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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Begegnungen



Im Laufe der Zeit fand Gaerros immer mehr Gefallen an seiner Arbeit, er lernte nicht nur die großen Quader zu spalten, ohne dass sie in unbrauchbare Stücke zersplitterten, sondern auch die Bausteine, die „Endprodukte“, die von den Steinbrüchen ausgeliefert wurden, glatt und sauber zu behauen. Eines Tages mitten im vierten Monat des Jahres Gwirith führte ihn Malandûr zu einem etwas abgelegenen großen Schuppen. Er stieß die Türe auf und wartete gespannt auf Gaerros‘ Reaktion. Der konnte ein überraschtes Keuchen nicht unterdrücken, als er die fantastischen Formen und Gestalten der Säulenkapitelle und Wasserspeier und anderer, unbeschreiblicher Dinge sah, die dort im Dunkeln lagerten.
„Das, mein Junge, ist die wahre Kunst. Für das richtige Steinebehauen brauchst du Respekt vor dem Felsen, aber dafür - brauchst du Ehrfurcht und das Wissen, was für Formen in jedem einzelnen Stück Stein verborgen sein könnten.“
Gaerros konnte nur stumm nicken. Ab diesem Tag musste er nicht mehr so viele Quader spalten, sondern ging gegen Nachmittag immer noch mit dem Bären in seinen Schuppen, wo dieser ihn in die Kunst der Steinmetzarbeit einführte. Am Anfang durfte er seinem Meister nur die verschiedenen Werkzeuge reichen und wurde dabei über die Funktion und den Einsatzbereich jedes einzelnen aufgeklärt. Ziemlich bald lernte er, seine Ungeduld zu bezähmen, weil sie ihn nicht weiter brachte und der Bär seine drängenden Fragen, wann er etwas selber machen dürfe, einfach ignorierte. Später musste er dem Bären die Steine zureichen und erfuhr von seinem Lehrer in dessen umständlicher Art, Geschichten zu erzählen, alles über die Herkunft und die verschiedenen Eigenschaften der Felssorten. Selber durfte er noch lange keinen Stein mit einem Werkzeug bearbeiten, sondern er musste „zuhören und verstehen“ wie der Bär zu sagen pflegte. Als er schließlich nach zweieinhalb intensiven Wochen im Schuppen aufgefordert wurde, ein Säulenstück, das sein Meister gemacht hatte, mit feinen Rillen zu verzieren, die sich einander kreuzend über die Oberfläche ziehen sollten, widersprach er heftig. „Das kann ich nicht, ich weiß noch immer viel zu wenig! Ich möchte Euch diese Säule nicht verderben...“
Sein Lehrer sah ihm ernst ins Gesicht. „Du hast aber nicht mehr viel Zeit. Dein Vertrag läuft bald aus und du wirst ihn nicht verlängern. Aber ich will versuchen, dir so viel wie möglich von meinem Wissen mitzugeben, damit die wahre Kunst nicht verloren geht.“ Er seufzte schwer und auf einmal erschien dieser kräftige, immer fröhliche Mann unendlich alt. „Also, Jungchen, jetzt nimm mal diesen kleinen Hammer hier und trau dich! Weißt du noch, was ich dir über dieses Werkzeug erzählt habe?“
Der Moment war vorübergegangen und verschwunden. Bald saßen die beiden über den Stein gebeugt, der eine Anweisungen gebend, der andere aufmerksam zuhörend und schließlich vorsichtig arbeitend.
Irgendwie bedauerte Gaerros, dass sein Vertrag nur bis Mitte des Monats Lothron lief. Verlängern wollte er ihn allerdings auch nicht, da seine Eltern wahrscheinlich schon fast krank vor Sorge um ihn waren. Aber je mehr er sich bewusst wurde, dass sich seine Lehrlingszeit und die Vertragslaufzeit ihrem Ende näherten, desto mehr strengte er sich an, alles Wissen in sich aufzusaugen und den verschiedensten Steinsorten ihre wahren Formen zu entlocken. Die verspielten Kapitelle, die in Armenelos so gefragt waren, und geradezu danach schrien, aus dem hellen Marmor herausgearbeitet zu werden, wollten ihm allerdings nur schwer gelingen; ihm lagen mehr die schlichten und einfachen Formen der Granitsorten, die dennoch etwas ausdrücken konnten. Malandûr machte ihm da keine Vorgaben sondern ließ ihn gewähren. Es machte ihm Freude, diesen unbeschwerten jungen Mann arbeiten zu sehen, er wusste, dass seine Kunst bei ihm gut aufgehoben war.


