Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel




Die Versammlung



Als sein Vater an diesem Abend das Haus verließ, begleitete Gaerros ihn, er war unfähig das Warten zu Hause länger zu ertragen. - Aber der König hatte zuerst mit der Vernachlässigung der Opfer begonnen und sich dadurch wohl den Zorn der Valar zugezogen. - Heimlich, um versteckten Spitzeln keinen Grund zu geben irgendetwas Illegales zu vermuten.
Henderch und Gaerros gingen schweigend nebeneinander durch die breiten und gepflegten Straßen Rómennas, die schon still und verlassen lagen. Sie gingen leise, aber nicht übervorsichtig heimlich um versteckten Spitzeln keinen Grund zu geben irgendetwas illegales zu vermuten. Sie erreichten ihr Ziel gleichzeitig mit einigen anderen dunklen Gestalten und betraten nacheinander die breite Tür, durch die ein freundlicher Streifen gelben Lichts auf das Pflaster fiel.
Innen legten sie ihre Mäntel ab und folgten dem schmalen Flur in einen großen Raum, der unter normalen Umständen wohl als Wohnzimmer dienen mochte, heute Abend jedoch mit Bänken und darauf sitzenden Männern fast vollständig gefüllt war. Am Eingang stand ein niedriger Tisch mit einem Pergament und einer Feder darauf. Gaerros sah verwundert, dass sein Vater sich unter dem Namen Glaurung eintrug. „Was soll das denn? Warum gibst du nicht deinen wirklichen Namen an, sondern den eines verschlagenen Drachen?“ fragte er erstaunt.
Sein Vater sah in kopfschüttelnd an. „Bist du wirklich so naiv, dass du glaubst, wir wären hier vor Spitzeln des Königs sicher, Îbal?“ erwiderte er, bewusst Gaerros‘ adunaischen Namen verwendend. „Nein, vor denen gibt es keine Sicherheit, und jetzt trag dich meinetwegen als Huan, den treuen Hund, ein!“ Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Treu und ein bisschen naiv... naja, beeil dich lieber, sie fangen sonst ohne uns an.“
Gaerros zuckte mit den Schultern und beugte sich über das Pergament um in dem schwachen Licht etwas zu erkennen und zwängte den Namen des großen Kriegshundes aus Valinor in die letzte Zeile. Als er sich die anderen Namen ansah entdeckte er, dass es allesamt als solche zu erkennende Decknamen waren wie zum Beispiel Turin oder auch Beren. Dann folgte er seinem Vater zu den freien Plätzen in einer der hinteren Bänke und wartete gemeinsam mit den anderen bis alle Stimmen verstummt waren. Gaerros sah sich aufmerksam um, ein oder zwei der Gesichter erkannte er als die von Freunden seines Vaters, andere glaubte er schon einmal bei kurzen Besuchen in ihrem Haus nach Einbruch der Dunkelheit gesehen zu haben. Keiner schaute fröhlich oder unbeschwert, alle wussten um die Gefahr, die ihnen drohte, falls sie erwischt würden. In diesem Moment erhob ein großer Mann, der bisher schweigend an dem großen Tisch vor den Versammelten gesessen hatte, seine Stimme. Sie war klar und seine Worte drangen bis in die hinterste Ecke, obwohl er nicht einmal besonders laut sprach. Zu Anfang sprach er eine Begrüßungsformel in der Elbensprache und bat um den Segen der Valar für ihre Versammlung. Dann wechselte er zum Adunaischen über, damit ihn auch wirklich jeder verstehen konnte.
