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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Der stumme Schmied

Schon seit Tagen war Lardis unterwegs. Zu Beginn seiner Flucht hatte er überlegt, welche Richtung er einschlagen sollte. Im Norden war es zu gefährlich, er wollte seinen Verfolgern doch nicht direkt in die Arme laufen. Im Westen befand sich ein unüberwindbares Gebirge, dessen Pässe er nicht kannte. Im Osten lag der Düsterwald, je tiefer man in ihn eindrang, umso unheimlicher wurde er. Elben lebten dort und andere eigenartige Wesen. Reisende erzählten von den Schrecken des Waldes und es war mehr als einmal passiert, dass Wanderer wohl hinein aber nicht mehr hinaus gelangten. Über den Süden wusste Lardis am wenigsten, nur soviel, dass es in dieser Richtung andere Siedlungen der Menschen geben sollte, also ritt er in diese Richtung. Seinen Hunger stillte Lardis mit wilden Beeren, Nüssen und Pilzen, die er kannte, seinen Durst mit frischem Quellwasser. Waffen, um Tiere zu jagen oder um sich zu verteidigen, hatte er keine. Anderen Reisenden, die in dieser Zeit selten waren, ging er aus dem Weg. Wenn er sie früher bemerkte, als sie ihn, hatte er damit Erfolg. Wenn nicht, versuchte Lardis bei ihnen einen selbstbewussten, jedoch sturen, Eindruck zu machen, um sich ihrer direkten Nachfrage zu entziehen. Im Laufe der Fahrt gewöhnte er sich allmählich an das stundenlange schweigsame Reiten, an die karge Kost der Wildnis und an das Schlafen unter freiem Himmel. Er bildete sich ein, in der Wildnis so gut wie ein Waldläufer zurecht zu kommen, doch er wusste nicht, dass er bisher nur die angenehme Seite des Reisens kennen gelernt hatte. Nachts wurde es bereits ziemlich kalt, doch Lardis suchte sich ein trockenes Fleckchen, machte Feuer und wickelte sich schließlich neben der Glut in seine Decke ein.
Eines Morgens stellte Lardis fest, dass seine Wasserflasche leer war. Er suchte den halben Tag nach einer Quelle, doch es war wie verhext, er konnte keine finden. So entschloss er sich, in westliche Richtung zum Fluss Langflut zu reiten, um dort seinen Durst zu stillen und Flocke zu tränken. Gegen Abend kam er an das Gewässer, das nun schon mächtiger geworden war, als Lardis es aus dem Norden kannte. Bald fand er eine seichte Stelle und, nachdem er sich und sein Pferd erfrischt hatte, entschied sich, die Nacht am Ufer des Flusses zu verbringen, denn es dämmerte bereits. Er suchte für sich und sein Pferd einen trockenen, geschützten Platz, trug trockenes Holz zusammen und schon bald brannte das allabendliche wärmende Lagerfeuer. Seine Einsamkeit schlug ihm aufs Gemüt und wie so oft fragte er sich an diesem Abend, was sein Schicksal in dieser Welt sei und ob er seine Eltern wohl je wiedersehen würde.
In dieser Nacht wurde Lardis durch Geräusche geweckt. Sein Feuer war herunter gebrannt und die Glut war bereits erloschen, eine schwarze Wolkendecke verhüllte die Sterne. Er lauschte in die Dunkelheit und gewahrte ein rhythmisches Platschen und Stimmen, die ihm wie Zischen und Grunzen schienen. Kalt lief es Lardis den Rücken hinunter. Unwillkürlich legte er seine Hand auf die Brust, um das Amulett zu spüren. Er verhielt sich auf seinem Lager ganz still und hielt vor Spannung den Atem an. Langsam entfernten sich die Geräusche, die aus der Richtung des Flusses gekommen waren. Doch schlafen konnte der Junge nun nicht mehr. Er dachte über das Ereignis nach und kam zu dem Schluss, dass hier eben ein Ruderboot oder ein Kanu an ihm vorbei gefahren sein müssten. Dann schaute er zu seinem Pferd, konnte jedoch nichts von Flocke erkennen; erst als er ein leises Schnauben vernahm, beruhigte sich Lardis ein wenig.
