Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans |
Zeittafel




Fluchtgedanken
Carquac hielt die Augen geschlossen, er spürte wie der eisige Wind an ihm zog, doch etwas stimmte nicht, es kam ihm nicht wirklich vor. Er hörte vertraute Stimmen, die seinen Namen riefen, ihn um Hilfe anflehten. Doch was sollte er schon tun? Selbst wenn er es gewusst hätte, er besaß keine Waffe, nicht einmal Mut. Carquac wollte sich umwenden und laufen, fliehen vor den Erwartungen, die man in ihn gesetzt hatte. Das Chaos in seinem Kopf steigerte sich zu einem einzigen schrillen Schrei, der so abrupt endete wie er begonnen hatte.
Nur sehr widerwillig öffnete Carquac die Augen, erst jetzt bemerkte er, die eiserne Rüstung, an seinem Leib, deren Gewicht ihn fast in die Knie zwang. In seine rechte Hand schmiegte sich ein Speer der wie für ihn gemacht schien, er war leicht, das Ende blitzte im Sonnenlicht spitz und tödlich.
Vor seinen Augen spielte sich eine Szene ab, die er schon einmal gesehen hatte, langsam kehrte das Gefühl in seine tauben Glieder zurück, nun wusste er was er tun musste. Mit beiden Händen umklammerte er den hölzernen Speer und wartete bis sie bei ihm waren.
Angst stand in den Gesichter der Flüchtenden, er sah wie einige stolperten, fielen und von Pferdehufen zermalmt wurden. All das hatte er schon erlebt, die Axt schwingenden Reiter, die heulende Meute hinter ihnen und den Tod. Doch diesmal, wusste Carquac, würde es anders enden, er würde nicht zulassen dass es sich wiederholte. Die Rüstung, die ihm noch vor Sekunden untragbar schwer vorgekommen war, schien mit ihm zu verschmelzen, eine zweite schützende Haut, leicht und undurchdringlich.
Sie hatten Carquac erreicht, aber niemand nahm von dem Jungen in der Rüstung, der den Speer fest umklammert hielt, Notiz. Kein Hieb traf, keiner der Reiter trieb sein Tier mit tödlicher Gewalt auf ihn zu.
Endlich im Getümmel erblickte er den Drachenhelm, den Anführer der Jäger wie er langsam sein Pferd auf eine Gestalt zuführte, die, breitbeinig mit erhobener Axt auf einem Schlitten, das Gefecht erwartete.
Carquacs Finger verkrampften sich, nun war es seine Aufgabe das Schicksal zu entscheiden, er rannte los, vorbei an blutüberströmten Körpern, Kämpfenden, immer weiter, bis er sie erreichte.
Der Drachenhelm war vom Pferd gesprungen und näherte sich Sarquaq, der sich erschöpft versuchte aufzuraffen.
Er, Sohn des Häuptlings, stellte sich dazwischen, den Speer fest umschlungen. Minuten schienen zu vergehen bis sich einer der Beteiligten regte, schreiend rannte der Junge auf die hoch gewachsene Gestalt des Jägers zu, den Speer auf die Brust seines Gegners gerichtet.
Carquac spürte den Widerstand, als sein Speer durch den Harnisch drang, beinahe hätte er seine einzige Waffe losgelassen, doch er trieb sie immer tiefer ins Fleisch, durchs Herz.
Der Drachenhelm strauchelte, das Schwert glitt ihm aus der Hand und blieb im Schnee liegen. Blut quoll aus Nase und Mund, ein leisen Röcheln einstieg seiner Kehle, dann endlich brach er zusammen und blieb in seinem warmen Blut liegen. Mit einem kräftigen Ruck nahm Carquac seine Waffe wieder an sich, hob den Speer über den Kopf, wie ein Jäger der seine Beute erlegt hat. Und schrie seinen Triumph in die Weiten der Eiswüste hinaus.


„Es gibt Arbeit, ihr faulen Hunde“, brüllte Erwatt „genug gepennt, steht auf!“ Mit seiner Peitsche hieb er auf die stöhnenden Sklaven ein, die sich in den Ecken ihres Verlieses verkrochen.
