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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Rhûmo

Guten Tag. Mein Name ist Rhûmo. Als ich neun Jahre alt war, lebte ich mit meiner Mutter in Rómenna. Das war eine große Stadt, Mama sagte immer, die schönste in ganz Anadûnê. Ich wusste nicht, ob das stimmte, denn ich war noch in keiner anderen Stadt gewesen. Einmal war ich auf dem Land gewesen, als wir Tante Irbal besucht hatten, die die Schwester meiner Mutter war. Ich hatte auch einen Vater, aber ich hatte ihn lange nicht gesehen. Er war schon seit drei Jahren auf einer großen Reise übers Meer. Mein Vater war Seemann. Kein berühmter Seemann, wie Valandil, aber immerhin ein Seemann. Deshalb lebten wir auch in Rómenna, das eine Hafenstadt ist.
Die anderen Jungen erzählten manchmal Geschichten von Schiffen, die verschollen oder untergegangen waren. Sie sagten, dass vielleicht irgendwo im Meer ein Tier lebte, das Schiffe fraß. Und wenn es Hunger hatte, tauchte es auf und überfiel ein Schiff. Mama meinte, das sei Unsinn und Frau Uinen würde kein Schiffe fressendes Tier in ihrem Ozean dulden. Aber wenn ich sie fragte, wer diese Frau Uinen denn sei und ob es denn nicht stimme, dass manchmal Schiffe nicht zurückkämen, gab sie keine Antwort und bekam so einen unruhigen Blick, dass es mir leid tat, sie gefragt zu haben. Meine Mama war schon sehr alt. Natürlich sind Erwachsene immer alt, aber sie war älter als die Mütter der anderen Jungen. Sie war schon über hundert Jahre alt, genauer gesagt hundertundzwölf. Sie hat mich nämlich genau an ihrem hundertsten Geburtstag bekommen und Papa lachte immer darüber, dass er der einzige war, der alleine Geburtstag feiern musste.
Weil Papa oft so lange weg war, hatten wir meistens kein Geld. Damit wir was zu essen hatten, musste Mama spinnen. Sie kaufte auf dem Markt Wolle und spann sie zu Garn. Damit konnte sie nicht sehr viel verdienen, aber es musste ja auch nur für die Zeit reichen, bis Papa zurückkam. Wenn Papa kam, brachte er immer sehr viel Geld mit. Das meiste gab er aus, um Mama schöne Sachen zu kaufen, bevor er wieder wegfuhr, aber auch ich bekam Geschenke. Mama war immer sehr froh, wenn Papa da war und lachte viel mehr, als sonst. Wenn Papa weg war, musste sie den ganzen Tag arbeiten und lachte nur, wenn ich etwas tat, um sie aufzuheitern. Manchmal glaubte ich, sie hatte Angst, dass Papa etwas geschehen könnte. Aber warum sollte sie Angst haben, wenn es kein schreckliches Tier im Meer gab und Frau Uinen auf Papa achtgab? Ich fand das sehr verwirrend.
Weil ich nicht den ganzen Tag daheim sitzen mochte, spielte ich mit anderen Jungen am Hafen und in der Stadt. Manchmal sahen wir uns auch den großen Tempel an, aber wir wagten uns nie sehr nah dran. Mama hatte mir verboten, überhaupt in seine Nähe zu kommen, aber er war so geheimnisvoll. Keiner wusste, wie es drinnen aussah, weil sich noch niemand getraut hatte, näher an ihn heranzugehen. Man bekam Angst in seiner Nähe. Die Jungen sagten, dass der Tempel dem König gehörte und dass der König darin Menschen umbrachte. Ich wusste nicht, ob ich das glauben sollte. Als ich Mama einmal fragte, erschrak sie und fragte mich, ob ich beim Tempel gewesen sei. Ich sagte nein, aber sie glaubte mir nicht und sah mich sehr ernst an und ich musste ihr versprechen, nie wieder in die Nähe des Tempels zu gehen. Als ich dann fragte, ob es denn nun stimme, dass der König dort Menschen töte, schaute sie wieder so seltsam, unruhig und ängstlich, und meinte, warum sollte der König Menschen umbringen lassen. Ich glaubte, dass sie nicht die Wahrheit sagte, genauso wie bei der Sache mit dem Meeresungeheuer.
