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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Yâmareth, die Heldin

Der Winter verschwand wieder, die Wölfe verschwanden, Utheko und die Nachbarn verschwanden mit ihren Herden, aber Yâmareths Krankheit verschwand nicht. Sie wurde einfach nicht besser, obwohl die Tante sich sehr um Yâmareth kümmerte und ich beinahe immer an ihrem Bett saß. Inzwischen ging es ihr so schlecht, dass sie sogar in ihren wachen Phasen zu schwach war, sich im Bett aufzurichten. Sie sprach nur noch sehr leise, fast im Flüsterton. Wenn sie überhaupt sprach. Ihr Gesicht war eingefallen und ihre Augen sahen darin ganz groß aus. Oft sah sie verträumt in die Luft, als könne sie etwas sehen, was für uns unsichtbar war. Und immer wieder diese Hustenanfälle, bei denen sie immer häufiger auch Blut spuckte. Ich glaubte, sie werde nie wieder gesund werden. Die Tage an ihrem Krankenbett zu verbringen war für mich völlig normal geworden.
Aber es wurde Frühling und ich würde, sobald wieder etwas Gras gewachsen war, mit den Schafen auf die Weide gehen müssen. Einerseits hatte ich Angst davor. Ich hatte Angst, Yâmareth allein zu lassen und auch ein bisschen davor, allein mit den Schafen zu gehen. Ich war doch kein Schäfer! Ich hatte keine Ahnung, was ich tun musste, wenn ein Schaf krank wurde oder sich irgendwie ungewöhnlich verhielt. Andererseits freute ich mich auch darauf, an die frische Luft zu kommen und der traurigen Stimmung im Haus zu entkommen. Aber ich hatte große Angst davor, einmal abends zurückzukommen und Yâmareth wäre gestorben. Am besten wäre es, wenn sie bald wieder gesund würde, dachte ich. Aber ich konnte nicht daran glauben. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie starb.
Vorerst brauchte ich aber noch nicht mit den Schafen zu gehen, denn die Hügel von Mittalmar lagen braun und graslos da. Es wurde wärmer. Einige Frühlingsregen weichten die Erde auf, Samen keimten und nach einigen Wochen war die Erde wieder grün, als sei alles in Ordnung. Aber der Onkel ordnete nicht an, dass ich die Schafe weiden sollte. Ich saß bei Yâmareth und erzählte ihr, wie es draußen aussah, dass sie bald wieder gesund sein würde und dass wir dann zusammen die Schafe weiden könnten. Ich erzählte ihr Geschichten aus Rómenna und erfand eigene Geschichten für sie, die von Freundschaft handelten und von Gefahren, die überwunden wurden, aber nie vom Tod. Ich versuchte, solche Abenteuer zu erfinden, wie sie sie einmal erleben wollte. Und immer, immer ging am Ende alles gut aus. Immer trotzte die Heldin allen Gefahren und machte sich dann sofort mit ihrem Begleiter zu neuen Abenteuern auf. Ich versuchte, die Heldinnen wie Yâmareth sein zu lassen. Ihr Begleiter war überall dabei, vollbrachte aber keine solchen Heldentaten wie sie. Wenn ich ihr diese Geschichten erzählte, kam es mir manchmal selbst so vor, als sei Yâmareth die Abenteurerin und ich ihr Begleiter. So wie sie Wölfe, Räuber und Ungeheuer aller Art überwand, musste sie auch diese Krankheit überwinden. Es konnte gar nicht anders sein.
Die Tante ließ, wenn es warm war, die Tür offen stehen, damit frische Luft ins Krankenzimmer kam. Yâmareth starrte dann meistens zu Tür hinaus auf die Hügel, die langsam grün wurden. Eines Tages bat sie die Tante, sie vor die Tür zu bringen. Die Tante zögerte und meinte, Yâmareth sei noch zu schwach. Schließlich beschloss sie aber, dass es nicht schaden könne, wenn es Yâmareth aufmuntere und dass ihr die frische Luft sicher auch gut tue. Sie nahm Yâmareth auf den Arm und trug sie hinaus. Ich erschrak, als ich sah, wie meine Kusine aussah. Sie war nur noch Haut und Knochen. Als habe sie etwas von innen heraus aufgefressen. Ich hätte sie mühelos allein tragen können, dabei war sie im Herbst noch fast so groß gewesen wie ich!
Die Tante setzte sie auf die Bank vor dem Haus. Yâmareth war so schwach, dass sie nicht alleine sitzen konnte. Die Tante musste sie auf den Schoß nehmen. Ich konnte es nicht mit ansehen. Ich ging hinters Haus und suchte Cruc.


Sechs Tage später starb Yâmareth. Sie hatte das Abenteuer nicht überstanden. Und ich, ihr treuer Begleiter, stand nur ratlos da. Es konnte nicht sein. Es durfte einfach nicht sein! Wie konnte es geschehen, dass sie starb? Sie hatte doch sonst auch immer gesiegt! Wie konnte die Heldin sterben? Und was war ein treuer Begleiter ohne eine Heldin, der er folgen konnte? Dieser Fall war nicht vorgesehen.
Was tat ein treuer Begleiter, wenn er keine Heldin mehr hatte? Musste er selbst zum Helden werden? Ich wollte kein Held sein. Ich wollte… ich wusste selbst nicht recht, was ich wollte. Ich wollte, dass Yâmareth wieder lebte. Ich wollte auf jeden Fall nicht hier bleiben. Ich sah zur Tür und erinnerte mich an meine Flucht, die ich verschoben hatte. Jetzt war der richtige Zeitpunkt dafür! Hier hatte ich nichts mehr verloren und kein Schnee und kein Wolf hinderte mich am Gehen. Ich schob einen Laib Brot unter mein Hemd, nahm einen leeren Krug, füllte ihn am Bach und ging von dort aus in die entgegengesetzte Richtung über die Hügel davon. Ich sah nicht zurück. Ich wollte nur weg.


Den ganzen Tag lang lief ich einfach geradeaus, ging zwischendurch immer wieder ein Stück langsamer, um mich auszuruhen, lief aber insgesamt, so schnell es ging. Ich hatte Angst, verfolgt zu werden, denn die Tante würde mit Sicherheit versuchen, mich zurückzuholen. Ich wollte möglichst schnell möglichst weit weg. Ich wollte auf keinen Fall zurück in das Haus, in dem man mich nicht haben wollte. Ich wollte nicht wissen, wie das Haus aussah, wenn es darin keine Yâmareth mehr gab. Wie konnten es die Tante und der Onkel nur noch länger darin aushalten? Vielleicht fühlten sie nicht. Die Tante hatte ja auch ihre Schwester in den Tod gehen lassen, war es möglich, dass sie ebenso leicht über den Tod ihrer Tochter hinwegkam? Nein. Warum nicht? Nein. Ich wusste einfach, dass Bánros Haus in den nächsten Wochen still und traurig sein würde. Fast tat mir die Tante ein bisschen leid, aber dann fiel mir ein, dass sie ja mit mir auch kein Mitleid gehabt hatte. Ach, diese Gedanken waren alle so unbefriedigend! Ich kam zu keinem Ergebnis. Je länger ich nachdachte, desto weniger wusste ich, was ich denken oder fühlen sollte. Frustriert trat ich ins Gras und köpfte eine weiße Blume.
Am Abend legte ich mich einfach ins Gras. Ich hatte kein Holz und keinen Feuerstein, aber die Nacht war lau und ich fror nicht zu sehr. Nachdem ich mir eine bequeme Lage gesucht hatte, überlegte ich, wo ich denn jetzt eigentlich hin wollte. Außer Rómenna und dem Haus der Tante kannte ich keinen Ort in Anadûnê. Nach Rómenna wollte ich nicht zurück, also blieb mir nichts übrig, als weiterhin einfach geradeaus zu gehen, irgendwo würde ich schon ankommen. Ich musste mich nur für eine Richtung entscheiden. Rómenna und das Haus der Tante lagen ungefähr in Richtung Sonnenaufgang, also beschloss ich, nach Sonnenuntergang zu gehen.
Mittags war mein Krug leer. Gegen Abend fand ich einen Bach, wo ich ihn füllen konnte, aber ich nahm mir vor, von jetzt ab mit dem Wasser sparsamer zu sein. Mir wurde klar, dass ich größere Schwierigkeiten haben würde, wenn mein Brot zu Ende war, und so versuchte ich, es mir streng einzuteilen, damit es für mindestens sechs Tage reichte. Leider war der Hunger oft stärker und am Morgen des vierten Tages aß ich das letzte Stückchen. Was sollte ich nun essen? Während das Brot immer weniger geworden war, hatte sich die Landschaft verändert: Das Gras wuchs nun spärlicher und ich bezweifelte, dass es in dieser Gegend viele Höfe gab. Außerdem sah es so aus, als werde die Landschaft eher noch unwirtlicher. Ich musste schnell etwas zu essen finden. Andererseits wollte ich auch nicht von Menschen gesehen werden. Aber was spielte das überhaupt für eine Rolle, es waren ja gar keine Menschen da, ich hatte ja nicht die Wahl.
Der Hunger wurde immer schlimmer und ich musste die ganze Zeit an Essen denken. Was war, wenn ich hier verhungerte? Na, und wenn schon. Was tat es? Ich wusste sowieso nicht, was ich hier noch sollte. Wenn ich starb, war ich wenigstens bei Yâmareth und meinen Eltern. Ich hatte sowieso keine Wahl. Auf keinen Fall ging ich zurück. Zudem war ich dazu schon viel zu weit gegangen. Vielleicht traf ich ja auf eine Straße. Dort nahm mich vielleicht ein Reisender mit. Ich hatte doch ungesehen bleiben wollen. Aber ob Verhungern besser war…
Wenn Yâmareth nicht gestorben wäre, wären wir mit den Schafen draußen auf den Wiesen gewesen und Yâmareth hätte mir beigebracht, welche Gräser und Kräuter essbar und welche giftig waren. Dann könnte ich wenigstens ein paar Gräser essen. Wenn Yâmareth nicht gestorben wäre, wäre ich jetzt nicht hier und müsste mir nicht diese Gedanken machen.
Musste ich denn den ganzen Tag an Hunger und Tod denken? Gab es denn nichts Schönes auf dieser Welt? Auch wenn ich die Landschaft ansah, konnte ich nicht viel Schönes entdecken: Nichts schien hier zu wachsen, außer ein paar trockenen Sträuchern und ab und zu einem halbtoten, verkrüppelten Baum. Immer wieder ging ich über felsigen Boden und um Felsbrocken herum. Es gab keine Bäche, nur ab und zu eine Lache mit schmutzigem Wasser, das nicht gut schmeckte. Aber wenigstens gab es keine wilden Tiere, ich hatte nämlich vergessen, ein Messer mitzunehmen.
