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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Der Wald



Die Sonne brannte auf den Wald hernieder und scheuchte alle Tiere in den Schatten unter den Blättern, die ebenfalls zu leiden hatten. Auch sie waren nicht mehr so frisch und grün wie noch vor einer Woche. Der sanfte Regen, der sonst immer zur rechten Zeit gefallen war, war in letzter Zeit ausgeblieben und darunter litt das verletzliche Gleichgewicht im Wald.
Geschmeidig ließ sie sich vom Baum gleiten und lief an den schlanken Stämmen vorbei zum Fluss. An einer Stelle, an der er ein tiefes schäumendes Becken bildete, tauchte sie vom Ufer aus ihren Kopf hinein. Einige Augenblicke hielt sie die Luft an, genoss es, wie die kühlen Wellen ihr Gesicht umspielten und sah zu, wie ihre Haare in der leichten Strömung wie Wasserpflanzen zu schweben schienen. Mit einem Ruck kehrte sie in die von Luft und unzähligen Geräuschen des Tierreiches erfüllte Welt des Waldes zurück und ging davon. Heute würde sie wieder einmal jagen und töten müssen um an frisches Fleisch zu gelangen. Widerwillig legte sie drei Schlingen auf ihr bekannten Wildpfaden aus und zog sich weit ins Innere des Waldes zurück. An den Stamm einer schlanken Birke gelehnt verschmolz sie mit der Umgebung und wartete geduldig fast den ganzen Tag lang.
Sie dachte nicht über ihr Handeln nach oder überlegte sich, was sie in den nächsten Tagen tun würde. Sie lebte. Sie lauschte auf alles, das sich um sie herum bewegte, spürte die Erde unter ihren Füßen, die teils raue, teils wunderbar zarte Rinde des Baumes in ihrem Rücken, den leichten Wind in ihrem Gesicht, fühlte die flimmernde Last der Sonne über dem Blätterdach ...
An diesem Abend aß sie zu ihrem alltäglichen Mus aus Beeren und Wurzeln Kaninchenfleisch. Sie war erleichtert, dass die anderen zwei Schlingen leer geblieben waren, sie hatte es auch so schon kaum übers Herz bringen können, dem Tier, das sie vor Furcht gelähmt mit riesigen Augen anstarrte, die Kehle zu durchtrennen. Aber sie musste es tun, ebenso, wie sie sich immer wieder an andere Ermahnungen und Anweisungen der alten Frau erinnern musste, ohne die sie sicher nicht mehr am Leben wäre.
Müde löschte sie das Feuer in der kleinen mit Steinen befestigten Kuhle am Fuß des Baumes und kletterte hinauf zu ihrem Flett.


Aus ihrem Versteck heraus sah sie das Tier mit den zwei Gestalten sich in gemächlichem Tempo an ihr vorbei bewegen. Zweige brachen mit lautem Knacken unter dem schweren Tritt des Tieres und hallten in der tiefen Stille des Waldes wieder. Erschreckt duckte sie sich und folgte dem Geräusch noch eine Weile mit geschlossenen Augen. Bald war es verstummt und vorsichtig bewegte sie sich wieder aus dem Schatten des Baumes. Schon am Morgen hatte sie gespürt, dass heute ein besonderer Tag sein würde. Nach einer kurzen Überlegung kam sie zu dem Schluss, dass sich die Menschen der Richtung nach wohl zum See begeben haben müssten. Anscheinend war er ein geeigneter Lagerplatz, wie ja auch schon der andere Mensch mit seinem Tier und dem kleinen Hund dort gerastet hatte.
Es zeigte sich, dass ihre Vermutung richtig gewesen war. Am Ufer des Sees waren die zwei Fremden von dem Rücken ihres Tieres gestiegen und hatten sich in der Sonne aufs Gras gesetzt um zu essen. Interessiert beobachtete sie, wie sich die beiden gegenseitig Speisen reichten und aus einer Lederflasche tranken. Der größere Mensch sprach, während der kleine zuhörte. Plötzlich schien dieser sich über etwas zu ärgern und stand mit einer heftigen Geste auf und lief in den Wald davon. Der andere ließ resignierend den Kopf hängen.