Als sein Vertrag auslief fühlte Gaerros sich seltsam leer. Er hatte jetzt unmittelbar keine weitere Aufgabe und wusste nichts mit sich anzufangen. Sicher, er freute sich darauf seine Eltern wiederzusehen, aber in Rómenna würde er nichtmehr wie früher als Fischer arbeiten können, denn vielleicht hatten ihn sogar seine ehemaligen Freunde an die nach ihm suchenden Soldaten verraten. Gedankenverloren strich er über die deutlich fühlbare Narbe auf seiner Stirn. Er hatte zwar kaum noch Ähnlichkeit mit dem schmalen Jungen, der aus Armenelos geflohen war, aber diese Narbe würde ihm wohl bis an sein Lebensende bleiben. Seufzend begann er wieder damit seine Packtaschen hinter dem Sattel zu befestigen. Der Tag ging schon seinem Ende zu und in der klaren Luft konnte er am Horizont schon ein paar Sterne an dem blassen Himmel funkeln sehen. Morroch schlug unruhig mit dem Schweif und stampfte erwartungsvoll mit den Hufen. Endlich durfte er wieder laufen, laufen, laufen... Ihm hatte diese Zwangspause in dem muffigen, lichtlosen Stall überhaupt nicht gefallen.
Grinsend gab Gaerros seinem Hengst einen Klaps auf die Hinterbacke. „Ja, du hast richtig geraten, mein Junge, jetzt geht‘s wieder los!“
Wie zur Antwort stieß Morroch ein lautes Wiehern aus. Lächelnd zog Gaerros den Pferdekopf zu sich herunter und strich über den Stern auf seiner Stirn. In diesem Moment kam auch Malandûr um die Ecke des Stalles. Nachdenklich sah er den großen breitschultrigen Mann an, der da zu seinem Pferd mit wie zu einem Mitverschwörer geneigtem Kopf sprach. Er konnte sich noch gut an den schmalen Fischer erinnern, der unwillig und trotzig seinen Vertrag hatte abarbeiten wollen, aber in diesem Jungen steckte ein Talent, das nicht so schnell vergessen würde, was es in den zweieinhalb Monaten im Steinbruch gelernt hatte. Vielleicht würde es ihm noch einmal nützlich sein.
„Na Kleiner, jetzt geht‘s wieder weiter... Hast du schon eine Ahnung, was du jetzt machen willst?“
Gaerros sah überrascht auf. Den Bären hatte er ja fast vergessen und sich nicht einmal von ihm verabschiedet. „Nein, nicht direkt - ich werde wohl noch etwas über Land reiten bevor ich zu meinen Eltern zurückkehre.“
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er seinen Lehrer vermissen würde. „Ich danke Euch, dass Ihr so große Geduld mit mir hattet...,“ begann er, aber der Bär unterbrach ihn sofort.
„Na, nun lass mal gut sein, Junge! Seit langem hat mir nichts mehr so viel Spaß gemacht, wie dir beim Steineklopfen zuzusehen.“
Mit einem breiten Lächeln verabschiedete er sich kurz von seinem Schützling. Ja, der würde es noch zu etwas bringen, da war er sich sicher.
Ratlos sah Gaerros ihm hinterher, wie er mit federnden Schritten und gut gelaunt vor sich hinbrummelnd zu seinem Schuppen ging. Das war natürlich wieder einmal die typische Art dieses Bären - bloß keine Szene machen! Grinsend zuckte er die Schultern, schnallte seinen Gürtel noch etwas fester und bestieg sein Pferd. Er hatte kaum die Zügel ergriffen, da fiel Morroch auch schon in einen schnellen Trab und begann zu galoppieren sobald sie die gerade Straße nach Andunie erreichten. Von dort würde er nach Eldalonde und den schönen Wäldern der Elben reiten und endlich die Heimat seiner Eltern sehen. Obwohl er sich noch nicht darüber klar war, wie es nach seinem Rundritt zuhause weitergehen sollte, freute er sich zunächst einmal auf die neuen Entdeckungen, die zweifellos auf ihn warteten. Mit einem lauten Schrei spornte er Morroch zu noch größerer Geschwindigkeit an, und wie ein schwarzer Schatten verschwanden sie in der heraufziehenden klaren Nacht.