Am Horizont sah ich nun die Berge. Zuerst waren sie nur klein, wie Schatten, dann wie eine Hütte, und schließlich wie eines der großen Herrenhäuser, die die Reichen bewohnen.
Hier war es kühler, als dort, wo Yâmareth gewohnt hatte. Tagsüber spürte man es nicht, aber nachts fror ich. Wie lange war ich schon unterwegs? Acht Tage, neun, zehn, oder vielleicht erst sechs?
Schräg vor mir fiel mir ein anderer Schatten auf, der kein Berg zu sein schien. Als ich mich ihm näherte, sah ich, dass es sich tatsächlich um ein Wäldchen handelte. Ich beschleunigte meine Schritte und erreichte es einige Stunden vor Sonnenuntergang. Das Wäldchen bestand aus einer kleinen Ansammlung von Nadelbäumen um einen Teich herum. Der Teich war größer, als die Pfützen, aus denen ich in den letzten Tagen mein Wasser geholt hatte, aber sein Wasser schmeckte kaum besser. An seinem Ufer standen ein paar Sträucher und etwas Farnkraut.
Unter den Bäumen wuchsen einige halbreife Erd- und Blaubeeren, aber mehr als eine handvoll konnte ich nicht finden. Kaum dass ich getrunken und die Beeren gegessen hatte, machte ich es mir unter einem der größeren Büsche im Farnkraut bequem und schlief sofort ein.


Ich schrak auf. Hatte da nicht ein Pferd geschnaubt? Vorsichtig, um kein Geräusch zu machen, setzte ich mich auf, bog den Farn zur Seite und spähte an dem Busch vorbei an das Seeufer. Dort sah ich eine Gestalt, die sich über eine kleine Flamme beugte und sie mit Stöckchen fütterte. Ein Stück daneben sah ich einen großen, undeutlichen Schatten. Das musste das Pferd sein. Ich suchte mit meinen Augen das Ufer ab, konnte aber keine anderen Menschen oder Pferde entdecken. Der oder die Fremde schien allein unterwegs zu sein. Noch immer war er oder sie bemüht, das Flämmchen am Erlöschen zu hindern und bald legte sich das Flackern und die Flamme brannte von selbst weiter. Die Gestalt holte etwas aus ihrer Satteltasche, wahrscheinlich irgendeinen Vogel oder ein Tier, das sie erlegt hatte, steckte es auf einen Spieß und briet es über dem Feuer. In seinem Schein konnte ich jetzt auch erkennen, dass ich es mit einem Mann zu tun hatte. Er war jung und trug keinen Bart, außerdem schien er, soweit ich das erkennen konnte, sehr schlank zu sein. Bei längerer Betrachtung fand ich auch, dass er ein sehr zartes und weiches Gesicht hatte. Er war bestimmt noch nicht erwachsen. Sicher war er der Sohn irgendeines Adligen, der zu Hause zwanzig Diener hatte, die für ihn arbeiteten. Er hatte wahrscheinlich noch nie einen Finger rühren müssen, wenn er es nicht wollte. Der Vater eines der anderen Jungen, mit denen ich in Rómenna gespielt hatte, hatte im Palast gearbeitet und sein Sohn hatte uns einmal erzählt, dass der König schon allein fünf Diener habe, die ihm beim Ankleiden halfen.
Der Duft des Bratens stieg mir in die Nase. Solche Leute, wie der am Feuer, hatten wahrscheinlich noch nie hungern müssen. Sie wussten wahrscheinlich nicht einmal, wie man einen Hasen ausbalgte, weil sie doch für alles ihre Bediensteten hatten. Nein. Halt. Das konnte nicht stimmen. Der Kerl vor mir briet doch gerade ein Wild. Also musste er auch wissen, wie man es ausnahm. Und überhaupt, was machte ein Reicher nachts allein in der Wildnis? Er müsste doch eigentlich ein Gefolge bei sich haben. Der Mensch verwirrte mich. Vielleicht war er auf der Suche nach seiner Liebsten, die man ihm geraubt hatte. Ja, das war eine gute Erklärung. Er sah zwar nicht aus wie ein Held, nicht stark genug, aber ich hatte ja schließlich auch noch nie zuvor einen echten Helden gesehen.
Hier saß also ich, ein Begleiter ohne Heldin, und dort saß ein Held mit einem Braten. Mein Magen meldete sich wieder. Sollte ich aufstehen und mich zu ihm ans Feuer setzen, in der Hoffnung, dass er mir etwas von seinem Fleisch abgab? Andererseits, woher wollte ich wissen, dass er ein echter Held war? Vielleicht wollte er mir auch übel. Wer wusste schon, was für ein Volk sich nachts draußen herumtrieb? Ich versuchte, zu erkennen, ob er nach seiner Liebsten schmachtete, aber bei dem Licht und bei der Entfernung ließ sich das nicht eindeutig feststellen. Wohl seufzte er einige Male, aber das musste nichts heißen. Und musste ein Held nicht älter sein? Held oder nicht, dachte ich, fest steht, dass er für sein Brot nie hart arbeiten und seine Gesundheit aufs Spiel setzen musste. Wer wusste, wie er bei einem Abenteuer, wie dem von Yâmareth abgeschnitten hätte? Leute befreien konnte jeder, aber den Tod besiegen? Ich stellte mir vor, Yâmareth säße dort am Feuer. Es tat weh, sich das vorzustellen, aber es tat auch gut. Yâmareth war mindestens ebenso heldenhaft, wie der Kerl am Feuer.
Es war schwer, hinter dem Busch zu sitzen und zu riechen, wie das Fleisch briet. Was hätte Yâmareth getan? Hätte sie der Gefahr heldenhaft ins Auge gesehen und wäre zum Feuer gegangen? Oder hätte sie eiserne Selbstbeherrschung geübt, um sich nicht zu verraten? Mir wurde wieder klar, dass ich kein Held war. Meine Selbstbeherrschung schwand mit jedem Atemzug, der den Bratenduft zu mir trug und nur meine Angst hielt mich davon ab, aus dem Gebüsch zu stürmen. Das Ergebnis war dasselbe. Wie klein der Unterschied zwischen Heldentum und Feigheit war!
Der Held nahm nun sein Fleisch vom Spieß, wobei er sich die Finger verbrannte und sehr unheldenhaft fluchte.
Der Held teilte das Fleisch, steckte einen Teil davon wieder über das Feuer und wandte sich dann der anderen Hälfte zu. Er teilte auch diese.
„Möchtest du ein Stück?“ fragte er plötzlich in den Wald. Ich schwieg. Er meinte mich, da war ich mir sicher. Er wusste also, dass ich da war.
„Du musst keine Angst haben, ich will dir nichts Böses!“ Mein Herz klopfte so laut, dass ich sonst nichts mehr hörte. Was sollte ich tun? Mein Kopf fühlte sich an, als sei er mit Nebel gefüllt, und mein Blick verschwamm. Ich schloss die Augen und versuchte, mich zusammenzunehmen. Ich atmete zweimal tief durch und öffnete sie wieder. Jetzt klopfte mein Herz zwar noch genauso stark, aber ich konnte wieder sehen und hören. Ich sah, wie der Kerl sein Fleisch aß und mein Magen knurrte. Aber… dort lag noch ein Stück Fleisch, neben dem Feuer! Sollte ich warten, bis der Fremde schlief und es mir dann nehmen? Er hatte es mir schließlich angeboten. Vielleicht wollte er aber genau das. Vielleicht wollte er mir eine Falle stellen. Man konnte ihm nicht trauen. Der Fremde löschte das Feuer, packte eine Decke aus und rollte sich neben der Asche zusammen.
Jetzt, da ich das Fleisch nicht mehr sehen konnte, roch ich es um so stärker. Da lag es, extra für mich, und die Versuchung war größer, als je zuvor. Es roch so verführerisch und mein leerer Magen zerrte auch an meinem Willen. War das eine Falle? Vielleicht stellte er sich nur schlafend. Aber der Kerl wusste doch sowieso, dass ich da war, warum sollte er es sich also so kompliziert machen und mir erst noch eine Falle stellen? Er könnte mich auch gleich schnappen. Aber er hatte nicht gerade gefährlich gewirkt. Vielleicht verstellte er sich ja, um mich in Sicherheit zu wiegen. Wenn ich eine Weile wartete, schlief er vielleicht wirklich ein und dann könnte ich mir das Fleisch nehmen.
Nach einer Zeit, die sich wie eine Ewigkeit dahinzog, beschloss ich, dass er nun sicher eingeschlafen sein musste und verließ, so leise ich konnte, mein Versteck. Vorsichtig ging ich zur Feuerstelle und nahm das Fleisch. Ich setzte mich auf den Boden und biss ein kleines Stückchen ab. Es schmeckte himmlisch! Wie lange hatte ich kein Fleisch mehr gegessen? Ich wusste es nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es etwas Besseres gab. All die Austern und gefüllten Kapaune, die der König angeblich aß, konnten nicht so gut schmecken, wie dieser Vogel. Nachdem ich auch das letzte Fetzchen Fleisch von dem Knochen genagt hatte, wollte ich eigentlich wieder schlafen gehen. Doch der Boden neben der Feuerstelle war so schön warm und ich wollte nur noch ein bisschen dasitzen, bevor ich mir ein neues Versteck im kalten Farnkraut suchte. Mein Kopf wurde schwer und ich hatte Schwierigkeiten, mich wach zu halten. Ich rollte mich auf dem Boden zusammen, denn es wurde mir zu anstrengend, ihn immer oben zu halten. Nur noch einen kleinen Augenblick wollte ich hier liegen und mich wärmen, dann würde ich mir ein Versteck suchen. Nur noch kurz…


Ich träumte, ich säße in einem Wald und versuchte, ein Feuer zu entzünden. Doch der Zunder war feucht und löschte jeden Funken, den ich mit Feuerstein und einem Messer entzündete, sofort wieder. Ich wurde immer verzweifelter und wollte schon aufgeben, als der fremde Held aus den Bäumen hervortrat und mir trockenen Zunder und trockenes Holz brachte. Ich nahm beides und entzündete damit mein Feuer. Er setzte sich und ich entschuldigte mich dafür, dass ich ihm nicht mit etwas zu Essen für seine Hilfe danken konnte.
„Aber du hast doch dort Fleisch über dem Feuer!“ antwortete er. Und wirklich stieg mir der Duft gebratenen Fleisches in die Nase. Ungläubig wandte ich mich meinem Feuer zu und erwachte.