Das Tier wanderte inzwischen frei umher, rupfte hier und da an einem Grashalm und näherte sich so langsam dem Waldrand und der Stelle, an der sie sich versteckt hatte. Und plötzlich hob es den großen Kopf und riss seine schwarzen Augen auf. Konnte es sie bemerkt haben? Vorsichtig zog sie sich ein wenig zurück. Es musste wohl so sein, denn mit unruhigem Schnauben näherte es sich immer mehr ihrem Versteck und schlug bedrohlich mit seinem Schwanz. Entsetzen packte sie angesichts des riesigen Kopfes und der lauten, schrecklichen Geräusche, die das Tier von sich gab und in einer blitzartigen Bewegung und einem Rascheln der Blätter war sie verschwunden. Dass der zurückgebliebene Mensch erstaunt in ihre Richtung starrte und sogar aufstand um in ihre Richtung zu gehen, bemerkte sie nicht mehr.


In dieser Nacht lag sie wieder einmal lange wach. Die Fremden schienen ebenso ungefährlich wie der einzelne Mensch im Sommer, aber ihr Tier machte ihr Angst. Sollte sie sich morgen wieder an den See wagen um mehr über sie zu erfahren, diese Menschen, die von außerhalb ihres Waldes kamen und gesehen hatten, was sich dort draußen befand...?
Wie sie noch so grübelte schlief sie mit dem sanften Rascheln der Blätter ein.


Mit einer geschmeidigen Bewegung hatte sie sich auf den Baum hinauf gehangelt und war an einem der dickeren Äste bis über den schmalen Pfad gekrochen. Langestreckt, um ihre Gewicht besser zu verteilen, verharrte sie absolut still. Nach einer Weile lehnte sie sich angestrengt etwas weiter nach vorne. Die singende Stimme klang schon sehr viel näher und auch der dumpfe Tritt des Tieres. Die Stimme erzählte in einer einfachen, aber sehr melodischen Weise von den Elben und ihrer Freundschaft zu der Insel des Sterns. Fasziniert hörte sie zu. Wer waren diese sogenannten Elben? Und wo lag diese Insel, die anscheinend sehr schön gewesen sein musste, wenn die Fremdlinge eine so weite Reise mit Schiffen auf sich genommen hatten um sie zu besuchen.
Nach wenigen Augenblicken sah sie auch das seltsam Tier mit den zwei Menschen in seiner Begleitung auf dem Pfad erschienen, der kleinere ging neben ihm und schien es an zwei dünnen Seilen zu führen, während der größere langsamer hinterherging. Bald waren die drei unter ihr vorbeigegangen. Gespannt streckte sie sich noch etwas weiter nach vorne aus, stütze ihre Hand auf einen weiteren Ast - der plötzlich unter ihrem Gewicht nachgab und sie haltlos in die Tiefe stürzen ließ. Es gelang ihr noch, sich im Sturz zu drehen und sicher auf den Füßen zu landen, doch schon beim ersten Schritt, den sie machte um ihr Gleichgewicht zu halten und vor dem sich plötzlich himmelhoch aufbäumenden Tieres zu flüchten, knickte ihr Knöchel um und sie fiel wenig elegant auf den Hintern. Angesichts der drohenden Gefahr durch das panisch umher trampelnde Tier entfuhr ihr ein Schrei, den sie sofort mit ihrer Hand erstickte. Man durfte sie nicht hören, eigentlich ja nicht einmal sehen! Möglichst schnell und unauffällig krabbelte sie aus dem Gefahrenkreis, als plötzlich der eine Mensch von einem Huf des immer noch rasenden Tieres an der Brust getroffen hinfiel und unbeweglich auf dem Waldboden liegenblieb. Entsetzt rettete sie sich in den sicheren Wald und kauerte außer Reichweite hinter einigen Büschen. Das Tier drehte sich noch einmal um sich selber und verschwand dann mit großen Sprüngen um die Biegung des Pfades. Die kleine Gestalt an seiner Seite schrie verzweifelt, konnte aber nichts dagegen tun und wurde mitgezerrt. Benommen von dem Schock blieb sie erstmal hingekauert an dieser Stelle sitzen und versuchte ihren Atem zu beruhigen. Schließlich wagte sie sich doch langsam und vorsichtig aus ihrem Versteck und bewegte sich geduckt zu der regungslosen Gestalt.


