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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Der Schrei aus Stein

Ishar sah sich um und sprang mit einigen Sätzen vorwärts, um auf einen Buckel zu gelangen. Und während der Schnee weiter fiel, schlossen sich die Wolken und der Himmel graute.
Auf der kruden Erhebung überblickte er die Umgebung und suchte nach Anzeichen für die Anwesenheit von Fremdem. Aber dies was kein Land, wo Wesen, und seien sie noch so groß, leicht Spuren hinterließen. Und wenn, dann waren sie solcherart, dass nur mit den Steinen vertraute Bewohner der Umgebung sie hätten lesen können.
Doch der Waldläufer war noch nicht lange genug in den Hochebenen des äußersten Nordens, um auf Erinnerungen an das frühere Antlitz des Landes zurückgreifen zu können.
Da das Licht abnahm und weiße Lasten den Monolithen Decken umlegten, gedachte Ishar diese Gegend noch zu durchqueren, bevor die Nacht einsetzte, weil er an den Bergen noch besseren Schutz zu finden hoffte. Er sprach seinen Fährtensucher an: "Parraki! Was denkst du? Sollten wir für die Nacht lieber Schutz unter den Felsen hier suchen oder bis zum Gebirge durchmarschieren?"
Der Bärtige machte eine Bewegung mit dem Kopf, die sowohl Ja als auch Nein bedeuten mochte: "Überklettern wir die Nadeln, sind wir vielleicht doch nicht rechtzeitig am Rand des Tals bis die Schatten sich um uns legen. Die Entfernung täuscht. Ein Vogel mag so lange fliegen, wie ein Reiter zum Erreichen des großen Hangbruchs nördlich des Lagers bräuchte, bis er das Talende erreicht. Wir werden langsamer sein. Pachjulu kal tlamu."
Ishar war unzufrieden: "Ja, hier würden sich auch Gämsen verlaufen. Aber von hier kann ich noch einmal gut die Richtung bestimmen. Nur wenn es Nacht würde wäre es schlecht mitten im Felsgewirr zu sein. Wir sollten nun entweder am Rand der Erhebung hier rasten oder sofort aufbrechen, aber dann müssen wir ganz durchmarschieren."
Der Sarkajan schüttelte nun den Kopf: "Wir könnten immer noch rechtzeitig einen Platz zum Unterstellen und Lagern finden wenn wir die Durchquerung nicht mehr ganz schaffen. Wir sind noch stark genug ein gutes Stück Weg zurückzulegen."
Der Feldherr sah in die Ferne und sprang vom Buckel wieder herunter: "Es hat keinen Sinn ein Viertel des verbleibenden Weges zu schaffen - und wir werden nicht mehr schaffen, wenn ich die polternden Geröllberge und Schneewehen dort hinten, jenseits der Lücke in der Felssäulenreihe im Nordosten, richtig deute - um dann einen schlechteren Lagerplatz zu haben und in einer einzigen großen Wehe zugeschneit zu werden. Gut dass wir die Pferde mit dem Rest zurückgelassen haben. Wenn wir hier bleiben, verlieren wir auch nicht groß. Die Zeit drängt uns, aber die können wir heute nicht mehr rausholen."
Der Sarkajan blieb verhalten: "Wir sollten aber schneller sein. Die Männer sind noch nicht halb so viel gelaufen wie manche unserer Hunde, wenn wir sie die Schlitten mit den Jagdzelten ziehen lassen. Wir wissen nicht, wie lange wir in den Bergen bleiben werden. Vielleicht müssen wir lange bleiben? Weit wandern? Fährten verfolgen? Und... füttern? Jeder Tag der gerastet wird kostet Vorräte."
"Und wenn schon! Noch haben wir genug."
Der Anführer schüttelte den Kopf. "Nein, in diesem Schutt rasten wir nicht." In der Ferne hallte das schwache Echo von fallenden Steinen wieder. "Wir rasten hier zu Füßen der Insel, und graben uns wenigstens ordentlich ein. Dann können wir Morgen wieder in einem Zug durchmarschieren und die verdammte Gegend hinter uns lassen. Es kann auch sein, dass wir hier am ehesten das finden was wir suchen. Vielleicht kommt es von selbst zu uns. Nachdem es auch von selbst verschwunden ist."
Er wandte sich um und trat wütend einen Stein weg. "Na kommt schon! Wir schlagen hier am Rand dieser Erhebung schon unser Lager für die Nacht auf. Es macht heute keinen Sinn mehr weiterzugehen. Nehmt Eure leichten Zelte, wir steigen an der anderen Seite herab!"
So überquerten die vielen wilden Menschen, die sich in diesem Feldzug unter dem Heerbanner der roten Festung versammelt hatten, die Felsplatten und lärmten mit lauter Stimme beim Essen vor der Einteilung der Nachtwachen, bis Ishar es ihnen verbot. Er war nun langsam wütend, denn er merkte dass seine Leute anfingen Ohren in der Wildnis auf sich aufmerksam zu machen, ohne dass dies notwendig gewesen wäre. Die Luft hier trug weit.