Am nächsten Morgen konnte er sich wohl an die unheimlichen Geräusche erinnern, doch die ersten Sonnenstrahlen vertrieben den nächtlichen Schauder aus seinem Gemüt, so dass seine Furcht der Neugier wich. Welche Wesen mögen sich wohl in der nächtlichen Dunkelheit auf dem Fluss herum getrieben haben, welche Sprache mögen sie gesprochen haben und was mag ihr Ziel gewesen sein, grübelte Lardis. Es gab nur eine Möglichkeit, das heraus zu finden. Er musste dem Fluss in Richtung Süden folgen und darauf achten, ob er etwas Besonderes oder Auffälliges entdeckte. Da seine Reise bisher recht eintönig verlaufen war und sich Lardis inzwischen nicht mehr im Einflussreiches des Königs von Angmar glaubte, kam ihm diese Idee gerade recht. Der Weg, der parallel zur Langflut verlief, war uneben und offensichtlich seit längerer Zeit nicht mehr benutzt worden. Oft versperrten Büsche und Sträucher die Sicht auf den Fluss, eine Tatsache, die Lardis beruhigte, schließlich boten sie ihm die Möglichkeit sich und Flocke zu verbergen, wenn es notwendig werden sollte. Nach einiger Zeit entdeckte Lardis tatsächlich etwas Eigenartiges: In der Mitte des Flusses befand sich eine kleine Insel und auf dieser stand eine Schmiede, deren Wasserrad sich munter plätschernd drehte. Das war in dieser verlassenen Gegend schon seltsam genug, was Lardis jedoch besonders stutzig machte, war die Tatsache, dass das Gebäude einer Ruine glich, die Arbeit in der Schmiede aber dennoch weiter ging; Lardis hörte das gleichförmige Schlagen des Hammers und sah Rauch aus dem Innereren der Werkstatt aufsteigen. Es musste an dieser Stelle des Flusses mal eine Brücke gegeben haben, doch auch sie war inzwischen zerstört. Lardis sah viele Steinquader und Mauerreste, die nun aus dem Spiegel des Flusses heraus ragten und ein Befahren mit Schiffen unmöglich machten. Das Ziel der Gestalten im Boot konnte nur diese Insel oder das jenseitige Ufer gewesen sein.
Lardis überlegte, welches Risiko er einging, wenn er sich auf der Insel ein wenig umsah. Wenn er Ruderboote oder Kanus auf der Insel vorfinden würde, könnte er anhand ihrer Anzahl abschätzen, mit wie vielen Personen er es zu tun haben würde. Sollte er entdeckt werden, könnte er immer noch um Brot bitten und sich als harmloser Wanderer ausgeben, denn Hunger hatte er inzwischen wirklich. So machte er sich also auf den Weg. Er befestigte das Zaumzeug seines Pferdes am Stamm eines Baumes und stieg langsam ins kalte Wasser. Vorsichtig tastete er sich voran, immer darauf bedacht, auf dem glitschigen Untergrund nicht auszurutschen. Nach kurzer Zeit ging ihm das Wasser bis zur Hüfte, bald darauf bis zur Brust, doch kehrte er nicht um. Ein paar mal wäre Lardis fast von der Strömung erfasst und weg gerissen worden, doch er konnte sich immer wieder an Steinen oder Ästen, die sich im alten Fundament der eingestürzten Steinbrücke verfangen hatten, festhalten.
Als er auf der Insel angekommen war, musste Lardis erst einmal verschnaufen und seine Kleider notdürftig auswringen, dann begann er seine Erkundungen. Er umrundete die Insel und stellte fest, dass am Anleger kein Boot festgemacht war. Eigenartig, dachte er bei sich, in der Schmiede wurde gearbeitet, für den Schmied gab es jedoch keine Möglichkeit, seine Insel zu verlassen – aber immerhin waren die nächtlichen Besucher flussaufwärts gefahren. Dann sah er sich das Gebäude näher an. Der Wohnbereich war vollständig zerstört, das Dach der Schmiede war an mehreren Stellen undicht - und alle Türen und Fenster waren zugemauert. Es gab offensichtlich keine Möglichkeit, die Werkstatt zu betreten. Was hatte das zu bedeuten? Da entdecke Lardis eine Leiter auf dem Erdboden liegen. Er richtete sie auf und lehnte sie an die Mauer. Sie reichte genau bis zur einzigen Öffnung im Obergeschoß. Vorsichtig erklomm er die Stufen, immer darauf achtend, weder auszurutschen, noch einzubrechen, denn einige Sprossen waren schon morsch oder zerbrochen. Oben angekommen zwängte er sich durch das Loch und fiel polternd auf den den Holzboden. Erschrocken hielt Lardis den Atem an und sah sich um. Er befand sich auf einer nachträglich eingerichteten Holztribüne und roch den Rauch, der irgendwo aus dem unteren Teil der Halle kam. Vorsichtig robbte er voran, bis er am Geländer der Galerie befestigt einen Flaschenzug vorfand. Das war also die Verbindung zur Schmiede! Lardis richtete sich auf, um sich einen Überblick über das Geschehen in der Werkstatt zu verschaffen. Was er im flackernden Schein der Fackeln sah, verwunderte Lardis erneut. In der Esse der Schmiede brannte ein heißes Kohefeuer; ein großer Blasebalg, durch die Kraftübertragung des Wasserrades in Gang gehalten, sorgte für die nötige Hitze. Ein kleines, rußgeschwärztes Männchen stand alleine vor dem riesigen Amboss und bearbeitete ein rot glühendes Metallstück. Zu seinem Erstaunen bemerkte Lardis, dass die Füße des Schmiedes an den schweren Amboss gekettet waren. Wie konnte das sein, er hätte sich doch ohne Mühe mit seinen Werkzeugen befreien können...
