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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Ménodon

Er ging über die einsame Heide, im tiefen Dunkeln, und sang. Das Lied schien ein Teil von ihm zu sein, etwas, das immer da war und sein würde - er konzentrierte sich nicht, und was er sang, schien von keiner Bedeutung zu sein. Die Töne klangen aus seinem Mund wie eine alte Melodie, die zurücklag und lange vergessen war. Leise und doch klar. Das Sternenlicht schimmerte auf seinen silberblonden Haaren, die bis auf seine Schultern reichten und die er gelegentlich unbewusst und mit sanfter Bewegung zurückwarf. In seinen Armen hielt er ein Bündel, in eine warme graue Decke gewickelt, welches er vorsichtig an sich drückte. An seine Seite gegürtet trug er ein Schwert, welches ihn jedoch zu behindern schien - mehrmals schob er es mit ärgerlichen Bewegungen zur Seite und aus seinem Blick, als wolle er nicht an es denken.
Der Mond trat hinter einer Wolke hervor. Er schien rund und voll, als wolle er etwas Gutes in seinem Licht verkünden, aber dem Wanderer ward bei seinem Anblick das Herz schwer. Wie konnte der Mond am Himmel stehen, unbekümmert wie jede Nacht, als sei alles in bester Ordnung und die Welt mit ihren Einwohnern und Kämpfen selbstverständlich und völlig normal?
„Jenna hat Recht gehabt“, dachte der große Mann erbittert, „nichts in dieser Welt ist normal. Den Gerechten wiederfährt Unrecht, die Guten werden für ihre Taten bestraft. Ich hielt mich immer für gerecht und gut - und jetzt muss ich töten. Wäre doch Jenna noch bei mir... mir wäre gleich leichter ums Herz. Ich wäre nicht mehr allein.“
Der Mond war nicht mehr zu sehen, denn seine Wanderung hatte ihn in den Wald geführt. Jetzt spannte sich ein Blätterdach über seinem Kopf, durch welches vereinzelt Sterne zu sehen waren. Wenn er weitergehen würde, würden die Bäume noch dichter und finsterer werden. Obwohl er so oft hier gewesen war, würde er sich verlaufen. Aus dem Düsterwald gab es kein Entkommen.
Liebevoll blickte er auf das Bündel herab, welches er im Arm hielt. „Wir sind am Ziel, kleine Freundin.“
Das kräftigste an diesem großen, aber schlanken Mann war seine Stimme, die Gefühle auszudrücken schien, die niemand in Worte fassen konnte. „Anarien!“ rief er nun, und es klang, als würde Feuer die Nacht durchschneiden. Das Bündel in seinen Armen regte sich. Sofort beugte er sich darüber. „Ruhig“, flüsterte er, „wir sind bei unseren Freunden. Nichts wird dir geschehen.“ Er strich liebevoll die graue Decke zurecht, dann erhob er seine Stimme wieder: „Anarien!“
Er musste nicht lange warten. Bald näherte sich ein Elb durch die Bäume, auf dessen Gesicht ein Lächeln erschien, als er den Wanderer erblickte.
„Ménodon!“ rief er voller Freude und ging auf den Freund zu. „Was führt dich hierher, mitten in der Nacht?“
„Anarien“, sprach der Mann, und langsam, als wolle er sich den Namen einprägen, wiederholte er noch einmal: „Anarien.“
Er sah dem Freund in die Augen, die er in der Finsternis kaum erkennen konnte. Der Elb bemerkte seinen Blick.
„Warte, ich mache Licht, damit du mich so gut sehen kannst wie ich dich.“ Er zog einen Stab und etwas von einem Pulver aus der Tasche, sprach ein paar elbische Worte und bestrich dann die Spitze des Stabes mit dem Gemisch. Er blies einmal leicht dagegen - und schon flackerte eine kleine, rote Flamme.
„Ménodon“, sagte der Elb andächtig und sah den Freund genauer an, „nun nenne mir den Grund für dein Kommen.“
Ménodon lächelte. „Ich wusste, dass du bei vollem Mond den Himmel betrachten würdest. Deshalb war ich mir sicher, du würdest kommen, wenn ich dich riefe. Ich hatte recht.“
„Warum bist du hier? Und was hälst du in deinen Armen?“ Der Elb sah den Menschen durchdringend an, aber dieser nickte nur.
