Bündel, das aus der ungestümen, fröhlichen Anôra, die er kannte geworden war, in seinen Armen zu halten. Zum ersten Mal in seinem langen Leben verspürte Tirazôn ernsthafte Zweifel, sogar Wut seinem Herrn gegenüber, und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.


XI


Der Tag endete in einer schlaflosen Nacht, ein neuer folgte ihm, dann noch einer und noch einer, jeder von ihnen genauso grau und kalt wie seine Vorgänger, genauso voller Wind und Regen. Anôra schien diesen Wechsel kaum bemerkt zu haben. Sie saß in ihrem Zimmer und sah auf das kunstvoll geschmiedete Schwert in ihren Händen.
"Gefällt es dir?" fragte Tirazôn.
Sie nickte stumm. Die geweiteten grünen Augen spiegelten sich in dem blitzenden Stahl und der Hauptmann seufzte als ihm klar wurde, dass sie das Schwert wahrscheinlich nicht einmal richtig angeschaut hatte. Er streckte den Arm aus und nahm die Waffe sanft aus ihren Händen – was ebenfalls weder Fragen noch Verwunderung hervorrief.
"Ich stelle es neben den Kamin," erklärte Tirazôn seine Handlung trotzdem und steckte das Schwert in die schwarze Scheide mit dem Zeichen der Schwarzen Garde darauf. Mit einigen Schritten überquerte er das Zimmer, stellte es in der Ecke ab und setzte sich erneut an Anôra´s Seite auf ihr Bett.
"Was hältst du davon, heute wieder zu trainieren?"
"Ich habe keine Lust."
Der gleichgültige, aber feste Unterton ihrer Stimme ließ keine weiteren Diskussionen zu, und Tirazôn seufzte erneut. Seit Tagen versuchte er, sie dazu zu bringen, wieder zu trainieren, doch sie weigerte sich, auch nur aus dem Raum zu gehen. Würde man ihr keine Nahrung bringen, würde sie wahrscheinlich eher verhungern, als in die Vorratskammer zu gehen und sich dort etwas zu holen. Der Hauptmann wusste, dass ein solches Benehmen auf Dauer nicht mehr zu dulden war, dass Sauron ungeduldig wurde, dass die Arbeiten in den Tunneln nun nicht schnell genug vorangingen, dass sie wieder kämpfen, ihre Ausbildung beenden musste, dass dieses im Zimmer Sitzen nichts weiter als ein stummer, wütender, und überaus dummer Protest war... Er wusste das alles und schaffte es trotzdem nicht, Anôra zu irgend etwas zu zwingen. Ja, er brachte es nicht einmal übers Herz, ihr mehr als wage Vorschläge, was sie vielleicht tun könnte, zu unterbreiten, und konnte ihr nicht widersprechen, wenn sie sich wie erwartet sträubte. Und Anôra´s Verhalten besserte sich nicht, im Gegenteil. Sie hatte plötzliche Wutanfälle, schrie grundlos Diener an, um im nächsten Moment unter Tränen zusammenzubrechen, und wieder konnte Tirazôn ihr kein böses Wort sagen, konnte nichts zu tun, als bei ihr zu sitzen und sie zu beruhigen, ihr sanfte Sinnlosigkeiten zuzuflüstern. Er fühlte sich schuldig, unendlich schuldig an ihrem Zustand, und dieses Gefühl gab ihm keine Ruhe mehr, ließ ihn seinen Dienst vernachlässigen um nur mehr bei Anôra sein, ihr irgendwie helfen zu können... nur dass er bis heute nicht wusste, wie.
Der Hauptmann schüttelte den Kopf und erhob sich.
"Ich muss noch mit einigen meiner Offiziere sprechen," meinte er. "Wenn ich fertig bin, komme ich wieder her."
Anôra nickte erneut und drehte sich um, sah wie gebannt aus dem Fenster. Tirazôn blieb kurz stehen, hob dann sein eigenes Schwert auf und verließ den Raum.