Kilnor las stirnrunzelnd den Brief der Lady Anôra durch. Seine wichtige Aufgabe bestand darin, sie über Fortschritte und Ungereimtheiten während des Flottenbaus zu unterrichten. Dies hatte er auch immer gewissenhaft erfüllt, und doch schien seine Herrin nicht ganz zufrieden mit ihm. Der Brief war hastig und gelangweilt geschrieben worden, offensichtlich hatte Anôra erwartet, dass er anderes zu berichten hätte.
Müde setzte er sich auf den wackligen Stuhl an seinem Schreibtisch und begann, einen weiteren Bericht für sie zu schreiben.


Früh am Morgen wurde sie durch eine seltsame Unruhe geweckt, die plötzlich den ganzen Wald erfüllte. Das fröhliche Zwitschern der Vögel klang schrill und aufgeregt und gelegentlich hörte sie Eichhörnchen und anderes Getier gehetzt durch die Äste rasen. Verwirrt setzte sie sich auf ihrem Lager auf und spähte durch die zartgrünen Blätter des Mallorns über das Dach des Waldes hinweg. Überall, aber besonders im Westen, zum Meer hin, sah sie Vögel in Schwärmen auffliegen, durch irgend jemanden oder irgendetwas aufgescheucht. Vorsichtig kletterte sie von ihrem Flett und schlich in Richtung der Unruhe nach Westen. Niemand hatte sie gesehen, kaum ein Rascheln der Blätter, die den Boden bedeckten, verriet sie.
Bald näherte sie sich dem westlichen Waldsaum, den sie seit längerem kaum mehr aufsuchte, da die Zeltlager und Hütten mit den unzählbaren Massen von lauten Menschen immer näher an ihn herangewachsen waren wie ungesunde Geschwüre, die nicht in diese einstmals unberührte Natur gehörten. Sie war noch nicht ganz bis zum Ende der Bäume gelangt, als sie schon die Geräusche hörte ... laute Stimmen, die riefen, schreiend antworteten; harte, ihren Ohren unangenehme Wörter in einer ihr unbekannten Sprache, die sie nicht verstand, drangen auf sie ein. Unbemerkt näherte sie sich weiter dem Lärm, sie musste wissen, was dort vor sich ging, warum ihr Wald so sehr beunruhigt war! Hinter einem besonders breiten Stamm lugte sie schließlich hinaus ins Freie.
Bei dem Anblick, der sich ihr bot, blieb ihr schier das Herz stehen. Wo einstmals sanft gewelltes Grasland und später die zertrampelten Schlammwege und Lagerplätze langsam in den Wald übergingen, indem erst einzelne Stämme sich aus dem Gras erhoben, bis sie eine geschlossene Wand bildeten, lag jetzt eine zerstampfte und verbrannte Wüstenei. Bäume samt Wurzeln waren aus dem Boden gerissen worden, Stämme lagen wild zerhackt und zersplittert in der Gegend herum und dazwischen liefen Menschen heiser lachend und fluchend umher, mit großen schweren Gegenständen auf noch unverletzte Bäume einhackend, an bereits gefällten Feuer legend. Langsam fraßen sie sich wie hungrige Maden weiter in den Wald hinein, Baum für Baum und Stück für Stück wich der Saum zurück.