Carquac schreckte aus seinem Traum, als ihm die Lederriemen der Peitsche tief ins Fleisch schnitten. Erwatt riss ihn auf die Füße und drängte ihn mit den Anderen den Gang tief hinunter ins Innere des Berges. Carquacs ganzer Körper schmerzte und war steif, zulange hatte er auf dem feuchten, kalten Boden der Höhle, die den Arbeitern als Quartier diente, verharrt. Kiina stolperte keuchend hinter ihm her, sie waren noch nicht lange hier, glaubte er, genau konnte er es nicht wissen, selten kamen sie aus dem Bergwerk an die frische Luft. Und auch dann nur um die Säcke mit ihrer Ausbeute auf Wagen zu verstauen, damit man sie besser abtransportieren konnte.
Carquac erinnerte sich an den beschwerlichen Marsch hierher, wie Vieh hatte man ihn und die anderen Mitglieder des Clans hinter Pferde gespannt. Und nicht selten war es vorgekommen, dass einer der Reiter aus Spaß sein Tier angespornt hatte, sodass die Gefangenen mitgeschleift wurden. Zudem hatten die Schneestürme ihnen stark zugesetzt, doch man hatte sie unbarmherzig weiter Richtung Gebirge getrieben. Nicht wenige waren auf dem Marsch durch die Einöde ums Leben gekommen, Kiinas Mutter und viele andere die Carquac gemocht hatte. Nur die Zähesten hatten durchgehalten, bis sie in die Berge kamen und obwohl dort die Stürme von den steinernen Riesen größtenteils abgehalten wurden starben einige an Erschöpfung, andere stürzten steile Abhänge hinunter, bis ihre Zahl auf ein Dutzend geschrumpft war.
Nach Tagen hatten sie dann endlich das Lager erreicht, es lag an der Südseite in einem von Bergen umgeben Tal. Carquac hatte so etwas noch niemals zuvor gesehen, er kannte nur die leichten Zelte die sein Volk zum Wohnen benutzte. Aber hier ragten unförmige steinerne Bauten aus der Erde, in denen die Jäger, Wolfsdämonen und Sklaventreiber lebten. Das ganze Terrain wurde durch eine unüberwindbare Mauer eingezäunt, sie ritten durch ein mächtiges Eisentor in den Innenhof und wurden sogleich von Erwatt und seinen Männern begrüßt, alle trugen ledernde Hosen und Harnische, in den Händen hielten sie teils Peitschen, teils Holzknüppel und lange Schwerter baumelten an ihren Hüften.
Den Sklaven wurde die Stricke abgenommen und unter Gelächter trieb man sie auf die Stollenausgänge, in der Bergwand, an der anderen Seite des Lagers zu.
Carquac wich den durchdringenden Blicken der Wächter aus und starrte stur auf seine Füße, plötzlich packte man ihn, hob ihn hoch sodass er den Boden verlor und hilflos in der Luft baumelte.
„Da seht euch das gut an, bald könnt ihr da oben hängen.“ Erwatt grinste spöttisch und schwenkte den Jungen von links nach rechts.
Der ganze Weg zu den Stollen war auf beiden Seiten durch hohe Holzpfähle gesäumt, es mussten über drei Dutzend sein, ihre Enden waren zugespitzt und auf beinahe jedem prangte ein Kopf, ein Menschenkopf. Einige Gesichter hatte die Verwesung bereits so stark zerfressen das man keine klaren Konturen mehr erkennen konnte. Bei den meisten konnte man nicht einmal mehr schätzen ob der Besitzer weiblichen oder männlichen Geschlechts gewesen war.
Carquac wandte den Blick von den Überresten ab, sein Magen verkrampfte sich und er musste gegen das Gefühl ankämpfen sich übergeben zu müssen. Erwatt lies ihn in den Schnee fallen, benommen blieb er liegen, bis die Peitsche ihn traf. Mühsam rappelte er sich auf und wurde an den Köpfen entlang in die Stollen getrieben.
Tiefer und immer tiefer scheuchte man sie in den Berg, vorbei an etlichen Gängen, Höhlen und anderen Sklaven die gehetzte Blicke zu ihnen hinüber warfen.
Das Bergwerk hatte riesige Ausmaße, Carquac konnte noch nicht einmal schätzen, wie tief es noch ging, geschweige denn, wie viele Gefangene in der Dunkelheit arbeiteten.