Neben mir brannte ein Feuer und über dem Feuer hing etwas Fleisch. Auf der anderen Seite des Feuers saß der fremde Held und beobachtete mich. Warum hatte ich der Versuchung nachgegeben und mich nicht versteckt? Jetzt würde es schwierig werden zu fliehen. Ich setzte mich auf und spürte etwas meinen Rücken hinabgleiten. Es war eine Decke. Ich spürte, wie ich rot wurde. Er half mir, teilte sein Fleisch mit mir und gab mir sogar seine Decke und alles, was mir einfiel, war, ihn der verschiedensten Schandtaten zu verdächtigen. Er beobachtete mich immer noch. Ich sah in die andere Richtung. Der Braten roch so gut. Mein Magen begann wieder leise zu knurren. Als hätte er es gehört, bot mir der Held noch ein Stück Fleisch an. Mmh, Fleisch! Damit er es sich nicht noch anders überlegen konnte, aß ich das Stück so schnell ich konnte. Noch immer starrte er mich an. Das gefiel mir nicht. Ich würde verschwinden, sobald ich aufgegessen hatte.
„Wie heißt du?“ fragte der Fremde plötzlich.
Ich schrak hoch. Warum wollte er das wissen? Wollte er mich vielleicht doch zurückbringen? Ich schwieg und riss das letzte Stückchen Fleisch von meinem Knochen.
„Meine Name ist Karmoth, ich bin ein Reisender auf dem Weg nach Westen.“
Warum erzählte er mir das? Ich hatte ihn nicht danach gefragt. Wusste er denn nicht, dass man Fremden so wenig wie möglich über sich erzählte? Er war wohl doch ein weltfremder Adliger.
„Bist du von zu Hause weggelaufen oder hast du dich hier verirrt? Ich könnte dir helfen.“
Das war es! Er wollte mein Vertrauen gewinnen und mich dann zurückbringen. Ich hätte es gleich wissen müssen. Die Erwachsenen waren alle gleich. Aber ich brauchte seine Hilfe nicht und sagte ihm das auch in meinem höflichsten Ton. Er bot an, mich ein Stück mitzunehmen, aber ich lehnte ab. Langsam wurde es brenzlig, es war Zeit, dass ich weiterging. Ich stand auf. Als ich ihm seine Decke geben wollte, winkte er ab und schenkte mir statt dessen ein weiteres Stück Fleisch. Warum tat er das alles? Hatte er etwa Mitleid mit mir? Ich brauchte sein Mitleid nicht. Allerdings wollte ich die Geschenke auch nicht ablehnen. Ich bedankte mich, drehte mich um und ging langsam auf den Wald zu. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ein einfaches „danke“ war ein bisschen mager für diese Geschenke. Aber dieser Fremde konnte auch nicht mit einem Stückchen Fleisch und einer Decke gleich mein Vertrauen erkaufen. Ich wusste, dass Vertrauen der beste Dank gewesen wäre.
„Ich heiße Rhûmo“, stieß ich hervor und verschwand dann schnell zwischen den Bäumen, bevor er weitere Fragen stellen konnte.
Als ich außer Sichtweite war, hielt ich an. Der Fremde hatte gesagt, er müsse nach Westen weiterreisen. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte, dass Westen dort war, wo die Sonne unterging. Das war auch meine Richtung. Ich wollte nicht auf offenem Gelände von dem Fremden eingeholt werden. Ich suchte mir einen Platz, von dem aus ich das Seeufer gut beobachten konnte, und wartete, bis der Fremde aufbrach.
Ich musste nicht lange warten. Schon bald packte er wieder seine Satteltaschen, sattelte das Pferd und führte es durch die Bäume aus dem Wäldchen hinaus. Ich sah ihn in die Richtung wegreiten, die auch meine war. Als er in der Ferne immer kleiner wurde, brach ich auf. Am Abend schlief ich unter einem vorspringenden Felsbrocken. Zum Abendessen aß ich beinahe das ganze Fleisch und den Rest am nächsten Morgen. Jetzt hatte ich wieder nichts zu essen.
Am dritten Tag seit meiner Begegnung mit dem Fremden traf ich auf eine Straße, die aus einer Richtung zwischen Sonnenaufgang und Mittag kam und nach Sonnenuntergang führte. Kein Mensch oder Tier war auf ihr zu sehen. Doch würde ich sicher früher oder später auf Menschen treffen, wenn ich auf der Straße blieb. Andererseits führte sie in meine Richtung und es war so angenehm, auf dem Staub der Straße zu gehen, ohne ständig an spitze Steine und die dornigen Äste verdorrter Sträucher zu stoßen. Außerdem konnte man die Ebene ringsum gut überblicken und ich wäre so oder so in Gefahr, entdeckt zu werden. Natürlich hätte ich meinen Weg auch weit entfernt von der Straße fortsetzen können, aber es war so angenehm, auf der Straße zu gehen, dass ich sie nicht verlassen wollte. Und selbst wenn man mich entdeckte, ich konnte mir ja leicht irgendeine Geschichte ausdenken. Ich nahm mir vor, mich zu verstecken, wenn ich vor oder hinter mir jemanden kommen sah. Einen Reiter oder ein Fuhrwerk müsste ich sehen können, bevor sie mich entdeckten. Ich beobachtete immer den Weg vor mir und sah in Abständen, die im Laufe des Tages immer länger wurden, hinter mich. Meine Vorsicht schien umsonst, denn es ließ sich keine Menschenseele blicken. Meine Gedanken schweiften ab. Seit ich ihn getroffen hatte, rätselte ich über dem fremden Helden. Warum war er so freundlich zu mir gewesen? Es war gut gewesen, dass ich mich nicht darauf eingelassen hatte. Wer wusste schon, welche Teufelei er ausheckte. Man durfte ihm nicht trauen. Freundlichkeit war verdächtig. Wenn jemand freundlich war und man dachte, er meine es gut mit einem und man dem anderen voll vertraute, dauerte es doch nicht lange und man wurde enttäuscht. Es war gut gewesen, dass ich gegangen war. Wenn ich mit ihm gereist wäre, hätte ich ihm vielleicht bald vertraut. Es hatte schon damit begonnen, dass ich das Fleisch angenommen hatte und an seinem Feuer eingeschlafen war. Zum Schluss hatte ich ihm sogar meinen Namen verraten. Wirklich, es war gut gewesen, dass ich nicht geblieben war.
Ich hörte den Karren erst, als er mich fast erreicht hatte und es zu spät war, sich zu verstecken. Es war ein gedeckter Wagen, der von einem Esel gezogen wurde. Auf dem Kutschbock saß ein Männlein und pfiff leise vor sich hin. Es grüßte mich freundlich, als es mich erreichte und fragte, ob ich nicht mitfahren wolle. Als ich ablehnte, zuckte es nur mit den Schultern und fuhr weiter. Es kam allerdings nicht sehr weit. Schon in etwa fünfzig Schritten Entfernung von mir hielt es wieder an. Als ich näher kam, hörte ich das Männlein schimpfen: „Zimraphel, was fällt dir ein? Wie kannst du es wagen, mir den Gehorsam zu verweigern? Langsam wirst du wirklich unverschämt! Du hast dir schon viel geleistet und ich habe viel erduldet, aber was zu viel ist, ist zu viel! Wenn du nicht aufpasst, kommst du in den Kerker, bei Wasser und altem Heu. Du frisst mir sowieso schon die Haare vom Kopf! Wirst du dich jetzt wohl vom Fleck bewegen, du alte Mähre? Ich lasse dich auspeitschen, du Witz von einem Esel! Ich verkaufe dich auf dem Markt in Andúnië, aber wer will ein Tier wie dich schon kaufen? Wirst du wohl weitergehen? Hü, Zimraphel! Hü! Oh, ich opfere dich dem Unaussprechlichen und in seinem Zorn über dieses unwürdige Opfer wird er deine gesamte Art auslöschen! Wie kann ein einzelnes Tier nur so stur sein wie zehn andere seiner Art zusammengenommen?“
Inzwischen hatte ich den Wagen erreicht und lauschte mit offenem Mund der Schimpfkanonade, die der Kutscher über sein armes Tier ergehen ließ. Der Kutscher sah mein entsetztes Gesicht und lachte. Er sprang vom Kutschbock und ich sah, dass er gerade einen guten Kopf größer als ich war.
„Tja, wenn Zimraphel nicht mehr will, kann man nichts machen. Eigentlich wollte ich heute noch eine oder zwei Meilen weiter kommen, aber wenn sie der Meinung ist, dass es Zeit zum Lagern ist, bewegt sie sich nicht mehr vom Fleck, dagegen ist kein Kraut gewachsen. Dummerweise weiß sie, dass ich nie eine Drohung wahrmache. Ich würde sie nie gegen ein anderes Tier eintauschen, nicht wahr, meine Gute?“ sprach er abwechselnd zu mir und zu seinem Esel, während er das Tier ausspannte und den Karren von der Straße zog. Ich schob von hinten.
„Danke, Junge“, sagte er, „willst du uns die Ehre gewähren und mit Zimraphel und mir zu Abend speisen? Ach, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Mattek.“
Er machte eine tiefe Verbeugung. Ich musste lachen. Von diesem kleinen Mann konnte keine Gefahr ausgehen. „Ich heiße Rhûmo. Ich würde gern mit Euch essen, Herr, aber ich möchte heute noch ein Stück gehen. Danke für die Einladung.“
Mattek sah mich misstrauisch an. „Und was willst du essen, wenn du lagerst?“
Ich spürte, wie ich rot wurde. „Ich… ich habe etwas zu essen.“
„Wirklich? Lüg mich nicht an! Du isst mit uns und keine Widerrede! Wo es für zwei reicht, reicht es auch für drei.“
Ich hatte gehört, wie er mit seinem Esel gesprochen hatte, als er bockte. Wie konnte ich da widersprechen?
Zum Abendessen gab es Brot und dazu für den Esel Mohrrüben und für uns Menschen Käse. Das Brot und der Käse waren schon ziemlich alt, trotzdem ließ ich sie mir sehr gut schmecken. Nach dem Essen packte Mattek die Reste wieder ein, wünschte mir eine gute Nacht und stieg in seinen Wagen, ohne den Esel anzubinden. Ich wollte ihn daran erinnern: „Herr, der Esel…“
„Zimraphel muss nicht angebunden werden. Sie läuft nicht weg. Und sag nicht immer ,Herr‘ zu mir, denn ich bin keiner. Gute Nacht!“
Ich wickelte mich in die Decke, die mir der fremde Held gegeben hatte, und schlief neben dem Karren ein.