Und wenn Ishar auch hoffte, dass sich die Ursache der Suche durch ein Zusammentreffen von selbst einstellen würde, glaubte er nicht wirklich daran. Hinweise durch seine Leute hätten die Gesuchten jedenfalls nicht nötig. Die Männer aus Carn Dum aber begannen, obwohl es noch immer schneite und es dunkler wurde, mit dem Würfelspiel. Da kein Feuer entzündet werden konnte, nahmen einige einen Schluck Branntwein aus Trinkflaschen zu sich. Er war ein gutes Mittel, um die Knochen zu wärmen, und Ishar hatte selbst eine Pulle davon mitgeführt.
Aber er nahm nicht am Würfelspiel und den Gesprächen der Anderen teil, sondern saß still und überlegend etwas abseits. Die Männer aus Carn Dum schoben sich Stücke von getrocknetem Speck und Brot in den Mund, und einige langbärtige Bergmenschen schienen gar nicht mehr mit dem Ansetzen des Branntweins aufhören zu wollen. Grölendes Lachen ertönte wieder, als einer sich die fettigen Finger in seinem Bart abwischte und seine Flasche zum Einsatz beim Spiel bot.
Währenddessen versuchte der Feldherr im Dämmerlicht noch etwas von den schon verbleichenden Strichzeichnungen auf der pergamentartigen Karte zu erkennen, die er Gadar im Lager abgenommen hatte. Der wollte sie ihm nur widerwillig überlassen und behauptete, die Angmarim in diesem Tal besäßen selber nicht viele davon. "Es ist mühsam dieses harte Land abzusuchen", hatte er gesagt, "und wir entfernen uns meist eher wenig vom Stützpunkt, falls wir nicht gerade jagen."
Als er ihn über eventuelle Höhlen oder große Schluchten und Bruchgruben in der Nähe befragen wollte, hatte der nur ärgerlich abgewehrt. Natürlich gäbe es in den nördlichen Bergen Angmars zweifellos auch Grotten und Tunnel, wahrscheinlich seien die Bergwerke für die Gefangenen sogar mit einigen von diesen über unentdeckte Gänge verbunden. Es sei schon vorgekommen, dass sich Männer von ihm in den labyrinthischen Gängen im Inneren verirrt hätten und erst gefunden wurden, als sie schon verhungert gewesen oder in der Dunkelheit halb wahnsinnig geworden seien. Aber wo genau sich solche Höhlen befänden, wisse keiner im Lager. Man suche nicht danach.
Es sei zu hart und zu gefährlich. Wenn man den Tag über vom Schnee geblendet werde, brauche man nicht noch als Gegensatz die Finsternis der Felslöcher.
Ishar hatte gedroht ihn seines Amtes zu entheben wenn, Gadar ihm nicht die schuldige Hilfe erweisen werden. Einen Moment lang hatte der Dunadan schon geglaubt, Gadar würde ihn anspringen, zumindest hatte der die Zähne gebleckt und mit verstecktem Hass angestarrt.
Doch - nach Ishars Ansicht bedauerlicherweise - hatte sich der Lagerkommandant rechtzeitig gefangen und ihm entschuldigend auf den wenigen Karten in seinen Räumen einige tiefe Schluchten im Nordosten des Tales gezeigt, die ins Gebirge hineinführten.
Als Ishar dann wieder für kurze Zeit aus dem Lager verschwand, hatte er ein bestimmtes Ziel, nämlich die nicht mit ins Lager genommenen Teile seines neuen Heeres.
Westlich des Lagers traf er auf sie, und schickte sie dann in den Nordosten, wo das Dunkel der Schluchten Schutz vor Wind und Stürmen bieten sollte. Mit dem völligen Verschwinden dieser besonderen Heeresteile hatte er aber nicht gerechnet. Und sie blieben verschwunden.
Als er in das Lager zurück gekommen war, tobte Gadar wie ein Tollwütiger. Die Angst vor Ishars höherem Rang schien ihn unklugerweise verlassen zu haben. Mehrere von Gadars Leuten waren tot in den Mienen aufgefunden worden, furchtbar zerfleischt, und dies war eindeutig nicht das Werk von ausgemergelten Sklaven.
Gadar gab Ishar mit seinen Männern die Schuld und wollte ihn zwingen das Lager nach Ablauf einer Frist zu verlassen. "Sehr töricht von dir, Gadar!" dachte Ishar. "Dein Name sollte besser Narr sein!"
Ishar hatte seine Leute zusammenrufen lassen und auf dem Hauptplatz des Lagers versammelt. Danach hatte er Gadar gezwungen zu ihm zu kommen und ihm mit gebogenen Knien Treue zu schwören. Vor allen Männern Gadars. Der musste zähneknirschend einwilligen, denn Ishars Krieger waren weit mehr und sehr viel kampfstärker als die Lagerbesatzung, und zudem noch sehr viel loyaler. Das Zeichen der roten Festung flößte Furcht ein, und Gadar hätte sich nicht auf alle seiner Kämpfer verlassen können, hätte er es auf die Kraftprobe mit Ishar ankommen lassen.
