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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Sommer 3002


I


Anôra machte einige langsame Schritte und lugte um die Ecke. Im verrauchten Halbdunkel des vor ihr liegenden Ganges ließ sich jedoch nicht allzu viel erkennen. Leise bog sie hinein und ging mit klopfendem Herz vorwärts. Sie wollte gar nicht daran denken was sie erwartete, würde man sie hier erwischen. Der Schwarze Tempel war ihr von Anfang an strengstens verboten worden, und die Strafe für einen solchen Verstoß würde wohl dementsprechend hart ausfallen. Aber noch hatte man sie ja nicht erwischt... Schritt um Schritt glitt das Mädchen vorwärts über den unebenen Boden, manchmal abrupt anhaltend und angespannt in die steinernen Gewölbe hineinhorchend, um nach einigen Augenblicken den Weg wieder fortzusetzen.
Nach einiger Zeit hielt sie erneut inne, doch dieses Mal war es keine Täuschung – tatsächlich hörte sie ganz leise ein seltsames, monotones Geräusch durch den Stein dringen. Schon beinahe auf Zehenspitzen folgte Anôra den Lauten. Je näher sie ihrer Quelle kam, desto deutlicher wurde ihre Natur; es schien eine Art Singsang zu sein, der gleichmäßig auf- und abschwellte. Plötzlich trat sie in einen breiten, mit glänzendem dunklen Marmor verkleideten Gang, und der Gesang war ganz nah. Mit angehaltenem Atem näherte sie sich einer scharfen Kurve in etwa zwanzig Fuß Entfernung, hinter der sich anscheinend der Ursprung der Laute verbarg. Immer wieder drehte sie sich um, aber der Gang hinter ihr blieb leer. Schließlich war sie an der Biegung angekommen und schaute vorsichtig herum.
Vor ihr erstreckte sich kein weiterer Flur, sondern ein größerer Saal. Es gab dort weder Schmuck noch Möbel, nur Fackeln, glänzende schwarze Säulen entlang der Wände und einen großen rechteckigen Stein in der Mitte, um den etwa zehn in weite dunkle Gewänder gekleidete Männer standen, aus deren Mündern eben der Singsang kam, dem Anôra gefolgt war. Als ihr Blick aber auf den Stein selbst fiel zuckte sie zusammen: ein angeketteter Mensch war darauf zu erkennen. Er rührte sich nicht.
Mit einem Male hob einer der schwarzgekleideten Männer die Hand und der Gesang verstummte. Er machte einen Schritt nach vorne und zog einen schmalen länglichen Gegenstand aus seiner Robe. Der auf dem Altar Liegende scharrte unruhig mit den Händen, als er diese Bewegung sah. Anôra riss entsetzt die Augen auf, als der Schwarzgekleidete den Gegenstand hob und im Schein des Feuers die geschliffene Klinge eines langen Dolches aufblitzte. Der angekettete Mann schien es nun auch bemerkt zu haben, er schrie auf und riss an den Fesseln. Ohne darauf zu achten hob der Priester den Dolch noch höher und sagte etwas, was Anôra nicht verstand. Die Worte klangen der Sprache Mordor`s ähnlich, doch sie schienen gröber und härter zu sein und kamen so ungelenk von der Zunge des Mannes, als wären sie nicht für Menschen geschaffen worden. Der Gesang der übrigen Priester setzte wieder ein, wurde immer lauter, bis der Mann mit einer plötzlichen Bewegung den Dolch hinuntersausen ließ, die Waffe wieder hob und erneut zustach. Der in ein Röcheln übergegangener Schrei des Opfers fiel zusammen mit dem unwillkürlichen Aufschrei von Anôra.
Sofort hielt sie sich erschrocken die Hände vor den Mund, aber es war zu spät: der Gesang brach ab und zehn Augenpaare richteten sich auf die Gestalt am Eingang. Ohne den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten fuhr Anôra herum und rannte los. Kaum hatte sie den Gang erreicht, aus dem sie gekommen war, hörte sie auch schon schnelle Schritte und Schreie hinter sich. Sie beschleunigte und raste bald ohne zu überlegen wohin durch die halbdunklen Gänge, ständig abbiegend und die Richtung wechselnd.


II


Nach und nach fielen ihre Verfolger zurück, und als schließlich Stille hinter ihr herrschte blieb Anôra stehen und lehnte sich mit klopfendem Herzen an die Wand. Nachdem sich ihr Atem etwas beruhigt hatte stieß sie sich von den Steinen ab und schaute sich um. Sie stand in einem niedrigen, verdreckten Gang in dem nicht einmal Fackeln brannten und fast völlige Dunkelheit herrschte. Und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie eigentlich war.
Endlich setzte sie sich in Bewegung, aufs Geratewohl eine Richtung einschlagend. Wie im Traum stolperte sie vorwärts, die grauenvolle Szene von vorhin immer noch vor den Augen, die in Trance singenden Priester, das Aufblitzen des Dolches, der Schrei des getöteten Mannes, das vor Hass verzerrte Gesicht seines Mörders als er immer wieder zustach, diese Bilder drehten sich in einem wilden Kreis vor ihr bis sie keinen Schritt mehr tun konnte. Anôra fiel auf die Knie und starrte den Boden vor sich an. Schließlich ging ein Zittern durch ihren Körper und sie erbrach.
Das half, zumindest hörte das übelerregende Schwindelgefühl auf. Mit der linken Hand an der kalten, feuchten Wand des Ganges Halt suchend stand sie auf und ging auf unsicheren Beinen weiter.
"Hör auf, dich wie ein kleines Kind zu benehmen," flüsterte sie. "Du wirst noch viel Schlimmeres sehen als eine Opfergabe an Melkor, also reg dich verdammt noch mal nicht so darüber auf!"
Tatsächlich klang langsam der Schrecken des Gesehenen ab und der Nebel in ihrem Kopf lichtete sich ein wenig. Erst jetzt bemerkte Anôra dass sie sich anscheinend gar nicht mehr unter dem Tempel befand, sondern in dem unterirdischen Labyrinth, das sich zwischen dem Palast und dem Tempel erstreckte und durch das sie auch hineingelangt war. Doch wo lag der Gang, durch den sie gekommen war? Sie wusste es nicht. Stattdessen fiel ihr plötzlich auf, wie sehr es in dem Gang stank, nicht nach Abfällen oder ähnlichen, sondern nach etwas anderem, es war ein ekelerregender, säuerlicher Geruch der scheinbar alles zu durchdringen schien, die steinernen Wände, den Boden, ihre Kleider und sogar ihre Haut. Anôra schüttelte sich bei diesem Gedanken und ging schneller. Je eher sie hier raus sein würde, desto besser. Aber es verging wesentlich mehr Zeit als sie gedacht hatte, bis endlich ein Flackern vor ihr zu sehen war und sie in den von Fackeln erhellten Hauptgang trat. Nachdem sie sich flüchtig vergewissert hatte, dass er leer ist, rannte Anôra so leise wie möglich los.
Das hier war der gefährlichste Teil ihres Weges, denn hier konnten ihr jederzeit Priester oder Soldaten begegnen. Trotz ihrer Befürchtungen ging jedoch alles gut und bald bog sie in einen unbeleuchteten kleinen Gang zu ihrer Linken ab, an deren Ende Tageslicht zu sehen war; ein unvergittertes Kellerfenster, das in die Gärten hinausging und durch das sie auf ihrer Suche nach einem Weg in den Tempel hineingeklettert war. Wo der richtige Eingang zu dem Labyrinth war wusste Anôra nicht, und es wäre ohnehin zu riskant gewesen, diesen zu benutzen. Erleichtert beschleunigte sie ihre Schritte, sie konnte es kaum erwarten, endlich wieder in der warmen Sonne stehen und frische Luft atmen zu können. Der Ausgang war nur noch einige Fuß weit entfernt, als sich plötzlich eine dunkle Figur zwischen das Mädchen und die leuchtende Öffnung vor ihr schob – im gleichen Moment schien ihr Hinterkopf zu explodieren und Dunkelheit hüllte sie ein.
Anôra öffnete langsam die Augen und verzog sofort schmerzhaft das Gesicht. In ihrem Kopf schien sich ein ganzer Schwarm Bienen eingenistet zu haben, dem Dröhnen nach zu urteilen. Vorsichtig schaute sie sich um und stellte zu ihrer Überraschung fest, dass sie in einem großen Sessel saß, oder, besser gesagt, lag. Doch als sie sich aufsetzte und den Kopf endgültig hob sah sie mit Schrecken, dass der Sessel direkt vor dem ihr so bekannten Schreibtisch des königlichen Beraters stand – der direkt dahinter saß und sie kühl musterte. Am liebsten wäre sie wieder bewusstlos geworden.
"Du hast also mein Verbot unterwandert," meine Sauron ohne jegliche Einleitung als er bemerkte, dass sie sich rührte.
"Ja, Herr," nickte Anôra krampfhaft. Lügen wäre jetzt wohl ziemlich sinnlos.
"Kaum hast du also deine Ausbildung begonnen, schon missachtest du aufs Gröbste meine Befehle." Obwohl er ruhig sprach, jagte der eisige Unterton in seiner Stimme Anôra einen Schauer über den Rücken. "Und wie hat dir das gefallen, was du gesehen hast?"
"Es...," Anôra stockte. "Überhaupt nicht."
"Das habe ich mir gedacht." Sauron nickte. "Was meinst du, warum ich dir etwas verbiete? Aus Spaß?"
"Nein, Herr." Das Mädchen senkte den Kopf.
"Auf das, was du im Tempel gesehen hast, warst du weder vorbereitet, noch hat es dir etwas gebracht außer einer Aussicht auf Alpträume oder gar Angstanfälle. Genau das sollte mein Verbot verhindern, über das du dich so erfolgreich hinweggesetzt hast. Davon abgesehen, dass es dich überhaupt nichts anging und dass ausschließlich Priester Melkor´s bei Opferungen anwesend sein dürfen, nicht hirnlose Kinder." Sauron´s Augen blitzen zornig auf. "Die Zeremonie wurde unterbrochen, einer der Priester hat sich bei dem Versuch, dich zu erwischen, den Fuß gebrochen, und zwei weitere haben so viel giftige Dämpfe in den Gängen eingeatmet, dass sie nun Tage brauchen werden, um wieder auf die Beine zu kommen. Und das alles, weil du nicht abwarten konntest, bis deine Zeit kommt und ich dir alles selbst zeige. Was soll ich nun deiner Meinung nach mit dir machen?"
Anôra sackte während seiner Rede immer mehr in sich zusammen und blickte nun verängstigt hoch.
"Ich weiß es nicht, Herr," flüsterte sie. "Was ihr für richtig haltet."
"Das klingt schon besser." Überraschenderweise entspannte sich Sauron´s Gesichtsausdruck etwas. "Genau das solltest du dir vor allem merken – es wird ausschließlich das getan, was ich für richtig halte, und nicht das, was dir in den Kopf kommt. Andernfalls," er kniff die Augen zusammen, "andernfalls muss ich unsere Vereinbarung lösen. Ich bilde dich aus, aber ich habe weder die Lust noch die Zeit dazu, mich mit deinen Launen herumzuplagen. Hast du noch irgendwas zu sagen?"
Anôra schüttelte nur den Kopf. Die von Sauron ausgesprochene Drohung hatte ihre Wirkung getan. Schließlich war es das einzige, was sie wirklich fürchtete – ihr neu gewonnenes Leben wieder zu verlieren und als Bettlerin oder gar in den Verliesen des Palastes zu enden. Nein, um nichts in der Welt würde sie das zulassen.
"Und noch etwas." Die Stimme ihres Herrn riss sie aus ihren Gedanken. "Du wirst für den nächsten Monat bei jeder Opferung dabei sein, das sind dann noch etwa vier mal. Auf das du dass nächste mal erst überlegst was du tust, bevor du deiner ungesunden Neugier folgst. Du kannst gehen."
Wie vom Donner gerührt starrte Anôra ihn an. Sie sollte diesen Wahnsinn noch ganze vier mal miterleben?!
"Aber Herr, ich..." fing sie erschrocken an.
"Ich sagte du kannst gehen," unterbrach Sauron sie scharf.
Anôra sah ihn noch einen Augenblick lang ungläubig an, dann stand sie langsam auf, verbeugte sich und verließ den Raum.


III


Der glutrote Ball der Sonne stieg hinter dem Horizont hervor und verjagte die nächtlichen Nebelschwaden von den Wiesen und Flüsschen, die Armenelos umgaben. Langsam wanderten ihre Strahlen in die Stadt hinein, glitten über die Dächer und feuchten Pflastersteine und funkelten feurig in den Glasscheiben auf. Ein junger Welpe mit langen Schlappohren jagte einem der rotgoldenen Lichtstriche hinterher, mit seinen zu großen Pfoten danach schlagend. Ein Fensterrahmen öffnete sich in dem Haus gegenüber und das verschlafene Gesicht eines jungen Mädchens, umrahmt von weichen braunen Locken, erschien darin. Ein mit Gemüse beladener Karren eines Bauern, gezogen von einer ruhigen alten Stute, vertrieb den kleinen Hund von der Straße, und er rannte dem knarrenden Gefährt noch lange hell bellend nach. Die Sonnenstrahlen fielen kurz auf das zerfurchte Gesicht und die silbrig grauen Haare des im Karren sitzenden Mannes und setzten ihren Weg fort, vorbei an der mit einem großen Korb in Richtung des Marktplatzes eilenden Magd, der auf einem Fensterbrett schlafenden Katze und dem darunter an einer Hauswand liegenden Betrunkenen, den weißen Fassaden noch schlafender Adelshäuser und streiften die von Tröpfchen glänzenden Morgentaus erfrischten Blumen und Bäume der Gärten. Die Sonne ließ die goldenen Dächer des Palastes aufleuchten und tastete seine Wände ab, in einem der von Vorhängen verhüllten Fenster Einlass in sein Inneres suchend, bis sie endlich eines fand, wo kein Stoff hinter dem Glas hing. Sofort schlüpfte einer ihrer goldenen Finger hinein und strich sanft über die Gesichter der Schlafenden im unter dem Fenster stehenden Bett.
Der Mann drehte sich ohne aufzuwachen zur Wand als er die kitzelnd-warme Berührung des Morgens auf dem Gesicht spürte, während der Atem des Mädchens unruhig wurde, schließlich ihre Nase rümpfte und laut nieste. Dann setzte sie sich unsicher auf, gähnte, rieb sich die Augen und schaute schließlich mit recht wachem Blick halb belustigt und halb ungeduldig auf den neben ihr Liegenden. Nach einigen Minuten siegte die Ungeduld und sie beugte sich zu ihm hinunter.
"Ihr könnt nicht jeden Tag bis Mittag schlafen, wenn ich noch was lernen soll, Mylord," flüsterte sie lächelnd, seinen Satz aus einer lange zurückliegenden Zeit wiederholend.
"Du kannst schon alles," murmelte Xâdres, ohne sich zu rühren.
"Nein, mein Spurenlesen ist noch nicht auf der Höhe, und was ist außerdem mit dem Training?"
"Kannst du nicht Tirazôn wecken gehen? Der würde sich bestimmt freuen..." Er vergrub den Kopf unter der Decke und der Rest des Satzes verschwand in unverständlichem, immer leiser werdendem Gemurmel.
"Tirazôn ist im Gegensatz zu dir längst auf den Beinen mein Lieber. Und nun wach endlich auf!" Entschlossen zog sie die Decke vom schwarzen Haarschopf. Xâdres drehte sich auf den Rücken und blinzelte sie verschlafen an.
"Du bist eine schreckliche Schülerin," verkündete er. "Und eine Hexe dazu."
"Und wenn du nicht aufstehst kippt die Hexe dir einen Kübel kaltes Wasser unter die Decke," versprach Anôra, setzte sich bequemer hin und begann, ihre Haare mit den Fingern durchzukämmen. "Apropos Spurenlesen, wann reiten wir eigentlich nach Emirié?"
"Sobald Sauron es dir erlaubt, mehr als eine Woche nur in meiner Begleitung irgendwo in der Wildnis herumzustreunen... das hat er ja noch nicht."
"Warum eigentlich nicht?" Anôra schürzte die Lippen und sah Xâdres herausfordernd an, als wäre er dafür verantwortlich.
"Warum?" Er zuckte mit den Schultern und streckte sich. "Weil du noch nicht bereit bist wahrscheinlich, du bist ja nicht so lange hier."
"Reichen drei Jahre nicht?"
"Sauron wird schon seine Gründe haben. Wahrscheinlich ist es ihm zu gefährlich, ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, in die Wälder reiten zu lassen."
"Ich bin kein Kind mehr!"
"Oh ja, du bist 19," prustete Xâdres, und setzte sich nun ebenfalls hin.
"Hälst du mich für ein Kind?!" Anôra gab die erfolglosen Versuche auf, ihre wirre Mähne in einen einigermaßen ordentlichen Zustand zu bringen und funkelte ihn an.
"Ganz bestimmt nicht. Doch Sauron könnte da anderer Meinung sein, findest du nicht?" Er schob vorsichtig ihre Haare zurück und neigte sich zu ihrem Hals.
"Wirklich?" kniff sie die Augen zusammen. " Weißt du wo ich gestern war?"
"Wo denn?" fragte Xâdres, ohne von seiner Beschäftigung abzulassen, mit den Lippen Anôra´s Schultern zu erkunden.
"Im Schwarzen Tempel!"
"Du warst wo?!" Xâdres hob ruckartig den Kopf und sah sie entgeistert an.
"Im Schwarzen Tempel," wiederholte Anôra, innerlich über die Wirkung dieser Nachricht lächelnd. "Mitten drin. Und ich habe eine Opferzeremonie gesehen."
"Du... du... bist du vollkommen übergeschnappt???" Endlich hatte Xâdres realisiert, was er gerade gehört hatte. "Was ist wenn man dich erwischt hätte?!"
"Nun..." Anôra neigte den Kopf zur Seite und lächelte schief.
"Oh nein." Er schloss die Augen und presste sich die Hände an die Schläfen. "Sie haben dich auch noch erwischt?"
"Ja... und zwar am Hinterkopf, ich fühle es immer noch," verzog sie verdrießlich das Gesicht.
"Und was hat Sauron dazu gesagt?" blickte Xâdres sie wieder an.
"Ich soll mir jetzt den ganzen Monat lang jede Opferung anschauen, also vier insgesamt."
"Da bist du ja noch leicht davongekommen," zog er die Augenbrauen hoch.
"Wie man´s sieht." Anôra seufzte. "Sehr angenehm ist das Schauspiel nicht gerade."
"Das kann ich mir denken... Wie bist du dort überhaupt hineingekommen?"
"Na ja, ich habe vor etwa zwei Wochen unter einem der Gartenhäuschen ein unvergittertes Kellerfenster entdeckt, aus dem es etwas komisch roch..." fing Anôra an.
Als sie mit der Geschichte fertig war, sah Xâdres sie mit einem Ausdruck vollkommener Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung an.
"Du änderst dich wohl nie, hm?" fragte er resigniert und seufzte, als er wie erwartet ein trauriges Kopfschütteln zur Antwort bekam. "Hätte ich mir auch denken können. Du wirst tatsächlich immer die Anôra bleiben, die in jedes Rattenloch klettert und Leute mit Schlamm bewirft, auch wenn man dich in Samt und Seide steckt. Nun, damit werde ich wohl leben müssen... " Er seufzte erneut und warf die Decke endgültig beiseite. "Und mach nicht so ein verflucht schuldbewusstes Gesicht, das kaufe ich dir sowieso nicht ab."
Anôra grinste und sprang aus dem Bett. Ihr Lehrer stand ebenfalls auf und warf ihr einen finsteren Blick zu.
"Und mach nicht so ein verflucht strenges Gesicht, das kaufe ich dir sowieso nicht ab," äffte das Mädchen ihn nach.
"Anôra, du solltest besser...," fing Xâdres an, mit aller Kraft versuchend, ernst zu bleiben – doch der Satz endete in einem breiten Grinsen.
"Ich habe dich ja gewarnt dass ich nie eine Dame werde," meinte Anôra, fröhlich vom einen auf das andere Bein hüpfend.
"Ja, weil du eine kleine Hexe bist." Xâdres lachte hilflos und schloss sie in die Arme. "Was hältst du von einem Frühstück auf der Mauer?"


