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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Die Entführung

Flackerndes Kerzenlicht malte skurrile Schatten auf die Wände des dunklen Zimmers und auf das Gesicht des Mannes, der hier - umgeben von Bergen von Pergament und alten Büchern – arbeitete.
Nähme man an, dass sich der Charakter eines Menschen darin wiederspiegelte, wie dieser seine Umgebung gestaltet, so ergäbe sich für Belzamir, den obersten Heiler des Hofes von Armenolos und geheimen Zauberer Saurons, ein wahrhaft zwiespältiges Bild. Zum Einen gab es sein verborgenes Arbeitszimmer, in den labyrinthartigen Tiefen unter dem königlichen Palast gelegen und angefüllt mit allerlei merkwürdigen Dingen, die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen. Man war dort umgeben von rohen steinernen Wänden und dem rastlosen Scharren und Stöhnen der unglückseligen Kreaturen, die Belzamir in Saurons Auftrag erschaffen hatte.
Zum Anderen jedoch – im krassen Gegensatz zu dem grottenartigen Arbeitszimmer stehend – gab es noch sein offizielles Gemach, welches gut zugänglich im Herzen des Palastes gelegen war. Stets gut durchlüftet und lichtdurchflutet flößte es seinen Besuchern Vertrauen und Hoffung in die Fähigkeiten seines Bewohners ein. Edel verzierte Schalen gefüllt mit wohlriechenden Kräutern vertrieben den typisch muffig-süßlichen Geruch der Heilstätten und schufen gemeinsam mit den sanften, ruhigen Farben eine Atmosphäre der stillen Gelehrsamkeit und Zuversicht.
In eben genanntem düsteren Arbeitszimmer in den wirren Tiefen unterhalb des Palastes befand sich nun Belzamir und versank in seiner Lektüre „Über das Altern und das Aufhalten des Verfalls des menschlichen Körpers“, die er erst kürzlich aus Roménna erhalten hatte. Geistesabwesend kaute der dunkelhaarige Heiler auf den Ende seiner Schreibfeder herum während er im Geiste bereits verschiedenste Variationen der Elixiere durchging, welche dem König seine Jugend zurückgeben sollten. Belzamir seufzte. Der Jungendwahn hatte groteske Ausmaße angenommen, dachte er kopfschüttelnd und schrieb einen weiteren Bestandteil auf seinen Notizzettel. Alraune... damit lag man niemals falsch, überlegte er zufrieden und wandte sich wieder seiner Lektüre zu, unwissend, dass er von glühenden Augen beobachtet wurde.


Die dunkle Gestalt kauerte unmittelbar hinter dem Türrahmen und verengte die Augen zu kleinen Schlitzen vor Aufregung und Erwartung. Nur zu gut, dass der alte Mann – Grizmor – ihm gesagt hatte, wo er den Heiler finden konnte, dachte Erâzon während er seine Kiefer in ohnmächtiger Wut zusammenpresste.
`Halte dich zurück´, ermahnte er sich streng, doch der junge Mann spürte wie ihm die Kontrolle entglitt und das Tier in ihm sich seiner Sinne bemächtigte. Es wollte raus und sich an dem Mann, der ihn zu dem gemacht hatte, was er nun war, furchtbar rächen. Es wollte Blut, doch das menschliche Wesen in ihm wollte Antworten.


Konzentriert blätterte Belzamir ein weiteres Blatt um, ahnungslos, dass nur einige Meter entfernt von ihm ein verzweifelter Mensch einen aussichtslosen Kampf mit sich selbst austrug.