Lardis bedachte kurz seine Situation und kam zu dem Schluss, dass es ungefährlich sei, sich in die Schmiede hinab zu lassen. Also ließ er die Kette des Flaschenzuges hinab, um sich an dieser ab zu seilen. Der Schmied hörte das Geräusch und zuckte zusammen, starrte mit offenem Mund in seine Richtung. Als er Lardis sah, fiel ihm sein Hammer aus den Händen, wie angewurzelt stand er da. Lardis rief ihm verlegen zu: „Ich grüße Euch, Meister! Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich zu Euch herunter komme.“
Und schon ließ sich der Junge an der Kette herab, schneller als ihm lieb war. Denn diese war verölt und Lardis fand an ihr keinen Halt. Er fluchte innerlich, nun saß auch er in der Falle! Doch bevor Lardis wieder an seinen Rückweg dachte, wollte er sich erst einmal umschauen. Er und der Schmied waren tatsächlich alleine und es sah in der Werkstatt aus, wie in der Schmiede, die er aus seinem Dorf kannte, es war alles nur ein wenig größer. In einer Ecke stand ein Schild, auf dem er das Wappen der Soldaten von Angmar erkannte, einem Wolfskopf vor dem Mond. Dann arbeitete der Schmied also für Angmar. Aber dass er angekettet war, konnte nur bedeuten, dass er Sklavendienst verrichtete!
„Herr Schmied, jetzt sitzen wir wohl beide in der Klemme, wie mir scheint!“
Doch Lardis' Äußerung beantwortete der Schmied nur mit gurgelnden und glucksenden Lauten. Er hatte einen Zwerg als Gegenüber, stellte Lardis jetzt fest. Und vielleicht war er ein gefährlicher Verrückter; bestimmt war das der Grund, warum man ihn angekettet hatte.
Dennoch entschied sich Lardis, seine Höflichkeit nicht aufzugeben: „Aber ich habe mich ja noch nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Lardis und bin auf der Wanderschaft in den Süden; und ich habe seit Tagen nichts gegessen. Und außerdem wüsste ich gerne, wie weit es noch zu den Städten der Menschen ist.“ Da entdeckte der Junge das Lager des Zwergen, es bestand nur aus einem dreckigen Strohsack auf dem Boden; daneben war ein Tischchen, auf dem ein Brotlaib, ein Stück Käse und ein Krug mit Wasser standen, vermutlich die Tagesration des schwer arbeitenden Schmiedes. Lardis fühlte sich übel, da er seinen eigenen Hunger angesprochen hatte. Also wechselte er das Thema: „Meister, wenn es doch nur einen Weg gäbe, diese Schmiede zu verlassen!“
Doch der Schmied schüttelte nur traurig den Kopf und machte auf ihn nun keinen gefährlichen Eindruck mehr. Na, immerhin verstand er ihn und konnte sich durch seine Mimik sogar ein wenig verständlich machen.
„Wie seid Ihr nur in diese missliche Lage gekommen? Steckt der König von Angmar dahinter?“ Der Schmied nickte.
„Und die Ketten könnt Ihr selbst nicht durchtrennen? Hast Ihr es je versucht?“ Wieder nickte er traurig.
