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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Herbst/Winter 3302


I
Gelbe und feuerrote Blätter raschelten unter den Füßen der wenigen in den Palastgärten spazierenden Menschen. Die Sonne hatte sich bereits gesenkt, doch der Himmel war immer noch hell und von der kühlen, blassblauen Tiefe, die bloß der Herbst mit sich bringt, umrahmt von dunklen Wolken am Horizont. Anôra wandte den Blick entschlossen von dem Fenster ab und versuchte wieder, sich auf die Bücher vor ihr zu konzentrieren, was ihr jedoch nur mit mäßigem Erfolg gelang. Seit Stunden saß sie nun schon in der mittlerweile leeren Bibliothek – wie all die Tage zuvor – und sehnte sich wie jeden Abend nach einem warmen Feuer im kleinen Kamin ihres Zimmers, einem Glas Wein und Xâdres´ Gesellschaft. Sie rieb sich seufzend die Augen. Zwischen dieser angenehmen Vorstellung und ihr lagen leider einige verstaubte Traktate über Mechanik, Bau des menschlichen Körpers und die unzählige Pläne von vergessenen, verschütteten oder einfach nur nicht mehr benutzen Gängen unter dem Palast und dem Schwarzen Tempel. Sie schlug die nächste Seite um und schrieb auf dem neben ihr liegenden Blatt einige kurze Notizen zum Bau und der Schlagkraft verschieden starker Sprungfedern nieder. Wiederholt fragte sie sich, warum Sauron ausgerechnet ihr die Aufgabe übertrug, Fallen für das Labyrinth zu entwickeln – jetzt, da die Gefahr bestand, dass andere Getreue dessen Pläne teilweise kannten, war es unentbehrlich, die Gänge für mögliche Eindringlinge unzugänglich zu machen, und da man sie vielleicht noch selbst brauchen könnte, wurde beschlossen, diese nicht zu verschütten oder zu verschließen, sondern mit Fallen zu spicken. Natürlich arbeiteten hauptsächlich Sauron´s Leute an dieser Aufgabe, doch auch Anôra sollte ihren Teil dazu beitragen; über die Beweggründe des Beraters des Königs war sich die junge Frau im Unklaren. Wahrscheinlich wollte er, dass sie Erfahrungen auf diesem Gebiet bekam, und sich selbst in den Gängen auskannte... Anôra schüttelte den Kopf, schon wieder war sie mit ihren Gedanken abgeschweift. Aber es wurde wohl sowieso Zeit, für diesen Tag Schluss zu machen – der Saal war bereits in Halbdunkel getaucht, und sogar bei dem großen Fenster, vor dem sie saß, war es langsam nicht mehr hell genug. Sie nahm ihre Notizen, ließ die Bücher auf dem kleinen Tisch liegen und verließ raschen Schrittes die Bibliothek.
Das Zimmer über den Wohnräumen der Schwarzen Garde, das der jungen Frau seit Jahren zur Verfügung stand, war zu ihrer Enttäuschung dunkel und leer. Der Rahmen des am Morgen geöffneten Fensters klapperte mit leisem Quietschen im kalten Herbstwind, der ungehindert durch den Raum wehte. Anôra fröstelte, schlug das Fenster zu und machte sich daran, Feuer im Kamin zu entfachen und Kerzen anzuzünden. Einige Minuten später war sie mit dieser Aufgabe fertig und in ein bequemes dunkelrotes Kleid geschlüpft. Wenn Xâdres noch nicht von seiner Patrouille zurückgekommen war, würde sie eben in seinen Räumen auf ihn warten. Sie steckte die Haare zu einem lockeren Knoten zusammen und machte bereits einen Schritt auf die Tür zu, als es unerwartet klopfte. Zu ihrer Überraschung kam daraufhin nicht der Soldat, sondern Ireth in Begleitung eines jungen, schmächtigen Mädchens hinein. Die alte Dienerin war seit dem Frühlingsball vor fast zwei Jahren immer zur Stelle, sobald es darum ging, Anôra hoffähig aussehen zu lassen und erledigte weitere Kleinigkeiten für sie, die meist zu den Aufgaben einer Kammermagd zählten.
"Ich habe einige eurer Kleider nachgebessert," erklärte die alte Dienerin auf den vewunderten Blick Anôra´s hin und setzte wie zur Bestätigung einen Stoffstapel auf dem Tisch ab. "Guten Abend, Mylady. Na komm nur Mâreth, komm hinein." Sie drehte sich zur Tür und winkte dem Mädchen zu, dass immer noch unschlüssig an der Schwelle stand. "Die Dame hier beisst dich schon nicht."
Das Mädchen trat mit einem zögernden Blick auf Anôra in das Zimmer hinein, ebenfalls einen Kleiderstapel in den Armen tragend. Die junge Frau blickte das Kind interessiert an. Mâreth mochte vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, wirkte aber fast noch jünger wegen der geringen Körpergröße und des auf seltsame Weise geduckten Auftretens, als würde sie alles daran setzen, ja nicht bemerkt zu werden. Was ihr auch gut gelang, denn sie war all das, was man als unauffällig zu bezeichnen pflegte; glanzlose, braune Haare, in einem losen Zopf zusammengenommen, ein schmales, blasses Gesicht mit einer etwas zu langen Nase und braunen, leicht erschrocken blickenden Augen unter einer hohen Stirn, ein graues Tuch auf dem Kopf und ein ebenfalls graues, hochgeschlossenes Kleid ohne jeglichen Schmuck. Anôra spürte leichtes Mitleid in sich aufsteigen, dieses verhuschtes Persönchen dabei beobachtend, wie sie mit kleinen, hektischen Bewegungen den Stapel auf dem Tisch ablegte und sich linkisch in Richtung der angehenden Hofdame verneigte.
"Nein nein, hänge die Sachen in den Schrank, zusammen mit den anderen, in den Schrank, verstehst du," wies Ireth sie an. "Sie ist ein gutes Kind, wisst ihr," fuhr sie mit leiserer Stimme an Anôra gewandt fort, während Mâreth wortlos ihrer Anweisung nachkam. "Nur ein wenig dümmlich, doch dafür sehr eifrig und folgsam."
"Ist sie eure Tochter?"
"Aber nein, Mylady. Sie..." Ireth brach ab, von einem plötzlichen Hustenanfall überkommen. "Entschuldigt. Sie ist meine Nichte. Meine Schwester ist vor fünf Jahren gestorben, und da ich selbst ja keine Kinder habe nahm ich das arme Mädchen auf. Mittlerweile habe ich ihr sogar einen Gefährten gefunden, der auf sie aufpassen wird, wenn ich nicht mehr hier bin."
"Findet ihr nicht dass sie noch zu jung für einen Mann ist?" Anôra hob zweifelnd die Augenbrauen.
"Oh nein, sie ist bereits sechzehn Mylady, ihr solltet euch nicht von ihrem Aussehen täuschen lassen," winkte die Dienerin ab. "Und bei uns einfachen Leuten kann man nicht früh genug heiraten, vor allem wenn man so ist wie Mâreth und nicht alleine zurechtkommen könnte. Er ist auch ein guter Mann, hat eine eigene kleine Schmiede, er wird das Kind nicht im Stich lassen."
"Nun, wie ihr meint," lächelte Anôra. "Wollt ihr eigentlich nicht mal wegen eurem Husten zu einem Heiler gehen? Es hörte sich nicht gut an."
"Das habe ich auch vor, Mylady. Ich... Oh nein, stell das wieder hin, du dummes Kind!"
Die Dienerin rannte mit einer für ihre füllige Figur erstaunlichen Geschwindigkeit zum Schrank und riss der erschrockenen Mâreth ein hohes Glas mit bräunlichen Kräutern darin aus den Händen. "Das gehört der Lady, verstehst du? Ach, geh lieber hinaus und warte vor der Tür auf mich, ich komme gleich!"