„Seid gewiss, ich werde heute mit ihm tanzen!“
Eine klare fröhliche Stimme durchdrang die Nacht, begleitet von dem glockenhellen Lachen ihrer Gefährtinnen.
„Und wie wollt Ihr das anstellen, holde Morella?“ antwortete eine ebenso klare, wenn auch ruhigere Stimme einer dunkelhaarigen Frau mit fröhlichen schwarzen Augen.
Morella fuhr lachend herum und deutete einen artigen Knicks an während sie die Hand ihrer dunklen Freundin ergriff. „Edler Túrion, würdet Ihr mir die Ehre eines Tanzes mit euch erweisen?“
„Das würdet Ihr nicht wagen!“ lachte ihre Freundin. „Ihn einfach so zu fragen, vor all´ den Leuten!“ Sie schien zugleich entsetzt und fasziniert zu sein.
„Und ob ich das werde, liebste Ligéia,“ betonte Morella zuversichtlich und ließ ihre goldenen Locken tanzen. „Die ganze Nacht lang werde ich mit ihm tanzen!“ Die quirlige Hofdame ergriff Ligéias Arme und begann mit ihrer Freundin einen improvisierten Walzer zu tanzen auf den feuchten Wiesen die zu der großen Festhalle führten.
Lachend fielen nun auch die anderen Hofdamen mit ein und ein munteres Treiben entstand während das Tempo der Tänzerinnen immer schneller und ihre Ausgelassenheit immer größer wurde.
Ein plötzlicher Schrei unterbrach das Tanzen und in einem Wust bunter Kleider fand sich Morellas Partnerin auf dem feuchten Boden wieder, der edle Stoff ihres weißen Kleides mit grasgrünen Flecken beschmutzt.
„Oh nein!“ entfuhr es der entgeisterten Ligéia. „Mein schönes Kleid. So kann ich nicht auf den Ball!“ Gegen das Gewirr ihres Kleides ankämpfend kletterte sie wieder auf die Beine und klopfte sich Grasbüschel aus ihrem Gewand während Morella ein betrübtes Gesicht machte und gegen drohende Tränen ankämpfte.
„Ligéia! Das war nicht meine Absicht. Wie kann ich nur...“
„Lasst nur, Morella. Ich habe noch andere Kleider. Geht Ihr nur schon vor und ich gehe mich umziehen.“
Einen Moment lang blickten sich die Freundinnen unschlüssig an, dann gewann Morellas Sehnsucht nach ihrem Túrion und sie nickte erleichtert. „Nun gut, aber macht schnell.“
Ligéia lächelte aufmunternd, hob ihren Rock an und lief eilends zurück zu ihrem Gemach, leise vor sich hin lachend als sie Morellas Abschied hörte.
„Und bringt Euren Bruder Belzamir mit! Eleonora hier kann es kaum erwarten ihn wiederzusehen!“