Eine ganze Gruppe von diesen unfreundlichen Gesellen machte sich gerade an der gegenüberliegenden Seite der neu entstandenen Lichtung über zwei schlanke und hochgewachsene, mit ihren Kronen ineinander verschlungene, Buchen her. Einer von ihnen, in einem weiten, tiefroten Mantel, stand etwas abseits und schrie den anderen mit schriller Stimme, wie es schien, Anweisungen zu. Mit seinen hohen Stiefeln stolzierte er zwischen den auf der Erde liegenden Ästen und Wurzeln umher. Plötzlich ertönte ein einzelner Ruf, offensichtlich als Warnung gedacht, denn plötzlich bemühten sich alle möglichst schnell von den Bäumen wegzukommen. Der Mensch in seinem weiten Mantel erstarrte vor Schreck, verfing sich bei seinem Fluchtversuch ungeschickt mit einem Fuß in einer Wurzel und stürzte auf den Bauch. Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien um nicht von dem sich langsam neigenden Baum erschlagen zu werden. Doch es war zu spät, mit einem markerschütternden Knacken und Reißen löste sich die erste Buche aus den Ästen ihrer Nachbarbäume und donnerte mit unglaublicher Wucht auf die Überreste ihrer Leidensgenossen. Der Mann schrie verzweifelt, und insgeheim dachte sie nur noch daran, wie ihm alle Knochen brachen, wie er die Bäume brechen ließ, wie ihm das Blut über das Gesicht lief, wie der Saft der Eichen, Buchen, Mallorns und immergrünen duftenden Bäume aus ihren geknickten und verbrannten Stämmen herauslief... Doch bevor auch der zweite Stamm auf ihn niederstürzen konnte, rannte eine kleinere Gestalt zu der Stelle, wo sie ihn begraben vermutete und begann zu ziehen und zu zerren, bis sie es mit aller Anstrengung gerade noch so schaffte, den schwer verletzten Mann herauszulösen und wegzutragen, bevor Sekunden später die zweite Buche ihren Widerstand aufgab und zu Boden donnerte und dabei den Stamm ihrer Vorgängerin zerschlug.
Sie konnte die Augen nicht abwenden und blieb wie versteinert in ihrem Versteck stehen, mit Augen, die nicht blinzeln konnten angesichts dessen, was dort geschah.
Erst, als sich ihrem Versteck durch den Nebel vor ihren Augen drei riesige schwarze Gestalten mit ihren klobigen Werkzeugen in den Händen näherten wurde sie sich ihrer Gefahr bewusst. Sie stieß sich von dem Baumstamm ab, an den sie sich hatte anlehnen müssen und rannte leichtfüßig den Weg wieder zurück. Mehrmals schwankte sie, aber sie bemerkte es nicht. Dass sie in die falsche Richtung lief, wurde ihr erst bewusst, als sie am Ufer des Flusses stand, und die Nässe auf ihren Wangen nahm sie nicht wahr. Irgendetwas musste mit ihren Augen sein, alles um sie herum war plötzlich so verschwommen... und ihre Brust schmerzte, tief in ihrem Inneren schien etwas in Eis eingefroren worden zu sein und diese Kälte breitete sich nun über ihren ganzen Leib aus. Am Fuße ihres Mallorns sank sie zu Boden und begann zu weinen. Krämpfe schüttelten ihren zarten Körper und ein Laut entfuhr ihr, der wie der Schrei eines tödlich verwundeten Tieres klang und schier endlos in der unbeweglichen Luft widerhallte. Hilflos schlug sie mit ihren Händen auf den Boden, den Baum, sich selbst ein. Abgrundtiefe Verzweiflung schien über ihr zusammenzuschlagen und sie zu ertränken.