Mâreth nickte und lief hinaus, mit einem noch ängstlicheren Gesichtsausdruck als zuvor.
"Ihr hättet sie doch nicht so anzufahren brauchen." Anôra trat zu Ireth und nahm ihr das Glas ab. "Sie hat ja nicht schlimmes gemacht, und die Kräuter kriege ich jederzeit wieder, wäre doch etwas passiert."
"Mâreth sollte aber lernen, sich zu benehmen," schüttelte die alte Frau den Kopf. "Was für Kräuter sind das überhaupt? Sie riechen ja furchtbar."
"Sie schmecken auch so," verzog ihr Gegenüber angewidert die Lippen.
"Ihr macht doch etwa keinen Sud daraus?!"
"Leider schon. Ich komme gewissermaßen nicht ohne aus."
"Eure Sache," zuckte die Dienerin mit den Schultern. "Ich will gar nicht erst wissen, wozu ihr so etwas trinken müsst. Aber nun muss ich gehen, gehabt euch wohl Mylady!" Ireth verneigte sich leicht und ging hinaus. Einen Moment später hörte man sie draußen auf dem Gang mit Mâreth schimpfen, die wohl erneut etwas falsch gemacht hatte.
Anôra seufzte und stellte das leidige Glas zurück in den Schrank. Sie würde wahrscheinlich noch viele, sehr viele Jahre jeden Morgen das aus seinem Inhalt gemachte Getränk zu sich nehmen müssen. Sie erinnerte sich noch genau wie sie die Kräuter bekam.
Es war am Tag des Frühlingsballs vor zwei Jahren gewesen. Die Sonne hatte sich gerade gesenkt und sie selbst war aufgewacht – nach der turbulenten Festnacht und den folgenden Stunden mit Xâdres war sie schon am frühen Nachmittag so müde gewesen, dass der Soldat sie, auch wenn unter Protest, ins Bett gebracht hatte. Sie war direkt nach dem Aufwachen eilig aus dem Bett gesprungen und hatte sich hastig angezogen, von plötzlicher Angst befallen, die Geschehnisse des Morgens wären vielleicht nur ein Traum gewesen. Doch bevor sie sich auf die Suche nach Xâdres hatte machen können, hatte es an der Tür geklopft und ein unbekannter Soldat der jungen Frau mitgeteilt, sie solle sich sofort zu Sauron begeben. Verwundert war sie der Anweisung gefolgt. Sauron hatte die junge Frau in seinem Arbeitszimmer erwartet, wie immer hinter dem großen Tisch thronend.
"Setz dich," nickte er auf den Sessel vor sich. "Der Ball ist sehr gut verlaufen, wie ich hörte."
"Ja, Herr." Anôra spannte sich innerlich an – sie konnte deutlich spüren, dass der Berater des Königs sie nicht zu extra zu sich befördert hatte, bloß um seine Zufriedenheit kundzutun.
"Und vor einigen Stunden hatte ich Besuch von Xâdres." Sauron lehnte sich zurück und blickte das Mädchen mit zusammengekniffenen Augen an. "Er war ziemlich überschwenglich. Anscheinend seid ihr nun nicht mehr als nur Lehrer und Schülerin zu betrachten, habe ich das richtig verstanden?"
"Ja, Herr," nickte Anôra erneut und spürte, wie sie errötete.
"Interessant... nun, ich habe im Grunde nichts dagegen einzuwenden. Solange es niemanden von euch in seinen Pflichten beschränkt, versteht sich. Der Dienst steht immer noch an erster Stelle, ist dir das klar?"
"Natürlich, Herr."
"Sehr gut. Dann geh jetzt bitte zu Nardûn und bitte ihn um einige Kräuter."
"Um welche Kräuter denn?" sah das Mädchen ihn verwirrt an.
"Nun, wie du dir denken kannst würde es mir sehr ungelegen kommen – und dich an der Ausübung der besagten Pflichten hindern – würdest du plötzlich schwanger werden. Was sich durch einige Gewächse allerdings verhindern lässt."
"Oh..." Anôra verarbeitete verwundert diese neue Nachricht. Über so etwas hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht – geschweige denn von der Existenz solcher Gräser gewusst. Obwohl es natürlich eine Erklärung war, warum die edleren Frauen nie viele Kinder hatten; ihre eigene Mutter war mit dreien schon eine Ausnahme gewesen.
"Dann kannst du jetzt gehen," schloss Sauron indessen ab. "Aber noch etwas, was du vielleicht wissen solltest." Er beugte sich vor und blickte die junge Frau scharf an. "Ob du mit Xâdres dein Bett teilst oder mit jemand anderem interessiert mich nicht im geringsten, solange du wie schon gesagt deinen Pflichten nachkommst, in diesem Teil deines Lebens bist du also recht frei. Nur zwei Bedingungen gibt es. Erstens, du darfst nie eine Beziehung mit jemandem führen, der nicht zu meinen Leuten gehört; auch wenn du mir sofort das Gegenteil versichern würdest, ich weiß zu gut wie groß dann die Gefahr wäre, dass nicht für die Außenwelt bestimmte Informationen ausgeplaudert werden. Und zweitens, du darfst nicht schwanger werden, was aber mit Hilfe von Nardûn´s Kräutern kein Problem darstellen sollte. Tritt der eine oder der andere Fall ein, sehe ich dich nicht mehr als in meinem Dienst stehend an."
Anôra überkam wie damals ein beklemmendes Gefühl, wenn sie an diese Worte zurückdachte. Sie wusste, sie hatte nichts zu befürchten, solange sie sich an Sauron´s Bedingungen hielt, und es gab ja keinen Grund, warum sie es nicht tun sollte: trotzdem mochte sie lieber nicht an dieses Gespräch vor zwei Jahren denken, nicht einmal Xâdres hatte sie je etwas davon erzählt. Es war eines der Unangenehmsten gewesen, die sie je geführt hatte. Aber sie hatte genug darüber nachgegrübelt.
Mit einem Knall warf sie die Schranktür zu, die Kräuter zusammen mit den unangenehmen Gedanken darin verschließend. Draußen war es bereits vollends dunkel geworden und leises Plätschern von Regen war zu hören. Es wurde Zeit, sich zu Xâdres´ Schlafraum aufzumachen. Doch anscheinend war es ihr an diesem Abend nicht vergönnt, dorthin zu gelangen – kaum hatte sie an ihr Vorhaben gedacht, flog die Tür ihres eigenen Gemachs auf und ein durchnässter Xâdres kam hineingestürzt.
"Ich hasse diese verdammten Patrouillen!" verkündete er als erstes, die junge Frau umarmend. "Es regnet, es ist dreckig und voll von Pöbel. Ach ja, kalt ist es dort auch noch!"
"Du solltest dir vielleicht etwas Trockenes anziehen, bevor du weiter fluchst," grinste Anôra und strich ihm die tropfnassen schwarzen Strähnen aus dem Gesicht. "Wie lange müsst ihr das noch machen?"
"Bis die Unruhen sich wieder gelegt haben, und das kann dauern." Xâdres seufzte und warf die feuchten, mit Schlamm bespritzen Kleider in einen dafür vorgesehenen großen Korb in der Ecke. "Gibst du mir ein Handtuch?"
"Will Sauron denn nichts dagegen unternehmen?" Die junge Frau setzte sich auf den Bettrand während er versuchte, seine Haare wenigstens halbtrocken zu kriegen.