Das zweite Mal, als Ishar dann fort ritt, ließ er die Orks unter Arzedokh, ihrem Häuptling, und etliche Männer im Lager zurück. Falls Gadar irgendwelche Anzeichen von Verrat (wie der genau aussehen sollte, hatte er nicht beschrieben) zeigen sollte, hatten sie den Auftrag, ihm den Kopf abzuschneiden und zu denen, der von ihm geköpften Gefangenen, auf einen Spieß zu stecken. Ishar hielt nichts von umständlichen Verhandlungen. Wenn der Lagerkommandant dumm genug war ihn - und damit auch seinen Herrn – herauszufordern, würde er die Folgen tragen müssen. Niemand tat so etwas ungestraft in Angmar.
Rhaoul war auch im Lager zurückgeblieben. Ishar bedauerte das nun, seine besonderen Fähigkeiten hätte ihm hier nutzen können.
Auf der Karte war im Nordosten, jenseits des Monolithenfeldes, ein Gewirr von Schluchten eingezeichnet, große Canyons, durch deren Größten ein kleiner Fluss floss, um schließlich laut Karte noch weiter im Norden in einem eisigen See zu münden.
Unklar aber war, wie die Uruloki es bis dahin hätten schaffen sollen, obwohl der abtrünnige Dunadan immer weniger daran zweifelte, dass sie sich in diesem Gebiet aufhielten.
Dass sie ihre schweren Schuppenkörper über die angekanteten Felsnadeln dieser Ebene hätten schieben können, konnte er sich nicht denken, doch andererseits waren die Feuerschlangen unberechenbare Geschöpfe. Und Rhaoul hatte ihn gewarnt ihre Schnelligkeit und Beweglichkeit zu unterschätzen.
Vielleicht waren sie an den Talrändern entlang gestrichen, oder sie hatten durch gewaltige, unentdeckte Höhlensysteme dahin gefunden. Das wäre auch eine Erklärung für ihr plötzliches Verschwinden, denn sie hätten vorher an einem Treffpunkt sein sollen---
Plötzlich drang ein lautes Schreien an Ishars Ohr: "Gai! Thugrim! Betrügerischer Hurenbalg!"
Ishar sprang auf. Ein Handgemenge war entstanden, einer der Bergmenschen und ein flachshaariger Jüngerer mit Helm waren aufgesprungen und stierten sich drohend an. Der in den Pelzen einem Bären gleichende kräftige Mann aus den Ettenöden südlich von Angmar hob drohend die Faust: "Die Würfel sind schlecht, Strohkopf. Uns betrügt man nicht!"
"Hundsfott!" Der beleidigte Flachskopf griff bleich vor Wut nach dem Messer im Gürtel.
"Genug!" Die Angerufenen schraken sofort bei Ishars Erscheinen zusammen. "Thurgaub, steck das Messer weg!" Der Feldherr sprach leise aber sehr schneidend. "Zeigt mir die Würfel."
Man reichte sie ihm. Die Würfel waren, wie er erfühlte, völlig normal, aus Tierknochen geschnitzt und bemalt. Ishar spuckte aus. Er drückte auf alle Seiten, aber da war keine Metallschicht zur Beschwerung unter dem Knochen angebracht, und es gab auch keine Verdickungen "Was dich betrifft.." wandte er sich an den Hügelmenschen - und schlug ihm dann ohne Vorwarnung mit der Faust ins Gesicht, dass diesem Blut aus der Nase quoll. Dem jüngeren traf er sofort danach mit dem Ellenbogen hart an der Wange als er wieder herum schnellte. "Das ist für das Ziehen des Messers."
Ishar spuckte noch einmal aus. "Ihr wisst, dass ich keinen Streit unter meinen Männern dulde, nicht im Frieden und nicht auf einem Feldzug, da am allerwenigsten. Ich dulde ihn nicht! Und deshalb wird es ihn auch nicht geben. Bei mir seid ihr Krieger der roten Festung, meine Krieger, unter meinem Banner und dem Carn Dums! Wer von euch den Streit seiner Sippen in unsere Reihen trägt, wird die Folgen zu spüren bekommen. Und nun sammelt eure Knochen wieder ein und geht Schlafen! Wir haben morgen noch einen harten Marsch vor uns!"
Ishar beschloss die erste Wache für die Nacht zu übernehmen, er wollte sich ohnehin noch einige Sache durch den Kopf gehen lassen. Parraki leistete ihm Gesellschaft. Auf die anderen drei Paare fiel ein durch die Würfel bestimmtes Los, einander nach jeweils zwei Stunden wieder abzulösen.
Die Krieger begannen ihre in den Schnee gegrabenen Schlafstellen, von einer zeltartigen Plane aus Leder auf einigen leichten Stäben gegen das Wetter im Windschatten der Felswand und unter vorhängenden Steinsäulen einigermaßen geschützt, aufzusuchen und sich in ihre Felldecken einzurollen.
Die Geräusche erstarben allmählich, und schließlich war nur noch gleichmäßiges Atmen zu hören.
Weiterhin fiel Schnee, und so hockten sich Parraki und Ishar auf eine der sich ineinander schichtend am Plateau hochlaufenden Felsstufen. Der Sarkajan sagte nichts und kratzte sich nur hin und wieder. "Vielleicht versucht er ja Läuse zur Aufbesserung des Speiseplan zu fangen", dachte der Feldherr schadenfroh grinsend. Aber Parraki schien seinen Blick zu bemerken und richtig zu deuten, daher hörte er auf und warf ihm einen versteckten Blick zu.