Es war recht still im Inneren des Berges, man hörte nur das gleichmäßige Schlagen der Spitzhacken, ab und zu das Knallen einer Peitsche, das Brüllen eines Aufsehers oder das Wimmern eines Sklaven. Es schien kein Ende nehmen zu wollen, immer weiter trieb man sie. Carquac kam alles vor wie ein Traum, Kiina klammerte sich an seinen Arm um nicht vor Erschöpfung zu stürzen. Sie schluchzte leise vor sich hin, er hätte sie so gerne getröstet aber er konnte sich nicht einmal selber Mut machen.
Endlich, nach einer Ewigkeit, blieben sie stehen, vor ihnen erhob sich ein stählernes Gitterwerk, quietschend öffnete Erwatt die Tür des Verlieses und stieß jeden Gefangenen einzeln in die kleine Höhle, danach verschloss er die Tür wieder und verschwand mit den anderen in einem der Gänge.
Die Luft war stickig und stank erbärmlich, unwillkürlich musste Carquac würgen, im Schein der kleinen Fackel, die draußen im Gang vor sich hin brannte, tastete er sich an der feuchten Wand entlang und lies sich neben Kiina zu Boden fallen. Als sich seine Augen an das dämmerige Licht gewöhnt hatten, blickte er sich um, die Höhle war kleiner als es zuerst den Anschein gehabt hatte, die Decke war an einigen Stellen so niedrig, dass Carquac dort nicht hätte richtig stehen können.
„Hast du deine Schwester gesehen, Carquac?“ Kiina klang überrascht, sie blickte sich suchend um und starrte dann ihren Freund an.
„Sie ist nicht hier“, bemerkte Carquac ängstlich, er hatte gar nicht bemerkt das man Nenuk von ihnen getrennt hatte, wenn sie —
„Alle Kinder werden zu Gadar dem Kommandanten geschickt, sie arbeiten für ihn, du wirst sie so schnell nicht wiedersehen, Junge“, unterbrach ein alter Mann Carquacs Gedanken. Der Alte saß ihnen schräg gegenüber an einen groben Felsen gelehnt, seine Augen waren glasig und blicken an den beiden vorbei, sein langer Bart war verfilzt und mit Dreck beschmiert.
„Wo ist sie jetzt?“ fragte Kiina, doch der Alte schien sich wieder seinen eigenen trüben Gedanken zugewandt zuhaben und interessierte sich nicht weiter für die Neuankömmlinge. Er schwieg.
Müdigkeit überfiel Carquac, er versuchte an seine kleine Schwester zu denken, doch es gelang ihm nicht. Bevor seine Augen zufielen, wurde er einer Gestalt gewahr, die sich in eine der Ecken kauerte, es war eine Frau. Doch sie hatte etwas Besonderes an sich, etwas das er nur bei einigen der Aufseher bemerkt hatte, ihre Haare schimmerten golden im Licht der kleinen Fackel. Noch bevor Carquac weiter darüber nachdenken konnte hatte ihn der Schlaf übermannt.
Seitdem hatte er die Frau oft gesehen, sie arbeitete im selben Stollen, er wagte es jedoch nie sie anzusprechen, für ihn war sie ein Geheimnis. Sie war nicht wie die anderen Sklaven, sie ähnelte eher den Wächtern, aber warum war sie hier, wenn sie doch zu deren Volk gehörte?
Mit diesen Gedanken ging er wiedereinmal an seine Arbeit, hob die Spitzhacke und lies sie Funken sprühend auf den Felsen hinabsausen.


Vom ersten Moment hatte er diesen Ort und seine schäbigen Untergeben, diese schleimigen Kriecher, verabscheut.
„Wieso ausgerechnet ich?“ dachte Gadar, schlug mit der Faust auf die steinerne Tischplatte und biss sich vor Schmerz auf die Lippen um nicht loszuschreien.
Unruhig sprang er von Stuhl auf und stapfte wütend in seinem Arbeitszimmer umher. Abgeschoben hatten sie ihn, hierher in ein totes unwichtiges Stück Land. Nichts war ihm von seinen Träumen als gefeierter Heerführer geblieben.
Unter den Novizen seiner Zeit war niemand schneller, niemand gewitzter gewesen als Gadar.