"Was kann er im Moment schon tun außer alle verfügbaren Leute auf Patrouille zu schicken? Du hast ja selbst gesehen wie die Gereiztheit seit Galmond´s Verhaftung gestiegen ist. Wohl nicht ohne Beihilfe, wie ich vermute," verzog Xâdres das Gesicht. "Jetzt hilft nur noch Zeit, bis sich die Menge wieder beruhigt hat. Und solange müssen wir zusehen, dass wir die Unruhen so klein wie möglich halten. Heute morgen sollen sogar einige aufgebrachte Tagelöhner versucht haben, eines der Herrenhäuser zu stürmen. Nicht dass sie damit Erfolg gehabt hätten, aber wenn man bedenkt, dass sogar der Gedanke an so etwas vor einigen Jahren als unmöglich galt..."
"Ich verstehe die Sache ehrlich gesagt nicht," gab Anôra zu, nachdenklich eine Haarsträhne um den Zeigefinger wickelnd. "Das kann unmöglich von Galmond´s Verhaftung ausgelöst worden sein. Man kann die Leute anheizen wie man will, er ist doch zurecht geschnappt worden und jeder weiß es auch."
"Es ist in Wahrheit gar nicht wegen Galmond. Weißt du, als die ersten Númenorer hier waren, waren sie alle fast gleich gestellt, mit ausnahme des Königs und seiner weniger Berater. Aber je größer unser Volk wurde, desto mehr trennten sich die Menschen voneinander, es geht nicht anders. Und wie es nun mal ist, werden die Reichen von den Armen beneidet, und die Adligen von den einfachen Leuten. Es braucht nur jemand ab und zu darauf hinzuweisen dass ja früher, in der guten alten Zeit, alles ganz anders war, und schon ist das Volk aufgebracht. Galmond war nur ein Vorwand. 'Seht nur wie der König auf seinen Berater hört, jetzt lässt er auch noch die wenigen Menschen hinrichten, die für uns Straßenvolk eingetreten sind, und teilt sogar ihren Besitz unter seinen Anhängern auf, während wir wieder leer ausgehen!' Und so weiter, und so fort." Xâdres zuckte mit den Schultern. "Es ist eben ungebildeter Pöbel, was erwartest du. Dass sie wirklich an den Staat und seine Interessen denken? Die interessieren sich doch nur für den eigenen Bauch und die Frage, wer mehr hat als sie."
"Dann sollten sie sich vielleicht auch lieber damit beschäftigen, wie sie selbst mehr Geld bekommen anstatt schreiend durch die Stadt zu ziehen," schnaubte seine Gefährtin.
"Das sollten sie wirklich!" lachte der Soldat auf. "Nur schade dass sie es nicht tun. Randalieren macht den Menschen mehr Freude als ehrliche Arbeit. Was soll man schon dagegen tun."
Er gähnte und schlüpfte unter die Bettdecke, Anôra zu sich herunterziehend.
"Was hältst du davon wenn wir das Gespräch auf morgen verschieben?"


II


"Interessant... ich hätte das nie gedacht." Die Frau lehnte sich in ihrem Sessel zurück und versuchte erfolglos, mit dem Blick die Schatten vor ihr zu durchbohren. Man konnte das Gesicht ihres Gegenübers im flackernden Licht der einzigen Kerze in der hintersten Ecke des Zimmers kaum erkennen, doch sah man die seltsam unregelmäßig anmutende Haut auf dessen rechten Seite. "Das erklärt natürlich einiges."
"Schön dass ich euch helfen konnte. Aber werdet ihr mir helfen?"
"Ich bin mir nicht sicher... wirklich nicht... wenn sie so gefährlich ist wie ihr sagt..."
"Gefährlich wenn man nicht weiß mit wem man es zu tun hat. Wir aber wissen es. Und wir haben alle Vorteile auf unserer Seite."
"Ob das wirklich Vorteile sind?" Die Lippen der im Sessel Sitzenden verzogen sich, dem schönen, von dunklen Haaren umrahmten Gesicht einen unzufriedenen und fast schon abstoßenden Ausdruck verleihend.
"Natürlich sind sie das! Wir sind zu zweit, wir wissen mit wem wir es zu tun haben, und, das wichtigste, wir haben die Überraschung auf unserer Seite. Es kann nichts schief gehen."
"Es darf nichts schief gehen!" Die Dunkelhaarige beugte sich vor und ihre Augen blitzen kalt auf. "Versteht ihr? Wenn ich euch helfen sollte, riskiere ich zu viel als dass ihr euch Fehler erlauben könntet!"
"Ein geringes Risiko gibt es immer," räumte die andere Stimme ein. "Doch es ist wie gesagt gering. Äußerst gering sogar. Vor allem für euch; der einzige Mensch, der in Gefahr geraten könnte, bin ich. Wenn ihr den Mund halten könnt, natürlich."
"Für wen haltet ihr mich eigentlich?! Meint ihr ich plaudere so etwas aus? Mäßigt euren Ton!" zischte die Frau.
"Natürlich Mylady, ihr braucht nicht zornig zu werden." Die Stimme klang nun leise und unterwürfig, doch ein aufmerksamerer Zuhörer als die mit Mylady Angesprochene hätte den leisen Sarkasmus darin nicht überhört. "Vor allem da es in unser beider Interesse liegen könnte, nichts zu sagen – allein des Mädchens wegen. Oder wollt ihr, dass sie Vorteile von unserem Zerwürfnis hat? Oder gar eine Chance bekommt, wie bisher weiterzumachen?"
"Ganz sicher nicht. Vorteile? Chance?! Sie wird keine bekommen! Ich will diese kleine Dirne tot sehen! Ich will sie für immer aus dem Weg schaffen!"
Die Figur im Schatten lächelte unmerklich, den Zorn ihres Gegenübers beobachtend.
"Wollt ihr mir also helfen?"
"Ja... ja, ich denke ich werde euch helfen," nickte die Dunkelhaarige entschlossen.
"Sehr schön. Dann brauchen wir uns nur noch über die Details einig zu werden."
"Ihr habt euch bereits überlegt was zu tun ist?"
"Natürlich." Der Stimme nach zu urteilen schien ihr Gegenüber zu lächeln. "Ich komme nicht mit leeren Händen zu euch. Wenn alles so passieren sollte, wie ich es mir vorstelle, wird nie jemand vermuten, dass an der Sache mehr als die Natur beteiligt war."
"Nun," die Dame lehnte sich entspannt zurück. "Dann schildert mir euren Plan... Warum liegt euch eigentlich so viel an der Sache?"
"Rache Mylady. Bloße Rache."
Der Herbst schien in diesem Jahr schneller als sonst zu vergehen. Vielleicht lag es an der frühen Kälte, vielleicht auch daran, dass sowohl Xâdres als auch Anôra alle Hände voll zu tun hatten. Die Unruhen in der Stadt nahmen zu, und auch aus den anderen Städten Númenor´s kamen Meldungen von kleineren Aufständen, nur im halb leeren Andunié blieb es ruhig. Patrouille um Patrouille wurde losgeschickt in alle Winkel von Armenelos, um die aufgebrachten Menschenmengen unter Kontrolle zu halten und nach dem Brandherd der Unruhe zu suchen – nicht einmal der König glaubte noch daran, die Menschen hätten sich von alleine über Monate hinweg so mit Wut auf die Herrschenden aufgeladen. Und während sämtliche Soldaten mit dieser Aufgabe beschäftigt waren wurde nun auch Anôra, trotz ihrer Unerfahrenheit, zur Befestigung des Labyrinths unter dem Palast und dem Tempel herangezogen. Schnell lernte sie es, nicht nur die von ihr und anderen entwickelte Pläne von Fallen in die Tat umzusetzen, sonder auch wackelige Wände an den richtigen Orten mit Stützen zu versehen, gefährliche Stellen zu erkennen, Notlösungen zu finden wenn sich ein Problem nicht mehr mit dem vorhandenen Werkzeug lösen ließ und sich ohne fremde Hilfe in den Gängen zurechtzufinden. Ohne Unterlass rannte sie zwischen den verschiedenen Eingängen zum Labyrinth, den Schmieden und den Waffenkammern des Königs hin und her, den Mangel an Helfern durch die Geschwindigkeit der eigenen Beine kompensierend, und fiel schließlich am späten Abend neben einem ebenso erschöpften Xâdres ins Bett.
