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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Aufregung in Armenelos



Die letzten zwei Monate des Winters, Narwain und Nínuni, verbrachte Gaerros in dem gastfreundlichen Haus seines Onkels und dessen lauter Kinderschar. Er fühlte sich wieder in seine Kindheit zurückversetzt, als er hier oft die Winter verbracht hatte, wenn es zu Hause nichts zu tun gab. Die Zeit wurde ihm nicht lang, denn in diesen Monaten erzählte er den jüngeren Kindern fantastische Geschichten und trainierte mit den älteren Söhnen den Schwertkampf. Sogar zum Bogenschießen kam er in dem großen Garten, auch wenn ihm die Finger in der Kälte fast erfroren. Besonders freute er sich darüber, dass er mit allen Sindarin sprechen konnte. Auch mit seinem Pferd, das er bald nach seiner Farbe Morroch, „schwarzes Pferd“, nannte, unterhielt er sich lange und eingehend, von seinen Verwandten kopfschüttelnd beobachtet.
Die Stadt verdiente zu Recht ihren Beinamen „Die Goldene“, noch nie waren ihm die Häuser so schön erschienen. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass es zum ersten Mal in der langen Geschichte der Stadt etwas gab, das zu den verspielten und goldgeschmückten Fassaden in krassem Gegensatz stand. Die mit Marmor gepflasterten Straßen waren nicht mehr so sauber, dass man von ihnen hätte essen können, sondern in den Winkeln und Ecken sammelten sich Schmutz und Unrat. Auch die Menschen hatten sich verändert. Längst nichtmehr alle trugen saubere, schöne Gewänder und lächelten zufrieden mit sich und der Welt, sondern es gab auch ärmliche Gestalten, die sich in alten unsauberen Kleidern auf der Straße herumtrieben, offensichtlich auf der Suche nach Arbeit und etwas zu Essen.
Allerdings schien hier der Winter nicht gar so schwer auf allem zu liegen, denn die Märkte standen trotz dem Schnee und dem Wind noch offen und an den Ständen wurde im Vorjahr Eingelagertes angeboten. Wer Geld hatte, musste keine Not leiden.
Auch hier nahm Gaerros an Treffen der Getreuen teil, die allerdings weitaus seltener waren und hielt sich mehr im Hintergrund. Schließlich waren hier der Palast und die Spitzel in allernächster Nähe. Die anderen waren ebenfalls vorsichtiger als zu Hause und bemühten sich nicht sonderlich, den Neuen kennen zulernen. Sie sprachen besonders häufig über den Doppelspion, aber genaues hatten sie ebenfalls noch nicht herausfinden können. Das Gerücht von der angeblichen Spionin Saurons hingegen war gewachsen und hatte zum Teil groteske Formen angenommen. Zum Beispiel hieß es, diese Frau würde ihre Opfer mit eigener Hand erdrosseln und sich an dem Anblick ihrer heraustretenden Augäpfeln erfreuen.
In dieser Zeit lernte Gaerros auch die Brüder Isildur und Anárion kennen, die Söhne Elendils, die hier die kleineren Treffen leiteten. Mit der Zeit wuchs seine Bewunderung für diese außergewöhnlichen Männer immer mehr, sie entsprachen viel mehr dem Ideal eines gütigen und gerechten Königs als es der zu Unrecht an die Macht gekommene Ar-Pharazôn tat. Nur zu gerne hätte er etwas für ihre Sache beigetragen, aber ein Fischer war wohl eher von geringem Nutzen.
Aber vor allem genoss er die Freiheiten, die diese auch im Winter geschäftige Hauptstadt ihm bot. Als einer unter vielen wanderte er oft durch alle Straßen und Gassen, bestaunte die weiten Plätze mit den schönen Brunnen. Nicht zu letzt, um sich im Notfall zurechtzufinden sah er sich dabei immer aufmerksam nach Abkürzungen und Schleichwegen um; man konnte ja nie wissen. In den ruhigeren Stadtteilen suchte er sich sogar eine Notunterkunft in einem kleinen schäbigen Schuppen im Garten eines verlassenen Hauses.
Armenelos, die Goldene... Wie ein Traumbild erhob sich der königliche Palast über die Häuser und seine weißen Mauern und goldenen Verzierungen glänzten unter dem blassen Winterhimmel. Fast machte er den rauchenden schwarzen Schlot des Tempels vergessen, dessen ständig austretender Qualm der Stadt eine ganz eigene Duftnote verlieh. Aber eben nur fast.


