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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Sommer 3300
I
Anôra duckte sich unter einem Streich von Xâdres hinweg und schoss dann wie von einer Sprungfeder getrieben nach oben, so dass der Soldat kaum Zeit hatte, vor ihrer Klinge zurückzuspringen. Ohne ihm Zeit zum Durchschnaufen zu geben, nutzte sie seine unsichere Position aus, um vorzuspringen und nach seiner Klinge zu schlagen, doch er fing ihren Schlag ab und drückte sie an die Mauer.
„Fast hätte es geklappt,“ grinste er.
„Es bleibt nur immer bei fast,“ klagte Anôra und stieß ihn von sich. „Machen wir weiter.“
„Oh nein, wenn wir weitermachen wirst du nachher den Bogen nicht einmal anheben können,“ erwiderte Xâdres. „Du setzt dich jetzt brav hin und wir machen Pause. Stundenlanges Kämpfen ist nichts für kleine Mädchen.“
„Ihr werdet ja richtig rührend,“ schnaubte sie. „Kriegt Ihr schon Mutterinstinkte?“
Als Antwort kam ein blitzschneller Stoß, doch damit war sie schon lange nicht mehr zu beeindrucken. Lachend sprang sie zur Seite und tänzelte zurück, ihr Schwert locker in der Hand haltend.
„Na, machen wir doch weiter?“
„Nein, das reicht jetzt wirklich.“ Xâdres ließ sein Schwert sinken und sah seine Schülerin mit heimlicher Bewunderung an. Es war schier unglaublich, in nur 10 Monaten hatte sie soviel gelernt, wofür andere Jahre brauchen würden. Es schien ihm noch so wenig Zeit vergangen zu sein, seit ein ausgezehrtes, ungewöhnlich scharfzüngiges Mädchen mit schlecht geschnittenen kurzen Haaren und riesigen grünen Augen zu ihm gebracht wurde, das seine Schwertstreiche kaum abhalten konnte und ungelenk über den Hof stolperte. Nun konnte sie bereits den einfacheren Soldaten ohne jegliche Mühe sowohl im Schwert- als auch im Messerkampf die Stirn bieten, im Bogenschießen würde sie bald ihn selbst übertreffen, und ihre Schnelligkeit und Gelenkigkeit erlaubte es ihr, auch im waffenlosen Kampf keine schlechte Figur zu machen, sogar bei einem wesentlich stärkeren Gegner. Äußerlich hatte Anôra sich ebenfalls verändert. Wenn sie ihre Arme im Kampf anspannte, verrieten leichte Rundungen die Muskeln unter der zarten Haut, ihre wesentlich länger gewordenen Haare wurden von einem Lederband zusammengehalten, die Gesichtszüge waren harmonischer und feiner geworden, der Gang fließender, die Figur weiblicher und die Stimme weicher. Nur der freche Blick der blitzenden Augen hatte sich um keinen Deut verändert, genauso wenig wie ihre Zunge die gewohnte Schärfe verloren hatte. Ja, diese unverschämten Augen und die bissige Art waren es, die ihn hartnäckig daran hinderten, sie überhaupt als Frau anzusehen. Sie war zu anders, viel zu anders als all das woran Xâdres gewohnt war, und er mochte dieses Anderssein nicht, nicht bei Frauen. Es war ihm viel zu fremd, einen Witz zu machen und anstelle von verschämten Kichern einen ironischen Kommentar einzuheimsen. Er fragte sich, wie seine Schülerin trotz all ihrer Talente mit ihrem unmöglichen Charakter jemals einen Mann finden würde.
Nun, das war letztendlich nicht sein Problem. Was ihn viel mehr interessierte war immer noch die Vergangenheit des Mädchens, denn bis jetzt hatte er es noch nicht geschafft, den Vorhang des Geheimnisvollen, das Anôra umgab, auch nur einen Fingerbreit zu heben. Ganz im Gegenteil, es waren sogar noch mehr unverständliche Sachen dazugekommen. So hatte er sie öfters als Dienstmädchen verkleidet im Palast gesehen, immer mit Tirazôn in der Nähe, der sich auch sonst viel mit ihr beschäftigte, oder wie sie in Richtung von Saurons Gemächern huschte, immer so schnell und unauffällig, dass er wohl der einzige gewesen sein muss, der sie bemerkt hatte, und das auch nur, weil er seine Schülerin mittlerweile regelrecht bespitzelte wo es nur ging. Davon abgesehen hatte er nicht herausfinden können, woher sie stammte, wie und wann sie nach Armenelos kam oder wie alt sie genau war. Trotz ihrer eindeutig edlen Abstammung tauchte ihr Name in keiner Rolle der Palastarchive auf, niemand hatte sie je in die Stadt oder den Palast kommen sehen, obwohl jemand wie sie sicherlich hätte auffallen müssen, und je weiter Xâdres forschte desto mehr hatte er den Eindruck, dass Anôra aus der Luft aufgetaucht sein musste.
