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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Winter 3300


I


Ein Sonnenstrahl fiel durch die Fensterscheibe, hüpfte über das Fensterbrett, glitt über die blütenweißen Bettlaken und machte es sich schließlich auf der Nase des darin schlafenden Mädchens bequem. Anôra blinzelte und schlug die Augen auf. Heute würden endlich Tirazôn und Xâdres zurückkommen, die in den letzten drei Wochen Sauron bei seiner Reise nach Rómenna begleitet hatten, und sie konnte es kaum abwarten, die Neuigkeiten aus der großen Küstenstadt zu erfahren. Der Gedanke daran ließ sie sofort aus dem Bett springen.
"Ruh dich auch, Kleines, solange all die Quälgeister weg sind," hatte Tirazôn ihr augenzwinkernd beim Abschied gesagt. Ich hätte gut und gerne auf diese Ruhe verzichten können, dachte sie mürrisch, während sie sich anzog.
Denn seit Sauron´s Abreise hatte sie nur noch drei mal in der Woche Unterricht bei Nardûn und den Rest der Zeit konnte sie verbringen wie sie wollte, denn der einzige Auftrag, den sie von Sauron für die Dauer seiner Abwesenheit bekommen hatte, war ein bisschen in der Bibliothek herumzuschnüffeln.
Aber nach den ersten wirklich erholsamen Tagen kam die Langeweile. Anôra wachte trotz aller Vorsätze, bis zum Mittag zu schlafen, mit den ersten Sonnenstrahlen auf, um dann den Rest des Tages verzweifelt nach einer Beschäftigung zu suchen. Zwar gab es da die riesigen Büchervorräte der Bibliothek, doch obgleich interessant, wurde diese Art des Zeitvertreibs auf die Dauer viel zu eintönig, Anôra war nun mal nicht wie all diese Heiler und Gelehrten, die in der Lage waren, sich für Monate hinter Bücherbergen zu verstecken. In die Stadt hinunterzugehen war ihr ausdrücklich verboten worden, außerdem wusste sie nicht, was sie dort hätte machen sollen, und so beschränkte sich ihre ganze Tätigkeit darauf, ziellos im Palast umherzustreunen und sich dabei reichlich unnütz vorzukommen. Davon abgesehen wurde ihr bald klar, dass sie die Gesellschaft ihrer Lehrer schlicht und einfach vermisste, plötzlich war da kein Sauron mehr, der scheinbar alles wusste und ihr erklären konnte, und auch kein Tirazôn mit seiner gutmütigen Art und der Fähigkeit, ihr in den schlimmsten Stunden noch ein Lächeln zu entlocken. Und kein Xâdres. Xâdres und die Freundschaft zu ihm, die in der Zeit seit ihrer Versöhnung im Herbst immer mehr gewachsen war, die scherzhaften Wortgefechte mit ihm und das tägliche Training fehlten ihr am meisten. Aber heute wurde die Wartezeit endlich ein Ende haben.
Sie stopfte so schnell es ging das Frühstück in sich hinein und rannte aus dem Zimmer auf den östlichen Palasthof, auf dem sich die Ställe befanden.
"Sind sie schon da?" fragte sie atemlos die Wache haltenden Soldaten an den Toren.
"Wer?" sah einer der Männer sie verständnislos an.
"Na alle! Sie sollten doch heute zurückkehren!"
"Ach du meinst den Berater des Königs mit seiner Garde," lachte der Wachmann auf. "Nein, nein, so früh kommen sie sicher nicht, wir erwarten sie irgendwann gegen Mittag."
"Oh," verzog Anôra enttäuscht das Gesicht. "Na gut, dann warte ich eben."
Sie wandte sich um und rannte wieder in den Palast. Der Soldat sah ihr nach und schüttelte lächelnd den Kopf. Wie viele hier kannte auch er bereits das hübsche rothaarige Mädchen, das anscheinend eine Nichte von Tirazôn oder ähnliches sein musste, doch er hatte sie noch nie so aufgedreht gesehen. Doch das war verzeihlich, die Arme hatte sich in den letzten Wochen ja auch ständig mit gelangweiltem Gesicht überall herumgetrieben, kein Wunder dass sie sich jetzt so freute.
Die nächsten Stunden konnte Anôra sich auf nichts mehr konzentrieren. Unruhig streifte sie durch den Nordteil des Palastes, die Übungshöfe und die unterirdischen Dienstbotenflure. Eine Zeitlang versuchte sie, es sich auf den Dächern der Ställe bequem zu machen, von denen man einen guten Überblick über den Palastweg hatte, aber schon bald stellte sie fest, dass es zu kalt war, vor allem da sie sowieso nicht stillsitzen konnte.
Schließlich fand sie doch noch eine Beschäftigung, denn der alte Bibliothekar, mit dem sie in den letzten drei Wochen viel Umgang gehabt hatte, fing sie ab, als sie zum zehnten Mal an den Türen seines Reichs vorbeilief und bat sie, ihm beim Büchersortieren zu helfen. Dankbar folgte sie ihm und verbrachte eine geraume Zeitspanne damit, den Bücherberg vor dem Eingang in die richtigen Regale einzuordnen, bis plötzlich draußen hell Fanfaren ertönten und von einem wahren Chor von Hörnern Antwort bekamen. Sauron war endlich zurückgekehrt.