Ishar lehnte sich zurück und lag auf einer ausgebreiteten Decke auf dem darunter nackten Fels. Stein konnte, wenn die Kälte erst richtig in ihn eingezogen war, dem Körper noch sehr viel mehr Wärme rauben als der Schnee in den man sich legte. Trotzdem wollte Ishar wenigstens kurz die Glieder recken können. Es hatte sich als richtig herausgestellt nichts schwereres als die Schuppenrüstung und den Helm anzulegen. Der Sarkajan dagegen trug zwar wie sein Anführer noch Armschienen, hatte aber auf Beinschützer verzichtet und stattdessen eine Art vor den Körper geschnallten eisernen Rundschild als Schutz angelegt, der auf dem Rücken durch einen ebensolchen ergänzt wurde. Beide waren aber zum Großteil von dicken Pelzen und einem Umhang aus Bärenfell überdeckt, auf dem Kopf trug der Sarkajan unter der Fellmütze eine Metallkappe, um die Schultern hing ein graues Wolfsfell und spitze Metalldorne ragten aus einem breiten, schräg über den Oberkörper verlaufendes gürtelartigen Waffengehänge heraus, das an den Schultern wieder an Metallplatten befestigt war.
Ishar musste daran denken wie Parraki all das mit Fellen verhüllt und mit Ruß eingeschmiert hatte, damit es nicht bei heller Sonne blinke. Schilde hatten sie beide nicht, die waren bei den Pferden zurückgeblieben. Er leckte sich das verbliebene Fett vom Essen von seinem Handrücken und zog seinen Wintermantel noch enger um sich, die Kapuze war schon den ganzen Tag aufgeschlagen gewesen.
Ob diese Steine alle einst von gewaltigen Wasserfluten in das Becken geschwemmt worden waren? Vielleicht ein Fluss, der sich einst die tiefen Senken zwischen den Bergen gesucht hatte und schließlich nach einem Felssturz seinen Lauf änderte... oder das Wetter war einfach härter geworden und Lawinen von den Bergen hatten Kieseln gleich ganze Massive vor sich hergeschoben.
Die alten Zaubersänger der gelbhäutigen Ureinwohner des hohen Nordens erzählten, bevor sie in dieses Land einwanderten, hätten gewaltige Unwetter getobt und Stürme aus Feuer die Berge des ganzen Nordens zerschmettert. Durch die großen Windböen und Schneemassen, die damals wie Sandkörner durch die Luft fegten und durch das Eis, das wie Regen vom Himmel fiel, seien sie aus ihrer alten Heimat jenseits des Nordwindes in die öden Steppen und kalten Gletscher gekommen. Sie hätten breite doch seichte Wasserflächen, die ihren Weg säumten, durchwatet, und zerbrechende Berge weit im Südwesten überquert. Schließlich gelangten sie entlang des Meerufers an die eisigen Küsten und in die großen Tundren von Forodwaith. Dort hätten sie, die von aus dem Hinterhalt angreifenden Gegnern immer wieder in den Wäldern überfallen worden seien, alte Verwandte ihres Volkes angetroffen, sich teilweise mit ihnen vermischt und sie teilweise bekämpft. Die größten Krieger der Sarkajan, denn sie waren ein hartes Volk, hätten sich zu Häuptlingen der Eismenschen gemacht und viele der Einwanderer weiter in den Osten geführt. Die Besten und Stärksten, die die großen Rentiere und die gehörnten Ochsen jagten, seien in das rote Tal gezogen, und hätten es zu ihrer Heimat gemacht.
Dort wäre der Boden, in einem von Nord nach Süd verlaufenden Streifen zwischen den das Tal begrenzenden Bergzungen, besser gewesen. Die zurückgebliebenen Stämme der großen Tundren und der kalten Wasser im ferneren Westen seien zu den Schneemenschen, den Lossoth geworden. Die Einwohner des roten Tals aber, dem Carn Dum seinen Namen verdankte, seien die Sarkajan geworden.
Hier begannen sie die Ochsen und Wisente, die Rentiere und Wildgänse zusammenzutreiben und von den Sommerweiden auf die Winterweiden im Süden, nahe der Ettenöden zu führen. Hier begannen sie, mit den Zwergen um das Recht auf das rote Erz in den Bergen zu kämpfen, und schließlich, nachdem die Grenzen abgesteckt worden waren, mit ihnen Handel zu treiben.
So wurden die Nomadenstämme, die sie ihrer Legende zufolge immer gewesen waren, wieder zahlreich und stark, auch wenn die wilden Wölfe und die harten Winter ihrer Heimat ihnen nie ein leichtes Leben gewährte. Ihre Schamanen, die sie Zaubersänger nannten, begannen als Hexer, Richter und Heiler ihr Leben zu bestimmen, wenn sie aus den Eingeweiden der Tiere und den Wolken des Himmels die Zukunft voraussagten. Sie hatten als Bewahrer der Traditionen die alten Geschichten überliefert.