„Willkommen, Freunde. Wir, die wir uns die Getreuen nennen - auch, wenn wir nach Auffassung anderer dem König die Treue brechen und den ihnen verhassten Westen weiter in Ehren halten - sind immer noch zahlreich, obwohl ich mich an Abende erinnere, an denen nicht einmal die Hälfte der Besucher in diesen Raum gepasst hätte, doch sehe ich heute noch leere Plätze. Es sind schwere Zeiten über uns gekommen, wir können uns nicht mehr in großer Zahl versammeln, ohne Gefahr zu laufen entdeckt zu werden. Und ich habe schlechte Nachrichten aus dem Palast erhalten: anscheinend gibt es einen Spion. Es geht das Gerücht um, sein Name sei sowohl auf einer der unseren, als auch auf einer der Listen der Königsmänner aufgetaucht. Das sind beunruhigende Nachrichten, besonders, da wir nicht wissen, welcher Seite dieser Mensch in seinem Geiste dient, oder ob er gar von Sauron beauftragt ist, alle möglichen feindlichen Strömungen in beiden Lagern aufzudecken. Hat einer von euch Informationen zu dieser Sache, oder eine Idee, wie wir mit der Situation umgehen sollen?“
Die Stille lastete schwer auf der versammelten Gemeinschaft. Gaerros sah sich beunruhigt um, wollte denn keiner etwas dazu sagen?
Schließlich stand ein blonder Mann in der zweiten Reihe auf und sprach. „Wie ich gehört habe, ist vor kurzem ein bedeutender Führer unter den Königsmännern getötet worden - sein Haus brannte in wenigen Stunden vollständig ab und nur eine Magd konnte sich retten, und sie erzählt, ihr Herr habe vor kurzem eine neue Geliebte mitgebracht. Nach ihren Worten soll sie außergewöhnlich hübsch sein, obwohl sie sie nie genau zu Gesicht bekam, da die Fremde immer verhüllende Kapuzenmäntel trug. Es wäre möglich, dass diese Frau dahinter steckt, denn wer sich solche Mühe gibt, nicht erkannt zu werden...“
Ein anderer stand auf und erwiderte: „Diese Frau kann aber nicht besagter Doppelspion sein, da sie hier in unserer Runde so sehr auffallen würde, wie die Sonne in der Nacht. Und ich glaube kaum, dass die Königsmänner wesentlich mehr Frauen in ihren Reihen kennen, als dass es dort anders sein würde. Vielleicht ist sie aber ein Spion, der den Spion ausspionieren soll?“
Aufgeregtes Gemurmel durchlief den Raum. Gaerros neigte sich zu seinem Vater und flüsterte: „Was hältst du denn davon? Wer könnte so ein Doppelspion sein?“
Sein Vater schüttelte bedauernd den Kopf und bedeutete ihm still zu sein, da der nächste schon begonnen hatte zu sprechen. „Und was gedenken wir jetzt zu unternehmen? Sollen wir uns alle neue Decknamen geben und den ledigen Männern unter uns den Umgang mit hübschen Frauen verbieten? Was sollen wir tun, Elendil?“
Gaerros schnappte nach Luft. Das war also der Mann, auf dem alle ihre Hoffnungen ruhten - der nächste König, falls es jemals zu einem Umsturz kommen sollte, und er wagte sich ohne Schutz mitten unter Menschen, die ihn vielleicht verraten könnten. Denn bis jetzt konnte der König ihm und seinen Söhnen nichts nachweisen, aber die Belohnung für die Beweise, dass der Fürst von Andunie einen Putsch plante, würde wahrlich königlich sein. Aber davon ließ Elendil sich anscheinend überhaupt nicht abschrecken.