IV


Bald darauf saß Xâdres in den frühen Strahlen der langsam aufgehenden Sonne auf der Palastmauer, einen Korb mit Wein, Brot, Honig und Käse neben sich gestellt. Er musste nicht lange warten, da hörte er schon leise Kratzgeräusche hinter sich und Anôra schwang sich mit vor Laufen geröteten Wangen, einem riesigen Apfel in den Zähnen und einem langen frischen Kratzer am Arm neben ihn auf die noch kalten Steine.
"Wo hast du dir den geholt?" zog Xâdres die Augenbrauen hoch.
"Beim Pflücken, ein Gärtner hat mich gesehen und ich musste ohne Rücksicht auf Verluste so schnell wie möglich runter vom Baum," lächelte das Mädchen, ließ die Beine baumeln und biss zufrieden in den Apfel hinein.
"Und du fängst lieber einen Kleinkrieg mit den Gärtnern an als sich normal einen Apfel aus der Vorratskammer zu holen?"
"Hast du mal die Hände der Diener gesehen, die Früchte in die Vorratskammer bringen?" Anôra riss entsetzt die Augen auf. "Nein, ich pflücke mir lieber einen Apfel auf dem nicht der Dreck von halb Númenor klebt."
"Wie willst du jemals eine Kriegerin werden wenn du so pingelig bist?" lachte Xâdres und nahm einen Schluck aus der Weinflasche.
"Ich bin eine Hofdame. Wir müssen pingelig sein," entgegnete seine Schülerin und duckte sich grinsend unter einer versuchten Kopfnuss von Xâdres hinweg.
"Sei nicht so vorlaut." Er sah sie mit gespielter Drohung im Blick an. "Sonst werde ich..."
"Sonst wirst du was?" fragte Anôra, doch Xâdres schwieg und starrte statt dessen nach rechts, auf die den Hügel hochkletternde Straße, die ab und zu zwischen den Bäumen der Gärten zu sehen war.
"Komm mit!" sagte er plötzlich, sprang auf und rannte über die Mauer in Richtung der Ställe. Anôra warf die Überlegungen über dieses merkwürdige Verhalten beiseite und folgte ihm. Nach kurzer Zeit hatten sie die Übungshöfe der Schwarzen Garde hinter sich gelassen und befanden sich nun über den Stallungen. Schon von weitem sah Anôra, was Xâdres gemeint hatte: vor den Toren waren die schwarzen Uniformen von Sauron´s Soldaten gemischt mit der weißgoldenen Kleidung der Palastgarde zu sehen. Wenige Augenblicke später blieb Xâdres bei den Toren stehen und sah sich um.
"Schau dir das mal an."
Anôra kam näher und blickte hinunter. Ein junger, dunkelhaariger Mann mit am Rücken verbunden Händen und blitzenden grauen Augen wurde hindurchgeführt, konvoiert von zehn Soldaten jeder Garde. Er war nicht groß, doch sein stolz oben gehaltener Kopf und sein sicherer Gang schienen ihm die Fähigkeit zu verleihen, auf alle Anwesenden von oben herabzublicken.
"Und was ist an ihm so besonders?" sah sie Xâdres fragend an.
"Das ist Galmond von Andúnie. Ein Adeliger, über zehn Ecken mit dem Königshaus verwandt. Seine Familie kümmert sich seit Generationen um die Sicherheit auf der Straße von Andúnie nach Rómenna. Und Galmond wird seit einigen Jahren verdächtigt, seinen Status dazu auszunutzen, als eine Art Verbindungsmann und Kurier für die Getreuen in den beiden Städten zu fungieren." Xâdres lächelte dünn. "Jetzt haben sie ihn wohl endlich erwischt."
"Oh." Anôra sah dem Gefangenen neugierig nach, als er durch den Hof geführt wurde und mit den Soldaten im Dienstboteneingang verschwand. "Sie bringen ihn wohl direkt zu Sauron... Aber warum hat man ihn nicht früher geschnappt, wenn man es sowieso gewusst hat?"
"Weil er zu einer alten respektierten Familie gehört, die vom Volk geliebt wird. Und weil der König ihm trotz aller Gespräche mit Sauron blind vertraut hat. Kronentragender Idiot," verzog er abfällig das Gesicht. "Sauron musste Galmond auf frischer Tat ertappen, um ihn einsperren zu können. Er kann es sich nicht leisten, sowohl das Volk als auch den König gegen sich aufzubringen."
"Und woher weißt du das alles überhaupt?"
"Ich habe mal eine Unterhaltung von Tirazôn mit einigen der hohen Offiziere mitbekommen."
"Du hast gehorcht," stellte Anôra fest.
"Mitbekommen, gehorcht, wo ist da der Unterschied?" zuckte Xâdres grinsend mit den Schultern. "Hauptsache man ist gut informiert."
"Aber mir hältst du Standpauken wegen einem geklauten Apfel," schnaubte seine Begleiterin. "Du gehörst auf den Galgen mit deinen gesetzwidrigen Aktionen."
"So?" Seine grauen Augen leuchteten schalkhaft auf. "Und du würdest wirklich auf mich verzichten wollen?"
"Nun, vielleicht nicht direkt," lächelte Anôra und neigte abschätzend den Kopf zur Seite. "Wenn du mir deine unbedingte Notwendigkeit beweist, würde ich es in Erwägung ziehen, meinen Mund zu halten."
Anstelle einer Antwort zog Xâdres sie sanft an sich.
"Du wirst deinen Beweis schon erhalten," flüsterte er, als sich ihre Lippen nach etlicher Zeit wieder gelöst hatten. "Und jetzt hör auf der Stelle auf, mich verrückt zu machen und marsch auf den Übungshof!"
Anôra salutierte lachend, drehte sich um und lief, dicht gefolgt von Xâdres, zurück zu den Höfen der Schwarzen Garde.
Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten und tauchte den kleinen Hof in eine flimmernde Hitze. Anôra übte wohl schon zum zwanzigsten Mal an diesem Tag die Attacke mit dem Schwert, die, wenn man Xâdres glaubte, heute "miserabel" war, als plötzlich Tirazôn durch die Öffnung in der Holzwand eintrat und sich schnell auf die Kämpfenden zubewegte. Sie ließen sogleich die Schwerter sinken und blickten den Hauptmann der Schwarzen Garde fragend an.
"Anôra, du musst heute an einer Opferung teilnehmen," meinte er ohne große Vorworte.
"Heute?!" Ihr Gesicht wurde schlagartig weiß. "Warum heute schon?"
"Weil es heute noch eine gibt und Sauron dir befohlen hat, dabei zu sein. Geh dich in dein Zimmer umziehen. In einer Stunde hole ich dich dort ab. Tut mir leid Kleines, aber du wirst es über dich ergehen lassen müssen."
Tirazôn lächelte traurig, drehte sich um und verschwand.
"Heute schon," flüsterte Anôra tonlos, dann setzte sie sich langsam auf die schiefe Bank an der Mauer und sah Xâdres mit leiser Panik in den Augen an.
"Ich. Gehe. Da. Nicht. Hin." sagte sie schließlich, jedes Wort so langsam und deutlich ausprechend, als würde sie mit einem unverständigen Kind reden. Xâdres seufzte, setzte sich neben sie und legte ihr den Arm um die Schultern.
"Hör mal," sprach er ernst. "Ich verstehe ja gut, dass es ein schreckliches Bild ist. Und dass du es nicht noch einmal miterleben möchtest. Aber du hast es dir selbst eingebrockt, und ich kann dir dieses Mal nicht helfen, so gerne ich es auch tun würde. Du kannst nicht davor wegrennen, Sauron hat dir diese Strafe auferlegt und du musst sie tragen, was anderes kannst du nicht machen. Verstehst du?"
Anôra nickte krampfhaft und bohrte ihre Finger in seinen Arm.
"Es wird ja bald vorüber sein," flüsterte er und drückte das Mädchen an sich. "Und auch nicht so schlimm wie das erste Mal dass du eine Opferung gesehen hast, glaube mir."
Nach einiger Zeit brachte er Anôra in ihr Zimmer und half ihr, das lange schwarze Kapuzengewand anzuziehen, das bereits auf ihrem Bett bereit lag. Kaum waren sie damit fertig als es auch schon an der Tür klopfte und Tirazôn seinen Kopf hindurchsteckte.
"Es ist Zeit," sagte er. "Und macht nicht so lange Gesichter, ihr zwei, in einer Stunde ist es ja schon vorbei."


V


Schnellen Schrittes führte Tirazôn Anôra durch den ihr fast völlig unbekannten Nordflügel, vorbei an der Bibliothek, bis sie in einem alten Gang vor einer Wand standen. Tirazôn trat sicher vor und drückte auf einen der rauhen Steine. Sogleich glitt ein Stück der Wand lautlos beiseite. Sie stiegen eine steile, in Dunkelheit gehüllte Treppe hinunter und fanden sich in einem scheinbar noch älteren Gang wieder, der nur von wenigen Fackeln erhellt wurde.
"Das ist der Anfang des Hauptganges zum Tempel," erklärte Tirazôn seiner schweigenden Begleiterin. Tatsächlich kamen sie recht bald an dem kleinen Seitengang vorbei, durch den Anôra am Vorabend hineingelangt war, doch an der Stelle, an der sie damals erneut in der Labyrinth der kleinen Gänge verschwunden war, um in den Tempel zu kommen, folgten sie dieses Mal weiterhin dem Hauptgang, der mit einer großen, glänzenden schwarzen Tür endete, vor der zwei Schwarzgardisten postiert waren.
Sie verneigten sich vor ihrem Hauptmann und öffneten diese, mit verwunderten Blicken dem bleichen rothaarigen Mädchen an seiner Seite folgend. Tirazôn führte sie durch mehrere breite, mit glänzendem dunklen Marmor verkleidete Gänge, bis sie plötzlich vor der Kurve standen, von der aus Anôra die Opferung am Vortag mitverfolgt hatte – der Eingang zum Opfersaal.
"Zieh dir jetzt die Kapuze an und stell dich möglichst unauffällig in irgendeine Ecke," flüsterte Tirazôn. "Sie haben schon lange mit der Zeremonie begonnen, Sauron hat nur dein Beisein bei der Opferung selbst angeordnet. Und versuche nicht, dich hinter irgendeiner Säule zu verstecken, wenn du meinen Rat willst, die Priester haben schärfste Anordnung darauf zu achten, dass du auch wirklich zuschaust."
Er klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter und entfernte sich rasch. Anôra zog sich wie befohlen die Kapuze über den Kopf und ging langsam in den Saal hinein.
Tatsächlich lag bereits ein Mensch auf dem Altar in der Mitte, aber die Priester sangen noch nicht sondern standen nur schweigend mit gesenkten Köpfen in einigen Fuß Entfernung von dem Stein. Keiner von ihnen schien überhaupt von dem Mädchen Notiz zu nehmen, als es leise in die nächstbeste Ecke schlüpfte und sich an die Wand lehnte. Doch das Opfer schien sie gehört zu haben, denn es wandte den Kopf und Anôra erkannte mit Schrecken denselben Mann deren Verhaftung sie und Xâdres am Morgen beobachtet hatten; Galmond von Andúnie. Als er sah, dass nur eine weitere Gestalt in schwarzer Kutte hineingekommen war, drehte er den Kopf weg und starrte erneut die Decke an.
Mit einem Mal trat ein Priester vor, deren Kleidung sich durch einen dunkelroten Saum von den Übrigen unterschied, und sagte etwas auf der gleichen seltsamen Sprache, die Anôra am Vormal gehört hatte. Die Übrigen wiederholten seine Worte wie ein Echo und umstellten dann den Altar, worauf der ihr schon bekannte Singsang einsetzte. Das hieß, die Opferung würde gleich stattfinden. Anôra drückte sich in die Wand und versuchte ihr wie wild klopfendes Herz zu beruhigen, doch ohne Erfolg. Als dann erneut einer der Priester, dieses mal ein anderer als am vorigen Tag, vortrat und einen Dolch aus seinen Gewändern zog, glaubte sie, gleich losschreien zu müssen. Und plötzlich... plötzlich passierte etwas sehr seltsames, was Anôra´s Aufmerksamkeit so abrupt auf sich lenkte, dass sie sogar das sie erwartende schreckliche Bild vergaß.
Während der Priester mit dem Dolch seinen Part aufsagte und der Rest erneut anfing zu singen, glitt die Hand des Mannes in rotgesäumter Kleidung aus seiner Kutte; und im gleichen Moment hob Galmond seine Hand, soviel es die Ketten erlaubten. Ihre Finger trafen sich, und der Priester steckte seinen Arm wieder in die Stoffalten der Kutte – mit einem kleinen hellen Gegenstand in der Faust. Der ganze Vorgang hatte nur Bruchteile von Sekunden gedauert, wahrscheinlich hätte es ein normaler Betrachter bei dem im Saal herrschenden Halbdunkel nicht einmal gesehen, doch jedes Mitglied von Anôra´s Familie hatte seit jeher ein besseres Sehvermögen als die Mehrheit der Númenorer. 'Das ist das Elbenblut in uns,' pflegte ihr Vater immer zu sagen. Nun, dieses Mal war sie den Elben wirklich dankbar.
Der Gesang war mittlerweile an seiner höchsten Note angekommen, und der Priester mit dem Dolch stach mehrmals auf den vor ihm Liegenden ein. Aber dieses Mal glitt das alles an Anôra vorbei, sowohl der sich immer wieder senkende Dolch als auch das Röcheln des Sterbenden, ihre Gedanken drehten sich nur noch um die Szene, die sie eben gesehen hatte. Hatte Galmond diesem rotgesäumten Priester tatsächlich einen Zettel übergeben? Nein, das konnte nicht sein, was sollte ein Priester Melkor´s schon mit einem Getreuen zu tun haben? Doch andererseits wusste sie genau, was sie gesehen hatte. Wenn sie nur noch wüsste, was das zu bedeuten hatte...
Die Zeremonie hatte in der Zwischenzeit ihr Ende genommen. Der Priester legte den Dolch nieder und alle traten von dem Altar zurück. Erst jetzt blickten sie in Anôra´s Richtung und der Rotgesäumte winkte sie zu sich.
"Ich wollte die heilige Zeremonie nicht unterbrechen," sagte er mit einer harschen Stimme, sobald sie seiner Aufforderung gefolgt war. "Aber das nächste Mal wirst du direkt hinter uns stehen. So leicht kannst du es dir nicht machen. Und jetzt geh."
"Ihr könntet ruhig etwas höflicher sein," stieß Anôra hinter den Zähnen hervor und wandte sich zum Ausgang, das Bestreben unterdrückend, dem Mann ihre Meinung über seine ganze abartige Gattung zu sagen. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf den Toten auf dem Altar, und wie sein Blut sich in kleinen Kanälen im Stein sammelte und in eine Schüssel am Fuße des Altars floß. Sie schüttelte sich angeekelt und beschleunigte ihre Schritte, ja, abartig war genau die richtige Bezeichnung für diesen Ort und seine Priester.