„Welch schreckliches Schicksal! Wenn ich doch nur etwas tun könnte! Aber wenn selbst Ihr es nicht vermögt...“
Der Schmied sah ihn durchdringend an und schien etwas zu überlegen, langsam sank er schließlich zu Boden und suchte eine bestimmte Stelle zwischen den Holzdielen des Bodens. Bald hatte er sie gefunden. Er hob eine Holzplanke an und holte ein Bündel hervor. Er wickelte dreckigen Tücher ab und zum Vorschein kam ein fein gearbeiteter Silberdolch, der im Schein der Fackeln funkelte. Der Schmied betrachtete ihn aufmerksam und strich zärtlich über seine Oberfläche. Plötzlich streckte er Lardis die Waffe entgegen, so dass dieser erschrak, aber der Schmied drohte dem Jungen nicht, sondern wollte ihm die Waffe offensichtlich anbieten.
„Ist der etwa für mich?“ Lardis kam vorsichtig auf den stummen Schmied zu und nahm den Dolch staunend entgegen. Er glänzte blutrot in seinen Händen und der Junge ahnte, dass dieser Waffe eine besondere Kraft innewohnte. Er hatte aber keine Ahnung, dass es sich bei dem Dolch um eine altertümliche Waffe handelte, geschmiedet aus dem härtesten Metall, das es in ganz Mittelerde gab, denn sie war aus Mithril. Da durchzuckte ihn ein schrecklicher Verdacht. „Was soll ich damit tun? ... Etwa die Wachen erstechen, wenn sie wieder zu Euch kommen? Warum habt Ihr das noch nicht selbst getan?“
Der Schmid nickte ernst. Doch Lardis wurde schwindelig: Das konnte er wohl nie. Die Wachen waren bestimmt im Zweikampf geübt und nicht allein. Wenn er nicht fest genug zustieß, was dann? „Das kann ich nicht“, murmelte Lardis mit sichtlichem Bedauern.
Und ehe er sich versehen konnte, hatte der Schmied den Dolch schon wieder in seiner Hand. Lardis war verblüfft, von so viel Geschicklichkeit.
Nun ja, dann musste er halt irgendwie ohne Dolch entkommen. Aber wie? Natürlich! Die Mauern würden den kräftigen Schlägen des Schmiedehammers nicht lange standhalten können. Also fragte er: „Herr Zwerg, darf ich mir mal bitte Ihren Hammer ausleihen?“
Mit dem schweren Hammer ging Lardis zum zugemauerten Tor der Schmiede. Die Schläge dröhnten und erschütterten das Haus, doch mit jedem Schlag wurde die Wand brüchiger und einzelne Steine lösten sich. Es dauerte nicht lange, da hatte er ein Loch geschlagen, das groß genug war um hindurch zu kriechen. Lardis hatte einen Ausgang!
Als er wieder zum Schmied ging, um ihm den Hammer zurück zu geben, dachte Lardis bei sich, es müsste doch eine Möglichkeit geben, auch den Zwerg zu befreien. Er selber konnte es nicht, aber vielleicht konnte er Hilfe holen. „Meister, kennt Ihr vielleicht eine Person, die mir helfen könnte, Euch zu befreien?“ Nicken - Ja.
Doch wer wäre zu so etwas in der Lage? „Ist es ein Zwerg?“ Kopfschütteln – Nein.
„Ist es ein Elb?“ Abermals Kopfschütteln.
Ist es ein Mensch?“ Der Zwerg hielt mit dem Schütteln inne und fixierte Lardis, dann nickte er vorsichtig, aber ausdrucksstark mit seinem Kopf.
„Und wie heißt er?“ Natürlich konnte der Zwerg auf diese Frage nichts antworten und brachte nur grunzende und röchelnde Töne hervor. Also versuchte Lardis es anders: „In welche Richtung soll ich mich wenden? Nach Norden?“ Kopfschütteln.
„Nach Süden?“ Zögerndes Nicken.
„Nach Westen?“ Energisches Kopfschütteln.
„Nach Osten?“ Erneutes Nicken.
„Nach Südosten!“ Das freudige Nicken des Zwergen zeigte Lardis, dass er die Richtung erraten hatte, in dem er seinen Retter finden sollte: Ein Mensch - und doch kein Mensch!
So verließ Lardis den Schmied. Er nahm sich fest vor, bald mit Hilfe zu diesem Ort zurück zu kehren.
Als er schließlich wieder bei Flocke angelangt war, wurde ihm bewusst, dass der Arm des Königs von Angmar stärker war und weiter reichte als er es je zuvor geahnt hatte. Lardis war nicht der einzige, der unter ihm zu leiden hatte. Aber Lardis hatte den Vorteil, dass er frei war und sich wehren konnte, wenn es sein musste. Er war am Leben und gesund - und er würde den angeketteten Zwerg in der Schmiede nicht im Stich lassen.
(tomtom)