Der Angesprochene nickte bedächtig. „Das sind gute Fragen, und ich bin dafür, wenigstens ersteres zu beschließen. Wer von euch stimmt einer allgemeinen Namensänderung nicht zu?“
Keiner hob die Hand. „So, das wäre geklärt. Was den Umgang mit hübschen Frauen angeht - das muss jeder selbst entscheiden. Ich rate aber auf Abstand zu gehen, falls das Mädchen zu viele neugierige Fragen stellen sollte. Können damit auch alle leben?“
Diesmal hoben alle schweigend die rechte Hand. Elendil stand auf und erhob seine Arme. „Dann wünsche ich euch alles Glück auf dem Heimweg und möge Eru uns gnädig sein.“
Die Anwesenden begannen zum Ausgang zu strömen und Gaerros hörte mehr als einmal das Klirren von Metall - offensichtlich trauten nicht alle hier der Gnade Erus oder der Gesinnung aller Anwesenden. In dem engen Flur wurden rasche Abschiedsworte gemurmelt und dann verließen die Männer das Haus - immer in Grüppchen von dreien oder zweien und sie ließen immer mehrere Minuten dazwischen verstreichen. Als Gaerros der Enge entkommen war, atmete er erleichtert die kühle Nachtluft ein und bestaunte den schwarzen, mit Myriaden von Diamantsplittern übersät scheinenden Samtteppich des Himmels. Besonders klar und leuchtend schien die Sichel der Valar - eigentlich als Zeichen der Vernichtung Melkors gedacht, nun aber als schien sie ihm eine Drohung gegen den Hochmut des Königs und seiner Untertanen. Mit schnellen Schritten wandten sie dem Haus den Rücken, nahmen auch einige Umwege in Kauf, um etwaige Verfolger zu verwirren und gelangten schließlich nach Hause. Leise konnte man das Rollen des Meeres hören, das vor dem Hafen gegen die Wellenbrecher schlug und innen befriedet gegen die Brücken und Kais schwappte.
Als Gaerros in seinem Zimmer lag, lauschte er diesem immerwährenden Lied noch eine Weile und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Das war seine erste Versammlung gewesen, und sofort waren ihm die Gefahren auf drastische Weise vor Augen geführt worden. Er würde sich vor hübschen Frauen in Acht nehmen. Nicht, dass ihm das große Schwierigkeiten bereiten würde - er hatte kaum Interesse an den meisten Mädchen in der Stadt. Sie wirkten leblos und unecht, und da er nicht wusste, wie sie zu den Getreuen standen, hielt er sich meistens von ihnen fern und sie zeigten auch kein größeres Interesse an ihm. Natürlich hatte er schon Freundinnen gehabt, aber es hatte sich nie etwas Ernsthaftes entwickelt. Schade, dass er niemanden hatte, mit dem er seine Gedanken und Gefühle teilen konnte, wie das bei seinen Eltern der Fall war. Erschöpft schloss er die Augen. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und morgen würde er seiner Mutter im Garten helfen müssen, um die letzten Kartoffeln sicher vor dem Frost ins Haus zu bringen. In einigen Teilen des Landes herrschte Nahrungsmittelknappheit, da Teile der Ernte durch Schädlinge vernichtet worden waren und der König weiter hohe Tribute auch im eigenen Land forderte, aber noch war nichts Ernstes daraus geworden. Die Vorratskammern der Städter waren gut gefüllt, aber die Landbevölkerung spürte schon früher etwas davon. So war auch das Dankfest der Familie nicht ganz so fröhlich wie sonst gewesen. Trotzdem glaubten sie alle daran, dass Eru sich der Menschen erbarmen würde.
Er zog die Decke fester um sich und drehte sich zur Wand. Morgen war auch noch ein Tag und er würde sehen, was er bringen würde.


Sie hatte die letzten Wochen damit verbracht, ihren Unterschlupf, den sie immer im Herbst und Winter bezog, wieder einmal winterfest zu machen und gegen die Herbststürme abzusichern. Die Ritzen zwischen den Stämmen, die die Seitenwände der kleinen Hütte bildeten, hatte sie mit dicken Moospolstern verstopft und das Dach mit Grasmatten und Rindenstücken abgedichtet, die sie den Bäumen vorsichtig und möglichst ohne ihnen zu schaden ablöste. Mit sanften Liedern in Worten der Elbensprache versuchte sie den Schmerz von ihnen fernzuhalten, damit sie die Wunden nicht spürten. Tatsächlich schien sich die Rinde leichter mit diesem begleitenden Gesang lösen und die offenen Stellen nässten kaum, sondern heilten schnell. Ihre Kleidung war ein weites Hemd aus Stoff und eine aus dünnen Tierhäuten gefertigte, knielange Hose. Häute zu verarbeiten und zu vernähen - das hatte ihr eine Frau mit ganz runzligem Gesicht und weißen Haaren beigebracht - wer war sie gewesen? Sie wusste es nicht mehr, sie war damals noch so jung gewesen. Sie hatte fast ihr ganzes Leben hier verbracht und wusste keinen eigenen Namen. Niemand war bei ihr, aber Gesellschaft hatte sie genug: Sie sprach mit den Bäumen und Tieren des Waldes in der Elbensprache, die sie wohl auch von der alten Frau gelernt hatte, aber das wusste sie auch nicht mehr sicher. Manchmal jedoch fühlte sie sich ein bisschen einsam und sehnte sich nach einer freundlichen Stimme, wie sie sie noch aus ihrer Kindheit kannte.