Anôra ließ den Bücherstapel in ihren Armen achtlos auf den Boden fallen und rannte wie von einer Wespe gestochen durch die steinernen Gänge zu den Ställen. Dass diese voll von hin- und hereilenden Dienern waren störte sie nicht besonders, so dass bald Flüche und Geschimpfe hinter ihr herschallten. Als sie schließlich atemlos aus den Türen in die kalte Winterluft stürzte, war der Hof bereits voll von schwarz gekleideten Gardisten auf ihren Pferden, Dienern, und anderem Palastvolk. In der Mitte sah man auf einem großen pechschwarzen Hengst Sauron thronen, der, mit Tirazôn an seiner Seite, sich gemächlich in Richtung der Ställe bewegte. Den Hufen der Pferde und den Menschen ausweichend schlug sie sich zu ihnen durch.
"He, da ist sie ja!" erhob sich auf einmal Tirazôn´s dröhnender Bass über dem Getöse. In wenigen Sekunden war er bei Anôra, sprang vom Pferd und drückte sie an sich.
"Ich habe mich schon gefragt, wo unser kleiner Wirbelwind bleibt," lächelte er. "Na, waren die letzten Wochen erholsam?"
"Viel zu erholsam," rümpfte Anôra die Nase. "Wann fangen wir denn wieder mit dem Unterricht an?"
"Schon morgen, wenn es der Dame recht ist," antwortete eine weiche Stimme für Tirazôn und Sauron hielt mit einem belustigten Glitzern in den Augen sein Tier neben den beiden an.
"Herr," neigte Anôra den Kopf, sich sogleich an sämtliche Anstandsregeln erinnernd.
"Hast du in unserer Abwesenheit alles erledigt, was ich dir aufgetragen habe?"
"Ja, Herr. Ich kenne allmählich sämtliche Bücher der Bibliothek, und Nardûn hat viel mehr mit mir geübt, als sonst."
"Dann hoffe ich, dass du genügend neue Kenntnisse gesammelt hast und sie auch anwenden kannst," nickte Sauron, gab Tirazôn einen Wink und die zwei entfernten sich in Richtung der Ställe.
Die Soldaten folgten ihrem Beispiel, und der Hof wurde immer leerer, doch soviel Anôra auch Ausschau hielt, Xâdres konnte sie nicht finden. Als sie letztendlich resigniert zum Palast zurückging, entdeckte sie ihn auf einmal. Er stand nicht weit von dem Dienstboteneingang entfernt hinter einem kleinen Mauervorsprung, und redete mit Áncabeth, ohne Anôra auch nur zu bemerken. Sie zuckte mit den Schultern und versuchte weiterzugehen, aber ihr war, als hätte sich eine schwere Last auf ihre Schultern gelegt, die jeden Schritt zur Qual machte. Sobald sie an der Tür angekommen war und sich noch einmal umdrehte, waren die beiden bereits verschwunden.
"Wo willst du eigentlich hin?" erklang plötzlich eine Stimme hinter ihr. Ungläubig wandte Anôra den Kopf und wurde sofort von zwei Armen hochgerissen und herumgewirbelt.
"Was fällt dir denn ein, dich einfach so an mir vorbeizuschleichen?" lachte Xâdres, sie wieder auf dem Boden absetzend.
"Ich wollte dich nicht beim Turteln stören," schüttelte Anôra glücklich den Kopf.
"Das ist typisch meine Schülerin, kaum ist man da, wird sie frech," schüttelte er mit einem fröhlichen Funkeln in den Augen den Kopf. "Aber wie siehst du eigentlich wieder aus? Dieses Kleid ist ja kaum für den Sommer geeignet, und du rennst im tiefsten Frost damit herum! Los, Abmarsch ins Zimmer und umziehen, dann können wir uns in einer Stunde auf der Mauer treffen."
"Wir können auch jetzt hin. Du führst dich ja wie meine Mutter auf," maulte Anôra.
"Ich führe mich wie dein Lehrer auf, der für dich verantwortlich ist, oder hast du schon vergessen, dass du mir bedingungslos zu gehorchen hast?" Xâdres grinste breit. "Und falls das nicht genug ist, ich nehme an, die neuesten Geschichten aus Rómenna dürften Ansporn genug sein?"
"Das auf jeden Fall!" lachte seine Schülerin hell auf. "Na gut, dann bis später!" Mit einem Wink und einem Wehen der roten Haare verschwand sie im Palast. Den giftigen Blick, den ihr die während ihres Gesprächs mit Xâdres abseits stehende Áncabeth zuwarf, bemerkte Anôra nicht.


II


An diesem Abend saßen sie lange in den Strahlen der untergehenden Sonne auf der Mauer ihres kleinen Übungshofes. Xâdres erzählte Anôra von den Geschehnissen in Rómenna, von den Getreuen, die langsam wieder aktiv wurden und Sauron Sorgen machten, von dem Errichten neuer Soldatenquartiere im Norden der Stadt und dem Ausbau des Hafens, und einfach nur von den zahlreichen kleinen Vorfällen, die in dieser Zeit passiert waren. Sein Wortwitz und die lebendige Erzählweise brachten Anôra immer wieder zum Lachen, doch auch sie stand ihrem Lehrer in nichts nach, als sie selbst schließlich mit dem Erzählen an der Reihe war, und so redeten sie auch lange nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war und die ersten Sterne am Himmel auftauchten.