Früh am Morgen erwachte sie von dem lauten Vogelgesang um sie herum. Lächelnd drehte sie sich auf den Rücken und blinzelte verschlafen in das Sonnenlicht durchflutete Blätterdach um sie herum. Plötzlich fuhr sie zusammen. Was war das? Wer veranstaltete da so einen Lärm in ihrem Wald? Vorsichtig kletterte sie ein paar Äste den Baum hinunter und spähte durch die Blätter. Da, da war das Geräusch wieder - ein seltsam rhythmisches Trampeln und Stolpern - das konnte nur ein Mensch sein, eines dieser großen, bärtigen Ungeheuer. Jetzt war sie doch sehr froh, dass sie keine Strickleiter geflochten hatte und ihr Flet im Übrigen für solche Tollpatsche unerreichbar war.
Als sich die Geräusche nach einiger Zeit wieder entfernt hatten, stieg sie ganz von dem Mallorn herab und ging wie jeden Morgen an den Fluss um sich zu waschen. Summend hüpfte sie durch die hüfthohen Gräser und Blumen, die in diesem lichten Wald wunderbar gediehen. Was sie dann aber dort am Flussufer sah, verschlug ihr den Atem. An dem Ufer des schnellen Nunduine stand ein - ein unbeschreibliches Wesen. Es war schwarz wie eine sternenlose Nacht, sog das klare Wasser laut schmatzend auf und auf seinem Rücken - sie stieß einen kleinen Schrei aus, eigentlich kaum mehr als ein Quieksen. Entsetzt starrte sie ihm einige Sekunden in die dunklen Augen.


Ruckartig hob Morroch seinen Kopf und starrte erschreckt in die Richtung des seltsamen Geräusches. Auch Gaerros sah auf, konnte aber zunächst nichts entdecken. Da, plötzlich - zwischen einigen Zweigen junger Bäume sah er ein Gesicht. Hätten ihm seine Eltern nicht erzählt, dass es keine Elben mehr auf Númenor gab, er hätte schwören können, dass er hier eine von ihnen vor sich sah. Mit vor Staunen geweiteten Augen starrte er in diese unheimlich hellen und klaren Augen. Und plötzlich waren sie verschwunden, er sah nur noch einen Schimmer von goldenen Haaren, und dann war sie verschwunden...


Wie von wilden Tieren gehetzt rannte sie durch den Wald, ziellos und mit panisch aufgerissenen Augen. Sie spürte die Kratzer an Beinen und Armen nicht, sie wollte nur noch weg, ganz weit weg von diesem Monster. Zwei Köpfe, einer davon menschlich und dann noch solch ein - ihr fehlten die Worte um es zu beschreiben. Als sie bemerkte, dass es sie nicht verfolgte (oder vielleicht noch nicht?) legte sie sich in einer kurzen Pause einen Fluchtplan zurecht. Nicht weit entfernt von hier, weiter flussabwärts, gab es eine ausgehöhlte Weide. Dort würde es sie nicht finden können. Sie rannte weiter und kauerte sich dann atemlos in das Innere der Weide auf eine dicke Schicht abgestorbener, gelb und grün gefleckter Weidenblätter. Zitternd wartete sie.


Nach einer Schreckminute begann er zu laufen. Er wusste nicht, wie er von seinem Pferd hinunter gekommen war, oder in welche Richtung er überhaupt rannte - er wusste nur, dass er sie finden musste. Diese Augen, sie ließen ihn nichtmehr los. Immer wieder drehte er sich im Laufen um, weil er meinte, diese strahlenden Augen in seinem Rücken zu spüren. Er musste sie finden! Nach einer Weile bleib er stehen. Stöhnende hielt er sich die Hand auf die linke Seite. Steinebrechen war eben nicht unbedingt besonders gutes Lauftraining... Mit einem halbunterdrückten Fluch kickte er nach einem Stein. Mit hohem Bogen flog er in ein nahes Gebüsch und scheuchte irgendein kleines Tier auf, das sich erschreckt kreischend davonmachte. Gaerros achtete nicht darauf und versank in der Erinnerung an ihr Gesicht.... Wer sie wohl war? Was tat ein so schönes Mädchen wie sie alleine hier im Wald? Verwirrt kratzte er sich am Kopf. Plötzlich fühlte er sich an seinen Traum erinnert, in dem er nicht gewusst hatte, was er eigentlich suchte. Jetzt, da er es wusste, fühlte er sich nicht unbedingt besser. Als das Gesicht dieses Mädchens verschwunden war, hatte sich eine seltsame Leere in ihm breitgemacht.