Am nächsten Morgen erwachte ich durch einen feuchten Kuss von Zimraphel. Und schon hörte ich Mattek schelten: „Was sind das für Manieren, mein altes Mädchen? So weckt man doch keinen Gast!“
Und zu mir gewandt fuhr er fort: „So weckt sie mich jeden Morgen. Sie scheint dich zu mögen, wenn sie dir am ersten Tag diese Ehre angedeihen lässt.“
Dabei grinste er. Doch mir war nicht entgangen, was er da gesagt hatte: „am ersten Tag“. Als würde ich noch viele Tage mit den beiden reisen. Der Gedanke gefiel mir. Doch ich musste vorsichtig sein. Niemandem leichtfertig vertrauen. Darum meinte ich: „Vielen Dank für das Abendessen. Ich muss jetzt leider weiter. Ihr wart sehr freundlich zu mir.“
Er lachte. „Aber du wirst doch wohl noch genug Zeit für ein Frühstück haben. Mit einem guten Frühstück im Bauch bist du gleich noch einmal so schnell.“
Nach dem Essen wollte ich losgehen, doch Mattek hielt mich zurück: „Wir brechen jetzt auch auf. Du kannst mit uns fahren, bis du diese Straße verlassen musst.“
Ich wollte widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab: „Keine Widerrede! Du fährst mit uns. Auch wenn Zimraphel manchmal etwas bockig ist, bist du so immer noch schneller, als zu Fuß. Wenn du die Straße verlassen musst, sagst es mir einfach und ich halte an und lasse dich runter. Wo musst du denn hin?“
Das wusste ich doch selbst nicht. Ich hätte gern den Namen irgendeines Orts genannt, aber leider kannte ich außer Rómenna und Armenelos den Namen keiner Stadt und keines Dorfes. Ich schwieg. Mattek wiegte den Kopf: „Ich verstehe. Warum bleibst du nicht eine Weile bei mir? Du bist aufgehoben und hast die Möglichkeit, einige nützliche Kenntnisse zu erwerben. Es wird auf jeden Fall das Beste sein, wenn du bis Andúnië erst einmal bei mir bleibst.“
Damit war die Sache abgemacht und ich reiste mit Mattek und Zimraphel. Und obwohl das Wetter umschlug und es andauernd regnete und obwohl Zimraphel des öfteren bockte, kamen wir gut voran. Ich war froh, nicht mehr zu Fuß gehen zu müssen. Es war viel angenehmer, auf dem Kutschbock zu sitzen und Matteks Erzählungen zu lauschen, wenn Zimraphel brav den Wagen zog oder seinen Verwünschungen, wenn sie unvermittelt stehen blieb und sich nicht mehr rührte. Als ich während einer dieser Schimpfreden anfing, zu lachen, sah mich Mattek mit gespielter Entrüstung an und sagte: „Wie soll Zimraphel mich denn ernst nehmen, wenn du mir durch deinen Spott in den Rücken fällst und meine Autorität untergräbst?“
Von da an lachte ich nicht mehr, doch manchmal fiel es mir sehr schwer, es mir zu verbeißen und ich musste zur Seite schauen, damit Mattek mein Gesicht nicht sehen konnte.
Mattek erzählte mir, dass er in Rómenna Waren geladen habe, die mit dem Schiff aus Mittelerde gekommen seien, Dinge, die die Besatzung erbeutet habe und nun weit unter Wert verscherbelte. In Armenelos habe er das meiste davon verkauft und dafür andere Waren eingekauft, die er nun in Andúnië verkaufen wollte. „Dann bist du also ein Händler“, stellte ich fest. „Erzähl mir etwas von Andúnië.“
„Andúnië liegt an der Küste. Früher haben dort sehr viele wohlhabende Adlige gewohnt, aber die meisten waren Getreue und mussten nach Rómenna umsiedeln. Darum ist die Stadt heute nicht mehr so prächtig, wie sie war. Die Häuser der Getreuen verfallen, weil sich niemand darum kümmert. Es ist wirklich schade.“
„Wer sind diese Getreuen, von denen du die ganze Zeit sprichst?“
„Das ist eine lange Geschichte. Bist du sicher, dass du sie hören willst?“
„Ja. Ich liebe Geschichten.“
„Also gut.“
Und er erzählte mir, dass früher auf Anadûnê viele Elben lebten und die Menschen mit ihnen eng befreundet waren. Ich erschrak. Konnte es wirklich sein, dass hier einmal Elben gelebt hatten? Wie in der Geschichte von der tapferen Yâmareth? Wie konnte es sein, dass die Menschen mit ihnen befreundet waren? Ich verstand das nicht, aber ich fragte nicht nach. Schließlich wollte ich nichts über die Elben erfahren, sondern über die Getreuen. Auch dachte ich, dass es ungesund sei, Mattek zu unterbrechen. Er erzählte mir, dass ein König verboten hatte, dass Elben Anadûnê besuchen und dass die Bewohner Anadûnês mit Elben befreundet waren. Das konnte ich wiederum sehr gut verstehen. Weiter erzählte Mattek, dass aber einige Menschen den Kontakt nicht aufgeben wollten und die Elben heimlich besuchten. Diese Menschen nannten sich Getreue. Der König wollte verhindern, dass sie sich mit Elben trafen und befahl allen, von denen er dachte, sie seien Getreue, nach Armenelos oder Rómenna zu ziehen, wo er sie besser beobachten konnte. Diesen König konnte ich auch sehr gut verstehen und ich war froh, dass er diese schrecklichen Elben von Anadûnê fernhielt. Jetzt wusste ich, wer die Getreuen waren. Sie mussten sehr böse Menschen sein, wenn sie sogar gegen den Befehl des Königs diese furchtbaren Elben treffen wollten.
Einige Male begegneten uns Reiter oder andere Fuhrwerke. Ich versteckte mich jedesmal hinten im Wagen, bis Mattek befahl, ich solle sitzen bleiben und wenn jemand danach frage, sei ich sein Neffe. Als wir uns Andúnië näherten, trafen wir immer öfter auf Menschen, die ihre Waren zum Markt transportierten, auch auf den einen oder anderen Ochsenkarren und eine Schafherde.
Schließlich erreichten wir Andúnië.
Wie Mattek es erzählt hatte, waren viele der Herrenhäuser sehr verfallen. Eingestürzte Dächer, kaputte Türen und Fenster, Statuen, denen Arme oder Beine fehlten, bröckelnder Putz, eingestürzte Gartenmauern, hinter denen man verwildete Gärten mit versiegten Springbrunnen und überwucherten Gartenhäuschen sehen konnte. Mattek hatte gesagt, es sei schade, dass alles so verfiel, doch mir gefiel das gerade. Es schien so verwunschen, verzaubert und märchenhaft. Wenn die Gartenmauern nicht zusammengefallen wären, hätte ich nie in die Gärten dahinter sehen können. Wie gerne hätte ich so einen Garten einmal erkundet! Wie gerne wäre ich durch Hecken gekrochen, wo einmal Wege waren, hätte mich in eines der weiß marmornen Häuschen gesetzt, auf dessen Steinbänken sich Rosenranken breit gemacht hatten, wäre auf einen der alten Bäume gestiegen, hätte die Schmetterlinge und Bienen beobachtet! Wie viel schöner mussten die Gärten jetzt sein, als damals, als sie noch bewohnt waren und überall auf den Wegen Menschen spazieren gingen. Dies also waren die Häuser und Gärten der Getreuen. Wie konnten so böse Menschen wie diese Getreuen so herrliche Gärten haben? Es war wirklich ungerecht.
Auf dem Marktplatz hielt Mattek an, suchte sich einen freien Platz, wo er den Wagen abstellte und Zimraphel ausspannte. Das erste Mal, seit ich die beiden getroffen hatte, band er Zimraphel an. „Damit sie nicht den ganzen Salat und das Gemüse der Bauern frisst“, erklärte er mir.
Zimraphel bekam Wasser und etwas zu fressen, dann packte Mattek seinen Wagen aus und stellte tönernes und metallenes Geschirr davor auf, Schmuck, Stoffe und allerlei Zierrat. Im Wagen hatte er außerdem noch heilende Kräuter, Döschen und Fläschchen voll seltsamer Flüssigkeiten, die er nicht auf den Boden stellen wollte. Als er alles ausgebreitet hatte, sagte er zu mir: „Du kannst gehen und dir ein wenig die Stadt ansehen, wenn du willst. Falls ich nicht mehr hier bin, wenn du zurückkommst, du findest mich heute Abend in der Schenke ,Zum Bergtroll‘. Hier, damit du dir etwas zu essen und zu trinken kaufen kannst.“
Damit gab er mir eine Bronzemünze. Ich bedankte mich schnell und überlegte, was ich mit meiner freien Zeit und dem Geld anfangen wollte. Da ich keine Börse besaß, war es am besten, wenn ich das Geld gleich ausgab, sonst konnte ich es nur verlieren. Ich beschloss, ein wenig über den Markt zu streifen, bevor ich den Rest der Stadt besichtigte.
Die Marktstände waren auf dem runden Marktplatz kreisförmig um den großen Brunnen angeordnet. Es war noch früh und die meisten Stände auf der Seite von Matteks Stand lagen im Schatten der Häuser ringsum, während die auf der gegenüberliegenden Seite im Schatten des großen Baumes lagen, der aus dem Brunnen wuchs. Ich beschloss, als erstes nach dem Brunnen und dem Baum zu sehen.
Der Brunnen war aus einem weißen Stein gemacht und sehr groß. Ich kostete das Wasser. Ich hatte lange kein wirklich frisches Wasser mehr gehabt. Ich füllte meinen Krug. Für etwas zu Trinken musste ich mein Geld schon einmal nicht ausgeben. Jetzt, da ich direkt unter dem Baum stand, sah er noch größer aus, als aus der Entfernung. Er hatte eine ganz dunkle Rinde und dunkle Blätter. Die Wurzeln hatten sich überall im Becken des Brunnens ausgebreitet. Dunkles Braun auf Weiß. Sein Wipfel war so weit entfernt, dass ich nicht erkennen konnte, ob dort Vögel saßen, oder nicht. Als ich so lange in den Wipfel des Baumes gestarrt hatte, dass mir ganz schwindelig wurde, setzte ich mich auf den Rand des Brunnens und beobachtete das Treiben auf dem Markt. Es gab viele Stände mit Obst und Gemüse, einen Stand, wo Fleisch und Tiere verkauft wurden, einen Korbmacher, einen Schneider, einen Bäcker, einen Schuster und einen Schäfer, der einige seiner Jungtiere verkaufte, die im Winter geboren worden waren. Als ich den Schäfer sah, fiel mir ein, dass doch unsere Herde im Winter auch gelammt haben musste. Yâmareth hatte sich so auf die Lämmchen gefreut und durch ihre Krankheit war mir das Lammen entgangen. Ich versuchte, mich zu erinnern, ob die Tante davon gesprochen hatte, doch ich mir fiel nichts ein. Wie konnte das sein? Wie konnte ich das Lammen verpasst haben? Ich hatte doch auch die Wolfsangriffe mitbekommen. Ganz in Gedanken rutschte ich ein wenig zurück und wäre in den Brunnen gefallen, wenn ich mich nicht schnell am Brunnenrand festgehalten hätte. Dabei stieß ich leider meinen Krug auf den Boden, wo ich ihn zerbrechen hörte. Obwohl ich so schnell gehandelt und mich festgehalten hatte, war ich mit meinem Hintern ins Wasser gekommen. Jetzt hatte ich einen nassen Hosenboden und mein Krug war kaputt. Ich hörte jemanden lachen. Irgendjemand fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ich bejahte und stand auf. Jetzt lachten auch ein zweiter und ein dritter. Ich war wütend. Wegen dieses dummen Lammens hatte ich meinen Krug zerschlagen und mich zum Gespött gemacht. Ich bückte mich. Zwischen den Scherben des Krugs lag meine Münze, die mir entglitten war, als ich mich festgehalten hatte. Für was wollte ich sie ausgeben? Für Früchte? Oder Honigwaben? Ich versuchte, das Gelächter, das sich schon fast gelegt hatte, zu überhören und streifte über den Markt, um herauszufinden, was ich mir kaufen würde. Eine Weile stand ich an einem Stand für Honig, konnte mich aber doch nicht entschließen, eine Wabe zu kaufen. Auch bei den Obstständen schaute ich lange. Doch ich sagte mir, dass ich erst alles sehen wollte, bevor ich etwas kaufte. Der Schuster verkaufte alle möglichen Lederwaren: Schuhe, Lederwämse und Flaschen aus Leder, wie sie auch die Schäfer auf ihren Wanderungen benutzten. So eine Flasche könnte ich gut gebrauchen. Mein Krug war kaputt und diese Flaschen waren so praktisch. Aber wenn ich eine Flasche kaufte, konnte ich mir nichts mehr zu essen kaufen. Und ob mein Geld für solch eine Flasche ausreichte? Noch hatte ich kaum Hunger, aber das würde sich im Laufe des Tages mit Sicherheit ändern. Nun gut, heute Abend würde ich sicher etwas zu essen bekommen, der Hunger ließe sich also aushalten. Aber ich hatte sicher nicht genug Geld. Ach, ich musste es einfach versuchen.