Nun bestand sein Heer aus klapperigen Greisen, wimmernden Weibern und schwachen Kindern, so hatte sich der Lagerkommandant seine Zukunft nicht vorgestellt, doch was hätte Gadar schon ausrichten können? Hätte er den direkten Befehl verweigert, wäre er nun bereits tot, obwohl er keinen großen Unterschied zu seiner jetzigen Lage dabei erkennen konnte. Er hatte aufgehört die Tage, Wochen und Jahre zu zählen, hatte die Hoffnung, hier jemals wegzukommen, aufgegeben. Gadar hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden, bis jetzt.
Er beschleunigte seinen Gang, fuchtelte solange mit den Armen, bis er ein Regal, auf dem einige Töpfe und Bücher lagen, zu fassen bekam. Mit einem Ruck polterte es zu Boden. Ein kleines rundes Gefäß rollte genau vor Gadars Füße, mit einem kräftigen Tritt flog es gegen die nächste Wand und nachdem es sich eine Weile um die eigene Achse gedreht hatte blieb es liegen.
„Nenuk!“ brüllte er. „Mein Wein, wo bleibst du kleinen Biest? Bring mir den Wein!“
Wieder musste er an das hämische Grinsen des Heerführers denken, der noch vor wenigen Minuten bei ihm gewesen war. Durch seine Ankunft vor ein paar Tagen, hatte sich die Situation im Lager verschärft, anscheinend hielt dieser Ishar nur wenig von Disziplin, er breitete sich mit seinen Untergeben überall aus und genoss Privilegien jeder Art. Was aber noch weitaus schlimmer an ihm war, er hatte etwas zu verbergen, irgendein schreckliches Geheimnis, mit einigen seiner Leute ritt Ishar aus und kam erst gegen Abend allerdings mit leeren Händen zurück. Doch auf seine Fragen bekam Gadar nie eine Antwort. Missbilligend beobachtete er das Treiben, konnte allerdings nichts tun, Ishar handelte im Auftrage Angmars und bekleidete einen hohen Posten, der eigentlich seiner gewesen wäre. Doch er wusste eines Tages würde er es ihnen heimzahlen, die Demütigungen und die Herabstufungen. Mit diesem Ishar würde er beginnen, er würde ihm zeigen, wer geeigneter für diese Position war. Und eines Tages würde er, Gadar, sie innehaben.
Leise quietschend wurde die Hintertür geöffnet, Gadar drehte sich nicht um, sondern winkte nur hektisch dem kleinen Mädchen, das vorsichtig ein silbernes Tablett, auf dem eine bis zum Rand gefüllte Karaffe Wein und ein Becher standen, balancierte. Schüchtern blieb die Kleine stehen, sie trug ein grobes braunes Gewand, das eher an einen Sack erinnerte als an ein Kleid. Ihr langes Haar war verknotet und dreckig und um die Handgeleckte wanden sich eiserne Armreifen.
Nenuk hatte große Mühe das schwankende Tablett in der Waage zu halten, ganz langsam bewegte sie sich auf den großen, hageren Mann zu der schon keine Haare mehr hatte.
Den Blick angestrengt auf die Karaffe gerichtet, welche leicht schaukelte, bemerkte sie nicht den kleinen runden Behälter, der direkt in ihrem Weg lag. Sie stieß dagegen, versuchte sich noch abzufangen, ließ aber vor Schreck dabei das Tablett klirrend zu Boden fallen. Der Wein ergoss sich über den Teppich, der auf dem Steinboden ausgebreitet war. Mit den Armen rudernd bemühte sie sich abzufangen, doch Nenuk landete mit einem erschreckten Schrei auf den Knien. Sie wagte nicht aufzublicken, sie war zwar erst kurze Zeit hier aber sie hatte schon so manchen Schlag von Gadar einstecken müssen, er war ein jähzorniger, verbitterter Mann, der bei jeder kleinen Lappalie die Beherrschung verlor.
Sekunden vergingen bis Gadar sich umwandte, seine Miene war steif und zeigte keinerlei Regung, stumm betrachtete er den Wein der langsam in den Fasern des Teppichs versickerte, dann streifte sein Blick zu dem Sklavenmädchen hinüber, das auf dem Boden kauerte. Wut, die sich schnell zu Hass steigerte, wallte in ihm auf, er ballte die Fäuste, ermahnte sich seinen Gefühlen nicht nachzugeben. Doch ehe er sich versah hatte er die Kleine bei den verfilzten Haaren gepackt, riss sie hoch und zog sie nach draußen in den Schnee.