Ihre Heimat wurde zerstört, der Wald, der ihr gesamtes Leben bestimmt und geschützt hatte, konnte sich nicht gegen ein paar verrückte und gefährliche Menschen wehren. Tiere verloren ihre Zuhause, viele einzigartige Bäume, deren Wachstum vom Samen bis zur voll erblühten Reife sie beobachtet hatte, verschwanden für immer aus der Welt und mit ihnen der einzige Beweis dafür, dass sie lebte. Sie hatte ihre nach Stürmen geknickten Äste gepflegt, hatte ihnen Licht und Wasser verschafft und ihre Früchte dankbar gegessen und gepflanzt, um den Bestand der jeweiligen Art zu erhalten. Und jetzt wurde alles ohne erkennbaren Grund zerstört. Erschöpft schloss sie die Augen, und fast sofort erschlafften ihre verkrampften Gesichtszüge und ihre zu Fäusten geballten Hände lösten sich.
Es war kalt, als sie erwachte. Über ihrem Kopf sah sie den starken, unerschütterlich aufragenden Mallornstamm, der ihr Zuhause gewesen war. Durch seine weit entfernten Zweige schimmerten die ersten Sterne an einem dunkelblaugrauen Himmel. Ganz steif von der unbequemen Lage auf dem Boden stand sie langsam auf und versuchte den untersten Ast zu erreichen. Ihre Finger schafften es nicht, sich um die glatte Rinde zu schließen, ihre Hand rutschte ab und sie fiel kraftlos wieder zu Boden. Erst beim zweiten Anlauf gelang es ihr, sich mühsam nach oben zu ziehen und bald hatte sie die Plattform zwischen den Zweigen erreicht. Wie im Traum begann sie, ihre wenigen Habseligkeiten in ihre mit einigen raschen Knoten zum Beutel gebundene Decke zu packen. Den gesamten Inhalt ihrer Truhe brachte sie mühelos darin unter und ebenfalls noch einige ihrer Felldecken. Der Herbst war nicht mehr weit entfernt und da sie nicht wusste, wo sie Unterschlupf finden würde, war es das Beste auf alles vorbereitet zu sein.
Schweren Herzens musste sie ihre Truhe zurücklassen, ihr einziger Besitz, der zu groß zum Mitnehmen war. Ein letztes Mal noch strich sie mit der Hand zärtlich über das glatte, mit dem Alter immer dunkler gewordene Holz, umfuhr mit einem Finger den silbernen Stern auf dem Deckel. Seufzend bedeckte sie sie mit einer alten Decke und hoffte, dass sie hier oben von den Baummördern verschont bleiben würde.
Immer noch langsamer als gewöhnlich ließ sie sich wieder zu Boden gleiten. Inzwischen war es vollständig dunkel geworden, der Mond war noch nicht aufgegangen und nur Sterne, die von einigen Dunstschleiern zum Tanzen gebracht wurden, leuchteten.
Sie verließ den Wald erst, als der unterste Rand des Himmels schon in einem tiefen Dunkelblau zu glimmen begann und behielt den Sonnenaufgang zur Linken. Nach Süden, in die Richtung, in die auch Anariel und der kleine Rhûmo weitergezogen waren, nachdem sie Anariel von dem Tritt ihres Pferdes geheilt hatte, dorthin verschwand aus dem Wald, der aus Geschenken der Elben gewachsen war und der lange Jahre ihre Heimat gewesen war, die letzte der gutherzigen Menschen.


Am Morgen nach dem großen Bäumefällen lag Kilnor länger als gewöhnlich in seinem Feldbett. Ihm taten alle Knochen von der ungewohnten Anstrengung weh, und zu allem Überfluss hatte er sich auch noch etwas an der Schulter gezerrt, als er diesen Schwachkopf von einem Kommandanten vor dem niederstürzenden Baum gerettet hatte. Umso ärgerlicher war er, als ihn ein halblautes Räuspern vor der Zelttür aus seinen Gedanken riss.