Sie sah den Hauptmann schnell die Übungshöfe der Schwarzen Garde überqueren und in der hinteren Ecke verschwinden. Wahrscheinlich in seinem Arbeitszimmer, das man von hier aus nicht sehen konnte. Ihr Blick wanderte weiter, zur Palastmauer und weiter durch die Gärten, flog kurz über die Stadt und kehrte wieder zur Mauer zurück. Nichts regte sich dort, nur der Regen peitsche vom Wind getrieben gegen die grauen Steine. Anôra wandte sich wieder ab, erhob sich und blieb unschlüssig im Zimmer stehen. Es war ihr mehr und mehr zuwider, stundenlang in dem kleinen Raum zu bleiben, mit der einzigen Beschäftigung, die Decke zu betrachten oder aus dem Fenster zu starren. Doch hinausgehen und etwas tun... das wollte sie noch weniger. Sie konnte nicht mehr das gleiche Leben führen wie zuvor, auch wenn es von ihr erwartet wurde. Beim Gedanken daran musste die junge Frau verächtlich schnauben. Wie freundlich doch alle auf einmal zu ihr waren. Vor drei Tagen hatte Sauron ihr sogar angeboten, in ein größeres Gemach umzuziehen. Ein größeres Zimmer gegen ihre Liebe und gegen Xâdres, was für ein Tausch! Zorn stieg in Anôra auf, wie so oft in diesen Tagen, Zorn, Schmerz und Bitterkeit, das waren die einzigen Gefühle, die sie noch hatte. Die einzigen, die man ihr noch übrig gelassen hatte. Schmerzlich zog sich ihr Brustkorb zusammen und sie schwankte und schnappte nach Luft.
"Verdammt," flüsterte sie, sich am Tisch abstützend. Ihre Fingerspitzen stießen gegen den darauf stehenden Kerzenständer, und im nächsten Moment verkrampfte sie ihre Finger darum, versuchte den Schmerz herauszupressen, doch es gelang ihr nicht. Erneut wechselte der Schmerz in hilflose Wut.
Sie schrie auf und schleuderte den Ständer an die Wand. Mit einem lauten Knall zerbrach das Steingut und braune Splitter fielen hinunter. Es bereitete ihr seltsame Genugtuung, dieses Häufchen auf dem Boden zu sehen, als hätte sie sich für einen Bruchteil der Sekunde von dem Gewicht auf ihren Schultern befreit.


Tirazôn kam einige Stunden später zurück und blieb mit offenem Mund an der Schwelle stehen. Der Raum sah aus, als wäre dort ein langer und heftiger Kampf ausgetragen worden. Stofffetzen und zahlreiche Splitter bedeckten den Boden, die wenigen Möbel waren umgeworfen, der Schrank stand offen, sein Inhalt ebenfalls über den Boden verteilt, in der rechten Schranktür steckte, bis zum Heft hineingetrieben, das Schwert, das er Anôra vorhin geschenkt hatte. Sie selbst saß inmitten dieses Chaos mit verschränkten Armen auf dem Bett, die Knie bis zur Brust hochgezogen, die Augen geschlossen. Vorsichtig stieg der Hauptmann über einen hingeworfenen Stuhl, der nur noch drei Beine hatte, und setzte sich neben sie.
"Hast du das angerichtet?" fragte er leise.
Endlich bequemte Anôra sich, die Augen zu öffnen und ihn anzuschauen.
"Wer sonst?"
"Du warst wieder wütend, nicht wahr?"
"Nein, ich habe gesungen und mich meines Lebens erfreut." Ein kurzes, sarkastisches Lächeln glitt über ihre Lippen. Tirazôn schwieg eine Weile, dann fasste er den Entschluss. So Leid ihm das Mädchen tat, auf diese Weise konnte es auf keinen Fall weitergehen.
"Nun, dann hör mir jetzt bitte gut zu," fing er an, darum bemüht, seine Stimme fest und ruhig klingen zu lassen. "Ich verstehe dass du es sehr schwer hast, dass du wütend bist und verbittert. Aber so kannst du nicht mehr weitermachen. Es wird Zeit dass du dich wieder zusammenreißt, deine Ausbildung beendest und dich wenigstens ein wenig darum bemühst, die Erwartungen zu erfüllen, die auf dich gesetzt wurden. Ich habe dich all die Zeit gewähren lassen und vor Sauron für dich gesprochen, ihn um längere Fristen gebeten, aber lange reicht seine Geduld nicht mehr. Du kannst keinen monatelangen Boykott beginnen, nur weil es einmal nicht nach deinem Willen ging. Ich weiß, es hat dir sehr weh getan, doch im Endeffekt war es zu deinem Besten, das solltest du verstehen und beherzigen."
Anôra antwortete nicht und starrte stattdessen regungslos vor sich hin. Einige Zeit herrschte Schweigen in dem Raum und Tirazôn meinte bereits, sie würde gar nicht mehr reagieren, als die Frau plötzlich den Kopf in den Nacken warf und lachte. Er zuckte bei diesem Geräusch zusammen, so anders war es, als das Lachen, das er kannte: leise und kalt, fast höhnisch. Dann wandte sie den Kopf und ihre Augen blitzten auf.
"Ihr macht mich krank," sagte sie mit unendlicher Abscheu in der Stimme. Dann wandte sie sich wieder ab. Der Hauptmann blieb kurz regungslos sitzen, stand dann langsam auf und verließ das Zimmer. Mit einem Male hatte er Abscheu vor sich selbst.