Langsam ging er den Weg zurück zum Fluss. Morroch war inzwischen unbeeindruckt von den Eskapaden seines Herrn flussaufwärts gewandert und zupfte wählerisch mal hier an einem Hälmchen und mal dort an einem Blatt. So wanderten sie beide weiter den Fluss hinauf, Gaerros hatte sich die Zügel nur locker über den Arm gelegt und konnte nur an ihr Gesicht denken.
Am Ufer des Sees Nísinen, in der Nähe des kleinen Wasserfalls, durch den der Nunduine den von ihm gespeisten See wieder verließ, beschloss er den Rest des Tages zu verbringen und auch zu übernachten. Vielleicht ergab sich ja eine Gelegenheit, sie wiederzusehen...
In Andunie hatte sich nichts ungewöhnliches ereignet. Die ehemals größte Stadt und der einstige Sitz Elendils hatten größtenteils verlassen und ausgestorben über der schönen Bucht gelegen, von dem ebenfalls langsam zerfallenden Turm auf dem Oromet überblickt. Jetzt, da ihm mit seinem geschulten Auge bewusst gewesen war, auf was er achten musste, hatte Gaerros mit Bedauern die schönen und gut gefertigten Häuser mit ihren klaren, majestätischen Formen gesehen. Ganz anders als in Armenelos, wo alles nur auf Schein und Prunk ausgelegt war, sprachen hier noch die glatten Wände und maßvoll verzierten Gesimse von den Lehrmeistern ihrer Erbauer. Auch den Turm dieser Stadt hatte er erklommen und mit Schrecken gesehen, was zu Hause nur ein böses Gerücht war: die Große Flotte, unzählige gewaltige Schiffe mit einem Wald von Masten und sehr, sehr vielen Flaggen auf diesen Masten, die selbst aus dieser Entfernung gut zu erkennen gewesen waren. Denn die Flotte sollte von Eldalonde gegen die Herren des Westens auslaufen und der Hafen der ehemals elbenfreundlichen Stadt konnte sie längst nichtmehr ganz fassen, ihre Ausläufer erstreckten sich am Ufer der Bucht entlang in beide Richtungen wie die Tentakeln eines bösartigen Meeresungheuers.
Erschreckt hatte er sich auf den Weg nach Eldalonde selbst gemacht, das er vom Turm nicht hatte sehen können. Von Norden kommend hatte er aber bald gemerkt, dass nicht nur die Flotte, sondern auch die Stadt gewachsen war; um sie herum waren zahlreiche der schönen Bäume abgehauen worden um vielen hastig errichteten Lagern Platz zu schaffen, in denen die Rekruten ihre Ausbildung erhielten. Ohne gesehen worden zu sein hatte er einen großen Bogen um die Heimatstadt seiner Eltern gemacht und sich in den dichten umliegenden Wäldern aufgehalten. Und dort, am Flussufer, hatte er SIE gesehen... Gaerros versank wieder in Tagträumen. Er stellte sich vor, die Unbekannte wäre auf ihn zu gekommen und hätte mit ihm gesprochen... Und er hätte kein Wort herausgebracht, das stand fest. Mit einem leichten Lächeln legte er sich rücklings auf seinen Mantel und betrachtete die ziehenden Wolken über ihm.
Plötzlich meinte er, wieder ein Quieken zu hören und richtete sich ruckartig auf. Tatsächlich raschelte etwas in einem Busch nicht weit entfernt. Vorsichtig näherte er sich, und als er die Zweige beiseite schob sah er - einen kleinen Welpen, der mit leisem Fiepsen seine zwei offensichtlich toten Geschwister beweinte und nach seiner Mutter rief. Behutsam nahm Gaerros das kleine schwarz-weiße Wesen hoch und wiegte es sanft in den Armen. Für den Moment war er von seinen Träumen durch das Schicksal dieses Hundes abgelenkt. Der kleine Kerl hatte aber wirklich Pech gehabt - von seiner Mutter im Stich gelassen und allem schutzlos ausgeliefert. Der junge Hund hörte für eine Weile auf zu klagen und besah sich Gaerros mit seinen noch trüb blauen Augen und schnupperte an seinen Händen. Daraus, dass der Welpe schon seine Sinne gebrauchen konnte schloss er, dass er mindestens schon vier Wochen alt sein musste. Langsam ging er zu seinen Sachen zurück. Was konnte man so einem kleinen Wesen bloß füttern? Der arme kleine musste ja am Verhungern sein. Schließlich versuchte er es mit in Wasser aufgeweichtem Brot und etwas Fleisch. Das Brot fraß der kleine Rüde begierig, aber dem Fleisch konnte er offensichtlich mit seinen Milchzähnchen nicht beikommen. So kaute Gaerros es ihm vor und fütterte es ihm in kleinen Portionen. Nach kurzer Zeit wollte der Welpe nichts mehr annehmen und kuschelte sich auf Gaerros‘ Schoß um zu schlafen.