Als Xâdres in sein Quartier zurückkehrte war es bereits kurz vor Mitternacht. Müde schloss er die Tür hinter sich und zündete eine Kerze an.
"Schön dass du auch mal auftauchst," sagte in diesem Moment jemand schnippisch. Xâdres drehte sich um und entdeckte eine reichlich verstimmt aussehende Áncabeth in seinem Sessel.
"Was tust du denn hier?" blickte er sie verwundert an.
"Auf dich warten, was denn sonst," schnaubte sie und sprang auf. Erst jetzt bemerkte er, dass ihre Hände und ihr Hals mit Schmuck behangen waren und sie eines ihrer besten Kleider anhatte. Wie immer. Warum musste sie sich eigentlich immer so herausputzen, als würde sie auf einen Ball gehen?
"Was hast du so lange mit diesem Bauernmädchen zu schaffen gehabt?!" fragte sie scharf.
"Wir haben geredet," zuckte er mit den Schultern. "Außerdem ist Anôra kein Bauernmädchen, sondern von edler Abstammung."
"Ach," kniff Áncabeth die Augen zusammen. "Und woher weißt du das so genau? Seit wann interessierst du dich überhaupt so für sie, dass ihr bis in die tiefste Nacht hinein redet?"
"Áncabeth, bitte," verzog Xâdres gereizt das Gesicht. "Lass diese Eifersuchtsszenen. Anôra ist meine Schülerin, die ich lange nicht gesehen und mit der ich daher viel zu bereden hatte, nichts weiter."
"Ihr hattet viel zu bereden?! Das erklärt natürlich alles! Gehörte die Umarmung heute Nachmittag auch zum Unterricht?!" Die Hofdame funkelte ihn wütend an.
"Warum darf ich sie denn nicht umarmen?!" Allmählich fühlte auch Xâdres, wie sich Wut in ihm regte.
"Weil diese kleine Dirne genau darauf aus ist, falls du es noch nicht bemerkt hast!" kreischte Àncabeth auf.
"Wage es nicht noch einmal, sie eine Dirne zu nennen!" Xâdres´ Augen blitzen zornig auf.
"Ich kann sie nennen wie ich will!" Àncabeth´s Stimme hallte schrill durch den Raum. "Ich bin die erste Hofdame des Königs, und du hast mir nicht zu sagen, wie ich diesen Abschaum zu nennen habe!!!"
Xâdres sah sie angewidert an. Mit einem mal begriff er, dass da eine fast fremde Frau vor ihm stand, die, trotz aller ihrer äußerlicher Vorzüge, im Grunde nicht viel anders war als die keifenden Marktfrauen auf den Plätzen von Armenelos. Ihre unbedingte festliche Aufmachung, ihre ewige Koketterie, die sinnlosen Gespräche die sie zu führen pflegte, die Streitsucht und die ständige Unzufriedenheit mit allen außer sich selbst wurden ihm so klar wie noch nie zuvor.
"Áncabeth," sagte er schließlich langsam. "Ich denke du solltest jetzt gehen. Und ich denke wir sollten uns nicht mehr sehen."
"Was?!" Àncabeth schnappte nach Luft. "Was hast du da gesagt?!"
"Ich sagte dass wir uns nicht mehr sehen sollten. Es ist keine Beziehung mehr, die wir führen, wir passen einfach nicht zusammen, und wir haben auch nie zusammengepasst. Ich habe keine Lust mehr, dieses Theater weiterzumachen."
Áncabeth sah ihn einige Sekunden lang ungläubig an, dann lief ihr schönes Gesicht rot an.
"Das wirst du noch bereuen!" zischte sie hasserfüllt. "Niemand verlässt mich, hörst du, niemand! Ich werde es dir heimzahlen, mein Freund, dir und dieser Dirne die dir jetzt wohl das Lager wärmen soll!"
"Raus!!!" brüllte Xâdres.
„Na, sag bloß ich habe ins Schwarze getroffen?“ Áncabeth verzog höhnisch die Lippen.
Statt einer Antwort riss Xâdres mit vor Zorn zitternder Hand die Tür auf.
„Verschwinde!“ knurrte er. „Ich will dich hier nie wieder sehen.“
„Wie du willst.“ Die Hofdame schritt an ihm vorbei hinaus, blieb aber an der Schwelle stehen und schaute sich um. „Du wirst schon noch merken, was du an mir verloren hast. Du wirst noch auf Knien vor mir kriechend darum betteln, wieder an meiner Seite sein zu dürfen.“
„Darauf kannst du lange warten,“ schnaubte Xâdres und warf die Tür zu.
Er blieb noch einige Minuten lang stehen und horchte in die plötzliche Stille hinein, dann durchquerte er den Raum und ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Doch je mehr die Wut abflaute, desto nachdenklicher wurde er. Immer wieder ging ihm der Streit mit Áncabeth durch den Kopf. Er bereute es nicht, nein, aber er fragte sich, warum er eigentlich so wütend auf sie geworden war, hatten ihn die Dummheiten, die seine ehemalige Geliebte früher öfter von sich gegeben hatte, nie dermaßen aufgeregt, wenn er sich denn überhaupt mal die Mühe gemacht hatte, darauf zu achten. Xâdres verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ seine Augen über die steinerne Decke gleiten. Die Beleidigung Anôra´s, das war es, was ihn so außer sich gebracht hatte. Natürlich war es absoluter Unsinn zu behaupten, sie wäre Schuld an dem, was passiert war, genau so wie Áncabeth´s Beschuldigung, er hätte nicht nur freundschaftliche Gefühle für Anôra. Unwillkürlich musste Xâdres bei diesem Gedanken grinsen. Das vorlaute Mädchen mit dem zerzausten Haar war wohl wirklich die letzte, die ihn als Frau interessieren könnte. Jedoch war sie nicht nur seine Schülerin, sondern auch sein Schützling, und er wurde es niemals dulden, dass irgend jemand auch nur schlecht von ihr sprach. Schon gar nicht eine verwöhnte Hofdame, die nichts als ihre Kleider und Schmuck im Kopf hatte und sich nicht einmal vorstellen konnte, was das „Bauernmädchen“ durchmachen musste, während sie selbst sich auf Bällen und Empfängen über die neueste Haarmode unterhielt. Bei diesem Gedanken ballte er erneut zornig die Fäuste. Anôra verdiente für ihre Leistung den größten Respekt und nicht abfällige Kommentare von Áncabeth, die ihr in keiner Beziehung das Wasser reichen konnte.
Er träumte seltsam in dieser Nacht. Bilder der kommenden Ballnacht zur Feier des Frühlings stiegen vor ihm auf, wie er mit Áncabeth tanzte und redete, als hätte es ihren Streit nie gegeben, aber obgleich sich sein und ihr Mund bewegten und ihre Füße zu einer Musik über den Boden glitten, hörte er nichts als Stille. Lautlos lachend zog die Hofdame ihn nach einer Zeit durch eine auf einmal in der Wand aufgetauchte Tür in sein eigenes Zimmer, und sie fielen küssend auf die Laken. Alles war vertraut und klar wie sonst, sogar die Stille schien natürlich und immer schon da gewesen zu sein. Doch als sich ihr Körper unter ihm aufbäumte schlug Áncabeth unvermutet die Augen auf – und statt ihrer sahen Xâdres plötzlich zwei riesige grüne Augen an, deren ruhiger, ironischer Blick ihn wie ein spitzer Pfeil durchbohrte. Als hätte jemand einen Dolch in seine Eingeweide gestoßen schrie Xâdres auf und schreckte, von seinem eigenen Schrei geweckt, aus dem Schlaf hoch.
Zitternd wischte er sich den Schweiß von der Stirn und versuchte, sich zu beruhigen.
„Es ist nur ein Traum, du Narr,“ flüsterte er. „Nur ein dummer, unsinniger Traum. Jetzt vergiss ihn und schlaf weiter.“
Aber das war leichter gesagt als getan. Er lag statt dessen die ganze Nacht über da, mit entzündetem Blick in die Dunkelheit starrend, nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Erst im Morgengrauen legte sich traumloser Schlaf wie eine schwere Decke über ihn.