„Entschuldigen Sie bitte, wieviel wollen Sie für eine dieser Flaschen?“
„Das kommt darauf an. Wieviel hast du?“
„Ein Bronzestück.“
„Das ist leider nicht genug. Aber vielleicht kannst du den Rest mit etwas anderem bezahlen?“
„Mit etwas anderem? Mit was kann man denn außer Geld noch bezahlen?“
„Nun ja, da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel kann man auch mit Arbeit bezahlen. Allerdings glaube ich nicht, dass ich für dich Verwendung hätte. Oder man kann tauschen.“
„Ich hatte einen Krug. Aber er ist kaputtgegangen. Ich habe nichts zum Tauschen.“
„Oder aber…“, er machte eine Pause, „oder aber du zeigst uns eine Kunst. Hast du eine schöne Stimme? Kannst du Gaukeleien oder akrobatische Kunststücke? Bist du ein Dichter?“
Ich überlegte. Das klang nach einem guten Angebot. Aber was hatte ich zu bieten? Ein Gaukler oder Akrobat war ich nicht. Singen konnte ich so gut wie jeder andere. Aber… „Ich kann eine Geschichte erzählen.“
„Eine Geschichte, soso. Dann muss es aber schon eine sehr gute Geschichte sein, wenn du damit die Flasche bezahlen willst.“
„Erzähl uns, weshalb du eine nasse Hose hast!“ rief einer der Umstehenden, die das Gespräch mitgehört hatten.
Ich glaubte, es war der Spaßvogel, der vorhin schon gelacht hatte. Diesmal lachte niemand, denn meine Hose war schon fast trocken und der Witz alt. Doch ich bekam eine Idee. „Ja“, sagte ich, „das ist eine gute Idee. Ich werde euch die Geschichte erzählen, warum meine Hose so nass ist.“
Der Mann verstummte. Auch die Leute ringsum schwiegen, gespannt, was nun kommen mochte. Eigentlich war es mir nicht recht, dass so viele Leute zuhörten. Ich war es gewohnt, meine Geschichten Yâmareth allein zu erzählen. Ich fühlte mich nicht wohl mit so vielen Zuhörern, aber jetzt konnte ich nicht mehr gut fliehen. Außerdem wollte ich unbedingt diese Flasche haben. Mir wurde etwas schwindelig. Ich hörte mich sagen: „Es ist eine lange Geschichte. Wollt ihr mich die ganze Zeit stehen lassen?“
Irgendjemand schob mir einen Stuhl unter den Hintern. Ich setzte mich, schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus: einmal, zweimal, dreimal. Dann war der Schwindel vorbei. Ich versuchte, nicht an die vielen Leute zu denken, sondern nur an die Flasche und meine Geschichte. Ich fing an: „Vor einiger Zeit, es ist noch gar nicht so lange her, da lebten auf unserer Insel die Heldin Yâmareth und ihr treuer Begleiter. Yâmareth hatte schon viele Ungeheuer besiegt und viele unschuldige Menschen gerettet. Ihr Begleiter begleitete sie bei all ihren Abenteuern, aber er war kein Held. Er wollte auch nie ein Held sein. Es genügte ihm, die Heldin zu begleiten und ihr in schweren Situationen beizustehen. Eines Tages beschloss Yâmareth, den Tod zu besiegen. Sie konnte es nicht mehr mitansehen, dass überall Menschen starben, manchmal auch Kinder oder Erwachsene, die selbst Kinder hatten und eigentlich noch zu jung zum Sterben waren. Yâmareth nahm ihr Ross und ihren treuen Begleiter mit und zog aus, den Tod zu suchen. Sie musste nicht lange suchen. Schon im nächsten Dorf erwischte sie ihn, wie er gerade ein Neugeborenes holen wollte. Sie stellte ihn und forderte ihn zum Kampf heraus. Unerschrocken trat sie ihm entgegen, doch der Tod erwies sich als ein zäher Gegner. Während ihre Kräfte nachließen und sie immer schwächer wurde, schien er noch so frisch wie zu Beginn ihres Kampfes. Ihr Begleiter bangte um sie, und weiter konnte er nichts für sie tun. Schließlich gelang es der Heldin mit letzter Kraft, den Tod in die Knie zu zwingen. Sie erschlug ihn und sprach dazu, er solle der letzte sein, der den Tod erleide. Danach werde es nur noch Leben und Freude geben. Doch sie hatte mit ihrem Schwert nicht gut genug gezielt und den Tod nur bewusstlos geschlagen. Und während sie sich von dem Kampf erholte und ihre Wunden pflegte, erwachte der Tod wieder und griff sie von hinten an. Sie hatte keine Waffen, ihm zu begegnen und war noch nicht von ihren Verletzungen befreit, während der Tod so frisch wie eh und je war. Sie rangen lange miteinander und ihr treuer Begleiter stand dabei und bangte und hoffte. Er hoffte umsonst. Yâmareth konnte den Tod nicht besiegen. Sie verlor den Kampf. Der Tod lebte weiter und Anadûnê hatte eine strahlende Heldin weniger.“
Ich machte eine Pause. Ringsherum war Schweigen. Bis der Mann von vorhin fragte: „Das ist ja schön und gut, aber was hat das mit deiner Hose zu tun?“
„Dazu komme ich noch“, antwortete ich, „die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Wollt Ihr mir nicht einen Moment der Trauer gönnen?“
Der Mann senkte den Kopf. Ich fuhr fort: „Yâmareth war also tot. Ihr treuer Begleiter stand da und wusste sich keinen Rat. Was sollte er tun? Was tat ein treuer Begleiter ohne Heldin? Er wusste es nicht. Er dachte nach, aber in keiner Geschichte, die er kannte, war dieser Fall vorgekommen. Drei Tage ging er ratlos umher, dann sah er ein, dass er selbst ein Held werden musste. Er wollte wirklich kein Held sein, aber es gab immer noch das Böse auf der Welt. Er musste es versuchen. Als ersten Gegner hatte er sich das Seeungeheuer auserkoren, das schon seit geraumer Zeit Schiffe des Königs verschwinden ließ, indem es sie einfach verschluckte. In einem Fischerboot suchte er das Untier auf und stellte es. Das Vieh verschluckte das Boot in einem Satz und der treue Begleiter konnte sich nur retten, indem er einen Sprung ins Wasser machte. Er entkam dem Ungeheuer so knapp, dass das Maul des Tiers sogar noch seinen Hintern berührte. Lange schwamm er im Ozean und war kurz davor, zu ertrinken, als ihn ein Schiff rettete. Das Schiff brachte ihn sicher in den Hafen zurück und der Junge beschloss, nie wieder zu versuchen, ein Held zu sein. Doch dort, wo das Maul des Ungetüms seinen Hintern berührt hatte, war nun ein großer Speichelfleck und der Fleck trocknete nicht und ließ sich weder mit Wasser, noch mit Alkohol auswaschen. Seit dieser Zeit durchstreift der treue Begleiter unsere Insel und weiß nicht, was er tun soll, ein einsamer Begleiter ohne eine Heldin, der er folgen kann.“
Eine Weile war es still. Einer meinte: „Vielleicht findet er ja eine neue Heldin.“
Schließlich sprach der Schuster: „Das war eine sehr gute Geschichte. Eine traurige Geschichte, doch sie ist weise und zeigt vieles, wie es ist. Ich werde sie mir merken und weitererzählen. Damit hast du dir die Flasche auf jeden Fall verdient. Eigentlich müsste es so sein, dass jeder etwas gibt, der zugehört hat. Ich gebe die Flasche.“
Dabei sah er den Lacher von vorhin an. Der murrte etwas und gab mir dann zwei Bronzemünzen. Auch von den anderen gab mir jeder ein Obst oder Gemüse, so dass ich schließlich ein Körbchen mit Beeren, ein paar Frühäpfel und zwei Mohrrüben hatte. Ich war so überrascht, dass ich beinah vergessen hätte, mich zu bedanken.
„Danke“, sagte ich nun auch zu dem Schuster.
„Ich muss mich bedanken. Es war schön, wieder einmal eine gute Geschichte zu hören. Man hört soviel Schlechtes in diesen Zeiten... Wie alt bist du eigentlich?“
„Fast dreizehn.“
„Soso.“
Er musterte mich mit einem seltsamen, forschenden Blick. Er setzte zu einer Frage an, überlegte es sich dann wohl aber anders und sagte nur: „Du erzählst gut. Ich wünsche dir viel Glück bei deiner Suche. Und wer weiß, vielleicht findet der treue Begleiter ja wirklich eine neue Heldin?“
Ziemlich verwirrt verließ ich den Markt. Ich ging durch einige Nebengässchen, bis ich eine Gartenmauer fand, die eingefallen genug war, um bequem darüber klettern zu können.