Vorsichtig spähte sie durch die Blätter zu dem See hin. Dort war das schwarze Monster und daneben saß der Mann. Sie waren also doch nicht zusammengewachsen, wie sie zuerst befürchtet hatte. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie sollte eigentlich wissen, dass es so etwas nicht gab! Und jetzt saß dieser Mensch dort in aller Seelenruhe und sah anscheinend nur zufrieden lächelnd auf seinen Schoß. Dort lag etwas - sie musste ihre Augen anstrengen um etwas Genaueres zu erkennen. Leise schlich sie um ein paar Stämme näher heran. Jetzt konnte sie es sehen, es war ein junger Hund. Vertrauensvoll hatte er sich auf dem Schoß des Menschen eingeringelt und schlief. Und der Mann? Er wetzte nicht etwa sein Messer, wie sie es erwartet hätte, sondern strich nur vorsichtig über das Fell des Welpen. Konnte es sein, dass er doch kein unberechenbares Monster war, gab es womöglich noch andere Menschen wie ihn, die nicht alle Lebewesen um sie herum sofort zu töten versuchten? Fasziniert sah sie zu, wie der Mann mit seinen unglaublich großen Händen die verletzliche Gestalt des kleinen Hundes sehr vorsichtig anhob, ihn neben sich auf seinen Mantel legte und dann auf die Seite gedreht ihn mit einem Arm umschloss und dann ebenfalls einzuschlafen schien. Mit einem ungläubigen Kopfschütteln ging sie zurück zu ihrem Baum. Vielleicht war sie zu vertrauensselig, aber irgendwie erschreckte sie dieser Mann nicht so sehr wie der eine, der sie mit einem ganz anderen, einfach nur irren und seltsam gierigen Blick den halben Tag lang durch den Wald gejagt hatte, bis er sich in einer ihrer wenigen Fallen verfangen hatte und sich bei dem ruckartigen Sturz das Genick gebrochen hatte. Gedankenverloren strich sie über das Messer, das an ihrem Gürtel hing. Das hatte er nichtmehr gebraucht und so hatte sie es an sich genommen.
Diese Nacht verbrachte sie grübelnd, irgendwie wollten ihr die dunkelgrauen Augen des Fremden nicht aus dem Kopf gehen. Schließlich fand sie doch noch Schlaf bei dem Gedanken, morgen in aller Frühe zum See zu gehen und ihn weiter zu beobachten.


Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte Gaerros. Das Gras um ihn herum war durchnässt von Tau, der es mit einem feinen silbrigen Netz überzog. Der kleine Welpe hatte sich auch schon aufgemacht und krabbelte mit unsicheren Beinen über den Sattel, der neben Morroch auf dem Boden lag. Der Hengst senkte interessiert die Schnauze und beschnupperte dieses kleine, am Boden herumkrauchende Etwas. Der Hund reckte vertrauensvoll sein kleines Schnäuzchen empor und beroch seinerseits dieses gewaltige schnaufende Wesen über ihm. Gaerros musste bei diesem Bild lächeln, es sah aus, als küssten sich die beiden Tiere. „Na, ihr werdet wohl richtig gute Freunde!“ Ganz steif und wund von der unbequemen Nacht streckte er sich ein bisschen und gähnte herzhaft. Dann holte er sich den kleinen Rüden wieder auf den Schoß und sah im ernsthaft in die Augen. „Na, mein Kleiner, jetzt brauche ich wohl einen Namen für dich... wie es aussieht wirst du nämlich mit mir und deinem neuen Freund Morroch weiterziehen. Würde dir das gefallen, ja?“ Wie zur Antwort stieß der kleine Hund ein Kläffen aus. „Also gut, ich hoffe doch, du wirst sehr groß und stark... Und stehst mir in Gefahren bei und bewachst mich... Wie wäre es mit Huan, hm? Ein guter Name, er gehörte einmal einem der wundervollsten Tiere der Geschichte. Huan, der treue Jagdhund aus Valinor. Ja, ich glaube, der Name passt ausgezeichnet zu dir. Na, Huan?“ Der soeben getaufte Welpe kläffte wieder und biss Gaerros dann in den Zeigefinger. „Aua, was zum ... Aber du hast Recht“, nuschelte er, während er an seinem Finger herum saugte. „Ja, du kriegst ja schon was zu fressen! Hier, wie wäre es wieder mit etwas vorgekautem Fleisch? Na siehst du.“ Zufrieden kaute und schluckte Huan das ihm angebotene Fressen, dann entfernte er sich etwas und erledigte einige andere Geschäfte.