III


„Nein, der rechte Fuß muss nach hinten,“ schüttelte Tirazôn den Kopf.
„Ich dachte, der Rechte geht immer nach vorne?“ Anôra sah ihn verwirrt an.
„Der rechte Fuß geht nur in den ersten drei Schritten nach vorne, bei der vierten Wiederholung musst du ihn nach hinten setzen, sonst kannst du den Kreis nicht richtig abschließen,“ erklärte der Soldat geduldig. „Das ist doch ganz einfach.“
„Einfach?! Dieses verfluchte Tanzen ist das Schlimmste, was mir je passiert ist! Damit verglichen ist sogar Schwertkampf ein Kinderspiel.“
„Solche Worte wie „verflucht“ solltest du dir ganz schnell abgewöhnen, mein Mädchen,“ runzelte er die Stirn. „Wie das Fluchen im allgemeinen, du warst wohl etwas zu lange unter Soldaten. Aber du musst nun mal auf deine Sprache achten, wenn du auf den Frühlingsball willst, genauso wie du das Tanzen lernen musst.“
„Warum muss ich da eigentlich hin?“ seufzte Anôra müde.
„Wie willst du denn sonst unbemerkt in die Hofgesellschaft kommen?“
„Unbemerkt? Ich dachte meine Hauptaufgabe bei diesem Ball ist Auffallen?“
„Stell dich nicht dumm,“ wies Tirazôn sie scharf zurecht. „Natürlich musst du auffallen. Und zwar als die kürzlich in die Stadt gekommene Provinzadelige, die nun bei Hof leben wird. Ein solches Fest ist eine bessere Gelegenheit, der Gesellschaft vorgestellt zu werden und erste Bekanntschaften zu knüpfen, als einfach wie aus der Luft im Palast zu erscheinen.“
„Ist ja gut, ist ja gut.“ Anôra ging einige Schritte zurück und sah den Mann abwartend an. „Noch mal?“