VI


Als sie aus dem Saal draußen war kehrten ihre Gedanken allerdings sofort wieder zu dem geheimnisvollen Zettel zurück, der in der Hand des Priesters verschwunden war. Fast gegen ihren Willen hielten ihre Füße an und trugen sie zurück zum Eingang des Saals.
Lautlos sah sie hinein. Mehrere Priester trugen gerade die blutgefüllte Schüssel weg, während der Rotgesäumte, der anscheinend eine Art Hohepriester war, etwas zu den zwei übrigen etwas sagte. Sie nickten und verschwanden eilig zusammen mit den anderen in einer kleinen Tür am gegenüberliegenden Ende des Saales. Der Hohepriester wandte sich ebenfalls zum Gehen und steuerte auf den Gang zu, in dem sich Anôra befand.
Sie sprang sofort vom Eingang weg und blickte sich hektisch um, nach einem Versteck suchend. Einige Schritte weiter im Gang fand sie zu ihrer Erleichterung eine in Dunkelheit gehüllte Nische und drückte sich hinein. Kurz danach hörte sie leise Schritte auf dem glatten Marmorboden und der Priester ging vorbei, zu ihrem Glück nicht einmal in die Richtung der Nische schauend. Anôra zog die raschelnde Kutte aus und warf sie achtlos auf den Boden, in ihren gewohnten Hemd und Hose konnte sie sich viel besser fortbewegen. Ohne zu wissen, was es mit dem Zettel auf sich hatte, wollte sie nicht aus dem Tempel gehen. Sie wartete noch kurz ab, dann traute sie sich hinaus. Am Ende des Ganges, einer scharfen Kurve, sah man noch den Schatten des Priesters auf der Wand, der im nächsten Moment ebenfalls verschwand. Schnell lief sie ihm nach, dieses Mal war es nicht schwer, keinen Lärm zu erzeugen, hatten die ihr zusammen mit der Kutte gegebenen Schuhe doch Sohlen aus Stoff.
Anôra bog um die Kurve und blieb ratlos stehen. Der breite Gang vor ihr war vollkommen leer, aber in unmittelbarer Nähe mündeten etwa vier dunklere kleine Gänge hinein. In welchem war der Mann bloß verschwunden? Vorsichtig trat sie vor und sah in jeden von ihnen – und zu ihrem Glück war im letzten tatsächlich ein schwacher Lichtschein zu sehen. Leise schlich Anôra vorwärts und landete bald vor einer verschlossenen Holztür. Der Blick durch das Schlüsselloch offenbarte ein kleines, karg möbliertes Zimmer mit einer zweiten Tür in der gegenüber liegenden Wand, durch die der Priester verschwunden sein musste, denn außer dem Tisch mit dem Stuhl dahinter und der Kerze in seiner Mitte war der Raum vollkommen leer. Und dem kleinen Zettel, der neben der Kerze lag.
Anôra richtete sich auf. Wenn dieser Typ glaubte, dass eine abgesperrte Tür ihn absichern würde, dann hatte er sich geirrt. Sie lächelte leicht und zog die Spange aus ihrem Haar, das ihr daraufhin in einer feurigen Welle auf die Schultern fiel. So etwas hatte sie noch als Kind gekonnt. Sekunden später schwang die Tür mit einem leisen Quietschen auf und Anôra trat ein. Nachdem sie sich durch einen schnellen Blick versichert hatte, dass tatsächlich niemand im Zimmer war, machte sie einige schnelle Schritte zum Tisch und hob den Zettel auf.
Das von einigen Zeilen Schrift bedeckte Stückchen Papier war vergilbt und stark zerknittert, und sie lehnte sich weiter zur Kerze, um etwas lesen zu können. Doch zu ihrer Enttäuschung musste Anôra feststellen, dass die in ihr bekannten Elbenrunen verfassten Sätze einer Kodierung unterliegen mussten, denn die aneinandergereihten Laute ergaben überhaupt keinen Sinn. Vielleicht musste man es irgendwie anders lesen? Sie versuchte es spiegelverkehrt, auf dem Kopf oder immer nur den zweiten Buchstaben lesend, was sich allerdings schnell als falsch erwies. Oder vielleicht konnte man... Anôra dachte den Gedanken nicht zu Ende.
Die zweite Tür flog auf und der Rotgesäumte starrte sie entgeistert an. Aber schon in der nächsten Sekunde heftete sich sein Blick auf den Zettel in ihren Händen und die Verblüffung auf seinem Gesicht wurde durch grenzenlose Wut ersetzt.
"Verdammtes kleines Biest!" zischte er und stürzte urplötzlich mit einem lauten Schrei und einem wie aus der Luft aufgetauchten Dolch in seiner Hand vor. Anôra sprang erschrocken beiseite und die Klinge zerschnitt pfeifend die Luft an der Stelle, wo sie eben gestanden hatte. Sie steckte den Zettel in ihr Hemd und blickte sich gehetzt um; den Weg zum Gang hatte ihr der Priester abgeschnitten, der währenddessen mit einem gefährlichen Flackern in den Augen auf sie zuging, den Dolch hoch in der Luft erhoben.
Sein nächster Ausfall kam genauso unvermutet und hinterließ einen langen blutenden Kratzer auf Anôra´s Arm. Anôra taumelte zurück und stieß mit dem Rücken an den schweren Tisch. Alles in ihr wurde kalt vor Angst als sie den Widerstand des Holzes an ihrem Rücken spürte und das triumphierende Lächeln auf dem Gesicht des Mannes sah. Im nächsten Moment stieg wilder Zorn in ihr hoch. 'Mich kannst du nicht einfach so abschlachten,' dachte sie verbissen und klammerte sich mit den Händen an der Tischkante fest. Als der Priester zum dritten Mal mit erhobenem Dolch angriff stieß sie ihre Beine vom Boden ab und traf ihn mit beiden Füßen in der Brust. Von der Wucht des Schlages wurde ihr Feind an die Wand zurückgeschleudert, der Dolch flog über den Steinboden neben eines der Tischbeine.
Sogleich stürzte Anôra hin, aber der Priester sprang sie mit einem wütenden Aufschrei kurz vor ihrem Ziel von hinten an und beide rollten über den Boden, den Gegner mit allen Mitteln daran hindernd, nach dem Dolch zu greifen. Nach kurzer Zeit konnte Anôra den Mann von sich stoßen und versuchte, sich am Tisch festhaltend aufzustehen, doch ohne Glück; die Hände des Priesters schlossen sich in einem eisernen Griff um ihren Hals, als sie schon halb aufgerichtet war.
Er stand auf und drückte Anôra rücklings auf die Tischplatte, den würgenden Griff immer mehr verstärkend. Vergeblich versuchte sie, seine Hände von ihrem Hals wegzureißen oder ihn mit Tritten zum Loslassen zu zwingen; in seiner rasenden, an Wahnsinn grenzenden Wut schien der Priester das nicht einmal zu bemerken. Das Mädchen röchelte, keine Luft mehr bekommend. Vor ihren Augen verschwamm alles und mit einem Male hörte sie nichts mehr außer den Hammerschlägen des Blutes in ihrem Kopf, als ihre über den Tisch scharrende Hand plötzlich gegen einen harten Gegenstand stieß.
Die Kerze! schoss es ihr wild durch den Kopf. In einer letzten verzweifelten Anstrengung schlossen sich ihre Finger um den eisernen Kerzenständer, den sie mit aller ihr noch verbliebenen Kraft auf den Kopf des Mannes niedersausen ließ. Der Griff verschwand und der Rotgesäumte fiel ohne einen Laut hin. Anôra schlug nach Luft schnappend ebenfalls auf dem Boden auf, vor ihren Augen schwammen bunte Kreise. Trotz der Schwäche rollte sie sich auf den Bauch um zur Tür zu kriechen – als sich zwei Hände um ihre Fußgelenke schlossen.
Sie schaute mit einem Schrei zurück und direkt in das blutüberströmte Gesicht des Priesters, in dessen Augen pure Mordlust brannte. In Panik warf sie den Kopf erneut herum und versuchte, sich mit den Fingern in den Steinritzen des Bodens festklammernd zur Tür zu gelangen, doch der Priester zog sie langsam aber sicher Stück für Stück wieder zurück. Anôra wimmerte vor Angst und Verzweiflung, dennoch so gut es ging Widerstand leistend, der zum Scheitern verurteilt war. Und dann blitzte rechts von ihr etwas auf.
Nur wenige Handbreit von ihr entfernt lag der Dolch.
Als wäre beim Anblick des geschliffenen Stahls eine heiße Welle neuer Kraft durch ihren Körper geschossen riss sie ihren Körper nach vorne, den sofortigen Schmerz in den Beinen ignorierend, und schloss ihre Hand fest um den Dolchgriff. Ohne abzuwarten fuhr sie herum und stach zu.
Der Mann sah sie einen Augenblick lang verständnislos an, als sich die Klinge bis zum Heft in seinem Hals versenkte – dann klappte sein Kopf zur Seite wie der einer kaputten Puppe. Anôra blieb kraftlos auf dem steinernen Boden liegen.
Warmes Blut strömte dort über ihre Beine, wo die Leiche mit der klaffenden Wunde im Hals lag, aber sie bemerkte es nicht einmal richtig, ihr ganzer Körper schien selbst eine einzige brennende Wunde zu sein. Nach einigen Minuten wurde ihr klar, dass sie hier nicht bleiben konnte, jeden Augenblick könnten andere kommen. Sie zog ihre Beine unter dem Toten heraus und zog sich mit Mühe am Tisch hoch, bis sie stand. Alles schien in einen wabbernden Nebel gehüllt zu sein, in dem ab und zu kleine farbige Blitze aufleuchteten. Sich an den Wänden festhaltend taumelte sie aus dem Zimmer und durch den engen dunklen Flur in den Hauptgang des Tempels. Sie musste raus, so schnell wie möglich.
Doch der Gang schien sich unendlich hinzuziehen. Anôra fiel, stand wieder auf und schleppte sich an der Wand vorwärts, fiel erneut hin und kroch auf aufgeschürften Knien und Handflächen weiter, bis sie die Kraft dazu hatte, noch einmal aufzustehen. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie bereits hingefallen war und wie lange sie überhaupt in diesem verdammten Gang gewesen war, als endlich der ersehnte schwarz glänzende Ausgang vor ihr auftauchte.
Sie ließ die Wand los, fing sich an dem kalten schwarzen Stein ab und versuchte die Tür aufzustoßen, die sich allerdings als zu schwer für sie erwies. Anôra versuchte zu schreien, doch es kam nur ein kaum hörbares Krächzen aus ihrer Kehle. Indes verließen ihre Kräfte sie völlig und sie glitt langsam an der Tür hinunter, verzweifelt versuchend, zumindest durch Kratzen ihrer Fingernägel auf sich aufmerksam zu machen. Dieses Mal hatte sie endlich Erfolg. Das letzte was sie spürte war das sanfte Aufschwingen einer Türhälfte, dann tauchte sie dankbar in schwarzer Schmerzlosigkeit ab.
Die zwei Schwarzgardisten starrten entgeistert das aus der Tür herausgefallene, blutüberströmte rothaarige Mädchen an, das bewusstlos vor ihnen auf dem Boden lag.
"Hör mal," sagte einer nach einem Augenblick. "Ist das nicht die, die vorher mit Lord Tirazôn hineinkam?"
"Vielleicht sollte sie ja geopfert werden und ist geflohen?"
"Sie hatte aber eine von ihren Kutten an..."
"Ich weiß nicht so recht." Der Soldat kratze sich ratlos am Kopf. "Vielleicht bringe ich sie am besten zum Hauptmann, falls sie doch in dem Tempel gehört kann ich sie ja immer noch zurückbringen."
"Gut," nickte der andere. "Aber beeil dich."
Der Schwarzgardist hob das Mädchen behutsam hoch und trug es durch die unterirdischen Gänge des Palastes rasch zum Arbeitszimmer von Tirazôn. Er hatte seinen Hauptmann nie so weiß gesehen als in dem Moment, als dieser das Mädchen in seinen Händen sah.


VII


"Der Hals ein einziger blauer Fleck, zwei schwere Blutergüsse, mehrere gedehnte Muskeln an den Beinen und ein angeknackster Knöchel, eine lange Wunde am Arm, dazu zahlreiche Schürfwunden, Kratzer und Beulen... " Nardûn seufzte und schüttelte verständnislos den Kopf. "Du machst einen Eindruck als hätte eine Kuhherde auf dir ein Tänzchen abgehalten. Es ist ein Wunder, dass du deine Stimmbänder überhaupt noch benutzen kannst."
"Als ob sie was dafür könnte," schnaubte Xâdres. "Dem Himmel sei Dank hat sie es überlebt."
"Was eigentlich?" Die ruhige Stimme Sauron´s ließ sofort Totenstille im Raum einkehren. "Was genau ist nun im Tempel passiert? Warum ist der Priester tot und wie in aller Welt bist du an das hier gekommen?" Er schwenkte den reichlich mitgenommen aussehenden Zettel in der Luft.
Anôra seufzte und warf den pochenden Kopf auf die Kissen zurück. Kaum war sie aufgewacht, schon war das Zimmer voll von ihren Lehrern die alle wissen wollten, was passiert war. Am liebsten wäre es ihr sie würden alle verschwinden und sie mit Xâdres alleine lassen. Doch solange sie nicht zaubern konnte würde sie wohl erst die ganze Geschichte erzählen müssen, ungeachtet der Schmerzen in ihrem Hals, die jedes Mal stärker wurden, sobald sie zu sprechen versuchte.
"Ich habe den Priester dabei beobachtet, wie er den Zettel von Gal... dem Opfer bei der Zeremonie bekam," flüsterte sie schließlich, sich so kurz wie möglich fassend. "Ich bin ihm gefolgt, dann hat er mich mit einem Dolch angegriffen. Irgendwie habe ich es geschafft an die Waffe zu kommen... und den Rest kennt ihr ja."
"Nun, lassen wir die Erzählung für den Moment genügen," nickte Sauron. "Wenn du besser sprechen kannst würde ich es trotzdem gerne ausführlich hören. Hast du entziffern können, was auf dem Zettel steht?"
Anôra schüttelte nur den Kopf.
"Dann werde ich mich jetzt wohl damit beschäftigen. Nardûn, ihr kommt mit mir, ich möchte noch das eine oder andere mit euch besprechen." Der Berater des Königs stand auf und wandte sich zum gehen. "Ach ja," drehte er sich an der Tür wieder um und bedachte Tirazôn und Xâdres mit einem warnenden Blick. "Bleibt nicht zu lange hier. Und redet nicht zu viel. Anôra braucht Ruhe."
Beide Soldaten nickten gehorsam, aber kaum hatte sich die Tür hinter Sauron und dem Heiler geschlossen, sprangen sie von ihren Stühlen auf und rannten zum Bett.
"Geht es dir gut?"
"Tut es sehr weh?"
"Hast du noch etwas gesehen?"
"Hat dieser Mistkerl dich einfach ohne Vorwarnung angegriffen?"
"Möchtest du irgend etwas haben?"
"Was meinst du was auf dem Zettel steht?"
"Galmond war es, oder?"
"Hat der Priester noch etwas gesagt?"
"Hat er dich beschimpft?!"
"So sag doch etwas!" forderten beide verzweifelt, als sie auf den Regen von Fragen nur einen belustigten Blick zur Antwort bekamen.
"Ich bin krank," krächzte Anôra endlich. "Und geschwächt. Und ich muss gehegt und gepflegt und nicht ausgefragt werden."
"Wärst du nicht in diesem Zustand, würdest du jetzt Schläge bekommen," versprach Xâdres finster. Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst. "Jetzt mal Scherz beiseite. Pass bitte in Zukunft auf dich auf, ich hätte es nicht überlebt hätte dieses Schwein dich... " Schmerz leuchtete in seinen Augen auf. Er brach ab, als würde er diesen Satz nicht zu Ende sprechen können, und drückte Anôra statt dessen einen sanften Kuss auf die Stirn.
"Sie wird schon für sich sorgen können," brummte Tirazôn etwas verlegen. "Ich hätte jedenfalls nicht an der Stelle des Priesters sein wollen. Habe ich recht, mein Mädchen?"
Anôra nickte lächelnd und drückte leicht Xâdres´ Hand zusammen.
"Das nächste Mal werde ich einen eigenen Dolch dabei haben. Ich habe den, den ihr mir mal geschenkt habt, im Schrank verstauben lassen. Es wäre wohl an der Zeit, ihn da hinauszubefördern."


VIII


Im Morgengrauen des nächsten Tages wurde Anôra von dem starken Gefühl geweckt, beobachtet zu werden. Als sie die Augen öffnete, saß im Sessel gegenüber von ihrem Bett tatsächlich eine in schwarz gekleidete Figur.
"Herr?!"
"Schön dass du wach bist," nickte Sauron und zündete eine Kerze an; das graue Licht der Dämmerung war noch sehr schwach. Er schob seinen Sessel näher an ihr Bett heran und bedeutete der ihn verwirrt ansehenden Anôra, sich aufzusetzen, dann holte er den ihr so schmerzlich bekannten Zettel aus der Robe.
"Ich möchte mit dir darüber reden, was hier steht," fuhr er mit dem Finger über die Runen darauf.
"Ihr habt es entschlüsselt?" Das Mädchen riss überrascht die Augen auf.
"Natürlich." Sauron lächelte herablassend. "Es war keine große Kunst. Sie haben anstelle einer richtigen Kodierung eine recht einfache Mischung aus Sindarin und Quenia verwandt, anscheinend in dem Glauben, man würde so mit der Suche nach einem Schlüssel zu einer Kodierung beschäftigt sein, dass man das übersehen würde. Nun ja, wenn Getreue das für sicher halten..." Er zuckte mit den Schultern.
"Wie haben sie die zwei Sprachen denn gemischt?" beugte Anôra sich neugierig vor.
"Es fängt mit einem Wort in Sindarin an. Sie haben es aber nach den Regeln der Quenia-Grammatik konjugiert. Als nächstes kommt ein Quenia-Wort, dieses Mal allerdings den Regeln der Sindarin-Grammatik gehorchend. Und so weiter. Der Gesamtbau des Satzes folgt immer der Grammatik, die im zweiten Wort zu finden ist. Und um die Feinde endgültig zu verwirren, wurden ab und zu völlig sinnlose Buchstabenzusammenstellungen zwischen die richtigen Wörter geschoben." Der Berater des Königs zog verächtlich die Augenbrauen hoch. "Es hat ihnen ja sehr viel gebracht, muss man sagen."
Anôra kicherte beim Gedanken daran, was für ein dummes Gesicht Galmond – oder wer auch immer der Verfasser des Zettels sein mochte – machen würde, hätte er erfahren, wie leicht ihr Herr das ach so unüberwindbare System geknackt hatte.
"Und was steht nun drin?"
"Oh, jetzt kommen wir zu dem spannenden Teil der Geschichte. Denn die Übersetzung klingt überaus interessant. " Er hielt sich den Zettel vor die Augen und begann, langsam abzulesen. "An Railin kommst du über Archazôn´s Haus. Er wird dich zu den Plänen führen. Bringe sie nach Andunié."
"Hmm... und was für Pläne sind gemeint?" Anôra blickte ihren Herrn fragend an.
"Das weiß ich nicht, und das ist es, was mich beunruhigt."
"Könnt ihr nicht diesen Archazôn fragen? Falls ihr ihn kennt?"
"Lord Archazôn?" Sauron lachte trocken auf. "Er ist ein sehr reicher Adliger in Rómenna, ein absolut königstreuer Idiot. Dabei liebt er es, Empfänge und Bälle zu veranstalten – ideale Gelegenheiten für Getreue oder als solche Verdächtigte, sich ungestört zu treffen und auszutauschen. In einem Ballsaal kann man sie schlecht verfolgen oder belauschen."
"Er wird also nichts von den Plänen wissen?"
"Kaum."
"Und was ist mit Railin?"
"Ein Pseudonym," winkte Sauron ab. "Dahinter kann sich jeder verbergen. Das einzige was wir über ihn wissen ist, dass der Priester wusste, wer es ist – und das er wohl freien Einlass zu Archazôn´s Empfängen hat. Also wahrscheinlich ein Adliger oder einflussreicherer Händler."
"Oder ein Diener," warf Anôra ein. Sauron überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf.
"Ein Diener ist sehr an seinen Herrn gebunden, es wäre für einen Getreuen zu kompliziert und gefährlich, diese Stelle einzunehmen. Nein nein, es muss jemand sein, der wohl auf jedem Empfang anwesend ist... nur kommen da zu viele in Frage."
"Und wie wollt ihr nun herausfinden, was das für Papiere sind?"
"Ich – gar nicht," zuckte der Berater des Königs mit den Schultern. "Das ist deine Aufgabe."
"Meine?!" Anôra starrte ihren Herrn entgeistert an. "Ihr... ihr meint ich soll...?!"
"Genau." Ein leichtes Lächeln über ihr Erstaunen flog über Sauron´s farblose Lippen. "Es wird an der Zeit, dass du dich an einer Aufgabe erprobst. Das hier dürfte nicht zu gefährlich sein und ist eine gute Möglichkeit, deine Fähigkeiten und dein Wissen einzusetzen."
"Aber... was muss ich denn überhaupt tun?"
"Gehe nach Rómenna, erscheine so oft es geht in Archazôn´s Haus, mache Railin ausfindig und finde diese Pläne. Was sonst?" Sauron zuckte mit den Schultern und erhob dich. "Du wirst deine Reise in einigen Tagen antreten, wenn deine Wunden verheilt sind. Und Xâdres wird mit dir kommen – ich möchte dich am Anfang nicht ohne Schutz arbeiten lassen. Aber wir werden die Einzelheiten später besprechen, du solltest dich jetzt ausruhen und ich mich meinen Aufgaben widmen."
Mit diesen Worten verließ er den Raum mit dem wie vor den Kopf geschlagenen Mädchen darin. Nach einiger Zeit ersetzte allerdings etwas anderes den verblüfften Ausdruck auf ihrem Gesicht, bis ein leises Lächeln Anôra´s Züge erhellte.
"Ich darf endlich etwas tun," flüsterte sie, und ihre Augen öffneten sich weit vor Begeisterung, als sie begriff, was Sauron´s Befehl für sie bedeutete. Und lachte plötzlich zur eigenen Überraschung glücklich auf.