Gerade kehrte sie von einer Wanderung zu den dichten Haselsträuchern im Norden des Waldes zurück, denen sie einen Teil ihrer Nahrung verdankte. Außer Nüssen und anderen Früchten, die der Wald hergab, aß sie wenig. Sehr selten wagte sie sich aus dem Wald an das Meer oder an den See im Osten um einen Fisch zu fangen, die anderen Tiere des Waldes schoss sie mit einem leichten Bogen nur in größter Not oder fing sie in einfachen Fallen. Sie versuchte die Tiere immer möglichst schnell und schmerzlos zu töten, aber das Fleisch hatte für sie dennoch immer den Beigeschmack des Tötens. Allerdings musste sie Fleisch essen, das hatte ihr die Frau auch beigebracht. Nur von Pflanzen zu leben würde sie schwach und krank machen.
Seufzend ließ sie ihre heutige Ausbeute in ihre Vorratskiste prasseln, das einzige, was sie von anderen Menschen besaß. Diese Truhe war aus dunkel poliertem Holz und auf dem Deckel war ein Stern in Silber eingelassen, der in der Mitte eine große, glitzernde Perle trug. Sie fand diese Kiste sehr nützlich, da dort drin ihre Sachen vor Feuchtigkeit und Fäulnis geschützt waren, und natürlich war sie auch schön. Etwas Anderes als ihre mühsam gesammelte Nahrung hätte sie allerdings auch kaum hinein tun können. Nur ein kleiner Beutel aus Leder war noch darin, wenn sie ihn nicht an ihrem Gürtel trug. Er enthielt sogar noch etwas kostbareres als ihre Vorräte: Kräuter, die Wunden heilen konnten, Müdigkeit vertrieben und Träume brachten.
Ihre anderen Haushaltsgegenstände, ein einfacher Hozbecher und ein Teller aus Baumrinde sowie den leichte Bogen und den Köcher, bewahrte sie in einer anderen Ecke der Hütte auf. Die Hälfte des Raumes wurde sowieso von ihrem Lager eingenommen, eine tiefe Blätterschicht mit mehreren Felldecken und Grasmatten zum Zudecken. Die brauchte sie auch, denn dieser Herbst war jetzt schon rauer und kälter, als sie es bisher kannte. Das Meer war nichtmehr freundlich blau, sondern grau und die Wellen klatschten unwillig gegen den seichten Strand in der Bucht, wenn sie sich endlich unter all den unzähligen Schiffen mit ihren stahlverstärkten und mit bösartigen Rammspornen versehenen Rümpfen hindurch gequetscht hatten.
Ihr gefiel das nicht, aber sie musste wohl den Winter abwarten und hoffen, dass der Frühling wieder fröhlich und freundlich würde. Dann könnte sie auch wieder auf ihrem Baum wohnen... sie versank in einem schönen Traum von einem sonnigen Frühling.


Der Winter näherte sich in großen Schritten und brachte eisige Luft aus dem Norden und sogar Schnee. Früher waren die Winter mild und ruhig gewesen, nur eine Atempause im Lebenszyklus der Pflanzen und Tiere. Jetzt erschien er als Gegner, auch wenn sich die Kinder natürlich über die Schneeballschlachten freuten.
Die Menschen auf dem Land begannen ihre Häuser zu verrammeln und zu verschließen, um den eisigen Wind abzuhalten, während in den Städten das Leben weitestgehend unverändert weiterging.


(Ina)