Das Kampftraining wurde auf das Nötigste verringert, gerade so viel, um Anôra in Form zu halten. Noch in dem grauen Halbdunkel, das einem anfangenden Tag als Vorbote dient, standen die zwei auf und torkelten halb im Schlaf hinaus auf den Übungshof. Früher, feuchter Nebel und die kalte Luft machten sie jedoch schnell wieder wach. Nach einem kurzen Aufwärmen stellten sie sich mit Schwertern in den klammen Händen in Kampfstellung auf und begannen mit dem Training, um einige Stunden später verschwitzt und schwer atmend zurück in den Palast zu laufen, kaum noch Zeit für ein Frühstück und eine kurze Vorbereitung auf den kommenden Tag habend. Es war zu dieser Zeit noch immer sehr früh, und in den fast leeren, nach frisch gebackenem Brot riechenden Fluren waren bloß Diener anzutreffen. Diese Morgenstunden, kalt und doch voller Leben, mit ihrem Geschmack nach Nebel, schrumpeligen Äpfeln und heißem Brot, waren für Anôra der schönste Teil des Tages.


III


Zarte Schneekruste knirschte unter Anôra´s Stiefeln, als sie den Hof mit den Stallungen darin überquerte und in die Palastgärten hinaustrat. Schnellen Schrittes ging sie durch die leeren Gartenpfade, sich fester in ihren für den Winter viel zu dünnen, mitgenommen aussehenden Umhang wickelnd. Sie hätte eigentlich bei dieser Kälte den Fellbesetzten aus dem Schrank holen sollen, befürchtete jedoch, er würde sich genauso schnell in den schmutzigen Gängen in einen unansehnlichen Lappen verwandeln wie der, den sie gerade um die Schultern hatte. Der rote Ball der Sonne ging hinter ihr über dem Horizont auf und beleuchtete die kahlen schwarzen Äste der im Sommer in Blüten gehüllten Bäume und Sträucher an den Rändern der Wege, um die sich Atemwölkchen aus ihrem Mund wie kleine Nebelschwaden legten bevor sie verschwanden.
Nach einiger Zeit kam sie bei einem der im Garten zahlreich vorhandenen Gartenhäuschen an, holte einen kleinen Messingschlüssel heraus und trat in das wesentlich wärmere, stickige Halbdunkel dahinter. Wie alle anderen Hütten dieser Art war es voll mit den verschiedensten Gartengeräten, Metalldosen und Bottichen mit Samen darin und mit Blumenknollen gefüllten, groben Säcken. Vorsichtig bahnte Anôra sich den Weg durch das Häuschen und schob einen der in einer Ecke aneinander gelehnten Säcke beiseite, eine kleine, fast unsichtbare hölzerne Falltür freilegend. Mit einem leisen Quietschen ließ diese sich aufschwingen und gab den Blick auf eine steil nach unten führende, in völliges Dunkel getauchte Steintreppe frei. Muffiger Geruch jahrhundertealter Keller schlug der jungen Frau entgegen, als sie einige Stufen hinunterstieg und dann die Falltür über sich zuklappte. Sie brauchte auf ihrem Weg nach unten nicht ängstlich jede Stufe mit den Fußspitzen zu prüfen und mit vorsichtig tastenden Fingern die engen Wände entlang zu fahren, wie sie es die ersten Wochen ihrer Arbeit im Labyrinth getan hatte – ihre Füße hatten sich schon lange an diesen Abstieg gewohnt, von alleine den Dellen ausweichend und kaputte Stufen überspringend.
Bald endete die Treppe und Anôra landete in einem Gang, an deren Wänden zahlreiche Fackeln brannten. Die Arbeiten schienen bereits begonnen zu haben; irgendwo in der Ferne hörte man dumpfe Hammerschläge, Stimmen hallten in den uralten Steinwänden wider, in einem Gang rechts von ihr wurde jemand von seinem Meister mit Flüchen überschüttet. Schnell hatte sie diesen von zahlreichen Fackeln erleuchteten Teil unter den Gärten überquert und setzte ihren Weg etwas langsamer durch die größtenteils dunklen Gänge unter dem Tempel vor. Schließlich flackerte schwaches Feuerlicht vor ihr.
"Guten Morgen, Mylady," schallte ihr die kratzige Stimme von Karchôn entgegen, einem alten Baumeister, der diesen wenig erforschten Teil des Labyrinths mit ihr zu bearbeiten hatte.
"Guten Morgen. Ihr seid heute früh auf den Beinen, Meister Karchôn." Anôra trat dem an einer Wand knienden, grauhaarigen Mann entgegen, der fleißig einige Schrauben in den Stein drehte. "Ihr habt meine Pfeilschleuder ja fast fertig," stellte sie überrascht fest, die kleine Konstruktion betrachtend.
"Ich konnte heute Nacht nicht schlafen, da dachte ich mir, ich könnte ja unsere Arbeiten ein wenig vorantreiben anstatt unnütz im Bett zu liegen," lächelte Karchôn und erhob sich ächzend. "Ich werde das Spielzeug hier schon alleine beenden, ihr könnt bereits hinten mit dem Fallbeil beginnen." Er deutete auf das Ende des Ganges, wo auf dem Boden eine dunkle Masse auszumachen war. "Dort in dem Sack liegen alle nötigen Werkzeuge und das Beil selbst."
"Ich danke euch," lächelte die junge Frau, nahm eine Fackel und entfernte sich. Tatsächlich schien in dem großen Sack alles zu sein, was sie bei der Konstruktion von einer der tödlichsten Fallen brauchen könnte: ein scharfes Fallbeil, von seinen Maßen her auf die Breite des Ganges abgestimmt, zahlreiche verschieden große Schrauben und Hacken, ein dickes, grobes Seil für das Beil und eine Rolle des kaum sichtbaren, hauchdünnen "Spinnenfadens", wie der feine graue Garn genannt wurde, ohne den viele der Fallen nicht auskamen. An der betreffenden Stelle war bereits ein großer Stein aus der Decke entfernt. In dieser quadratischen Öffnung sollte nun, eng an einem der übrigen Deckensteine, das Fallbeil angebracht werden, bevor der fehlende Stein an seine alte Stelle kommen und die Klinge so verbergen würde. Doch bis es soweit war, stand Anôra noch viel Arbeit bevor. Seufzend befestigte sie die Fackel an der Wand, schob den Stein unter die Öffnung, stellte sich mit Werkzeug in den Händen darauf und begann mit ihrer Arbeit.
Xâdres eilte durch die Stadt, die ganze Welt dafür verfluchend, dass bei den Patrouillen keine Pferde benutzt wurden. Die in der höher gewanderten Sonne aufgetaute Eiskruste auf der Straße hatte sich in einen feuchten Überzug verwandelt, der über den Pflastersteinen dampfte. Vielleicht hatten aber auch die vielen Menschen dazu beigetragen, die bereits hier hindurchgelaufen waren und wohl noch weiter hindurchlaufen würden. Immer wieder kamen Xâdres aufgebrachte Leute entgegen, es wurden jedoch weniger, je mehr er sich dem Palast näherte. Seit Tagen war die Stimmung in der Hauptstadt am Kochen, mittlerweile arbeitete die Hälfte seiner Bewohner gar nicht mehr, es vorziehend, mit dem Mob durch die Straßen zu ziehen. Immer mehr Zwischenfälle kamen vor, schon viele Adlige und ihr Besitz hatten unter der aggressiven Meute gelitten, auch manche Patrouillengänger lagen verletzt im Palast. Bei einer solchen Lage brauchte man eigentlich jeden Soldaten, den man erreichen konnte, doch Tirazôn hatte angeordnet, trotz allem jedem Soldat der Schwarzen Garde tagsüber wenigstens zwei Stunden Pause zum Ausruhen zu gönnen. Und nun, nachdem er seit den frühesten Morgenstunden draußen gewesen war, durfte auch Xâdres sich endlich für eine Weile zurückziehen. Natürlich unter der Gefahr, jede Minute wieder hinausgerufen zu werden.