Und Ishar sah keinen Grund ihnen hierin nicht zu glauben. Denn soviel war sicher, die Söhne Ulwainas, den sie ihren Stammvater nannten, waren anders als die Hügelmenschen Rhudaurs oder die Menschen in den Bergtälern des Nebelgebirges. Bevor der Hexenkönig in den Norden gekommen war, hatten sie immer wieder Plünderzüge in den Süden unternommen und mit den Bergmenschen um das düstere Gebiet in den Ettenöden gekämpft. Doch lediglich die bei Nacht aus den Höhlen hervorbrechenden riesenhaften Trolle jener Höhen hatten einen Beuteanteil dabei gemacht, denn wenn sie das Menschenfleisch der Gefallenen und Überlebenden der Kämpfe in den Wäldern fraßen, hörte man zuweilen ihr tiefes Röhren und Grunzen durch die schwarzen Tannen.
Als die Dunedain dann, Ishar erinnerte sich noch an die Erzählungen von der Errichtung Arnors in den Lehrstunden seiner Jugend, die Sippen von Rhudaur unterwarfen und die merkwürdigen Nomaden in den Norden zurücktrieben, waren den Sarkajan endgültig einige ihrer besten Winterweiden genommen.
Nun konnten sie auch weniger von den Zwergen eintauschen, und mussten selbst in den schroffen Felsen nach den Erzen und dem roten Kupfer graben.
Manch harter Winter folgte, in dem die Zahl der Sarkajan sich verminderte. Doch sie waren ein zähes Volk, und richteten, von den Schamanen geführt, ihre Verhältnisse. Schließlich aber, und niemand konnte sagen wann genau es begann, fing eine merkwürdige Erzählung an unter den Zaubersängern umzugehen, Geschichten über einen Gesandten der kommen sollte, einen von den Geistern der Erde geschickten König.
So war es Ishar berichtet worden. Er nahm sich vor, eines Tages Rhaoul danach zu befragen. Aber andererseits, vielleicht wollte der Hexer, wie schon so oft, nicht darüber mit ihm sprechen?
Vielleicht war es auch verboten über die Entstehung der Kaste der Kriegspriester und Hexer des Eisenreiches zu erzählen. Und vielleicht stammte Rhaoul auch ursprünglich gar nicht aus diesem Land?
Ishar sah sich um. Es schneite immer noch. Es machte wirklich mehr Sinn bei Tageslicht weiterzugehen. Mitten in den Felsen zu übernachten wäre sicher schlechter gewesen als dieser Ort.
Der Krieger reckte sich und sprang auf. Er wollte sich noch etwas die Beine vertreten.
"Ich gehe ein wenig herum, Parraki." Der Fährtensucher nickte.
Mit langen Sätzen begann er die Stufen am Felsen hochzuspringen. Hin und wieder musste er sich festhalten oder auf seinen Speer stützen, der ihm als umgedrehter Wanderstab hier gute Dienste leistete. In den Bergen hatte er solche Hilfsmittel schon öfter benutzt, meistens kam man vorsichtig auf Dauer ohnehin schneller voran, da man keine Wagnisse und ihre Folgen zu verschmerzen hatte.
Oben angekommen folgte er dem Rand und versuchte die Umgebung zu überblicken. Aber nun war der Schnee der vom Himmel fiel wie eine Wand. Große Flocken webten einen Vorhang, und hinter dem Vorhang endete die Welt. Da schloss er die Augen und begann nur noch zu lauschen. Und während er lauschte ging er Schritt für Schritt weiter voran, aus dem Gedächtnis und dem Instinkt heraus folgte er dem großen Bogen, und hörte das knirschende Geräusch, das seine Stiefel im Schnee machten, als sie durch eine dichte Decke stapften. Knirschen und wieder Knirschen. Tiefer Atem in der kalten Luft. Knirschen und Atmen. Kirschen und schwere Schritte, die auch der Schnee nicht mehr zu dämpfen vermochte. Ishar riss die Augen auf.
Jenseits des Meeres aus weißem Flockenfall tauchte ein gewaltiger gebeugte Schatten auf, der sich auf allen Vieren parallel zu Ishars Gehrichtung zu bewegen schien. Ein gewaltiger Schritt folgte dem nächsten, ein unüberhörbarer Aufstampfer dem anderen. Ishar ging einige Wimpernschläge einfach nur weiter und der Schatten folgte ihm darin.
Schritt um Schritt, Augenblick um Augenblick. Dann ruckte der bizarr geformte Kopf des Schatten plötzlich herum, herum zu Ishar. Und er brüllte. Ein dunkler Schrei röhrte zornig und gierig aus den Tiefen herauf und traf mit Wucht.
Ishar sprang mit einem Satz zurück, und im selben Moment rissen die Wolken etwas auf und ein voller Mond war am Himmel zu sehen, der durch die Spalte mit einem hellen Lichtschein das Plateau beleuchtete.