Der Garten war riesengroß und obwohl sich schon lange niemand mehr darum kümmerte, war er wunderschön. Es war ein Garten wie die der Reichen in Rómenna, in die ich mit anderen Jungen schon manchmal meine Nase gesteckt hatte: voll seltener Blumen, gestutzten Büschen und sauber angelegten Wegen, nicht wie der Garten, in dem die Tante und der Onkel Gemüse und Kräuter angebaut hatten. Er war sogar noch schöner als die Gärten in Rómenna. Auch wenn die Büsche und Bäume nicht so kunstvoll geschnitten waren wie dort und obwohl die Beete voll Unkraut und die Wege zugewachsen waren. Es gab hier Blumen, die so schön waren, dass ich es kaum glauben konnte, dass sie wirklich waren. Zusammen mit dem Gestrüpp, das alles überwucherte, gaben sie diesem Garten etwas Geheimnisvolles, einen Hauch von fremdem Zauber. Viele Blumen hatten sich gegen das Gestrüpp durchgesetzt und wohin ich schaute, leuchteten mir bunte oder zarte Farben entgegen. Ich suchte mir einen Weg durch die Pflanzen und erreichte schließlich ein Häuschen aus weißem Marmor. Es war rund und hatte keine Wände und keine Fenster. Auf dem Fußboden stand eine kreisförmige Sitzbank mit zwei Lücken, durch die man in den Kreis treten konnte. Die Lehne der Bank verschmolz mit der Mauer, die die Säulen trug, auf denen das Dach ruhte. Die Mauer ging mir etwa bis zur Hüfte. Es hatte wieder begonnen, zu nieseln und das Nieseln war soeben dabei, in Regen überzugehen, darum betrat ich das Gebäude und legte mein Hemd, in dem ich meine Vorräte trug, auf die Bank. Ich breitete alles auf der Bank aus und begann zu essen. Dabei betrachtete ich das Häuschen genauer. Ich hatte in Rómenna ähnliche Häuschen ohne Wände und Türen gesehen, doch keines war so schön gewesen. In die Säulen waren viele Blätter gemeißelt worden, die fast wie echte aussahen. Die Decke und die Lehne der Bank waren mit vielen kunstvoll verschlungenen Ornamenten verziert. Auf der mir gegenüberliegenden Seite der Bank wuchsen dornige Ranken zwischen den Säulen hindurch und über die Sitzfläche. Das Häuschen war so verzaubert wie der ganze Garten.
Nachdem ich mich sattgegessen und sattgesehen hatte, durchstreifte ich den Garten nach weiteren Schätzen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Pflanzen wuchsen dort, die so wunderbar waren, dass ich den Eindruck hatte, sie stammten gar nicht von Anadûnê. Doch ich wusste, dass sie nicht verzaubert waren und natürlich aus Anadûnê kamen, denn wo sollten sie sonst in so großer Zahl herkommen?
Gern hätte ich noch andere Gärten erkundet, doch die Sonne stand schon tief und ich wollte rechtzeitig auf dem Marktplatz sein, um Mattek dort noch anzutreffen, weil ich keine Lust hatte, erst noch die Schenke zu suchen. Ich hatte Pech: Er war schon fort. Auch die anderen hatten ihre Stände abgebaut. Der Marktplatz war leer. Stumm stand der Baum in seiner Mitte. Die Sonne beleuchtete die Szenerie mit einem goldenen Licht, das alles ganz unwirklich erscheinen ließ. Ich riss mich von dem Anblick los. Ich musste die Schenke finden. Doch es war niemand da, den ich hätte nach dem Weg fragen können. Ich ging aufs Geratewohl in eine der Straßen, die vom Marktplatz abgingen, hinein. Gleich rechterhand lag eine Schenke. Sollte ich in der Schenke nach dem Weg fragen? Aber würde der Wirt nicht wütend sein? Ich hatte Angst davor, allein in eine Schenke zu gehen. Es ging dort manchmal ziemlich rau zu. Aber ich wollte auch nicht die ganze Nacht herumirren. Die Straßen schienen wie ausgestorben und es dämmerte schon. Bis ich jemand anderen fand, der mir den Weg zeigen konnte, dauerte es vielleicht sehr lange und ich wollte nicht im Dunkeln allein in einer fremden Stadt fremde Leute ansprechen müssen. Ich musste es wagen. Ich öffnete die Tür und betrat den Schankraum. Ohne links oder rechts zu sehen, ging ich zum Wirt an die Theke und fragte ihn nach dem Weg. Der Wirt war gar nicht wütend, aber während er mir den Weg erklärte, sah er mich mehrere Male neugierig an. Ich versuchte, nicht darauf zu achten und mir den Weg zu merken. Dann bedankte ich mich und verließ die Schenke schnell wieder.
Quer über den Platz in die Straße neben dem Haus mit der grünen Tür. Dieser Straße folgen, bis links ein Haus mit zugenagelten Fenstern zu sehen war. Hinter diesem Haus abbiegen und dann die nächste rechts. Ich landete in einem Gässchen, das so eng war, dass Matteks Wagen es ganz ausgefüllt hätte und niemand mehr an daran vorbeigekommen wäre. Die Gasse lief auf ein Haus zu, dessen Tür ziemlich schief in den Angeln hing. Es schien aber bewohnt zu sein, denn vor den Fenstern hing Wäsche. Die Schenke befand sich fast am Ende der Gasse auf der linken Seite. Sie sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Ich trat ein. Es herrschte ein dunstiges Licht. Ich sah mich um. Wo war Mattek? An einigen Tischen saßen ein paar Männer und knöchelten. In einer Ecke saß ein Betrunkener, der halb über der Tischplatte lag und zu schlafen schien. Mattek war aber nirgends zu sehen. Ich ging zum Wirt und fragte, ob dies die Schenke 'Zum Bergtroll' sei. Er bejahte und als ich danach fragte, bestätigte er mir, dass es in Andúnië keine andere Schenke dieses Namens gab. Ich verstand das nicht. Mattek hätte doch längst hier sein müssen. Er war doch schon weg gewesen, als ich auf den Marktplatz kam. Nun, was sollte ich tun? Ich setzte mich auf einen Stuhl, in gebührender Entfernung von dem Betrunkenen, und wartete. Ich beobachtete die Anwesenden. Auch die Männer, die an den Tischen saßen und redeten oder knöchelten, waren schon etwas angetrunken. Ich hoffte, dass Mattek bald kam. Plötzlich erhob sich der Betrunkene in der Ecke und begann, unverständliches Zeug zu reden. Ich sah hin… und erkannte den jungen Edelmann, der mir Fleisch gegeben und seine Decke geschenkt hatte.
„Ich wedde… ich wedde inn finnen… ich weddenn finnen unn wennich die gannse Innsel… unn wennich die gannse Innsel d’suchen muss… ich gebe nichauf. Ich wedden finnen. Unnich wedde mich rächen für alles wasse mir annetan ham… Hörsdumich, Sauron? Ich schpuck dir ins Gesicht!“
Ich ging zu ihm hinüber und sprach ihn an: „Herr! Schweigt! Herr… Herr…“
Mir fiel sein Name nicht mehr ein. Wie hatte er sich noch einmal vorgestellt? Ach ja… „Herr Karmoth! Versteht Ihr mich?“
„Ich heisenich Kamoss… icheise Nnariel… Nnariel… jawollsoheissich!“
„Ihr heißt Karmoth. Kennt Ihr mich noch? Ich bin der Junge, den Ihr in diesem Wäldchen getroffen habt. Erkennt Ihr mich? Ihr habt mir eine Decke geschenkt.“
„Ja… ich kenne dich. Aba icheise nich Kamoss.“
„Rhûmo! Was machst du da?“ ertönte plötzlich Matteks Stimme, „lass doch diesen Betrunkenen reden.“
„Aber ich kenne ihn. Und was er sagt, klingt nicht gut.“
Mattek kam zu uns herüber. „Icheise nich Kamoss… soheisichnich… icheise Nnariel… unnich wedde Sauron vennichden!“ lallte Karmoth.
„Bitte schweigt, Herr“, mahnte nun auch Mattek, „bitte schweigt. Ihr bringt Euch in Schwierigkeiten. Rhûmo, bleib du bei ihm, ich rede kurz mit dem Wirt.“
Damit ließ er mich mit dem Betrunkenen allein. Was sollte ich tun? Wenn ich Mattek richtig verstanden hatte, war das Wichtigste, dass der junge Edelmann nichts mehr sagte. Also versuchte ich, jeden seiner Sätze zu ersticken, indem ich gleichzeitig redete. Bald kam Mattek zurück. Er sagte, der junge Herr habe beim Wirt ein Zimmer gemietet. Gemeinsam führten wir Karmoth die Treppe hoch in das Zimmer. Plötzlich stammelte der Betrunkene etwas und erbrach sich, halb auf den Boden, halb auf seinen Wams. Mattek und ich konnten gerade noch rechtzeitig zu Seite springen. Der Held torkelte zum Bett und Mattek konnte ihn gerade noch davon abhalten, das Bett mit dem Erbrochenen auf seinem Wams zu besudeln, indem er ihn umdrehte und auf das Bett setzte. Mit spitzen Fingern zog er ihm das Wams aus und warf es in eine Ecke des Zimmers. Er zog ihm auch die Schuhe aus. Der Betrunkene würgte wieder, doch umsonst. Er riss am Kragen seines Hemdes und ich öffnete es ihm. Er fuhr fort zu würgen und sich mit der Hand an den Hals und nach der Brust zu fassen, als fürchte er zu ersticken. Mattek klopfte ihm auf den Rücken, doch es nützte nichts.
„Er bekommt keine Luft“, sagte Mattek, „irgendetwas beengt ihn. Vielleicht nützt es, wenn wir ihm das Hemd ausziehen.“
Als wir ihm das Hemd ausgezogen hatten, sahen wir, was ihn beengte: Er trug einen dicken Verband um die Brust.
Mattek schimpfte, als er ihn sah: „Dieser Verband ist viel zu eng, kein Wunder, dass er den Mann einschnürt! Diese Heiler! Bei einer lebensgefährlichen Wunde kann man solch einen Verband anwenden, aber ich sehe nicht einmal Blut. Diese Quacksalber! Machen einen Aufstand um den kleinsten Schnitt und schaden ihren Patienten mehr, als sie ihnen helfen. Wie soll denn die Wunde heilen, wenn man keine Luft daran lässt!“
Er hatte ein Ende des Verbandes gefunden und begonnen, den Mann davon zu befreien. Doch der Verband enthüllte keine schwere Stichwunde, nicht einmal einen kleinen Schnitt. Er enthüllte eine Frau. Das konnte doch nicht wahr sein! Karmoth sollte eine Frau sein? Ich hörte Mattek murmeln: „…darum kein Blut…“, dann begann es in meinen Ohren zu rauschen und meine Umgebung zu verschwimmen. Einer mehr, der mich belogen und verraten hatte! Ich hatte recht gehabt, man durfte niemandem trauen! Freundlichkeit war verdächtig! Ich warf einen letzten unscharfen Blick auf die Gestalt im Bett, dann drehte ich mich um und stürzte aus dem Zimmer. Ich hatte gedacht, ich könne ihm trauen! Er hatte mir von seinem Fleisch gegeben und seine Decke geschenkt. Ich hatte ihm meinen Namen verraten, aber hatte mich angelogen. Ich hätte es wissen müssen, dass er kein Held war! Helden betranken sich nicht, genausowenig wie sie logen. Mattek war der Einzige, auf den ich mich noch verlassen konnte.