Ligéia war noch nicht weit gelaufen als sie schon an der Allee ankam, die zu den Gemächern der königlichen Hofdamen führte. Etwas außer Atem verlangsamte sie ihr Tempo und überlegte welches Kleid sie stattdessen tragen sollte als ein leises Geräusch sie aufschrecken lies.
„Ist da jemand?“ Inmitten der Schatten hörte sich ihre Stimme klein und verängstigt an. Sie runzelte ihre Stirn und ging vorsichtig ein paar Schritte weiter. „Wer ist da?“
Kein Laut war zu hören, geschweige denn eine Antwort. Nervös biss Ligéia auf ihre Unterlippe und schob sich leise vorwärts. Ihre Augen glitten nach links – nichts! – und nach rechts – wieder nichts! Hatte sie sich alles nur eingebildet? Vermutlich, wer sonst sollte schon des nachts im Palastgarten umherschleichen wo doch alle auf dem Ball waren. Nun, fast alle, sollte man sagen, denn ihr Bruder hatte sich wie üblich in seiner Arbeit vergraben und vermutlich das Fest vollkommen vergessen. Er war so abwesend geworden seit er in Armenolos arbeitete...
„Lady Ligéia!“ Ein Schatten versperrte ihr plötzlich die Sicht und Ligéia schrak zurück.
„Wer..?“ Sie blinzelte gegen das schwache Licht des Mondes an und die Gestalt nahm langsam bekannte Züge an. „Lord Grizmor? Warum seid Ihr nicht auf dem Ball?“
Der Adlige verzog den Mund zu einem Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. Ligéia wich unterbewusst ein wenig zurück.
„In einer so schönen Nacht sollte man die Sterne genießen, findet Ihr nicht auch, holde Ligéia?“
Sie wich seiner ausgestreckten Hand aus und neigte den Kopf misstrauisch zur Seite. Belzamir hatte Recht, dachte sie mit einem Anflug des Zynismus ihres Bruders, dieser alte Mann war höchst merkwürdig. Dennoch ziemte es sich nicht für eine Hofdame unhöflich zu sein und so entschloss sie sich zu einem zittrigen Lächeln. „Ich muss gehen, Lord Grizmor. Mein Bruder erwartet mich.“
„Das glaube ich nicht, meine Liebe,“ lachte Grizmor auf eine Weise die ihr das Haar im Nacken zu Berge stehen lies. „Tatsächlich dürfte Euer verehrter Bruder nun Besuch haben. Einen Besuch, der ihm höchst unangenehm sein dürfte, möchte ich meinen.“
„Was wollt Ihr damit sagen?“ Alle Vorsicht vergessend trat sie wieder auf ihn zu, die Augen glühend und die Wangen vor Aufregung gerötet. Er würde doch nicht etwa Belzamir etwas antun wollen! Ihrem geliebten Bruder und einem Heiler noch dazu!
Zu spät bemerkte sie die Veränderung in Grizmors Augen, deren Leere plötzlich einem lodernden Hass wich. „Dieser elende Emporkömmling!“ zischte er mit einer nahezu unmenschlichen Stimme. „Ein Zauberer will er sein! Nun, wir werden sehen...“
Mit einer krallenartigen Hand ergriff er Ligéias Arm während diese sich mit einem gellenden Schrei nach hinten warf um der kalten Umklammerung ihres Gegners zu entkommen. Doch die knöchrigen Finger Grizmors waren unnachgiebig wie Eisen und kein Zerren und Reißen vermochte ihren Griff zu lösen. Eine zweite Hand griff unvermittelt nach ihrem Gesicht, hielt ihr den Mund zu und erstickte ihre Schreie, nicht jedoch ihre wilde Gegenwehr welche ihre zarte Gestalt Lügen strafte.
Ligéia zappelte wild mit den Beinen, versuchte Grizmor zu packen, zu kratzen, irgendetwas zu tun, doch der verschmähte Zauberer war stärker. Vor Anstrengung grunzend tat er sein Bestes, den Absätzen ihrer Schuhe auszuweichen als ein schmaler Ellenbogen ihn in die Leibesmitte traf. Mit einem Stöhnen ging Lord Grizmor in die Knie während Ligéia sich mit der Wut einer Raubkatze aus seiner Umklammerung zu befreien versuchte.
„Du kleines Ungeheuer!“ grollte er erbost und stieß sie zu Boden wo Ligéia sich panisch nach einer Waffe umsah. Dort! Dort war ein dicker Ast, den sie als Schläger benutzen konnte! Entschlossen griff sie danach und begann ihn im Angriff emporzuschwingen, als sie plötzlich von ihrer Kraft verlassen wurde. Ihre Knie gaben nach und mit weit aufgerissenen Augen sank sie zu Boden während Grizmor mit grimmigem Gesicht über ihr stand und seinen Zauber beendete.

Die Stille der Nacht wurde nur durch das Kratzen von Belzamirs Schreibfeder auf dem Pergament unterbrochen, während sich dieser Spalte um Spalte mit der schwungvollen Schrift des Heilers füllte.
Kratz. Kratz. Kratz.
Belzamir hielt inne und beugte den Kopf. Er runzelte die Stirn und schloss die Augen um sich besser auf sein Gehör konzentrieren zu können. War da nicht ein Schrei gewesen? Lautlos verstrichen einige Minuten und schließlich wandte sich Belzamir achselzuckend wieder seinem Pergament zu. Am Rande seiner Wahrnehmung jedoch, erinnerte ihn etwas, dass er etwas Wichtiges vergessen oder verpasst hatte. Aber was? Gedankenverloren unterbrach er seine Schreibtätigkeit aufs Neue und musterte seine Tinten geschwärzten Finger. Da war was...




Zeitgleich mit dem plötzlichen Grollen sträubten sich Belzamirs Nackenhaare und der junge Heiler sprang von seinem Tisch auf, wobei seine geliebten Pergamente vergessen auf den Boden fielen. Belzamir befahl sich ruhig zu atmen und blieb regungslos stehen als er sich unvermittelt einem zerzausten dunkelhaarigen Mann gegenübersah, aus dessen Kehle ein nahezu tierisches – wölfisches? – Knurren drang.
„Erâzon.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Was verschafft mir die Ehre?“ Belzamir sah dem Eindringling geradewegs in die Augen, wohl wissend, dass er nun keine Angst zeigen durfte.
Derweil näherte sich Erâzon dem Heiler langsam und vorsichtig.
`Wie ein Tier auf der Jagd,´ fuhr es Belzamir durch den Kopf und er konnte kaum ein Erschaudern unterdrücken. War Erâzon eigentlich bewusst, dass er wie ein Wolf die Zähne fletschte?
„Belzamirrrrrrr.“ Der Name klang aus Erâzons Mund eher wie ein Knurren und plötzlich wusste Belzamir, dass er keine Zeit mehr haben würde nach seinem Dolch zu greifen.