Die Übungshöfe der Soldaten waren ungewohnt leer, als er hindurchging, aber er wusste, dass sich in diesem Moment noch ein großer Teil der Schwarzen Garde in Alarmbereitschaft im Palast aufhielt – eine kleine Armee die eingesetzt werden sollte, falls die Lage in der Stadt zu brenzlig werden sollte. In seinem Zimmer angekommen, überlegte er kurz, ob er Anôra aufsuchen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Er hatte keine Ahnung wo er sie in dem Labyrinth unter dem Tempel suchen sollte, und davon abgesehen würde die junge Frau wahrscheinlich sowieso in ihre Arbeit versunken sein und nicht viel Zeit haben. Seufzend zog der Soldat die Stiefel von seinen Füßen und streckte sich auf dem Bett aus. Es würde wohl das Klügste sein, jetzt ein wenig zu schlafen.
"Lady Anôra!" Der Schrei kam in der Stille des Labyrinths so unerwartet, dass Anôra zusammenzuckte und die Schraube aus ihren Fingern fallen ließ. Sie fluchte und blickte sich verärgert um. Ein schlacksiger junger Mann, den sie als einen von Karchôn´s Lehrlingen erkannte, kam durch den Gang auf sie zugerannt, mit einem hoch erhobenen Stück Papier in seiner Hand.
"Was ist denn los?!" fragte sie gereizt, sich eine Strähne roten Haares aus dem Gesicht wischend.
"Ich soll euch diesen Brief überbringen," verkündete der Lehrling atemlos und reichte ihr den zusammengefalteten Zettel.
"Danke." Immer noch mürrisch stieg Anôra auf den Boden hinunter und nahm den Brief entgegen. "Ihr könnt wieder gehen."
Sobald der Mann mit einer leichten Verbeugung wieder verschwunden war, setzte sie sich auf den Stein und entfaltete das Blatt. Zu ihrer Überraschung war er mit einigen schnellen Worten in Xâdres´ Schrift versehen – und den unregelmäßigen Buchstaben nach muss der Soldat sich in großer Eile befunden haben, als er die Botschaft geschrieben hatte:
'Komm bitte so schnell es geht zum Grünen Teich. Es ist wichtig. In Liebe, Xâdres.'
Nachdenklich ließ Anôra den Zettel aus ihren Fingern gleiten. Der Grüne Teich war ein recht tiefer, dafür aber auch ein ziemlich kleiner Teich im westlichen Teil der Stadt, umgeben von einer kleinen Baumgruppe, die wiederum von mehreren Hinterhöfen umschlossen wurde. Sonntags war es ein Treffpunkt für Waschweiber, abends für Verliebte, und tagsüber für Menschen, die etwas zu bereden hatten und dabei nicht gerne gesehen werden wollten. Und anscheinend war genau das Letztere der Fall. Was mochte wohl passiert sein? Aber für Fragen würde später noch Zeit sein. Wäre es nicht wirklich dringend, hätte Xâdres sie nicht so angeschrieben. Sie schnappte sich ihren Umhang, und lief den dunklen Gang entlang – ein Weg unter dem Tempel würde jetzt schneller sein, als zu den Gärten zurückzukehren und dann den Hügel hinunterzulaufen.
Xâdres konnte einfach nicht einschlafen. Tausend Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, und außerdem sehnte er sich nach Anôra´s Nähe. Zum wohl zehnten Mal überlegte er sich, ob er nicht doch kurz in die Gänge hinuntersteigen sollte, einfach um sie kurz zu sehen. Irgend jemand würde schon wissen wo sie arbeitete, und er brauchte auch nicht lange zu bleiben. Ja, so könnte er es machen. Schon wenige Minuten nach dieser Entscheidung eilte er durch den Palast, und dann in die Gärten hinaus, halbherzig auf die Begrüßungen der ihm begegnenden Höflinge antwortend: in Gedanken war er längst bei der jungen Frau. So merkte er es auch nicht, wie sich plötzlich eine Figur direkt auf ihn zubewegte, bis er beinahe in die vor ihm aufgetauchte Hofdame hineinrannte.
"Schön, dich wieder zu sehen."
"Hallo Áncabeth," warf er hin und wollte weiter, doch die Adlige vertrat ihm sanft den Weg.
"Ich dachte du wärst bei den Patrouillen eingeteilt?"
Xâdres seufzte innerlich. Die Frau war wohl auf ein Gespräch eingestellt, doch dafür hatte er jetzt weder Lust noch Zeit.
"Schon, aber ich habe jetzt eine Pause bekommen. Wenn du mich entschuldigst, ich muss weiter."
"Wohin denn so eilig?" Die Hofdame lächelte belustigt.
"Ich möchte zu Anôra," antwortete der Soldat knapp. Wenn sie es schon unbedingt hören wollte, nun, dann sollte sie eben.
"Aber sie ist doch vorhin aus dem Palast gegangen?"
"Was?" Xâdres blickte Àncabeth verwundert an. "Wie, sie ist aus dem Palast gegangen?"
"Na ja, als ich vorhin hierher gekommen bin, um etwas frische Luft zu schnappen, ist sie an mir vorbeigerannt." Die Frau zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung wohin sie wollte, aber es sah ziemlich dringend aus."
"Oh..." Er senkte enttäuscht den Blick. Anscheinend hatte Anôra einen Auftrag von Sauron bekommen. Also würde doch nichts aus seinem Plan werden, die junge Frau zu überraschen. "Schade. Dann warte ich eben."
"Wenn du nichts dagegen hast, würde ich dir gerne ein wenig dabei Gesellschaft leisten. Ich wollte sowieso noch ein wenig hier draußen bleiben, und wir haben uns lange nicht mehr unterhalten." Sie lächelte wieder. "Weißt du, wir sind doch recht unschön auseinander gegangen. Ich glaube, das war wohl teilweise auch meine Schuld, und es tut mir bis heute leid. Es ist schade, dass wir gar nicht mehr miteinander reden, findest du nicht?"
Xâdres musterte die Hofdame scharf. Ihr Gesicht und ihr Blick waren so ruhig und freundlich wie ihre Stimme. Anscheinend meinte sie es wirklich ehrlich, auch wenn er es schwer glauben konnte. Nun, warum eigentlich nicht? Menschen ändern sich schließlich. Und das Warten auf Anôra würde bei einem Gespräch auch schneller vorbeigehen.
"Wir können gerne ein wenig Plaudern," nickte er schließlich. "Aber lass uns ein wenig weiter zur Straße gehen."
"Natürlich." Áncabeth´s Gesicht erstrahlte. "Doch erzähl, wie geht es dir? Und dem Mädchen?"