IX


"Ach nein, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen!" Die Frau machte mit den kurzen Fingern einer ihrer dicken Hände eine affektierte Geste. "Die Sonne kommt hier nie herein, der edlen Farbe eurer Haut wird also kein Schaden zugefügt."
"Das beruhigt mich ungemein," nickte ihre junge Gesprächspartnerin mit roten, in eine komplizierte Frisur gelegten Haaren. "Ich denke dass ein blasser Teint eines der wichtigsten Dinge für eine Lady ist."
"Ja, ja, da habt ihr vollkommen recht." Der kleine dicke Kopf nickte heftig. "Ich bade mein Gesicht jeden Tag in Rosenwasser, um das zu unterstützen."
"Versucht es mit dunklem Tee," erwiderte die Rothaarige.
"Oh, meint ihr das wirkt noch besser?" Lady Calcía riss ihre kleinen Augen weit auf und sah nun einem erschrockenen Schweinchen so bestechend ähnlich, dass ihr Gegenüber den neben ihr stehenden, höfisch gekleideten Mann unauffällig mit dem Ellenbogen anstieß, als zwischen seinen mit letzter Kraft zusammengepressten Lippen ein Laut hervorkam, der einem unterdrückten Prusten nur zu ähnlich klang. Als die feiste Gastgeberin ihren Kopf nun endlich auch wandte und versuchte, die Natur des eben gehörten Lauts zu ergründen, erlitt der Mann einen plötzlichen heftigen Hustenanfall.
"Geht es euch nicht gut, Mylord?" fragte sie ein wenig verwirrt.
"Er ist ein wenig erkältet, wisst ihr," antwortete seine Begleiterin an seiner Stelle mit einem strahlenden Lächeln, was wie zur Bestätigung einen neuen Hustenanfall zur Folge hatte. "Doch wenn wir uns ein wenig von unserer Reise ausgeruht haben, werden wir sicherlich abends an eurem Empfang teilnehmen können."
"Das würde mich und meinen Mann sehr freuen." Calcía lächelte, ihre leicht gelblichen, auf gleiche Größe gefeilte Zähne zeigend. "Nun, dann überlasse ich euch jetzt der sicherlich dringend gebrauchten Ruhe. Fühlt euch wie zu Hause. Und wir können euch also heute abend erwarten?"
"Ja, sicher. Nicht wahr, mein Bester?" Der Mann nickte nur heftig, sein Gesicht war vor Husten bereits rot angelaufen.
"Sehr schön. Dann also bis heute abend!" Mit einem zweiten umwerfenden Lächeln verabschiedete sich die Frau von Archazôn von ihren Gästen und lief hinaus, eindeutig darauf brennend, ganz Rómenna wissen zu lassen, dass zwei hochgestellte Adlige aus Armenelos in ihrem Haus zu Gast waren.
Sobald sie hinaus war, verschwand sofort das huldvolle Lächeln vom Gesicht der jungen Lady, einem verächtlichen Ausdruck platz machend, während ihr Begleiter, auf wundersame Weise von dem Husten kuriert, in ein befreiendes schallendes Lachen ausbrach.
" ' Ein blasser Teint ist eines der wichtigsten Dinge für eine Lady'," wiederholte er lachend, Tränen von seinem Gesicht wegwischend. "Oh Himmel, Anôra, wie kannst du dich noch ernsthaft über so etwas unterhalten?"
"Na ich spiele doch eine Dame, oder?" Anôra zuckte grinsend mit den Schultern und verzog sofort das Gesicht, als sich der Stoff des engen Kleides bei dieser Bewegung noch etwas enger um ihren Brustkorb legte. "Und jetzt habe ich eindeutig genug gespielt. Mir reicht diese elende Frisur und diese hellblauen Fesseln, die sie Kleid nennen." Energisch begann sie, mit der einen Hand die zahlreichen Spangen aus ihrem Haar zu ziehen, während die Finger der anderen die Schnürung ihres Kleides auflösten. Wenige Augenblicke später war sie schon in ein leichtes Hemd mit Hosen geschlüpft und kämmte erleichtert die gemarterten Haare durch.
"Ich frage mich wirklich, wie du es geschafft hast, diesen ganzen Schwachsinn zu hören und auch noch zu erwidern, ohne zu lachen," schüttelte Xâdres den Kopf, damit beginnend, sich ebenfalls von all den Rüschen zu befreien, die zu einer höfischen Garderobe gehörten.
"Es war schwer genug," schnaubte Anôra. "Na zumindest habe ich mich dafür gerächt. Ich würde zu gerne ihr Gesicht sehen, wenn nach ein paar Wochen Teewäsche plötzlich dunkle Flecken ihre ach so weiße Haut zieren." Das Mädchen lachte bei diesem Gedanken fröhlich auf. Mit einigen Schritten erreichte sie das Bett und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf die darauf liegende Seidendecke. "Aber mir bereitet gerade etwas anderes viel mehr Sorgen als die Hautfarbe unserer Gastgeberin. Ich glaube jetzt ist langsam der Zeitpunkt gekommen, uns mal Gedanken darüber zu machen, wie wir Railin überhaupt finden wollen, meinst du nicht?"
"Der Zeitpunkt ist längst überfällig." Xâdres ließ sich neben ihr nieder. "Die Frage ist, wie sollen wir ihn erkennen? Es werden wohl einige Leute anwesend sein, wir können ja nicht jeden belauschen."
Anôra nickte und griff sich aus der riesigen kristallenen Fruchtschale auf dem Boden einen Apfel heraus.
"Wir müssen die Sache aus Railin´s Sichtweise betrachten," fuhr Xâdres indessen fort, sie nachdenklich beobachtend. "Was genau erwartet er?"
"Wahrscheinlich Besuch aus Armenelos... Das heißt er wird unter den Leuten sein, die sich besonders für uns interessieren."
"Das ist schwer auszumachen," verzog ihr Begleiter das Gesicht. "Wir dürften sowieso die Attraktion des Abends werden."
"Schon, aber er wird sich wohl besonders für Armenelos selbst interessieren... ob noch Reisende kommen werden, ob es neue Verhaftungen gab, auf Menschen mit solchen Fragen sollten wir achten... außerdem wird er wahrscheinlich adlig und ein Freund des Hauses sein, wie sonst sollte er die Möglichkeit erhalten, bei jedem Empfang hier zu sein um den Boten zu erwarten?"
"Es muss dann auch jemand sein, der Galmond kannte – für gewöhnlich war ja Galmond dieser Bote," fügte Xâdres hinzu. "Und er wird wohl auch von dem Priester wissen, sonst würde er nach Galmond´s Verhaftung niemanden mehr erwarten und die ganze Aktion mit dem Zettel wäre sinnlos. Tja, soviel zu den besonderen Merkmalen. Bleibt nur noch zu klären, wie Railin den Boten aus Armenelos erkennen wollte."
"Vielleicht kennt er ihn ebenfalls persönlich," schlug Anôra vor.
"Nein, denke ich nicht. Es konnte schließlich immer der Fall eintreten, dass so ein Bote verhindert oder entlarvt wird – und ein Ersatz geschickt wird. Sie müssen sich schon irgendwie erkennen können."
"Stimmt..." Seine Begleiterin presste die Lippen zu einem engen Strich zusammen und tippte mit dem Zeigefinger leicht an ihre Nasenspitze; ein Zeichen dafür, dass sie angestrengt in ihren Gedanken nach etwas suchte. Xâdres lächelte unwillkürlich – für einen Moment füllte Wärme und Zärtlichkeit seine Augen, die, sonst ruhig und undurchsichtig, sämtliche Gefühlsregungen meist nur wie ein Glitzern auf der kühlen Oberfläche eines tiefen Sees erscheinen ließen.
"Wahrscheinlich wird es irgendein Zeichen wie ein besonderes Schmuckstück oder ähnliches sein," meinte Anôra schließlich, den Mann aus seinen Gedanken reißend.
"Warum nicht ein bestimmter Satz oder Wort?" zuckte er die Schultern.
"Na ja, es würde irgendwann wohl auffallen, wenn Railin jedem, der aus Armenelos kommt, immer das selbe sagt; du weißt, sogar Wände können Ohren haben. Und ständiger Wechsel des Erkennungssatzes oder Wortes wäre zu kompliziert und unsicher."
"Gut. Fassen wir mal zusammen. Wir suchen nach einem adligen Freund des Hauses, der sich für das politische Leben in Armenelos interessiert, Galmond kannte, von dem Priester weiß, und der irgendein Symbol oder bestimmtes Kleidungs- oder Schmuckstück trägt. Und höchstwahrscheinlich wird er das gleiche oder ein ähnliches Erkennungsmerkmal bei dem Boten erwarten."
"Womit wir uns schon mal nicht für Boten ausgeben können," seufzte Anôra.
"Apropos Boten." Der Mann schreckte auf. "Was ist wenn Railin weiß dass der Priester entlarvt wurde? Dann wird er ja kaum mit Boten rechnen, vielmehr mit Leuten wie uns!"
"Nein, nein, da brauchst du dir keine Sorgen zu machen," schüttelte Anôra lächelnd den Kopf. "Der Priester wurde so unauffällig wie möglich fortgebracht und durch einen anderen ersetzt. Nicht einmal die ihm Untergebenen wissen, dass nun ein anderer unter der Kutte steckt."
"Nun, das will ich zumindest hoffen... " Xâdres gähnte und streckte sich auf dem Bett aus. "Was hältst du davon, wenn wir uns bis zum Abend ein wenig ausruhen?"


X


Der Empfang, oder besser gesagt, der Ball bei Archazôn erinnerte Anôra im ersten Moment an den königlichen Frühlingsball vor einem Jahr. Wie damals drehten sich ständig Menschen nach ihr um, wie damals bildete sich bald eine kleine Gruppe von Neugierigen um sie herum, und trotz ihrer seit dem letzten Frühling erheblich gestiegenen Selbstsicherheit was solche Anlässe anging war die junge Frau erleichtert, als Xâdres sich nach kurzer Zeit zu ihr gesellte – gemäß ihrer Vereinbarung kam er etwas später als sie in den Saal und konnte so ungestört die Menschen beobachten, die der Hofdame aus Armenelos ihre Aufmerksamkeit zu schenken gedachten.
"Bis jetzt keine besonderen Kennzeichen oder Reaktionen," flüsterte er Anôra zu, ein strahlendes Lächeln in die größtenteils männliche Runde werfend. "Außer dass einige hier bald einen Heiler brauchen werden wenn sie dich weiterhin so anstarren," fügte er durch zusammengepresste Zähne hinzu und ließ sein Lächeln noch freundlicher werden.
Anôra unterdrückte ein Grinsen und wandte sich endlich einem älteren Mann zu, der sich bereits zum zweiten Mal mit der Frage Gehör zu verschaffen versuchte, inwiefern die Gerüchte stimmen, dass eine eigene Abteilung der Schwarzen Garde in Rómenna eingerichtet werden sollte.
"Das ist Humbug," winkte sie ab. "Die Schwarze Garde ist doch dazu da, den Berater des Königs zu beschützen – welchen Sinn hätte sie dann Hunderte von Meilen entfernt in einer anderen Stadt?"
"Vielleicht nach noch übrigen 'Elbenfreunden' suchen?" fragte eine Stimme, in der unüberhörbares Abscheu mitschwang. Sie stammte von einem dunkelhaarigen jungen Mann, der sich nicht nur durch die quer über seine rechte Wange gehende Narbe, sondern auch durch den durchdringenden Blick der leuchtenden grauen Augen von der Masse abhob und sich als Lord Niralthôn vorgestellt hatte.
"Es gibt keine Elbenfreunde in Rómenna, die sich noch getrauen würden, irgend etwas Gesetzwidriges zu tun, Mylord." Xâdres blickte ihn abschätzend an. "Nicht seit der großen Verhaftung vor fast drei Jahren."
"Darauf würde ich nicht wetten," mischte sich ein dritter Mann ein, der über scharfe Gesichtszüge und eine ebensolche Stimme verfügte. "Viele von ihnen haben..."
"Ach bitte, wie kann man an einem Abend wie diesem über so etwas wie Politik reden!" schnitt ihm die schrille Stimme einer jungen blonden Frau ins Wort, die nicht viel älter als Anôra selbst sein konnte. Die Dame trug eines der über und über mit Stickereien besetzten, pastellfarbenen Kleider die auch in Armenelos Mode waren und einem durch ihre schreiende Geschmacklosigkeit die Haare zu Berge stehen lassen konnten. Begleitet wurde diese Erscheinung von drei für das Auge wesentlich angenehmer hergerichteten jungen Frauen, von denen sich eine nun ebenfalls zu Wort meldete.
"Mírna hat recht," gluckste sie. "Es muss doch furchtbar langweilig für euch sein, solchen Gesprächen beiwohnen zu müssen, Mylady."
"Warum kommt ihr nicht mit uns mit und erzählt uns von dem höfischen Leben?" fragte eine Dritte aufgeregt, eine hübsche Brünette mit einer etwas zu groß geratenen Nase. Ihre dunklen Augen fuhren so schnell hin und her dass man in Gefahr lief, einen Schwindelanfall zu erleiden, würde man versuchen, ihnen zu folgen.
"Oh ja, das ist eine ganz wundervolle Idee!" klatschte Mírna begeistert. "Die Lords haben sicher nichts dagegen, wenn wir euch für eine Weile entführen. Also, was sagt ihr?"
"Äh... ja, sicher," lächelte Anôra überrumpelt. "Eine wundervolle Idee, wirklich."
Im nächsten Moment wurde sie schon von acht schmuckbehangenen Händen regelrecht durch den Saal gezerrt, begleitet von Xâdres´ mitleidigem Blick und dem Gekichere der jungen Frauen.
Der Abend schritt voran und Anôra´s Kopf war bald derart voll von Gesprächen über Kleider und Höflinge und Schmuck und was das Grüppchen aus mittlerweile etwa zehn Damen um sie herum noch alles interessierte, dass sie kaum mehr einen klaren Gedanken fassen konnte. Einige Male hatte sie es geschafft, durch den Wald der mehr oder minder hoch aufgetürmte Frisuren den Blick durch den großen, hell erleuchteten Saal schweifen zu lassen, doch sah sie nichts außer einem von der Straße hereingeeilten, recht einfach gekleideten Mann, wohl dem Diener eines untersetzten grauhaarigen Adligen, der ihm kurz einige Befehle zu erteilen schien bevor der Mann den Saal genauso schnell wieder verließ. Und dann folgten wieder unendliche Frage über den Palast, Armenelos, den König und wieder den Palast. Es fiel ihr schwer, einen erleichterten Seufzer zu unterdrücken, als endlich Xâdres auftauchte, mit einem charmanten Lächeln erklärte, dass sie nun zur Ruhe gehen würden und Anôra unbeirrt zum Ausgang dirigierte.