„Komm her und sieh selbst.“
Lautlos kam Anarien näher, und Ménodon schob die graue Decke ein wenig zur Seite. Der Elb blickte voll Staunen in das Gesicht eines Säuglings. Das Kind war wach, und mit großen Augen betrachtete es Anarien, der sich über es beugte.
„Deine Tochter...“, flüsterte der Elb, „aber - warum hast du sie hierher gebracht?“
Ménodon senkte den Kopf. „Aus einem traurigen Anlass.“ sagte er leise, und mit einer langsamen Bewegung ließ er den Mantel von seinen Schultern gleiten. Darunter schimmerte eine silberne Rüstung, und Anariens Augen weiteten sich. „Nein“, sagte er entsetzt, und dann wiederholte er noch einmal, lauter und energischer: „Nein! Das kann nicht wahr sein. Das können sie dir und deinem Kind nicht antun! Du bist der Einzige, den sie noch hat. Ihre Mutter ist tot. Sie können dem Mädchen nicht auch noch den Vater nehmen, indem sie ihn in den Krieg schicken!“
Traurig senkte Ménodon den Kopf. „Sie können es“, sagte er leise, „Die Welt ist nicht gerecht. Endlich habe ich es eingesehen, aber ich kann es ihrer Mutter“, und bei diesen Worten sah er sein Kind an, „nicht mehr sagen. Jenna... Oh, wäre sie doch noch bei mir.“
Sanft strich der Elb über seine Schulter. „In den Sternen wird sie immer bei dir sein. Denke nun lieber an deine Tochter, denn sie braucht dich jetzt. Was können wir tun?“
„Ich werde mich stellen“, sagte Ménodon mit festerer Stimme. „Ich werde mich niemals verstecken, denn das wäre kein Leben für mich - und für meine Tochter auch nicht. Ich werde dem Einberufungsbefehl folgen und in die Schlacht ziehen, auch wenn ich kaum glaube, dass ich nützlich sein werde. Jenna war mehr Soldat als ich. Aber ich kann mein Kind nicht mit mir nehmen. Meine kleine Ajienna...“, flüsterte er und strich dem Mädchen in seinen Armen sanft über die Wange. Anarien beugte sich nun ebenfalls wieder über das Kind und betrachtete es genauer.
„Sie hat wunderschöne Augen...“, sagte er leise, „sie scheinen mit den Sternen um die Wette zu strahlen.“
Die Andeutung eines Lächelns huschte über Ménodons Gesicht. „Nicht wahr? Sie hat sie von ihrer Mutter.“
„Ich sehe es“, sagte Anarien leise, „auch wenn ich Jenna nur einmal in meinem Leben überhaupt gesehen habe. Aber auch ihre Augen sind mir unvergessen geblieben, und in Ajienna finde ich sie wieder. Es ist... es ist, als würde ihr tiefstes Inneres in ihren Augen strahlen, wie das Licht eines fröhlichen und doch traurigen Sterns.“
Ernst sah Ménodon den Freund an. „Du fasst in Worte, was ich nie hätte sagen können. Es ist so unbeschreiblich für mich... und es erinnert mich wieder an meine Frau. Sie war, wie du es beschrieben hast: Ein fröhlicher und zugleich trauriger Stern. Tief in ihrer Seele.“
Anarien sah wieder auf das Kind. Das Mädchen betrachtete ihn immer noch aufmerksam. Der Elb strich über ihr dünnes, blondes Haar. Da lächelte Ajienna ihn an, und er lachte auf: „Sieh' nur, Ménodon! Sie lacht! Mich hat sie angelacht, wo ich bisher dachte, diesen Zeitpunkt würde ich nie erleben! Sie hat immer nur dich geliebt - und Legolas. Jetzt strahlt sie wahrlich wie ein Stern!“ Freundlich blickte er auf das Kind hinab.