IV


Anôra ging schnellen Schrittes durch die Straßen, verwundert die vielen aufgebrachten Menschen betrachtend, die anscheinend alle in die gleiche Richtung rannten wie sie. Die meisten waren einfach gekleidet, und viele von ihnen trugen Stöcke und Äxte in den Händen, auch einige Fleischermesser hatte sie unter den schmutzigen Umhängen aufblitzen gesehen. Es schien sich wohl wieder ein Straßenkampf anzubahnen... Sie hoffte bloß, dass Xâdres nichts passieren würde – dieser Mob war zu allem fähig. Aber nein, Xâdres wartete ja am Grünen Teich auf sie, und dort kam tagsüber fast nie jemand dorthin. Bald hatte sie das Ziel der an ihr vorbeirennenden Leute erblickt: den großen Marktplatz unweit des Teiches, an dem sich eine recht große Menge zu versammeln schien. Nun, das sollte nicht ihr Problem sein. Sie bog in ein Seitengässchen ein und beschleunigte ihre Schritte. Die Zahl der ihr entgegenkommenden Menschen wurde immer kleiner, bis sie durch eine fast leere Straße ging, und nach kurzer Zeit erblickte sie ihr Ziel; ein schmaler Durchgang zwischen zwei dreistöckigen Häusern.
Schnell schlüpfte sie hindurch und landete in dem kleinen, von hohen und größtenteils fensterlosen Hausmauern umzäunten Park, der nach dem Lärm auf den Straßen in eine fast gespenstische Stille getaucht war. Hier und da lag etwas von der feinen Schneeschicht, die am frühen Morgen in den Gärten zu finden war, und auch die kahlen Äste der Bäume waren noch von hauchdünnem weißen Schnee ummantelt – hier kam die Sonne fast nie hinein. Langsam ging sie den Pfad entlang zu dem Teich, der vor ihr zwischen den Bäumen schimmerte. Dort angekommen, blickte sie sich verwundert um. Das Wasser war von einer grünlichen Eisschicht überzogen, auf der ebenfalls etwas Schnee lag, und weder auf dieser, noch auf der anderen Seite des Teiches war etwas außer den Bäumen und den grauen Mauern im Hintergrund zu sehen. Hier schien niemand zu sein. Wahrscheinlich war Xâdres also doch von den Unruhen aufgehalten worden. Erneut dachte Anôra besorgt daran, ob ihm wohl etwas passiert sein mochte. Unruhig ging sie am Wasser entlang, gänzlich in Gedanken versunken.
Die Bewegung rechts von ihr kam so plötzlich, dass sie nicht einmal Zeit hatte, den Kopf herumzureissen. Mit Wucht traf sie ein schwerer Körper in die Schulter und ehe die junge Frau etwas tun konnte, schleuderte der Schlag sie zur Seite. Das den Teich bedeckende, noch dünne Eis brach mit einem hässlichen Knirschen ein, als sie hart darauf aufschlug.
Áncabeth lachte hell auf.
"Ich hätte nie gedacht dass der Adel in Rómenna so auf Schiffe versessen ist. Doch hat es euch letztendlich dort gefallen?"
"Ja, das auf jeden Fall. Die Stadt ist wirklich wunderschön. Besuch sie doch mal, du würdest mit den Damen dort bestimmt gut auskommen." Xâdres konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. Er redete bereits seit einer geraumen Weile mit Áncabeth, doch obwohl sie dieses Mal tatsächlich ehrlich gewesen zu sein schien, hatte er auch feststellen müssen, dass die Hofdame ansonsten um keinen Deut interessanter oder vielseitiger geworden war, und allmählich begann das Gespräch ihn zu langweilen.
"Oh, ich komme meistens gut mit Menschen aus," nickte diese, die Ironie seines letzten Satzes überhörend. "Weißt du, als ich..."
"Mylord?" Ein untersetzter, grauhaariger Mann in verschmutzen Arbeitskleidern, der aus der Tiefe der Gärten kam, blieb verblüfft vor den zwei Menschen stehen. "Ihr hier?"
"Ihr seid doch Karchôn, nicht wahr?" Xâdres blickte den Mann interessiert an. Er hatte ihn mehrmals kurz gesehen, und auch Anôra erzählte öfter von dem alten Baumeister, von dem sie viel über Fallenbau und die Baukunst allgemein gelernt hatte.
"Ja, aber... ihr seid doch Lord Xâdres, oder?"
"Der bin ich." Der Soldat runzelte verständnislos die Stirn, was verwirrte den Mann so daran? "Was ist denn los?"
"Nichts, aber ich dachte, ihr würdet euch mit Lady Anôra treffen." Karchôn blickte sein Gegenüber etwas verloren an.
"Wieso?" Nun war es an Xâdres, verwundert zu sein. "Lady Anôra ist doch gar nicht hier, soweit ich weiß?"
"Nein, aber... nun, ich habe wohl etwas falsch verstanden." Karchôn zuckte mit den Schultern.
"Was ist denn passiert? Sagt, vielleicht kann ich eure Verwirrung auflösen." Xâdres lächelte.
"Nun ja, vorhin war ich gerade im Labyrinth beschäftigt, und Lady Anôra arbeitete im selben Gang, aber weiter hinten. Und dann ist sie ohne jede Erklärung verschwunden, ich habe sie nur noch am anderen Ende verschwinden gesehen. Da bin ich ihr nach, um zu fragen, wo sie denn hinwill, und fand da, wo sie gearbeitet hatte, eure Botschaft, und nun sehe ich euch hier..."
"Welche Botschaft?" Ein leises Alarmglöckchen begann in Xâdres´ Kopf zu klingeln.
"Die hier Mylord, ich habe den Brief aufgehoben weil sie ihn wohl vergessen hat, nun ja, ein Brief ist es nicht gerade, aber ihr wisst es ja sowieso." Bereitwillig holte Karchôn aus seiner Lederschürze einen zerknitterten Zettel hinaus und reichte ihn dem Soldaten. Xâdres glättete das Papier so gut es ging.
"Komm bitte so schnell es geht zum Grünen Teich. Es ist wichtig. In Liebe, Xâdres."
Er hob die Augen von dem Brief und blickte den Baumeister entgeistert an.
"Das habe ich nicht geschrieben," meinte er leise, doch mit einem Unterton in der Stimme, der zu sehr an aufkommende Panik erinnerte.
"Nicht?! Wie..." Karchôn brach entgeistert ab.
"Das habe ich nicht geschrieben!" wiederholte Xâdres, dieses Mal so laut dass er fast schrie. "Es ist meine Schrift, aber ich habe es nie geschrieben! Versteht ihr das?!"
"Dann... meint ihr, jemand hat eure Schrift gefälscht? Doch wozu?"
Xâdres antwortete nicht, auf das Papier in seinen Händen starrend.
"Ja..." flüsterte er. "Jemand hat es gefälscht. Nur, wer kennt meine Schrift so gut?" Er hielt kurz inne, dann weiteten sich seine Augen plötzlich. "Áncab..."
Der Soldat sprach den Namen nicht zu Ende. Die Hofdame war verschwunden.
Die eisige Kälte des Wassers machte sie für einen Augenblick so benommen, dass Anôra erst unter der Wasseroberfläche realisierte, wo sie war. Prustend und keuchend kam sie wieder hoch, ihre Arme schlugen unkoordiniert auf das Wasser. Doch bevor sie etwas sehen konnte drückten zwei Hände ihren Kopf wieder nach unten. Mit aller Kraft versuchte sie, den Druck auf ihrem Kopf abzuschütten, aber es schien, als hätten sich zwei eiserne Zangen um ihre Schläfen gelegt. Wild kratze und zerrte sie an den fremden Fingern, und tatsächlich hörte man oben dumpf einen Schmerzensschrei und der Druck ließ kurz nach.
Erneut kam Anôra an die Oberfläche, scharf die Luft einsaugend – und im nächsten Moment füllte statt dessen Wasser ihre Lungen, als der Unbekannte sie unter das Wasser zurücktrieb. Stechender Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus und schwarze Kreise schwammen vor ihren Augen hin und her. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und nichts weiter tun, als hilflos unter dem Druck der erbarmungslosen Hände zu straucheln. Endlich, mehr aus Reflex denn aus Berechnung, klammerte sie sich an den Handgelenken des Fremden fest und zog mit aller Kraft daran.