"Vielleicht hat Sauron sie ja aus einer Handvoll Staub erschaffen und ich zerbreche mir unnütz den Kopf," murmelte er zerknirscht, seine Schülerin dabei beobachtend, wie sie fröhlich summend mit einem Apfel auf der Palastmauer saß. Das war wieder ein Punkt, bei dem er einfach ratlos war. Woher in aller Welt konnte dieses Mädchen so klettern? Er hatte genau eine Minute lang nicht hingesehen, und schon war sie, obgleich müde von dem Kampf, auf die hohe Mauer geklettert, die alles andere als leicht zu besteigen war, man konnte sogar sagen, dass sie es fast gar nicht war, mit ihren großen glatten Steinen, zwischen denen kaum Ritze zu erkennen waren. Er kannte niemanden, der so etwas geschafft hätte, doch für Anôra schien das überhaupt kein Hindernis zu sein. Nein, er würde das alles wohl nie verstehen. Seufzend suchte Xâdres aus dem Waffenhaufen neben ihm einen Bogen und Pfeile aus und erhob sich.
"Anôra!"
"Ja?" Das Mädchen lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem halb aufgegessenem Apfel auf ihn.
"Hör auf dich wie ein Affe aufzuführen und komm da runter! Es wird Zeit, dass du ein wenig Bogenschießen übst!"
"Warum?" Anôra zog die Augenbrauen hoch. "Ich könnte Euch doch mittlerweile schon die Haare vom Kopf schießen, noch ehe Ihr Euren Bogen angespannt habt, also was soll ich noch von euch lernen?"
Xâdres spürte, wie sofort Wut in ihm aufstieg. Sie war wohl verstimmt weil er ihren geliebten Schwertkampf für heute beendet hatte, und immer wenn ihr was nicht passte, schaffte sie es, ihn in Rage zu bringen.
"Du kommst da sofort herunter!" schrie er. Keine Reaktion. "Ich meine es ernst! Wenn du nicht in dieser Sekunde herunterkommst dann klettere ich rauf!"
"Versucht´s doch." Anôra zuckte mit den Schultern und biss in ihren Apfel.
Xâdres lief vor Zorn rot an. Nein, dieses Mal würde er ihr ihre Frechheiten nicht durchgehen lassen. Entschlossen näherte er sich der Mauer und versuchte, so gut es ging, sich mit Händen und Füßen an den winzigen Ritzen und Unebenheiten festzuhalten. Seine Schülerin ließ von dem Apfel ab und beobachtete ihn interessiert. Langsam bewegte er sich nach oben, sich mit jedem Stück erklommener Mauer immer lächerlicher vorkommend, und gleichzeitig immer zorniger auf Anôra werdend. Was bildete sie sich eigentlich ein, wer sie war? Er war immer noch ihr verdammter Lehrer, davon abgesehen wesentlich älter als sie und ein Mann, und sie hatte ihm zu gehorchen oder wenigstens höflich zu sein. Plötzlich rutschte seine Hand ab und schürfte über den Stein. Xâdres fluchte lautstark und hielt sich mit der anderen fest, um nicht herunterzufallen.
"Eure Hand blutet," kommentierte Anôra ungerührt. Er funkelte das Mädchen hasserfüllt an und kletterte weiter. Doch sobald er oben war, warf sie den Rest ihres Apfels hinter sich und glitt wie eine Katze zurück auf die Erde. Xâdres sah zu ihr und fluchte noch einmal. Das hätte er sich denken können. Aber so leicht würde sie ihm nicht davonkommen, nicht dieses Mal. Ohne zu überlegen, wie gefährlich das war, ließ er seine Beine hinunter und sprang. Er landete hart auf dem Boden, stand aber ohne auf den Schmerz zu achten sofort auf und sah zufrieden das Staunen auf ihrem Gesicht. Ohne ihr eine Gelegenheit zu geben, sich zu erholen, stürzte er vor, griff sich sein auf der Erde liegendes Schwert und drehte sich zu Anôra um.