Weiß war die Welt, und dunkel ein Schatten, dessen bläulichgraue Haut sich nun endgültig hinter dem Schnee abzeichnete, geschuppt und Horn bewehrt, als er sich jenseits des Schleiers zu voller Größe aufrichtete. Er wuchs und wuchs und dabei brüllte er, brüllte bis die Luft zu zittern schien. Und dann kam er heran. Aus dem Schneetreiben brach er, blau-grau geschuppt, groß und hungrig, Stachel bewehrt und sich vom Boden geradezu wegstoßend. Der Krieger und Waldläufer aber sprang zur Seite, und rannte den Riesen von der Schräge an, und im Laufen nahm der seinen Langspeer, hob ihn hoch über den Kopf und schleuderte ihn mit beiden Armen, so dass er in der Luft große Wucht entwickelte. So sprang Ishar dem Speer hinterher, und als der Speer das Schulterblatt des an die drei Schritt hohen Schreckens durchbohrte, hatte Ishar auch schon das Langschwert gezogen. Aber der Schneetroll war kalt und stark, er hatte lange einem Steine oder Eisklotz gleich auf den Spitzen von einigen Felstoren gestanden und gewartet, und nun brüllte er auf und stieg aus dem Dunkel.
Ishars Speer zog er in einer einzigen Bewegung heraus und schleuderte ihn fort, ohne dabei innezuhalten. In großen Schritten bei denen er mit den klauenartigen Händen teilweise auf allen Vieren laufend nach vorne griff, wuchtete er sich auf Ishar zu und schob das maskenhafte grau-geschuppte Gesicht mit der platten Schnauze und dem Reißzähne bewehrten Maul nach vorn. Ishar änderte seine Laufrichtung, statt auf den Gegner zu zuhalten, versuchte er ihm nun erneut auszuweichen und zu umrunden. Aber die Steinernen können wie Bären sein, die lange tölpelhaft - harmlos nach dem Honig in der Baumhöhle langen, aber gereizt oder gar verwundet, schnell und unaufhaltsam sind. Ishar wusste, dass er sich keinesfalls in einem direkten Angriff überrennen lassen durfte, denn schon ein zufälliger Hieb oder Tritt des Giganten mochte ihn zerquetschen. Der Eistroll stoppte, und zischte, und dann drehte er sich um die eigene Achse, während Ishar ihn weiter laufend umrundete und auf eine Gelegenheit hoffte. Doch diese Trollart war gewandter als alle, denen er bislang begegnet war. Der Eistroll drehte sich, richtete sich auf und griff mit den Händen wieder zu Boden, dann spannte er sich und Ishars Nackenhaare stellten sich auf vor Anspannung. Dann stieß sich der Troll vom Boden ab und in drei gewaltigen Sätzen überbrückte er den Abstand zwischen ihnen in wenigen Sekunden. Mit beiden Händen führte er einen wuchtigen Schlag von oben nach unten gegen den Dunadan, und dessen linker Arm, der beim Zurückweichen in einer Schutzreaktion reflexartig nach vorne gezuckt war, wurde gestreift. Die Fingerklauen des Eisriesen schrammten kreischend über das Metall der Armschiene, der pure Gewalt des Hiebes schmetterte den Arm in eine bizarr verdrehte Lage um das eigene Schultergelenk Ishars, und ein stechender Schmerz durchzuckte diesen. Er sprang taumelnd noch einmal zurück und warf sich dann mit einem gerade geführten Hieb nach vorne. Halb stechend und halb schneidend rammte er sein Langschwert geradewegs in die bereits vom Speere gerissene Schulterwunde hinein, und diesmal war das Aufbrüllen des Trolles furchtbar. Der Geschuppte warf den echsenartigen Schädel zurück und seine Augen leuchteten in einem kalten Blau auf, wie Feuer, das sich manchmal zu Kugeln zusammen ballte, wenn Blitze über den Himmel zuckten. Ishars Schwert war nur halb eingedrungen, und die in die Schneide eingearbeiteten Runen begannen merkwürdig zu glänzen. Ihm blieb nur ein winziger Augenblick Zeit um den Kampf zu seinen Gunsten zu entscheiden. Doch der Körper des Trolles war massiv und zäh, und das Fleisch im Inneren knirschte wie Eis. Das hasserfüllten Atem hervorstoßende Wesen ruckte nach oben und Ishar führte das Schwert nur mit einer Hand. Er spürte wie die Klinge ihm entrissen zu werden drohte, und, obwohl seine linke Schulter knackte und sein Arm schmerzte, umklammerte er den langen Schwertgriff nun mit beiden Händen und drehte ihn in Wimpernschlägen knirschend in der Wunde herum, als er bereits halb in der Luft hängend vom Troll mitgezogen und vorwärts geschleift wurde.