Nenuk schrie und weinte, versuchte sich mit aller Kraft aus dem Griff Gadars zu befreien, doch je mehr sie sich wehrte, umso fester packte er sie.
Gadars Hütte lag direkt neben den Stollenausgängen, es herrschte reger Betrieb, Sklaven verluden ihre Ausbeute auf Wagen und wurden dabei unbarmherzig von Gadars Männer getrieben. Als sie die Unruhe bemerkten und sahen, wie der kahle Mann das Mädchen, an dessen Haaren, hinter sich aus der Hütte schleifte, kamen sie in Scharen heran geeilt und bildeten einen Halbkreis. Die Peitschen tragenden Wachen unternahmen keinen Versuch sie daran zu hindern, kam ihnen diese Ableckung doch ganz gelegen.
Gadar schien wie im Rausch, er bekam kein Wort heraus, sondern grunzte nur unverständliche Flüche. Nenuk kniete vor ihm im Schnee, Tränen rannen über ihr Dreck verschmutztes Gesicht, doch waren ihre Schreie verstummt, sie schluchzte nur noch kaum hörbar.
Mit der rechten Hand lies er den Schopf des Kindes los und langte in den Ärmel seines braunen Hemdes, heraus zog er einen kleinen, silbrigen Dolch. Edlesteine, feinster Art waren in den Griff eingesetzt, beide Seiten der zarten Klinge waren sorgfältig geschärft worden.
Langsam setzte er seinen Schatz an Nenuks Kehle, er lächelte als er dem zitternden Kind tief in Fleisch schnitt. Warmes Blut rann über seine Finger.
Der Dolch schimmerte rot, als er ihn in die Höhe hob, und die Waffe betrachtete. Erst jetzt lies er Nenuks leblosen Körper los, angewidert drehten sich einige der herbei geeilten Sklaven ab. Doch niemand sprach.
Wo Nenuks Blut den Schnee berührte, schmolz dieser dahin und als ob der Himmel verdecken wollte, was sich gerade ereignet hatte, begann es erneut zu schneien.


„Hörst du das?“ Carquac hatte die Spitzhacke auf den Boden fallen lassen, als er vom Hof des Lagers her Schreie hörte. Seine Gedanken überschlugen sich, er kannte diese Stimme, ohne auf Kiina zuwarten und ohne auf die Aufseher zu achten, rannte er los, dem Tumult entgegen. Seine Augen brannten, als er nach langer Zeit wieder ins Helle trat, nachdem er sich daran gewöhnt hatte, gewahrte er vor einer steinernen Hütte eine Menge die sich im Halbkreis versammelt hatte. Zum größten Teil waren es Sklaven, aber er konnte auch einige dieser Wolfsdämonen erkennen, die sich ganz nach vorne gedrängelt hatten.
Erst jetzt bemerkte Carquac, dass die gellenden Schreie verstummt waren, und Angst stieg in ihm auf. Mit den Ellenbogen drängte er sich energisch immer weiter in der Menge voran, er sah nicht die betroffenen und hasserfüllten Gesichter der Sklaven, die sich langsam abwandten. Endlich hatte Carquac sich bis vorne durchgekämpft, sein Blick fiel auf den kahlköpfigen Mann, Gadar den Lagerkommandanten. Dieser betrachte einen kleinen schimmernden Dolch den er im Licht des Tages hin und her drehte. Carquac sah das dunkle geronnene Blut auf den Armen des Mannes, sein Herz begann zu rasen, er blickte hinunter in den Schnee. Da lag sie leblos und kalt, Nenuk, Carquac erinnerte sich an ihr fröhliches Lachen als er sie auf seinen Schultern umhertrug, er biss sich auf die Zunge, bis er Blut schmeckte. Tränen traten in seine Augen und verschleierten seinen Blick, sein ganzer Körper zitterte vor Wut.
„Synar!“ brüllte Gadar „komm her!“
Eine Weile geschah gar nichts dann drängte sich ein kleiner untersetzter Mann durch die Menge und betrachtete erst seinen Herrn und dann die Leiche mit weit geöffneten Augen.
„Nicht schon wieder“ murmelte Synar. Laut jedoch fragte er nur: „Mein Gebieter, ihr wart nicht zufrieden? Ich werde euch einen neuen Sklaven bringen lassen.“
Gerade als er sich abwenden wollte, packte ihn Gadar an der Schulter und riss ihn um, sodass er neben der Leiche in den Schnee fiel.