Auf der Treppe, die hinunter zur Gaststube führte, wartete ich auf ihn. Als er kurze Zeit später aus dem Zimmer kam, ging er die Treppe hinunter und durch den Schankraum hinaus auf die Straße. Ich folgte ihm. Wir gingen um viele Ecken und ich bemerkte plötzlich, wie müde ich war. Ich folgte Mattek einfach immer weiter, durch unzählige Gässchen, wie es mir schien, und war so müde, dass ich meine ganze Kraft dafür brauchte, ihm zu folgen und keinen Gedanken für den Weg übrig hatte. Endlich standen wir vor einem Gasthof. „Der Brunnenwirt“, sagte Mattek, „das Essen ist hier miserabel und viel zu teuer, aber es ist der einzige Gasthof, wo man einen Wagen unterstellen kann. Wenn du dort vorne um die Ecke gehst, stehst du mitten auf dem Marktplatz. Aber wie gesagt, ich mag das Essen hier nicht und deshalb schlafe ich hier nur und esse im 'Bergtroll'.“
Währenddessen waren wir in den Hof gegangen und bei Zimraphel angelangt. Mattek begrüßte sie, kletterte dann in den Wagen und gab mir meine Decke heraus. Die Decke, die mir der fremde Held… die Betrügerin geschenkt hatte. Ich kletterte damit auf den Heuboden und machte es mir im Stroh bequem. Schon kurz vorm Einschlafen fragte ich Mattek: „Was wird jetzt geschehen?“
„Ich bleibe noch einige Tage hier und verkaufe meine Waren, falls uns deine Freundin nicht die gesamte Wache auf den Hals gehetzt hat.“
„Sie ist nicht meine Freundin. Er… sie hat mich angelogen.“
„Freundin oder nicht, falls uns die Wachen in Ruhe lassen, bleiben wir noch ein paar Tage hier. Danach geht es zurück nach Armenelos und Rómenna.“
Rómenna! Er wollte nach Rómenna! Ich hatte damit gerechnet, eine Weile bei Mattek und Zimraphel zu bleiben, doch auf keinen Fall ging ich zurück nach Rómenna!
„Ich gehe nicht nach Rómenna“, sagte ich auch zu Mattek.
Ich hörte die etwas verwunderte Antwort: „Wohin willst du dann gehen?“
„Ich weiß es nicht, aber ich gehe nicht nach Rómenna. Um keinen Preis.“
Ein „Hmm“ war diesmal die einzige Antwort. Sollte er doch denken, was er wollte! Ich ging nicht mit nach Rómenna, und wenn ich mich stattdessen wieder allein herumschlagen musste! Wütend über den fremden Herrn, weil er mich betrogen hatte, und über Mattek, weil er nach Rómenna wollte, und über meine Eltern, meine Tante und meinen Onkel, weil sie mich in diese Lage gebracht hatten, und über die Ungerechtigkeit in der Welt, dass die einen Geld hatten und lügen und sich betrinken durften und andere sterben mussten, schlief ich ein.


Am nächsten Morgen weckte Mattek mich früh. Wir aßen Brot und Käse, beides frisch vom Vortag, dann spannte Mattek Zimraphel ein und führte sie durch die Gassen, bis wir vor der engen Gasse standen, in der der 'Bergtroll' lag. Es regnete. Mattek bat mich, bei Zimraphel zu warten, und ging in das Gasthaus. Während ich wartete, sah ich mir die Umgebung genauer an. Die Straßen begannen gerade, sich zu beleben, Menschen verließen ihre Häuser oder betraten andere. Die meisten gingen sehr schnell, um dem Regen nicht so lange ausgesetzt zu sein. Ein paar Wachsoldaten kamen die Straße entlang. Ich erschrak. Hatte Mattek nicht gesagt, es sei möglich, dass sie nach dem jungen Herrn, nein, der jungen Herrin, verbesserte ich mich, was immer noch einen Stich in meiner Brust verursachte, dass sie nach ihr und womöglich auch nach uns suchten. Die Wache kam direkt auf die Gasse zu. So unauffällig, wie ich konnte, verschwand ich um die Ecke, um dann, so schnell ich konnte, auf die Schenke zuzurennen. Vielleicht waren die Wachen nur auf Patrouille und gingen an der Gasse vorbei. Falls sie es aber wirklich auf uns abgesehen hatten, hatte die Gasse nur einen Ausgang. Unter der Tür des 'Bergtrolles' stieß ich beinahe mit Mattek zusammen. Er schien schon zu ahnen, was geschehen war, und blickte hinaus auf die Gasse. Auch ich drehte mich um und in dem Moment bog der erste Wachsoldat um die Ecke. Schnell liefen wir in das Zimmer des… der Fremden. Sie trug nun andere, unauffälligere Kleidung.
Mattek, kaum größer als ich, aber doppelt so breit, war ganz außer Atem und keuchte: „Soldaten! Sie werden gleich hier sein. Irgendjemand hat Euch doch reden hören. Packt Eure Sachen zusammen und nehmt den Jungen.“
Wie bitte? Nehmt den Jungen? Anscheinend hatte ich recht gehört, denn Mattek verbat sich jede Widerrede. Und anscheinend war die Fremde genauso überrascht wie ich. Wollte Mattek mich nun auch verraten? Mich mit einer Fremden schicken, die er nicht einmal kannte und die von Wachen verfolgt wurde? Wollte er mich auch nur loshaben? Ich konnte es nicht glauben. Ich folgte den beiden durch eine Hintertür in den Hof. Dort sattelte die Fremde, die wieder wie ein Mann aussah, ihr Pferd und Mattek versprach, die Soldaten aufzuhalten. Er verschwand ins Innere des Hauses, kam sogleich wieder heraus und berichtete, die Wachen kämen gerade in die Schankstube.
„Ich werde nicht mit der Fremden gehen“, sagte ich zu Mattek.
„Du wirst.“
„Ich will bei dir und Zimraphel bleiben.“
„Du weißt, wo wir hinfahren.“
Ich schwieg.
„Du musst dich jetzt entscheiden. Rómenna oder die Herrin.“
„Woher weißt du, dass man ihr vertrauen kann? Sie hat mich belogen. Warum willst du mich mit einer Betrügerin schicken?“
„Rhûmo, bitte, wir haben keine Zeit zu Diskussionen. Entscheide dich. Es wäre mir allerdings lieber, wenn du mit ihr gingst. Ich weiß, dass du ihr vertrauen kannst. Und es ist möglich, dass ich große Probleme bekomme, wenn ich eure Flucht decke. Bei ihr bist du besser aufgehoben. Ich will dich nicht in Gefahr bringen.“
„Woher weißt du, dass ich ihr vertrauen kann?“
„Was sie gestern Abend von sich gegeben hat, war ebenso eindeutig, wie gefährlich. Bitte, Rhûmo. Wenn wir noch länger zögern, erwischen sie uns auf jeden Fall. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie die Zimmer durchsucht haben und in den Hof kommen. Kann Euer Pferd kurzzeitig drei Menschen tragen?“ fragte er die Fremde.
Sie bejahte und hob mich auf das Pferd, stieg selbst auf und half dann Mattek beim Aufsteigen. Sie gab dem Tier die Fersen und in kürzester Zeit hatten wir das Ende der Gasse erreicht. Mattek sprang ab, wünschte uns viel Glück und stieg dann auf seinen Karren, der immer noch dort stand, wo ich ihn verlassen hatte.
„Bitte, Zimraphel“, hörte ich ihn sagen, „bitte sei diesmal gehorsam. Nur einige Schritte, dann kannst du bocken, soviel du willst.“
Er begann, den Wagen in die Gasse zu lenken.
„Hoffentlich geschieht ihm nichts“, hörte ich meine Begleiterin sagen, „tapferer Mensch.“
Dann lenkte sie das Pferd geschickt durch die Menschen und durch den Regen hindurch auf das Stadttor zu, durch das Mattek und ich die Stadt auch betreten hatten. Tapferer Mensch, hatte sie gesagt. Hoffentlich geschieht ihm nichts. Das hoffte ich auch, doch wenn ihm etwas geschah, war es ihre Schuld. Wie sollte ich eine Reise mit solch einer Person aushalten? Ich musste bei der nächstbesten Gelegenheit fliehen.
Wir folgten eine Weile der Straße, auf der Mattek und ich gekommen waren und bogen, als die Stadt nicht mehr zu sehen war, nach rechts in die Landschaft ab. Meine Begleiterin trieb ihr Pferd zu einem schnellen Tempo an und ich hatte Mühe, mich an ihr festzuhalten und nicht herunter geschüttelt zu werden. Trotzdem rutschte ich auf dem Pferderücken immer hin und her und als die Sonne hoch stand, hatte ich bereits einen wunden Hintern.


Am Abend war ich so müde, dass sicher war, keine drei Schritte gehen zu können, ohne einzuschlafen. Als wir für die Nacht rasteten, sprang ich vom Pferd und wickelte mich dort, wo ich auf dem Boden ankam, in meine Decke. Morgen war sicher auch noch ein guter Tag zum Fliehen.
Am nächsten Morgen weckte mich die Fremde, kaum, dass die Sonne aufgegangen war: „Wir müssen weiter!“
Ich drehte mich um und versuchte, weiterzuschlafen. Doch sie rüttelte mich: „Wach auf! Wir müssen heute noch ein gutes Stück weit kommen. Der Regen hat zwar mögliche Spuren von uns ausgelöscht, aber wir sind noch zu nahe bei der Stadt, um sicher zu sein.“
Ja, ja! Ich verstand das alles sehr gut. Sie brauchte wirklich nicht mit mir zu reden, als ob ich ein begriffsstutziges Kind sei. Ich war schließlich nicht blöde. Von mir aus konnte sie reiten so schnell und so weit sie wollte. Je weiter, desto besser. Aber ich wollte hier bleiben, noch ein wenig schlafen und dann meiner eigenen Wege gehen.
„Ich komme nicht mit“, stellte ich fest.
„Und ob du mitkommst! Ich habe deinem Freund versprochen, das ich auf dich acht gebe.“
„Ich komme nicht mit.“
„Du kommst mit!“
„Ich komme nicht mit.“
„Und was willst du stattdessen tun? Es ist dir doch hoffentlich klar, dass du genauso in Gefahr bist wie ich, seit ihr mir geholfen habt! Du glaubst doch nicht, dass du hier von den Soldaten unentdeckt bleiben kannst! Sie sind beritten und du bist zu Fuß! Und du glaubst doch wohl hoffentlich auch nicht, dass sie dich ungeschoren davonkommen lassen, wenn sie dich erst einmal haben!“
Dazu fiel mir nichts ein.