Völlig ausgelaugt kam sie am Abend dieses Tages in ihr Zimmer. Ohne das leichte Abendessen, das wie immer auf dem Tisch stand, auch nur eines Blickes zu würdigen, streifte sie ihre Stiefel ab und fiel ins Bett, sich die Mühe des Ausziehens ersparend. Die letzten Wochen waren die aufreibendsten ihres Lebens gewesen. In nur vierzehn Tagen würde der Frühling anfangen; und diesem Tag zu Ehren sollte im Palast der jährliche Frühlingsball stattfinden, das größte und prunkvollste Ereignis, das Armenelos zu bieten hatte. Schon seit mehr als einem Monat liefen Vorbereitungen dazu, doch wenn es am Anfang nur an einigen, meist mit Essbarem gefüllten, Fuhren mehr, die täglich im Palasthof eintrafen, festzumachen war, wurde die Hektik nun deutlich bemerkbar.
Sogar sie selbst war davon betroffen, denn plötzlich war ihr mitgeteilt worden, dass sie an diesem Ball in ihr zukünftiges Leben als Hofdame eingeführt werden müsse – mit all den dazugehörigen Unannehmlichkeiten, wie Tanzen lernen, angemessen reden, gemächliches Gehen, Kokettieren, und ihre Kenntnisse der Beziehungen und Wechselwirkungen der Hofgesellschaft auffrischen. Der normale Unterricht mit Tirazôn fiel nun ganz aus, statt dessen musste sie bei ihm all diese Sachen lernen, die sie nicht im mindesten interessierten, die Stunden mit Xâdres wurden vermindert und auf den Abend verschoben, Nardûn brachte ihr anstelle des richtigen Umgangs mit Kräutern bei, welches Duftwässerchen zu welcher Kleiderfarbe und Tageszeit passt, welche Salben die Haut weich machen und welche Öle nach welchem Bad zu benutzen sind, während sie auf den Unterricht bei Sauron vollkommen verzichten musste, da dieser als der königliche Berater auch ohne sie alle Hände voll zu tun hatte. Mittlerweile war es ihr größter Wunsch, der Ball möge doch endlich kommen und sie von all diesen Strapazen erlösen.


„Guten Abend Mylady,“ schallte es ihr am Nachmittag des nächsten Tages entgegen, sobald sie den Übungshof betrat.
„Lass das,“ rümpfte Anôra die Nase. „Ich kann dieses höfische Gequassel nicht mehr hören.“
„Euer Wunsch ist mir Befehl, Mylady,“ verbeugte sich Xâdres grinsend, wofür er mit einem ärgerlichen Aufschrei und einer Reihe solcher Flüche belohnt wurde, die jeden Soldaten zum Erröten gebracht hätten.
„So redet doch keine Hofdame,“ lachte er auf. „Wie wäre es denn mit etwas mehr Selbstbeherrschung?“
„Ich habe genug von Selbstbeherrschung und sich benehmen,“ schnaubte Anôra.
„Ist es denn so schlimm, die paar Hofregeln zu lernen?“
„Noch viel schlimmer! Anstatt etwas sinnvolles zu tun muss ich tagein, tagaus solche lebenswichtigen Dinge lernen, wie wen man wie anreden darf, wann welcher Fuß beim Tanzen benutzt wird, welches Öl zu welchem Kleid passt und welche Taschentücher ich in meinem Zimmer haben muss, wenn ich gerade mit einer mit Goldspangen verzierten Frisur im Garten spazieren gehe,“ schnaubte seine Schülerin gereizt.
„So lächerlich es dir erscheinen mag, aber eine Hofdame ist nun mal hauptsächlich mit dem Hegen und Pflegen all dieser Bräuche beschäftigt,“ zog Xâdres die Augenbrauen hoch.
„Oh ja, eine wirklich anspruchsvolle und interessante Aufgabe!“
„Du solltest dem nicht so verächtlich gegenüber stehen. Viele Hofdamen sind respektierte Persönlichkeiten, die durchaus interessante Seiten an sich haben.“
„So interessant, dass du dich von ihrer ungekrönten Königin getrennt hast?“
„Nun ja, das ist etwas anderes.“ Xâdres schüttelte verlegen den Kopf. „Nicht alle sind so wie Áncabeth.“
„Aber die meisten, nicht wahr?“ Anôra seufzte und hob ihr Schwert auf. „Lass uns jetzt anfangen, ich habe keine Lust mehr auf dieses Thema.“
„Eine Hofdame würde nie direkt sagen, dass sie keine Lust auf etwas hat,“ bemerkte Xâdres, den ersten Streich führend. Anôra´s Antwort war ein überraschend heftiger Angriff. Mehrere Minuten lang kämpften sie schweigend miteinander, bis Xâdres seine Schülerin schließlich zurücktreiben konnte und sie sich wieder gegenüber standen.
„Ich bin aber keine Hofdame,“ sagte sie schwer atmend. „Und wenn die mich in Samt und Seide stecken würden, ich bin und bleibe Anôra.“
„Das glaube ich dir aufs Wort,“ grinste Xâdres. „Dir würde ich es auch noch zutrauen, in Stiefel und Hosen in den Ballsaal zu spazieren.“
„Das wäre doch eine nette Abwechslung,“ Anôra schaute ihn belustigt an. „Dann würdest du wohl um nichts in der Welt zugeben wollen, mich zu kennen.“
„Ganz bestimmt nicht,“ antwortete Xâdres unvermutet ernst. „Nicht bei dir, du bedeutest...“ Unvermutet brach er ab und sah auf den Boden. „Egal, machen wir mit dem Kampf weiter.“
Anôra blickte ihn verwundert an, sprach aber nichts mehr.


