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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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E..râ..zon

Er roch seine Verfolger hinter sich. Sie waren weit abgeschlagen, aber ausruhen konnte er sich noch nicht. Auch wenn, seine Instinkte hätten ihn vorwärts getrieben.
Die Freiheit. Er konnte sie riechen. Schwach, fast vollständig von der modrigen, abgestandenen Luft unter dem Palast verdeckt. Doch er konnte sie riechen.
Unbeirrbar rannte der Wolf durch die Gänge. Er wollte nur nach draußen zu gelangen. Und er kannte den Weg. Immer den Gerüchen nach.
Längst war der Lärm hinter ihm verklungen. Das Scheppern der Rüstungen und die Schreie der Wachen waren verstummt. Der Wolf hatte sie abgehängt. Menschen konnten es nicht mit ihm aufnehmen.
Der Gang machte eine weitere Biegung. Nicht mehr weit. Der Wolf witterte Gras.


Er schreckte auf. Sein Herz klopfte. Schweiß hüllte seinen Körper ein. Sein Atem kam stoßweise.
Der Traum griff ein letztes Mal nach seinem Bewusstsein, ließ ihn denken in einem unterirdischen Gang zu sein.
Dann spürte er das Gras unter seinem Rücken, spürte, wie der Wind über seinen Körper streifte.
Er fror.
Wo war er?
Er erinnerte sich an den Kerker, an die Gitterstäbe und die Wachen, die ihm Essen gebracht hatten.
Wie war er ihnen entkommen?
Eine Frau ... eine Frau, die die Zelle öffnet.
Die Erinnerung durchfuhr ihn wie ein Blitz. Die große, dunkelhaarige Frau hatte ihn frei gelassen.
Und dann? Wie war er hierher gekommen?
In seiner Erinnerung fehlte ein Stück. Das letzte, an das er sich erinnerte, war seine Wut auf die Wachen.
Er schob seine Gedanken beiseite und beschloss sich umzugucken, denn so konnte er nicht liegen bleiben. Er fror – der Rest seiner Kleidung hing in Fetzen an seinem Körper - und war auf der Flucht.
Die Seitenwand des Palastes ragte vor ihm auf. Wenige Schritte davor stand ein weißes Gartenhäuschen. Es überragte ihn um etwas weniger als eine Elle. Die Tür stand offen. Er musste sich beim Überqueren der Schwelle ducken.
Fast wäre er über eine Falltür gestolpert und in die darunter liegende Höhle gefallen. Doch im letzten Moment machte er einen Schritt zur Seite. Etwas in ihm hatte gewusst, dass dort eine Falltür war.
Er ließ sich in die Höhle hinab. Er fühlte sich nicht wohl. Das Versteck lag ihm zu dicht am Palast. Er hätte gerne etwas mehr Abstand zwischen sich und dem Kerker gewusst, aber bei Tageslicht konnte er nicht unbemerkt verschwinden.


Der Tag schien sich in alle Ewigkeit hinzuziehen. Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden und Stunden zu Tagen, während er in der Höhle auf die schützende Dunkelheit wartete.
Sein Verstand riet ihm sich von anderen Menschen fern zu halten. Schließlich war er aus dem Kerker entflohen – auch wenn er nicht wusste wie – und sicher wurde nach ihm gesucht.
Doch Armenelos zog ihn fast magisch an und es kostete ihn große Anstrengung auf die Nacht zu warten.
Als es dann endlich soweit war, wäre er fast einer Patrouille in die Arme gelaufen.
Der Garten des Palastes lag hinter ihm. Eine gepflasterte Straße wand sich vom Palast den Hang hinunter in die Stadt.
Er hörte die Wachen, bevor er sie sah. Laut scherzend kamen sie ihm entgegen. Er blickte sich um. Die Umgebung der Straße war kahl. Kein Strauch oder Baum, hinter dem er sich verstecken konnte. Seine einzige Chance war die Dunkelheit.
So leise er konnte, schlich er fünf Schritte zur Seite. Dort warf er sich flach in das Gras. Wer genau hin guckte, konnte einen merkwürdigen Hügel erkennen. Die Ritter waren aber zu sehr mit sich beschäftigt um die Umgebung zu beachten. Er bezweifelte, ob sie ihn bemerkt hätten, wäre er einfach weiter gegangen. Aber er wollte kein Risiko eingehen. Deswegen blieb er noch einige Zeit liegen, nachdem die Patrouille in der Dunkelheit verschwunden war.