Ein Fluch, und jemand fiel auf Anôra, sie noch weiter unter Wasser drückend. Panisch schlug sie um sich, stieß den schweren Körper von sich und kam japsend an die Luft. Eine Sekunde später tauchte ein Gesicht neben ihr auf, und zwei hasserfüllte graue Augen starrten sie an.
"Mír...!" Mehr brachte die junge Frau nicht heraus, als sich Mírna mit wutverzerrten Zügen auf sie stürzte und sie wieder unter das Wasser drückte. Doch dieses Mal ließ Anôra sich nicht mehr so leicht unterkriegen – die Luft in ihren Lungen, und die Erkenntnis, wer ihr Gegner war, hatten ihren Verstand zurückgebracht. Entschlossen trat sie nach vorne aus, gleichzeitig Mírna´s Handgelenke so gut es ging verdrehend. Die Getreue schrie auf, ließ Anôra´s Kopf los, und im nächsten Augenblick gelang es dieser, das Blatt zu wenden; Anôra verlagerte ihr ganzes Gewicht auf ihre Gegnerin, sie unter die Wasseroberfläche zwingend.
Einige Momente schaffte sie es, Mírna unter Wasser zu halten, bis deren Gegenwehr doch noch Wirkung zeigte und die Getreue sich Anôra´s Griff entwand. Sofort umklammerten zwei Hände den Hals der jungen Frau und zwangen sie erneut in die Tiefe. Verzweifelt zog Anôra die Getreue hinter sich her – lange würde sie einen solchen Kampf gegen eine Gegnerin, die ihr in ihrem geschwächten Zustand überlegen war, nicht durchhalten.
Was in den nächsten Sekunden geschah, verstand sie selbst nicht mehr. Die zwei Frauen vermischten sich in dem eisigen Nass zu einem einzigen wild kämpfenden Knäuel. Anôra zog an irgend etwas, trat und schlug um sich, gleichzeitig selbst an so vielen Stellen neue Ausbrüche von Schmerz verspürend dass sie nicht mehr wusste, woher er stammte, von der Kälte des Wassers, den spitzen Eisrändern oder ihrer Gegnerin. Mehrmals versuchte sie, an die Luft zu kommen, aber jedes Mal, wenn es ihr beinahe gelang, zogen Mírna´s Hände sie erneut nach unten. Sie wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, als nach und nach ihre Gliedmaßen schwerer wurden und ihre Bewegungen immer träger. Das einzige was Anôra noch wusste war, dass wenn sie nicht bald atmen konnte, sie wohl für immer unter Wasser bleiben würde.
Und Xâdres nie mehr wiedersehen. Der Gedanke peitsche durch ihr ermattetes Bewußtsein wie ein glühender Feuerstrang. Als hätte ihr jemand neue Kraft verliehen griff die junge Frau Mírna plötzlich mit derart unerwarteter Energie an, dass diese für einen Augenblick die Kontrolle über ihre Bewegungen verlor. Und das reichte aus. Ohne zu überlegen ließ Anôra ihre Hand schräg nach oben zu ihrer aufgetauchten Gegnerin hervorschnellen und traf mit den Handballen das Nasenbein der Frau. Mírna heulte vor Schmerz auf, doch der Schrei ging im nächsten Moment in einer Menge von Wasserblasen unter, als Anôra sie mit Gewalt unter die Oberfläche beförderte, gleichzeitig gierig nach der ersehnten Luft schnappend. Die Frau versuchte noch einige Zeit erfolglos, sich aus dem unerwartet kräftigen Griff zu befreien, dann wurden ihre Bewegungen immer fahriger, bis sie sich schließlich nicht mehr bewegte.
Mit schlafwandlerischer Langsamkeit nahm Anôra die Hände von dem blonden Haarschopf. Jetzt erst spürte sie die eisige Kälte in ihren Gliedmaßen, die Gefühllosigkeit in den Fingern, die bleierne Müdigkeit und die Schwere der mit Wasser vollgesogenen Kleider. Übelkeit kam ihr die Kehle hoch, vor ihren Augen drehte sich alles, ein Klingeln lag beständig in ihren Ohren. Sie musste sofort aus dem Wasser raus.
Aber bereits der erste Versuch, sich am Eis herauszuziehen, schlug fehl -–zu dünn, um ihre Last zu tragen, brach es sofort unter ihren Händen ein und sie landete mit dem Gesicht im Wasser, die Finger an den Eisrändern blutig geschnitten. Erst nach mehreren Versuchen hielt das Eis unerwartet: es war die dickere Schicht direkt am Ufer. Mit einer Anstrengung, die ihre Kräfte beinahe überstiegen hätte, zog Anôra sich Stückchen für Stückchen hinaus, bis endlich kalte Erde unter ihren Händen zu spüren war. Noch ein letzter Ruck, und es war geschafft: sie lag auf festem Boden. Und wäre am liebsten so liegen geblieben – bloß das Bewusstsein, dass das ihren Tod zur Folge haben würde, trieb Anôra wieder auf die Beine.
Schwankend stand sie auf und blickte zum Teich. Fast die gesamte Eisschicht war durch den Kampf der zwei Frauen zerstört worden. Teilweise waren die Eisränder leicht rötlich gefärbt. In der Mitte dieses Loches war Mírna. Sie trieb mit dem Gesicht nach oben im Wasser, in ein einfaches Hemd, Hose und Stiefel gekleidet. Die hellen Haare schwammen um ihr Gesicht herum, das mit weit geöffneten Augen zum Himmel starrte, seine blassblaue Leere widerspiegelnd. Anôra schauderte als sie in das Gesicht selbst sah; während die linke Seite völlig unversehrt war, war die Haut auf der rechten Seite eine einzige große Brandnarbe geworden, bräunlich und verschrumpelt wie das Gesicht einer Hundertjährigen. Mit einem Schlucken wandte Anôra sich ab und wankte zitternd den Pfad entlang zurück in die Stadt, sich unnötigerweise in den zerrissenen nassen Lappen wickelnd, das mal ihr Umhang gewesen war.
Sie sah kaum etwas als sie durch die Straße stolperte, ihr einziger Gedanke war bloß der nächste Schritt. Der immer lauter werdende Lärm einer Menschenmenge stieg in ihrem Kopf zu einem ohrenbetäubenden, grauenvollen Geräusch an. Niemand achtete auf sie. Irgendwann wurde sie angerempelt, dann nochmal und nochmal, immer öfter, schließlich zu irgendeiner Hauswand abgedrängt. Als Anôra mit Mühe den Kopf hob verstand sie, warum: sie war auf den großen Marktplatz hinausgekommen, zu dem sie so viele Menschen hatte laufen gesehen. Nun waren sie alle da, Laufburschen, Verkäufer, Tagelöhner, ärmere Kaufleute, Schneider, Schmiede, Teppichknüpfer, Kinder, Frauen, Greise und Bettler, sie alle waren da und schrien, forderten etwas vor einer großen Villa, mit Stöcken und Äxten in den hoch erhobenen Händen. Sie konnte nicht viel davon verstehen, was die Menge schrie, doch sie erkannte das Haus: es war die Villa eines der einflussreichsten Höflinge, des königlichen Finanzministers.
Zitternd versuchte sie, wieder aus dem Menschengetümmel hinauszukommen. Doch das erwies sich als schwerer als sie gedacht hatte: die Bewegung des Mobs riss sie mit sich, ständig wurde sie von jemandem gestupst oder angerempelt. Nach kurzer Zeit wurde sie erneut an ein Haus gedrängt und gegen die Wand gedrückt. Die Leute schrien zornig etwas, an die Villa des Ministers gewandt. Fremde Rücken und Schultern pressten die junge Frau an die Wand, immer fester, ihr keine Luft mehr zum Atmen lassend. Sie versuchte den Mund aufzumachen und etwas zu schreien, aber heraus kam nur ein Krächzen, das niemand hörte.