Anôra rührte sich lange nicht, dann erhob auch sie sich, ging zum Fenster und starrte wie gewohnt hinaus. Es hatte sich noch immer nichts verändert, die selben grauen Mauern, der selbe Regen, der selbe heulende Wind. Sie fand sich in der nächsten Sekunde lächerlich, wie sie immerzu aus dem Fenster sah, mit der schwachsinnigen Hoffnung, Xâdres würde durch die Tore spaziert kommen. Er würde diese Höfe nie mehr betreten. Sie atmete schwer durch bei diesem Gedanken, und erneut flammte Schmerz in ihr auf, ätzte ihr Inneres wie Säure.
In selben Moment wurde ihr mit nie dagewesener Klarheit bewusst, dass sie keine Lust mehr auf dieses ganze Leben hatte. Sie wollte den Schmerz nicht mehr spüren, wollte nicht mehr irgendwelche Erwartungen erfüllen, sie hatte genug von Sauron, genug von dem Palast, genug von sich selbst. Die Wände ihres Zimmers engten sie ein, und Anôra hatte das Gefühl, unter Massen von Steinen und Zwängen begraben zu sein, und nicht mehr herauskommen zu können. Sie fing an zu zittern und die grauen Wände schienen über ihr einzustürzen. Nein, sie konnte und wollte nicht mehr. Das Zittern verstärkte sich, würde zu einem krampfartigen Schütteln, und dann presste Anôa die Arme gegen ihren Magen und fing an zu schreien.
Immer lauter und immer spitzer wurde der Schrei, der hohe Ton ließ die Luft vibrieren. Bald klingelte es schmerzlich in ihren eigenen Ohren doch sie hörte nicht auf, ließ ihre Stimme schriller und schriller werden, bis sich die Wände in wilde Farben getaucht um sie zu drehen begannen. Dann kam plötzlich ein Knall, so laut, dass er den Schrei übertönte. Das Fenster zersprang und der aufheulende Wind schleuderte die zahllosen Glasscherben mit Gewalt auf die junge Frau. Der Schrei brach ab. Sie taumelte und fiel rücklings zu Boden.
Die graue Decke drehte sich monoton über Anôra. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie hinauf. Kalter Wind wehte ungehindert durch das Zimmer, das Fenster mit den an morsche Zähne erinnernden Glasresten an seinen Rändern konnte ihm keinen Widerstand bieten. Zahllose Scherben bedeckten ihren Körper. Etwas Warmes floß an ihrem regungslosen Gesicht und den von sich gestreckten Armen hinunter und tropfte lautlos auf die rauen Steine des Bodens. Sie spürte den Schmerz nicht. Graue Leere füllte nach und nach ihre Augen, ihre Gedanken, alles andere verdrängend, wie eine siegreiche Armee, der man, des Kämpfens müde, die Stadttore geöffnet hatte. Draußen erklangen schnelle Schritte und Stimmen, jemand hämmerte gegen die Tür. Anôra hörte es nicht. Es war egal.


Die zittrigen Finger kämpften bereits zu lange mit der Schnur des Beutels, ohne ihn aufkriegen zu können. Tarkhôn trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. Würde der Gast nicht so viel zahlen, hätte er ihn wohl längst rausgeworfen, so betrunken wie dieser war. Und seinem Aussehen nach schien er bereits seit etlichen Tagen nicht mehr nüchtern gewesen zu sein, noch ein Punkt dafür, den Mann besser hinauszubefördern, bevor der noch in seinem Wirtshaus zusammenbrechen würde. Tarkhôn hatte keine Lust, deswegen Probleme zu bekommen. Doch der Gast zahlte viel, sehr viel, und das Klimpern der Münzen erwies sich am Ende als das bessere Argument. Endlich hatte der Mann den mittlerweile fast leeren Beutel aufbekommen und warf eine weitere glänzende Goldmünze auf den Tisch.
"Mehr," knurrte er, den Rest des noch in seinem Krug befindlichen billigen Weins in sich schüttend. Der Wirt verzog unwillig das Gesicht, stellte ihm aber einen neuen Krug hin und steckte das Geld ein, während der Gast sich wieder an einen ihm gegenüber sitzenden, fast ebenso betrunkenen doch noch wesentlich verwahrloster aussehenden Kerl wandte, der ein Landstreicher oder Tagelöhner zu sein schien.
"V...verstehst du mich?" brachte er mit schwerfälliger Zunge heraus. "Einfach gegangen ist sie. Einfach...." Er machte eine Handbewegung, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen. "Einfach weg!"
Sein Gegenüber nickte mit ernster Miene und nahm einen großen Schluck Bier.