"Du wolltest einen Schwertkampf mein Mädchen?" knurrte er. "Den wirst du bekommen!"
Mit einem leisen Aufschrei wich seine Schülerin vor dem ersten Streich seines Schwertes zurück, ergriff das ihre und riss es in letztem Augenblick hoch, um die Klinge von Xâdres abzuhalten. Er zog sich zurück und versuchte es mit einem neuen Ausfall, doch auch dieser wurde abgewehrt. Wütend ließ er einen wahren Hagel von Schlägen und Stichen auf Anôra niederprasseln, die sie mit einer seltsamen Verbissenheit abwehrte. Nach einiger Zeit hielt Xâdres kurz inne und sah sie verwundert an. Schweiß lief über ihr blasses Gesicht, ihre Arme zitterten und sie konnte sich kaum auf den Beinen halten, trotzdem wehrte sie seine Ausfälle immer wieder ab, als wäre es das einzige, wozu sie fähig war. Warum gab sie bloß nicht auf? Das verstand er einfach nicht. Aber dazu würde er sie schon bringen. Diese unverschämte Göre würde heute ein für alle Mal lernen, wer hier das Sagen hatte.
Mit aller Kraft die er hatte griff Xâdres erneut an. Dieses Mal klappte es endlich; Anôras Schwert flog ihr aus der Hand und sie selbst landete rücklings auf dem Boden. Mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen starrte das Mädchen ihn schwer atmend an, als er die Spitze seiner Klinge an ihren Hals hielt. Xâdres machte den Mund auf, um den endgültigen, vernichtenden Satz zu sprechen, doch statt dessen hatte er plötzlich kaum Kraft, sein Schwert zu halten.
"Mach mich nicht noch einmal so wütend," sagte er leise, warf die Waffe beiseite und ging. Auf einmal fühlte er sich nicht mehr als Sieger.


In dieser Nach fand Xâdres keinen Schlaf mehr. Vorsichtig stand er auf, um die neben ihm schlafende Áncabeth nicht aufzuwecken und stellte sich vor das Fenster. Mit leeren Augen fuhr er über die vom Licht des zunehmenden Mondes überfluteten Dächer der Stadt. Was war seit heute morgen nur mit ihm? Verwirrt fuhr er sich mit der Hand über die Augen.
"Was ist denn los?" Leise tauchte Áncabeth aus der Dunkelheit hinter ihm auf und legte ihm ihre wie immer leicht nach Blütenöl duftenden Hände auf die Schultern. Er verzog leicht das Gesicht, warum war ihm früher nie aufgefallen, wie aufdringlich der Geruch war?
"Wie?" Xâdres drehte sich zur ihr. "Warum schläfst du nicht?"
"Warum schläfst du nicht?" erwiderte sie und fuhr ihm zärtlich mit den Finger über das Gesicht. "Was hast du denn heute, mein Liebling? Du bist den ganzen Abend über schon so abwesend, und vorhin warst du auch nicht richtig bei der Sache. Geht es dir vielleicht nicht gut?"
"Nein, nein," Xâdres lächelte und schüttelte den Kopf. "Alles in Ordnung, ich bin nur ein wenig müde."
"Fein." Áncabeths Lippen kräuselten sich zu ihrem berühmten Lächeln, von dem bei Hofe Lieder gesungen wurden. "Dann gehen wir zurück ins Bett?"
"Ja, natürlich," nickte Xâdres. "Es ist alles in bester Ordnung."
Er wusste, dass es gelogen war. Der Vorfall am Vormittag trug dafür Schuld. Er hätte vielleicht gar nicht mehr daran gedacht, wäre da nicht dieses Gefühl gewesen, als er Anôra ihr Schwert aus der Hand geschlagen hatte. Das Gefühl, dass ihn plötzlich ergriffen hatte, beim Anblick ihres zierlichen weißen Halses mit der unglaublich zarten Haut, der weit geöffneten riesigen grünen Augen, der zitternden halb geöffneten Lippen und der sich schnell hebenden und senkenden Brust, deren Umrisse unter dem nassen Hemd deutlich zu sehen waren. Es war weder Hass noch Lust gewesen, sondern etwas, was er noch nie gefühlt hatte. Und es machte ihm Angst.