Erneut begannen schwarze Flecken vor ihren Augen zu tanzen, das Geschrei der Menge verwandelte sich in ein einziges Tosen. Sie spürte wie ihre Füße den Halt verloren und sie langsam umfiel.
Die Hand kam so unerwartet wie rechtzeitig. Feste, warme Finger schlossen sich um Anôra´s Ellenbogen und zogen sie in die Höhe. Langsam aus der Starre erwachend registrierte sie mit leiser Verwunderung, dass sie auf einmal in der Luft baumelte – und im nächsten Moment auf dem warmen Rücken eines Pferdes lag.
"Anôra! Anôra, hörst du mich?!" Eine besorgte, angenehm vertraute Stimme verschaffte sich einen Weg durch das Geschrei der Menge, und eine ebenso vertraute Hand schlug ihr leicht gegen die Wange.
"Du musst aufwachen, hörst du?"
Anôra öffnete mühsam die Augen und lächelte das Gesicht über ihr an. Sie wollte jetzt gar nicht erst versuchen zu reden: und war sich außerdem sowieso recht sicher, dass es nicht klappen würde.
"Dem Himmel sei Dank!" Xâdres stütze ihren Kopf an sich ab und sah sich besorgt um. Die Menge war aufgebracht, und das Auftauchen eines einzelnen Soldaten der Schwarzen Garde war offensichtlich nicht sehr gut aufgenommen wurden. Immer mehr Schreie wurden laut, man solle ihn doch vom Pferd werfen, aber noch traute sich keiner an ihn heran – es war nur zu bekannt, wie gut die Schwarzen im Kampf ausgebildet waren. Lange würde dieses Wissen die zornige Menge jedoch nicht aufhalten. Der Soldat zog sein Schwert und ließ sein Pferd einige Schritte vorgehen, dann stockte es aber endgültig an den zusammengerückten Reihen wütender Menschen vor ihm.
"Was ist los?" flüsterte Anôra unruhig.
"Nichts mein Mädchen," lächelte er sie an. "Mach dir keine Sorgen." Die junge Frau nickte und schloss die Augen. Ihr ganzer Körper zitterte und fühlte sich eiskalt an, er wollte gar nicht wissen, wie lange sie im Wasser gewesen war. Er musste sie so schnell wie möglich ins Warme bringen.
"Da ist einer von ihnen!" kreischte plötzlich ein aufgebrachtes Marktweib direkt vor ihm. "Da ist einer von diesen Verrätern, die nur für die dicken Adelsbäuche da sind!"
"Und gleich ist es einer weniger!" knurrte ein Mann neben ihr. Im nächsten Moment bäumte sich das Pferd unter Xâdres auf und fiel röchelnd zu Boden, mit einer kleinen Fleischeraxt im Hals: der Soldat hatte kaum Zeit, mit Anôra im Arm vom Rücken des Tieres zu springen. Die Gesichter der Menschen um ihn herum wurden aggressiver, viele umfassten ihre hausgemachten Waffen fester, und der Pöbel rückte näher. Ohne darauf zu achten lehnte Xâdres die junge Frau vorsichtig an den noch warmen Brustkorb des toten Pferdes und baute sich mit dem Schwert in der Hand über ihr auf.
Als der ruhige Blick der kühlen grauen Augen über die Menge flog wurde es mit einem Mal leiser um das Paar herum.
"Wer auch nur einen Schritt nach vorne macht wird in zwei Hälften nach Hause getragen werden müssen," verkündete der Soldat laut. "Darauf habt ihr mein Wort!"
Diese Ankündigung schien der Menge noch etwas von ihrer Sicherheit zu nehmen, und einige der ihm am nächsten stehenden Menschen wichen unsicher einen Schritt zurück.
"Er ist doch allein!" schrie plötzlich ein bärtiger Mann fast direkt vor ihnen nach einigen Momenten der Unschlüssigkeit. "Greifen wir an!"
Wie auf ein Signal hin erneuerte sich sofort der wütende Lärm des Mobs, und die Leute rückten näher. Xâdres machte ohne eine weitere Vorwarnung einen knappen Ausfall nach vorne, und der Kopf des Schreihalses flog von seinen Schultern. Einige spitze Schreie ertönten in der wiederholt zurückweichenden Menge, doch schon kurze Zeit später schlug das kurzzeitige Entsetzten der Menschen in Hass um, und erneut ließ ein besonders eifriger Angreifer unter der rot schimmernden Klinge sein Leben. Immer öfter musste der Soldat sein Schwert durch die Luft schwingen. Mehr und mehr Menschen fielen blutüberströmt auf das Pflaster, einen Kreis aus Leichen um das Paar bildend. Schweiß tropfte ihm in die Augen und schnell stärker werdende Schmerzen zogen seinen Schwertarm hinunter, aber die Angreifer wurden nicht weniger. Zornig biss Xâdres die Zähne zusammen und zog seinen Dolch, nun mit zwei Klingen den Ansturm der Menge bremsend. Plötzlich traf irgendein übersehener Stock ihn am Hinterkopf und raubte dem Mann für einen Bruchteil der Sekunde die Sicherheit, was reichte, um noch mehr Menschen dazu zu ermutigen, sich mit einem Angriff hervorzuwagen. Mit einem Mal wusste er nicht mehr, in welche Richtung er sich zuerst wenden sollte – von überall her kamen die gleichen wütenden Gesichter und mit Hausgerät bewaffneten Fäuste.
"Beiseite ihr Hunde! Beiseite!" erhob sich in diesem Moment unerwartet eine tiefe, dröhnende Stimme über der Menge, jegliche anderen Geräusche übertönend. Xâdres warf den Kopf hoch und hätte beinahe vor Erleichterung aufgeschrien. Am anderen Ende des Platzes schob sich Tirazôn auf einem riesigen schwarzen Hengst durch die Menge, mit der flachen Seite des Schwertes Hiebe nach rechts und links verteilend, hinter sich zwanzig Reiter der Schwarzen Garde, deren ebenfalls entblößten Schwerter in der kalten Wintersonne blitzten. Wie aufgescheuchte Fliegen stoben die Leute vor diesem schwarzen Pflug aus Tieren und Menschen in alle Richtungen, und wenige Augenblicke später nahm der Hauptmann der Schwarzen Garde Xâdres die fast ohnmächtige Frau ab.
"Keine Alleingänge, wie oft soll ich euch das noch eintrichtern?" brummte er, Anôra in seinen Umhang wickelnd und auf den Sattel vor sich legend. "Das Kind ist ja halb erfroren, warum hast du ihr nicht gleich etwas Warmes gegeben? Nennst du das Aufpassen, Soldat? Euer Glück dass wenigstens Meister Karchôn genug Hirn hatte, mich aufzusuchen! Und ich darf mich nachher vor Sauron verantworten, warum ich seine Garde anstelle gewöhnlicher Wachleute aus dem Palast gerissen habe, wie? Ihr zwei seid mir ja welche..."
Xâdres antwortete nichts, vor Erleichterung und Müdigkeit schwankend. Ihm war so oder so mehr danach, Tirazôn vor Dankbarkeit um den Hals zu fallen als mit ihm zu streiten – davon abgesehen dass der Hauptmann anscheinend selbst in größter Sorge gewesen sein musste, wenn er schon mit solchem Aufwand gefolgt war. So drückte er Tirazôn nur dankbar die Hand und ließ sich von einem der Soldaten in den Sattel hinter diesem helfen. Anôra lebte, das war das Wichtigste.
(Polina)