Die Wunde riss durch das Zurückreißen weiter nach unten zu einem Schnitt in Richtung der Schwertschneide auf. Eine große Hand griff nach Ishars Körper und riss ihn los vom Schwert, dicke Finger gruben sich quetschend in seine leichte Rüstung und prüften die quietschenden und sich biegenden Schulterverstärkungen. Seine Pelze halfen ihm gar nichts, eisige Muskelstränge drückten den Stahl der Stollen. Obwohl ihm Schwarz vor Augen zu werden begann und der Druck auf seine Brust zunahm und sein Atem keuchend aus ihm herausströmte, ohne neue Luft hineinzuführen, griff er nach einem Wildmesser in seinem Gürtel. Das Maul des Trolls raste mit dem breiten Kopf heran und schmutzig-graue Zähne waren zu sehen. Frostiger Odem schmerzte auf Ishars Wangen, als der weiß-dunkle Schlund sich über seinen Kopf stülpen wollte. Die gezackte Klinge des Messers war in einem weiten Bogen von rechts nach links herangefahren, und als das kantige Maul in Ishars bereits verschleiertem Blick größer wurde, fuhr das fast blind geführte Messer geradewegs in Augenhöhe über die tückischen Lichter. Der Griff um Ishar lockerte sich, dann wurde er auf einmal pressend fest, so das das Metall knirschte und brach, und Ishar in einem Aufbäumen vor Schmerz und Überraschung weit fortgeschleudert wurde. Er flog über seinen Gegner herüber, ruderte mit den Armen hilflos in der Luft und kam dann auf dem schneebedeckten Felsen auf, überschlug sich und blieb liegen.
Wie aus weiter Ferne hörte er ein Toben und dunkle Geräusche, doch er konnte nicht wieder aufstehen, sein linker Arm versagte ihm den Dienst und sein Kopf dröhnte. Doch der Helm hatte ihm das Leben gerettet, und wenn sein Blick auch noch getrübt war, bekam er doch wieder hustend Luft.
Halb zerschlagen und mit zerbrochenem Panzer, saugte er Flocken und Kälte ein, wälzte das Gesichte im Schnee und suchte die Herrschaft über seinen Körper wiederzuerlangen.
Mehr rollend als kniend wälzte er sich herum, und taumelnd zwang er sich, nachdem er mehrmals zuvor einknickte, schließlich auf die Beine.
Es schneite nun etwas weniger, denn wohl ein Dutzend Schritte von ihm entfernt, konnte er den Troll erkennen. Trotz tanzender Lichtflecken im Inneren. Wankend und röhrend irrte er mit ausgebreiteten Armen umher, sich hin und wieder vorbeugend, auf den Boden aufstützend und schnüffelnd. Doch im Schnee ließen sich wenig Duftspuren ausmachen, nur Fußspuren und Ishar wusste, egal wie schlecht es ihm auch gehen mochte, der Troll war nun übler dran.
Taumelnd begann der Krieger das Plateau zu durchschreiten, halb rennend und halb wankend zielte er auf den Speer, der abgebrochen aber mit heiler Spitze vom Troll weggeschleudert immer noch in etlichen Manneslängen Entfernung am Rande des Plateaus lag. Ishar keuchte, und plötzlich hielt der von ihm abgewandte Troll inne. Stand einfach nur reglos, wie eingefroren, während das blasse Mondlicht den Schnee und die von der Spalte im Himmel herab regnenden Flocken versilberte.
Dann röhrte das Eiswesen wütend, und der Troll drehte sich und stampfte wuchtig und mit erhobenem Körper und ausgebreiteten Armen, die suchend kreisten, geradewegs in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Und ob das hintere der vom Streich getroffenen Augen etwas verschonter geblieben war als das andere oder nicht, er wurde schneller und schneller und sah Ishar nun geradewegs an. Der Dunadan bemerkte die Gefahr, blickte sich wild um und beschleunigte seine wankenden Bewegung Richtung des abgebrochenen Speers. Wie in einem Dreieck, dessen Kanten von einer Speerspitze gebildet wurden, suchten die beiden Gegner an den Schneiden entlanglaufenden Tropfen gleich denselben Punkt.
Doch dann machte der Troll einen Fehler. Schnüffelnd und schnaubend änderte er seine Richtung, und suchte der Beute den Weg abzuschneiden, indem er sie geradewegs zum Abhang zu treiben gedachte. Das, was im Schnee lag und worauf der Dunadan zielte, schien er nicht gesehen zu haben. Da spannte Ishar die schmerzenden Muskeln an und in der kalten Luft klärte sich sein Kopf wieder. Laufend gelang es ihm den pendelnden Armen des nahenden Troll zu entgehen und die Waffe zu erreichen. Der Überlaufene drehte sich wieder in Richtung des Gegners, doch Ishar war nun wieder klarer im Schädel und brachte, immer in Bewegung bleibend, wieder etwas Abstand zwischen sich und dem Gegner. Der versuchte, halb blind, mit Ausfällen in dessen vermutete Richtung und kurzem Innehalten zum Hören und Riechen der Beute, diese aufzuschrecken und zur Strecke zu bringen. Ishar erkannte, was der Eisklotz vorhatte, und fing an wie über unberührte Blätter lautlos über den Schnee gleitend, knapp über dem Boden wie auf Eis mit langen aber flachen Schritten, dem Troll auszuweichen. Wieder hielt dieser inne, und lauschte. Ishar blieb ebenfalls sofort reglos stehen und unterdrückte das Atmen.
Die ledrig breiten aber an spitzen Kanten hornartig zulaufenden Ohren des Troll schienen sich etwas zu drehen, und er neigte den Kopf schräg von einer auf die andere Seite.
Der Atem des Großen ging schwer, obwohl auch er sich immer wieder bemühte ihn zu unterdrücken um besser lauschen zu können. In der kalten Luft wirbelte sein frostiger Hauch die Schneeflocken fort, und seine grau-bläuliche, weiße und hornbesetzte Gestalt schwankte von einer auf die andere Seite, als wüsste sie nicht wohin sie ihr großes Gewicht nun verlagern sollte.