Anôra lehnte sich mit dem Rücken an den Fensterrahmen und streckte die Beine auf der Fensterbank aus. Sie schloss die Augen und ließ ihr Gesicht von der frischen Nachtluft umspielen, schlafen würde sie jetzt sowieso nicht können. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie sich am nächsten Morgen Xâdres gegenüber verhalten sollte. Der Kampf am Vormittag, sie wusste dass es einen Moment gab, an dem es wirklich um Leben und Tod ging, und als sie ihr Schwert verlor, glaubte sie eine Sekunde lang, dass es mit ihr aus war, so viel Hass strahlte ihr aus den grauen Augen ihres Lehrers entgegen. Doch der Ausdruck, den seine Augen dann annahmen... Anôra schauderte und stieg wieder zurück ins Zimmer. Sie hatte keine Lust mehr, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.


II


Es war seltsam für Anôra, in den nächsten Tagen, auf den Übungshof zu kommen. Xâdres ließ seine spöttischen Kommentare über ihren Kampfstil ganz fallen und beschränkte sich nur auf knappe Anweisungen, und auch sie selbst sprach nur noch das nötigste und enthielt sich jeglicher Sticheleien. Sie war jedes mal froh, wenn der Unterricht vorbei war und die Anspannung sie verließ, und ihrem Lehrer ging es wahrscheinlich nicht anders, keiner von beiden hatte noch Lust, irgend etwas zu machen. Xâdres´ Anforderungen waren deutlich niedriger geworden, während Anôra ihre Aufgaben nur träge erfüllte, immer in Erwartung des Läutens der Palastglocke, was die Zeit des Mittags und somit das Ende der Quälerei bedeutete. Die Zeit verging, doch obwohl die Spannung wich und der Unterricht wieder die gewohnte Qualität erreichte, blieb die eisige Wand zwischen ihnen, und die Mittagsglocke eine Erlösung. Bald wurde dieses neue Gefühl zur Gewohnheit, und Anôra glaubte gänzlich vergessen zu haben, dass es früher anders war. Zumal viele andere neue Ereignisse ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, besonders der letzte Abend im August, das erste Mal, das Anôra in der Kleidung eines Bürgermädchens das Gelände des Palastes verlassen und sich in die Stadt begeben durfte.


Tirazôn brachte sie an das Palasttor und besah sie sich noch einmal in den Strahlen der untergehenden Sonne.
"Gut siehst du aus, meine Kleine," nickte er schließlich. "Vergiß nicht, in drei Stunden musst du wieder zurück sein."
"Das vergesse ich bestimmt nicht," schüttelte Anôra den Kopf. "Spätestens da werde ich Hunger bekommen."
"Das macht mich gleich viel ruhiger." Tirazôn lachte auf. "Also dann, geh und genieß die Zeit. Nein, warte," hielt er Anôra am Arm zurück, als sie seiner Aufforderung Folge leisten wollte. "Hier, das wirst du vielleicht gebrauchen können." Er steckte ihr einen in ein Tuch gehüllten länglichen Gegenstand zu und verschwand schnellen Schrittes im Palast. Anôra sah ihm verwundert nach und wickelte das Paket auf. Es enthielt zu ihrer Überraschung einen kurzen, schmalen Dolch mit gewellter Klinge und einem Heft in Form von zwei sich windenden Schlangen. Vorsichtig steckte sie die Waffe in den Schaft ihres weichen Stiefels. Wer weiß, vielleicht würde Tirazôn ja recht behalten, und es war wohl wirklich besser, sich nicht ganz unbewaffnet in der Stadt herumzutreiben.
Rasch hatte sie den Fuß des Palasthügels erreicht und schlenderte wesentlich langsamer die große Straße entlang, die sie immer weiter ins Herz von Armenelos führte. Trotz der abendlichen Stunde war alles voll von den verschiedensten Menschen; Händler, die lautstark ihre Ware anpriesen oder sich mit keifenden Hausfrauen und Dienstmägden um den Preis stritten, bürgerlich gekleidete Männer und Frauen beim Spaziergang, im Auftrag ihrer Herren hin und her huschende Knaben, Bauern, die mit leeren Karren vom Markt zurückkehrten, einfach nur herumlungernde jüngere Leute und, um das Durcheinander perfekt zu machen, überall herumrennende, schreiende und lachende Kinder.
Lange irrte Anôra durch die Straßen und sog sich mit all diesen Bildern und Geräuschen voll, die ihr nach der Stille und Eintönigkeit der letzten Monate neu und erfrischend erschienen. Als die Dunkelheit sich herabgesenkt hatte und erste Sterne am Himmel erschienen, öffneten sich die Türen sämtlicher Schenken, und nach kurzer Zeit drangen aus ihnen Gesang, Lachen und lautes Stimmengewirr.