XI


"Niralthôn," meinte er ohne Umschweife, sobald die zwei in ihren Räumen angekommen waren.
"Bist du sicher?" zog Anôra skeptisch die Augenbrauen hoch.
"Ziemlich." Xâdres zog sich die Stiefel von den Füßen und schmiss sie in die Ecke bevor er sich erleichtert auf dem Bett ausstreckte. "Der Mann passt von allen Punkten her. Er ist jung, bei jedem Empfang anwesend, und fragt mich ständig über die politische Lage in Armenelos, vor allem über die Getreuen aus – zu oft, wenn du mich fragst. Außerdem kann er nicht stillstehen vor lauter unterdrückter Nervosität und schaut ständig zur Tür, als würde er auf jemanden warten, der einfach nicht kommen will. Auffällig, nicht?"
"Ein wenig zu auffällig," entgegnete das Mädchen, sich etwas Wein aus der Karaffe am Nachttisch eingießend. "Ein Getreuer der sich so benimmt wäre längst aufgeflogen."
"Vielleicht, würde er sich ständig so benehmen. Aber du musst eines bedenken." Xâdres setzte sich auf und beugte sich vor. "Das hier ist keine normale Situation für ihn. Er weiß dass Galmond entlarvt wurde. Und dass Galmond eigentlich durch den Priester einen anderen Boten hätte schicken sollen, doch der Bote kommt und kommt nicht. Und Niralthôn weiß nicht ob dieser noch kommt oder auch gefangen wurde – und ob er womöglich selbst in Gefahr schwebt."
"Du meinst, er schaut ständig zur Tür, weil er nicht nur einen Boten, sondern genauso gut auch einige Vertreter der Schwarzen Garde erwartet?"
"Genau," nickte der Mann zufrieden. "Wollen wir ihm morgen abend folgen?"
"Warum denn nicht heute?" Anôra blickte ihn verwundert an. "Je schneller wir ihn und diese Papiere gefunden haben desto besser."
"Weil er heute in Begleitung gehen wird. Einer brünetten in Seide geschnürten Begleitung."
"Oh... Er wird wohl kaum vorhaben, der Dame irgendwelche Papiere zu zeigen, was?" seufzte die junge Frau.
"Wohl kaum. Nun, uns bleibt nichts anderes übrig als bis morgen abend zu warten, dann wissen wir mit Sicherheit, ob wir Railin wirklich gefunden haben."
"Ich hoffe dass es so ist," erwiderte Anôra. "Diese Empfänge laugen einen aus."
"Magst du die hiesigen Damen etwa nicht so sehr wie sie dich?" Xâdres grinste schief.
"Na ja, einige sind ja wirklich nett, aber bei einigen frage ich mich, warum sie nicht in einer Kinderstube anstatt in diesem Saal gelandet sind," schnaubte das Mädchen. "Die ganze Zeit über durfte ich mir anhören wie nett ich doch bin und wie gebildet und dass sie ja sooooooo gerne mit nach Armenelos kommen würden."
"Vielleicht hoffen sie dass du sie am Hof einführen könntest?"
"Wenn, dann hoffen sie vergebens. Es gibt dort mehr als genug von ihrer Art. Nun, es ist auch egal. Die Hauptsache ist, dass wir Railin ausfindig machen." Anôra stellte das leere Weinglas auf dem marmornen Fensterbrett ab, schwang die Läden auf und atmete tief die kühle Nachtluft ein. Das dem Paar zugeteilte Gemach war im dritten Stock der palastähnlichen Villa und aus dem auf ihrer Rückseite befindlichen Fenster bot sich ein weiter Blick über die von Mondlicht überflutete Meeresstadt. Im silbrigen Schein ließ sich fast jede Einzelheit der engen Gässchen erkennen, die dicht aneinander gedrängte Häuser aus blassgelben Steinen, deren Dächer meist aus für meeresnahe Siedlungen typischen, stark gewölbten, rostroten Ziegeln bestanden, zahlreiche leere Holzstände, an denen tagsüber Fisch und Muscheln verkauft wurden, einige kleine Marktplätze mit den unentbehrlichen Springbrunnen in der Mitte, dahinter ein Wald aus Masten im nächtlich stillen Hafen und schließlich das dunkle Schimmern des Wassers am Horizont. Das war das echte Rómenna. Nicht die pompöse, von Boulevards durchkreuzte und von riesigen weißen Herrschaftshäusern gesäumte Hauptstraße, bei deren Anblick man das Gefühl hatte, eine sehr gewissenhafte und doch aus unklaren Gründen misslungene Imitation von Armenelos vor sich zu haben. Anôra lehnte ihren Kopf an den Fensterrahmen.
In ihrer Kindheit war ihre Familie jedes Jahr zum Fischerfest am Ende des Sommers nach Rómenna gekommen. Das kleine Mädchen war immer aufs Neue verzaubert worden von dem bunten Treiben und den engen, mit smaragdgrünen und leuchtend blauen Fahnen geschmückten Strässchen. Einmal, als sie sieben Jahre alt war, hatte ihr Vater mit ihr eines der kleinen Läden dort betreten. Anôra lächelte bei dem Gedanken daran wieviel Spaß sie daran gehabt hatte, sich mit Ketten und Armreifen aus bunt bemalten Holzperlen und Muscheln zu schmücken. Als Krönung hatte sie einen weiten, blau-grünen Rock bekommen und kam sich wie eine Prinzessin vor.
Bis zum Ende des Tages. Da hatten ihre Eltern sie zum ersten Mal mitgenommen, als sie abends weggingen.
Eine schmutzige, nach Unrat riechende Straße, in der keine einzige Flagge hing, eine in die Dunkelheit herabführende Steintreppe, und schließlich ein von Kerzen erleuchteter weiter Kellerraum mit einfachen Holzbänken, auf denen viele ernst dreinguckende Männer und Frauen saßen, einige hatten ebenfalls Kinder dabei. Erst hatte Anôra Angst gehabt, nach einiger Zeit fand sie es dennoch aufregend, obwohl sie nicht wirklich verstand, wer all die Feinde waren, von denen der große mürrische Mann vorne die ganze Zeit sprach. Als das Gerede geendet und alle sich erhoben hatten, war der finster dreinblickende Mann zu ihnen gekommen, um leise mit ihren Eltern zu sprechen. Schließlich glitt sein Blick auch auf das kleine Mädchen, das sich an der Hand ihres Vaters festhielt. 'Es ist keine Art für eine junge Getreue, sich mit Schmuck und bunten Kleidern zu behängen, als wolltest du den Frauen des Königs nacheifern,' sagte er trocken. Seit dem hatten ihre Eltern sie nie wieder in eines der kleinen Läden mitgenommen. Dafür waren dunkle Keller, schlaflose Nächte, verfallene Häuser und die ständige Angst, von Soldaten erwischt zu werden, in ihr Leben eingezogen. Anôra presste die Lippen zusammen. Nein, sie bereute ihre Entscheidung nicht. Zum ersten Mal seit fast drei Jahren konnte sie es ehrlich behaupten. Sie seufzte und warf einen letzten Blick auf die Stadt, bevor sie das Fenster schloß. Doch als sie bereits die Fensterläden zuzog nahm sie mit den Augenwinkeln eine Bewegung unter sich wahr. Sie ließ die hölzernen Rahmen los und sah vorsichtig hinaus.
"Xâdres," flüsterte sie schließlich. Ihr Begleiter, der in einen verbissenen Kampf mit den zahllosen Häkchen seines Hemdes vertieft war, hob ruckartig den Kopf und sah sie fragend an.
"Ich fürchte Niralthôn´s Pläne für diesen Abend waren etwas anders als du dachtest." Das Mädchen deutete auf die unten verlaufende Gasse. Xâdres stürzte zum Fenster und lehnte sich heraus. Der aufgehende Mond tauchte die Straße in helles Licht – sowie die Züge der langsam und lautlos an der Villa vorbeigehenden Person. Im nächsten Moment hörte er hinter sich das Reißen von Stoff.
"Wir müssen ihm fol..." Xâdres stutzte mitten im Satz als er die kläglichen Überreste von Anôra´s feinem Seidenkleid auf dem Boden sah, während seine Besitzerin in einem eilig übergestreiften Hemd gerade dabei war, ihre Garderobe durch eine Hose zu ergänzen.
"Gehen wir," seufzte er, vorsichtig aus dem Fenster steigend. Mit Hilfe einer der schmückenden Säulen, die zahlreich an der Fassade des Hauses verteilt waren, kam er schnell auf der Straße an. Wenige Sekunden später schoss Anôra´s kleine Figur mit einer Geschwindigkeit die Säule herunter, dass man glaubte, sie würde fallen, und landete mit einem kaum hörbaren Klatschen der nackten Füße neben ihm. Ohne weiterhin Zeit zu verlieren liefen beide vorsichtig und leise los, dem am Ende der Straße verschwindendem Schemen von Niralthôn folgend.


XII


Der Weg führte immer weiter in das Herz der Stadt hinein, in die vielen engen Gässchen, die Anôra kurz zuvor beobachtet hatte. Niralthôn ging lautlos vorwärts, vorsichtig um die Ecken lugend und ab und zu abrupt stehen bleibend, um nach einem kurzen Horchen weiter zu gehen. Jedes mal wenn er das tat blieben Xâdres und Anôra wie versteinert stehen und wagten es kaum, zu atmen – wer weiß, wie gut die Ohren des Adligen waren.
Manchmal drehte er sich auch um, und dann mussten die beiden sich so schnell und leise wie es nur ging hinter Wandvorsprünge, Tonnen, Stände oder was sonst noch zur Verfügung stand werfen. Schließlich, unzählige Gassen und Verstecke später blieb Niralthôn an einem zweistöckigen kleinen Haus stehen, das sich durch kein Kennzeichen von den anderen unterschied, und klopfte fünf Mal gegen das mit teils aufgesprungener Farbe bedeckte Holz der Tür, anscheinend nichts von seinen Verfolgern ahnend, die ihn aus einer engen Nische zwischen zwei Häusern am Anfang der Gasse beobachteten.
Nichts passierte, doch die Luft schien vor Anspannung zu flirren. Xâdres warf einen schnellen Blick zu Anôra, die den Griff ihres Dolches pausenlos umklammerte und wieder losließ, was die Nervosität hinter ihrem ruhigen und beinahe desinteressiertem Gesicht offenbarte. Sie sollte sich mehr in Schach halten, schoss es ihm durch den Kopf. Nicht immer wird sie so unbeobachtet sein wie jetzt. Er wollte sie schon auf ihren Fehler aufmerksam machen, als endlich die Tür vor Niralthôn aufschwang und er im Dunkel dahinter verschwand. Anôra und Xâdres blieben noch einige Sekunden in ihrem Versteck sitzen, bis sie wie auf ein Zeichen aufsprangen und zum Haus hechteten.
"Die Tür ist verschlossen," flüsterte Xâdres nach einem kurzen, vorsichtigen Rütteln am Griff.
"Da ist jemand oben, hörst du die Stimmen?" erwiderte Anôra kaum wahrnehmbar.
"Ja... Lass mich dich am besten hochheben." Xâdres ging in die Hocke und fühlte kurz darauf, wie Anôra´s schmale Füße auf seinen Schultern platz nahmen.
"Los," erklang ihr Flüstern. Langsam erhob er sich, so dass Anôra sich mit den unablässig an der Wand höher wandernden Händen immer mehr dem Fenster näherte. Als er sich schließlich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte, klammerte sich Anôra an dem Fenstersims über sich hoch und stellte sich auf die Zehenspitzen, vorsichtig in den Raum hinter dem Glas hereinlugend. Nach kurzer Zeit kehrten ihre Fersen wieder auf Xâdres´ Schultern zurück und er beugte die Knie, um seine Gefährtin auf den Boden zurückkehren zu lassen.
"Komm," flüsterte sie, auf das Ende der Gasse deutend, von wo sie gekommen waren. Sobald sie hinter der Ecke waren blieben sie stehen und Anôra blickte den Mann mit einem Gesichtsausdruck an als würde sie sich nicht recht entscheiden können, ob sie fluchen oder lachen sollte.
"Was ist?" fragte Xâdres ungeduldig. "Sag schon, was hast du gesehen?"
"Gesehen? Gesehen und gehört wohl eher." Anôra seufzte. "Da waren zwei im Raum, Niralthôn und Lady Árleth."
"Die Frau von Lord Garnut?!"
"Genau. Und was sie dort gemacht haben erklärt zwar die ganze Heimlichtuerei, aber betrifft uns nicht in geringstem." Sie seufzte erneut. "Árleth ist ziemlich spät am Abend erschienen, daher anscheinend Niralthôn´s Nervosität. Soviel zu der Frage, ob er Railin ist."
"Hm..." Xâdres biss sich enttäuscht in die Unterlippe. "Das heißt wohl weitersuchen..."
Es graute bereits, als das Paar endlich den Weg zu Archazôn´s Villa zurückgefunden hatte – das Gewirr aus den kleinen Sträßchen, von denen jede wie die andere aussah, ließ sie mehr als einmal den falschen Weg einschlagen. Nachdem das unbemerkte Hineingelangen, dass dank der langsam erwachenden Menschen ein wesentlich schwierigeres Unterfangen darstellte, als das unbemerkte Hinauskommen, ebenfalls gemeistert war, fielen die beiden erleichtert auf die weißen Laken des riesigen Bettes, mit seinen Vorhängen eine Wand zwischen sich und den beginnenden Tag draußen schiebend, mit all seinen Menschen, Geräuschen und Sorgen, die wie eine unsichtbare Verlängerung des wogenden Meeres über der Stadt lagen. In diesem kleinen halbdunklen Raum mit seinen Stoffmauern gab es nichts außer den zwei eng aneinander gedrängten Menschen, die im sich herabsenkenden Schlaf die Arme umeinander geschlungen hatten, als hätten sie Angst, beim Aufwachen den anderen nicht mehr vorzufinden.
XIII
Das vom rot-goldenen Licht der untergehenden Sonne in Flammen gesetzte Wasser plätscherte träge durch den steingesäumten Kanal, sich am hellen Holz des Bootes brechend, das genauso träge und langsam von der kaum merkbaren Strömung durch das reichste Viertel von Rómenna getragen wurde, vorbei an den riesigen Adelshäusern und breiten Boulevards.
"Ein wundervolles Wetter um eine Bootspartie zu unternehmen, findet ihr nicht?" Lady Calcía lächelte fröhlich, sich auf dem Samtkissen bequemer zurechtsetzend.
"Ja, auf jeden Fall," nickte Anôra und erwiderte das Lächeln notgedrungen. Unter einer Bootspartie hatte sie sich eigentlich etwas anderes vorgestellt, als in einem randvoll mit Adligen gefüllten Schiffchen unter einem riesigen Seidenschirm durch einen künstlichen Kanal zu kriechen. Anfangs hatte sie sich zwar still amüsiert, ihre Begleiter beobachtend, doch nun, eine Stunde später, wurde sie dieser Gesellschaft langsam müde. Das Mädchen hätte vieles dafür gegeben, jetzt auf einem richtigen Boot über das freie Meer fahren zu können, mit dem kalten salzigen Wind im Gesicht und Xâdres an ihrer Seite. Dafür saß sie nun in einem mit einem Stoffschirm von der Sonne geschützten Spazierschiffchen, auf einem Samtkissen, das auf der glatt polierten Bank hin- und herrutschte, in Begleitung eines Rudels kichernder junger Frauen, die sie heute mehr reizten als amüsierten und der feisten Lady Calcía, die sich die Angewohnheit angeeignet hatte, Anôra wie ein unerfahrenes Kind zu behandeln, während Xâdres mit Archazôn und einigen anderen Freunden des Hauses die Hafenanlagen inspizierte.
"Oh schaut nur, wie schön mein Ring im Sonnenlicht spielt! Man könnte fast meinen, er würde brennen!" Calcía´s vor ihre Nase gehaltene Hand unterbrach jäh den Gedankengang des Mädchens. Unwillig senkte Anôra die Augen und betrachtete das Schmuckstück; ein schweres, geschmackloses Ding mit einer riesigen Blüte aus verschiedenfarbigen Edelsteinen, die so stark im Sonnenlicht glänzten dass das Zuschauen weh tat.
"Wirklich hübsch," nickte sie höflich. "Ich finde es faszinierend, wie von Menschen geschaffenes Goldschmuck zu solchen kleinen Sonnen werden kann."
In der nächsten Sekunde wünschte sie sich, das nicht gesagt zu haben. Gleich mehrere Paare ringbewehrter Hände streckten sich von allen Seiten aus und die jungen Ladys begannen, sich laut über das Lichtspiel auf dem Gold zu unterhalten – und warum gerade ihre Ringe die Sonne besonders interessant reflektierten. Die meisten davon richteten sich dann direkt an Anôra, um eine Bestätigung der Einzigartigkeit ihres Schmuckes bittend; eine weitere Edelsteinblüte, ein verschnörkeltes, baum- oder krakenartiges Goldmuster, mehrere mit Diamanten besetzte feine Goldnetze, einige konzentrische Kreise aus sich abwechselnden Rubinen und Achaten, und so weiter, und so fort. Anôra kam kaum damit nach, nach allen Seiten zu nicken und das Gesehene zu loben.
Nach kurzer Zeit wurde sie schließlich unerwartet von der dunkelhaarigen Lady Árleth gerettet, die, es anscheinend nicht ertragend könnend, dass die Hofdame aus Armenelos solches Interesse genoß, der neben ihr sitzenden Mírna extra laut eine Frage nach ihrer bevorstehenden Reise nach Hyarnustar stellte, was sogleich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Wieder sich selbst überlassen, stützte Anôra mit einem leisen Seufzer den Kopf auf ihren gefalteten Händen ab und starrte auf das beinahe schon still stehende Wasser im Kanal. Sie fragte sich langsam ernsthaft, ob sie für die Rolle einer Hofdame geeignet war – zu sehr unterschied sie sich von dieser besonderen Spezies, und war zu schnell drauf und dran, die Geduld zu verlieren. Nun, sie würde heute Abend mit Xâdres darüber sprechen. Vielleicht würde er ja sogar etwas über Railin herausfinden können, solange sie selbst zur Untätigkeit gezwungen war.
Xâdres war im selben Moment tatsächlich dabei, eine interessante Beobachtung im Verhalten eines der ihn und Archazôn begleitenden Lords zu machen. Die Männer standen inmitten des bunten Treibens im Hafen an einem kleinen, nagelneuen Kriegsschiff, das bereits ins Wasser gelassen war und an das ein auf Seilen hängender Mann den Namen schrieb; "Nachtvogel". Während Archazôn mit sichtlichem Stolz seine Kenntnisse im Schiffsbau unter Beweis stellte und sein Auditorium über die Vorteile eines solchen kleinen, aber schwer bewaffneten Erkundungsschiffs aufklärte, wandte Xâdres seine Aufmerksamkeit den zuhörenden Lords zu und ließ seine hellen ruhigen Augen über die kleine Menge gleiten – gerade rechtzeitig, um zu bemerken, wie ein unauffällig gekleideter Mann aus dem Strom der Händler und Spaziergänger auftauchte, mit Lord Garnut einige Worte wechselte und dann wieder verschwand. Ein Schauspiel, das der Schwarzgardist an diesem Tag bereits zwei Mal miterlebt hatte, einmal am Morgen als sie sich alle vor Archazôn´s Villa versammelt hatten, und das zweite Mal nachmittags, vor einigen Stunden, während die Gesellschaft ein Mittagsmahl in einem unerwartet gepflegten Wirtshaus in der Nähe des Hafens einnahm. Jedesmal nach einem solchen "Besuch" war Garnut für einige Zeit tief in Gedanken versunken gewesen – und auch jetzt spielte er unbewusst mit dem kleinen Samtbeutel an seinem Gürtel, mit leeren Augen vor sich hinstarrend und leicht die Lippen bewegend. Xâdres lächelte zufrieden. Sah ganz danach aus, als hätte er endlich den echten Railin ausgemacht.
Es war bereits später Abend, als beide Gruppen von Adligen zu Archazôn´s Haus zurückkehrten. Einige blieben über Nacht, doch die Mehrheit begab sich nach langem Verabschieden in die eigenen Betten – oder zumindest gaben sie es vor. Auch die zwei Besucher aus Armenelos wünschten den Hausherren gute Nacht und stiegen langsam die Treppe zu ihren Gemächern hoch. Sobald die Tür hinter ihnen zugefallen war wich allerdings alle Kühle und Gelassenheit von ihnen, einer innigen Umarmung und leisen, zärtlichen Worten Platz machend. Erst geraume Zeit später war Xâdres in der Lage, der jungen Frau seine Beobachtungen bezüglich Galmond zu schildern.
"Hmm... jetzt wo du es sagst..." Anôra stützte sich an seiner Schulter ab und kaute nachdenklich auf der Unterlippe herum. "Am ersten Ballabend habe ich Galmond in einer gleichen Szene gesehen, nur habe ich dem Ganzen damals keine Bedeutung zugemessen. Ein Mann kam herein, sprach mit Garnut und verschwand wieder... "
"Aber?" fragte Xâdres, der den zweifelnden Gesichtsausdruck der seiner Gefährtin zu gut kannte.
"Aber ich weiß nicht ob das was aussagt." Sie hob die Augen. "Sicher, das alles sieht verdächtig aus, doch Garnut passt überhaupt nicht in die möglichen Merkmale von Railin. Er ist weder regelmäßig da, noch ist er besonders jung, davon abgesehen auch noch dicklich und ziemlich ungeschickt – alles schlechte Eigenschaften für jemanden, der vielleicht unvermutet flüchten oder kämpfen muss."
"Dann haben wir uns eben verschätzt," zuckte der Mann mit den Schultern. "Schau mal, um ein Spion zu sein kann er auch so agieren. Vielleicht haben sie nur ein anderes Erkennungssystem als wir vermuteten, dann wäre es durchaus möglich. Anôra, so verhält sich kein normaler Adliger."
"Ja..." Anôra senkte den roten Schopf erneut. "Es wäre durchaus möglich..."
Sie stand auf und lief zum Fenster. Xâdres kannte ihre Angewohnheit, noch bei der klirrendsten Kälte das Fenster zumindest einen Spalt breit aufzuhaben. Solange er sie kannte hatte die junge Frau geschlossene Räume gehasst. Warum war ihm bis heute unklar, er vermutete aber, dass es mit ihrem Gefängnisaufenthalt vor etlichen Jahren zusammenhing, als sie noch in der Rolle einer Gefangenen nach Armenelos gebracht worden war. Er blickte fasziniert Anôra´s schlanke Gestalt an, an deren nackter Haut sich das Mondlicht brach, während sie mit geschmeidigen Bewegungen die Fensterläden aufzog. Sie schien zart und fast schon durchsichtig zu sein, und obwohl Xâdres wusste, wie viel Kraft wirklich in diesen feinen Gliedmaßen steckte, hatte er trotzdem das Gefühl, das Mädchen könnte durch eine einzige unvorsichtige Bewegung zerbrechen, wie eine mit Mondlicht gefüllte Phiole. Der Gedanke, dass die selbe Frau mal von groben Soldaten herumgeschubst wurde, stahl ihm den Atem und ließ es vor seinen Augen dunkel werden. Er würde nie zulassen, dass ihr jemals wieder Schaden zugefügt werden konnte. Dann plötzlich unterbrach eine Erinnerung seinen Gedankengang.
"Ach ja, noch etwas habe ich vergessen."
"Was denn?" Anôra erreichte mit mehreren fliegenden Schritten das Bett und schlüpfte zurück unter die Seidendecke.
"Garnut hat ständig mit seinem Samtbeutel und einem kleinen Gegenstand daraus rumgespielt, einer Münze oder so etwas ähnliches, mit einem Bild darauf." Xâdres streckte den Arm zum nahen Nachttisch aus, griff sich eines der darauf liegenden Papierblätter und die in einem mit Silber verzierten Tintenfässchen steckende Feder und setzte einige schnelle Striche auf das Papier.
"Hier, so sah das Ding aus."
Anôra streckte mit einem leichten müden Seufzer die Hand aus und warf einen kurzen Blick darauf.
"Ach, es ist doch nur irgendeine alte..."
In der nächsten Sekunde setzte sie sich ruckartig auf, mit geweiteten Augen auf das Blatt starrend.
"Du... du bist dir sicher dass es so aussah?!"
Xâdres nickte, aufmerksam das Gesicht der jungen Frau betrachtend. Anscheinend hatte die kleine Medaille etwas mehr Bedeutung als er anfangs dachte. Anôra schüttelte den Kopf, ungläubig die einfache Zeichnung betrachtend.
"Ich habe so etwas schon einmal gesehen," meinte sie schließlich langsam. "Es ist der Weiße Baum, das Wappen der alten Könige."