Erst als sie im nachhinein abends in ihrem Zimmer alleine war, kehrte sie wieder zu diesem unvollendeten Satz zurück. Ihr Lehrer hatte da wohl mehr gesagt, als er sagen wollte. Doch was hatte er sagen wollen? Du bedeutest... mir? fand sie die passende Ergänzung und erschrak vor dem Gefühl, das sofort in ihr aufstieg. Nein, das konnte es gar nicht gewesen sein. Und sie hatte zu viele Hirngespinste. Ärgerlich vertrieb Anôra den Gedanken, setzte sich auf einen Stuhl und zog sich einen der Stiefel vom Fuß. Es wäre jetzt besser, schlafen zu gehen.
Sobald ihre Kleider abgelegt waren blies sie fast alle Kerzen im Zimmer aus und schlug die Bettdecke weg. Im nächsten Moment wich sie mit einem leisen Aufschrei vom Bett zurück. Auf dem weißen Laken lag eine tote Katze mit aufgeschlitzter Kehle.


IV


Es herrschte eine ungewohnt angespannte Atmosphäre in Anôra´s kleinem Raum. Obwohl der Mond längst aufgegangen und tiefste Nacht hereingebrochen war, dachte hier niemand ans Schlafengehen. Tirazôn und Xâdres saßen sich gegenüber an dem Tisch, und starrten düster das tote Tier in der Mitte des Tisches an, als wäre es für alles Vorgefallene verantwortlich. Aus dem einzigen Sessel des Zimmers bei dem kleinen Kamin beobachtete Sauron die zwei Soldaten mit seinen glühenden, leicht zusammengekniffenen Augen, während Anôra, bloß mit einem langen Hemd angekleidet, abseits auf dem Boden kauerte, die Knie der hochgezogenen Beine mit den Armen umschlingend.
„Die dritte in dieser Woche,“ meinte Tirazôn schließlich.
„Und wie die anderen auch mit durchschnittener Kehle.“ Xâdres´ Blick schien mit jedem Moment schwerer zu werden. „Wo sagst du, waren die anderen beiden gewesen?“
„Die erste in meinem Bett,“ sagte Anôra tonlos. „Die zweite im Schrank, diese hier in der Waschschüssel.“
„Seid ihr euch sicher, dass niemand verdächtiges in diesem Teil des Palastes gesichtet wurde?“ fragte Sauron nach einigen Minuten erneuten Schweigens.
„Vollkommen sicher, Herr,“ antwortete Tirazôn. „Meine Männer bewachen den ganzen Flügel und vor allem diesen Gang, aber sie haben niemanden gesehen, der irgendwie auffällig wäre oder hier nichts zu suchen hätte.“
„Nichtsdestotrotz sind diese Katzen ein eindeutiges Indiz dafür, dass Anôra einen Feind hat, der sie abgrundtief hasst.“ Der Berater des Königs wandte sich dem Mädchen zu. „Du kannst dir also niemanden vorstellen?“
Anôra schüttelte wortlos den Kopf.
„Wen denn überhaupt?“ antwortete Xâdres für seine Schülerin. „Sie kennt doch kaum jemanden hier! Ich glaube eher dass es irgendein kranker Verehrer ist der sie mit „Geschenken“ überhäuft, und wenn ich den in die Finger kriege...!“ Er ballte zornig die Fäuste.
„Wie soll das Mädchen denn einen solchen Verehrer haben, wenn sie doch keinen kennt? Ihr solltet euch überlegen, was ihr sagt,“ unterbrach Tirazôn ihn.
„Vielleicht ist es ein Diener der sie ab und zu in den Fluren sieht?!“ erwiderte Xâdres aufgebracht.
„Jetzt werdet ihr wirklich unglaubwürdig.“
„Ach ja, aber eure Version eines geheimnisvollen Feindes ist natürlich viel besser!“
„Es ist genug.“ Sauron´s ruhige Stimme brachte beide Streitenden sofort zum Verstummen. „Tirazôn, ihr werdet ab heute Anôra´s Zimmer so unauffällig es geht bewachen lassen, lasst einfach einige eurer Männer als Diener verkleidet in kurzen Zeitabständen an der Tür vorbeigehen. Eine ständige Wache können wir nicht wagen, wenn Anôra ein Geheimnis bleiben soll, genauso wenig wie jemandem im Zimmer lauern zu lassen, für Anôra selbst wäre das zu gefährlich und ein anderer könnte auffallen. Xâdres, ihr hört euch um, ob jemand etwas über Anôra weiß oder redet. Und was dich angeht,“ sah er zu Anôra herüber, die sofort den Kopf hob, „so sollst du ab jetzt nicht mehr ohne Dolch aus dem Zimmer gehen. Das wäre alles für heute.“ Er erhob sich und verließ, von Tirazôn mit der Katze in den Händen gefolgt, den Raum.