"He, schönes Fräulein!" hörte sie plötzlich rufen. Anôra wandte den Kopf und sah einen jungen dunkelhaarigen Mann, der ihr aus dem weit geöffneten Fenster eines Wirtshauses zuwinkte, aus dem außer dem gewohnten Lärm auch noch Musik zu hören war.
"Wollt ihr nicht auf ein Tänzchen und ein Glas Wein hereinkommen?"
"Warum nicht?" lächelte Anôra. Sofort verschwand das Gesicht aus dem Fenster, um in dem nächsten Augenblick in der Tür aufzutauchen.
"Dann lasst uns keine Zeit verlieren," zwinkerte er ihr zu und zog sie ins Innere. "Mein Name ist übrigens Nârzon, und wie ist der eure?"
"Ich heiße A... Calîmbeth." Beinahe hätte sie tatsächlich ihren richtigen Namen gesagt, und das hätte ihrem Herrn ganz sicher nicht gefallen. "Ist es eure normale Art, sich eine Tanzpartnerin zu suchen?"
"Gewöhnlich nicht," grinste ihr neuer Bekannter. "Aber so jemanden wie euch lässt man nicht einfach so vorüberziehen. Und nun sagt, was ist euch lieber, Tanz oder Wein?"
Anôra sah sich in der Schenke um, in der sie standen. Sie war mit Tischen und Bänken vollgestellt, an denen Dutzende von Menschen jedes Alters saßen, doch im Gegensatz zu den üblichen Schenken war die Theke des Wirts nicht im Zentrum, sondern an der rechten Wand, und an ihrer Stelle war etwas freier Raum geschaffen, auf dem drei Musikanten standen. Der Platz vor ihnen war von Tischen freigeräumt, und wie das übrige Zimmer voll von Menschen, die sich zu der schnellen Musik drehten und hüpften. Auf einmal hatte sie überhaupt keine Lust mehr, weder auf das Gehopse auf der überfüllten Tanzfläche noch auf schlechten Wein an einem der Tische, an denen sowieso kein Platz war.
"Ich glaube, ich gehe doch lieber," antwortete sie knapp, und bevor der verblüffte Nârzon etwas erwidern konnte drehte sie sich um und verschwand so schnell wie sie gekommen war.


Gedankenverloren ging Anôra durch die mittlerweile leeren Straßen zu dem Palast zurück, befreit die frische Nachtluft einatmend. Sie wünschte, sie würde jetzt schon dort sein in den ihr so vertraut und bekannt gewordenen Steinmauern des Palastes. Eines hatte sie an diesem Abend begriffen: das war ihre Welt, und das würde sie auch immer bleiben, ihr Platz war nicht unter dem einfachen Volk. Sie freute sich auf den normalen Unterricht am nächsten Tag, mit einem Mal sehnte sie sich regelrecht nach dem ihr nur kurz vorher so eintönig erschienen Palastleben, nach Tirazôn´s ruhigen Erklärungen, den Kräutern und der Schusseligkeit Nardûn´s und den faszinierenden Dingen, die Sauron ihr über das Wesen der Menschen und die Vergangenheit ihrer Welt erzählte. Und nach dem täglichen Kampfunterricht, wie sie sich unerwartet eingestehen musste. Trotz der Spannung zwischen ihr und ihrem Lehrer, trotz seines kalten Tons und des manchmal nur halbherzig geführten Unterrichts wollte Anôra um nichts in der Welt darauf verzichten, warum, war ihr nicht ganz klar. Oder zumindest wollte sie nicht darüber nachdenken.
Schließlich tauchte der Palasthügel dunkel vor ihr auf, nur oben in dem Palast selbst sah man unzählige Lichter durch die großen Fenster scheinen. Die Gärten dufteten nach Nachtblumen und ersten gelben Blättern, und Anôra atmete diesen Duft mit voller Brust ein während sie hinaufstieg, als würde sie einen alten Bekannten begrüßen.