"Nein, nein, du verstehst mich ja gar nicht." Der Schwarzhaarige schüttelte fahrig den Kopf und fuhr fort. "Ich habe sie gesehen vorhin. Dachte s... sie wäre es gewesen. Unten in der Stadt, in der ver... verdammten Menge. War sie aber nicht. Ist verschwunden, als ich genauer hinsah. Wie ein Wölkchen. Pfffffft!" Er verfiel in ein leises, fast schon begeistertes Lachen, das unvermutet in einem verzweifelten Aufschlutzen endete. Er hielt sich seinen Krug an den Mund und trank mit einigen langen Schlucken fast die Hälfte seines Inhalts auf einmal, setzte ihn dann ab und blickte den zweiten Mann unvermutet ernst an.
"Ein schwarzes Herz hat sie, das sage ich dir." Er schüttelte den Kopf und trank den Rest des Weins aus.
Wenige Minuten später blieb der Wirt erneut an dem Tisch stehen und sah missbilligend den schwarzhaarigen Mann an, der im tiefsten Schlaf auf dem Boden zwischen seiner Bank und dem Tisch lag.
"Runtergerutscht ist er," erklärte plötzlich der Landstreicher auf der anderen Tischseite zu seinem Erstaunen – diesen hatte er den ganzen Abend kein Wort sagen gehört. "Lass ihn liegen. Er kann den Schlaf gebrauchen."
Mit diesen Worten erhob er sich und verließ schwankend die Schenke. Tarkhôn warf einen zweiten Blick auf den Schlafenden und sah sich dann mit einem leisen Seufzen in der Wirtsstube um. Sie war sowieso schon fast leer. Vielleicht konnte er den Mann ja wirklich bis zum Morgen liegen lassen, und dann würde der von selbst gehen können. So bräuchte er auch niemanden zu suchen, um den Betrunkenen hinauszubefördern. Zufrieden mit dieser Entscheidung, nahm er die zwei leeren Krüge vom Tisch und verschwand in der Küche.
Der Morgen kam, so trübe und windig wie all die Tage davor. Tarkhôn stand trotzdem mit dem ersten grauen Licht auf und ging hinunter in die Schenke. Überraschenderweise war der gestrige Gast bereits wach. Er saß in einem deutlich nüchternerem Zustand an seinem Tisch und massierte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Schläfen.
"Trinkt nächstes Mal nicht so viel, dann werdet ihr auch keinen Kater haben," meinte der Wirt zur Begrüßung. Der Mann hob den Kopf, sah ihn an und lächelte schief.
"Der Kater ist mein kleinstes Problem. Aber danke, dass ihr mich nicht hinausgeworfen habt. Habt ihr vielleicht noch etwas zum frühstücken für mich?"
"Habt ihr denn überhaupt noch Geld?" Tarkhôn zog skeptisch die Augenbrauen hoch. Anstelle einer Antwort hielt der Gast seinen Beutel hoch und schüttelte ihn kurz – das leise Klimpern einiger Münzen sprach für sich.
"Ein wenig ist noch übrig."
"Ein wenig? Ihr... ihr wollt doch nicht sagen dass mal viel mehr drin war?"
"Der Beutel war vor einigen Tagen voll," lachte der Mann kurz auf. Tarkhôn schüttelte nur den Kopf und ging in die Küche, um einige Minuten später mit etwas kaltem Braten und Kartoffeln vom Vortag zurückzukehren.
"Viel länger werdet ihr euch dann wohl nicht mehr betrinken können," merkte der Wirt an, während der Gast aß.
"Oh, das habe ich auch nicht vor." Er schluckte das letzte Stück hinunter und erhob sich. "Und ich habe genauso wenig vor, noch länger in dieser Stadt zu bleiben. Hier," warf er den Beutel auf den Tisch. "Nehmt den ganzen Rest. Diese Münzen verbrennen mir die Hände."
Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ging hinkend hinaus. Verdutzt sah Tarkhôn ihm nach. Er hatte noch nie einen so seltsamen Gast gehabt. Dann zuckte er die Schultern, steckte den Beutel ein und räumte das Geschirr vom Tisch. Eigentlich war es sowieso nicht seine Sache.
Der Regen hatte wieder eingesetzt, als Xâdres die Stadttore durchquerte und sich auf der Landstraße Richtung Andunié wiederfand. Nachdem er einige Hundert Fuß hinter sich gelassen hatte drehte er sich um und sah auf Armenelos zurück. Unzählige graue Häuser hinter grauen Mauern boten sich seinem Blick, und in der Mitte der Stadt erhoben sich auf einem Hügel die trüb-weißen Wände des Palastes.
"Leb wohl, liebste Lady," murmelte er in den Wind. "Magst du mit deiner Wahl glücklich werden."
Er wandte sich erneut nach Westen und setzte seinen Weg fort. Bald war er nur noch zu einem kleinen Punkt am Horizont geworden, der kaum von den fallenden Regentropfen zu unterscheiden war, und nach einiger Zeit ganz verschwunden.
(Polina)