Sie fuhr fort: „Warte ein halbes Jahr oder ein Jahr, dann haben sie den gestrigen Vorfall so gut wie vergessen und warte noch zwei Jahre und du bist so gewachsen, dass sie dich sicher nicht mehr damit in Verbindung bringen, falls du ihnen über den Weg läufst. Solange musst du dich verstecken und auch wenn du mir nicht vertraust, ist es das beste, wir tauchen gemeinsam unter.“
Sie wartete keine Antwort ab, sondern nahm die Sache für beschlossen und drängte wieder zum Aufbruch. Diesmal stand ich auf und obwohl mir sämtliche Knochen schmerzten, setzte ich mich wieder hinter sie auf das Pferd. Dabei fiel mir noch etwas ein: „Wenn Ihr nun kein Mann seid und nicht Karmoth heißt, wie heißt Ihr denn?“
„Oh, natürlich, entschuldige bitte, dass ich es dir nicht schon längst gesagt habe. Ich heiße Mizûreth.“
Es fing schon wieder an zu nieseln. Wenn der Sommer so verregnet blieb wie der Frühling, würde alles Gras auf Mittalmars Wiesen verfaulen. Ob Meerungeheuer Stürme mochten?
Auch am zweiten Tag der Reise ritt die Fremde sehr zügig und abends war ich fast so erschöpft wie am Abend zuvor. Doch zum Glück durfte ich am nächsten Morgen etwas länger schlafen. Als sie mich weckte, meinte die Fremde: „Heute müssen wir nicht so hetzen. Wir haben genug Abstand zur Stadt, um von möglichen Suchtrupps verschont zu bleiben. Jetzt finden sie uns nur noch, wenn die Verfolger genau dieselbe Richtung eingeschlagen haben. Und in dem Fall wären wir so oder so verloren.“
Ich tat, als interessiere mich das nicht, aber ich war froh, dass es keine Gewaltritte wie in den letzten beiden Tagen mehr geben würde. Die Fremde – Mizûreth – hielt die Gefahr anscheinend für so klein, dass wir schon Rast machten, als die Sonne noch hoch am Himmel stand. Bis Sonnenuntergang waren es noch wenigstens zwei Stunden. Allerdings konnte ich das nur schätzen, denn wir waren schon seit Mittag in einem Wald geritten. Durch das Gestrüpp und das Unterholz waren wir nur langsam vorwärts gekommen. Der Platz, den meine Begleiterin für die Nacht ausgesucht hatte, war eine Stelle ohne Bäume und Unterholz, so groß, dass gerade fünf Menschen dort nebeneinander liegen könnten. Nicht weit von dieser Stelle floss ein Bach.
Als das Pferd versorgt war und wir gegessen hatten, sprach meine Begleiterin: „Ich möchte dir eine Geschichte erzählen und ich möchte dich bitten, zuzuhören: Es waren einmal, vor langer Zeit, zwei Freunde. Ihre Namen waren Finrod und Maedhros. Ihre Väter waren Brüder und Finrod und Maedhros waren Freunde, seit sie lebten. Einmal wurde das Land, in dem sie lebten, angegriffen, der Vater ihrer Väter wurde erschlagen und viele Schätze wurden geraubt. Da schwor Maedhros Vater, und viele taten es ihm gleich, nicht zu ruhen, bis der Tote gerächt und die Schätze zurückgewonnen waren. In zwei Scharen zogen sie los und Maedhros reiste mit seinem Vater in der ersten Schar, während Finrod in der zweiten Schar war.“
Und sie erzählte mir, wie Maedhros Vater die zweite Schar verriet und Maedhros ihn nicht daran hindern konnte und wie die Freundschaft von Maedhros und Finrod stärker war als der Verrat. Es dauerte lange, bis Mizûreth die ganze Geschichte erzählt hatte und es war bereits dunkel, als sie fertig war.
Ich wusste, dass sie sie mir erzählt hatte, weil ich noch immer wütend auf sie war und nur wenig mit ihr sprach. Aber es war eine schöne Geschichte und in den meisten Geschichten steckte irgendwo eine Wahrheit. Ich war sicher, dass die verborgene Wahrheit dieser Geschichte war, dass Finrod Maedhros vergab und die Freundschaft stärker war als der Verrat. Die Wahrheit dieser Geschichte konnte aber auch ein Trugschluss sein. Ich war so oft verraten worden, wie sollte ich da noch jemandem trauen, der mich bereits einmal getäuscht hatte? Andererseits, wenn ich es mir recht überlegte, welches Leid und welche Gefahren Finrod hinter sich hatte, von denen er denken musste, dass Maedhros an ihnen schuld sei… Ich kam zu dem Schluss, dass, obwohl Maedhros Finrod zwar nicht verraten hatte, Finrod aber davon ausging, dass er von seinem Freund verraten worden war und ihm verzieh, dass dieses Verzeihen die Freundschaft auch gerettet hätte, wenn Maedhros den Verrat tatsächlich begangen hätte. Und vielleicht hatte Mizûreth mich auch nur ungewollt getäuscht, mich also nicht wirklich verraten. Mir wurde ganz schwindelig von diesen komplizierten Gedanken, die ich selbst nur zur Hälfte verstand, aber mir war klar, dass ich zumindest versuchen sollte, ihr gegenüber weniger misstrauisch zu sein. Wenn ich ihr nicht gleich zu sehr vertraute, konnte ich das auf jeden Fall einmal versuchen. Wahrscheinlich reiste es sich dann auch angenehmer. In meine Decke gewickelt lag ich zwischen den Wurzeln. Ich hielt die Luft an und lauschte. Es klang, als sei Mizûreth noch wach.
„Das war eine schöne Geschichte“, sagte ich, „danke, dass Ihr sie mir erzählt habt. Gute Nacht.“
Kurzes Schweigen. „Gute Nacht.“
Die Reise wurde tatsächlich angenehmer. Einerseits lag das wohl daran, dass wir viel gemütlicher und langsamer ritten und immer wieder Pausen machten, vor allem, wenn es eine schöne Landschaft zu bewundern gab. Vielleicht wusste Mizûreth selbst noch nicht recht, wohin sie eigentlich wollte. Andererseits lag es aber sicher auch daran, dass das Misstrauen nicht mehr so sehr zwischen uns stand.
Wenige Tage nachdem sie die Geschichte erzählt hatte, bat mich Mizûreth, ihr von Mattek zu erzählen. Ich erzählte alles, wie ich ihn getroffen hatte, wie Zimraphel ständig gebockt hatte, wie es kam, dass ich bei ihm blieb und wie wir nach Andúnië kamen, bis hin zu unserer Begegnung in der Schenke. Mizûreth machte ein erstauntes Gesicht, als ich den Esel erwähnte und nachdem ich geendet hatte, schwieg sie lange. „Ein Esel namens Zimraphel“, meinte sie schließlich, „Zimraphel eine Eselin. Der Mann hat Humor. Hoffentlich lebt er noch und wird noch lange leben und seinen Humor und seinen Mut unter Beweis stellen können. So ein hilfsbereiter Mensch…“
Ich sagte nichts hierauf. War es wahr, dass Mattek jetzt wahrscheinlich gefangen war und vielleicht schon nicht mehr lebte? Ich bekam einen Kloß im Hals. Nicht auch noch er! Lag es an mir, dass alle Menschen, die mir nahe standen, sterben mussten? Ich hoffte, dass Mattek noch lebte und von den Soldaten verschont worden war. Oh, wie ich es hoffte! Es wäre einfach nicht gerecht!
Nach einigen Tagen der Reise erreichten wir die Küste und ritten an ihr entlang weiter. Als wir am Ende einer Landzunge ankamen, hielt Mizûreth ihr Pferd an und schaute lange aufs Meer. Dann saß sie ab und bat auch mich, abzusteigen, sie wolle mir noch eine Geschichte erzählen. Mir war es nicht ganz geheuer, denn ich wollte nicht gern so nah am Wasser sitzen. Doch ich fügte mich und saß auch ab, denn die Geschichte wollte ich doch hören. Und Mizûreth erzählte mir, dass man früher, als das Wetter noch besser gewesen sei, am Horizont eine Insel habe sehen können, und dass diese Insel zu dem Land gehöre, in dem die Heiligen und die edelsten der Elben lebten. Schon das verwirrte mich. Was meinte sie mit „edlen Elben“? Das widersprach sich doch von selbst. Wer waren diese Heiligen? Und warum duldeten sie Elben in ihrem Land? Ich bekam keine Antwort auf diese Frage. Stattdessen wurde die Geschichte noch verwirrender: Angeblich stammte der erste König unserer Insel zur Hälfte von diesen Elben ab. Und da unser König von diesem ersten König abstammte, war er auch ein Nachfahre der Elben. Diese Vorstellung machte mir Angst. Musste denn der König nicht schlecht sein, wenn er von solchen Geschöpfen des Bösen abstammte? Anscheinend war unser König aber vernünftig genug, die Gefahr zu erkennen, denn hatte er nicht den Kontakt zu den Elben verboten? Außer diesen Tatsachen konnte ich mir nicht viel von der Geschichte merken, denn sie war zu verwirrend.
Einige Wochen später erzählte Mizûreth mir eine dritte Geschichte. Sie handelte von dem Bruder des ersten Königs von Anadûnê. Anscheinend hatten beide zwischen einem Leben als Elb und einem Leben als Mensch entscheiden können. Einer hatte sich für das Menschenleben entschieden und war König unserer Insel geworden. Der andere hatte sich für ein Leben als Elb entschieden und wohnte in Mittelerde. Das war das Land, zu dem das Schiff meines Vaters immer gefahren war. Sie erzählte auch noch ein bisschen von den berühmten Elben in Mittelerde, mit denen der zweite Bruder zu tun hatte. In Mizûreths Erzählungen wirkten sie alle sehr freundlich und edel und gut, ganz anders als der Elb, der in dem Märchen von der tapferen Yâmareth vorkam. Ich verstand das nicht so ganz, doch ich sparte mir meine Fragen für später auf, wenn die Geschichte zuende war. Als die Geschichte jedoch ihren Schluss fand, war es schon spät in der Nacht und ich verschob meine Fragen auf den nächsten Tag.
Am nächsten Tag erreichten wir jedoch den Saum eines Waldes, der aus Bäumen bestand, die noch wunderbarer waren, als die, die ich in dem Garten in Andúnië gesehen hatte. Ich hatte so viel zu staunen, dass ich meine Fragen vom Abend zuvor völlig vergaß.
(Nene)