Der weitere Weg in die Stadt hinunter verlief ereignislos.
Schließlich erreichte er die ersten Häuser. Doch, jetzt da er Armenelos endlich erreicht hatte, war er enttäuscht.
Er kam sich wie ein Ausgestoßener vor.
Die Dunkelheit lag drückend auf der Stadt. Nur hier und dort durchbrach das warme Kerzenlicht aus den Häusern den Schleier.
Jeder Lichtschein versetzte ihm einen schmerzhaften Stoß. Die Kerzen bedeuteten Leben. Menschen, die hinter den Lehmmauern aßen, redeten, schliefen. Während er durch die verlassenen Straßen zog, immer darauf bedacht im Schatten zu bleiben. Nur selten begegnete er anderen, Gestalten, die wie er ziellos umherirrten.
Eine Frage drängte sich ihm mit aller Macht auf: Was war vorher gewesen, bevor er in diesem merkwürdigem Kellerraum aufgewacht war, vor dem Kerker, bevor er einsam durch die Straßen irrte? Was?
Hatte er ein Leben gehabt? Hatte er zu denen gehört, die im Kerzenschein waren? Hatte er eine Frau, Kinder? War er Bauer gewesen oder Handwerker, oder ...?
All das war wichtig, aber am meisten quälte ihn das „Warum“. Warum war er aufgewacht, um sich in einem Albtraum zu finden?
Warum ausgerechnet er?
Ein Mann kam ihm entgegen. Er hatte schon längst aufgehört, andere zu beachten, sie beachteten ihn genauso wenig. Deswegen reagierte er erst, als es schon fast zu spät war.
Der andere hatte ein Messer gezückt und drückte es ihm an den Bauch. Die linke Hand presste der Angreifer ihm ins Gesicht.
Mit einer Gewandtheit, die er sich nie zugetraut hatte, drehte er sich aus dem Griff und schaffte es irgendwie das Handgelenk des anderen zu fassen. Er ließ sich fallen. Das Messer stieß in die Luft. Der Angreifer wurde mit zu Boden gerissen.
Warum hatte der Angreifer gerade ihn gewählt? War er nicht vom Schicksal hart genug geschlagen? War er nur ein Spielball, mit dem andere machten, was sie wollten?
Ohne dass er es merkte, steigerte er sich immer mehr in Wut hinein. Blinde Wut gegen alles und jeden. Er entlud sie an seinem Angreifer.
Das Messer fiel aus der kraftlosen Hand.
Dann ging alles rasend schnell. Er kam sich vor, als stünde er neben sich, als schaue er einem Fremden beim Kämpfen zu.
Kraftvolle, behaarte Arme, mit denen er den Angreifer nieder rang.
Blitzschnelle, behände Aktionen, die dem Anderen keine Chance ließen zu reagieren.
Und so schnell, wie es begonnen hatte, war es auch schon vorbei. Er warf den Angreifer auf den Boden, schlug ihn, würgte ihn, ließ seine ganze Wut an ihm aus.
Eine Hand packte ihn an der Schulter und riss ihn aus dem Blutrausch: „Lasst ihn los!“
Die ruhige Stimme hatte etwas Befehlendes. Er konnte nicht anders, als seinen Griff zu lockern und sich zur Seite zu rollen.
Der Mann half dem Angreifer auf die Beine und flüsterte ihm etwas ins Ohr, woraufhin dieser sich beeilte weg zu humpeln.
Jetzt kam der Mann zu ihm. Seine Hand streckte er hilfreich nach vorne.
Eigentlich hätten ihm tausend Gedanken durch den Kopf schießen sollen, doch er konnte den Fremden nur mit offenem Mund anstarren. Nie kam ihm die Gefahr in den Sinn, in der er sich befand.
Als der Mann erneut sprach, war seine Stimme immer noch ruhig, aber jetzt schwang auch etwas Wärme in ihr mit: „Ihr seid Erâzon.“
Erâzon, der Name bewegte etwas ihn ihm, aber ...