Eines Abends, als der strahlende Vollmond sich gerade aus den im Osten liegenden Wolken empor schob, war er gerade von einer weiteren nächtlichen Versammlung auf dem Weg nach Hause. Späterkommende hatten von einigem Aufruhr in der Stadt erzählt, Wachen der Palastgarde seien im Gleichschritt unterwegs gewesen, anscheinend auf der Suche nach einem entflohenen Häftling. Dementsprechend vorsichtig hielt Gaerros sich in den scharfen Schatten der Häuser, benutzte nur kleinere Nebenstraßen und verfluchte im Stillen die wolkenlose Nacht. Normalerweise hätte er alles für einen Blick auf die Sterne gegeben, aber ausgerechnet heute, wo er es unbedingt vermeiden wollte, gesehen zu werden...
Einige Gruppen von jeweils vier Palastwachen hatte er schon auf größeren Straßen ungesehen passieren lassen, als er jemanden bemerkte, der offensichtlich verfolgt wurde und gerade die querverlaufende Gasse entlang stolperte. Im hellen Mondlicht erkannte er einen älteren Mann, dessen Kleidung schäbig war und der irgendwie vertrocknet und dürr wirkte. Gaerros stand wie versteinert im Schatten des großen Hauses und lauschte auf die Verfolger. Kamen sie schon? Sein Herz hämmerte plötzlich zum Zerspringen und seine Beine fühlten sich an, als würden sie ihn beim bloßen Gedanken an eine Bewegung bis zum Ende der Welt tragen. Da waren auch schon die sehr viel lauteren Schritte der Verfolger, zwei dunkle Gestalten rannten mit unglaublicher Schnelligkeit dem alten Mann hinterher. Er wusste nicht warum er es tat - aber in dem Moment, in dem sie an der Ecke, hinter der er stand, vorbeilaufen wollten, gab Gaerros dem Drang seiner Beine nach Bewegung nach. Genauer gesagt, er sprang den zwei nebeneinander rennenden Männern mit einer solchen Wucht in den Weg, dass der eine über Gaerros‘ lange Beine stolpernd mit dem Kopf gegen die nächste Hauswand knallte und ab sofort nichts mehr zu sagen hatte. Der andere, der anscheinend unverletzt geblieben war, erholte sich von seiner Überraschung über den unerwarteten Angriff während Gaerros auf seinem Bauch saß. Aus dem Augenwinkel sah dieser, wie der Verfolgte kurz stehen blieb um dann mit doppelter Geschwindigkeit weiterzurennen. Mehr verwundert als ärgerlich sah sein „Opfer“ diesem anscheinend größenwahnsinnigen Jungen in das vom Vollmond wunderbar beleuchtete Gesicht und bemerkte den Faustschlag nicht einmal, der, gegen seinen Kiefer gerichtet, nur einen Schmerzensschrei bei dem Angreifer auslöste, als seine Faust den Helm traf. Allerdings erinnerte er sich wieder daran, wer er war. „Na warte“ knurrte er und entfernte Gaerros aus der unbequemen Position auf seinem Bauch, indem er ihm seinen helmbewehrten Kopf an die Stirn stieß. Bevor Gaerros wusste, wie ihm geschah, lag er auf dem Boden, aus einem Schnitt auf der Stirn blutend, und jetzt gab es kein Halten mehr - mit einer blitzschnellen Bewegung kam er wieder auf die Beine und rannte, rannte wie noch nie in seinem Leben. Was hatte er getan?! Wie war er nur dazu gekommen, eine Palastwache anzugreifen??? Diese Kerle wurden schon mit einem Helm auf dem Kopf und einem Schwert an der Seite geboren, hieß es, und er rannte einfach so zwei davon über den Haufen. Und das auch noch bei Vollmond! Und dann handelte er sich noch eine Verletzung ein, an der ihn jedes Kind erkennen konnte. Er hätte sich am Liebsten ein paar Ohrfeigen verpasst, wenn er nicht hätte rennen müssen. Aber als er über die Schulter sah, bemerkte er, dass die Wache anscheinend doch nicht unverletzt davongekommen war, hinkend musste der Mann die Verfolgung abbrechen. Wenigstens läuft doch nicht alles schief, war alles, was er noch denken konnte, während er zu seinem Unterschlupf eilte. So geräuschlos wie möglich stieg er über die Mauer des verlassenen Hauses in den Garten und verkroch sich wie ein gehetztes Tier in dem Schuppen.


Der Wachmann musste wegen seinem verletzten Knöchel die Verfolgung aufgeben und kehrte fluchend zu seinem bewusstlosen Kameraden zurück. Von dem alten Mann, der aus dem Kerker ausgebrochen war, war natürlich längst nichts mehr zu sehen. Der Zorn seines Kommandanten würde fürchterlich sein, das war gewiss. Er hoffte, ihn mit der Beschreibung dieses dummen Jungen besänftigen zu können, aber bei diesem Mann konnte man nie sicher sein. Dieser Zwischenfall würde Wasser auf den Mühlen von Saurons Schwarzer Garde sein, die die gesamte Palastwache als unnötige Geldverschwendung und Ansammlung von minderbemittelten Schwachköpfen betrachtete. Und da hatte der Kommandant verständlicher Weise etwas dagegen. Seufzend versuchte er seinen Kameraden aufzuwecken und machte sich mit dem immer noch halb betäubten an seiner Seite auf den Weg zurück zum Palast. Diese Nacht würde für sie beide noch sehr viel unangenehmer werden...