Stählerne Muskeln spannten sich und schnell – zu schnell für das menschliche Auge – sprang Erâzon heran, im Fluge seine Form wechselnd. Hände wurden zu Klauen besetzten Pfoten, das feine Gesicht des jungen Mannes verlängerte sich und machte einem Wolfskopf Platz, der ihn mit goldenen Augen anfunkelte.
Mit einer Geschwindigkeit, die den Menschen nur in Augenblicken besonderer Gefahr zu eigen ist, warf sich Belzamir zur Seite und griff nach den erstbesten Kräutern, die er dem Wolf, begleitet von einer hastigen Beschwörungsformel, entgegen warf.
In einem plötzlichen Aufblitzen von Fell und reißenden Zähnen wandte sich der Wolf um und griff erneut an, nur um an einer unsichtbaren Mauer abzuprallen. Belzamir erlaubte sich kein Lächeln, da dieser Zauber – eigentlich viel zu fortgeschritten für ihn – dem angehenden Magier jedes Quantum an Konzentration abverlangte. Feine Schweißperlen bedeckten die Stirn des Heilers während dieser die Beschwörungsformel in einer geheimen Sprache immer wieder und wieder vor sich her murmelte.
Der Wolf knurrte und in einem irrationalem, entlegenen Winkel seines Herzens verspürte Belzamir grimmigen Stolz. Dies war seine Schöpfung! Sein Meisterwerk!
Nur bedauerlich, dass besagtes Meisterwerk ihn zum Dank zerfleischen wollte.
Die hasserfüllten Augen des Wolfes, der einmal Erâzon gewesen war, bohrten sich in die Belzamirs. Die Zeit schien stillzustehen als sich die beiden Gegner für einen Augenblick einen lautlosen Kampf des Willens lieferten. Keiner war bereit aufzugeben.


In einer Explosion von Gewalt und Bewegung warf sich der Wolf erneut auf seine widerspenstige Beute. Die unsichtbare Barriere hielt... hielt immer noch... und plötzlich – beide Kämpfer überraschend – durchbrach der Wolf Belzamirs Schutzwall und stürzte sich auf den Heiler.
Dieser hatte noch nicht einmal die Hand in die Nähe seines Dolches gebracht, als er bereits den heißen Atem des Tieres an seiner Kehle spürte. Belzamir wusste, dass er nun sterben musste. Dies war sein Ende. Getötet von seinem eigenen Geschöpf, von einem Wesen, das sich durch rohe Kraft und Gewalt auszeichnete. So konnte er nicht sterben! Unterlegen in einem Duell von Magiern, ja, aber nicht so!
Der Wolf riss das Maul auf und Belzamir sah, wie Geifer von seinen spitzen Fängen troff. Der Heiler tat einen letzten tiefen Atemzug und bereitete sich auf den tödlichen Biss vor.


Doch dieser kam nicht. Stattdessen blickte der verwirrte Magier unverhofft in die Augen Erâzons, deren Wildheit derjenigen der Wolfsaugen in nichts nachstand. `Wieder in menschlicher Form!´ fuhr es Belzamir durch den Kopf und einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken nun doch nach seinem Dolch, der unangenehm in seine Seite stach, zu greifen. Bevor er jedoch Gelegenheit hatte seinem Gedanken Taten folgen zu lassen verschwand mit einem Mal Erâzons drohende Gestalt über ihm und eine bekannte, wenn auch nicht allzu hoch geschätzte Stimme durchdrang seinen verwunderten Verstand.
„Was habt Ihr jetzt wieder angestellt, Heiler?“


Anôra, die rechte Hand Saurons, war eingetroffen.