„Was willst du? Verschwinde!“ rief er unwirsch, er wollte jetzt noch nicht aus dem Bett geholt werden. Schlimm genug, dass er sich das Zelt mit sieben anderen Soldaten teilen musste, und jetzt sollte er sogar noch an einem freien Tag früh aufstehen, als ob er Dienst hätte? Aber anstelle des erwarteten Kameraden, der ihn vielleicht auf ein Glücksspiel einladen, oder zu einer Trainingsstunde abholen wollte, stand ein schmalgesichtiger Bursche im Eingang, der mit seinen umher huschenden Augen einen sehr unsicheren und verschlagenen Eindruck machte.
„Wer bist du? Und was willst du, verdammt noch mal? Wenn es nicht wirklich verdammt wichtig ist werde ich dir etwas erzählen, von wegen hart arbeitende Menschen mitten in der Nacht aufzuwecken!“ herrschte Kilnor ihn an.
Der Junge deutet nur ein Grinsen an, indem er einen Mundwinkel leicht anhob. „Der Kommandant wünscht Euch zu sehen. Vielleicht möchtet Ihr ihm ja diese Lektion erteilen? Ich an Eurer Stelle würde mich jedenfalls beeilen.“
Mit lässigem Schwung ließ er die Zeltplane wieder herunterfallen. Fluchend richtet Kilnor sich auf, tauchte sein Gesicht kurz in die mit nicht mehr ganz sauberem Wasser gefüllte Waschschüssel und kleidete sich sorgfältig an. Zum Kommandanten gerufen zu werden hieß meistens nichts Gutes - oder auch sehr Gutes, was allerdings seltener der Fall war.
Als er aus dem Zelt trat, wurde er sofort vom Lagerleben empfangen, das bereits in vollem Gange war. Männer liefen mehr oder weniger angezogen durch die Gegend, eilten zu Trainingsstunden oder zur Arbeit an den Schiffen oder erledigten anderes. Einige begrüßte Kilnor mit ein paar Scherzen, dann wandte er sich dem Botenjungen zu, der vor dem Eingang auf einem Baumstumpf sitzend gewartet hatte.
„Also gut, hier bin ich, lass uns gehen.“
Mit einer spöttischen Verbeugung ging der Junge voran und wies ihm den Weg nach Eldalonde hinein, durch die ebenfalls schon stark bevölkerten Straßen bis zum Haus des Kommandanten. Es war einstmals ein sehr prachtvolles Gebäude gewesene, in langer Unbewohntheit zerfallen und nun mühsam wiederhergestellt.
Im Inneren des Hause wurde Kilnor sofort in den ersten Stock geführt, einen schmalen Gang entlang und dann in ein großes, holzgetäfeltes Zimmer, das von einem gewaltigen Himmelbett in der Mitte des Raumes beherrscht wurde.
Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, bewegte er sich auf das Bett zu, und beschleunigte seine Schritte erst auf eine herrische Geste der darin liegenden Gestalt hin.
Eine halbe Stunde später verließ er den Raum mit dem Rang eines Leutnants geschmückt und schwebte förmlich durch die Straßen wieder hinaus zu den Lagern. Als niederer Offizier teilte er nun ein wesentlich besseres Quartier in einer Hütte mit einem zweiten. Hier würde er endlich die nötige Ruhe finden, um sich ganz der Überwachungsaufgabe seiner Herrin zu widmen.
Zufrieden schmunzelnd erinnerte er sich an die Mühe, die es dem Kommandanten bereitet hatte, diese wenigen Worte zu sprechen, die ihn, Kilnor, aus dem Stand eines gemeinen Soldaten emporhoben. Dieser selbstzufrieden Trottel war das letzte Mal im Wald herumgelaufen, davon war er überzeugt. Die Heiler hatten zwar nichts Genaues verlauten lassen, doch jeder konnte sehen, dass der Kommandant im Sterben lag.
In der Baracke angelangt, die von nun an sein neues Zuhause sein würde, setzte er sich sofort an seinen schon herübergeschafften Schreibtisch und tauchte die Feder in das Tintenfass. Jetzt konnte er Anôra endlich etwas berichten!
(Ina)