XIV


Am folgenden Tag konnte Anôra es kaum erwarten, dass endlich der Abend und mit ihm der anstehende Empfang kam. Wie ein eingeschlossenes Raubtier ging sie in dem Zimmer hin und her, nervös mit den Fingern spielend und immer wieder ungeduldig auf die große, in Marmor gefasste Standuhr blickend. Am frühen Nachmittag schleifte Xâdres das Mädchen schließlich zu einem Spaziergang durch das Fischerviertel zum Hafen, doch Anôra ging wie im Traum durch die engen Gassen, ohne auf das Leben um sich herum zu achten, so dass er sein Vorhaben bald resigniert aufgab. Zu seiner Überraschung wurde Anôra allerdings immer ruhiger, je näher der Abend rückte, bis nur der fiebrige Glanz ihrer Augen verriet, dass ihre Aufregung in Wirklichkeit nicht nachgelassen, sondern sich vielmehr gesteigert hatte. Als das Paar mit dem Einbruch der Dunkelheit endlich in höfischer Kleidung die hell erleuchtete Haupttreppe zum Ballsaal der Villa hinabstieg, waren ihre Bewegungen so langsam und ruhig, dass sie Xâdres an eine angespannte Sehne erinnerte, die jeden Moment reißen könnte. Sorgenvoll schaute er seine Gefährtin noch einmal an, ihr flüsternd Glück wünschend, bis sich ihre Wege im Saal selbst trennten.
Anôra ging in Gedanken immer wieder die geplante Vorgehensweise durch, während sie abwesend die Fragen und Scherze der Ladys um sie herum beantwortete. Sobald Garnut gekommen war, wollten die beiden unauffällig aus dem Saal verschwinden und sich zu dem Haus dieses Lords aufmachen, das nur wenige hundert Schritte von Archazôn´s Villa entfernt war. Und danach... für das danach war noch nichts genaues geplant. Es war nur klar, dass sie versuchen sollten, unbemerkt in das Haus hineinzugelangen und dort nach den geheimnisvollen Papieren zu suchen. Doch was war, wenn Garnut heute gar nicht kommen würde? Trotz der fortgeschrittenen Zeit war noch nichts von ihm zu sehen. Oder wenn er die Papiere gar nicht bei sich im Haus aufbewahrte? Was würde passieren, sollte sie diesen ersten Auftrag Sauron´s nicht ausführen können? Wahrscheinlich nichts Gutes... wenn sie Glück hatte würde sie vielleicht noch als Küchenmädchen im Palast bleiben dürfen. Kurz spielte die junge Frau mit dem Gedanken, einige Soldaten anzufordern und Garnut einfach verhaften zu lassen, verwarf ihn aber wieder. So würden sie trotz allem nicht an die geheimnisvollen Papiere kommen, denn sogar wenn der Mann reden würde, könnten diese in der ganzen Aufregung von jemand anderem fortgeschaffen werden. Schließlich sprach sich eine solche Verhaftung direkt herum, und Railin würde sicher nicht alleine arbeiten. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als den von Xâdres vorgeschlagenen Plan zu befolgen; abzuwarten bis Garnut auftaucht und dann versuchen, in seinem Haus einen Hinweis auf die Papiere zu finden.
"Lady Anôra?!" verschaffte sich eine schrille Stimme in diesem Moment Zugang zu ihren Gedanken.
"Ja?" Anôra blickte Mírna mit mühevoll zurückgehaltener Gereiztheit an. Die junge Adlige hatte sich an diesem Abend besonders hartnäckig um ihre Aufmerksamkeit bemüht, und langsam begann sie, diese Frau zu hassen.
"Euer Begleiter Lady Anôra!" Mírna deutete auf Xâdres, der sich gerade einen Weg zu der Gruppe durch den Saal bannte. Er lächelte wie immer höflich, doch Nervosität schien wie ein dunkles Glimmen durch seine Augen.
"Er will euch doch nicht etwa schon so früh entführen, Mylady?" kommentierte die unbeschwerte Stimme Mírna´s indessen.
"Oh, ich fürchte schon," entgegnete Anôra, die eigene ansteigende Spannung fühlend. "Mir geht es heute nicht so gut, wisst ihr, daher seine Sorge um mich. Entschuldigt mich." Sie nickte den sie umgebenden Frauen zu und lief Xâdres entgegen.
"Los," zischte er, sobald sie bei ihm angekommen war. "Garnut ist gerade eingetroffen!"
Anôra nickte nur kurz und Beide eilten ohne weitere Worte zu verschwenden zum Ausgang und in die kühle Nacht hinaus.
"Hast du alles bereit?" Xâdres hielt hinter der ersten Ecke an und blickte seine Begleiterin fragend an. Anôra nickte nur und streifte das extra für dieses schnelle Ausziehen ausgesuchte Gewand ab. Darunter kamen einfache schwarze Kleider und ein in den breiten Gürtel gesteckter Dolch zum Vorschein. Sie trat aus dem Stoffhaufen heraus und stieß ihn mit der Stiefelspitze unter die Hecke eines Vorgartens.
"Fertig," meinte sie leise. "Lass uns gehen."
Langsam und so leise wie nur möglich näherten sich die zwei Menschen der dunklen Masse des Hauses von Lord Garnut. Es war kleiner als die riesige Villa von Archazôn, doch trotzdem waren seine Ausmaße beachtlich; ein zweistöckiges Prunkgebäude mit den für Herrenhäuser typischen verzierten Steinsäulen an allen Ecken, einem breiten doppeltürigen Haupteingang und großen Fenstern mit Rundbögen an ihren oberen Enden. Von Wachen oder sonstigen Menschen war nichts zu sehen.
"Fenster?" fragte Xâdres kaum hörbar, aber Anôra schüttelte den Kopf und deutete auf die Tür. Mit einigen schnellen Schritten erreichten sie den Haupteingang. Die junge Frau warf nochmals einen kurzen Blick auf die leere Straße und zog dann die Spange aus ihrer Frisur. Xâdres beobachtete halb entgeistert und halb belustigt, wie sie das dünne Ende des Schmuckstücks routiniert in das Schloss steckte, einige Momente lang darin herumstocherte, es schließlich mehrere Male drehte und zufrieden zurücktrat, als die schwere Holztür mit einem leisen Knarren aufschwang.
"Du hast damit ein bisschen mehr Erfahrung als es sich gehört, kann das sein?" flüsterte ihr Begleiter, während sie vorsichtig in das Dunkel dahinter spähte.
"Wenn man so oft eingesperrt wurde wie ich ist es auch kein Wunder." Anôra zog den Kopf aus dem Spalt und grinste. "Dort ist übrigens alles leer. Wir können."
Die Beiden schlüpften hinein und zogen die Tür sanft hinter sich zu.
Xâdres sah sich um, soweit das durch ein rundes Fenster im Dach hineinströmende Mondlicht es zuließ. Sie befanden sich in einer sehr hohen, aber nicht allzu großen Eingangshalle, die mit mehreren großen Sesseln an der linken Wand ,und, wenn er die dunklen Rechtecke an den Wänden richtig gedeutet hatte, recht vielen Bildern ausgestattet war. In der gegenüberliegenden Wand war eine halb geöffnete Tür. Hinter dieser erstreckte sich ein Gang, an deren Ende schwaches Licht zu erkennen war. Es waren mehrere gedämpfte Stimmen zu hören, ab und zu leises Lachen – anscheinend die Küche, in der das Hauspersonal seinen Abend verbrachte. In der rechten Wand war ebenfalls eine Tür, dieses Mal allerdings eine geschlossene. Die zwei Eindringlinge blickten sich kurz an und begaben sich dann lautlos zu der geschlossenen Tür. Die Nacht konnte beginnen.
Anôra drehte die letzte Schublade um und ließ ihren raschelnden Inhalt auf den Boden fallen.
"Nichts," meinte sie nach einigen Minuten. "Nur ein paar belanglose Briefe und Urkunden."
"Hier im Schrank ist genauso wenig zu finden," erwiderte Xâdres und erhob sich vom Boden. "Jetzt haben wir die Bibliothek, das Arbeitszimmer und sein Schlafzimmer. Wo sollen wir noch suchen?"
"Ich habe nicht die geringste Idee, wenn ich ehrlich sein soll." Anôra richtete sich ebenfalls auf und ächzte als sie den ziehenden Schmerz in den eingeschlafenen Beinen spürte. "Sonst haben wir ja nirgendwo etwas gesehen, was mit Papier zu tun haben könnte. Nicht mal Schränke."
"Aber irgendwo hier müssen sie ja sein..."
"Und wo? Wir haben doch schon alle Räume durchsucht!" Das Mädchen warf sich missmutig eine Strähne des aufgelösten Haars aus dem Gesicht. "Lassen wir Garnut doch einfach verhaften. Er wird schon irgendwann erzählen, was das für Papiere sind und wo er sie versteckt."
"Nein, es ist zu riskant." Xâdres schüttelte den Kopf.
"Gut, sitzen wir es hier aus. Sicherlich erzählt uns Garnut aus reinem Mitgefühl, wo er die Papiere versteckt, sobald er zurück kommt und uns hier entdeckt."
"Werde bitte nicht sarkastisch," verzog ihr Begleiter das Gesicht. "Damit ist uns am allerwenigsten geholfen."
"Ich kann machen, was..." fing Anôra an, brach dann jedoch ab und seufzte. "Verzeih. Ich kann es einfach nicht ausstehen, wenn etwas nicht klappt."
"Ich weiß." Der Mann lächelte und drückte sie sanft an sich. "Verlieren ist etwas grauenhaftes."
"Wir werden nicht verlieren," murmelte sie, die Umarmung erwidernd. "Irgendwas lässt sich schon noch tun..."
"Vielleicht... " Xâdres berührte mit den Lippen leicht ihre Stirn. "Gehen wir jetzt erst einmal wieder hinunter, hier oben gibt es nichts mehr zu finden."
Die zwei Menschen verließen lautlos die Bibliothek, die nun mehr einem Trümmerhaufen glich denn einem geordneten Lager von Büchern und gingen schnell über den mit dicken Teppichen belegten dunkeln Gang zur in den ersten Stock des Hauses führenden Wendeltreppe an dessen Ende. Es war im ganzen Haus nichts zu hören ausser den merklich lauter und heiterer gewordenen Stimmen der Bediensteten in der Küche, die sich über irgendwelche Einnahmen unterhielten. Plötzlich jedoch blieb Anôra abrupt stehen. Xâdres sah die Frau aufmerksam an, wie sie angestrengt in die Dunkelheit hineinhorchte. In solchen Momenten beneidete er sie um ihre angeborenen Fähigkeiten, die nicht vielen Menschen von Númenor vergönnt waren – er selbst konnte erwartungsgemäß nichts besonderes hören.
"Jemand ist in linken Teil des Hauses," flüsterte sie schließlich angespannt.
"Da kommen wir doch gerade her..." Zwei graue Augen blickten Anôra verständnislos an.
"Nein," winkte sie ab. "Nicht hier oben. Im ersten Stock."
"Das Haus hat auf der linken Seite aber gar nichts außer der Küche und der Vorratskammern. Bist du dir sicher dass du von dort etwas hörst?"
"Ja... oder nein... ich weiß nicht," schüttelte Anôra den Kopf. "Es ist auf jeden Fall jemand in der Halle, aber es kam mir vorhin so vor, als würden die Schrittgeräusche von weiter weg kommen..."
Tatsächlich hörte nun auch Xâdres schnelle Schritte aus dieser Richtung, die hohl auf dem Marmorboden der Eingangshalle widerhallten und sich langsam entfernten. Wie auf ein Zeichen stürzten die zwei den Rest der Treppe hinunter, brachten in wenigen großen Sprüngen den Gang hinter sich und lugten vorsichtig in die Halle hinein – gerade noch schnell genug, um einen, soweit man erkennen konnte, einfach gekleideten Mann mit einem kleinen rechteckigen Gegenstand in den Händen im zur Küche führenden Dienstbotenflur verschwinden zu sehen.
"Ich habe mich wohl doch geirrt." Anôra zuckte mit den Schultern. "Da hat bloß jemand was aus der Halle geholt."
"Ja... nur, was soll sich ein Diener denn aus der Eingangshalle holen? Ich wäre mir da nicht so sicher ob du dich geirrt hast," kniff Xâdres skeptisch die Augen zusammen. Er hielt kurz inne, die gegenüberliegende Wand anvisierend. "Hast du dich nicht auch schon gefragt, warum es keinen direkten Durchgang in den linken Flügel des Hauses gibt?" meinte er schließlich nachdenklich. Anôra warf ihm einen schnellen Blick zu.
"Du meinst, der Durchgang... "
"Der Durchgang existiert," beendete der Mann für sie. "Nur sehen wir ihn nicht."
Er verließ die Deckung der halb geöffneten Tür und überquerte mit einigen raschen Schritten die Halle, dicht gefolgt von Anôra.
"Es wird wohl nichts besonders Kompliziertes sein," flüsterte er, die Wand vor sich musternd. "Garnut erwartet ja keinen unerwarteten Besuch, und die Diener stecken mit ihm unter einer Decke, so wie es aussieht."
"Vielleicht eines der Bilder?" schlug seine Begleiterin vor.
"Könnte sein... eine richtige Geheimtür ist nicht so lautlos zu öffnen. Wenn, dann würde von der Größe her das da am ehesten in Frage kommen." Xâdres deutete auf ein nahe dem Boden hängendes, fast mannshohes Portrait des Hausherrn und seiner Frau. Anôra machte einen Schritt darauf zu und streckte einen Arm aus, um am Rahmen zu ziehen, doch Xâdres´ Hand schloss sich um ihr Handgelenk.
"Lieber nicht," flüsterte er. "Solche Bildertüren – wenn es denn eine ist – sind komplizierter als du denkst. Wenn du einfach daran ziehst kann es sein, dass das Schloss einschnappt. Es muss eigentlich so etwas wie einen versteckten Hebel oder Knopf geben..."
Er trat vor und ließ seine Fingerspitzen langsam über den mit Schnitzereien verzierten Rahmen gleiten. Nach einiger Zeit stutze er, fuhr wiederholt über eine sich vom Aussehen her kaum von den anderen unterscheidende hölzerne Blume und drückte schließlich vorsichtig auf eines der fünf Blütenblätter. Im nächsten Moment sprangen beide hastig zurück – das lautlos aufschwingende Bild verfehlte sie nur knapp. Dahinter lag ein kurzer, dunkler Gang, an deren Ende schwacher Feuerschein zu erkennen war. Die zwei Eindringlinge schlüpften rasch hinein und zogen die Tür wieder hinter sich zu – an der Innenseite befand sich eine einfache Türklinke. In wenigen Sekunden erreichten sie die Quelle des Feuerscheins; ein kleiner, fensterloser, mit unzähligen Regalen und halbgepackten Kisten vollgestellter Raum mit einer an der Wand befestigten Fackel.
"Oh!" meinte Xâdres nach einigen Momenten schweigenden Staunens. "Und was macht er mit dem ganzen Kram?"
Anôra antwortete nicht. Statt dessen ging langsam an den Regalen vorbei, deren Inhalt betrachtend. Schließlich blieb sie stehen und nahm ein hübsch verziertes Silberkästchen herunter.
"Weißt du was das ist?" fragte sie leise mehr in den Raum hinein, denn an ihren Begleiter gewandt.
"Ein Schmuckkästchen." Der Mann zuckte mit den Schultern.
"Ein Schmuckkästchen... schau es dir mal an!" Anôra drehte sich abrupt um und warf ihm das Kästchen so plötzlich zu, dass er Mühe hatte, schnell genug die Hände danach auszustrecken. Interessiert betrachtete er den kleinen Gegenstand unter dem bohrenden Blick des Mädchens.
"Hmmm... es hat auch dieses Baumsymbol auf dem Deckel," murmelte er überrascht.
"Es gehörte den Getreuen," erwiderte Anôra scharf. "Wie alles hier. Unser lieber Garnut gehört anscheinend zu der bemerkenswerten Spezies, die sich auf Kosten anderer bereichert."
"Du meinst, er bessert mit so etwas seine Geschäfte auf?" Xâdres wog das Kästchen in der Hand.
"Genau das meine ich." Wut und Abscheu leuchteten aus den grünen Augen heraus. "Er verkauft die Güter festgenommener Getreuen, die noch nicht konfisziert werden konnten – und trägt wohl auch maßgeblich zu den Verhaftungen selbst bei."
"Schöne Geschichte... " Xâdres reichte ihr das Kästchen, die Gegenstände in den Regalen mit einem Kopfschütteln musternd. "Dass es solche Aasgeier gibt hätte ich nicht gedacht."
"Es gibt noch viel schlimmere," lachte Anôra bitter auf. "Nun, morgen früh wird es einen Händler weniger geben."
"Was willst du tun?"
"Ihm die Stadtwache an den Hals hetzen, was sonst." Die junge Frau zuckte müde mit den Schultern und das zornige Glimmen in ihren Augen erlosch. "Ob Mistkerl oder nicht, er ist nicht Railin, und gehört daher auch nicht zu unseren Aufgaben."
"Du hast wohl recht. Leider. Nun, dann lass uns auch nicht länger als nötig hier bleiben. Der Ort stinkt."
In Schweigen gehüllt verließen die beiden unbemerkt das Haus und gingen langsam zu Archazôn´s Villa zurück. Die Stadtuhr schlug ein Uhr morgens. Anôra spielte im Gehen gedankenverloren mit dem Silberkästchen in ihren Händen – Xâdres fragte sie nicht, warum sie es mitgenommen hatte. Die Äste des Baumes auf dem schimmernden Deckel fingen das Mondlicht ein und schienen fast zum Leben zu erwachen. Am Rand des Deckels angelangt, verbanden sie sich mit unzähligen Schnörkeln, die um das ganze Kästchen herumliefen. Sie verlangsamte ihre Schritte und runzelte die Stirn. Irgendwo hatte sie mal eine ähnliche Verbindung gesehen... nur mit viel mehr Schnörkeln, so dass der Baum in der Mitte kaum noch zu erkennen war. Das Mädchen blieb ganz stehen und fixierte angestrengt das Muster, ohne sich um den fragenden Blick von Xâdres zu kümmern. Sie hatte es ganz sicher irgendwo schon einmal gesehen. Und zwar vor nicht allzu langer Zeit. Ein Bild tauchte vor ihren Augen auf, so klar, als hätte jemand einen Riss in die Wirklichkeit gemacht. Mehrere Hände, die sich ihr entgegenstreckten... Sonnenlicht, das auf Ringen und Armreifen funkelte... Und ein Ring mit einem Goldguss auf der Oberfläche, der an einen verschnörkelten Baum erinnerte. 'Ist er nicht wundervoll?' hallte eine schrille Stimme in ihrem Kopf wieder. Anôra schnappte nach Luft und ließ das Kästchen fallen. Wie konnte sie nur so blind sein?!