Xâdres blieb noch eine Weile sitzen, bis er aufstand und sich neben Anôra an die Wand lehnte.
„Willst du nicht schlafen gehen?“ fragte er leise.
„Nein. Ich werde jetzt sowieso nicht schlafen können.“
„Du solltest es vielleicht wenigstens versuchen?“
„Wie denn?“ Endlich hob das Mädchen den Kopf und sah ihn mit tränengefüllten Augen an. „Xâdres, ich habe doch niemandem etwas getan! Warum hasst mich jemand dermaßen, dass er mir so etwas antut? Meinst du ich habe nicht bemerkt, dass alle Katzen rötliches Fell hatten? Und hätte sich jemand von uns die Mühe gemacht, ihre Augen zu öffnen, ich wette die wären grün gewesen! Wenn es nach diesem Mistkerl ginge würde ich jetzt anstelle der Katzen sein!“
Xâdres sah schweigend vor sich auf den Boden. Dann seufzte er und legte zögerlich den Arm um Anôra´s schmale Schultern.
„Es wird alles gut,“ murmelte er dem schluchzenden Bündel in seinen Armen zu. „Du brauchst keine Angst zu haben. Es wird sich schon alles klären.“
Er saß lange so da, sanft über das wirre rote Haar streichend und Anôra beruhigende Worte zuflüsternd. Erst als ihr Atem ruhiger und flacher wurde erhob er sich, legte das schlafende Mädchen vorsichtig ins Bett und deckte sie zu. Einen Moment lang stand er vor ihr, mit einem Lächeln das junge blasse Gesicht anschauend.
„Ich werde es niemals zulassen, dass dir jemand etwas antut,“ flüsterte Xâdres kaum hörbar und strich mit den Fingerspitzen zärtlich über ihr Gesicht. „Ich würde eher sterben als dich im Stich zu lassen.“


Im Morgengrauen schlug Anôra die Augen auf. Unwillig stand sie auf und stellte sich vor das Fenster. Sonne würde es heute nicht geben; der immer heller werdende Himmel war von schweren Regenwolken verhangen. Stirnrunzelnd sah sie auf die erwachende Stadt hinunter. Heute abend würde es sich ja herausstellen, ob Sauron´s Anordnungen etwas gebracht hatten oder ob sie erneut ein totes Tier in ihrem Zimmer vorfinden würde. Seltsamerweise war sie sich fast sicher, dass das Zweite der Fall sein würde. Wo könnte die Katze dann wohl versteckt sein? Im Badezuber? Oder doch eher im Kamin? Angewidert schüttelte sie den Kopf, plötzlich über die eigene Ergebenheit entsetzt. Nein, das konnte sie nicht weiterhin dulden.
„Entweder du hilfst dir selbst, oder du wirst es ertragen müssen,“ sagte sie leise und drehte sich vom Fenster weg. Sie wusste nun, was sie zu tun hatte.


„Könnten wir den Unterricht heute etwas früher beenden?“ fragte sie Xâdres, sobald sie am Nachmittag auf dem Übungshof eintraf.
„Warum?“ Ihr Lehrer sah sie verwundert an. In all der Zeit in der sie im Palast war hatte Anôra nie darum gebeten, früher mit dem Kämpfen aufzuhören.
„Ich wollte noch vor Einbruch der Dunkelheit ein halbes Stündchen in die Gärten und mir Blumen zusammensuchen,“ lächelte sie etwas verlegen. „Ich muss mir noch ein Parfum für den Ball machen, Nardûn hat ja gesagt dass keines der Duftwässer, die es zu kaufen gibt, wirklich zu mir passen würden.“
„Willst du das nicht lieber jemanden machen lassen, der Erfahrung hat, von mir aus den besagten Nardûn?“
„Nein, ich möchte es lieber erst selbst versuchen. Geht das?“ Anôra blickte ihn flehend an.
„Na gut na gut, wir machen ausnahmsweise früher Schluss,“ nickte Xâdres belustigt, und drehte sich weg, um sein Schwert zu holen. Er sah nicht, wie ein triumphierendes Lächeln kurz über die Lippen seiner Schülerin huschte, das verschwunden war, sobald er sich ihr wieder zuwandte.
Nach dem Beenden des Unterrichts verabschiedete Anôra sich von Xâdres und eilte in die Gärten davon. Doch anstatt dort zu verweilen umrundete sie den ganzen Palast und lugte vorsichtig um die Ecke des letzten vor den Fenstern ihres Zimmers gelegenen Vorsprungs. Niemand war zu sehen. Schnell ging sie einige Schritte vor und sah hoch. Drei Stockwerke über ihr war das gesuchte Fenster zu sehen. Ohne abzuwarten, bis doch noch jemand kam, klammerte sie sich mit den Fingern und Füßen in den winzigen Ritzen und Vorsprüngen der Wand fest und kletterte los. Es ging allerdings wesentlich schwerer und somit auch langsamer, als sie erwartet hätte, doch einige Minuten später kam Anôra schließlich, wenn auch vollkommen außer Atem, auf der Höhe des vierten Stockwerks an. Vorsichtig löste sie eine Hand von der Wand, stieß das vorsorglich nicht zugesperrte Fenster auf und kletterte hinein.