In dieser Nacht konnte Gaerros keinen Schlaf finden, die Platzwunde an seiner Stirn blutete und brannte höllisch und zu allem Überfluss war die Wand des Schuppens undicht, so dass der eisige Wind ungehindert durch die Ritzen blasen konnte. Noch nie war ihm eine Nacht so lang vorgekommen. Sobald das erste graue Morgenlicht in sein Versteck sickerte, machte er sich auf den Heimweg, fest in seinen Mantel gewickelt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Im Haus seines Onkels war nur der älteste Sohn schon wach, der ihn besorgt in die warme Küche führte und erst einmal den tiefen Riss auf der Stirn versorgte. Er fragte nicht, was passiert war, er wusste, dass Gaerros entweder von selbst erzählen würde, oder eben nicht.
Nach dem Frühstück, als auch die restlichen Kinder und ihr Vater wach waren, berichtete Gaerros Gethron, was passiert war und dass er würde fliehen müssen. Sein Onkel nickte. „Ja, ich halte es auch für das Beste, wenn du für einige Zeit verschwindest. Nicht dass wir dich loswerden wollen,“ fügte er lächelnd hinzu, „aber der Auftraggeber dieser Kerle versteht keinen Spaß und ich möchte nicht den Sohn meines Bruders verlieren. Zum Glück nähert der Winter sich dem Ende, sonst hätte ich dich nicht guten Gewissens aus der Stadt lassen können. Aber der Schnee verschwindet langsam und es wird wärmer - ein wenig zumindest. Also, bist du bereit morgen früh loszureiten?“
Gaerros nickte. „Wenn ihr mich noch mit Vorräten versorgen könnt, bin ich bis zum Sommer verschwunden. Ich wollte mir schon immer einmal die ganze Insel anschauen. Ist doch eine gute Gelegenheit, oder?“
Mit einem müden Lächeln versuchte er seine Angst zu überspielen, aber die jüngste Tochter, die zu ihm auf den Schoß geklettert war, sah ihn aus ihren unschuldigen blauen Augen an und flüsterte ihm dann ins Ohr: „Du darfst keine Angst haben! Sonst gewinnen die anderen!“


Am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel, der vom Meer aus in die Stadt gekrochen kam und sein Vorhaben begünstigte, indem er alle Formen zu bloßen Schemen verwischte, verließ er Armenelos. Morroch hatte den Winter gut überstanden und war mit seinem dicken Winterfell sehr viel besser gegen das feucht-kalte Wetter gewappnet als Gaerros in seinem langen Mantel. An seinem Sattel hingen dicke Satteltaschen mit genügend Vorräten bis zum Frühling gefüllt, wenn er sich wieder vorsichtig in bewohnte Gegenden würde wagen können. Zusätzlich hatte er neue, für ein Leben im Freien geeignete Kleidung erhalten. Unter dem langen dunklen Mantel trug er ein dickes wollenes Wams, dazu eine aus festem Rindsleder gefertigte Hose und hohe Stiefel. Der Abschied von dem fröhlichen Haus fiel ihm schwer, diese zweite Familie vermisste er jetzt schon.
Die Torwachen ließen ihn überraschender Weise ungehindert passieren und waren anscheinend selbst noch nicht ganz wach. Sobald er die Stadtmauer im Rücken hatte und die Nebelschleier das Tor verbargen, trieb er sein Pferd zum Galopp und eilte wie ein Schatten in Richtung Norden davon. Am Fuße des Meneltarma entlang wandte er sich bald nach Osten, zunächst einmal wollte er sich ein wenig in diesem weiten Landwirtschaftsgebiet aufhalten, bis etwaige Verfolger die Straßen wieder unbeobachtet lassen würden. Mit einem lauten Schrei spornte er sein Pferd zu noch größerer Schnelligkeit an und fegte über die sanften Hügel davon.


So unwahrscheinlich es ihm auch schien, sein Onkel hatte Recht gehabt, der Winter näherte sich nach viel zu langen drei Monaten tatsächlich seinem Ende. An dem Morgen, der einer weiteren durchwachten Nacht folgte, begann ein warmer Südwind sanft zu blasen, eine willkommene Abwechslung zu den eisigen Nordwest-Stürmen. In der nächsten Woche durchritt er gemütlich die ländlichen Gegenden des Orrostar, des nordöstlichen Ausläufers der Insel, und beobachtete das langsame Ergrünen der Felder, das ihm nach der langen Winterpause mit ihrem monotonen Grau und Weiß sehr willkommen war.
Langsam begann er sich auf seinen Inselrundritt zu freuen, er hatte die westlichen Lande, aus denen seine Eltern stammten, bisher noch nie besuchen können, aber durch ihre Erzählungen trotzdem ein Gefühl von Heimat aufgebaut.
Als er an diesem Morgen den Stall verließ, in dem er dank der Güte eines Bauern übernachtet hatte, wandte er sich nach Nordwesten und der Küste zu. Hinter ihm erhob die glutrote Sonne ihr Haupt über den Horizont und ließ das seit langer Zeit endlich wieder ruhige Meer wie flüssiges Gold erstrahlen.
(Ina)