„Ich warne dich Synar, wenn du mir wieder so einen winselnden Taugenichts bringst, schmückt bald dein Kopf einen der Pfähle“ zischte er.
Synar krümmte sich vor Gadar ihm Schnee, als hätte man ihm einen tödlichen Hieb versetzt, mühsam stand er auf und ging kleinlaut zu einer Orkwache hinüber. Seine Worte brannten sich in Carquacs Gehirn.
„Schafft das da weg, auf der linken Seite kannst du den Kopf anbringen da ist noch was frei.“ Die Worte kamen nur gepresst über seine Lippen doch Carquac vernahm sie nur allzu deutlich.
Er hob drohend die Fäuste, nichts spielte mehr eine Rolle, er würde diese Bestie Gadar töten, mit bloßen Händen, wenn es sein musste und er würde es jetzt tun.
Eine Hand presste sich ihm von hinten auf den Mund, während eine andere in heftig zurückriss, er taumelte und fiel in den nassen Schnee. Benommen blieb er liegen. Finsternis wollte sich über seine Gedanken legen und Carquac brachte nicht mehr die Kraft auf sich dagegen zu wehren.


Sie beugte sich über ihn, die goldenhaarige Frau, und betrachtete eindringlich sein Gesicht: „Es ist gut, dass du wieder wach bist, Junge“, sagte sie sanft.
„Wach...“, dachte Carquac. Stückchenweise kehrte seine Erinnerung an die Zeit, bevor man ihn gepackt hatte zurück.
Seine Zunge war angeschwollen, sodass er kaum in der Lage war zu sprechen, er murmelte nur leise den Namen seiner Schwester vor sich hin, immer und immer wieder.
„Es tut mir leid, sie ist tot, durch nichts hättest du ihr helfen können.“ Ihre Stimme hatte einen beruhigenden Klang. Carquac richtete sich auf und erwiderte gequält: „Ich hätte sie rächen können, aber irgendwer zog mich zurück.“
„Ich habe dich davon abgehalten, es war dumm von dir auch nur zu glauben, mehr als zehn Schritte an Gadar herankommen zukönnen“, erwiderte sie nüchtern. „Sie hätten dich sicher durchbohrt und selbst wenn du es geschafft hättest, Gadar hatte den Dolch und du nichts, wer hätte wohl gewonnen?“
„Wer seid ihr?“ Diese Frage hatte Carquac ihr schon die ganze Zeit stellen wollen, doch er war nie davon ausgegangen eine Gelegenheit dafür zu finden.
„Und woher stammt ihr, warum seid ihr hier?“ fügte er hastig hinzu.
„Du stellst viele Fragen Carquac, nun ich bin Ildeko, Tochter Helthets, aus Arthedain, einem der vielen Länder des Südens. Wie oder warum ich hierher kam, darauf kann ich dir keine Antwort geben, wohl aber will ich dir sagen, wie du dich rächen und vielleicht sogar mit uns entkommen kannst“, antwortete Ildeko stolz.
Er war so verblüfft, dass er nicht ein Wort heraus bekam, aber er brauchte nichts zusagen, Ildeko reichte ihm die Hand und zog ihn in die Höhe. Beinahe hätte er sich den Kopf an der niedrigen Decke ihres Verlieses gestoßen. Erst jetzt bemerkte er Kiina, die schweigend neben den Beiden gestanden hatte, „es tut mir leid um Nenuk“, sie zitterte, griff nach seiner Hand und zog Carquac an sich.
„Nun kommt schon“, wandte sich Ildeko an sie zurück, sie hatte die Höhle bereits durchquert und kniete sich neben den alten schweigsamen Mann, der sich niemals von seinem Platz zu erheben schien. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, half ihm auf die Beine und führte ihn, bis er sich an einer anderen Stelle wieder auf den Boden gesetzt hatte. Dann kam sie wieder zu Carquac und Kiina herüber und erklärte ihnen: „Das ist Lagard, er war einmal ein guter Schwertkämpfer, doch jetzt ist er blind, normal hätte Erwatt ihn schon töten lassen, da er unnütz ist, aber Gadar sieht gerne das Leid anderer, doch folgt mir!“
Carquac blickte ein letztes Mal zu dem alten Mann hinüber und versuchte ihn sich angestrengt als Kämpfer vorzustellen, mit mäßigem Erfolg. Ein leises Scharren erregte wieder seine Aufmerksamkeit, Ildeko war zu dem Stein gegangen, an den sich Lagard immer lehnte und schob ihn mühelos beiseite.