„Sagt, habt Ihr Lady Ligéia gesehen?“
Der junge Adelige beugte sich interessiert vor und schob seinen schlanken Körper gewandt in den Kreis, der sich um Morella und Túrion gebildet hatte. Diese beiden hatten bereits den gesamten Abend miteinander verbracht und dem Hofstaat somit genügend Gesprächsstoff bis zum Herbst beschert.
„Ligéia?“ Morella legte verwundert den Kopf in einer, wie sie meinte, koketten Geste zur Seite und blinzelte unter den langen Wimpern ihrer Augen hervor. „Sie hatte ein kleines Missgeschick mit ihrem Kleid und erreicht uns etwas später nachdem sie sich umgezogen hat. Etwas Passenderes, wisst ihr,“ ein weiteres kokettes Lächeln, „Etwas ohne Grasflecken.“
Der junge Mann kniff die Augen nachdenklich zusammen und fuhr sich mit der gepflegten Hand durch seine goldenen Locken. „Ihr seid aber schon seit Stunden hier, Lady Morella. Lady Ligéia wird doch nicht so lange brauchen nur um sich umzukleiden...“
Túrion lies sein donnerndes Lachen ertönen und klopfte dem Neuankömmling in einer jovialen Geste roh auf die Schulter. „Mein Freund, glaubt mir, es gibt nichts auf dieser Welt worauf die Damen mehr Zeit verwenden als auf ihre Kleidung. Vermutlich steht die Gute vor einem Berg von schönen Kleidern und kann sich nicht entscheiden, ob sie das purpurne, blaue oder grüne Gewand tragen soll. Doch sagt an,“ Túrion zog verschwörerisch eine Braue in die Höhe, „Woher rührt Euer Interesse an der Dame, wo doch so viele andere heute hier sind. Mich dünkt, dass Ligéia zwar ein liebes Kind ist, aber es fehlt ihr an... Weiblichkeit, an Ausdruck. Sie sieht ziemlich gewöhnlich aus, versteht ihr?“
„Ihr habt nicht richtig hingesehen,“ murmelte der junge Mann leise und empfahl sich mit einer galanten Verbeugung. Es passte nicht zu Ligéia Stunden über ihren Kleidern zu verbringen. Eine Stunde durchaus, aber nicht mehrere...

Belzamir fasste sich an den schmerzenden Kopf und kämpfte sich langsam und vorsichtig wieder in eine aufrechte Position. Die fortgeschrittene Magie, die er zur Verteidigung genutzt hatte, zeigte nun ihre Auswirkungen in dem unerträglichen Pochen, das seinen Kopf nahezu zerspringen und jeden klaren Gedanken zu einem Ding der Unmöglichkeit werden lies. Anôra... was machte Anôra hier? Kämpfte sie etwa..? `Ach nein´, ermahnte er sich als erneut eine Herde Wildpferde durch sein Gehirn galoppierte,` Denke jetzt nicht, sonst springt dein Gehirn dir aus dem Kopf und Pellorin hat endlich etwas Neues aufzuwischen, wenn er Ordnung macht.´ Andererseits schien es keine so schlechte Idee zu sein Gehirn zu verlieren, da in diesem Fall seine Kopfschmerzen nachlassen müssten.
Stöhnend griff der dunkelhaarige Heiler hach seiner Stuhllehne und zog sich wie ein Betrunkener auf die Beine. `Nie wieder fortgeschrittene Magie!´ Schwor er sich und nach einer kurzen Pause, `Nie mehr Zweikämpfe mit wildgewordenen Werwölfen.´ Ab jetzt würde er seinen Kreaturen Kontrollmechanismen einbauen... freilich würde niemand anderes außer ihm von diesen Mechanismen erfahren.
Wage nahm Belzamir den Lärm um sich herum wahr, während sein gepeinigter Verstand nur langsam zu seiner üblichen Geschwindigkeit zurückkehrte. Er hatte etwas Wichtiges vergessen, bevor der Wolf ihn angegriffen hatte. Doch was?
Müde ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und legte den dröhnenden Kopf in die Hände. Was nur hatte er vergessen? Was?
Ein kurzes Aufblicken zeigte dem erschöpften Magier eine Symphonie von Farben, die sich umeinander drehten. Grau und rot und rot und grau... in einem immerwährendem Tanz.
Das war es! Mit einem Schlag erwachten Belzamirs Sinne zu neuem Leben und er entsann sich des Balles, der an dem heutigen Abend stattfinden sollte! Ligéia hatte ihn gebeten sie zu begleiten! Sie war sicherlich schon enttäuscht, dass ihr Bruder nicht aufgetaucht war...
Mit einem kurzen Blick vergewisserte er sich, dass Anôra und Erâzon weiterhin miteinander beschäftigt waren und verließ eilenden Schrittes sein übel demoliertes Arbeitszimmer in Gedanken bereits an einer Ausrede für Ligéia feilend. Doch zunächst musste er Saurons schwarze Garde alarmieren, dass Erâzon sich wieder auf freiem Fuß befand und in diesem Augenblick mit Anôra, Saurons rothaariger Geheimwaffe, kämpfte.