Doch plötzlich hielt sie inne. Einige Fuß vor ihr ging eine schwarze Figur hin und her, ab und zu irgend etwas murmelnd. Anôra´s erster Gedanke war, einfach durch einen Seitenweg weiterzugehen, doch dann hatte Neugierde sie erfasst. Es schien ein Soldat zu sein, aber seit wann wurden Soldaten in den Gärten postiert? Andererseits war sie um diese Zeit noch nie in den Gärten gewesen, wahrscheinlich war das gar nicht mal so dumm, in der nächtlichen Zeit die Wege bewachen zu lassen, was für sie wiederum bedeutete, dass sie sich unbemerkt durch die Büsche zum Palast durcharbeiten musste, wenn sie lästigen Fragen entgehen wollte.
Anôra trat vorsichtig hinter die Bäume am Wegrand zurück, als auf einmal ein Geräusch sie aufhorchen ließ.
Der Soldat vor ihr fing an, leise etwas zu summen, und sie war sich sicher, dass sie dieses unverkennbare, tiefe, sämtliche Töne falsch treffende Summen schon einmal gehört hatte. Ihr Herz fing an, doppelt so schnell zu schlagen und Anôra klammerte sich an dem Baum neben ihr fest, um von dem plötzlichen Schwindelgefühl überwältigt nicht hinzufallen. Nein, dieses Summen würde sie niemals vergessen.
Dieses schreckliche, voller ekelhafter, widerwärtiger Zufriedenheit Geräusch war das, was einer der zwei Soldaten von sich gegeben hatte, als er und ein anderer Rálien zurück in den Schuppen schmissen, dieses Geräusch und die Leere in Rálien´s Augen hatten Anôra noch Wochen danach verfolgt.
Sie schnappte nach Luft und ballte die Fäuste. Nun hatte das Schicksal ihr einen von diesen Schweinen also in die Hände gespielt, ihr eine Chance gegeben, das Versprechen an Rálien einzulösen... und diese Chance würde sie bestimmt nicht verpassen. Lautlos bückte sie sich, zog den Dolch aus ihrem Stiefel, und hielt erneut inne. Der Soldat würde sie unweigerlich sehen, wenn sie sich ihm nähern würde, und dann möglicherweise laut fragen, wohin sie wolle, oder gar Alarm schlagen, und das durfte nicht passieren. Gut, dann würde sie es eben anders versuchen. Lautlos schlich sie sich im Schutz der Bäume ein wenig näher an den Mann heran.
Anôra schloss ihre Hand fester um den Griff ihres Dolches und stieß einen leisen Pfiff aus. Der Soldat unterließ es sogleich, hin- und herzulaufen und blieb unbeweglich stehen, in die Dunkelheit hineinhorchend. Genau darauf hatte sie gewartet. Wie ein Blitz sauste der Dolch aus den Büschen hervor und bohrte sich in den dunklen Umriss des Mannes, der sofort lautlos zusammensackte. Anôra kam vorsichtig aus ihrem Versteck hervor und sah den vor ihr Liegenden haßerfüllt an.
"Schöne Grüße von Rálien," zischte sie, zog ihren Dolch heraus und eilte zum Palast hinauf.


Sobald sie in der Dunkelheit verschwunden war bewegten sich die Äste der Bäume am Straßenrand über dem Soldaten und zwei Menschen traten neben ihn.
"Ist er tot?" fragte der eine.
"Ja Herr, seht es euch selbst an." Tirazôn deutete mit der Hand auf die schmale Wunde in der Stirn des Toten. "Geräuschlos, schnell und präzise, ich selbst hätte es nicht besser geschafft."
"Ihr habt recht, eine wahre Meisterleistung, was unser Mädchen da vollbracht hat," lächelte Sauron. "Und das, obwohl sie noch nicht einmal ein Jahr hier ist. Gut, dass ihr euch noch an die in Frage kommenden Soldaten erinnert habt, sonst wäre ein solcher Test wohl kaum durchführbar gewesen. Und ein besseres Ergebnis hätte man nicht erwarten können."
"Sie ist unglaublich talentiert," pflichtete Tirazôn seinem Herrn bei. "Außerdem hat sie jetzt ihren ersten Toten hinter sich... das war meine größte Sorge, für die meisten Menschen, vor allem für Frauen, ist es fast unmöglich, jemanden nicht aus Notwehr umzubringen. Aber hat man es einmal getan... "
"Durch Hass lässt sich erstaunlich viel vollbringen... Nur wird diese Weisheit fast nie beherzigt," verzog Sauron spöttisch das Gesicht. "Doch lasst ihn jetzt wegbringen, und zieht die anderen wieder ab. Sie hatten Glück heute Nacht."
(Polina)