Da erst bemerkte Ishar, dass sein Schwert immer noch in der Schulter des Troll steckte, wohl war daran gerissen worden, doch die gebogene Spitze hatte selbst diesem Monster wohl zu große Schmerzen zugefügt als dass es sie hätte herausziehen können. Wie ein Widerhaken stak sie im Fleisch, und nur der Griff und ein kurzes Klingenstück ragte aus dem Ungeheuer heraus.
Ishar schoss der Gedanke durch den Kopf um Hilfe zu schreien, laufend traute er sich zu, den Rand des Plateaus klar vor dem Troll zu erreichen, und an den Felsstufen und Vorsprüngen könnte er ihm leicht entkommen. Zumindest bis seine Leute heran waren. Aber dazu müssten sie ihn auch hören -
Wie weit würde ein lauter Ruf durch das Schneetreiben dringen? Wie lang war die Strecke, die er rennen musste um in Rufweite zu kommen?
Und wenn dem Ungeheuer wieder so ein gewaltiger Satz gelang wie schon einmal? Vielleicht war es besser abzuwarten, und regungslos zu verharren. Irgendwann musste doch Parraki sein Fortbleiben auffallen. Warum eigentlich hatte der sonst so spitzohrige Jäger noch nicht die Kampfgeräusche hier droben gehört?
Er musste doch längst wissen, was hier vor sich ging! Wenn der Schnee auch dicht fiel und Ishar sich ein langes Stück vom aufgeschlagenen Lager entfernt hatte... es konnten doch nur an die hundert Schritt sein, die ihn von den anderen direkt zu Füßen dieser Felsinsel lagernden Angmarim und dem wachenden Parraki trennten.
Wind blies immer noch keiner... da begann Ishar etwas zu hören, was ihn zusammen zucken ließ. Leise, und doch unhörbar drang entferntes Knurren zu ihm, und unverkennbar vernahm er das nur allzu vertraute Geräusch von brechendem Stahl, von aufgeregt rufenden Männerstimmen und Geschrei.
Und ob nun sein Gegenüber den Klang ebenfalls vernommen und missdeutet hatte, er stürzte vor, dicht an Ishar vorbei, der sich einfach unter den greifenden Klauen bewehrten Mühlenflügeln, die sich da nahten, hinweg duckte und unten blieb. Und als das Biest, den Kopf wild hin und her schleudernd, wieder nach seinem Gegner suchte, schleuderte der Krieger ihm den immer noch handbaren Speerschaft mit der abgesplitterten Stange seitlich in den Hals. Und als der blaugrau Geschuppte gurgelnd herumfuhr, brachte sich Ishar mit einem gedankenschnell entschiedenem Vorstoß in marderartigem Vorpreschen dem Boden entlang in Reichweite des Schwertgriffes, und der Troll brachte den Schwertgriff in seine Reichweite als er sich ein letztes Mal bemühte den Gegner beim Herunterbeugen zu ergreifen.
Der schwerfälligen Bewegung nicht achtend, und nur in der Lage eine Hand zu benutzen, umklammerte er reißend den Schwertgriff, stieß sich mit den Füssen vom Boden ab, setzte sie dem Troll auf den stachelbewehrten Unterleib und presste sie mit aller Gewalt gegen den steinharten Widerstand. Und reißend und sich mit aller Gewalt abstoßend, mit einem an brechendes Eis gemahnendem Geräusch, löste sich die Schwertklinge aus dem Trollkörper, fuhr heraus, und brachte bläuliche Eingeweide, splitterndes Eis und kaltes milchiges Wasser zum Hervorsprudeln. Ishar stürzte mit dem Rücken auf den Boden, und der vorgebeugte Gigant stürzte im endgültigen Todeskampf über ihn.
Das einzige was Ishar noch gelang, war sich zusammzurollen, wie ein Welpe zusammengekugelt und den Kopf in den Händen bergend, den Rücken nach oben gerichtet.
Dann traf ihn das volle Gewicht wie auf ihn einstürzender Fels und begrub ihn.
Langsam nur, sehr langsam, konnte der große Dunadan sich, von blauem Gekröse und Eis bedeckt, mit schmerzendem Rücken unter dem Berg hervor arbeiten, von der Wucht des Aufpralls schon wieder leicht benommen.
Und so ging er langsam, Schritt für Schritt, sein glänzendes Schwert mit der Spitze über den Boden am Griff hinter sich herschleifend, schwer atmend und erschöpft, über Fels und Schnee in Richtung der Stufen aus denen er gekommen war.
Und während er weiter über den Schnee ging, langsam, und das Schwert hinter sich herschliff ohne sich noch einmal umzublicken, wurden die Kampfgeräusche wieder lauter in seinen Ohren, und je näher er kam, desto besser hörte er den Aufschrei der Sterbenden und das Brüllen, das er nun kannte, und als er es geschafft hatte den Plateaurand zu erreichen war da einen Moment lang Stille, und dann nur noch aufgeregtes Rufen.
(Holger)