„Der Name Ajienna soll deinem Volk vorbehalten werden, Ménodon. Für mich wird sie nun auf ewig Elenûr heißen, und für die anderen Elben auch.“
„Elenûr“, murmelte Ménodon, „Sternenseele in meiner Sprache. Einen schönen Namen hast du für mein Kind gewählt. Ich hoffe, ich werde ihn je wieder aus deinem Munde hören.“
Traurig blickte er in Ajiennas Gesicht. „Anarien... Ich bitte dich: Nimm meine Tochter bei dir auf. Seit Jenna nicht mehr lebt, seid ihr Elben meine einzigen Freunde, besonders du, Legolas, Elfroth und Erynaur. Sie hat nur mich, und ich habe nur euch. Sie liebt Legolas über alles. Er würde mit ihr klarkommen. Anarien - ich weiß, dass ich viel verlange, weil ich meine Tochter vielleicht für immer bei euch lassen muss. Ich bin kein Kämpfer, ich bin ein Denker. Ich bin sicher, sie wird eine Kämpferin werden - sie ist ihrer Mutter so ähnlich.“
Liebevoll blickte er in das Gesicht des Kindes, dann erhob er seine Stimme wieder: „Ich jedoch tauge nicht für Schwert und Schild, ich kann nicht töten, ich fechte nur mit Worten. Wahrscheinlich werde ich nicht mehr zurückkommen, denn Worte werden meine Gegner nicht schmerzen. Aber ich will mein Kind gut aufgehoben wissen. Ajienna...“
Zärtlich strich er über die Wangen des Säuglings. Anarien blickte die beiden an, und Tränen standen in seinen Augen.
„Ménodon...“, begann er, und seine Stimme war kaum hörbar, „immer warst du ein Freund für mich. Ich habe einem Stern deinen Namen gegeben. Ich habe alles mit dir erlebt, Freude, Wut, Hass und Verzweiflung. Aber noch nie habe ich so große Trauer wie in diesem Augenblick gespürt.“
Er kam auf Ménodon zu, und im Schein der flackernden, roten Flamme sah der Mensch, dass seinem Freund eine Träne über das Gesicht rollte und auf sein Gewand tropfte. Der Elb hielt das kleine Feuer zwischen sich und Ménodon und begann wieder zu reden.
„Ich liebe dich. Ich liebe dich, mein Freund, und du darfst es niemals vergessen. Wenn du einsam bist, sieh zum Himmel, und der Stern, der deinen Namen trägt, wird hinunter scheinen und dich anlächeln. Und du wirst daran denken, dass es jemanden gibt, der dich liebt.“
Er nahm die Fackel und blies leicht dagegen, und die Flamme verlosch so schnell, wie sie gekommen war. Finsternis, in die nur vereinzelt Sternenlicht hereindrang, umgab die Freunde nun wieder.
„Gib mir deine Tochter.“ Anarien streckte die Arme aus, und unendlich sanft legte Ménodon sein Kind hinein.
Noch einmal beugte er sich über das kleine Gesicht und küsste Ajienna auf die Stirn, dann blickte er wieder den Elb an. „Ich liebe dich auch, Anarien. Und ich bitte dich: Sobald Ajienna es verstehen kann, sagt ihr, dass ich auch sie liebe. Bitte sagt ihr ihren wahren Namen, auch wenn sie für euch Elenûr sein wird. Sagt ihr, wie ihr Vater sie genannt hat.“
Er senkte den Kopf, wendete sich und ging, langsamen Schrittes, als wolle er verzweifelt jeden Augenblick festhalten, in dem er noch in der Nähe seiner Tochter war. Anarien sah ihm nach, nicht fähig, etwas zu sagen. Zärtlich sah er in das Gesicht des Kindes auf seinem Arm, dann blickte er in den Himmel. Durch das Blätterdach leuchteten wenig Sterne herein, aber einer von ihnen strahlte bis zur Erde hinab.
„Sieh, Ménodon“, rief Anarien, „dein Stern leuchtet heute besonders hell!“
Der Mann blieb stehen und wandte noch einmal kaum merklich den Kopf zurück, dann ging er ohne ein Wort weiter und verschwand still in der Finsternis. Sein Gesang schien für immer erstorben.
(Marisa)