Eines Abends kam ich heim und fand Mama weinend in der Stube. Als ich mich ihr vorsichtig näherte, drückte sie mich nur an sich, sagte nichts und schluchzte weiter. Während sie mich weiter an sich presste und mir übers Haar fuhr, erzählte sie mir, dass Papas Schiff untergegangen war. Das erste, was mir einfiel, war, dass es wohl doch ein Ungeheuer geben musste. Bei dem Gedanken, dass mein Papa von einem riesigen Meerestier gefressen wurde, fing auch ich an zu weinen. In meine Trauer mischte sich Enttäuschung, dass Mama mich augenscheinlich angelogen hatte. Plötzlich wurde mir bewusst, dass Papa tot war und nie wieder zurückkommen würde. Ich mochte diesen Gedanken gar nicht weiter denken und wurde von einem Unglücksschwall überschwemmt, der mir die Kehle zusammenpresste.
Als ich mich ausgeweint hatte, bemerkte ich, dass Mama seit sie mir die Nachricht gesagt hatte, still gewesen war. Seit einer längeren Zeit hatte sie nicht geweint und mich nur an sich gedrückt. Nun brachte sie mich ins Bett, deckte mich zu und sagte, sie müsse noch einmal kurz weg. Wieder drückte sie mich an sich, gab mir einen Kuss auf die Stirn, wünschte mir eine gute Nacht, wobei sie mich sehr direkt und traurig und ernst ansah. Dann drückte sie mich noch einmal an sich und verließ das Haus.
Ich konnte nicht einschlafen. Ich musste darüber nachdenken, was geschehen war. Mir wurde klar, dass, wenn Papa nicht zurückkommen würde, Mama wahrscheinlich für immer so bedrückt bliebe. Keine fröhlichen Tage mehr und Mama musste bis an ihr Lebensende spinnen. Ein trostloser Gedanke.
Nach langer Zeit fiel ich endlich in einen leichten Schlaf, aber ich erwachte immer wieder. Einmal glaubte ich, Stimmen in der Stube zu hören, aber ich hatte keine Lust, aufzustehen und nachzusehen. Ich muss dann doch noch richtig eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel.
Mama war nicht da, stattdessen saß Tante Irbal in der Stube. Sie blickte mich sehr ernst an. So ernst, dass ich Angst bekam, es wäre vielleicht etwas Schlimmes mit Mama passiert. „W-w-wo ist Mama?“, fragte ich und merkte, dass meine Unterlippe zitterte. „Bei deinem Papa.“ Ich war erleichtert. Mama war nichts passiert und Papa war anscheinend auch nicht tot, denn wie könnte sie sonst bei ihm sein? Andererseits sah Tante Irbal nicht gerade fröhlich aus und warum war sie hier und wo waren Mama und Papa? Da stimmte etwas nicht.
Plötzlich fiel es mir ein: Natürlich! Papa war dem Meeresungeheuer entkommen und deshalb wahrscheinlich schwer verletzt. So schwer verletzt, dass er zu einem Kundigen Mann musste und Mama begleitete ihn. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Niemand war gestorben und Tante Irbal war nur hier, um nach mir zu sehen, während Mama und Papa nicht da waren. Eine völlig unnötige Maßnahme, wie ich fand. Schließlich war ich schon zwölf, also schon fast erwachsen.
Doch nun sagte Tante Irbal etwas sehr Seltsames, zu dem meine Erkenntnis nicht recht passen wollte. Sie sagte: „Sie hat ihn sehr geliebt.“ Ich nahm an, dass diese Bemerkung auf meine Eltern bezogen war. Mama liebte Papa ja auch wirklich sehr, soweit ich das beurteilen konnte. Aber warum „hat ihn sehr geliebt“? Liebte sie ihn denn jetzt aus irgendeinem Grund nicht mehr? Aber warum war sie dann mit ihm zu dem Kundigen Mann gegangen? Das ergab keinen Sinn.
Und mit einemal verstand ich, was die Tante damit meinte. Ich stürzte zurück auf mein Bett und begann hemmungslos zu weinen.
Niemand war am Leben.