XV


Zwei Menschen rannten kopflos durch die nächtliche Stadt, ohne sich darum zu kümmern, ob sie gehört wurden oder nicht. Sie hatten fast keine Zeit mehr. Das Blut pulsierte in Anôra´s Kopf. Mírna. Natürlich war es Mírna. Und sie hatte ihre Neugierde bezüglich des Hoflebens in Armenelos für harmloses Geplapper gehalten! Warum waren sie sich bloß so sicher gewesen dass Railin ein Mann ist? Und nun würden sie für diesen Fehler vielleicht mit dem Misslingen ihrer Mission bezahlen: wenn sie diese Nacht nicht fündig werden sollten würde Mírna am nächsten Tag auf ihre Reise gehen – und wahrscheinlich ohne die Papiere zurückkommen. Sie rasten um die letzte Ecke und entließen gleichzeitig zwei erleichterte Seufzer – Mírna´s Villa, die noch ein Stückchen kleiner war als die Garnut´s und fast schon die Ausmaße eines gewöhnlichen Hauses hatte, stand dunkel und still am Ufer des Flusses. Die Hausherrin war noch nicht zurückgekehrt. Deutlich langsamer und vorsichtiger näherten die beiden sich den Türen und Anôra steckte wie vorhin bei Garnut ihre Spange ins Schloss. Doch sobald sie die Spange drehte erklang anstatt des erwarteten leisen Klickens ein hässliches Knirschen und das Mädchen holte mit missmutigem Gesicht die hoffnunglos verbogene Spange aus dem Schloss.
"Die Tür wird von innen mit einem Holzblock oder ähnlichem versperrt sein," flüsterte sie. "Versuchen wir es am Fenster."
Aber auch da erwartete sie eine Enttäuschung. Die Fenster von beiden Stockwerken waren mit reich verzierten Eisengittern verstärkt – kein ungewöhnlicher Anblick bei Häusern, die in kleinen, nicht viel benutzten Straßen standen.
"Und jetzt?" Anôra gab der Wand einen Tritt.
"Nun, wir könnten auf Mírna´s Rückkehr warten und... nein, warte. Da oben ist noch ein Fenster, und soweit ich erkennen kann auch noch unvergittert." Xâdres trat einige Schritte zurück und betrachtete ein kleines unscheinbares Fenster im Dachstuhl.
"Dort passt du aber nicht hindurch," schüttelte Anôra den Kopf. "Du hast zu breite Schultern. Ich weiß nicht einmal ob ich dort hineinkommen würde..."
"Und ich lasse dich sowieso nicht alleine gehen." Der Mann sah sie scharf an. "Komm gar nicht erst auf den Gedanken."
"Aber es ist doch niemand da drin!"
"Nein!" Xâdres´ Augen verengten sich. "Du. Wirst. Nicht. Alleine. Gehen."
"Ach, und wie willst du mich daran hindern?" Wut schlich sich in Anôra´s Stimme. "Sauron hat mir diesen Auftrag geben, und ich werde ihn erfüllen, ob du mir dabei hilfst oder nicht!" Sie machte einen entschlossenen Schritt zur Hauswand, doch Xâdres´ Hand schloss sich mit fast schon schmerzhaft starkem Druck um ihren Oberarm.
"Nein." Plötzlich klang er ganz ruhig. "Das lasse ich nicht zu. Kein Auftrag ist dein Leben wert."
"Es wird mich auch bestimmt nicht das Leben kosten!" fuhr die junge Frau zornig herum. "Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, ich konnte es sogar früher, als ich nicht annähernd so gut ausgebildet war. Du brauchst nicht den großen Beschützer zu spielen! Und jetzt lass mich verdammt noch mal los!"
Xâdres blickte sie einige Momente lang an, als wollte er erneut widersprechen, doch dann huschte ein Schatten über seine Augen.
"Gut," sagte er leise und ließ den Arm sinken. "Wie du willst. Ich werde hier warten, falls Mírna zurückkommt." Ohne ein weiteres Wort drehte er ihr den Rücken zu, überquerte die Straße und verschwand in der Dunkelheit einer zwischen zwei Häusern gelassenen engen Nische. Anôra blickte ihm kurz nach und zwinkerte sich die plötzliche Feuchtigkeit aus den Augen. In der nächsten Sekunde biss sie sich auf die Lippen, wandte sich abrupt Mírna´s Haus zu und hielt Ausschau nach geeigneten Ritzen, die ihr beim Hochklettern helfen sollten – im Gegensatz zu den meisten Häusern Adliger war dieses ohne jegliche Säulen gebaut worden. Es machte ihr Mühe, an der fast glatten Wand hochzuklettern, aber die Klettereien an der Palastmauer waren eine gute Übung gewesen, und sie kam langsam, doch sicher dem begehrten Fenster immer näher. Sie konzentrierte sich so sehr auf die Aufgabe, dass sie es sogar schaffte, für kurze Zeit die zwei grauen Augen aus ihren Gedanken zu verdrängen, die im gleichen Moment sorgenvoll der kleinen, scheinbar ohne jeglichen Halt an der Hauswand hochkletternden Gestalt folgten, bereit, ihr in jeder Sekunde zur Hilfe zu eilen.
Nach mehreren unendlich langen Minuten stießen Anôra´s Finger endlich an den hölzernen Rahmen des Fensters. Sie verschaffte sich mit den Füßen eine unsichere Stütze an der Dachrinne, löste eine Hand von den rundlichen Ziegeln und stieß das Fenster an. Es war geschlossen. Die junge Frau seufzte und ließ ihre Hand vorsichtig zum an der Hüfte hängenden Dolch hinuntergleiten. Sie umklammerte das Heft und zog es heraus, darauf bedacht, keine ruckartigen Bewegungen zu machen, gleichzeitig mit den Fingern der linken Hand einen besseren Halt am Fensterrahmen suchend. Schließlich holte sie kurz aus und schlug die Klinge in das Glas am unteren Rand des Rahmens. Mit einem leisen Klirren fielen einige Scherben auf den Boden des Raumes dahinter, während Anôra um das verlorene Gleichgewicht rang. Sie versuchte, sich mit einem Knie am schrägen Dach abzustützen, rutschte jedoch ab und fand sich plötzlich drei Stockwerke über der Straße baumelnd wieder, die krampfhaft um den Fensterrahmen geschlossenen Finger der linken Hand als einziger Halt. Der Dolch fiel klirrend auf das Pflaster, als sie mit Schmerzenstränen in den Augen versuchte, sich wieder hochzuziehen. Unter sich hörte sie schnelle Schritte, riskierte jedoch keinen Blick nach unten. Sie bohrte ihre Finger in das Holz und versuchte, den sie haltenden Arm soviel wie möglich anzuspannen. Zentimeter um Zentimeter ließ er sich beugen, bis sie hoch genug war und sich mit einem leisen Ausruf der Erleichterung mit der rechten Hand in der kleinen Öffnung über dem Rahmen festklammerte, ohne auf die winzigen Glasscherben zu achten, die in ihre Haut schnitten. Sie ließ den Rahmen los und taste mit der Linken hinein. Fast sofort stießen ihre Fingerspitzen gegen einen kleinen Eisenhaken, der sich unter leichtem Druck mit einem Klicken löste. Endlich stieß sie das Fenster auf und zwängte mit klopfendem Herzen hinein.
Sobald ihre Füße wieder festen Boden unter sich hatten lehnte Anôra sich heraus und sah auf die Straße hinunter. Xâdres stand mit schneeweißem Gesicht, auf dem jedoch deutlich unendliche Erleichterung zu lesen war, unter dem Fenster. Sie lächelte glücklich, als sie seine Lippen 'Ich liebe dich' formen sah, schickte eine Kusshand nach unten und schloss das Fenster.
Vor ihr lag eine in Dunkelheit gehüllte Rumpelkammer. Soweit es sich erkennen ließ waren hier die verschiedensten Sachen, die ihren Nutzen verloren hatten, auf einen Haufen geworfen worden; kaputte Stühle, Tischbeine und –platten, alte Tücher, Kisten mit irgendwelchen kleinen Gegenständen, die an Spielzeug oder kaputtes Geschirr erinnerten, angeknackste Schubladen, Puppen ohne Kopf, und vieles mehr. Vorsichtig kämpfte sie sich durch das Gerümpel zum dunklen Fleck einer Tür an der gegenüberliegenden Wand. Dort angekommen, drückte sie die Klinke herunter und trat auf eine durch ein winzige Fenster notdürftig beleuchtete Wendeltreppe, welche sich weiter unten in völligem Dunkel verlor. Langsam tastete sich das Mädchen hinunter. Nach einiger Zeit – die Treppe schien direkt ins erste Geschoss zu führen - sah sie schwaches Mondlicht vor sich und landete in einem großen, mit zwei Fenstern ausgestatteten Raum, eher einem kleinen Saal. Zahlreiche Spiegel waren an seinen Wänden angebracht, und an jeder Wand standen mehrere Samtbänkchen oder zierliche Sessel, auch einige kleine gläserne Tische waren vorhanden. Nach Schränken oder Papieren sah es hier nicht aus. Anôra durchquerte rasch das Zimmer und öffnete die Tür an seinem Ende. Dahinter erstreckte sich erneut ein Gang, der mit der Eingangstür an der rechten Wand endete. Links von der Frau befanden sich eine zweite Wendeltreppe, die wahrscheinlich in den zweiten Stock führte, dahinter zwei Türen. Nachdem sie sich schnell davon überzeugt hatte, dass hinter der einen die Küche mit einer Vorratskammer, und hinter der anderen ein Gästezimmer gelegen waren, stieg Anôra rasch die Treppe hoch. In dem oben vor ihr liegenden Flur herrschte tiefste Dunkelheit. Nur schwer waren die Rechtecke dreier Türen auszumachen; zwei an der rechten und eine an der linken Seite. Sie entschied sich für die rechte Wand. Das erste Zimmer war eine Enttäuschung – nur eine kleine Bibliothek mit hauptsächlich Liebesromanen in einem alten Schrank, die Anôra eine Viertelstunde später mit leeren Händen wieder verließ. Der zweite Raum entpuppte sich als Arbeitszimmer. Sie lächelte freudig, als sie den großen Schreibtisch und mehrere Schränke erblickte. Doch um die zu durchsuchen brauchte sie eindeutig mehr Licht. Anôra entzündete nach kurzem Überlegen eine der auf dem Tisch stehenden Kerzen und stellte sie auf den Boden, in der Hoffnung, dass man nun das Licht nicht von der Straße aus sehen konnte. Sie leerte den Inhalt der Schränke auf den flimmernden Lichtkreis, fügte die auf dem Schreibtisch liegenden Papiere dem Haufen hinzu, dann machte sie sich an die Arbeit.
Xâdres beobachtete unruhig die dunkle Masse des Hauses. Es war bereits geraume Zeit vergangen seit Anôra darin verschwunden war, und es war seit dem kein Lebenszeichen mehr von ihr gekommen. Wenn in der nächsten halben Stunde nichts passieren würde wollte er hineingehen, irgendwie würde es ja möglich sein anders als durch das Dachfenster in dieses Haus zu kommen, es war doch keine Festung! Er blickte aus der schützenden Nische hinaus auf die Straße. Niemand war darauf zu sehen. Als er sich wieder zurückzog sah er das kurze Aufleuchten einer Kerze im unteren Stock. Das Licht wanderte von einem Fenster in das andere und verschwand dann in den Tiefen des Hauses. Beruhigt atmete er auf – Anôra ging es anscheinend gut. Im gleichen Moment machte Anôra im Obergeschoss des Hauses die Tür des Arbeitszimmers hinter sich zu und tastete sich in völliger Dunkelheit zu der gegenüberliegenden Tür vor.
Das letzte Zimmer entpuppte sich wie erwartet als Mírna´s Schlafzimmer. Es war, im Gegensatz zum Rest des Hauses, erstaunlich karg ausgestattet; ein breites, recht einfaches Bett mit einer Holztruhe an der einen, und einem Nachttisch auf der anderen Seite, ein Kleiderschrank, ein hölzerner Waschzuber und ein kleiner Spiegel an der Wand daneben. Anôra verzog spöttisch die Lippen – noch von ihren Eltern kannte sie diese Überzeugung, dass wahre Getreue keinen Wert auf Luxus und schmückenden Schnickschnack legten, welche bloß Spielzeug für die verkommene Hofgesellschaft in Armenelos waren. Sie riss entschlossen die Türen des Schrankes auf, fand jedoch nichts vor außer zahlreichen Kleidern und einigen einfachen dunklen Umhängen in der hintersten Ecke. Es blieb nur noch die Holztruhe. Aber sobald Anôra versuchte, den Deckel aufzuklappen, musste sie feststellen, dass dieser gut verschlossen war. Und ihr Dolch war auf der Straße geblieben. Sie fluchte und schaute sich im Zimmer nach einem geeigneten Werkzeug um. Tatsächlich waren auf dem Nachttisch einige Schmuckstücke, und darunter auch einige Spangen zu finden, deren einer sie sich bediente. Nach einigen kurzen Handgriffen und einem leisen Knirschen warf sie das verbogene Stückchen Gold beiseite und hob mit klopfendem Herzen den Deckel.
Staub und muffiger Geruch alten Stoffes schlug ihr entgegen. Enttäuscht blickte die junge Frau auf die säuberlich zusammengelegten Kleider, die sich ihr anstelle des erwarteten raschelnden Schatzes präsentierten. Diese Truhe war wohl seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. Sie griff trotzdem hinein und durchwühlte die zahlreichen Blusen und Kopftücher, warf den gesamten Inhalt schließlich auf den Boden und blickte ungläubig in den leeren Holzbehälter.
"Das kann doch gar nicht sein," murmelte sie entgeistert. "Warum ist die Truhe dann überhaupt versch... " Anôra brach ab und starrte einen Moment lang auf die gegenüberliegende Wand, als wäre dort in Feuerbuchstaben die Antwort auf ihre unvollendete Frage aufgetaucht. Dem plötzlichen Gedanken folgend, drehte sie die Truhe hektisch um, nahm erst ihren Boden, dann ihre Außenwand und schließlich wieder ihr Inneres in Augenmaß. Dann erschien langsam ein Lächeln auf ihren Zügen.
"Natürlich," flüsterte das Mädchen mit leisem Triumph. "Das ist des Rätsels Lösung." Erneut stellte sie die Truhe auf den Kopf und glitt mit den Fingern über ihre Ränder. An einer Stelle stockte sie, griff nach einer zweiten Haarspange, steckte sie mit etwas Mühe zwischen Truhenboden und die angrenzende Holzwand und drückte das herausragende Ende der Spange nach unten. Erst tat sich nichts, doch dann schien sich der Boden aufzubäumen und sprang mit einem trockenen Geräusch auf. Mit zitternden Fingern griff Anôra hinein und holte ein in dunkles Tuch eingewickeltes, raschelndes Bündel hervor. Vorsichtig öffnete sie es und breitete die mehreren zusammengerollten Pergamentstücke vor sich aus. Ihre Augen weiteten sich, als sie auf das obere Blatt blickte. Nun verstand sie, warum diese Papiere so wichtig waren. Und sie durften keine Minute länger hier bleiben. Schnell rollte sie die Blätter wieder zusammen, wickelte das Tuch herum und schob es unter ihre Kleidung. Im Aufstehen zog sie die Schnüre des Hemdes wieder zu, drehte sich um und verließ das Zimmer. Mit wenigen Schritten erreichte sie die nach unten führende Treppe und legte die Hand aufs Gelände. Es war geschafft.
"Hat euch mein Haus gefallen?" erklang im selben Moment eine spitze Stimme hinter ihr.