Nachdem sie nach einem schnellen Durchsuchen des Raums keine tote Katze finden konnte atmete Anôra erleichtert auf und schaute sich nach einem passenden Versteck um. Auf dem Boden war nichts geeignetes zu entdecken, so entschloss sie sich letztendlich, auf einen der mehr zur Dekoration dienenden als wirklich eine Stützfunktion erfüllenden Holzgiebel zu klettern. Sobald auch diese Aufgabe bewältigt war streckte sie sich so gut es ging auf dem direkt über der Tür hängenden schmalen Holzstück aus und verharrte bewegungslos.
Sie musste lange warten. Die Sonne war bereits vollends untergegangen und das Zimmer mit grauen Schatten gefüllt, als endlich ein leises Klicken zu hören war und jemand vorsichtig die Tür öffnete. Eine dunkle Figur glitt durch die Öffnung und machte sie sogleich hinter sich zu. Mit angehaltenem Atem sah Anôra angespannt nach unten. Der in weite Kleider gehüllte Fremde trat in die Mitte des Raums, holte einen in Stoff eingehüllten Gegenstand hervor und beugte sich über das Fensterbrett. Anôra riss geschockt die Augen auf und unterdrückte einen überraschten Aufschrei, als das letzte Nachglühen der Sonne auf das Gesicht des ungebetenen Gastes viel – und die leicht gebogene Nase, die länglichen Augen und dünnen Lippen von Áncabeth erhellte.
Sobald die erste Überraschung überwunden war, ergriff Wut Besitz von Anôra. Dieses nörgrelische, arrogante Weib war also für die toten Tiere in ihrem Zimmer verantwortlich! Kein Wunder dass der Übeltäter nie jemandem aufgefallen war, Áncabeth war schließlich überall willkommen. Aber diesem Treiben würde sie gleich ein Ende setzen. Lautlos ließ sie sich von dem Giebel herab, während Áncabeth ahnungslos am Fensterbrett mit dem Bündel in ihren Händen herumhantierte.
„Darf man fragen, was ihr da macht?“ fragte Anôra laut.
Erschrocken ließ die Hofdame das Bündel fallen und wirbelte herum. Doch als sie sah, wer sie gestört hatte, fasste sie sich sofort wieder und lächelte spöttisch.
„Na, haben dir meine Geschenke gefallen, Bauernmädchen?“
„Ich hätte etwas besseres erwartet,“ erwiderte Anôra, vorsichtig vortretend.
„Du hast nichts besseres verdient!“ Áncabeth lachte verächtlich auf.
„Das kann man sehen wie man will.“ Anôra´s Stimme blieb noch immer ruhig, obwohl sie am liebsten geschrien hätte. „Aber wie komme ich zu der Ehre?“
„Wie du dazu kommst, willst du wissen?“ Ihre Gegnerin kniff gereizt die Augen zusammen. „Du hast mir meinen Geliebten weggeschnappt, und willst auch noch wissen, wie du zu der Ehre kommst?!“
Anôra starrte sie einen Augenblick lang verblüfft an, dann warf sie den Kopf in den Nacken und brach in Lachen aus.
„Ihr... ihr denkt wirklich, ich hätte euch Xâdres weggeschnappt?“ Sie wischte sich atemlos die Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Ihr seid ja wirklich dümmer als ich gedacht habe.“
Das Gesicht von Áncabeth verfärbte sich vor Zorn.
„Nimm das sofort zurück, du miese kleine Dirne!“ zischte sie.
„Nein.“ Anôra wurde schlagartig ernst. „Nein, ihr nehmt die miese kleine Dirne zurück.“
„Du willst mir Vorschriften machen?! Du bist viel zu dreist für deine Lage!“ Áncabeth verzog hasserfüllt die Lippen und zog plötzlich einen Dolch hinter ihrem Rücken hervor. Anôra wich vorsichtig zurück, sich in Gedanken dafür verfluchend, ihren Dolch im Schrank liegen gelassen zu haben.
„Legt den besser wieder weg,“ sagte sie warnend.
„Ach, sag bloß du bekommst Angst?“ grinste Áncabeth. „Will das Bauernmädchen um Gnade betteln?“
Anôra´s Augen blitzen wütend auf. Das war genug, sie würde sich nicht noch weiter von einer übergeschnappten Hofdame beleidigen lassen, ob diese nun einen Dolch hatte oder nicht, schließlich konnte kein Dolch die Kampfkenntnisse ersetzen, die Xâdres ihr vermittelt hatte. Blitzschnell riss sie ihr Bei hoch, trat zu – und die Waffe flog Áncabeth aus der Hand. Ohne der Hofdame eine Gelegenheit zu geben, sich auch nur vom Fleck zu rühren, sprang Anôra vor und packte sie am Hals. Eine ungewohnte Härte hatte sich mit einem Mal auf ihre noch etwas kindlichen Züge gelegt, als sie in die vor Entsetzten weit geöffneten Augen von Áncabeth blickend die röchelnde Frau langsam in die Knie zwang.
„Hör mir genau zu,“ stieß Anôra leise zwischen den Zähnen hervor. „Ich bin niemand, mit dem du deine Eifersuchtsspielchen treiben kannst. Du lässt mich ab jetzt in Ruhe, oder ich werde dich eines Nachts aufsuchen und mit deinem eigenen Dolch aufschlitzen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“
Die Hofdame nickte krampfhaft, vergeblich versuchend, sich aus dem eisernen Griff zu befreien. Anôra sah sie noch einen Augenblick lang an, dann ließ sie Áncabeth los und diese presste nach Luft schnappend die Hände an ihre Brust.
„Hol deine Katze und verschwinde aus meinem Zimmer,“ befahl Anôra verächtlich. „Komme ja nicht auf die Idee, jemandem von diesem Vorfall zu erzählen. Und leg dich nicht mehr mit jemandem an, der dir überlegen ist... in jeder Hinsicht,“ fügte sie mit einem kalten Lächeln hinzu.
Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren sprang Áncabeth auf, griff nach dem halbentpackten Bündel und stolperte hinaus. Anôra schloss die Tür hinter ihr ab, zündete einige Kerzen an und setzte sich auf das Bett. Nachdenklich betrachtete sie ihre Hände. So fühlte es sich also an, die Macht über ein anderes Leben zu haben... Sie war sich nicht sicher, ob sie dieses Gefühl mochte.
(Polina)