Noch nie hatte sie jemanden so zärtlich mit einem Tier umgehen sehen. Zugegeben, sie hatte nicht wirklich viele Menschen, und noch seltener welche mit Tieren gesehen, aber das hier... sie verstand es nicht. Jetzt zog dieser Mensch sein Hemd und seine Stiefel aus und fasste das seltsame Ungeheuer, das wohl doch harmlos war, an dessen langen Haaren auf seinem Hals und führte es mit sich ins Wasser. Erschreckt schlug sie sich die Hand vor den Mund. Das Wasser war sehr tief und sehr kalt. Der Mensch würde untergehen und ertrinken. Aber da - er ging nicht unter, sondern bewegte sich mit kräftigen Armstößen weiter vom Ufer weg und sein Tier schien ebenfalls diese Kunst zu beherrschen und folgte ihm. Währendessen blieb der kleine Hund am Strand zurück und begann jämmerlich zu fiepsen und zu weinen. Nach kurzer Zeit kehrte der Mann wieder um und als er aus dem Wasser kletterte, konnte sie seine leicht bläulichen Lippen sehen. Tja, das kam eben davon, wenn man sich zu lange in diesem Wasser aufhielt! Zitternd trocknete er sich mit einer Decke ab und legte sich dann in einen der Sonneflecken, der sich durch das Blätterdach gemogelt hatte. Jetzt kümmerte er sich auch wieder um seinen Hund und balgte ein bisschen mit ihm durch das Gras. Das seltsame andere Tier hatte sich ausgiebig geschüttelt, als es aus dem Wasser gekommen war, und fraß nun in aller Ruhe Gras. Es konnte wohl wirklich nicht gefährlich sein.
Nachdem der Mann sein offensichtlich als Reittier dienendes Ungeheuer wieder bestiegen hatte, den kleinen Hund vor sich mit einem Arm haltend, kehrte er dem Wald den Rücken zu und ritt den Nunduine aufwärts nach Osten. Ohne einen Blick zurück verschwand er aus ihrem Gesichtskreis und erst als auch das Geräusch seines Reittieres verstummt war, verließ sie ihren Beobachtungsposten.


Er blickte vielleicht nicht zurück, aber in Gedanken war er immer noch, oder besser schon wieder, bei dem Gesicht des unbekannten Mädchens. Warum wollte sie ihm nur nicht aus dem Kopf gehen? Diese Augen... Mit einem energischen Kopfschütteln verbannte er jegliche Gedanken an ihr blondes Haar, das wie Gold schimmerte, oder.... Ärgerlich rief er sich wieder zur Ordnung. Er würde jetzt auf schnellstem Wege wieder nach Hause reiten, durch Emerie, das Land der Hirten und Schäfer, später den Siril überqueren und mit einem möglichst großen Bogen um Armenelos von Osten her, von der Küste des Hyarrostar, hoffentlich unbehelligt nach Rómenna gelangen. Vor sich hinsummend streichelte er den kleinen Huan, der vor ihm auf dem Sattel sicher in seinem Arm geborgen lag. Durch das dünne Fell konnte er den schnellen Herzschlag spüren. Wenigstens etwas positives konnte er damit seinen Eltern vorweisen. Mit leiser Stimme begann er, Huan die gesamte lange Geschichte von Beren und Luthien zu erzählen, damit der auch die volle Verantwortung, die mit seinem Namen verbunden war, erfassen konnte. Gut gelaunt trieb er Morroch zu einem flotten Trab, weiter den Nunduine hinauf, und dann weit, weit über das flache, nicht durch Bäume begrenzte Hochland und immer weiter, bis nach Hause.
(Ina)