Alle waren gestorben.
Ich hatte niemand mehr.
„Sie hat ihn sehr geliebt“, hatte Tante Irbal gesagt. Und mich? Hat sie mich denn gar nicht geliebt? Warum hat sie mich alleingelassen? Sie hat mich im Stich gelassen. Sie wusste doch, dass ich sie brauche. Auf einmal kam ich mir gar nicht mehr so groß und erwachsen vor. Ich war traurig und wütend, kam mir klein und schutzlos vor. Ich hatte Angst. Was sollte ich jetzt tun? Warum hatte Mutter mich allein gelassen? Auch auf Papa war ich wütend. Warum hatte er sich auch von so einem blöden Meeresungeheuer fangen lassen?
Vielleicht konnte ich ja auch sterben. Wenn ich mich ruhig auf mein Bett legte, ohne mich zu rühren, würde ich doch sicher irgendwann sterben. Ich legte mich flach hin und wartete. Wie lange es wohl dauerte, bis man starb?
Nach einer Weile kam Tante Irbal und setzte sich an mein Bett. Ich stellte mich tot. Sie strich mir übers Haar. Das mochte ich nicht leiden und ich hätte mich gern weggedreht, aber da ich mich ja totstellte, konnte ich es nicht.
„Deine Mutter kam gestern Nacht zu mir und bat mich, nach dir zu sehen. Bitte steh auf, wir müssen los, wenn wir heute noch [die halbe Strecke] schaffen wollen. Bitte steh auf!“
Das brauchte sie nicht mehr zu sagen, denn ich fuhr kerzengerade aus dem Bett auf, als mir klarwurde, was sie gesagt hatte.
„Du hast es gewusst?“
„Deine Mutter kam zu mir, um mich zu bitten, nach dir zu sehen. Natürlich habe ich es gewusst.“
„Warum hast du nichts getan?“
„Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen?“
Diese Frage war mir unbegreiflich. „Sie aufhalten natürlich. Ihr ins Gewissen reden. Sie ablenken. Sie notfalls mit Gewalt aufhalten.“
„Nun hör mir mal gut zu. Wie stellst du dir das vor? Ich glaube, es war schwer genug für sie, diese Entscheidung zu treffen und dich zurückzulassen. Hätte ich es ihr noch schwerer machen sollen? Denkst du, sie hat sich das vorher nicht überlegt? Sie war fest entschlossen, ich glaube nicht, dass es mir gelungen wäre, sie umzustimmen. Und selbst wenn es mir gelungen wäre, glaubst du, sie wäre glücklicher dabei gewesen?“
Ich wäre glücklicher dabei gewesen, dachte ich.
„Wolltest du vielleicht mit einer Mutter zusammenleben, die immer nur daran denkt, dass ihr Mann irgendwo da draußen im Ozean liegt? Vielleicht hätte sie sogar dir die Schuld an ihrem Zustand gegeben, weil du der Grund gewesen wärst, aus dem sie nicht ins Wasser gegangen wäre. Stellst du dir so ein Zusammenleben schön vor?“
Ich dachte, es wäre mit Sicherheit besser, mit einer Mutter zusammenzuleben, die nicht lachte, als ohne Mutter zu leben, aber ich sagte nichts.
Ich gehorchte Tante Irbal und packte düster meine zweieinhalb Besitztümer zusammen. Was die Tante mit unserem Haus machen wollte, wusste ich nicht und es war mir wirklich egal. Sobald ich bereit war, gingen wir los. Die Tante bot mir zwar an, dass ich noch meinen Freunden Bescheid sagen könne, wohin ich ginge, aber ich wollte nicht. Ich marschierte hinter ihr her aus der Stadt. Wir gingen den ganzen Tag und schliefen in der Nacht in einer Herberge. Dort aß ich mit Mühe einen Teller Suppe und ein Stück Brot, bevor ich übermüdet ins Bett fiel. Auch am nächsten Tag gingen wir, bis es dunkel wurde. Im letzten Licht erreichten wir den Hof, wo ich wieder Suppe und Brot bekam und trotz Fragen und neugieriger Blicke seitens der Familie, sobald ich ein Bett zugewiesen bekommen hatte, einschlief.
(Nene)