„Nun und ich sagte zu ihm: mein lieber Lord...“
Zum zweiten Mal an diesem Abend wurde Morellas Redeschwall von einem Eindringling unterbrochen, in diesem Fall von einem etwas außer Atem wirkenden Belzamir, der sie mit dem durchdringenden Blick seinen dunklen Augen abrupt innehalten lies.
„Wo ist Ligéia?“
Morella stemmte die zarten Hände in die Hüften und runzelte in gespielter Strenge die Stirn. „Welch wundersamer Abend!“ rief sie aus und drohte dem Heiler neckisch mit dem Finger. „Alle Welt sucht nach Ligéia! Dabei sind doch so viele reizende Damen anwesend, doch die werden einfach übersehen. Hat unsere kleine Ligéia etwa einen Zauber gewagt, der die Herren ihren Reizen gegenüber hilflos macht?“
Belzamir, zu müde um sich auf höfische Spielchen einzulassen und entnervt, da er seine Schwester nirgendwo erahnen konnte, warf der Hofdame einen strengen Blick zu. „Ich suche meine Schwester. Könnt Ihr mir sagen, wo ich sie finde?“
Túrion, der ob Belzamirs drohendem Blick Morella zur Hilfe eilen wollte, blieb wie versteinert stehen als der aufgebrachte Heiler nun auch ihn ins Visier nahm. Plötzlich schien es gar nicht mehr so abwegig, wenn die Leute sagten, dass dieser Mann einen förmlich mit seinem Blick hypnotisieren konnte.
Morella jedoch, die sich unbehaglich neben den beiden Männern wand, zuckte schließlich mit den Schultern. „Sie wollte sich nur umziehen, da ihr Kleid auf dem Weg zum Ball in Mitleidenschaft gezogen wurde. Aber jetzt, wo Ihr es sagt...“ Belzamir konnte förmlich sehen, wie die Rädchen in ihrem Gehirn langsam, sehr langsam, sich zu drehen begannen. „Sie müsste eigentlich längst schon wieder hier sein. Meint Ihr, liebster Túrion, dass sie sich nicht entscheiden kann welches Gewand sie tragen soll? Vielleicht sollte ich zu ihr und ihr die Entscheidung abnehmen. Schließlich bin ich ihre Freundin!“
Belzamir hatte berechtigte Zweifel an dieser Aussage, war jedoch nicht geneigt einen Schwall empörter Tiraden zu ertragen und verabschiedete sich hastig, um auf eigene Faust nach Ligéia zu suchen. Es war ungewöhnlich für den ermüdeten Zauberer, aber etwas in ihm beharrte darauf, dass etwas Schlimmes geschehen war und kein Ausmaß an kühlen, logischen Erklärungen konnte seine innere Unruhe beseitigen. `Melkor!´, dachte er zynisch, nicht einmal als er dem Werwolf gegenüber gestanden hatte, hatte er eine solche Angst verspürt.