XVI.



Anôra blickte Mírna ungläubig an. Wie war sie bloß hierher in den zweiten Stock gekommen? Sie hatte doch niemanden die Treppe hochkommen gehört? Die blonde Adlige lächelte kühl als sie die Verwirrung in den Augen ihres Gegenübers sah.
"Also doch eine kleine Diebin in Sauron´s Auftrag." Der Spott in ihrer Stimme ließ das Mädchen schlagartig sämtliche Ängste und Fragen vergessen. "Ich hätte es dir ja nicht zugetraut, dass muss ich zugeben... Ein hübsches dummes Hofpflänzchen mit einer ebenso hübschen und leerköpfigen Begleitung für kalte Nächte, das war es was ich eigentlich von dir dachte. So kann man sich irren. Schade. Und ich war mir so sicher." Mírna seufzte.
"Ich zerfließe vor Mitleid," schnaubte Anôra. "Und entschuldige mich natürlich in aller Form, euch so hinterhältig hinters Licht geführt zu haben."
Die Getreue zog die Augenbrauen hoch.
"Auch noch vorlaut, wie? Liegt vielleicht an der mangelnden Erfahrung... Die Spione von Sauron werden auch immer jünger, findet er keinen anderen oder seid ihr ihm einfach nicht zu schade dafür, bei der Erfüllung einer seiner hohen Aufträge in einem dunklen Loch zu krepieren?"
Anôra atmete tief durch. Glühende Wut stieg in ihr auf, doch sie wollte ihr nicht nachgeben – genau das schien es nämlich zu sein, was Mírna wollte. Es beunruhigte sie zudem, dass sie bei der Frau keine Anzeichen irgendwelcher Waffen sah, aber diese trotzdem erstaunlich ruhig blieb.
"Wenn es euch lieb ist, euer Haus als dunkles Loch zu bezeichnen, so will ich euch natürlich nicht widersprechen," antwortete sie betont höflich. "Was jedoch meinen vorzeitigen Tod angeht, würde ich an eurer Stelle nicht so sicher gehen – eigentlich hatte ich für diesen Abend andere Pläne. Ihr werdet wohl besser beraten sein, mir dabei nicht in die Quere zu kommen. Wir wollen ja nicht, dass am Ende noch eure hübsche Frisur darunter leidet. Oder gar all der Schmuck, den man als Getreue so nötig hat." Der Schlag traf. Anôra wusste noch von ihrer Kindheit, wie sehr Getreue jede Art von überflüssigen höfischen Details verachteten, sei es eine komplizierte Frisur oder teurer Schmuck. Mit Genugtuung beobachtete sie, wie Mírna´s Gesicht vor Zorn weiß wurde.
"Hüte deine Zunge, kleines Mädchen," zischte diese, einen Schritt vortretend.
"Oder was?" Anôra bemühte sich, ihre Stimme gelassen klingen zu lassen, beobachtete jedoch angespannt jede Bewegung ihrer Gegnerin. Immer noch sah sie keine Waffe. Hätte die Adlige wenigstens einen Dolch in der Hand gehabt wäre es viel einfacher: zwar hatte sie selbst ihre Klinge auf die Straße fallen lassen, aber sie war sich sicher, auch so mit Mírna fertig werden zu können. Diese Unklarheit jedoch machte Anôra zunehmend nervös.
"Oder dir könnte etwas auf den Kopf fallen," flötete die eben noch vor Zorn zitternde Getreue plötzlich mit einem triumphierenden Aufleuchten der Augen. Alarmiert wollte Anôra herumfahren – aber im nächsten Moment schoß ihr glühender Schmerz durch den Kopf und vor ihren Augen wurde es schwarz.
Xâdres trat nervös von einem Bein auf das andere. Was machte Anôra bloß so lange in dem Haus? Er konnte sich nicht vorstellen, dass es dort so viel zu durchsuchen gab. War ihr am Ende doch etwas passiert? Oder nicht? Machte er sich vielleicht nur zu viele Sorgen? Er blickte wiederholt auf die Straße; sie war immer noch leer. Nur der von Anôra fallengelassener Dolch blitzte ab und zu auf dem Pflaster auf. Man sollte ihn wohl besser aufheben. Aber ehe er einen Schritt nach vorne machen konnte war plötzlich lautes Gepolter im Haus zu hören und die Eingangstür flog auf. Zwei dunkel gekleidete Männer mit gezückten Schwertern traten hinaus auf die Straße, angeführt von Mírna. Die Frau schien eine wundersame Wandlung durchgemacht zu haben: das fröhlich-dümmliche Lächeln war vollends verschwunden, an seine Stelle war ein kaltes, scheinbar um Jahre älteres Gesicht getreten, die Bewegungen waren schnell und knapp, der Blick seltsam scharf geworden.
"Er ist irgendwo hier," sagte sie, mit den Augen die dunkle Straße überfliegend. "Sie wird kaum alleine gekommen sein."
Eine kalte Hand legte sich um Xâdres´ Herz. Damit konnte nur Anôra gemeint sein. Warum hatte er bloß nicht gesehen, wie Mírna und ihre Begleiter ins Haus gekommen waren? Er zog entschlossen seinen Dolch. Dieser Frage würde er sich später widmen. Erst galt es, herauszufinden, was sie mit Anôra angestellt hatten. Er schätze, soweit es die nächtliche Dunkelheit zuließ, die Distanz ein, wog die Waffe in der Hand und warf. Ein kurzer, ins Keuchen übergehender Schrei, und einer der Männer sank mit der Klinge in seiner Brust zu Boden. Mírna sprang sofort in die Deckung der Tür zurück während der zweite Mann schneller reagierte als der Soldat erwartet hatte; fast zeitgleich zückte er ebenfalls einen Dolch und schleuderte die Waffe in die Dunkelheit der Nische hinein. Xâdres fluchte leise, aber viel mehr Zeit blieb ihm nicht. Er warf sich gerade noch rechtzeitig auf den Boden als die feindliche Klinge die Wand über ihm traf, rollte über das Pflaster, und griff nach Anôra´s Dolch.
"Ich würde ihn an deiner Stelle fallen lassen," erklang in gleicher Sekunde Mírna´s Stimme. Xâdres, bereits halb aufgestanden, warf den Kopf hoch und erstarrte mitten in der Bewegung. Zwei weitere Getreue waren aus der Tür hinausgetreten, einen von denen der Soldat als Mírna´s Kutscher kannte. Dessen linker Arm umklammerte die Handgelenke von Anôra, die mit willenlos nach vorne gebeugtem Oberkörper in seinem Griff baumelte, mit den Füßen kaum den Boden berührend. Blut floß ihre Schläfe hinunter. In der rechten Hand des Mannes befand sich ein langer schmaler Dolch.
"Leg die Waffe nieder," befahl Mírna. Xâdres ließ den Dolch langsam auf das Pflaster gleiten und erhob sich vorsichtig, krampfhaft darum bemüht, keine plötzlichen Bewegungen zu machen. 'Bloß keinen Fehler machen, bloß keinen Fehler', hämmerte es wild durch seinen Kopf, die Augen starr auf die zusammengesunkene Gestalt in den Händen des falschen Kutschers gerichtet.
"Sehr gut." Die Getreue lächelte überheblich. "Man kriegt euch doch ziemlich leicht unter, sofern man nur weiß, wie. Es wird wohl nie der Tag kommen, an dem Sauron´s Anhänger es endlich lernen, etwas für ihre Sache zu opfern. Vielleicht weil ihr nichts habt, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnt?"
Xâdres antwortete nicht, immer noch Anôra´s zum Boden gewandtes Gesicht fixierend, die Predigt der Frau glitt an ihm vorbei. Keinen Fehler, keinen Fehler, keinen Fehler. Sogar sein Herz schien hektisch im Takt dieser zwei Worte gegen den Brustkorb zu hämmern, während er langsam alle Muskeln anspannte.
"Schön, und jetzt kannst du dich fesseln lassen. Ich nehme an, das Mädchen dürfte recht wertlos sein – aber aus dir werden wir wohl einiges herauskriegen können, davon abgesehen dass du dich noch für den Mord eines von uns verantworten müssen wirst." Mírna nickte dem rechts von ihr stehenden Mann zu, der grimmig ein Seil hervorkramte.
"Hände hinter dem Rücken verschränken," meinte er trocken und trat auf den Soldaten zu. Xâdres befolgte mit klopfendem Herzen seinen Befehl und fühlte einen Moment später, wie das etwas feuchte, grobe Seil um seine Handgelenke gewunden wurde.
"Zurr das Seil gut zu," kommentierte Mírna indessen das Geschehen. "Ich möchte kei..."
Das Wort blieb ihr im Hals stecken. Die eben noch bewusstlos mit dem Gesicht zum Boden baumelnde Gefangene schnellte plötzlich ohne jede Vorwarnung hoch und schlug mit Wucht ihren Hinterkopf in das Gesicht des sie festhaltenden Mannes. Dieser schrie auf und taumelte zurück, sich beide Hände vors Gesicht pressend. Noch ehe jemand das Geschehen realisiert hatte setzte sie mit einem Tritt in den Magen des Verletzten nach und griff nach seinem fallengelassenen Dolch, während der Getreue wimmernd in die Knie ging.
Xâdres erholte sich im selben Moment als erster von der alle befallenen Starre und rammte seinen Ellenbogen in die Seite des hinter ihm stehenden Mannes, soweit es die Fesseln auf seinen Handgelenken zuließen.
Als wäre das ein Signal gewesen reagierten nun endlich auch die übrigen Menschen. Mírna wich mit schreckensverzerrtem Gesicht zur Tür zurück, einen unverständlichen Befehl schreiend und der Mann links von ihr stürzte sich mit einem gellenden Schrei auf Anôra, sein Schwert aus der Scheide ziehend. Xâdres, der ihr zu Hilfe eilen wollte, wurde jedoch von dem anderen Getreuen aufgehalten, dem sein Schlag anscheinend nicht allzusehr zugesetzt hatte; entschlossen griff dieser nach seinem Schwert und drängte den unbewaffneten Soldaten, dessen Hände immer noch halb gefesselt waren, zur Hauswand.
Stein splitterte, als das Schwert von Anôra´s Angreifer das Haus anstatt des roten Haarschopfes traf, das sich eben an dieser Stelle befunden hatte und Anôra rollte über den Boden. Sie drehte sich auf den Rücken, hektisch um sich herumtastend, während der Mann seine Waffe zu einem endgültigen Schlag hob. Das Schwert sauste pfeifend hinab, aber im gleichen Moment stießen die Finger des Mädchen an kühles Metall – und zwei gekreuzte Dolchklingen fingen kurz vor ihrem Gesicht den beinahe tödlichen Streich ihres Feindes ab.
Sie spannte sämtliche Muskeln ihrer Arme an, dem Druck des Schwertes trotzend, und zog gleichzeitig unmerklich ihre Beine hoch, solange der Mann damit beschäftigt war, seine ganze Aufmerksamkeit und Kraft in das Ziel zu investieren, den zitternden und langsam weichenden Widerstand der zwei Klingen zu brechen. In der nächsten Sekunde ließ sie ihre Beine vorschnellen.
Der Druck verschwand und der Mann taumelte nach Luft ringend zurück. Die kurze Pause nutzend, sprang Anôra hoch. Noch bevor ihr bewusst wurde, was sie tat, rammte fast reflexartig beide Dolche in die Brust des Mannes. Er schwankte, die junge Frau überrascht anblickend, und auch sie selbst starrte entgeistert auf ihre um die zwei Hefte gelegten Hände, an denen langsam Blut herunterrann. Erst als ihr Gegner noch einmal schwankte und sich mit glasig werdendem Blick vornüber beugte, riss sie wie in Panik die Hände von den Waffen und wich zurück. Die Leiche schlug dumpf auf dem Pflaster auf. Brandgeruch stand in der Luft.
Xâdres hatte es indessen geschafft, endlich das Seil von seinen Händen abzuschütteln. Er duckte sich unter dem nächsten Streich seines Angreifers hinweg und als er wieder aufrecht stand blitzte das Schwert des immer noch benommen an der Hauswand kauernden Kutschers in seiner Hand.
"Mal sehen ob du jetzt immer noch so mutig bist," zischte er. Mit einigen fast ununterbrochen aufeinander folgenden, harten Schlägen drängte er seinen Feind an seiner statt an die kalten Steine der Wand und schlug ihm mit einem geübten, blitzschnellen Streich die Waffe aus der Hand. Der Getreue drückte sich schwer atmend an die Wand, ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrend. Ein kaltes Lächeln huschte über Xâdres´ Züge während er betont langsam den Griff seines Schwerts mit beiden Händen umfasste und mit einem plötzlichen Ausfall seinen Gegner an der Wand aufspießte.
Als der Mann Blut spuckend über der Klinge in seiner Magengrube zusammensackte blickte der Soldat sich bereits sorgenvoll nach Anôra um. Sie stand nur wenige Schritte von ihm entfernt, mit bleichem Gesicht neben einem toten Getreuen, aus dessen Rücken zwei Klingen ragten – anscheinend hatte das Mädchen sich ihres vorhin verlorenen Dolches bedient. Als hätte sie seinen Blick gespürt hob sie den Kopf und machte langsam einige Schritte auf ihn zu. In der nächsten Sekunde war Xâdres mit einem großen Sprung bei ihr und drückte die heftig zitternde junge Frau fest an sich. Erst einige Minuten später lösten sie sich voneinander.
"Ist alles in Ordnung mit dir?" fragte er leise. Anôra nickte nur knapp und wischte sich mit angewidertem Gesicht die blutigen Hände an der Hose ab.
"Du wirst dich noch daran gewöhnen," meinte der Mann, dem ihr Gesichtsausdruck nicht entgangen war. Dann lächelte er plötzlich. "Es ist dein erster Sieg, kleines Mädchen. Dein erster Sieg in einem fairen Kampf."
"Ja... " Anôra blickte ihn nachdenklich an und schüttelte dann den Kopf, wie um lästige Gedanken zu verscheuchen. "Aber wo ist Mírna?"
"OH!" Xâdres fuhr herum und starrte erschrocken auf das Haus, hinter dessen Fenstern Flammen spielten. Dichter Rauch quoll aus der offenen Tür hinaus. Jetzt wusste er, woher der Brandgeruch kam, den er während des Kampfes am Rande wahrgenommen hatte. "Sie hat es angezündet."
"Und ist wohl selbst in die Flammen gegangen, für ihre heiligen Überzeugungen," fügte Anôra schaudernd hinzu.
"Verdammt... jetzt sind wir zwar Railin los, haben aber keine Papiere." Ihr Begleiter blickte zerknirscht am brennenden Haus hoch.
"Meinst du?" grinste das Mädchen. Unter seinem verwunderten Blick lockerte sie die Schnürung ihres Hemdes und holte ein reichlich mitgenommen aussehendes Bündel hervor.
"Das... das sind sie?!" Xâdres blickte sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung an, lachte dann plötzlich auf und wirbelte seine stolz lächelnde Gefährtin durch die Luft. "Weißt du was das heißt?! Wir haben diesen Auftrag tatsächlich erfüllt!"
"Oh ja." Anôra´s Augen blitzen, als er sie wieder auf dem Boden abgestellt hatte. "Schade nur dass wir Mírna verloren haben – sie wäre eine schöne Beigabe zu den Papieren gewesen."
"Nun, dafür haben wir den hier." Der Soldat nickte in Richtung der an der Hauswand kauernden Gestalt des Kutschers. "Ich nehme an, du hast in ihm einiges eingerissen mit deinem Tritt, aber die Reise nach Armenelos dürfte er noch überleben. Los, nehmen wir ihn mit und bringen ihn zur Kaserne der Stadtwache."
Anôra nickte und zerrte zusammen mit ihm den stöhnenden Getreuen in die Höhe. So schnell es ging entfernten sie sich in die Stadt hinein, während die Straße hinter ihnen sich nach und nach mit verschlafenen Menschen füllte, die, vom Lärm und Geruch des Feuers angelockt, verstört die drei Toten vor dem brennenden Haus betrachteten. Der Himmel im Osten wurde langsam hell.
Eine Stunde später eilten zwei in einfache braune Umhänge gehüllten Menschen durch die noch morgendlich leeren Straßen der Stadt. In der Gasse, auf die der hintere Teil der Villa von Lord Archazôn hinausging machten sie halt, blickten sich aufmerksam um und kletterten rasch die geschmückte Fassade zu einem halboffenen Fenster im dritten Stock. Innen warfen sie die Umhänge sowie die dreckigen Kleider ab und wuschen sich schnell mit dem kalten Wasser aus dem in der Ecke stehenden Badezuber.
"Nun, ich denke jetzt können wir mit reinem Gewissen schlafen und noch heute Nachmittag die Rückreise antreten," meinte Xâdres, das Gesicht mit einem riesigen weichen Tuch abtrocknend.
"Und wie willst du den Hausherren unsere fluchtartige Abreise erklären?" Anôra gähnte und zog die Vorhänge am Fenster zu, das Zimmer in ein angenehmes Halbdunkel tauchend.
"Wir sagen dass uns soeben die Nachricht von einer Erkrankung deines geliebten Onkels erreicht hat, der dich unbedingt sehen will," lächelte Xâdres, ihr einen leichten Kuss auf die Schulter gebend.
"Ja, mein Lieblingsonkel Sauron," grinste die junge Frau und drehte sich zu ihm um. "Der vor seinem Tod noch sehnsüchtig ein Präsent von mir bekommen möchte."
"Apropos Präsent. Du hast mir noch gar nicht gesagt, was das eigentlich für Papiere sind."
"Ach ja, die Papiere... Sieh sie dir ruhig selbst an. Aber setz dich vorher lieber hin." Anôra langte nach dem auf dem Nachttisch abgelegten Bündel und reichte es ihm. Der Mann löste vorsichtig das Tuch von der Rolle und breitete sie vor sich aus. In der nächsten Sekunde entfuhr ihm ein ungläubiges Ächzen. Vor ihm lag ein detaillierter Plan des Labyrinths unter dem Schwarzen Tempel.
(Polina)