Er konnte noch immer keinen vernünftigen Gedanken fassen. Unsicher blickte er auf. Wer war dieser Mann, der aus dem Nichts gekommen war, der mit seinem Samtumhang und der würdevollen Haltung nicht in diese Gegend passte, dieser Mann, der ihn zu kennen schien? Er öffnete den Mund zu einer Erwiderung, doch der Fremde kam ihm zuvor: „Das war keine Frage. Ihr seid Erâzon!“
Er probierte den Namen aus. „Er..â..zon“ Es fühlte sich merkwürdig an, aber nicht falsch. Ganz im Gegenteil, es war schön wieder einen Namen zu haben. Erâzon. Er war Erâzon. Nur er, niemand sonst. „Aber woher...“
Der Mann unterbrach ihn erneut: „Ich kann Euch helfen.“
Noch immer hielt er seine Hand ausgestreckt. Erâzon ergriff sie. Er war misstrauisch, aber der Fremde hatte ihn neugierig gemacht.
„Dann ... sa ... gen Sie mir, ... wer ... ich bin.“ Die Worte kamen mühevoll aus seinem Mund. Wie lange hatte er nicht mehr geredet?
Der Fremde lachte und wischte sich die Hand an der Hose ab, darauf achtend, seinen Umhang nicht schmutzig zu machen.
„Da bin ich der Falsche, aber ich weiß, wer Euch helfen kann. Belzamir.“
Erâzons Blick zeigte seine Verwirrung.
„Belzamir! Derjenige, der Euch das angetan hat.“
„Sie ... wissen ...“
„Ja, ich kenne Euer Geheimnis. Und ich bedauere, was Euch angetan wurde. Ich möchte Euch helfen, Erâzon.“
„A ... ber warum?“
„Ich will Gerechtigkeit. Jetzt hört zu. Ihr werdet die Antworten auf all Eure Fragen bekommen. Belzamir wird sie Euch geben und ich helfe Euch dabei.“
Auf einmal wurde Erâzon misstrauisch. Wer war dieser Mann, der vorgab ihm helfen zu wollen. Nur, weil er ihm seinen Namen gesagt hatte, sollte er ihm vertrauen? Woher wusste der Mann überhaupt seinen Namen? Und woher wusste Erâzon, dass der Fremde nicht log?
„Warum sol ... lte ich Ihnen ver ... trauen?“
„Ihr müsst mir nicht vertrauen. Ich will Euch nur einen Rat geben. Ob Ihr ihn befolgt, oder nicht, liegt bei Euch. Ihr wollt Euch doch rächen?! Ihr wollt doch erfahren, wer Ihr seid?!“
Erâzon gab keine Antwort.
„Ihr müsst wissen, Belzamir ist geschickt darin, Menschen seinen Willen aufzuzwingen. Ich weiß nicht, wie es bei Wölfen ist, oder Wolfsmenschen. Aber Ihr solltet Euch dennoch hüten in seine Augen zu blicken – auch als Wolf.“
„Als Wolf?“
„Ihr wisst es nicht?“ Nun war der Fremde erstaunt „Ihr wisst nicht, was Belzamir Euch angetan hat?“
„Er ... er ... hat mich ein ... gesperrt!“ Erâzon verspürte eine ungeheure Wut auf Belzamir, denjenigen, der ihm sein Leben geraubt hatte. Das Misstrauen gegenüber dem Fremden war verschwunden. Jetzt stand es fest, er würde Belzamir aufzusuchen. Er würde sich rächen. Er würde tun, was immer der Fremde ihm riet. „Ist das alles, was Ihr wisst?“
Die Überraschung des Fremden war Belustigung gewichen. „Schaut Euch an, vergleicht Eure Arme mit meinen. Seht, wie behaart Eure sind. Das ist kein Beweis, aber denkt an den Kampf bevor ich kam! Der Angreifer hatte Euch überrascht, er trug ein Messer, doch hatte er eine Chance? Nein, Ihr wart zu stark, zu wendig! Und seid Ihr Euch bewusst, dass Ihr ihn fast getötet hättet? Nicht Ihr wart es, der kämpfte, sondern das Tier in Euch, der Wolf!“
Mit einem Mal fügte sich in Erâzons Kopf alles zusammen. Sein Traum stand in allen Einzelheiten vor ihm. Ein Wolf, der durch dunkle Gänge rannte, verfolgt von Wachen. Das war er! So war er entkommen!
„Ich ... kann es nicht ... - ich weiß nicht ... ein ... mal, was ... – ich ... er ... innere mich nicht.“ Erâzon hatte zu sich selbst gesprochen, aber der Fremde antwortete.