„Kommt näher und schaut euch um“, forderte sie die beiden auf.
Als Carquac sah, dass sich hinter dem Stein ein Loch, ein Eingang zu einer kleinen Höhle, verbarg pfiff er vor Erstauen leise auf. Das Licht der Fackel auf dem Gang erhellte beinahe die ganze Kammer, welche übersäht war mit allen möglichen Waffen. Er sah Speere, Bögen und Pfeile, kleine Messer und lange Schwerter. Da lagen auch leere Wasserflaschen, Beutel und sogar ein paar Harnische.
„Na überrascht?“ Ildeko lächelte ihnen zu, „wir sind schon lange hier, es hat sich mit der Zeit angesammelt“ sie grinste spöttisch.
„Wo habt ihr das alles her“ fragte Kiina erstaunt.
„Einiges haben wir selber angefertigt, die Pfeile zum Beispiel haben wir aus alten Stützbalken gemacht, nun und den Rest, naja wir haben da so unsere Quellen“, wich Ildeko aus, „jedenfalls bin ich mir sicher das wir eines Tages damit schon etwas anfangen können. So nun kennt ihr Lagards Geheimnis.“
Sie drehte sich um und ging zu dem beiseite geschobenen Stein zurück, Carquac und Kiina wandten sich ab und tauschten erstaunte Blick untereinander. Ildeko wollte den Stein gerade wieder an seinen Platz schieben, als Kiina entsetzt aufschrie, ein Mann, gekleidet wie Gadars Sklaventreiber war vor dem Gitter erschienen. Er war nicht sehr groß, hatte schwarzes kurzen Haar und sein Gesicht war von mehreren Narben gekennzeichnet, finster betrachtete er das Treiben.
„Nein, nicht schreien, seid leise, er gehört zu uns“, zischte Ildeko und trat ganz nahe an das Gitter heran. Verblüfft verfolgten Carquac und Kiina das kurze Gespräch der beiden.
„Martok, wir hatten doch ausgemacht, dass du in nächster Zeit nicht kommen kannst, sonst schöpfen sie Verdacht und alles ist dahin.“ Ildekos Stimme zitterte, ob vor Wut oder aus Angst konnte Carquac nicht herausfinden.
„Jaja, ich weiß doch , aber hör mir zu! Heute Nacht haben Erwatts Männer sechs Leichen in einem der Tunnel gefunden, sie waren völlig zerfleischt, es muss ein schrecklicher Anblick gewesen sein, drei Wachen waren darunter. Ich habe gehört wie Gadar mit diesem Ishar sprach, er macht einen seiner Leute dafür verantwortlich und fordert dass sie das Lager spätestes in zwei Tagen verlassen.“ Er sprach so schnell das Carquac kaum hinterher kam, anscheinend hatte auch Ildeko Schwierigkeiten, mit beruhigenden Gesten hatte sie Martok deutlich gemacht er möge etwas langsamer sprechen.
„Aber man sagt noch mehr, dieser Ishar soll Drachen als Verbündete haben, auf Gadars Befehl hin ist man ihm und seinem Männern gefolgt, nicht sehr weit von hier ritten sie in eine Höhle, da sollen diese Ungetüme gelauert haben“ Martoks Stimme bebte vor Angst, er wandte den Kopf einem der Tunnel zu und warf einen gehetzten Blick hinein, Schritte ertönten in weiter Ferne.
„Ich will nur, dass ihr vorsichtig seid bis dieser Ishar weg ist, wenn es wirklich einer seiner Leute war, ist keiner sicher und dann diese Drachen, Ildeko bitte sei auf der Hut.“ Er wandte sich um und rannte in die Finsternis des Tunnels aus dem er gekommen war zurück.
„Ich spüre, dass uns etwas bevorsteht“, Ildeko drehte sich um und setzte sich. Aus dem anderen Gang konnte Carquac die Stimmen Erwatts Männer hören, die sie zur Arbeit bringen würden.
(Nele)