Mit einem Krachen brach Belzamir die Tür auf, die zu dem Zimmer seiner Schwester führte.
„Ligéia?“
Panisch blickte er sich in ihrem Zimmer um, jederzeit bereit ihre erstaunte Stimme zu hören, die ihn für sein – zugegebenermaßen ungehobeltes – Einbrechen in ihr Gemach tadelte. Doch er erhielt keine Antwort noch sonst ein Zeichen dafür, dass die junge Hofdame je ihr Zimmer nach Verlassen ihrer Gefährtinnen erreicht hatte.
Die Kerzen waren kalt und erloschen, die Schmuck- und Kosmetikkommode fein säuberlich verschlossen und ihr Schrank wies keine Zeichen von einer hastigen Suche nach einem neuen Gewand auf.
„Ligéia? Wo in aller Welt bist Du?“
Belzamir riss den Vorhang, der den kleinen Waschbereich vom Wohnbereich trennte, grob zur Seite und ließ seinen fiebrigen Blick über dessen Inhalt schweifen. Der Waschzuber war vollkommen trocken, die Bürste enthielt kein einzelnes Haar und alles schien seit längerer Zeit unangetastet zu sein.
Das konnte nicht sein. Sie musste hier gewesen sein!
Belzamir fuhr sich mit den Händen durch sein Haar während er seine Müdigkeit und die Schmerzen, die er von dem Treffen mit Erâzon davongetragen hatte, vollkommen vergaß. Wo konnte sie nur sein? Vielleicht war sie schon wieder auf dem Ball angekommen und sie hatten sich einfach nicht gesehen? Womöglich war er sogar an ihr vorbeigelaufen?
Erschöpft ließ er sich auf ihr Bett fallen und lies den Kopf in seine Hände fallen. Der Heiler war intelligent genug, dass er merkte, dass er sich illusionäre Hoffnungen machte. Wo immer sie war, Ligéia brauchte jetzt keinen panischen Bruder, der sich in Hysterien hineinsteigerte, sondern sie brauchte Belzamirs kühlen Kopf, der herausfinden musste, was passiert war. Ob überhaupt etwas passiert war.
Entschlossen erhob sich Belzamir von dem Bett und begann auf und ab zu laufen, während er fieberhaft überlegte, was nun am besten zu tun wäre. Seine Nervosität hatte sich etwas gelegt und er beschloss, nicht panisch zu werden, bevor es nicht eindeutig klar war, dass Ligéia etwas zugestoßen war. Nach einem Moment intensiven Überlegens entschloss er sich noch einmal den Weg, den sie genommen haben musste, nachzugehen. Vielleicht hatte sie etwas oder jemanden getroffen und saß nun in der großen, angenehmen Teeküche des Palastes und hielt einen netten Plausch?


Belzamir hatte bereits über die Hälfte des Weges zum Ballsaal zurückgelegt ohne etwas Interessantes zu finden. Langsam bekam er das Gefühl, dass seiner Schwester wohl Flügel gewachsen sein mussten. Wo konnte sie nur sein?
Trostlos starrte er auf den Kiesweg, der silbrig im Mondlicht schimmerte und kämpfte seine aufsteigende Panik nieder. Es passte nicht zu Ligéia einfach so zu verschwinden. Sie war ein zuverlässiger Mensch und ohne jegliche Erklärung nicht aufzutauchen war entgegen ihrer Natur. Es war besorgniserregend und Belzamir schaute verzweifelt in alle Richtungen, ohne jedoch auch nur einen Hauch seiner Schwester zu erblicken.
Er war so sehr in Gedanken und Sorgen verloren, dass er beinahe über den großen Ast gestolpert wäre, der quer über dem Weg lag. Wieso hatte er den beim Hingehen nicht entdeckt?, fragte er sich abwesend und wollte ihn zur Seite werfen als sein Blick plötzlich auf etwas Glitzendes unmittelbar darunter fiel.
Belzamir ging in die Knie, um den Gegenstand genauer zu betrachten... es zeigte einen schwarzen Falken auf weißem Hintergrund, Lord Grizmors Familienwappen!
Alarmiert steckte Belzamir es in seine Tasche und sah sich etwas genauer um, während sein Atem in gequälten Stößen kam und sein Herz wie zum Zerbersten schlug. Hoffentlich würde er nicht... doch! Wie er geahnt hatte, fand er etwas abseits die Spuren eines Kampfes. Belzamir war nicht so bewandert in der Kunst des Spurenlesens, doch diese hier ließen keinen Zweifel zu: die Abdrücke Grizmors pompöser Schuhe vermischt mit denen von Ligéias zierlichen Sandalen. Grizmor, der geschworen hatte, sich an Belzamir zu rächen, da dieser ihn in Saurons Gunst abgelöst hatte!
Grizmor hatte Ligéia!
Belzamir biss die Zähne zusammen und zitterte vor Angst und Wut. Er konnte nur noch eines tun – um Saurons Hilfe bitten.
(Ingrid)