„Dabei kann ich Euch nicht helfen. Aber merkt Euch gut, was ich über Belzamir gesagt habe! Ihr werdet es brauchen, wenn Ihr ihm gegenüber steht.“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte der Mann sich um und ging die Straße herunter. Erâzon wollte ihm hinterher. Er hatte so viele Fragen. Aber er konnte nur stehen bleiben und zusehen, wie der Fremde verschwand.


Nach kurzer Zeit löste er sich aus der Erstarrung. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Doch im Moment hatte es Vorrang ein Versteck zu finden, in dem er den Tag sicher verbringen konnte. Für Erâzon kam nur eine Richtung in Frage: weg vom Palast.
Er gelangte ohne Zwischenfall aus Armenelos hinaus, in die hügeligen Ausläufer des Meneltarmas. Er folgte der breiten Straße, die von Rómenna im Osten kam und auf ihrem weiten Weg nach AnduniÁ quer über Númenor führte, ein Stück, wobei er sich neben der Straße hielt und sich auf den Boden fallen ließ, wenn gelegentlich ein Reiter vorbei kam.
Die Sonne warf mattes Licht auf seinen Rücken, als Erâzon die Straße verließ und sich nach Norden wandte.
Er war müde und sein Magen knurrte. Es wurde Zeit ein Versteck zu finden, wo er den Tag ungestört verbringen konnte.
Als Armenelos zum Leben erwachte, fand er schließlich eine Höhle, die unbewohnt aussah. Er ging tief in die Höhle hinein, entsann sich dann aber und setzte sich auf den steinigen Boden nahe des Ausganges.
Es gab viel, das seine Aufmerksamkeit verlangte. Viel zu überlegen. Außerdem war er hungrig.
Doch die Müdigkeit übermannte ihn und schon bald war Erâzon eingeschlafen.


Die Rehe tranken friedlich aus dem Bach. Der Wind wehte ihm entgegen, so dass sie ihn nicht wittern konnten. Langsam näherte er sich. Alleine war er kein guter Jäger. Aber er konnte sich anschleichen. Seine Pfoten machten kein Geräusch auf dem Grasboden.
Als sie ihn entdeckten war es zu spät. Der Wolf schlug seine Fänge in die Seite eines Rehs. Der Schwung riss beide zu Boden. Die anderen Tiere flohen. Bei einer normalen Wolfsjagd hätte das Rudel sie einkreist. Kein Reh wäre entkommen. Aber dies war keine normale Jagd und er war froh ein Reh erwischt zu haben.
Nachdem er sich an dem Reh gesättigt hatte, trank er etwas Wasser aus dem Bach. Dann kehrte er zu seiner Höhle zurück.


Die aufgehende Sonne weckte ihn. Erâzon lag zusammengekauert vor der Höhle. Er musste den Rest des Tages und die ganze Nacht verschlafen haben.
Nein er hatte nicht geschlafen, er hatte gejagt.
Aber konnte es nicht doch ein Traum gewesen sein?
Ein Blick auf seine Hände widerlegte diesen Gedanken. Blut klebte an ihnen. Der Gedanke ein Reh erlegt und gegessen zu haben ekelte ihn, andererseits war sein Hunger gestillt. Es gab angenehmere Nahrung, aber zu verhungern wäre schlimmer. Er musste sich mit dem zufrieden geben, was er hatte.
Warum hatte er sich in den Wolf verwandelt?
Vielleicht, weil er geschlafen hatte?
Nein. Erâzon konnte sich nicht vorstellen auf der Flucht aus dem Kerker eingeschlafen zu sein. Die Verwandlung musste einen anderen Auslöser haben. Hunger?
Aber warum war er dann in der Stadt kurz davor gewesen sich zu verwandeln? Hungrig war er nicht gewesen ... aber – der Gedanke erschreckte ihn – durstig war er gewesen, durstig nach Blut.
Konnte das der Auslöser sein? Blutdurst?
Er musste es herausfinden, denn er wollte Belzamir als Wolf gegenübertreten.
Die Verwandlung war aber nur ein geringes Problem. Zuerst musste er in den Palast und Belzamir überhaupt finden.
Der Gedanke in den Palast zu müssen machte Erâzon Angst, doch es war die einzige Möglichkeit mehr über sich heraus zu finden.
Er würde vorsichtig sein und er würde er schaffen. Er würde alles erfahren, was er wollt und schließlich Belzamir töten.
(Fabian)